Das letzte, das Alexander Girlitz vorher noch bewusst wahrnahm, war ein kleines Stehcafé namens »Vitamin-Reich«, an dem er schon oft vorbeigekommen war. Der Name sollte zeigen, dass Fruchtsäfte die Spezialität des Hauses waren. Ein Plakat warb mit: »Vitamin-Spritze ohne Pieksen«, handgeschrieben auf farbigem Karton. Das altmodische und etwas schäbige Ambiente – soweit er von außen erkennen konnte, denn er war selbstverständlich niemals darin gewesen – schien ihm allerdings wenig mit Dingen wie Gesundheit und Fitness vereinbar. Die Einrichtung hatte höchstwahrscheinlich ein zweistelliges Alter, der Obstkorb auf der Theke sah wie eine künstliche Sechziger-Jahre-Büffet-Dekoration aus und nicht, als ob er tatsächlich zum Verzehr gedacht wäre. Hinter der Theke hantierte ein dicklicher, südländisch wirkender Mann mittleren Alters mit Kannen und Kuchentellern. In der Vorweihnachtszeit bot er auch Glühwein und Waffeln an. Alex konnte sich nicht erinnern, jemals einen Gast mit einem Saftglas gesehen zu haben. Gäste gab es dort hin und wieder schon, aber sie hatten Kaffeetassen vor sich und waren eher alt und übergewichtig. Mit einer Mischung aus Interesse für Ungewöhnliches und Abgestoßensein erblickte er das Café jedes Mal, wenn er vorbeikam, und er kam seit Jahren oft vorbei, denn das Café lag auf dem Weg von seiner Wohnung in die Innenstadt. Vor allem anderen aber richtete er sein Augenmerk auf die Phoenix canarensis im großen Schaufenster, die dort zwischen noch mehr Dekorationsobst stand. Ihr Stamm fing eine gute Hand breit über der Erde an, dazwischen breiteten sich bleistiftdicke Wurzeln aus. Trotz alledem schienen sowohl die Palme als auch das »Vitamin-Reich« ihr Auskommen zu haben, auch wenn Alex anfangs beim Passieren der Häuserecke mit dem Café den Bankrott desselben beziehungsweise das Ableben der Zierpalme nur noch für eine Frage der Zeit hielt. Aber das war vor einigen Jahren gewesen, als er gerade hierhergezogen war. In dieser Stadt galten andere Maßstäbe, wie Alex mit der Zeit gelernt hatte, auch in ganz anderen Punkten.
Alex ging also weiter an diesem grauen Freitagnachmittag im November, an dem er sich freigenommen hatte und in der Innenstadt einkaufen wollte. Er ging den weiten Weg absichtlich zu Fuß. Jenseits des Cafés überquerte er das kleine, übel riechende Flüsschen, aber da hatte er sich bereits beim Laufen in seinen Gedanken verloren. Die Oberfläche einer Ananas im Schaufenster hatte in ihm die Erinnerung an Gitternetzlinien geweckt, die einer dreidimensionalen Wölbung folgten. Solche Darstellungen kannte er aus Lehrbüchern über nichtelementare Geometrie. An gekrümmte Ebenen erinnerte er sich, die als Beispiele für die gewölbte vierdimensionale Raumzeit dienen sollten. In seinem Kopf wölbten sie sich noch weiter und stärker. Am Ende seines Gedankenganges hatte er nicht nur einige erstaunliche Implikationen aus der Allgemeinen Relativitätstheorie gezogen – dazu gehörte noch nicht allzu viel, das passierte ständig auf diesem Planeten –, sondern ihm war eine Idee zu deren technischer Umsetzung gekommen, deren Details er im Kopf ausgearbeitet hatte. Es ging, grob gesagt, um die Realisierung von Zeitreisen mittels Verzerrung des Raum-Zeit-Kontinuums, die er durch speziell modulierte elektromagnetische Wechselfelder erreichen konnte.
Alexander Girlitz war Physiker, er hatte vor zwei Jahren seine Doktorarbeit abgeschlossen und arbeitete immer noch am Wernher-von-Braun-Institut für Angewandte Materialforschung in Radevormwald, wo er sein Geld mit eigentlich ganz gewöhnlicher anwendungsorientierter Forschung verdiente, die in keiner Weise so abgehoben war wie die Allgemeine Relativitätstheorie. Nachdem er von der Machbarkeit seiner überraschenden Entdeckung überzeugt war, beschloss er, sie zu verwirklichen. Die technischen Aufbauten zeichneten sich schon vor seinem inneren Auge ab, waren jedoch mit einigem Aufwand verbunden. Geräte mussten beschafft, einiges neu gebaut werden. Die Vorstellung, Projektentwürfe, Anträge für Forschungsmittel, Entwürfe, Arbeitspläne, Literaturübersichten und Ähnliches zu schreiben, Gutachtersitzungen über sich ergehen zu lassen und auch sonst sich bei wichtigen Leuten einzuschleimen, zog ihn wieder aus seiner höheren Sphäre herunter – so was hatte er bereits hinter und höchstwahrscheinlich noch oft vor sich, Sitzungen, die weitaus schlimmer waren als jede Prüfung, die er an der Universität oder in der Schule gehabt hatte, in denen er sich vorkam wie jemand, der wegen eines besonders abartigen Ritualmordes oder Steuerhinterziehung verurteilt werden sollte. Die Jurys bestanden hauptsächlich aus smarten Jungprofessoren, kaum älter als er, die nebenher noch Jungunternehmer waren und ihren knappen zeitlichen Ressourcen für Gutachtersitzungen opferten – grauenhaft! Er begann wieder, seine Umgebung wahrzunehmen, die Fußgängerzone im Stadtzentrum, die Geschäfte, die Passanten, die er überholte oder denen er im Entgegenkommen ausweichen musste – rätselhaft, wie er ohne Unfall so weit gekommen war. Außerdem hatte er jetzt das erste Geschäft erreicht, zu dem er unterwegs war, ein Biokosmetikladen namens »Naturbalsam«, in dem er seine fluoridfreie Zahncreme kaufte.
Auf den letzten Schritten zum Eingang fiel ihm eine junge Frau auf, die gerade das Geschäft verließ, vielleicht Mitte zwanzig, groß und offensichtlich sehr schlank unter dem dicken, schwarzen Kamelhaarmantel, den sie trug. Sie hatte glattes, hellblondes Haar, das sie streng zurückgebunden trug, und streng war auch ihr starrer Blick unter der hohen schmalen Stirn, voller Arroganz und darunter sehr verletzlich. Jedenfalls schien es Alex so. Oder vielleicht sah sie einfach nur beschränkt aus? Nein, definitiv intelligent. Ihre vorstehenden Wangenknochen ließen das Gesicht angespannt wirken. So wie sie war, wirkte sie unglaublich anziehend auf ihn.
Die Frau hatte Alex ebenfalls bemerkt und kurz angeschaut, dabei ihren abweisenden Gesichtsausdruck eher noch verstärkt. Vielleicht fand sie es unpassend für ihn als Mann, ein Geschäft für Naturkosmetik zu betreten. Sie ging ihm ebenso wenig aus dem Kopf wie sein vorher überschlagenes Vorhaben, auch wenn er damit zunächst weit mehr beschäftigt war. Beim Einkaufen war er dann auch reichlich zerstreut, aber zwei schicksalhafte Momente in so kurzer Zeit sind auch sehr ungewöhnlich. Alex ging weiter in ein Fachgeschäft für Aquaristik, um einen Sack feinen Quarzkies zu kaufen, danach in zwei Buchläden, in denen er nichts Bestimmtes suchte und auch nichts kaufte. Nachdem er noch ein paar Lebensmittel besorgt hatte, fuhr er mit der Straßenbahn nach Hause.
In der Bahn, als er einen Teil der beschlagenen Scheibe frei wischte, um hinauszuschauen in die Dämmerung, fand er die eigentliche Bedeutung dieses Nachmittages. Oder sie fand ihn, da er nicht danach gesucht hatte: Er war sich selbst wiederbegegnet. Seinen Träumen, Wünschen, Gedanken, von vor fünf Jahren, vor zehn Jahren… Seit langem wieder ein tieferer Gedanke aus freien Stücken wie der genialische Einfall zur Zeitreise. Tiefer im Sinne von konstruktiv und kreativ, nicht nur resigniert und analysierend. Ungezählte Versäumnisse meldeten sich wieder aus dem Bodensatz seines Gedächtnisses zurück. Vor allem aber der abweisende, arrogante, feindselige Ausdruck der blonden Frau beschäftigte ihn: Die gleiche Attitüde hatte er früher auch getragen. Als die erste Person Plural und die zweite Singular verboten waren, weil es nur noch ihn und die Anderen gab und niemanden dazwischen. Jedes Du war nach einiger Zeit so weit weg wie die feindselige Masse gewesen oder noch weiter. Während des Studiums konnte er sich so eine weltabweisende Haltung noch erlauben. Sie musste sich jetzt so fühlen wie er damals. Außerdem, damals wäre sie seine Traumfrau gewesen – oder heute immer noch? Unleugbar, dass er sie gern berührt, angefasst hätte. Jedes Detail, das er an ihr beobachtet hatte, war ihm noch präsent und würde es bleiben, wie eingebrannt.
Dr. Alexander Girlitz beschäftigte sich in seiner Arbeit mit der Messung von elektrischen Leitwerten, Magnetoresistenzen und Hall-Koeffizienten dünner metallischer Schichten unter Tieftemperatur- und Ultrahochvakuumbedingungen, was ihn eigentlich entsetzlich langweilte. Drohende Arbeitslosigkeit hatte ihn seinerzeit bewogen, eine Doktorandenstelle am Wernher-von-Braun-Institut für Angewandte Materialforschung in Radevormwald anzunehmen, obwohl er dafür aus seiner beschaulichen Universitätsstadt in die unbekannte Großstadt umziehen musste. Nach der Promotion war er, ausgestattet mit einem recht behaglichen Arbeitsvertrag, geblieben, obwohl er seine Arbeit nicht mochte und am allerwenigsten seinen Abteilungsleiter und Doktorvater, Professor Dr.-Ing.
Dunkelfeld. Dieser schätzte zwar Alex’ Arbeit, in gewissem Maße jedenfalls, aber ihn selbst weniger. Die Kommunikation zwischen beiden war sehr erschwert, als sprächen sie verschiedene Sprachen, in denen ein Wort für jeden eine unterschiedliche Bedeutung hat. Gespräche, ja selbst Telefonate und Emails beschränkte er daher meist auf das Notwendigste. Seine Interessen, Vorlieben und Weltanschauungen behielt Alex für sich, um sich keiner abschätzigen Meinung auszusetzen. Er war jedoch eines Tages der einzige im Institut gewesen, der die von ihm benutzte experimentelle Technik beherrschte, nachdem ein anderer Wissenschafter ausgewandert und ein Techniker untragbar geworden war und entlassen werden musste. Personelle Alternativen waren nicht in Sicht gewesen, und Professor Dunkelfeld hasste Vorstellungsgespräche und neue Gesichter.
Alex wiederum war dauerhaft von einer seltsamen Trägheit befallen, die ihn davon abhielt, sich nach Erhalt des Doktortitels ernsthaft eine andere Stelle zu suchen. Letztendlich war die Arbeit nicht gerade anstrengend, nur langweilig und frustrierend. Sein Enthusiasmus war nach und nach verblasst und einer dumpfen Desillusionierung gewichen. Andererseits hatte er eine Herde gefunden, in der er halbwegs akzeptiert war, was auch damit zu tun hatte, dass er sehr selbstständig arbeitete und praktisch zu niemanden in Konkurrenz stand. Die bessere Bezahlung der Festanstellung erlaubte ihm immerhin, eine größere Wohnung mit Balkon und Südfenstern zu mieten, und so war er schließlich geblieben.
Der Umzug hatte auch nur innerhalb derselben Straße stattgefunden, was Alex erlaubte, seine Sachen einfach von Wohnung zu Wohnung zu tragen, anstatt seine Besitztümer zu ordnen und einzupacken, Überflüssiges auszusortieren und wegzuwerfen und einen Wagen für den Transport zu mieten. Nur um ein paar Möbel zu tragen, hatte er Bekannte um Hilfe gebeten.
Seine alte Wohnung war geradezu übergequollen vor Kakteen, auf jedem Fleck, der hell genug gewesen war, hatte ein Blumentopf gestanden. Jetzt hatte er viel mehr Platz und Licht.
Alex’ Kakteenleidenschaft hatte recht unspektakulär begonnen mit einem Notocactcus ottonis, den er zur Konfirmation geschenkt bekommen und der seine Vollmitgliedschaft in der protestantischen Kirche erheblich überdauert hatte. Er war genügsam, bekam wenig, aber regelmäßig Wasser, wuchs und blühte, und irgendwer nahm ihn zum Anlass, Alex einen Zweiten zu schenken. Dieser litt bald an Stachelausfall und Borkenbildung. Alex kaufte danach einen weißhaarigen Kaktus für sein Studentenzimmer, der kurze Zeit später an Wurzelfäule einging.
Dank eines Ratgeberbuches konnten weitere Kakteen am Leben erhalten werden, nachdem Alex einiges über Winterruhe, Wasser und Kakteendünger gelernt hatte.
Die eigentliche Initialzündung kam, als Alex Jahre später, kurz nachdem er als Doktorand am WBI angefangen hatte, in einem kleinen, herrlich unaufgeräumten, vollgestopften Buchladen nach einem Geburtstagsgeschenk für seine damalige Freundin suchte und einen Bildband über Kakteen für sich entdeckte. Irgend einen Bildband für die kunstliebende Freundin fand er auch noch. Während ihn die Forschungsarbeit zunehmend desillusionierte und die Freundin ihn verließ, wuchs das Interesse an den Kakteen rapide. Die scheinbar einfachen Formen, Kugeln und Säulen, faszinierten ihn, ihre Symmetrie und gelegentlich die Symmetriebrechung, sprich Verzweigung und Fehlwuchs. Die Pflanze als Abstraktion! Sein geheiligter Kakteenbildband, der teilweise als Einkaufs- und Suchliste diente, zeigte künstlerisch fotografierte Prachtexemplare vor schwarzem Hintergrund, auf keinem Foto war etwas von Topf, Erde oder Wurzeln zu sehen. Wahrscheinlich waren es Züchtungen aus aufwändigen Gewächshäusern, während Alex Kakteen auf der Fensterbank sich unweigerlich zum Licht krümmten und schief wuchsen. Und gerade die empfindlichsten Sorten hatten es ihm angetan, graugrüne Diven, die in handgemischter Blumenerde und mit Regenwasser mühsam am Leben gehalten, erbittert mit Insektengift gegen Läuse und andere Untiere oder mit Fußpilzspray gegen Pilzfäule und Verkorkung verteidigt werden mussten.
Eine Art Pornographiesituation: Die Hochglanzbilder perfekt ausgeleuchteter Schönheiten erzeugten ein immer währendes Bedürfnis, die Realität sah weniger gut aus und machte viel mehr Umstände. Alex durchkämmte stundenlang Gartencenter oder bestellte Samen im Internet, um an die schönsten Sorten heranzukommen. Ein paar weniger wertvolle Exemplare wurden ausgelagert in sein Büro im Wernher-von-Braun-Institut.
Bei seinen abendlichen Spaziergängen durch die Stadt spähte Alex in fremde Fenster auf der Suche nach Kakteen. Auch andere Pflanzen sah er sich nebenbei gerne an, solange dabei keine schwülstige Blumenpracht zu sehen war. Die blattartigen, leichtblühenden Kakteen wie die »Königin der Nacht« (Selenicereus grandiflorus) oder Weihnachts- und Osterkakteen, die er selbst nie halten würde, konnte er in fremden Wohnzimmern durchaus bewundern. Supermarkt- und Baumarktkakteen in hässlichen Übertopfen sah er oft, denen kein langes Leben gegeben sein würde, aber auch riesige Säulen und Kugeln, die schon viele Jahre hinter denselben Fenstern stehen mussten, größer als selbst die größten Exemplare im Gartencenter. Ob man mit solchen Kakteen überhaupt umziehen konnte? Alex hatte einige ganz besondere Lieblinge, sehr seltene Arten oder Pflanzen von besonders schönem Wuchs, wie einen leicht verwachsenen und verzweigten Cereus, dem er leider nie nahe genug kam, um die Art zu bestimmen, weil ein umzäunter Vorgarten dazwischenlag. Ein anderer war einen wunderschöner, faltiger Echinofossulocactus, der in einem eher tristen Mietshaus direkt am Gehsteig stand, wo er seine Nase hätte an die Scheibe drücken können. In dieser Gegend stand sonst unglaublicher Kitsch hinter den Scheiben, Plastikfiguren, Fußballwimpel, hässliche altmodische Vorhänge. In den Zimmern liefen oft Fernseher. Stehenzubleiben mochte er hier nicht, da nicht auszuschließen war, dass die Bewohner zu Beschimpfungen oder Gewalttätigkeiten neigten, wenn jemand auffällig ins Fenster glotzte. Alex wählte seine Routen nach den Pflanzen. Zu solchen bevorzugten Kakteenfenstern kam er regelmäßig, wie ein heimlich Verliebter in der beständigen Angst, entdeckt zu werden.
Der größte Teil von Alex’ Arbeit bestand im Reparieren und Einstellen seiner Messeinrichtungen, die in großen Ultrahochvakuumapparaturen untergebracht waren, großen, unförmigen, aus vielen Einzelteilen zusammengeschraubten Metallgefäßen mit ebenfalls angeschraubten Rohren und Sichtfenstern. Entweder streikten die Vakuumpumpen oder die Messelektronik, die Alex’ Vorgänger in schlechtem Zustand hinterlassen hatte. Vakuumverbindungen wurden undicht, oder Bauteile im Inneren klemmten und mussten repariert werden. Ansonsten brauchte er viel Zeit für langwierige Probenpräparationen, von deren Sorgfalt der Erfolg der ganzen Arbeit abhing: Zuschneiden, Polieren, Beschichten, noch mal Polieren, Anätzen und am Ende alles unter dem Mikroskop kontrollieren. Die eigentlichen Messungen übernahm ein Computerprogramm, das am Ende Materialparameter zu elektrischen und magnetischen Eigenschaften in Form von Messkurven und Zahlen auswarf. Über die musste Alex Artikel für Fachjournale schreiben oder damit Anträge auf Fördergelder rechtfertigen, oder er musste auf Kongressen und Projektsitzungen Vorträge halten – zum Glück höchstens einmal pro Vierteljahr. Ziel des Ganzen war die Verbesserung von Materialeigenschaften, die Entwicklung schnellerer Elektronikbauteile oder Oberflächenbeschichtungen mit speziellen Eigenschaften. Leider wurden die Ziele, die zu Beginn solcher Projekte formuliert wurden, nie so ganz erreicht. Und zu Alex’ Unbehagen hatte er immer mit Projekten zu tun, die alte Technologien effizienter machen sollten oder höchstens mal neue Anwendungsgebiete erschließen, aber nie mit etwas wirklich Neuem und Bahnbrechendem. Falls es den »Durchbruch nach Plan« überhaupt gab! Alex jedoch entwickelte eine Begabung dafür, in seinen Projekten Begründungen zu finden, warum die große Innovation kurz bevorstand. Das jedenfalls verlangte Prof. Dunkelfeld von ihm und seinen Kollegen, um seiner Forschungsförderung und der Aufmerksamkeit der Fachwelt auch in Zukunft teilhaftig zu werden.
Aus dem Studium, vor allem aus den Schwärmereien gegen Ende seiner Schulzeit hatte Alex den Eindruck mitgenommen, dass Wissenschaft ganz anders funktionieren würde. Aber das war Historie, die Beschäftigung mit einem Goldenen Zeitalter der Naturwissenschaft, mit Biographien, Briefwechseln und Wissenschaftsgeschichte, die dazu führte, dass die Einsteins, Plancks und Heisenbergs ihm viel realer und menschlicher erschienen als seine eigenen Professoren. Zäh folgte er sogar ihren Ausflügen in die Philosophie. Er kannte das Privatleben seiner Helden besser, dafür ihre Routinearbeit viel weniger. Wahrscheinlich fehlte ihm etwas, wenn er nicht wusste, wie ein Nobelpreisträger als Lehrer, Verwalter und Vorgesetzter funktioniert hatte. Gut möglich, dass das ausschlussreicher war als Spekulationen über weltanschauliche Irrläufe des betreffenden Genies. Vielleicht hatte sich nie einer der Meisterschüler getraut, richtig zu sagen, dass ein Bohr oder Schrödinger nicht nur genial, sondern auch unausstehlich sein konnte. Dieser Verdacht kam Alex, als er immer wieder hörte, mit welchen Lobhudeleien ihm bekannte, menschlich unzulängliche Professoren bedacht wurden. Aber diese Desillusionierung wuchs spät und langsam, als Alex sich immer weniger den Realitäten des Wissenschaftsbetriebes entziehen konnte.
Alex hatte einfach nur das Pech eines zu spät Geborenen, zu spät, weil die moderne Physik schon instrumentalisiert und bürokratisiert war. Und er war in einem für ihn unattraktiven Betätigungsfeld gelandet, weil er immer wieder reflexartig vor den spitzen Ellenbogen der Spitzenforschung zurückgezuckt war. Zum Trost kramte er gelegentlich, wenn alle Kakteen versorgt waren, seine alten Bücher und Studienunterlagen hervor und versuchte, das damals Gelernte nachzuvollziehen.
Einer solchen Auseinandersetzung mit der Relativistischen Elektrodynamik war auch der Einfall zu verdanken, wie er einen Raum-Zeit-Transformator bauen könnte. Offenbar hatte sich noch niemand dieses Themas angenommen, der erstens Zeitreisen nicht von vornherein als Unfug abtat und zweitens beim Aufbau von Versuchseinrichtungen erfahren und einfallsreich, um nicht zu sagen, skrupellos genug war. Alex hatte ein exzellentes räumliches Vorstellungsvermögen und wusste instinktiv, wie man eine bestimmte Anordnung erreichte, und sei es das zeitlich variable Verbiegen von abstrakten Feldgrößen. Er konnte die unmöglichsten Dinge miteinander ins Gleichgewicht bringen – vielleicht auch nur die unmöglichsten, denn er neigte zu unorthodoxen Lösungen, man könnte auch sagen, zu chaotischem Vorgehen. Bei Routinearbeit wurde er leicht unachtsam. Deswegen, unter anderem, waren seine Begabungen auch nie richtig anerkannt worden.
Bei Alex war dieses ewige Basteln, Schrauben und Löten nicht etwa eine Folge von Geldmangel in seiner Abteilung, sondern von Zeitmangel und Ungeduld. Es ging einfach schneller, mit vorhandenen Bauteilen zu improvisieren und experimentieren anstatt Kataloge zu wälzen. Ohnehin hätte er oft genug Spezialanfertigungen anstelle fertiger Geräte gebraucht. Dann die ganze Bürokratie des Bestellwesens, Bestellungen schreiben und unterschreiben lassen, Lieferfristen abzuwarten und Rechnungen als »sachlich richtig« abzeichnen – da war ihm stundenlanges Schrauben und Löten einfach lieber. Seine Vorgänger hatte reiche Vorräte an Elektronikkleinteilen, Vakuumkomponenten, ausrangierten Geräten und allen möglichen Ersatzteilen hinterlassen, die er gerne ergänzte, wenn er einmal die Muße zum Bestellen hatte oder wenn er alte Anlagen ausschlachten konnte. Aufgegebene Messstände in nicht mehr benutzten Laboren waren Ersatzteillager, die ihn mehr als jeder Katalog einluden, sich zu bedienen. Was ihm an Kleinkram noch spontan fehlte, konnte er meistens aus den institutseigenen Werkstätten für Elektronik und Feinmechanik schnorren.
Gerüchte, es würden Sicherheitsüberprüfungen durch den TÜV im Institut stattfinden, trieben ihm dann den Angstschweiß in die Stirn, da seine Improvisationen nur von ihm selbst überblickt werden konnten, und er sich nur widerwillig mit Formalien wie Beschriftungen, Dokumentationen und Sicherheitshinweisen aufhielt.
Alex gedachte, durch geeignet oszillierende elektromagnetische Felder den Raum zu komprimieren, so dass der Ablauf der Zeit beschleunigt werden würde. Wurde im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum der Raum verdichtet, wölbte er sich bildlich gesprochen in Richtung der Zeit stärker, sodass man wie bergab fließendes Wasser an einem steileren Hang eine größere Geschwindigkeit erreichte. Die Zeitreise wäre somit nur in Richtung der Zukunft möglich. Die entgegengesetzte Richtung hätte auch zusätzlich Probleme mit der Entropie, sprich, spontan zunehmender Ordnung mit sich gebracht, was sowohl der Alltagslogik wie auch der Thermodynamik vehement widersprach. Science-Fiction-Autoren sahen über so etwas gern großzügig hinweg – als ob Wasser auch bergauf fließen könnte (es müsste sich dabei spontan abkühlen)! Alex wollte in seinen Feldern Energie konzentrieren, die ausreichte, das Raum-Zeit-Kontinuum zu deformieren. Die Kunst lag darin, die Energie fortlaufend so einzufüttern, dass sie sich selbst ausbalancierte, quasi ihr eigenes Gefäß bildete. Die Mess- und Kontrollgröße für die verzerrte Raumzeit bildete die Winkelsumme eines gleichschenkligen Dreiecks – beziehungsweise der Mittelwert von dreien, für jede Raumrichtung. Die Winkelsumme, die im Fall eines ebenen Dreiecks ein-hundertachzig Grad beträgt – elementare Geometrie! –, nimmt mit der Aufwölbung im Vierdimensionalen zu, mit der sattelförmigen Wölbung einwärts jedoch ab. Die Zunahme ist direkt proportional zum Zeitbeschleunigungsfaktor. Soweit ganz einfach, der Trick bestand eigentlich nur im Betrieb der elektromagnetischen Felder.
Ob wirklich, wie Eingangs beschrieben, der Anblick einer Obstschale in einem schäbigen, altmodischen Stehcafé die einfache Möglichkeit der Zeitreise inspiriert hat – man weiß es nicht. Hatte das Lokal in einer Zeitblase überlebt, oder schimmerte an dieser Stelle ein Paralleluniversum durch?
Am folgenden Samstag und Sonntag verbrachte Alex viel Zeit mit Überlegungen, Berechnungen und Planungen für den Bau seiner Zeitmaschine, wie er sie mittlerweile nannte. Er beschloss, sie in einer Abstellkammer im Keller des Instituts zu bauen, in der nur alte Transformatoren abgestellt waren. Diese wollte er gleich mitbenutzen. Sogar zwei alte Drehstromanschlüsse gab es dort, da der Raum ursprünglich ein Labor gewesen war. Damit könnte der immense Energiebedarf der Anlage gedeckt werden, hoffte er. Allein deshalb wäre es unmöglich, die Zeitmaschine zu Hause zu bauen. Zu beschaffen waren vor allem große, sechseckige Magnetspulen, für die er Unmengen an Kupferdraht brauchen würde.
Den Gedanken, Prof. Dunkelfeld oder sonst jemanden einzuweihen, verwarf er, obwohl er sie dann von »seinem« Labor fernhalten musste. So ganz nebenher musste er ja auch noch seine eigentliche Arbeit schaffen, und davon hätte ihn sein Chef niemals freigestellt. Seine wissenschaftlichen Kollegen würden, wenn sie davon erführen, seine Pläne und Berechnungen beim gemeinsamen Mittagessen laut diskutieren und mit ihrem Studiumswissen angegeben. Für die alltägliche Arbeit, die ihm im Grunde gleichgültig war und für die er sein Hintergrundwissen eher widerwillig erweiterte, war das ja manchmal ganz hilfreich, für das Zeitmaschinenprojekt wäre es eine Grauen erregende Vorstellung gewesen. Es war nicht zu sagen, was schlimmer gewesen wäre, die Blamage, wenn seine Idee als Hirngespinst entlarvt werden würde, oder der zweifelhafte Ruhm als Genie mit allem, was dazugehört, gönnerhaftem Wohlwollen, Neid, ungewollter Solidarisierung und Verbesserungsvorschlägen. Wahrscheinlich würden die Kollegen auch per Email Freunden und Bekannten an anderen Instituten und Universitäten davon berichten, und jeder würde dumme Fragen stellen, alles besser wissen oder für unmöglich erklären, und am Ende würde ihm noch jemand beim Bau der Zeitmaschine zuvorkommen. Nicht, dass es nicht gut sein würde, wenn jemand seine Berechnungen und seine Apparaturen überprüfte – wie oft hatte er schon im Eifer des Gefechtes einen dummen Fehler gemacht –, aber es gab einfach niemanden dafür. Einen Techniker für bestimmte Arbeiten zu haben, würde sehr hilfreich sein, das würde aber nicht einmal unter einem Vorwand funktionieren, ohne dass alle merkten, dass irgend etwas sehr Ungewöhnliches stattfand.
Am Montagmorgen war Alex früher als sonst im Institut, schon um halb acht, um die für seine Experimente vorgesehene Abstellkammer in Augenschein zu nehmen. Die Tür ließ sich eher mühsam öffnen, aber zum Glück ging das Neonlicht an. Als Alex sich gerade unter einen Tisch bückte, um einen alten, riesigen Ringkerntrafo hervorzuziehen, dröhnte eine Stimme von der Tür her: »Na, Alex, was machst du denn hier in aller Herrgottsfrühe? Willst du Spinnen in der Rumpelkammer fangen?«
Alex hob vor Schreck den Kopf und schlug ihn gegen die Tischkante. Es war Kosinski, der Techniker für die Großanlagen in der Dunkelfeldschen Abteilung, dessen Halbglatze und Bauch, der unter einem grauen Hausmeisterkittel wölbte, in der Tür sichtbar wurden. Die Techniker begannen ihren Arbeitstag zwar um sieben Uhr, waren aber vor acht nur selten außerhalb des Pausenraumes anzutreffen. Von den Wissenschaftlern erschien keiner vor halb neun, erst recht nicht am Montag, bis auf Alex, der gern früh kam, weil er noch lieber früh ging. Trotzdem, er war zu unvorsichtig gewesen.
»Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Oder soll ich als ausgebildeter Ersthelfer tätig werden?« Daran, dass Kosinski ständig Witze und ironische Kommentare von sich gab, hatte sich Alex längst gewohnt, aber früh am Morgen mit heftigen Schmerzen am Hinterkopf war das etwas viel.
»Bloß nicht.« Alex brauchte Zeit zum Denken. »Was machst du denn hier im Keller? Ist die Kaffeemaschine kaputt?«
»Muss arbeiten, der Chef hat mir einen Zettel auf den Tisch gelegt, dass ich heute bis zehn Uhr Materialproben für ihn schneiden soll. Der war sicher am Sonntag wieder hier am Werkeln.«
»Hat er wieder die Halle mit den Kristallziehanlagen ausgefegt?«
»Sicher. Ich hab am Freitag extra ein bisschen Dreck liegen gelassen, damit ich heute sehe, ob er sauber gemacht hat, hehe.«
»Hat der eigentlich keine Familie?«
»Doch, aber die will auch nix von ihm wissen.«
Dialoge wie dieser waren eine Art Ritual, Alex und Kosinski lästerten regelmäßig über längst bekannte Marotten ihres Chefs, wobei sie gelegentlich auch mit anderen Mitarbeitern ähnliche Gespräche führten. Das war die einzige Form von Vertrautheit zwischen ihnen. Nach acht Jahren Zusammenarbeit wussten sie grad so viel vom Privatleben des jeweils anderen, dass sie sich nicht weiter dafür interessierten, andererseits hatten sie auch nichts gegeneinander. Abgesehen davon, dass Alex Kosinski manchmal zu anstrengend und aufdringlich fand, und Kosinski Alex wahrscheinlich für einen Spinner hielt.
»Tja, ich brauche hier ein bisschen Platz, weil ich ein paar Komponenten von meinem Ufo durchchecken will.« Ufo war der Spitzname von Alex’ großer Vakuumanlage.
Alex musste einen Vorwand dafür finden, in diesem Raum zu arbeiten, denn Kosinski war längst nicht so dumm, wie er gerne tat, und überaus neugierig. »Sag aber niemanden was davon, sonst müssen wir hier noch aufräumen.«
»Hast du wieder eine von deinen Pumpen gehimmelt? Na, mach mal, ich muss auch was tun. Diese Scheiß-Verbundwerkstoffe schneiden, machen mir wieder die ganzen Schneidblätter kaputt.«
»Frohes Schaffen.«
»Ebenso.« Rülpser und Abgang.
Alex räumte hastig einen großen hölzernen Tisch frei, der zum Glück eine abschließbare Schublade besaß. Der Schlüssel wurde sofort eingesteckt. Der Tisch und die Regale waren reich mit Flecken von Öl und Batteriesäure bedeckt. Er suchte ein paar Trafos zusammen und überprüfte, ob die Steckdosen noch in Ordnung waren. Dann ging er an seine reguläre Arbeit, stundenlanges Präparieren von Materialproben. Zwischendurch schaffte er einen alten Stuhl, den er aus einem Müllcontainer gezogen hatte, und Schreibzeug in seine Rumpelkammer. Der Stuhl war aus Holz und daher geeignet, als Sitz im Magnetfeld zu stehen. Zwei vorhandene Schrauben aus Metall würde er herausdrehen und das Holz leimen müssen, damit der Stuhl komplett nichtmagnetisch wäre, aber bei einem Leichtgewicht wie ihm würde der Stuhl auch so halten. Das Wichtigste fehlte noch, die Steuerung für die Magnetfelder. Dafür würde morgen noch Zeit sein. Am Abend blieb er eine Stunde länger, um für sein privates Projekt im Internet zu recherchieren, vielleicht hatte jemand bereits mit ähnlichen Magnetfeldern gearbeitet oder brauchbare Programmierbausteine geschrieben.
Als Alex müde das Institut verließ und an der Straßenbahnhaltestelle ankam, erschrak er: Im Lichtkreis der einzigen Lampe stand die blonde Frau vom Freitag, die ihm im Biokosmetikladen begegnet war, eingepackt in ihren schwarzen Mantel und einen Schal, mit einer großen, ledernen Umhängetasche. Sie wirkte ebenso unnahbar wie drei Tage zuvor. Alex stellte sich etwas entfernt auf, fing dann an, vor Kälte und Aufregung auf und ab zu gehen. Als er zum dritten Mal an ihr vorbeikam, sprach sie ihn an: »Habe ich Sie nicht am Freitag im ›Naturbalsam‹ gesehen?«