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Astrid Dauster/Walter Meili

OPFERKIND

Ich habe die Hölle überlebt, weil ich an den Himmel glaubte

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ISBN 978-3-7751-7474-9 (E-Book)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

Dies ist eine wahre Geschichte. Orte und Namen von Personen wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert.

© 2020 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:

Lektorat: Christina Bachmann

INHALT

Über die Autoren

Vorwort von Astrid Dauster

Vorwort von Walter Meili

AUFTAKT: DAS ERINNERN BEGINNT | 1996

Irgendetwas muss vor Jahren geschehen sein

Die Stahltür zu meinem Unterbewussten öffnet sich

MEINE SCHRECKLICHE KINDHEIT | 1955 − 1969

Spirale des Missbrauchs

Das Gute und das Böse

Gespräch mit dem Schäfer über die Angst vor dem Bösen

Gespräch mit dem Schäfer über Glaube, Zufall und die Botschaft

Qualen

Gespräch mit dem Schäfer über Gut und Böse

Gespräch mit dem Schäfer über die Lebensaufgabe und die Liebe Gottes zu den Menschen

Gespräch mit dem Schäfer, als ich nicht mehr stark sein wollte

Gespräch mit dem Schutzengel über den Tod

Gespräch mit dem Schäfer über das Glauben

Zusammengeflickt

Gespräch mit dem Schutzengel über Gestalt und Wesen Gottes

Gespräch mit dem Schäfer über Licht und Wahrheit

Psychoterror

Gespräch mit dem Schäfer über Glück

Gespräch mit dem Schäfer darüber, wer Schuld hat

Dem Teufel verschrieben

Nachtrag zu meinen Erinnerungen

MEINE LEEREN JAHRE | 1969 − 1996

Belastet

Harte Arbeit

Gespräch mit dem Schäfer über das Vergessen

Sterben

Gespräch mit dem Schäfer über weiße und gefleckte Schafe

Gespräch mit dem Schäfer und die Erkenntnis, wer er wirklich ist

Erwacht im Vergessen

Bedrohtes Leben

Gespräch mit dem Schutzengel über den Zeitpunkt des Sterbens

Zwischendasein

VOM VERGESSEN ZUM ERINNERN | 1996 − HEUTE

Der Schmerz kehrt zurück

Verändert durch die Erinnerung

Eingehüllt in Gottes Liebe

»Du sollst Zeugnis geben!«

AUSBLICK: MEINE AUFGABE

Schlüsselgedanken

Mein Auftrag heute

Anmerkungen

ÜBER DIE AUTOREN

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Astrid Dauster
(Jg. 1955) hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Süddeutschland. In den letzten Jahren berichtete sie vermehrt über ihr Leben und ihre Nahtoderfahrungen. Seit 2019 engagiert sie sich im erweiterten Vorstand vom »Netzwerk Nahtoderfahrung e.V.«.

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Dr. Walter Meili
(Jg. 1957) ist als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Traumatherapeut in eigener Praxis in Basel tätig. Er ist verheiratet und Autor des Buches »Phänomen Nahtod«. Er ordnet Astrid Dausters Erinnerungen psychologisch und geistlich ein.

Eine unglaubliche Überlebensgeschichte

Astrid Dauster lebt ein scheinbar normales Leben – bis plötzlich ihre vergessene Kindheit wie ein kalter Schock über sie hereinbricht. In ihren ersten 13 Lebensjahren wurde sie von ihrem Vater und anderen Mitgliedern einer Satanisten-Loge auf grausamste Weise gequält. Dann taucht mitten in diesem Abgrund ein liebevolles Licht auf: Begegnungen mit einem Schäfer, dem Astrid alle schwierigen Warum-Fragen stellt und der ihr tiefe Offenbarungen über Gut und Böse und das Wesen Gottes schenkt. Erst im Rückblick wird ihr klar: Diese Nahtoderfahrungen bedeuten ihren besonderen Auftrag ...

»Dieses Buch wühlt auf und lässt uns still werden. In der Stille spüren wir die Tiefe der Liebe Gottes. Ein Buch von enormer spiritueller Kraft.«
Prof. Dr. med. Mirko Bibl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

VORWORT VON ASTRID DAUSTER

Unvorstellbares und Unglaubliches habe ich überlebt durch ebenso Unvorstellbares und Unglaubliches!

Die ersten 13 Jahre meines Lebens waren geprägt von zum Teil unvorstellbaren Misshandlungen von Körper, Geist und Seele, die mich letzten Endes dazu bringen sollten, mich selbst zu töten.

Ich war das Opfer eines psychopathischen Vaters, der zudem Satanist war. Damals wusste ich das nicht. Als Kopf einer Verbrecherbande zog er Menschen in seinen Bann und besaß Macht über sie. Die Satanisten unter ihnen haben mir und anderen Menschen großes Leid angetan. Es sind zum Teil Taten, die jegliche Vorstellung eines normal denkenden Menschen übersteigen – was sich ein wahnsinniges Gehirn ausdenkt und auch ausführt, kann ein gesund denkender Mensch nicht nachvollziehen.

Alles, was ich hier aufgeschrieben habe, habe ich so erlebt. Und noch vieles mehr, worüber ich nicht berichten werde. Es sind Dinge, die für viele Menschen unvorstellbar sind. Es ist die unglaubliche Wahrheit.

Mit Gottes Hilfe durfte ich diese Grausamkeiten immer wieder überleben und auch zu meinem eigenen Schutz nach dem Tod meines Vaters – ich war damals 13 – alles vergessen, was zuvor geschehen war. Als die Zeit reif war und ich es ertragen konnte – 27 Jahre später –, begann ich mich an vieles davon bis ins kleinste Detail wieder zu erinnern. Beim Zusammenfassen all dessen für dieses Buch vertraue ich auf eine Weisheit, die in jedem Menschen ist. Diese Weisheit gab mir meine Erinnerungen Stück für Stück und zur richtigen Zeit wieder.

Ich weiß, dass diese Weisheit mich leiten wird, nur über das zu schreiben, was notwendig und wichtig ist. Denn ich habe all diese Erinnerungen nicht nur für mich bekommen, sondern auch, um darüber zu berichten. Meine harte Kindheit liegt über 50 Jahre zurück, die Erinnerungen daran, nach dem großen Vergessen, bereits über 20 Jahre. Damals wurden viele Menschen schuldig, Menschen, die sich in einer Geheimloge organisiert hatten. Diese Männer waren skrupellos, ohne Achtung vor Gott, seiner Schöpfung und den Menschen, ohne Achtung vor sich selbst. Sie kehrten alle christlichen Werte und Gebote um, sie töteten Leben und verhöhnten Gott dafür, dass er das alles zuließ.

An ihre Verbrechen erinnerte ich mich nur zum Teil und ich schreibe darüber nur begrenzt. Diese Menschen leben heute nicht mehr. Das, was sie mir in meiner Kindheit angetan haben, habe ich ihnen schon lange vergeben.

Den Weg meiner Erinnerungen konnte ich nur gehen, weil Menschen als Wegbegleiter an meiner Seite waren. Menschen, die mir in meinem Schmerz beistanden und für mich da waren, wenn ich sie brauchte. Es ist mir bewusst, wie schwer und schmerzhaft es für diese Menschen war, meinen Schmerz zu sehen und dabei selbst hilflos und ohnmächtig zu sein. Diesen Menschen danke ich von ganzem Herzen.

Ich möchte meiner Familie danken, die mich während meiner Erinnerungen über viele Monate in einer absoluten Ausnahmesituation erlebte, besonders meinen Kindern.

Dank meiner Therapeutin, zu der vor allem meine vielen »kleinen inneren Kinder« das nötige Vertrauen fassten, sodass sich die Tür zum Vergessen öffnen konnte – vor allen Dingen dafür, dass sie mir Glauben schenkte und mich nicht in eine Psychiatrie einwies.

Dank dem damaligen Pfarrer und Seelsorger meiner Pfarrei. Er war mein Wegbegleiter und ein guter Freund. Dank meiner Arbeitskollegin und meinem Chef während dieser Zeit. Sie waren für mich da, wenn ich sie brauchte.

Dank meinen Freunden und allen Menschen, die während dieser Zeit meinen Weg begleitet haben.

Dank meinen Geschwistern und tiefe Dankbarkeit einer Frau meines Heimatdorfes, die um das wusste, was mir angetan worden war, und die mir alle meine Kindheitserinnerungen bestätigte. Ich selbst habe nie daran gezweifelt, dass all das die reine Wahrheit war, aber die Bestätigung dieser Frau war sehr wichtig für meine Herkunftsfamilie.

Es gab in meiner Kindheit nur wenige Menschen, die mir auch dann noch geholfen haben, wenn mein Vater sie dafür bestrafte. An das, was diese Menschen damals für mich getan haben, habe ich mich ebenfalls wieder erinnert – auch ihnen gegenüber empfinde ich tiefe Dankbarkeit.

Den Weg meiner Erinnerungen gehen zu dürfen empfand und empfinde ich als große Gnade und Geschenk. Mir wurde ein neues Leben geschenkt, indem ich erinnern, bearbeiten, verarbeiten und ablegen durfte. In mir ist Dankbarkeit für dieses große Geschenk und für alle Menschen, die mir für diesen Weg zur Seite gestellt wurden.

Orte und die Namen von Personen habe ich geändert. Dennoch haben diese Menschen genauso gelebt und gehandelt, wie ich es berichte. Viele von ihnen leben nicht mehr. Diejenigen, die heute noch leben, werden sich in dem Buch wiederfinden und wiedererkennen – sofern sie sich noch erinnern wollen und können.

Ich klage niemanden mehr an. Ich möchte allen, die damals Schuld auf sich geladen haben, die Gelegenheit geben, mit sich ins Reine zu kommen und die Menschen, die durch sie leiden mussten, um Vergebung zu bitten. Mir ist bewusst, dass auch ich in meinem bisherigen Leben Menschen verletzt habe, ob bewusst oder unbewusst – und ich bitte euch alle um Verzeihung und Vergebung.

Ich danke ausnahmslos ALLEN Menschen aus tiefem Herzen, denen ich in meinem ganzen bisherigen Leben begegnen durfte und noch begegnen darf – die mich begleiten, gleich in welcher Form und zu welcher Zeit meines Lebens. Denn nichts, rein gar nichts geschieht ohne Sinn: Jeder Mensch ist zum einen für sich, aber auch ein Teil im großen Plan Gottes, den kein Mensch in seiner Gesamtheit erkennen kann, wohl aber in seinem Leben.

Astrid Dauster
Weilheim, im März 2019

VORWORT VON WALTER MEILI

Bühl (Baden), Juli 2017. Ich nahm zum ersten Mal an der Jahrestagung des Netzwerkes Nahtoderfahrung e. V. teil. Ich kannte niemanden und fühlte mich entsprechend am ersten Abend etwas als fünftes Rad am Wagen. Am nächsten Morgen begab ich mich, wie ich das gewöhnlich tue, innerlich in Gottes Gegenwart und betete in der leeren Klosterkapelle um gute Begegnungen an diesem Tag. In erster Linie wollte ich mich einfach auf dieser Tagung wohlfühlen.

Es saßen schon einige Teilnehmende an den großen Frühstückstischen. Ich wählte den Platz gegenüber einem Mann etwa in meinem Alter, der sich am Vortag als evangelischer Pastor zu erkennen gegeben hatte. Ich diskutiere immer gerne mit Theologen, besonders wenn sie wie dieser Herr offensichtlich offen sind für Nahtoderfahrungen. Er war aber eifrig ins Gespräch vertieft mit der Dame, die neben ihm saß. Sie erzählte ihm von ihrer Nahtoderfahrung. Diese kleine, zunächst unscheinbare Frau, ich kannte ihren Namen noch nicht, war mir am Vortag schon aufgefallen: Sie hatte auf eine besondere Art leuchtende Augen. Diese strahlten für mich Reife, Lebenserfahrung und auch Gotteserfahrung aus. »Sicher eine, die selber eine Nahtoderfahrung gemacht hat«, hatte ich bei mir gedacht.

Ich kam mit dem Pastor also nicht ins Gespräch, er stand auch bald auf, da er früher abreisen musste. Dafür unterhielt ich mich mit der Dame, es war Astrid Dauster, die mir in groben Zügen ihre Lebensgeschichte erzählte. Ich merkte sofort: Diese ist höchst außergewöhnlich und sowohl für mich als Christ, als Kenner der Nahtoderfahrungs-Literatur als auch als Psychiater und Psychotherapeut von größtem Interesse. Ich sagte deshalb zu ihr: »Du solltest über dein Leben ein Buch schreiben – ich helfe dir dabei.« Wie sich herausstellte, hatte Astrid »das Buch« bereits geschrieben, jedenfalls zum größten Teil. Es galt freilich noch, den Text zu ordnen, zu strukturieren und zu kürzen, bis das vorliegende Buch fertig war. Außerdem habe ich zahlreiche Anmerkungen sowie erläuternde Abschnitte eingefügt.

Dass sich dieses Buch auch mit Satanismus befasst, ist zwar wichtig, die Botschaft, dass Astrid Dauster die Hölle eben deshalb überlebte, weil sie auch in reichem Maße den Himmel erfuhr, ist aber die Hauptbotschaft. Dennoch möchte ich schon im Vorwort etwas zum Satanismus sagen: Es wird sowohl von der Religionswissenschaft als auch den Strafverfolgungsbehörden angezweifelt, ob es diese grausamsten Verbrechen von Satanisten überhaupt gibt. Nun, es gibt eben Dinge, die schwierig zu beweisen sind und dennoch existieren.

Psychotherapeuten begegnen Opfern von Satanismus jedenfalls immer wieder. In drei deutschen Bundesländern wurden im Jahr 2005 alle 3225 kassenärztlichen Psychotherapeuten befragt, ob sie in ihrer Tätigkeit schon Opfern von ritueller (also satanistischer) Gewalt begegnet seien. Rückmeldungen kamen von 1523 Therapeuten. Davon hatten 182 Therapeuten Opfer von satanistischer Gewalt in ihren Praxen gesehen. Rund 95 Prozent der Fälle wurden von den Therapeuten als glaubwürdig eingeschätzt.1

Ich habe selbst einmal eine Frau behandelt, die glaubhaft darlegte, dass sie in ihrer Kindheit durch ihren Vater, der einer Satansekte vorstand, schlimmsten Gewalttaten ausgesetzt war. Mein Praxispartner weiß gar von zwei solchen Fällen zu berichten. Michaela Huber, eine Pionierin der Traumatherapie, widmet in ihrem Buch Trauma und die Folgen ein ganzes Kapitel dem Thema der rituellen Gewalt.2

Die Münsteraner Sektenexpertin Brigitte Hahn3 warnt in einem Internetbeitrag vom 26. März 2013 vor der Gefahr durch Satanisten. In deren Zeremonien würden schon Kinder extremer sexualisierter und anderer Gewalt ausgesetzt, sagte die Leiterin des Arbeitskreises Rituelle Gewalt der Bistümer Essen, Münster und Osnabrück. Ihr Beitrag erhellt auch, weshalb Psychotherapeuten solche Fälle regelmäßig zu Gesicht bekommen, während es selten zur Strafverfolgung kommt.

Nachdem die Arbeiten am Manuskript im Wesentlichen bereits abgeschlossen waren, wurde ich auf eine Neuerscheinung des schweizerischen Vereins CARA (Care About Ritual Abuse) aufmerksam.4 Auch hier wird bestätigt: Mitten unter uns gibt es offenbar gut organisierte und sehr wachsam im Verborgenen agierende Gruppen, die ihren Opfern meist ab frühester Kindheit extreme Gewalt zufügen. Die Betroffenen stoßen später – wenn sie überleben und den Ausstieg aus den Fängen der Täter überhaupt schaffen – auf eine Mauer aus Unglauben und Skepsis. Zu unfassbar sind die Dinge, die sie erlebt haben.

Das Zeugnis von Astrid Dauster hat zwei Vorzüge: Zum einen berichtet sie nicht anonym, wie das – aus verständlichen Gründen! – die meisten Opfer tun. Zum anderen durfte sie in ihrer Hölle den besonderen Schutz und die Fürsorge des Himmels empfangen. Jesus ist Sieger!

Dr. Walter Meili
Basel, im März 2019

AUFTAKT:
DAS ERINNERN BEGINNT

1996

IRGENDETWAS MUSS VOR JAHREN GESCHEHEN SEIN

Ich wurde 1955 als zweites Kind und älteste Tochter im Westen Deutschlands geboren. Nach mir kamen noch mehrere Geschwister zur Welt. Mein Vater starb nach langer schwerer Krankheit im Jahr 1969. Nach seinem Tod unterstützte ich meine Mutter auf jede nur erdenkliche Weise. 1969 verließ ich nach der achten Klasse die Volksschule und besuchte zwei Jahre die Wirtschaftsschule, die ich 1971 erfolgreich mit der mittleren Reife abschloss. Im Sommer 1971 begann meine Arbeit als Angestellte in der Buchhaltung eines Großhandelsbetriebes.

Das war alles, was ich noch von meiner Kindheit wusste, hätte man mich danach gefragt. Mir kam nicht in den Sinn, dass ich noch wesentlich mehr hätte wissen müssen. In meinem Heimatdorf fragte mich niemand nach meiner Kindheit – sie wussten zum größten Teil alles über mein Leben, auch das, was ich nicht mehr wusste. Sie wussten, dass ich mein Gedächtnis verloren hatte.

In meiner Herkunftsfamilie wurde nach seinem Tod nicht mehr von unserem Vater oder über ihn gesprochen. Nach und nach verschwand alles, was in irgendeiner Weise an ihn hätte erinnern können: Fotos, seine persönlichen Sachen, einfach alles, was mit ihm zusammenhing. Erst seit Ende 1996 ist mir bewusst, wie »unnormal« das war. Damals war es so, wie es war. Ich habe die Frage nach dem Warum nie gestellt. Auch im Dorf wurde nicht mehr über ihn gesprochen, zumindest nicht in Gegenwart von mir oder einem anderen Mitglied meiner Familie. Es war, als hätte er nie existiert.

Mein Vater war tot, gestorben nach einem längeren schweren Krebsleiden. Das waren mein Wissen und meine Erinnerung an ihn.

Nach seinem Tod musste ich alles vergessen, was mir in den ersten 13 Jahren meines Lebens von ihm und von anderen Menschen angetan wurde. Ich musste und durfte alles vergessen. Der totale Gedächtnisverlust 1969 war meine einzige Chance zum Leben und Überleben. Kurz vor dem Wahnsinnigwerden nahm mein Unterbewusstsein die Hölle meiner ersten 13 Lebensjahre auf und verschloss sie hinter einer massiven Stahltür. Diese Tür war ein Schutz vor mir selbst und vor den Menschen, die mich nach dem Tod meines Vaters töten wollten. Eine Tür, die sich erst 27 Jahre später wieder öffnen würde, um mir meine Erinnerungen an mein fehlendes Leben zurückzugeben.

Bis zum Zeitpunkt meiner Erinnerungen 1996 führte ich ein Leben, das man wahrscheinlich als normal bezeichnen würde:

• 1978 Heirat, 1979 Umzug in ein anderes Bundesland, in dem ich heute noch lebe.

• 1980 Geburt meines Sohnes, sechs Jahre später die Geburt meiner Tochter.

• 1992 Rückkehr ins Berufsleben als Verwaltungsangestellte im kirchlichen Bereich.

Auch die Erinnerungen von 1969 bis 1978 waren mehr als dürftig. Bis 1978 lebte ich weiterhin in meinem Elternhaus, in dem ich so oft gequält worden war. Ich lebte im Dorf, in dem meine anderen Peiniger ebenfalls noch lebten und war ihren ständigen »Prüfungen« ausgesetzt – ob ich noch immer mein Gedächtnis verloren hatte oder mich wieder an alles erinnerte und mit diesem Wissen nun dafür sorgte, dass sie alle ihre gerechte Strafe erhielten. Sie lebten in ständiger Angst, dass ich mich an die Polizei wenden und sie vor Gericht bringen könnte. Diese Angst war unbegründet – ich wusste nichts mehr und begegnete meinen damaligen Peinigern wie allen anderen Menschen auch. Ich erkannte sie nicht mehr als die Menschen, die mich gequält, verletzt und missbraucht hatten. Bis 1996, dem Beginn meiner Erinnerungen, stand ich diesen Menschen ohne Vorbehalt gegenüber.

Mein Leben bestand darin, dass ich meine Mutter zu Hause unterstützte, ab 1971 beruflich tätig war und mich in der Ortsgruppe einer Hilfsorganisation ehrenamtlich engagierte. Dadurch war ich im Dorf selbst relativ wenig »sichtbar«. Ich hatte keinen festen Freund wie meine gleichaltrigen Freundinnen, wenig Lust auf Discobesuche, Fun und Action oder Kneipen. War ich doch einmal mit Freunden unterwegs, fühlte ich mich oft wie das berühmte Mauerblümchen. Ich konnte und wollte keine oberflächlichen Freundschaften eingehen und für mich war das nicht weiter tragisch. Würde mir »der Richtige« begegnen, wäre alles anders, so glaubte ich. Jahre nach meinem Wegzug erfuhr ich, dass ich Menschen, die mich liebten, im Schmerz der Enttäuschung zurückließ. Menschen, die für mich sehr gute Freunde waren und in ihrer Liebe nicht ungeduldig waren. Ich erkannte das damals nicht, was gut so war, weil mein Weg ein anderer sein sollte.

Viele Fragen ohne Antwort

Dennoch war ich oft einsam, fühlte mich allein und sehnte mich nach einem Menschen, mit dem ich reden konnte, der mich einfach nur in die Arme nahm, ohne gleich auf die Idee zu kommen, »mehr« zu wollen. Ich verstand selbst nicht, wieso ich nicht so war wie meine Freundinnen oder Klassenkameradinnen. Sie waren so locker im Umgang mit den Jungs und kamen immer schnell mit ihnen ins Gespräch. Für mich waren solche oberflächlichen Gespräche nichts.

Aber wenn ich dann überlegte, worüber ich mich gerne mit jemandem unterhalten hätte, musste ich passen. Ich wusste es nicht! Es musste doch etwas geben, worüber ich sprechen konnte. Ich spürte, dass es in mir sehr viel »Wichtiges« gab, ich fand aber keine Worte dafür. Alles, was so wichtig war, war noch nicht wieder in mein Bewusstsein zurückgekehrt. Es war eine fatale Situation: Einerseits widerstrebte es mir, mit tausend Worten nichts zu sagen. Andererseits konnte ich die tausend Dinge, über die ich sprechen wollte, nicht in Worte fassen.

Durch meinen Beruf und das ehrenamtliche Engagement vergaß ich jedoch auch diesen Mangel. Ich hatte mittlerweile gelernt, Gespräche zu führen – entweder auf der oberflächlichen Berufsebene oder über meine Arbeit in der Hilfsorganisation. Da ging es um fachliche Themen. Durch entsprechende Aus- und Fortbildungen war ich bereits als 18-Jährige Erste-Hilfe-Ausbilderin und leitete Kurse. Nach einer Ausbildung zur Schwesternhelferin arbeitete ich außerdem ehrenamtlich im Krankenhaus und in einer Nervenklinik. Über diese ehrenamtliche Tätigkeit lernte ich auch meinen späteren Mann näher kennen und lieben.

Doch unterschwellig hatte ich damals hin und wieder das Gefühl, dass irgendetwas mit mir nicht in Ordnung war. Im April 1974 schrieb ich in mein Tagebuch:

Irgendetwas muss vor Jahren geschehen sein; irgendein Ereignis, das ich in mein Unterbewusstsein zurückgedrängt habe, ist schuld daran, dass …

Wie oft habe ich schon geforscht, aber es ist, als ob ich mich im Kreise bewege, mein Unterbewusstsein sträubt sich dagegen, sein Geheimnis preiszugeben – aber ich gebe den Kampf nicht auf, denn um glücklich zu werden, muss ich eine Antwort finden.

Meine Tagebücher hatte ich – bis auf die aus den Jahren 1973 und 1974 – irgendwann vernichtet. Als 1996 meine Erinnerungen wiederkehrten, fand ich auch diese Einträge, ebenso wie meine Gedichte aus diesen Jahren! Einfach so? Im Mai 1974 schrieb ich:

Wo liegt, o Gott, der Sinn der Welt?

Welche Aufgabe zu lösen ist mir gestellt?

Warum bin ich in diese Welt geboren,

in der ich glaube mich verloren!

Was ist, sage mir, denn nur geschehn,

dass ich mich selbst nicht kann verstehn,

dass mir so sinnlos ist mein Dasein,

mich flüchten lässt in Einsamkeit – Alleinsein.

Ich kann es nicht ertragen, die Antwort nicht zu finden.

Was ist mein Schicksal?

Was muss ich überwinden,

um frei zu werden, zu mir selbst zu finden?

Wie viele Menschen sind glücklich – leben heute so wie morgen,

warum, so frag ich mich, kann ich es nicht sein?

Millionen vergessen ihre Sorgen, um nur noch ich zu sein;

warum, so frag ich mich – gibt es dies Leben nicht für mich?

Die Antwort, ja, kannst, o Gott, auch du nicht geben.

Sie zu suchen – ist das mein Leben?

Ein anderes Gedicht schrieb ich im Dezember 1973:

O Gott, wie drückt die Bürde schwer, die du mir hast gegeben.

Doch sterben darf nur der, der nicht versteht zu lösen

die Aufgabe, die ihm das Leben stellt.

Den einen trifft es früh, den anderen spät,

doch niemand ihr entgeht.

Denn wie ein Schatten folgt sie dir auf deinem ganzen Lebensweg.

Der eine glaubt sie schon gelöst – bevor sie ist gestellt.

Der andere hat sie schon gelöst – glaubt an den Sinn der Welt.

Doch mancher läuft davon, sucht ein Entrinnen –

ruhelos ist er, sie wird ihn immer finden.

Unbarmherzig ist der Kampf, kennt kein Erbarmen –

Leben oder Sterben?

Groß ist des Schicksals Macht –

Dienen oder Herrschen?

Verzweifle nicht, fliehe aus der Nacht –

du musst ertragen, was ist für dich bestimmt,

musst deine Lösung finden.

Denn dann bist du zufrieden

und kannst vor dir und Gott bestehen.

Natürlich fand ich keine Antwort auf meine vielen Fragen, mein Unterbewusstsein gab sein Geheimnis noch nicht preis – und ich vergaß alle meine Fragen nach dem Warum.

Ich bin nicht verrückt

Ich liebte meinen künftigen Mann, nur das zählte für mich. Ich erinnere mich, dass ich einmal zu ihm sagte, mein Vater sei nicht immer gut zu mir gewesen. Seine Antwort war, dass mein Vater sehr krank gewesen war. Diese Erklärung war logisch und ich nahm sie an. Welche andere hätte es geben sollen? Dennoch spürte ich, dass das nicht stimmte.

Über die Tatsache, dass ich keine Jungfrau mehr war, war ich innerlich schockiert – gleichzeitig aber auch nicht. Ich konnte mir das nicht erklären. Ich hatte zuvor mit keinem anderen Mann geschlafen, das wusste ich doch! An eine Verletzung durch einen Unfall oder Sportunfall während meiner Schulzeit konnte ich mich auch nicht erinnern. Da ich aber ganz sicher noch nie mit einem Mann geschlafen hatte, musste es wohl so gewesen sein. Wahrscheinlich hatte ich es nicht bemerkt oder vergessen. Damit war auch dieses Thema erledigt.

Nach Heirat und Wegzug aus meiner Heimat ging es mir nicht gut. Mir war vorher nicht bewusst gewesen, was mich erwarten würde, ich war nicht darauf vorbereitet. Voller Freude war ich in dieses gemeinsame Leben gestartet. Ich hatte meine Großfamilie, meinen Beruf, Freunde und vieles andere, was mir wichtig war, zurückgelassen. Nun war ich schwanger und den ganzen Tag allein in einer fremden Stadt mit fremden Menschen.

Nach der Geburt meines Sohnes brauchte ich ein gutes Jahr, um mich von einer lebensbedrohlichen Situation nach dem Kaiserschnitt zu erholen. Sechs Jahre später kam meine Tochter zur Welt. Es folgte der Hausbau. Es begann eine Zeit, die vom Gefühl her nicht »in Ordnung« war, wenn auch nicht ersichtlich war, wieso. Nach einer gemeinsamen Therapie lief es zwar in der Beziehung wieder besser. Aber die darauffolgenden Jahre wurden für mich und auch insgesamt für die Beziehung immer belastender.

Immer wieder analysierte ich mein Leben: Ich hatte einen Mann, der mich liebte, zwei gesunde Kinder, ein Haus und einen Beruf. Ich hatte in meiner neuen Heimat nun Freunde und Bekannte, war Mitglied in einem Konzertchor, engagierte mich ehrenamtlich in meiner Pfarrei. Ich hätte doch glücklich sein müssen – aber ich war es nicht. Stattdessen verlor sich dieses Gefühl »Glücklichsein« immer mehr.

Ich liebte meinen Mann und meine Kinder, das wusste ich, aber wieso »fühlte« ich diese Liebe nicht mehr so tief in mir? Wieso war da so viel anderes, das ich nicht benennen, nicht greifen und nicht ändern konnte? Ich fühlte mich oft allein, war traurig, ohne zu wissen, warum. Auch wenn ich glaubte, dass es mir gut ging, tat es das nicht – und ich verstand nicht, wieso das so war.

»Bin ich vielleicht verrückt?«, fragte ich mich, denn so, wie es war, war es nicht normal. Wieso ist es so und wieso kann ich daran nichts ändern? In dieser Not wandte ich mich an eine Psychologin. Nach unserem ersten Gespräch verließ ich die Praxis, innerlich hüpfend wie ein kleines Kind. »Bin ich verrückt?« Diese Frage hatte ich an sie gestellt – entschieden hatte sie das verneint.

Dass ich diese Frage schon einmal als 13-Jährige einem Psychiater gestellt hatte, daran erinnerte ich mich erst viel später. Aber das Gefühl, als meine Therapeutin sagte, dass ich nicht verrückt sei, war das gleiche wie damals: Große Erleichterung, dass mir ein kompetenter Mensch bestätigte, dass ich nicht verrückt war.

Der Abschied von meiner Mutter

Nach meinen ersten Gesprächen mit der Therapeutin begannen mein Mann und ich eine Paartherapie. Etwa zum gleichen Zeitpunkt wurde bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert. Anfang 1996 wurde sie operiert, aber die Krankheit war so weit fortgeschritten, dass sie keine wirkliche Überlebenschance hatte. Im Laufe der darauffolgenden sechs Wochen fuhr ich fast jedes Wochenende zu ihr. Nach einer zweiten Operation lag sie einige Wochen auf der Intensivstation. Ich konnte nicht mit ihr sprechen, sondern wortlos in einem stummen Dialog einfach nur da sein.

Jedes Mal wenn sie aus ihrem Dämmerzustand erwachte, stand das blanke Entsetzen in ihren Augen. Puls, Blutdruck und Atemfrequenz schnellten in die Höhe – die gesamte Ärzteschaft stand vor einem Rätsel. Heute weiß ich, dass zu diesem Zeitpunkt alles, was auch sie nach dem Tod ihres Mannes, meines Vaters, verdrängen musste, gnadenlos aus ihrem Unterbewusstsein nach oben kam. Sie war durch Medikamente ruhiggestellt und schmerzfrei, doch innerlich in einem Ausnahmezustand.

Und sie weinte. Ich selbst habe meine Mutter nur zweimal weinen sehen: einmal während meiner Kindheit und dann, als ich zu Hause auszog und sie sich von mir verabschiedete. In ihren Tränen war mehr als der Schmerz eines Abschiedes, es waren viele ungesagte Worte. Jetzt weinte sie oft, wenn sie aus ihrem Dämmerzustand aufwachte. Das machte mich sehr traurig – es war die Trauer meines Unterbewusstseins. Es war der Schmerz meiner 13 vergessenen Jahre und es war ihr Schmerz, verbunden mit dem Wissen, dass keiner der anderen diese Traurigkeit lindern konnte.

Bei meinen Besuchen durfte ich sie eine Stunde täglich auf der Intensivstation sehen – eine von 24 Stunden eines langen Tages. Den Rest des Tages war sie allein mit ihrer Angst, ihrer Traurigkeit, dem Wissen von damals. Doch jedes Mal verließ ich meine Mutter in dem Wissen, dass sie nicht sterben würde.

Nach einem Anruf Ende Februar, dass sich ihr Zustand sehr verschlechtert habe, machte ich mich mit dem nächsten Zug das letzte Mal auf den Weg zu ihr. Ich musste relativ bald umsteigen, irrte auf einmal durch die Abteile und fand meinen reservierten Platz nicht. Ich war innerlich unruhig, ohne den Grund zu wissen. Doch dann war dieser Zustand vorbei, so schnell und plötzlich, wie er gekommen war. Ich war ruhig und empfand einen tiefen inneren Frieden. Durch einen Anruf in der Klinik erfuhr ich, dass meine Mutter genau zu der Uhrzeit gestorben war, als ich im ICE umherirrte.

Spät am Abend war ich in der Klinik, um als letztes ihrer Kinder Abschied von ihr zu nehmen. Als ich allein das Zimmer betrat, wusste ich, dass ihre Seele noch anwesend war. Ich fühlte es. Sie hatte auf mich gewartet. Ich streichelte ihre Wange und legte meine Hand auf ihre Schulter. Ihr Körper war warm wie immer und ich sagte zu ihr: »Ich vergebe dir«, um im gleichen Augenblick über meine eigenen Worte zu erschrecken. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass mein Mund diese Worte »selbstständig« sprach – was sollte ich ihr vergeben?

Doch bevor ich darüber weiter nachdenken konnte, wusste ich schon nicht mehr, was ich gerade gesagt hatte. Die Erinnerung daran kam erst etwa ein Jahr später wieder in mein Bewusstsein. Einige Minuten lang nahm ich einfach nur Abschied. Ich war erfüllt von einem tiefen Frieden und war innerlich sehr ruhig. In dem Moment fühlte ich nicht den tiefen Schmerz und die Traurigkeit über ihren Tod, sondern ich spürte eine tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit.

Nachdem meine Geschwister und ich gemeinsam noch ein letztes Mal Abschied von unserer Mutter genommen hatten, verließen wir das Zimmer. Es war mittlerweile ein kaltes Totenzimmer geworden. Meine Mutter war gegangen, ihre Seele hatte den Körper verlassen, zurück blieb nur ihr toter, kalter Körper. Doch ich wusste, dass sie ins Licht gegangen war und es ihr dort gut ging.

DIE STAHLTÜR ZU MEINEM UNTERBEWUSSTEN ÖFFNET SICH

In den darauffolgenden Monaten durchlebte ich eine sehr schlimme Zeit der Traurigkeit, des Schmerzes und der Wut, dass meine Mutter einfach gegangen war. Innerlich schrie ich: »Jetzt ist es genug. Du warst lange genug tot, jetzt komm wieder!«

Ich verstand selbst nicht, was in mir ablief. Wieso konnte ich mich nicht einfach mit ihrem Tod abfinden? Wieso lief ich einer Frau in der Fußgängerzone hinterher, im Glauben, sie sei meine Mutter? Wieso war ich so unglaublich traurig, wenn ich in der Stadt erwachsene Frauen sah, die noch in Begleitung der eigenen Mutter sein durften? Am Muttertag liefen mir die Tränen die Wangen hinunter – wie gerne hätte ich meiner Mutter jetzt auch Blumen geschenkt!

Ich hatte Albträume, von denen ich nur wusste, dass sie sehr schlimm waren, und fühlte mich am Morgen wie gerädert, körperlich erschöpft und zerschlagen. Nach etwa einem halben Jahr hatte ich diese schlimme Zeit meiner tiefen inneren Ohnmacht überstanden. Heute weiß ich, dass diese Zeit bereits ein Vorbote meiner Erinnerungen war.

Mit dem Tod meiner Mutter war die begonnene Paartherapie zu meiner eigenen Therapie geworden. Einmal fragte ich die Therapeutin: »Wieso weiß ich so wenig von meiner Kindheit?« Ich hatte viele ihrer Fragen meine Kindheit betreffend nicht beantworten können. Sie gab mir zur Antwort, dass es eigentlich nur zwei Möglichkeiten gebe, wenn man an die eigene Kindheit fast keine Erinnerung mehr habe: »Entweder war sie stinklangweilig oder schrecklich.«

Dass meine Kindheit in einer Familie mit so vielen Geschwistern mit Sicherheit nicht stinklangweilig gewesen sein konnte, war für mich klar. Aber wieso hatte ich dann keine Erinnerung daran? War meine Kindheit etwa schrecklich gewesen? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Und wenn ja, was war dann in meiner Kindheit derart schrecklich gewesen, dass ich mich nicht mehr daran erinnerte? Ich dachte: »So schlimm kann sie doch gar nicht gewesen sein, dass ich einfach alles vergessen habe.«

Anfang November 1996 befand ich mich für ein paar Tage in meinem Heimatdorf. Die Wohnung meiner Mutter im Erdgeschoss meines Elternhauses war seit ihrem Tod so geblieben, wie sie von ihr im Januar verlassen worden war. Ich wohnte während meines Aufenthaltes bei einem Bruder in der oberen Etage des Hauses. In diesen Tagen begann der Prozess meiner Kindheitserinnerungen.

DISSOZIATIVE AMNESIE

Hintergrund der Aussage der Therapeutin ist die regelmäßige Beobachtung bei psychisch traumatisierten Menschen, dass die schlimmen Dinge, die man erlebt hat, vergessen werden – entweder sofort oder erst nach einer bestimmten Zeit. Man spricht von einer Dissoziativen Amnesie. Der Begriff Dissoziation (von lateinisch dissociare = trennen, scheiden) meint das teilweise oder vollständige Auseinanderfallen von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen; in diesem Fall also Wahrnehmung, Bewusstsein und Gedächtnis. Sinn der Dissoziation ist der Schutz des Individuums vor einer Überflutung von Reizen, die zu einem psychischen Zusammenbruch führen würden. Hirnphysiologisch sind diese Vorgänge durchaus nachvollziehbar. Sie sind z. B. gut verständlich nachzulesen bei Michaela Huber: Trauma und die Folgen. Teil 1, ab S. 37.

An einem Abend war ich allein in der Wohnung und saß im Wohnzimmer des Anbaus, der durch einen Mauerdurchbruch mit dem ursprünglichen Elternhaus verbunden worden war. Von meinem Platz aus sah ich direkt in das Zimmer des Altbaus, das in meiner Kindheit unter anderem das Elternschlafzimmer gewesen war und später zum Schlafzimmer für meinen Vater, mich und meine Geschwister wurde. Ich hatte ein Gefühl, das ich nicht definieren konnte. In mir waren Angst, Panik, Ohnmacht, Bedrohung – aber ich wusste nicht, vor wem oder was.

Ich war wie gelähmt und es ging mir immer schlechter. Der Blick in diesen dunklen Raum wurde mehr und mehr zu einer mächtigen Bedrohung, die sich mir stetig näherte und mir die Luft zum Atmen nahm. Ich konnte es nicht mehr ertragen, diesen Raum zu sehen, war aber auch nicht mehr in der Lage, meinen Blick davon abzuwenden.

Ich brauchte Hilfe und irgendwie schaffte ich es, zum Telefon zu gehen und meinen Mann zu bitten, dass er kommen möge. Mein Bruder sprach kurz mit mir und zu ihm konnte ich nur noch sagen: »Ich habe Angst.« Wenig später trafen beide ein. Auf die besorgte Frage meines Bruders: »Was ist los?«, konnte ich nur sagen: »Ich weiß es nicht, ich hatte wahnsinnige Angst.«

 

Weitere Dinge geschahen, für die ich keine Erklärung fand. So konnte ich die Treppe vom ersten Stock am Abend einfach nicht nach unten gehen, obwohl ich es wollte. Ich hatte Angst, in den Keller zu gehen. Ich lief aus der Wohnung meiner Mutter hinaus, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich wachte nachts panisch und schweißgebadet auf, aber ich hatte keine Erklärung dafür.

Zurück zu Hause, ging es mir nach dieser Reise zusehends schlechter. Immer mehr hatte ich das Gefühl, in einem tiefen Brunnen zu sitzen; der Himmel über mir wurde dunkler und dunkler. Ich kam an einen Punkt, an dem es mir so schlecht ging, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte – ohne einen ersichtlichen Grund dafür zu haben! Vom Verstand her wusste ich, dass kein Mensch das Recht hat zu töten, weder sich noch andere. Und trotzdem saß ich da und hielt eine Rasierklinge an mein rechtes Handgelenk. Ich überlegte nicht mehr, was aus der Familie und meinen Kindern werden würde, ich wollte einfach nicht mehr leben. Ich war am Ende und hatte doch anscheinend gar keinen Grund dazu.

Kurz bevor ich zum tödlichen Schnitt ansetzen wollte, ging ich zu meinem Mann und fragte ihn, wie ich die Rasierklinge ansetzen müsse, um mich umzubringen. Ich denke, dass er aufgrund seiner eigenen Hilflosigkeit in dieser Situation zu mir sagte, dass wir genügend Bücher besäßen, in denen ich das bestimmt nachschlagen könne. Ich wurde ungeheuer wütend auf ihn – und das war gut. Diese Wut ermöglichte mir, wieder klarer zu denken. Plötzlich dachte ich an meine Kinder. Ich dachte an ihren Schmerz und ihre Trauer. Ich wusste, dass es ihnen nicht gut gehen würde, wenn ich mich tötete. Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass sie leiden müssten.

Doch ich wollte mein Vorhaben auch nicht aufgeben. Ein nicht zu beschreibendes Chaos war in mir, bis ich plötzlich zurück im Jetzt war. Ich brach innerlich zusammen, es war der absolute Ausnahmezustand. Ich ging zu meinem Mann und bat ihn, mich zu halten. Er fragte mich, was eigentlich los sei. Ich hatte keine Worte.

Dann war wieder Ruhe in mir und tiefer Friede. Irgendwann sagte ich zu ihm: »Ich habe Angst. Ich habe Angst vor mir selbst.« Dieses Gefühl war mehr als erschreckend, es war schrecklich. In mir hatte sich etwas verselbstständigt, das ich nicht in der Lage war aufzuhalten. Ich hatte mich töten wollen – etwas derart Unvorstellbares wollte ich tun! Ich hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein. Es ging mir offenbar so schlecht, dass ich diesen Schritt hatte gehen wollen, dabei gab es doch keinen ersichtlichen Grund dafür!

TODESSEHNSUCHT

Die Pionierin der Traumatherapie, Michaela Huber, hat in ihrem Buch Trauma und die Folgen eines der Kapitel wie folgt überschrieben: »Wieso erscheint traumatisierten Menschen der Tod oft näher als das Leben?« Das sagt ja schon aus, wie häufig Suizidimpulse und leider auch Suizide bei Menschen mit Trauma-Erfahrungen sind. Die Gründe können verschieden sein. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel das Empfinden aufgrund des erlebten Traumas – ob dieses nun schon bewusst ist oder nicht: »Ich kann das Leben nicht aushalten – es soll endlich aufhören, so wehzutun.«

Einige Tage nach diesem Vorfall tauchte ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Es stand wie eine Mauer in meinem Bewusstsein, dem ich fassungslos, voller Ohnmacht und sprachlos gegenüberstand. Im Rückblick gesehen war dieses erste Bild meiner Kindheitserinnerungen noch sehr harmlos im Vergleich zu den Bildern, die ab diesem Zeitpunkt unaufhörlich auftauchten. Etwa zwei Wochen konnte ich mit keinem Menschen darüber sprechen, doch es erschien immer wieder vor meinem inneren Auge und ich war ihm ausgeliefert.

Das war der Anfang meiner Kindheitserinnerungen.

Ich erinnere mich

Das Bild zeigte mich als etwa Siebenjährige im Bett meines Vaters. Er missbrauchte mich, ich weinte, ich wollte das nicht, aber ich hatte keine Chance gegen ihn. Er hörte nicht auf und sagte immer nur: »Aber du bist doch mein Mädchen.« Dann erweiterte sich das Bild. Meine Mutter kam nach oben, sie hatte einen meiner Brüder auf dem Arm. Ich flüchtete zu ihr. Er wollte mich zu sich zurückziehen, aber sie schob ihn mit aller Kraft zur Seite, nahm mich an der Hand. Wir gingen nach unten, während er oben schrie und tobte: »Keiner nimmt mir meine Kinder weg!«

Als wir fast unten waren, sah ich nach oben, denn er war plötzlich so still. Er war ein paar Stufen hinter uns auf der Treppe, sein Gesicht zu einer entsetzlichen Fratze entstellt, seine Augen hasserfüllt. Bevor ich schreien konnte, gab er meiner Mutter einen Stoß und wir fielen alle drei die letzten vier Stufen der Treppe nach unten. Heute weiß ich, dass meine Mutter daraufhin eine ihrer insgesamt drei Fehlgeburten erlitt. Für zwei dieser Fehlgeburten war mein Vater verantwortlich.

Nach diesem ersten Erinnerungsbild musste ich mit jemandem reden. Ich war in einem Zustand, den ich selbst nicht einordnen konnte. Ich hatte Bilder vor Augen, von denen ich bisher nichts wusste, aber sie waren so klar, deutlich und real, als würde das, was ich vor meinem inneren Auge sah, im selben Moment geschehen. Ich versuchte, diese Bilder zu vergessen und zur Seite zu schieben. Es ging nicht – im Gegenteil: Ich empfand zudem alle damit verbundenen Schmerzen und Gefühle.

PHYSISCHE ERINNERUNG

Es ist typisch, dass Trauma-Patienten nicht nur bildhafte Erinnerungen erleben, sondern dass das Trauma beim Wiedererinnern mit allen Sinnesqualitäten erlebt wird, also auch mit den damit verbundenen physischen Schmerzen.

Nachdem ich mit meiner Therapeutin darüber gesprochen hatte, ging es mir ein paar Wochen lang unheimlich gut. Es war, als könnte ich das erste Mal in meinem Leben tief durchatmen. Ich war von meinem Vater als Kind missbraucht worden. Deshalb konnte es mir nicht wirklich gut gehen! Das war der Grund. Endlich hatte ich die Antwort. Jetzt wusste ich auch, warum ich mich an meine Kindheit nicht mehr erinnern konnte. Sie war schrecklich gewesen, aber ab jetzt würde es mir nur noch gut gehen. Jetzt war mir auch klar, warum es mir bei meinem letzten Besuch nicht möglich gewesen war, die Treppe im Elternhaus hinunterzugehen. Mein Unbewusstes »wusste« natürlich, was damals dort geschehen war.

Etwa vier Wochen lang ging es mir viel, viel besser – doch dann bewegte sich mein Zustand wieder in die andere Richtung. Jeden Tag ging es mir schlechter. Ich konnte das Warum wieder nicht begreifen. Bis sich die Stahltür zu meinem Unterbewusstsein ohne weitere Vorwarnung sperrangelweit öffnete. Es begann eine schlimme Zeit, in der ich mich an meine Kindheit bis zum Alter von 13 Jahren wieder erinnerte, in der ich jeden einzelnen körperlichen und seelischen Schmerz, der mir zugefügt worden war, wieder durchleben musste. Nach 27 Jahren kehrte das Vergessene wieder in mein Bewusstsein zurück. Nach all diesen Jahren wurde mir meine Kindheit wiedergegeben und damit die große Gnade, endlich alles verarbeiten zu können.

Ich habe jeden Schmerz, jede körperliche und seelische Misshandlung im Wiedererinnern noch einmal in gleicher Intensität wie damals gefühlt und durchlebt. Dadurch habe ich die Chance bekommen, endlich frei zu werden von allen unbewussten Ängsten und Schmerzen, die trotz des Vergessens mein weiteres Leben beeinflusst hatten. Was ich ab diesem ersten Tag des Erinnerns noch vor mir hatte, wusste ich nicht – und das war gut so!

Über einen Zeitraum von fast zwei Jahren (1996 bis 1998) habe ich meine Kindheit wieder durchlebt. Über 3500 DIN-A4-Seiten schrieb ich während der Zeit meiner Erinnerungen nieder. An Gespräche und Situationen erinnerte ich mich mit Punkt und Komma und diese handschriftlichen Seiten wurden jeweils von dem Kind in mir geschrieben, das ich zu diesem Zeitpunkt gewesen war: In diesen Aufzeichnungen sind mindestens sieben verschiedene Handschriften enthalten, alle mit meinen damaligen Rechtschreibfehlern! Die Erinnerungen an das, was ich als Kind erlebte, bevor ich zur Schule kam und schreiben lernte, sind in meiner jetzigen Handschrift geschrieben: Die Kleine von damals diktierte mir, was ihr angetan worden war.

Von diesen Erinnerungen ist im folgenden Teil die Rede.

FRÜHERE ICHS

Die verschiedenen Handschriften zeigen eindrücklich, wie sich in der Erinnerung die »Ichs« von damals zu Wort meldeten. Es ist typisch für ein psychisches Trauma, dass die Zeit stehen bleibt. Das heißt, hat ein Mensch als 7-Jährige etwas Schlimmes erlebt, bleibt ein Persönlichkeitsanteil in diesem Erleben stecken. Wenn mit 8 Jahren nochmals etwas Schlimmes geschieht, entsteht ein weiterer Anteil, auch Trauma-Innenperson genannt. Die Betroffene ist inzwischen vielleicht 40 geworden und weiß von all dem nichts mehr. Taucht die Erinnerung dann aus irgendeinem Grund wieder auf, erlebt die 40-jährige Frau dies als 7-jähriges Mädchen. Von daher ist es folgerichtig und ein Beweis für die Echtheit der Erinnerung, dass sie in diesem Zustand auch wie eine 7-Jährige schreibt.

MEINE SCHRECKLICHE KINDHEIT

1955 − 1969

SPIRALE DES MISSBRAUCHS

Von den Erinnerungen an meine Kindheit zu berichten ist für mich der schwierigste Teil des Buches. Er beinhaltet einen kleinen Teil dessen, was mir in meiner Kindheit durch meinen Vater und andere Menschen angetan wurde. Beim Schreiben stand ich immer wieder vor der Frage: Was kann ich anderen Menschen davon zumuten? Die Tatsache, dass ich Unvorstellbares durch ebenso Unvorstellbares überlebt habe, rechtfertigt, so glaube ich, auch diesen Teil meines Buches.

Dennoch kann es nur ein kurzer Einblick in meine ersten 13 Lebensjahre sein. Oft war mir auch eine genaue zeitliche Zuordnung nicht möglich. Diese Seiten sind vielmehr ein Querschnitt all der menschlichen Grausamkeiten und unzählig vielfältigen Verletzungen an Körper, Geist und Seele, die ich ertragen und überlebt habe. Ebenso sind sie ein Zeugnis davon, zu welchen Taten Menschen in der Lage sind – sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Den existenziellen Kampf von »Gut gegen Böse« habe ich mit göttlicher Hilfe gewonnen.

RAT AN DEN LESER

Die Autorin wirft die Frage auf, was sie anderen Menschen in diesem Buch zumuten dürfe. Es ist tatsächlich so, dass in diesem Kapitel zum Teil Grausamkeiten beschrieben werden, die einen nicht nur betroffen machen, sondern auch belasten können. Das gilt besonders dann, wenn Sie als Leser selbst Gewalt in irgendeiner Form erlebt haben. Dann kann es sein, dass durch das Lesen Ihr eigenes traumatisches Erleben aktiviert wird, dass es plötzlich da ist, als erlebten Sie es gerade jetzt. Es ist auch möglich, dass ein Trauma, dessen Sie sich jetzt gar nicht bewusst sind, allmählich oder plötzlich ins Bewusstsein kommt.

Wenn Sie sich beim Lesen unwohl fühlen und besonders wenn sich ein Gefühl von »wie in Watte gepackt« oder »nicht ganz da, irgendwie benebelt« einstellt: Machen Sie sich bewusst und spüren Sie, wie Ihre Fußsohlen den Boden berühren! Sie können auch fest auf den Boden stampfen. Atmen Sie in den Bauch hinein, sodass der Bauch sich beim Einatmen vorwölbt. Sehen Sie sich in Ihrem Raum um und suchen Sie mit den Augen vier grüne, drei blaue und zwei gelbe Gegenstände. – Und legen Sie das Buch weg, überspringen Sie den Abschnitt und suchen Sie das Gespräch mit einer Vertrauensperson und/oder einer Fachperson für Traumata!

Vom Opfer zum Täter

Die Spirale des Missbrauchs begann schon lange vor meiner Geburt. Mein Vater wurde 1921 von einer Frau geboren, die allgemein als »Dorfhure« bekannt war und zudem die ledige Schwägerin seines Vaters war.

Diese Frau, Mira, lebte mit im Elternhaus meines Vaters und mein Großvater war dieser Schwester seiner eigenen Frau hörig. Die beiden Frauen waren zur gleichen Zeit von ihm schwanger. Mira hatte ihre Schwangerschaft bis zum Ende geschickt vor den Dorfbewohnern verbergen können und brachte Zwillinge zur Welt. Sie entband ohne eine Hebamme, nur mithilfe meines Opas. Den schwächeren Zwilling ließen Mira und mein Opa nicht am Leben. Seine eigene Frau stieß mein Opa eine Woche vor der Niederkunft die Treppe hinunter, was eine Fehlgeburt auslöste. Miras Kind wurde dann als Kind meiner Oma ausgegeben.

Dieses Kind, mein Vater, wurde von Mira verwöhnt und umsorgt. Sie war ledig, hatte sogar Arbeit und somit genügend Geld zur Verfügung. Sie behandelte ihn wie ihr Eigentum und missbrauchte ihn schließlich auch sexuell. Die Bestätigung dessen bekam ich 1997 von der Schwester meines Vaters. Ein damaliger Lehrer sorgte dafür, dass mein Vater seinen leiblichen Eltern weggenommen wurde. Mein Vater hat diesen eigenen Missbrauch nicht verkraftet, er wurde zu einem schweren Psychopathen. Er wurde vom Opfer zum Täter.

Jahrzehnte nach seinem Missbrauch durch die eigene Mutter band er diese auf einem Stuhl fest und zwang sie, dabei zuzusehen, wie er mich auf brutale Weise missbrauchte. Seine Augen waren voller Hass, als er zu ihr sagte: »Du wirst dir jetzt ansehen, was ich mir damals für dich ausgedacht habe, was ich mit dir tun würde, wenn ich alt genug wäre. Für diese Rache habe ich gelebt, es war das Einzige, was mich am Leben hielt. Aber irgendwann wurde mir klar, dass es dir nichts ausmachen würde, wenn ich dich vergewaltige, dass du aber zugrunde gehst, wenn ich ihr all das antue, was ich mir für dich ausgedacht hatte.«

Ich habe durch Mira, die wusste, dass er mich schon lange missbrauchte, aber nicht in der Lage war, gegen ihren Sohn etwas zu unternehmen, oft Hilfe erfahren. Es waren kleine Hilfen – das, was sie riskieren konnte, ohne mir zu schaden. Er hatte zu ihr gesagt: »Wenn du dir einbildest, dass du sie schützen und ihr helfen kannst, dann darfst du es gerne tun, aber bedenke, dass sie für jede Hilfe büßen wird. Ich werde dir nicht verbieten, ihr zu helfen, sondern sie bestrafen, wenn du es tust.«

Mein Vater behütete mich wie seinen Augapfel. Ich war seine älteste Tochter. Ich habe einen älteren Bruder und nach mir kamen noch mehrere wesentlich jüngere Geschwister. Im Dorf war man der Meinung, dass mein Vater mich abgöttisch liebte, niemand traute sich, mir zu nahe zu kommen. Sie fürchteten seinen Zorn.