Niemalsland
Roman
Ungekürzte Fassung
Übersetzung aus dem Englischen
von Tobias Schnettler
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Neverwhere«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 1996, 1997 by Neil Gaiman
New version of the text copyright © 2005 by Neil Gaiman
Published by arrangement with Neil Gaiman
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Hanka Jobke
Innenillustrationen und Innenklappen: Saskia Wragge, Köln | www.saskiawragge.com
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München
Einband-/Umschlagmotiv: © Elm Haßfurth | www.elmstreet.org; shutterstock/Katflare
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-3274-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für Lenny Henry, meinen Freund und Kollegen,
ohne den es all dies nicht gäbe;
und für Merrilee Heifetz, meine Freundin und Agentin,
die alles stets zum Guten wendet.
Ich bin nie in St. John’s Wood gewesen.
Ich traue mich nicht.
Ich hätte Angst vor der unendlichen Nacht der Tannen,
Angst, einem blutroten Kelch zu begegnen,
und vor dem Schlagen der Adlerflügel.
G. K. Chesterton: Der Held von Notting Hill
If ever thou gavest hosen or shoon
Then every night and all
Sit thou down and put them on
And Christ receive thy soul
This aye night, this aye night
Every night and all
Fire and fleet and candlelight
And Christ receive thy soul
If ever thou gavest meat or drink
Then every night and all
The fire shall never make thee shrink
And Christ receive thy soul
Lyke-Wake Dirge – Englisches Volkslied
Selbst wenn du Niemalsland schon einmal gelesen hast, hast du wahrscheinlich nicht diese Version von Niemalsland gelesen.
Niemalsland begann, wie es manchmal so ist, als Fernsehserie, die ich für die BBC schrieb. Und obwohl die Serie nicht schlecht war, fiel mir immer wieder auf, dass das, was man auf dem Bildschirm sah, nicht das war, was ich im Kopf hatte. Ein Roman schien mir die einfachste Art zu sein, um das, was in meinem Kopf war, auch anderen Menschen in den Kopf zu setzen. Bücher können das.
Niemalsland nahm als Roman Gestalt für mich an, als wir mit der BBC-Fernsehserie desselben Namens loslegten, mehr oder weniger als eine Methode, nicht den Verstand zu verlieren. Bei jeder Szene, die herausgeschnitten wurde, jeder Zeile, die verschwand, allem, das einfach so geändert wurde, verkündete ich: »Kein Problem. Im Roman kommt’s wieder rein«, um so mein Gleichgewicht zu wahren. So ging es weiter, bis der Produzent schließlich auf mich zukam und sagte: »Wir schneiden die Szene auf Seite vierundzwanzig raus, und wenn du jetzt sagst, ›Im Roman kommt’s wieder rein‹, bring ich dich um.«
Von da an dachte ich es mir nur noch.
Was ich wollte, war, ein Buch zu schreiben, das für Erwachsene das ermöglichte, was die Bücher, die ich früher geliebt hatte, Bücher wie Alice im Wunderland oder die Narnia-Bücher oder Der Zauberer von Oz, für mich als Kind ermöglicht hatten. Und ich wollte von den Menschen erzählen, die durchs Raster fallen, zum allerersten Mal von den Besitzlosen erzählen – mit dem Spiegel der Fantasy, der uns manchmal Dinge zeigt, die wir schon so oft gesehen haben, dass wir sie nicht mehr wirklich sehen.
Ich fing am selben Tag an, den Roman zu schreiben, an dem wir mit dem Dreh der Serie begannen; im Januar, in der Küche der Wohnung in Südlondon, in der wir drehten. Fertig wurde ich im Mai, in einem Hotel in einer kleinen Stadt in Südkalifornien.
Er wurde im August desselben Jahres veröffentlicht, von der britischen BBC. Als der amerikanische Verlag Avon Books ihn veröffentlichen wollte, ergriff ich die Gelegenheit, im Grunde eine zweite Version des Romans zu schreiben. Ich schloss mich in einem Hotelzimmer im World Trade Center in New York City ein und schrieb eine Woche lang, fügte Material für Amerikaner hinzu, die vielleicht nicht wussten, wo die Oxford Street liegt oder auf was man stößt, wenn man sie entlangspaziert, und genoss es, den Text noch einmal zu überarbeiten, ihn zu erweitern und zu vertiefen, wo immer ich konnte. Meine Lektorin bei Avon Books, Jennifer Hershey, war eine hervorragende und scharfsichtige Leserin; das Einzige, worüber wir verschiedener Meinung waren, waren die Witze. Sie mochte sie nicht und war überzeugt, dass die amerikanischen Leser in einem Buch, das nicht bloß witzig sein sollte, nicht mit Witzen zurechtkommen würden. Sie wollte den zweiten Prolog loswerden, in dem wir zum ersten Mal Croup und Vandemar begegneten, bevor die eigentliche Geschichte begann, und obwohl ich ihn vermisste, entschied ich, dass sie recht hatte, und verschob ihre Beschreibung in den Text. (Der Prolog ist hier noch einmal abgedruckt, ganz hinten, in der ursprünglichen Fassung, für alle Neugierigen.)
Als ich fertig war, hatte ich rund zwölftausend Wörter hinzugefügt und mehrere Tausend andere Wörter gestrichen. Bei einigen dieser Wörter war ich froh, sie los zu sein. Andere fehlten mir.
Diese Version von Niemalsland, die mit Unterstützung von Pete Atkins von Hill House Publishers aus verschiedenen Fassungen zusammengesetzt wurde, ist eine Kombination aus dem ursprünglichen britischen und dem überarbeiteten amerikanischen Text. Zudem entfernte ich noch ein paar überflüssige Stellen und schuf so eine neue und – wie ich hoffe – endgültige Version von Niemalsland, und bereitete zugleich den Bibliografen Kopfschmerzen.
Ich schreibe keine Fortsetzungen. Trotzdem ist die Welt von Niemalsland eine, in die ich eines Tages zurückzukehren hoffe. In einem Buch mit dem Titel The Lost Rivers of London habe ich von einem Messingbettgestell gelesen, das eines Tages in der Kanalisation gefunden wurde. Bis heute weiß man nicht, woher es kam und wie es dorthin gelangte.
Ich wette, de Carabas weiß es.
NEIL GAIMAN
An dem Abend, bevor er nach London ging, amüsierte sich Richard Mayhew nicht besonders.
Zu Beginn des Abends hatte er sich noch amüsiert: Es hatte ihm Spaß gemacht, die Abschiedskarten zu lesen und sich von verschiedenen nicht ganz unattraktiven Damen aus seinem Bekanntenkreis umarmen zu lassen; es hatte ihm Spaß gemacht, sich die Warnungen vor den Übeln und den Gefahren Londons anzuhören, und ihm hatte auch der weiße Regenschirm mit der Karte des Londoner U-Bahn-Netzes gefallen, für den die Jungs zusammengelegt hatten; er hatte die ersten paar Pints Ale genossen, aber dann wurde mit jedem weiteren Pint Ale klarer, dass er sich immer weniger amüsierte, bis er schließlich zitternd auf dem Gehsteig vor dem Pub in dieser kleinen schottischen Stadt saß und die jeweiligen Vor- und Nachteile des Sich-Übergebens und des Sich-nicht-Übergebens gegeneinander abwog und sich überhaupt nicht amüsierte.
Im Pub feierten Richards Freunde seinen bevorstehenden Weggang mit einer Begeisterung, die Richard langsam etwas unheimlich wurde. Er hockte auf dem Gehsteig, hielt den eingerollten Regenschirm fest umklammert und fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee war, in den Süden, nach London zu ziehen.
»Pass bloß auf«, sagte eine krächzende alte Frauenstimme. »Die verjagen dich, bevor du Jack Robinson sagen kannst. Oder nehmen dich fest, würd mich nicht wundern.« Zwei scharfe Augen stierten aus einem vogelartigen, dreckverschmierten Gesicht. »Alles in Ordnung?«
»Ja, danke«, sagte Richard. Er war ein jugendlich aussehender Mann mit dunklem, leicht lockigem Haar und großen, haselnussbraunen Augen; er sah immer etwas zersaust aus, so als sei er gerade erst aufgestanden, was ihn für das andere Geschlecht attraktiver machte, als er je verstehen oder glauben können würde.
Das schmutzige Gesicht wurde weich. »Hier, armer Kerl.« Die Frau drückte Richard ein Fünfzigpencestück in die Hand. »Wie lang lebst du schon auf der Straße?«
»Ich bin nicht obdachlos«, erklärte Richard peinlich berührt und versuchte, der alten Frau die Münze zurückzugeben. »Bitte – nehmen Sie das Geld. Mir geht’s gut. Ich bin bloß rausgegangen, um ein bisschen Luft zu schnappen. Ich ziehe morgen nach London.«
Sie blickte misstrauisch auf ihn herab, dann nahm sie ihre fünfzig Pence zurück und ließ sie unter den Schichten aus Mänteln und Schals verschwinden, in die sie gehüllt war. »Ich war mal in London«, vertraute sie ihm an. »Ich war in London verheiratet. Aber er war ein mieser Kerl. Meine Mama hatte mich davor gewarnt, einen Fremden zu heiraten, aber ich war jung und hübsch, auch wenn man das heute nicht mehr glauben mag, und ich habe auf mein Herz gehört.«
»Ganz bestimmt«, sagte Richard beschämt. Ganz langsam ließ seine Überzeugung nach, dass er sich gleich übergeben würde.
»Herzlich wenig hat mir das gebracht. Ich war mal obdachlos, deshalb weiß ich, wie das ist«, sagte die alte Frau. »Deshalb hab ich gedacht, du wärst es auch. Wieso gehst du nach London?«
»Ich habe einen Job«, sagte er stolz.
»Als was denn?«, fragte sie.
»Äh, Wertpapiere«, antwortete Richard.
»Ich war Tänzerin«, sagte die alte Frau, und sie torkelte ungelenk auf dem Gehsteig herum und summte tonlos vor sich hin. Sie schwankte von rechts nach links, wie ein auslaufender Kreisel, und dann blieb sie stehen und blickte in Richards Gesicht. »Gib mir deine Hand, und ich sag dir die Zukunft voraus.«
Er gehorchte. Sie legte ihre alte Hand in seine und hielt sie fest, und dann blinzelte sie ein paar Mal wie eine Eule, die eine Maus verschluckt hatte, die wieder rauswollte.
»Du hast einen weiten Weg vor dir …«, sagte sie verwirrt.
»London«, erinnerte Richard sie.
»Nicht bloß London …« Die alte Frau zögerte. »Kein London, das ich kenne.«
Jetzt fing es leicht an zu regnen.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Es fängt mit Türen an.«
»Türen?«
Sie nickte. Der Regen wurde stärker, er prasselte auf die Dächer und auf den Asphalt. »An deiner Stelle würde ich auf Türen achten.«
Richard kämpfte sich ein wenig wackelig auf die Beine. »Alles klar«, sagte er, ohne zu wissen, was er mit einer solchen Information anfangen sollte. »Mach ich. Danke.«
Der Eingang des Pubs wurde geöffnet, und Licht und Lärm schwappten auf die Straße heraus. »Richard? Alles in Ordnung?«
»Ja, alles gut. Bin gleich wieder da.«
Die alte Dame schwankte bereits die Straße hinunter, in den prasselnden Regen hinein, und wurde immer nasser. Richard hatte das Gefühl, etwas für sie tun zu müssen; Geld konnte er ihr jedoch nicht geben. Er eilte ihr nach, die enge Straße entlang, und der kalte Regen durchnässte sein Gesicht und seine Haare.
»Hier.« Richard fummelte am Griff des Regenschirmes herum, um den Knopf zu finden, der ihn öffnete. Ein Klick, und er erblühte zu einer riesigen weißen Karte des Londoner U-Bahn-Netzes, jede Strecke durch eine andere Farbe gekennzeichnet, jeder Halt markiert und genau benannt.
Die alte Frau nahm den Schirm dankbar entgegen und lächelte Richard an. »Du hast ein gutes Herz. Manchmal reicht das, um sicher zu sein – egal wo man ist.« Dann schüttelte sie den Kopf. »Aber meistens nicht.« Sie presste den Regenschirm an sich, als ein Windstoß ihn ihr zu entreißen oder umzustülpen drohte. Sie schlang die Arme darum und krümmte sich gegen den Regen und den Wind zusammen. Dann ging sie unter dem Regen in die Nacht davon, eine runde weiße Form, die mit den Namen der Londoner U-Bahn-Stationen versehen war: Earls Court, Marble Arch, Blackfriars, White City, Victoria, Angel, Oxford Circus …
Richard erwischte sich dabei, dass er betrunken überlegte, ob es am Oxford Circus tatsächlich einen Zirkus gab: einen echten Zirkus mit Clowns und schönen Frauen und gefährlichen Tieren. Die Pub-Tür öffnete sich wieder und entließ eine Welle von Lärm, als hätte man den Lautstärkeregler im Inneren gerade voll aufgedreht. »Richard, du Wichser, das ist deine scheiß Party, und du verpasst alles.«
Er ging in den Pub zurück. Das Bedürfnis, sich zu übergeben, war in all der Seltsamkeit vergangen.
»Du siehst aus wie eine ersoffene Ratte«, sagte jemand.
»Du hast noch nie eine ersoffene Ratte gesehen«, gab Richard zurück.
Jemand anderes reichte ihm einen großen Whisky. »Hier, kipp runter. Der wärmt dich auf. Du weißt ja, in London wirst du keinen echten Scotch kriegen.«
»Den krieg ich ganz bestimmt«, seufzte Richard. Wasser tropfte ihm aus den Haaren in den Drink. »In London gibt es alles.« Und er kippte den Scotch herunter, und dann gab ihm jemand einen weiteren aus, und dann verschwamm der Abend und zerbrach in Fragmente. Anschließend erinnerte er sich nur an das Gefühl, dass er einen kleinen und vernünftigen Ort, der Sinn ergab, für einen riesigen und alten Ort verließ, der das nicht tat; und daran, endlos in eine Gosse zu kotzen, durch die Regenwasser strömte, irgendwann in den frühen Morgenstunden; und an eine weiße Form, die mit Symbolen in merkwürdigen Farben versehen war, wie ein kleiner runder Käfer, die sich im Regen von ihm entfernte.
Am nächsten Morgen stieg Richard in den Zug nach London, um die sechsstündige Fahrt in den Süden anzutreten, die ihn in die gotischen Turmspitzen und Bögen des Bahnhofs St Pancras bringen würde. Seine Mutter gab ihm einen kleinen Walnusskuchen mit, den sie für die Reise gebacken hatte, und eine Thermoskanne Tee; und Richard Mayhew fuhr nach London und fühlte sich beschissen.