Vielen Dank an Markus Jehle,
Tanja Bethke und Daniela Hochstein.

Vielen Dank an meine Leser für das Vertrauen,
welches sie mir gegeben haben.

Sonja Bethke-Jehle wurde am 07.11.1984 im Odenwald geboren. In Mannheim studierte sie Wirtschaftsinformatik. Heute lebt sie in der Bergstraße. Das Lesen und Schreiben ist bereits seit ihrer Kindheit eine große Leidenschaft von ihr. Die Umdrehungen-Trilogie ist ihre erste Roman-Reihe. Am liebsten schreibt sie über Menschen, die Grenzen überwinden, für Barrierefreiheit kämpfen oder eine große Herausforderung bestehen müssen. Wenn sie nicht gerade am Schreiben ist, hilft sie ehrenamtlich in einer Bücherei bei der Ausleihe oder versucht ihre Bücher an die Frau (oder manchmal an den Mann) zu bringen, was ihr deutlich schwerer fällt als das Schreiben.

Oder aber sie liest …

Weitere Informationen zu der Autorin finden Sie im Internet unter www.sonja-bethke-jehle.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2016 Name des Autors/Rechteinhabers

Sonja Bethke-Jehle

Illustration: Markus Jehle und Sonja Bethke-Jehle

Korrektorat / Lektorat: Daniela Hochstein, Tanja Bethke und Markus Jehle

3. Auflage (2018)

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783741217111

Inhaltsverzeichnis

Das Leben steht still

Der erste Teil der Umdrehungen – Reihe ‚Das Leben steht still‘ ist untenstehend kurz zusammengefasst. Zum besseren Verständnis sollte das Buch vorher gelesen werden. Es ist überall im Handel erhältlich.

Ben ist ein junger Polizist, der durch den Unfalltod seiner Eltern in der Kindheit schon sehr früh lernen musste, wie hart das Schicksal zuschlagen kann. In seiner Jugend hatte er es nicht leicht, weil er sich mit Rassismus und Vorurteilen auseinandersetzen musste. Trotz allem entwickelte er sich zu einem optimistischen und lebensfrohen Mann, der gerne mit seinen Kumpels Motorrad fährt und im Winter regelmäßig snowboarden geht.

Seine neue Freundin ist sowohl äußerlich als auch charakterlich das genaue Gegenteil von ihm. Ihre reichen Eltern haben nicht nur die meisten Kämpfe für sie ausgetragen, sondern finanzieren ihrer Tochter auch beliebig viele Semester, da Zita ziellos durchs Leben zieht und mehrere Studiengänge abbricht.

Doch das frisch verliebte Paar darf nur wenige Wochen der Unbeschwertheit erleben. Das Schicksal zwingt sie von heute auf morgen dazu, sich neu zu orientieren. Ein Unfall stellt sie auf eine harte Probe, als Ben schwer verletzt und mit einem Leben im Rollstuhl konfrontiert wird. Bei der Aussicht darauf, sich mit einer bleibenden Behinderung arrangieren zu müssen, reagiert er überfordert. Er zweifelt, ob Zita diese Herausforderung mit ihm bestehen und die Beziehung dieser Belastung standhalten kann. Zu seiner Überraschung verspricht Zita, bei ihm zu bleiben.

Allerdings muss Zita schnell erkennen, dass Ben durch die Verletzung sehr verändert ist und fast daran verzweifelt, nicht mehr laufen zu können. Es fällt ihr schwer, ihn wieder aufzubauen, und sie kommt sehr oft an ihre Grenzen. Ihr Studium leidet darunter, und sie vernachlässigt ihre Freundschaften. Beim Surfen im Internet erfährt sie von einer Möglichkeit, wie Ben wieder Autofahren könnte und organisiert für ihn einen Fahrlehrer. Das scheint der Wendepunkt zu sein, denn Ben schöpft neuen Mut.

Eine Verbesserung seiner Situation wird Ben schließlich von Ärzten einer Spezialklinik in der Schweiz in Aussicht gestellt. Eine Heilung ist zwar weiterhin ausgeschlossen, doch die Ärzte stellen in Aussicht, dass es ihm nach der Behandlung besser gehen könnte. Während er noch überlegt, ob er es auf einen Versuch ankommen lassen und er sich operieren lassen möchte, spürt er, wie Zita ihm immer mehr entgleitet. Schon bald befürchtet er, dass Zita dem Druck nicht mehr standhält. Allerdings kann Zita ihn davon überzeugen, dass ihr die Pause sogar gut tun könnte. Somit reist er zusammen mit ihr in die Schweiz und lässt sich erneut operieren. Leider müssen die Ärzte kurz darauf feststellen, dass sich kaum etwas geändert hat, und Zita gesteht ihm, dass sie ihr Studium abbrechen möchte. Stattdessen strebt sie eine Berufsausbildung in der Pflege an.

Helena

Ein kühler Wind jagte über ihr Gesicht, eine willkommene Abkühlung in der sommerlichen Temperatur. Es war warm genug, um Luna auf den Wattboden setzen zu können. Lächelnd ging Helena in die Hocke und betrachtete ihre Tochter, die mit den Füßen ein Wasserloch untersuchte. Ihre Windel wurde natürlich schmutzig, doch das war kein Problem. Schon bald würden sie zurück in die Ferienwohnung gehen, die direkt hinter dem Deich lag, und Luna neu wickeln.

Es war ihr erster Urlaub zu dritt. Weil Luna noch klein war, hatten Roland und sie sich die Nordsee ausgesucht. So hatten sie nicht so weit fahren müssen. Augenblicklich war Luna zu jung, um die Faszination des Wattenmeeres und das Wunder der Ebbe und Flut zu verstehen, aber es machte ihr Spaß im Watt zu sitzen und in dem durch die Sonne gewärmten Wasser zu planschen.

Wo war Roland?

Helena sah sich stirnrunzelnd um und bemerkte, dass ihr Ehemann einige Meter von ihnen entfernt stand und regungslos zum Horizont starrte.

»Roland?« Helena nahm Luna auf den Arm, die protestierte, in dem sie den Rücken nach hinten beugte. »Hey, Schatz?«

Ihr Partner reagierte nicht, sondern starrte weiterhin zum Horizont. Seine Körperhaltung wirkte verkrampft. Eilig ging Helena weiter und runzelte die Stirn. »Roland, was ist los?«

So als hätte er nicht gehört, dass sie ihn gerufen hatte, zuckte Roland zusammen und wandte sich um. »Willst du in die Wohnung?«

»Was ist los?« Helena legte ihre Hand auf seinen Arm und schüttelte den Kopf, um anzudeuten, dass sie sich keinen Reim aus seinem Verhalten machen konnte. Luna wollte wieder auf den Boden und wehrte sich, weswegen sie etwas Dreck von ihren Füßen auf den Oberkörper ihres Vaters spritzte. Doch auch darauf reagierte Roland nicht. Helena streichelte über Lunas Kopf, was die Kleine beruhigte und seufzte leise. »Du bist so seltsam still. Ist bei dir alles in Ordnung?«

»Ja.« Roland nickte abwesend und schob seine Hände in die Hosentasche.

»Also? Was ist los?« Helena stellte sich so vor Roland, dass er sie direkt ansehen musste.

»Dieser Wattboden …« Mit seinen nackten Fußzehen schob Roland Schlick zu ihrer Zehe.

»Ja, und?« Verständnislos starrte Helena zum Boden, dann keimte plötzlich ein Verdacht in ihr auf. Sie konnte nur mit Mühe verhindern, ihre Augen zu verdrehen. «Du denkst doch nicht schon wieder an Benny?«

Als Antwort erhielt sie lediglich ein Schulterzucken.

»Roland … Benny hatte nie Interesse an einer Wattwanderung.« Helena versuchte ruhig zu bleiben, auch wenn es ihr schwerfiel. Seit Benny im Rollstuhl saß, machte Roland sich enorme Gedanken. Direkt nach dieser Sache vor fast drei Jahren wäre er am liebsten ständig bei seinem besten Kumpel geblieben. Es hatte Helena viel Überzeugungskraft gekostet, ihn davon abzuhalten, täglich rüberzufahren. Die beiden Männer hatten eine sehr innige Freundschaft – auch schon vor der schlimmen Verletzung, die Benny in den Rollstuhl gebracht hatte. Das war am Anfang ihrer Beziehung etwas irritierend für Helena gewesen. Doch da Benny jemand war, mit dem man sehr gut zurechtkam, hatte sie sich schnell daran gewöhnt. Zweimal im Jahr hatten die beiden Männer zusammen Urlaub gemacht. Im Sommer waren sie zusammen mit den anderen Motorradfahrern über ein langes Wochenende zu einem See gefahren, um zu zelten und zu grillen, und im Winter waren sie zu zweit Snowboardfahren gegangen. Manchmal – das musste Helena zugeben – war sie eifersüchtig gewesen. Doch Benny hatte ihr nie das Gefühl vermittelt, sie würde stören und so hatte es sich irgendwann natürlich angefühlt, sich den Jungs anzuschließen. So war sie schon bald mit ihrem eigenen Motorrad mit gefahren. Nur in den Winterurlaub hatte sie Benny und Roland alleine ziehen lassen. Später als Benny mit Gaby zusammengekommen war, war alles noch leichter geworden, denn Helena hatte sich schnell mit Gaby angefreundet.

Seit Zita in Bennys Leben getreten war, war es für Roland seltsam gewesen, denn Benny hatte häufiger etwas alleine mit seiner neuen Freundin unternommen. Doch die Freundschaft zwischen Roland und Benny war so stark und gefestigt, dass sie auch das überlebt hatte.

Dann war Friedelmann dazwischengekommen und hatte so viel zerstört …

Roland hatte sich wochenlang sehr gequält und hatte Schlafprobleme bekommen. Während Zita sich eher darauf konzentriert hatte, sich mit Benny in dem neuen Leben einzurichten, war Roland zu jedem Gerichtsverfahren gegangen, um zu sehen, wie Friedelmann verklagt wurde. Damals hatte Helena sich große Sorgen gemacht, denn Roland hatte sehr verkrampft gewirkt.

Nachdem Friedelmann ins Gefängnis überführt worden war und sich schließlich mit der Zeit gezeigt hatte, dass Benny und Zita besser mit der neuen Situation klarkamen, hatte sich auch Rolands Zustand etwas gebessert. Seine Schlafprobleme hatten sich gelöst und er hatte wieder lebensfroher gewirkt.

Als Helena ihm gesagt hatte, dass sie ungeplant schwanger geworden war, hatte er sich sehr gefreut. Seit ihre Tochter auf der Welt war, war Roland wie ausgewechselt. Nun wirkte er sehr glücklich. Doch immer wieder kamen Momente, in denen Helena sich bewusst machte, dass Roland nach wie vor wegen Bennys Behinderung grübelte. Diese Momente waren seltener geworden. Immerhin war Benny schon seit fast drei Jahren gelähmt und lebte ein ziemlich selbstständiges Leben. Aber dennoch kamen diese Augenblicke bei Roland hin und wieder.

Leider weigerte er sich darüber mit Benny zu sprechen und Helena befürchtete, dass genau das die Freundschaft gefährden könnte. Noch nie hatten die beiden Männer Geheimnisse voreinander gehabt. Es wäre schade, wenn das starke Vertrauensverhältnis durch so etwas gestört wurde.

»Ich glaube, Benny kann es verkraften, niemals eine Wattwanderung machen zu können«, ergänzte Helena, nachdem Roland einen langen Moment nichts gesagt hatte.

»Darum geht es doch nicht.« Roland hatte einen gequälten Ausdruck im Gesicht.

»Aber worum geht es denn dann?« Helena trat etwas näher zu ihm.

»Ich muss ständig daran denken, dass … wenn ich ihn daran erinnert hätte, dass er Friedelmann überprüfen muss … Helena, er hat es schlicht vergessen, wie wir alle anderen auch.« Roland hob die Schultern. «Ich kann einfach nicht glauben, dass es nur so eine dumme Kleinigkeit sein soll, die solche massiven Auswirkungen hat.«

»Leider kann so etwas passieren«, erwiderte Helena und fühlte sich ganz schlecht dabei, weil sie ihrem Mann nichts Tröstendes vermitteln konnte.

»Es ist nicht fair«, murmelte Roland.

»Ich weiß.« Helena lehnte sich leicht gegen seinen starken Körper und war erleichtert, als sie bemerkte, dass er seinen Arm um ihre Schultern legte und sein Kinn gegen das feine Haar von Luna drückte. »Aber Menschen machen manchmal Fehler. Es ist unsinnig, darüber nachzudenken, was hätte sein können, denn leider müssen wir mit den Konsequenzen leben.«

»Und das macht Benny ja auch sehr gut.« Roland wirkte nun etwas entspannter. »Aber was ist, wenn er irgendwann doch noch Interesse bekommt, ins Watt zu gehen? Auch er und Zita werden irgendwann Kinder bekommen und dann werden sie vielleicht auch an die Nordsee wollen. Seine Kinder werden niemals bei Ebbe zusammen mit Luna im Matsch spielen.«

»Es sei denn, wir nehmen sie mit«, protestierte Helena.

»Und er soll dann auf dem Deich sitzen und zuschauen?« Roland schüttelte verärgert den Kopf.

»Ich glaube, dass wird sein kleinstes Problem sein. Es ist sehr rührend, dass du dir darüber Gedanken machst, aber ich bin überzeugt, dass wir eine Lösung finden werden. Noch hat er kein Interesse angedeutet.« Helena wippte mit Luna auf ihrer Hüfte, die begann zu jammern. Ihr wurde langweilig und sie war übermüdet, weil ihr Mittagsschlaf längst fällig war.

Roland streckte überraschend seine Arme aus und nahm Luna an sich. Sanft wiegte er sie, was Luna prompt beruhigte. »Du hast vermutlich recht. Wir sollten einfach das Beste daraus machen und spontan nach einer Lösung suchen, wenn sie benötigt wird. Solange Benny nicht ins Watt will, brauche ich deswegen nicht zu grübeln.«

Eigentlich ging es ihm ja gar nicht um die Wattwanderung, erinnerte Helena sich. Das Problem war eher, dass er häufiger grübelte und sehr oft an seinen Kumpel dachte. »Hast du mit Benny endlich mal darüber gesprochen?«

»Worüber?« Roland drehte sich Richtung Festland um und nahm ihre Hand, um sie durch den Schlick zu führen.

»Dass du Schuldgefühle hast?«

»Ach, nein.« Ruckartig schüttelte Roland mit seinem Kopf. »Damit will ich ihn nicht auch noch belasten.«

»Glaubst du nicht, dass er es merkt?«, hakte Helena nach.

Kurz erstarrte Roland, dann schüttelte er erneut den Kopf. »Nein, glaube ich nicht. Ich bin ja vollkommen normal, wenn ich mit ihm zusammen bin. Zumindest inzwischen kann ich es ganz gut überspielen. Am Anfang war ich nicht so gut darin, aber da hat er mit sich selber solche Probleme gehabt, dass ihm das nicht groß aufgefallen ist.«

»Wunderbar.« Helena verzog das Gesicht.

»Du meinst, ich sollte mit ihm sprechen?«, erkundigte Roland sich besorgt.

»Ja«, antwortete Helena fest. »Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Das tut eurer Freundschaft überhaupt nicht gut, wenn du nicht offen dazu stehst.«

»Aber es wird ihn verunsichern. Und traurig machen. Er wird sich vermutlich Sorgen um mich machen.« Roland klang nicht sehr begeistert.

»Glaubst du wirklich, es ist besser, wenn du Geheimnisse vor ihm hast?« Helena versuchte ihre Gefühle zu unterdrücken und nicht in ihrer Stimme mitschwingen zu lassen, aber leider klang sie dennoch empört. »Hältst du dich für solch einen guten Schauspieler? Was ist, wenn er unbewusst spürt, dass etwas nicht stimmt? Vielleicht merkt er, dass du verkrampft bist oder dich abweisend und distanziert verhältst? Was ist, wenn er das mit seiner Behinderung in Verbindung bringt? Wenn er darüber nachdenkt, dass er dir kein guter Kumpel mehr sein kann, wenn er kein Snowboard mehr fahren kann und nicht mehr mit dir auf Motorradtour geht? Willst du das wirklich?« Leider hatte sie sich nun ganz schön in Rage geredet, was sie nicht gewollt hatte. Tröstend streichelte sie Rolands Wange, bevor sie weiterging.

»Vielleicht sollte ich einfach versuchen, darüber hinwegzukommen«, meinte Roland. Seine Wangen sahen blass aus, obwohl er durch den kühlen Wind und der frischen Luft in den letzten Tagen immer ein rotes Gesicht gehabt hatte.

»Wenn du das kannst …« Helena drückte seine Hand. »Wenn du nicht mit ihm darüber reden willst, dann hör wenigstens nicht auf, mit mir darüber zu reden. Stell dich nicht einfach hin und starr zum Horizont, sondern sag mir, welche Gedanken dir durch den Kopf gehen«, bat sie eilig, als Roland begann, seine Tochter zu beschäftigen, indem er sie kitzelte.

»Ja, in Ordnung«, sagte er, dann ging er einen schnellen Schritt zu ihr hin, schob seine Hand an ihren Hinterkopf und küsste sie fest auf die Lippen. »Du bist wunderbar, meine Süße«, sagte er, als er sich gelöst hatte.

Helena lächelte. »Du bist auch wunderbar«, erwiderte sie und folgte ihm die Treppen hinauf zum Deich. Sie spürte, dass Roland noch Zeit benötigte, aber sie wusste auch, dass sie ihn gut erreichen und somit beistehen konnte. Sein bester Freund war angeschossen worden, während er dabei gewesen war. Er war derjenige gewesen, der bei Benny geblieben war, während sie auf den Notarzt gewartet hatten. Das war nun mal etwas, das man erst mal verarbeiten musste und deswegen wollte sie ihm auch die Ruhe und Zeit geben. Immerhin liebte sie ihn unter anderem auch deswegen, weil er so loyal und treu war und Freundschaft für ihn so viel zählte.

Zita

»Brauchst du Hilfe?« Noch während Zita die Frage stellte, wusste sie, dass das nicht der Fall war, denn Benny hatte sich bereits aus dem Rollstuhl auf den Boden gleiten lassen.

»Alles okay«, meinte Benny lächelnd und rutschte zur Mitte der Decke.

Seufzend stellte Zita den Korb auf die nun leere Sitzfläche des Rollstuhls, streckte ihren verspannten Rücken und begann anschließend den Inhalt des Korbs auszuräumen. Zum Schluss zog sie ein Kissen hervor.

»Danke«, meinte Benny, als Zita es ihm in den Rücken schob und ihm half, sich so zu setzen, dass er sich an den Baumstamm anlehnen konnte, was ihm mehr Stabilität verlieh. Als er saß, legte er die Handflächen auf seine Beine und betrachtete Zita nachdenklich. »Du bist genervt, oder?«

»Genervt?« Irritiert hob Zita die Augenbraue. »Überhaupt nicht. Eher gestresst.«

Bevor sie sich selber auf die Decke fallen ließ, öffnete sie die Thermoskanne und goss den Kaffee in zwei Becher. Beides drückte sie Benny in die Hand. »Danke«, wiederholte dieser und musterte sie weiterhin. Sein Blick war nun eher besorgt und es begann Zita etwas zu stören.

»Rückenschmerzen«, sagte sie erklärend und ließ sich umständlich auf den Boden nieder.

»Wie wäre es mit einer Massage? Oder vielleicht solltest du mal in die Sauna deiner Eltern gehen«, schlug Benny vor und reichte ihr den Kaffee. »Oder du gehst mal wieder mit Helena ins Zumba. Bewegung würde dir bestimmt guttun.«

»Ach, Benny.« Amüsiert schüttelte Zita den Kopf. »Ich habe für so etwas momentan wirklich keine Zeit. Nach der Prüfung mache ich das alles«, versprach sie und trank einen großen Schluck des Kaffees. Köstlich. Hoffentlich würde ihr das ein wenig Energie bringen.

»Hast du denn für das Picknick Zeit?«, erkundigte Benny sich und versuchte den Korb auf seinem Stuhl zu erreichen. Rasch beugte Zita sich vor und stellte den Korb auf den Boden, damit Benny ihn weiter ausräumen konnte. Es gab mittlerweile viele kleinere, nicht weiter auffallende, Handgriffe, bei denen sie Benny automatisch behilflich war. Mittlerweile fiel es ihr immer leichter, abzuschätzen, bei was Benny Hilfe benötigte und was er gut alleine hinbekam. Der Körper von Benny war ihr nicht mehr so fremd wie am Anfang kurz nach seiner Verletzung, weswegen Zita seine Grenzen recht gut bekannt waren.

Inzwischen war Benny wieder so unabhängig und eigenständig, dass Zita manchmal vergaß, wie schwer ihm alles am Anfang gefallen war. Als sie im Rahmen eines Praktikums einen jungen Mann kennengelernt hatte, der seit einem Motorradunfall ebenfalls im Rollstuhl saß und eine ähnliche Lähmungshöhe wie Benny hatte, war ihr bewusst geworden, wie viel sich bei Benny bereits geändert hatte. Er war nicht mehr länger der hilflose Mann, der seinen Körper nicht kontrollieren konnte. Zumindest wirkte er auf den ersten Blick nicht so.

Manchmal fragte Zita sich, wie ihr Leben aussehen würde, wenn Benny an diesem schrecklichen Tag nicht so schwer verletzt worden wäre. Doch egal, wie sehr sie sich bemühte, es fiel ihr schwer, sich auszumalen, wie der Alltag ohne die Querschnittlähmung aussehen würde.

»Zita?« Nachdenklich musterte Benny sie. »Sollen wir nach Hause gehen?«

»Wieso denn?«

»Du wirkst so abwesend. Ich denke, du bist in Gedanken bei deiner Prüfung«, meinte Benny sanft und beugte sich ein wenig nach vorne. Behutsam strich er mit seinem Zeigefinger die Wange von Zita entlang. Die Berührung war so schön, dass Zita kurz die Augen schloss und aufseufzte. Als sie die Augen wieder öffnete, lächelte Benny sie an und schien auf etwas zu warten. Richtig ... er wartete auf eine Antwort.

»Bin ich auch«, gab Zita zögerlich zu und erhöhte dann die Lautstärke ihrer Stimme, »aber ich glaube, eine Pause tut mir gut. Du hattest schon recht damit, mich von dem Schreibtisch wegzuholen.«

»Wir müssen ja nicht lange bleiben«, betonte Benny mit weicher Stimme, dann griff er nach Zitas Hand, zog sie zu sich heran und küsste die Handinnenfläche. »Hauptsache, du kommst mal an die frische Luft.«

Seit sie aus der Schweiz zurückgekommen waren, gingen sie häufiger in den Wald oder über die Felder, um über ihre Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Gefühle zu reden. Aus irgendeinem Grund fiel es ihnen dann leichter, miteinander zu sprechen.

Ohne diese Gespräche hätte Zita wahrscheinlich nie die nähere Umgebung erkundet. Die Gegend in der unmittelbaren Reichweite ihres Hauses war sehr naturbelassen, weswegen es schade gewesen. Viele Pfade blieben ihnen wegen Bennys Rollstuhl versperrt, aber es gab genug Wege, die asphaltiert oder zumindest eben waren.

Mit Maggie war Zita häufiger im Wald gewesen. Komisch, dass sie ausgerechnet jetzt daran dachte. Sonst erinnerte sie sich nur selten an ihr ehemaliges Kindermädchen und vermied jeden Gedanken an sie. Sie wusste nicht einmal, ob sie Benny jemals von ihr erzählt hatte. Vor ihren inneren Augen sah sie nun sich selber als das kleine Mädchen, das sie einmal gewesen war, zusammen mit Maggie, die sie fest an der Hand hielt, während sie durch das Herbstlaub liefen. Das Bild machte vielleicht einen tröstlichen Eindruck, aber in Zita verursachte es nur Unwohlsein.

Rasch sah sie zu ihrem Freund, der sie mit gerunzelter Stirn beobachtete. Um ihm zu signalisieren, dass alles gut war, schüttelte sie den Kopf und lächelte.

Benny war derjenige gewesen, der immer wieder auf diese Spaziergänge bestand, denn er war der Meinung, dass sie einander nicht mehr so viel verschweigen durften und lernen sollten, einander zu vertrauen. Heute verstand Zita selbst nicht mehr, warum sie Benny nicht einfach anvertraut hatte, dass sie durch die Prüfung gefallen war und sich mit dem Gedanken trug, das Studium hinzuwerfen. Inzwischen machte sie eine Ausbildung zur Ergotherapeutin und Benny unterstützte sie sowohl finanziell als auch praktisch. Nun stand sie vor ihrer ersten Zwischenprüfung nach dem ersten Ausbildungsjahr.

Scheinbar hatte die Behinderung von Benny dazu geführt, dass sie einander fremd geworden waren und nicht mehr gewusst hatten, wie sie miteinander umgehen sollten. Vermutlich wäre es leichter gewesen, wenn sie zuvor eine stabilere Basis gehabt hätten, aber die hatten sie erst finden müssen, nachdem Benny im Rollstuhl gelandet war. Die Querschnittlähmung hatte Benny sehr verändert und Zita war häufig überfordert gewesen. Diese Verletzung hatte sich als ihre größte gemeinsame Herausforderung herausgestellt, und manchmal hatten sie auch jetzt noch daran zu knabbern. Wenn jemand behauptete, den Partner nicht verlassen zu wollen, nur weil er durch einen Unfall oder einer Krankheit behindert war oder anderweitig Probleme hatte, der hatte keine Ahnung, wie groß die Belastung war, die auf das Paar zukam. Wenn jemand einen behinderten oder kranken Partner verließ, war dieser jemand nicht zwangsläufig oberflächlich und Zita war die Letzte, die deswegen eine Verurteilung aussprechen würde. Sicher war Benny immer noch Benny, aber natürlich veränderte so etwas einen Menschen, und damit musste ein Partner erst einmal klarkommen. Dennoch war Zita froh, dass sie sich wieder angenähert hatten und gestärkt aus diesem Schicksalsschlag gegangen waren.

Erschöpft rieb Zita sich über das Gesicht und seufzte leise. Die Prüfung machte ihr Sorgen, obwohl sie manchmal glaubte, dass sie nur hysterisch war. Immerhin hatte sie endlich etwas gefunden, dass ihr gelingen konnte, denn ihre Noten waren meist gut.

War dieses Picknick nicht genau dafür da, dass Zita über das sprechen konnte, was sie beschäftigte? Nachdenklich schüttelte sie den Kopf und atmete tief ein. Vielleicht würde sich dieser Knoten in ihrer Brust lösen, wenn sie darüber reden würde?

»Ich glaube, ich beherrsche den Lernstoff«, begann Zita, »aber ich habe dennoch Angst.«

»Wovor?«, erkundigte Benny sich aufmerksam. Das war etwas, was Zita wirklich an ihm liebte. Oft war Benny auf sich fokussiert, besonders seit er im Rollstuhl saß. Doch wenn er Zita seine Aufmerksamkeit schenkte, dann machte er das hundertprozentig. Manchmal hatte Zita das Gefühl, das Einzige im Leben von Benny zu sein, das zählte.

»Dass ich die Prüfung unterschätze, und ich es nicht schaffe.« Seufzend strich Zita sich die Haare nach hinten. »Ich habe in meinem Leben so viele Prüfungen verhauen. Viel mehr als ich wahrscheinlich Prüfungen bestanden habe. Was, wenn ich zum Scheitern vorprogrammiert bin?«

»Du weißt, dass du Blödsinn redest. Im Gegensatz zu deinen anderen Studiengängen interessiert dich die Ergotherapie nämlich wirklich«, sagte Ben und er klang dabei so lässig und zuversichtlich, dass Zita ihm einfach glauben musste. »Um dir Sicherheit zu geben, könnte ich dich doch abfragen, oder?«, schlug er vor.

»Es wäre toll, wenn du dir die Zeit nehmen würdest«, murmelte Zita müde. »Wenn wir zu Hause sind, zeige ich dir mal diesen Musterfragebogen, den wir von unserem Lehrer bekommen haben.«

»Du hättest ihn doch mitbringen können.« Benny richtete sein Gesicht gegen die Sonne. Da sie ihn offenbar blendete, blinzelte er. Für eine Sekunde sah er so vollkommen entspannt und zufrieden aus, dass Zita automatisch ein wenig ruhiger wurde. Es war verrückt, welche Auswirkung Benny auf sie hatte.

»Nein, ich denke, es ist ausreichend, wenn du mich später abfragst. Eine Pause wird mir guttun«, entschied Zita. »Ich glaube, ich will mich jetzt einfach mal entspannen.« Stöhnend, weil sich der Rücken bei jeder Bewegung meldete, legte sie sich auf die Decke und benutzte Bennys Oberschenkel als Kissen.

»Immer, wenn du über etwas nicht reden willst, gehen bei mir alle Alarmglocken an.« Prüfend sah Benny sie an und legte seine Hand leicht auf Zitas Bauch. Kopfschüttelnd griff Zita nach oben und berührte die Bartstoppeln auf der dunklen Gesichtshaut. »Diesmal ist es wirklich so, dass ich ein wenig Ablenkung möchte, Benny. Das mit der Prüfung wird schon gut gehen, aber ich möchte mich jetzt ein wenig erholen. Erzähl mir bitte etwas von dir.«

Während Benny ihr von der Arbeit, den Kollegen und seinem Chef erzählte, merkte Zita, dass sie sich tatsächlich endlich ein wenig entspannen konnte. Interessiert lauschte sie Bennys Geschichten und spürte, dass die Prüfung aus ihrem Bewusstsein verschwand. Als Benny die neuste Aktion eines Praktikanten preisgab, musste sie herzlich lachen und spürte, dass sich ihre Bauchmuskeln anspannten, bevor sie losprustete. Dieser schusselige Praktikant war immer wieder eine perfekte Methode, wenn Benny sie aufheitern wollte.

»Was für ein Trottel«, murmelte Zita kopfschüttelnd.

Benny kicherte. »So lustig finde ich das gar nicht. Manchmal ist es echt zum Haareraufen.«

»Und wie ich dich kenne, fällt es dir nicht leicht, immer die Geduld zu bewahren, oder?« Zita richtete sich leicht auf und sah Benny grinsend an.

»Oh, da kennst du mich aber schlecht«, meinte Benny eilig und wurde ernst. »Mir macht das eigentlich viel Spaß. Wenn das Leben anders gelaufen wäre und ich nicht auf den Rollstuhl angewiesen wäre, hätte ich vielleicht irgendwann angefangen, Auszubildende zu unterrichten. Ich glaube, das hätte mir Spaß gemacht.«

»Echt?« Erstaunt musterte Zita ihn. »Das …«

»Verwundert dich das?«, fragte Benny. »Wirklich?«

»Nein, eigentlich nicht«, meinte Zita leise, als sie näher darüber nachdachte. »Du erklärst sehr gut, ohne einem den Eindruck zu vermitteln, man sei ein kleines Kind. Du nimmst dein Gegenüber ernst, auch wenn dieser keine Ahnung hat, von was du redest. Ich hatte nur nicht darüber nachgedacht, dass du das gerne beruflich machen würdest.«

»Doch«, meinte Benny ernst. »Doch, Zita, ich hätte mir das ganz gut vorstellen können – aber da der Unterricht an der Polizeischule sehr praxisorientiert ist, wird das wohl nicht funktionieren.«

Rasch streckte Zita ihre Hand aus und legte sie auf Bennys Finger. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

»Du musst nichts sagen.« Benny lächelte. »Ich habe ja meinen Praktikanten, der noch sehr viel von mir lernen kann. Und glaub mir, er stellt sich so dämlich an, dass ich damit noch einige Zeit verbringen werde.« Gerade als Zita den Mund öffnen wollte, um Benny zu trösten, winkte er ab. »Es gibt ja auch noch Luna, der ich vieles beibringen kann«, meinte er und hob die Schultern. »Aber jetzt mal kurz zu einem anderen Thema.« Er spielte träge mit seinen Fingern mit Zitas Haaren herum.

»Mmh? Welches?« Entspannter als zuvor richtete Zita sich auf und öffnete die Dose mit den Keksen.

»Wegen Daniel ... du weißt schon ...«

»Dein Cousin. Klar, ich weiß, wer das ist«, unterbrach Zita ihn. »Du bist mit ihm aufgewachsen. Meinst du, das weiß ich nicht?«

»Er hat schon wieder geschrieben und angefragt, ob wir uns mit ihm treffen wollen«, berichtete Benny und nahm einen Keks, als Zita ihm die Dose hinhielt. Über den Vorschlag seines Cousins wirkte er nicht sehr begeistert.

»Wieso willst du ihn nicht treffen?«, fragte Zita.

»Ich bin mir nicht so sicher«, antwortete Benny vage. »Würdest du denn mitkommen?«

Überrascht verschluckte Zita sich. »Was ist das denn für eine Frage? Natürlich komme ich mit.«

»Das ist gut«, erwiderte Benny zufrieden. »Ohne dich möchte ich nämlich nicht hingehen.«

Kopfschüttelnd sah Zita ihn an. »Sicher machen wir das zusammen. Ich wollte deine Familie schon immer mal kennenlernen.«

»Mmh.« Nachdenklich beugte Benny sich über die Keksdose und ließ seine Finger darüber gleiten, bevor er sich für einen entschied, der so aussah, als hätte er besonders viel Schokolade als Überzug, und diesen in den Mund stopfte. »Ich habe nicht wirklich das Gefühl, Daniel unbedingt treffen zu müssen«, sagte er mit vollem Mund.

»Benny.« Amüsiert schüttelte Zita den Kopf. »Das ist irgendwie … eklig.«

»'tschuldigung«, murmelte Benny und schluckte hastig. »Ich glaube nicht, dass wir uns etwas zu sagen haben.«

»Du hast mit ihm deine Kindheit verbracht«, erinnerte Zita ihn. »Ich weiß, dass du es als Kind nicht leicht hattest, aber das lag doch vor allem an deinem Onkel.«

Seufzend schüttelte Benny den Kopf. »Daniel war auch nicht besonders nett zu mir gewesen. Heute weiß ich, dass er mich als Eindringling empfunden hat, aber damals habe ich das nicht verstanden.«

»Aber offenbar tut es Daniel doch leid, oder?« Zita runzelte die Stirn. »Sonst würde er dir doch nicht ständig schreiben.«

»Ich werde darüber nachdenken, ja?« Benny schnappte sich einen weiteren Keks. »Bin nächstes Wochenende übrigens bei Bobby. Er will mir die Bilder von der letzten Motorradtour zeigen.«

»Gut.« Zita seufzte. »Ich habe sowieso keine Zeit für dich. Ich muss lernen.« Nachdenklich sah sie Benny an und fragte sich, wie er damit so gut umgehen konnte, dass er jetzt kein Motorrad mehr fahren konnte. Als sie in der Schweiz gewesen waren, hatte Benny herausgefunden, dass ein Querschnittgelähmter sein Motorrad von jemandem hatte umbauen lassen und nun offenbar wieder aktiv in der Motorradszene war. Zu Beginn hatten zwei Kumpels von Benny sogar überlegt, die Maschine von Benny ebenfalls aufzurüsten, aber letztendlich hatte sich herausgestellt, dass die Verletzung von Benny zu weit oben war. Vor einem Jahr hatte Benny davon gesprochen, dass er dafür eine Lösung finden würde, aber irgendwann hatte er es aufgegeben. »Denkst du manchmal noch darüber nach?«, fragte Zita, während sie Benny musterte.

»Meinst du, dass ich noch mal versuchen sollte, Motorrad zu fahren?« Erstaunt sah Benny sie an.

»Wieso nicht?« Zufrieden schenkte Zita sich erneut einen Kaffee ein. Das Picknick tat ihr gut, denn sie war wieder viel entspannter und zuversichtlicher, was die Prüfung betraf. Vielleicht hätte sie viel früher eine Pause einlegen sollen, anstatt sich ganz verrückt zu machen.

»Weil du Angst hast, dass ich kaum noch zu Hause sein würde«, prophezeite Benny lachend.

»Ach.« Zita winkte ab. »Die Zeit mit dem Motorrad würde ich dir echt gönnen. Ich muss sowieso lernen.«

»Du und deine Lernerei.« Benny verdrehte die Augen. »Aber ich bin wirklich sehr stolz auf dich, weil du so ehrgeizig bist. Ich habe immer gewusst, dass du fleißig sein kannst, wenn du erstmal was gefunden hast, was dich wirklich packt.«

»Das erstaunt mich selbst ziemlich«, gab Zita zu und fragte sich, warum Benny das Thema gewechselt hatte. Anscheinend hatte er wirklich damit abgeschlossen und wollte nicht weiter dafür kämpfen, wieder aufs Motorrad zu kommen. Vielleicht musste sie das akzeptieren. »Meine Eltern warten jeden Tag darauf, dass ich aufgebe. Sie halten mich für grundsätzlich faul.«

»Ach, lass sie doch.« Ben schüttelte den Kopf.

»Solange sie mich in Ruhe lassen so wie in letzter Zeit, bin ich zufrieden. Wahrscheinlich würden sie es sogar stillschweigend über sich ergehen lassen, wenn ich ihnen sagen würde, dass ich dich heiraten möchte.«

Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen hob Benny die Augenbrauen. »Dann steht einer Hochzeit ja nichts mehr im Weg.«

»Ich hoffe, das ist jetzt kein Heiratseintrag, oder?« Spielerisch schlug Zita Benny auf den Unterarm. »Denn ich wollte einen etwas romantischeren Antrag«, fügte sie hinzu und zwinkerte Benny zu. Die Idee gefiel ihr außerordentlich gut, auch wenn es ihr mehr Sorgen bereitete, was ihre Eltern dazu sagen würden, als sie jetzt Benny gegenüber zugeben wollte.

»Du machst den Antrag«, stellte Benny klar und aß einen weiteren Keks. In der Schule hatte Zita letztens gelernt, dass Querschnittgelähmte weniger Leistungsumfang hatten, weil sie sich weniger bewegten und die Muskeln in den gelähmten Bereichen verkümmerten, aber das schien auf Benny nicht zuzutreffen. Sein Appetit war nicht weniger geworden, doch zugenommen hatte er trotzdem nicht.

»Wieso ich?«, fragte Zita entrüstet.

»Ich kann nicht knien.« Bedauernd hob Benny die Schultern und zeigte auf seine Beine.

»Blöde Ausrede. Du traust dich nur nicht, in Anwesenheit meiner Eltern um meine Hand anzuhalten«, vermutete Zita.

Grinsend schüttelte Benny den Kopf, wurde dann aber wieder ernst. »Wir sind doch ein modernes Paar, oder? Was sollte dagegen sprechen, wenn du den Heiratsantrag machst?«

»Ich?« Empört schüttelte Zita den Kopf. »Vergiss es. An diesem Punkt hört für mich die Emanzipation auf.«

»Feigling«, meinte Benny leise und schlug Zita auf den Oberschenkel.

»Das hat nichts mit feige zu tun. Im Herzen bin ich halt immer noch ein konservatives Mädchen«, protestierte Zita.

»Du bist konservativ«, betonte Benny ernst. »Nicht nur im Herzen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher.« Zita kniff die Augen zusammen. »Mein Vater vermutet wahrscheinlich langsam, dass meine Mutter ihn mit dem Briefträger betrogen hat, weil ich bei diesem Lebensstil unmöglich seine Tochter sein kann.«

»Deine Mutter hatte Kontakt mit einem Briefträger?« Benny tat erstaunt. »Ich dachte, die Post hat immer das Hausmädchen reingeholt?«

»Das war ein Witz«, knurrte Zita und grinste.

Gequält stöhnte Zita auf und schob die Bücher, die auf dem Tisch lagen, von sich weg. Die Buchstaben begannen langsam vor ihren Augen zu flimmern. Ein flaues Gefühl von Übelkeit breitete sich in ihr aus. Als sie aufschaute, bemerkte sie, dass ihr auch ein wenig schwindelig war. Langsam lehnte sie sich zurück und massierte sich die Schläfen. Diese verdammten Kopfschmerzen würden ihr am Ende noch die Prüfung ruinieren.

Eigentlich war es ein schöner Sommertag und Zita müsste jeden Grund haben, es zu genießen hier im Garten zu sitzen und die Blumen zu betrachten, die im Frühjahr von ihr gepflanzt worden waren, während Benny ihren Praktikumsbericht auf Rechtschreibfehler korrigiert hatte. Aber die bevorstehende Prüfung nahm ihr ganzes Denken ein. Die Prüfung und die Schmerzen. Seit sie vor einem Jahr die Ausbildung begonnen hatte, lernte sie ständig, nur weil sie große Angst hatte, erneut zu versagen. Manchmal träumte sie sogar von dem Schulstoff und davon, dass sie eine Prüfung nicht bestand oder eine Präsentation zu spät einreichte.

Trotzdem machte ihr die Ausbildung immer noch Spaß. Fast jeder in ihrer Umgebung wartete darauf, dass sie aufgab, aber das hatte sie nicht vor. Sie würde alle noch überraschen, dachte sie grimmig.

»Hey«, sagte Benny. Vorsichtig rollte er durch den Garten und balancierte ein Tablett auf dem Schoß mit Getränken und Süßigkeiten. »Hast du wieder Schmerzen?«, erkundigte er sich besorgt und stellte das Tablett auf den Tisch. Nachdem er sich neben Zita geschoben hatte, aktivierte er die Bremse seines Rollstuhls und musterte Zita eingehend.

Nachdenklich erwiderte Zita seinen Blick und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. Am nächsten Tag hatte Benny Geburtstag, doch leider war Zitas Prüfung einen Tag darauf. Noch blöder hätte dieser Termin nicht liegen können. »Ich habe Kopfschmerzen«, gab sie schließlich zu. »Und Rückenschmerzen.«

»Du hast in letzter Zeit ständig Rückenschmerzen«, stellte Benny leicht aufgebracht fest. »Seit unserem Picknick letzte Woche hast du nichts anderes getan, außer hier zu sitzen und zu lernen. Du musst mehr Sport machen, Schatz.«

»Ach, übertreib' doch nicht so«, murmelte Zita und nahm die Limonade vom Tablett, welches Benny ihr mitgebracht hatte. Erleichtert trank sie einen Schluck. Vielleicht hatte sie auch Kopfschmerzen, weil sie zu wenig getrunken hatte? Anschließend zog sie das Buch wieder zu sich heran, während Benny seine Hand auf ihren Nacken legte und ihre verspannten Muskeln knetete.

»Vielleicht solltest du eine Pause einlegen«, schlug er vor.

Zita räusperte sich. »In 48 Stunden mache ich eine Pause«, versprach sie. Natürlich wollte Benny sofort protestieren, aber Zita schüttelte rasch den Kopf. »Das kostet uns viel Geld. Geld, für das du arbeiten gehen musst, und gerade deswegen sollte ich mich anstrengen. Ich werde diese Prüfung mit einer guten Note ablegen«, erklärte sie streng. Abwesend tätschelte sie Bennys Schulter und widmete sich wieder ihrem Buch. Wenn ihre Konzentration nur nicht so schwinden würde!

Während sie eine Zusammenfassung des letzten Kapitels las, hielt sie sich die Stirn fest. Sie würde sich wie eine Versagerin vorkommen, wenn sie unter dem Klassendurchschnitt sein würde, besonders nachdem sie schon drei Studiengänge hingeworfen hatte. Sie hatte sich vorgenommen, diesmal nicht zu scheitern und endlich zu beweisen, dass sie für ein Ziel auch kämpfen konnte.

»Ich schlag dir etwas vor, Zita.« Benny fuhr fort, ihren Nacken zu massieren.

Zita schloss die Augen und genoss die Massage – kurz, für wenige Sekunden. Vielleicht würde sie dadurch wieder neuen Elan bekommen. »Was?«, erkundigte sie sich erschöpft.

»Du lernst jetzt noch ein paar Minuten und dann kommst du rein und wir essen gemeinsam. Später gehst du in die Badewanne und danach spendiere ich dir eine echte Massage«, schlug Benny vor. »Du bist am Rücken total verhärtet.«

Stöhnend richtete Zita sich auf und sah in die dunkelbraunen Augen ihres Freundes. Sie liebte ihn wirklich sehr, aber momentan hatte sie das Gefühl, es ihm nicht zeigen zu können. Doch wenn die Prüfung vorbei war, konnte sie sich wieder ihm zuwenden. »Wie wäre es, wenn wir das übermorgen machen?«, entgegnete sie leise. »Dann massiere ich dich. Immerhin bist du das Geburtstagskind.« Prüfend streckte sie den Arm aus und knetete für einen Moment die Schulterpartie ihres Partners. »Du bist bestimmt auch sehr verspannt.«

»Ich habe morgen Geburtstag, Zita«, korrigierte Benny sanft. »Nicht übermorgen.«

Seufzend spielte Zita an dem Kragen von Bennys Hemd herum. »Wir verschieben deinen Geburtstag. Tut mir leid, aber ich werde mich morgen nicht genug entspannen können, um für dich da zu sein.«

»Ach Zita.« Benny verdrehte die Augen und sah sie dann ernst an. »Du machst dich ganz kaputt. Was nützt es dir, wenn du über den Prüfungsunterlagen zusammenbrichst?«

»Ich breche schon nicht zusammen«, versuchte Zita ihn zu überzeugen.

»Du musst niemandem etwas beweisen, Zita.« Energisch strich Benny über ihren Oberschenkel und beugte sich dann vor, um sie zu küssen. Rasch hob Zita ihren Arm und zog ihn ein wenig dichter an sich heran.

»Pass auf«, bat Benny erschrocken und griff nach Zitas Schulter, als er drohte die Balance zu verlieren.

»Ich will nicht scheitern«, flüsterte Zita und presste ihre Lippen auf die von Benny, ohne ihn wirklich zu küssen. »Kannst du das nicht verstehen?«, fügte sie noch hinzu, als sie sich wieder ein wenig löste und Benny abstützte, damit dieser sich wieder aufrichten konnte.

Genervt stöhnte Benny auf. »Ich glaube nicht, dass du scheiterst, Zita«, meinte er ungeduldig. »Geh' auf die Bremse, bevor du aus der Kurve fliegst.«

»Tut mir leid, Benny«, murmelte Zita und sah ihren Freund entschuldigend an. »Ich muss lernen.«

Kopfschüttelnd entfernte Benny sich von ihr und navigierte den Rollstuhl geschickt zwischen dem Sonnenschirm und Zitas Stuhl hindurch. Obwohl sie ihn weggeschickt hatte, damit sie lernen konnte, schaffte sie es nicht, den Blick von ihm zu lassen. Inzwischen waren Bennys Bewegungen geschmeidiger, der Rollstuhl war seine Begleitung geworden und verschmolz mit ihm zu einer Einheit, wenn er unterwegs war. Zumindest für Zita war es so, denn natürlich wusste sie, dass Benny in der Öffentlichkeit auffiel und viele Menschen ihn anstarrten. Es gab durchaus noch Situationen, in denen er unsicher aussah und man ihm anmerkte, dass er kaum Kontrolle über seinen Körper hatte. Doch für Zita wurde es langsam normal. Inzwischen träumte Zita sogar fast nur noch von einem sitzenden Benny. Noch vor einem Jahr war er oft durch ihre Träume gelaufen.

»Falls du 'ne Pause brauchst«, sagte Benny, nachdem er sich um den Tisch herum gesteuert hatte, »dann komm einfach rein. In Ordnung, Liebling?«

»Ich liebe dich«, flüsterte Zita angestrengt, während sie sich den Kopf massierte und Benny hinterher sah, der wieder zum Haus zurückrollte. Vielleicht hatte er recht, Zita würde noch einen Nervenzusammenbruch bekommen, wenn sie nicht endlich mal eine Pause einlegen würde.