Die AutorInnen
Frau Dr. phil. Dipl.Psych. Christiane Bakhit arbeitet in München als Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin in eigener Praxis. Sie ist Lehranalytikerin und Supervisorin der Fachgesellschaften DGPT, DPG und D3G und Mitglied der International Psychoanalytic Association (IPA) und der Group Analytic Society International (GASI).
Prof. Dr. med. Hermann Staats ist Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker, Paar- und Familientherapeut sowie Lehrtherapeut und Supervisor der Fachgesellschaften DPG, IPA und D3G. Seit 2006 arbeitet er als Sigmund-Freud-Professor für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Potsdam und niedergelassen in eigener Praxis.
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-033483-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-033484-7
epub: ISBN 978-3-17-033485-4
mobi: ISBN 978-3-17-033486-1
Supervision wird seit vielen Jahren in therapeutischen, sozialen, pädagogischen, ärztlichen und organisatorischen Handlungsfeldern eingesetzt. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich eine Vielzahl an unterschiedlichen Richtungen ergeben. In der Kohlhammer-Reihe Supervision im Dialog sollen die wichtigsten methodischen Auffassungen berücksichtigt werden: Psychodynamische, systemische, kognitiv-verhaltenstherapeutische und humanistische Ansätze werden einbezogen, wobei es viele Überschneidungen in den supervisorischen Vorgehensweisen gibt.
Auch die Anwendungsfelder von Supervision haben sich seit der ersten Anfängen in der Psychoanalyse und in der Sozialen Arbeit ausdifferenziert. Die Buchreihe Supervision im Dialog widmet solchen Einsatzbereichen und Handlungsfeldern je einen eigenen Band, um ein lebendiges und praxisnahes Bild der spezifischen Aufgaben und Bedingungen zu vermitteln. Therapien und Beratungen für Einzelpersonen, Paare, Familien, Gruppen und Organisation sind die wichtigsten Einsatzbereiche von Supervision. Neben der berufsbegleitenden Anwendung ist Supervision auch einer der wichtigsten Bausteine in vielen Ausbildungen, sei es zum Psychotherapeuten, Facharzt oder in der Sozialen Arbeit. Es gibt auch Gebiete, in denen die Einführung bzw. verstärkte Durchführung regelmäßiger Supervisionen ein Desiderat darstellt, wie etwa in Lehr- und Betreuungseinrichtungen und Krankenhäusern.
Die Besonderheit der Reihe ist der Dialog. Jeder Band wird von mindestens zwei Autoren gestaltet, die unterschiedliche Positionen vertreten und diese nach jedem Hauptkapitel miteinander vergleichen. So lernen Leser nicht nur die wichtigsten Themen, Hintergründe und Kontroversen kennen, sondern erleben dabei auch einen lebendigen Austausch zweier engagierter Fachvertreter. Die Diskussion in Dialogform dient dem Zweck, den zuvor abgehandelten Text aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, die Essenz noch einmal zu benennen, offene Fragen, Probleme und Verbesserungsvorschläge zu diskutieren.
Wir hoffen, durch diese dialogische Präsentation des in Bewegung befindlichen Kompetenzfeldes der Supervision auch die Leser unserer Reihe zum Austausch anzuregen.
Andreas Hamburger
Wolfgang Mertens
Ein Buch über »Supervision in der Gruppe« – wie kommen wir darauf, und was interessiert uns daran?
Wir sind beide davon überzeugt, dass eine Supervisionsgruppe für alle Beteiligten – für die Supervisanden, für die behandelten Patienten oder Klienten und für die Supervisoren einen erheblichen Erkenntnisgewinn und einen Anstoß für die professionelle Weiterentwicklung bedeuten kann und damit auch eine hilfreiche Alternative zur bisher überwiegend üblichen Einzelsupervision. Das Setting einer Gruppe impliziert vielerlei Fallstricke und Schwierigkeiten, aber auch neue bereichernde Ausblicke und Erfahrungen. Die Gruppensupervision gestaltet sich vielleicht mit weniger »Super«vision und mit mehr »Inter«vision, und die Bedingungen dafür – persönliche wie soziale – und die Interventionen, die dazu beitragen können, wollen wir in diesem Band darstellen und erläutern. Es wird ein komplexes Bild werden, das wir von den unterschiedlichen Konfigurationen in einer Supervisionsgruppe zeichnen. Die verschiedenen Ebenen des Mehrpersonensettings und die multilateralen Übertragungen bedingen inhaltliche Vernetzungen. Dazwischen stellen wir Beispiele aus dem klinischen und psychosozialen Bereich vor, um die Prozesse in unterschiedlichen Supervisionsgruppen zu veranschaulichen und zu diskutieren. Am Ende jedes Kapitels nehmen wir – beide Autoren und beide Gruppenanalytiker – zu dem Gesagten Stellung. Wir kommen als Hochschullehrer und als niedergelassene Gruppenanalytikerin aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen, die sich öfter in gegensätzlichen Anschauungen niederschlagen: theoriegeleitet vs. praxisorientiert oder innovative Konzepte vs. klassisch gruppenanalytische (Foulkes, Bion). Durch diese Dialoge mit inhaltlichen Differenzen und Übereinstimmungen wird das Thema der Gruppensupervision vertieft. Sprachlich wechseln wir im Text zwischen der männlichen und weiblichen Form. Andere Geschlechter sind jeweils eingeschlossen.
Das Buch richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen. Es können Studierende oder psychotherapeutische Kollegen in Ausbildung sein, die eine Supervisionsgruppe oder Intervisionsgruppe suchen und sich über Qualitätsstandards informieren wollen. Es können aber auch Gruppensupervisoren sein, die ihre Arbeit in einem größeren Zusammenhang reflektieren und überprüfen möchten, oder Supervisoren, die bisher nur im Einzelsetting gearbeitet haben und sich jetzt an das Gruppensetting »wagen« wollen. Und vielleicht gibt es auch psychotherapeutische Kollegen, die sich fragen, warum es in Intervisionsgruppen manchmal schwierig ist, zusammenzuarbeiten, und die deshalb die Prozesse in einer Intervisionsgruppe besser verstehen wollen. Nicht zu vergessen sind Kollegen aus dem medizinischen und psychosozialen Bereich, die sich für eine Balintgruppe interessieren und darüber genauere Informationen suchen.
Dezember 2020
Christiane Bakhit, München
Hermann Staats, Potsdam und Göttingen
Supervision ist ein wesentlicher Bestandteil jeglicher psychotherapeutischer Ausbildung und auch einer späteren selbständigen klinischen Tätigkeit. Gerade für Gruppentherapeuten, die mit mehreren Patienten oder Klienten gleichzeitig arbeiten, ist sie unserer Einschätzung nach unabdingbar, da in einer Gruppe durch deren Pluralität und Öffentlichkeit immer wieder Verwicklungen »drohen«. Dieses konflikthafte Potential kann aber auch konstruktiv genutzt werden. Der Titel unseres Buches – Supervision in Gruppen – verweist auf eine doppelte Bedeutung: es geht dabei um die Supervision unterschiedlicher psychotherapeutischer Behandlungen (Einzelpsychotherapie, Gruppenpsychotherapie), die in einer Gruppe zusammen mit einer Gruppensupervisorin stattfindet und auch um kollegiale Intervisionsgruppen. Insofern dreht sich alles um die Gruppe. Die in einer Supervisionsgruppe vorgestellte klinische Behandlung oder soziale Begegnung wird im Gruppensetting »neu« sichtbar und erfahrbar, weil sie durch mehrere Augenpaare gesehen und durch die aktuelle Gruppendynamik neu gemischt wird. Dabei gestalten individuelle Psychodynamik der Teilnehmer und die Gruppeninteraktion (dynamische Matrix; Foulkes, 1974) die Supervisionsarbeit. Bewusste und unbewusste Elemente des umgebenden sozialen Kontextes beeinflussen ebenfalls die Gruppensupervision (Hopper, 2003). Dieser Verzahnungsprozess eröffnet durch seine Komplexität neue Perspektiven. Wir wollen in diesem Buch Kennzeichen, Vorzüge und Schwierigkeiten dieses Supervisionssettings genauer untersuchen. Außerdem werden unterschiedliche Modelle von Gruppensupervision vorgestellt, ebenso ihre wissenschaftliche Erforschung und Fragen der Ausbildung für eine gruppensupervisorische Tätigkeit.
Insgesamt geht es hier um »die Gruppe« – ein vielschichtiges, hochkompliziertes Setting, das durch seine Vernetzung und durch sein Aufeinanderbezogensein anregt und aufregt. Im Folgenden möchten wir einige Besonderheiten des Gruppensettings, die auch für die Supervisionsgruppe gelten, herausstellen. Anders als in der dyadischen Supervision sitzen sich in der Gruppe »Peers «, d. h. Gleichgestellte, gegenüber und der Kontakt verläuft auf »Augenhöhe«. Welche Folgen hat das für die Supervision in der Gruppe? Sie wird von unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Supervisionsinhalt geprägt sein und von irritierenden, bisweilen auch blockierenden Affekten wie z. B.. Rivalität und Scham. Es werden sich unterschiedliche Wahrnehmungen der zu supervidierenden Szene entwickeln, die möglicherweise im dyadischen Supervisionssetting durch hierarchische Verzerrungen und einseitige Sichtweisen verloren gehen könnten. Durch diese Einschränkungen kann ein Supervisionspaar an seine Grenzen kommen, während die Gruppe in der Gruppensupervision trianguliert und leichter alternative Ideen entstehen lässt. Für die Supervision können sich dadurch neue Perspektiven eröffnen. Im »Hier und Jetzt« der Gruppe, aufbauend auf den unterschiedlichen, individuell und kulturell geprägten Biographien ihrer einzelnen Teilnehmer, kann sich im Miteinander (Interaktion) ein intensiver Wechsel aus Regression, Reflexion und Progression auf bewusster und unbewusster Ebene entwickeln, an dem jeder entsprechend seiner individuellen Ausstattung teilnimmt.
Dieser fruchtbare Prozess ist anregend und zugleich anstrengend, weil immer wieder Selbst- und Fremdbilder und damit verbundene wechselseitige projektive Verzerrungen die einzelnen Teilnehmer herausfordern. In der Supervisionsgruppe sitzen mehrere Personen – ihre Blicke kreuzen sich und können sich damit auch wechselseitig taxieren. Der Blick, der gerade noch eine neue Perspektive auf die zu supervidierende Thematik eröffnet hat, kann kurz danach ebenso entwerten oder verurteilen. Bei den Gruppenteilnehmern können sich als Folge davon Scham und Selbstzweifel einstellen. Jeder Blick hat immer auch eine triangulierende Funktion (Steiner, 2006) und wird entsprechend der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur unterschiedlich verarbeitet werden. Die Differenzerfahrung des eigenen Erlebens gegenüber dem Blick des »Anderen« ist ein wesentlicher Stolperstein und damit auch Anstoß für die Entwicklung des Subjekts.
Der Blickkontakt, der auf jede Psychotherapie, die im Sitzen durchgeführt wird, zutrifft, kennzeichnet auch das Gruppensetting. Im besten Fall können Differenzerfahrungen ertragen und spielerisch genutzt werden. Oft ist dies auch nicht möglich und löst intensive Schamgefühle aus. Wird dies besprechbar und damit erträglich, können Lernprozesse bei dem Einzelnen angestoßen werden, was dem angehenden Gruppenpsychotherapeuten in der von ihm geleiteten Gruppe weiterhelfen wird.
Das Verunsichernde und Unkontrollierbare in jeder Gruppe und damit auch in einer Supervisionsgruppe, spricht Haubl in seinem Beitrag zur Gruppensupervision an: für ihn ist eine Gruppensupervision »eine gemeinsame Suchbewegung mit offenem Ausgang« (Haubl, 2017, S. 120).
Der »offene Ausgang« entzieht sich wie jedes Gruppengeschehen der individuellen Kontrolle und eröffnet damit alternative Ausblicke, die aber auch aufgrund möglicher vorhandener individueller Versagensängste und Schamgefühle nicht genügend genutzt werden können. Hier kommen Konflikte zwischen Individuum und Gruppe ins Spiel, die jede Supervisionsgruppe lebendig machen, aber auch ihr einzelnes Mitglied mehr oder weniger stark verunsichern können. Bion und Foulkes, die bekanntesten Gruppentheoretiker, steuern unterschiedliche theoretische Konzepte zur Erklärung dieser Situation bei und fokussieren auf die haltende Funktion des Gruppenleiters (Bion 1971, Foulkes 1974). Das Bionsche Begriffspaar des »Container-contained« findet hier Eingang, da nicht nur die Interaktion in der Supervisionsgruppe vom Gruppenleiter gehalten werden muss, sondern die Gruppe selbst als Container für abgespaltene Affekte des Behandlungsgeschehens fungiert.
»Supervisorin und Supervisionsgruppe sind Container für das Unverarbeitete, für schwer erträgliche und darum abgewehrte Affekte wie Wut, Ohnmacht, Neid, Scham, Erschöpfung, Trauer, Desorientierung, Angst …« (Barthel-Rösing, 2017, S. 131)
Liesel Hearst (2009) beschreibt dies als »Holding-Together-Function« der Gruppenanalytikerin, die Verbindungen zwischen abgespaltenen Gefühlen herstellt und damit Abgewehrtes integriert. In der Supervisionsgruppe bedeutet dies eine Verzahnung von manifesten Affekten innerhalb der Gruppe mit Supervisionsinhalten.
Ein Gruppensetting bietet immer auch die Möglichkeit der Interaktion, der Handlung, was Foulkes mit »Ich-Training in Aktion« bezeichnet. Es können alternative Phantasien und Handlungen erprobt und verinnerlicht werden, wodurch sich Selbst- und Objektrepräsentanzen verändern. Nitzgen nennt dies in Anlehnung an Foulkes ein »Ich-Training durch Handeln« und beschreibt dies, psychoanalytisch konzeptualisiert, als eine »intrapsychische Aktivität des Ichs durch die Interaktion in der Gruppe« (Nitzgen, 2017, S. 98) In der Supervisionsgruppe kann somit emotional unmittelbar etwas vom Behandlungsgeschehen erfahren, in Szene gesetzt und innerpsychisch verändert werden – eine lockende Alternative! Gleichzeitig entlastet die Supervisionsgruppe vom perfektionistischen Druck, da alle Teilnehmerinnen wechselseitig Phasen des Nicht-Lernens und Nicht-Verstehens wahrnehmen und anerkennen können. Insofern kann man auch die Yalomschen Wirkfaktoren der Gruppentherapie (Yalom, 2019) auf die Supervisionsgruppe übertragen.
Die Gruppeninteraktion – auch die der Supervisionsgruppe – wird nach Foulkes neben anderem auch durch die Elemente der »Matrix« bestimmt. Foulkes führte dieses gruppenanalytische Konstrukt quasi als Kunstgriff ein, um unbewusste und bewusste Kommunikationsprozesse innerhalb einer Gruppe zu erfassen. Er unterscheidet zwischen der »Grundlagenmatrix«, konzipiert als Behälter aller kulturellen unbewussten und bewussten Kommunikationen, der »individuellen Matrix«, verstehbar als individuelle psychische Innenwelt mit ihren Bestandteilen aus internalisierten Objektbeziehungserfahrungen und der »dynamischen Matrix«, die aus der aktuellen Interaktion innerhalb der Gruppe hervorgeht. Alle drei Matrizes formen die Gruppeninteraktion und sind der Resonanzboden der Supervisionsgruppe für die Wahrnehmung und Reflexion der zu supervidierenden Behandlung.
Eine Supervisionsgruppe kann, auch wenn sie nicht als therapeutische Selbsterfahrungsgruppe konzipiert ist, durchaus kathartische Prozesse bei den einzelnen Gruppenmitgliedern anstoßen und fordert der Gruppenleiterin immer wieder eine Reflexion ihrer Gegenübertragung ab, um destruktive Gruppenprozesse oder das Ringen der Gruppe um ihre Arbeitsfähigkeit zu verstehen und empathisch zu begleiten. Gleichzeitig bildet die Gruppendynamik einer Supervisionsgruppe, ebenso wie die jeder anderen Gruppe, das soziale Unbewusste in ihren Interaktionen ab. Nach Foulkes durchdringt das Soziale das Innerste (Foulkes, 1974).
Die Vernetzung und Verzahnung unterschiedlichster Elemente und Prozesse im komplexen Gruppengeschehen wird deutlich. Der vorliegende Band geht diese »vernetzten« Wege weiter und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Supervision in Gruppen, die erläutert und auch kontrovers diskutiert werden.
HS: Ein erster dialogischer Kommentar an dieser Stelle: Auch Gruppen von Peers rivalisieren. Sie entwickeln hierarchische Strukturen und handeln Verantwortlichkeiten aus. Die Wahrnehmung solcher Strukturen und ihre Berücksichtigung in der Gruppenarbeit sind mir wichtig. Sie werden durch das Bild »auf Augenhöhe« liebevoll verschleiert. In der Medizin setzt sich die Ärztin zu ihrem bettlägerigen Patienten, in der Pädagogik geht die Erzieherin in die Knie, um nicht »von oben herab«, sondern »auf Augenhöhe« zurechtzuweisen. Die Hierarchien bleiben aber. Aus gruppenanalytischer Sicht können sie berücksichtigt und oft mit Gewinn analysiert werden. Dazu trägt die Betonung eines »auf Augenhöhe« nicht bei. Mit einem solchen Bild bleibt auch offen, was auf den anderen »Höhen« und Ebenen der Kommunikation – auf Herz-, Bauch- und Beinebene geschehen mag. Sie sind bei einem Kontakt »auf Augenhöhe« ja ebenfalls mit im Spiel.
CB: Ja, »auf Augenhöhe« hat mehrere Aspekte. Aber die oben angeführten Beispiele beziehen sich auf Zweiersituationen, in denen die Augenhöhe etwas verschleiert, worauf zurecht verwiesen wird. Auch in einer Gruppe entstehen Hierarchien, aber sie werden aufgrund der Öffentlichkeit der Gruppe eher sichtbar, und es gibt weniger Möglichkeiten als im Einzelsetting, diese zu verschleiern. In der üblichen Zweiersupervision ist es für den Supervisanden schwieriger, die faktische Hierarchie wahrzunehmen und zu benennen. Dies ist auch ein Grund, warum wir in der Münchner Supervisorenfortbildung die Supervision und Intervision in Peergroups eingeführt haben. In der Gruppe tauscht man sich wechselseitig und konflikthaft aus und macht gemeinsame Lernerfahrungen. Es entwickeln sich auch Hierarchien mit Status- und Rollenzuweisungen, bedingt durch individuelle und soziale unbewusste Übertragungsmuster. Aber sie können durch die prozesshafte Entwicklung in Gruppen leichter in Frage gestellt, neu ausgehandelt und, wenn möglich, verändert werden.
»Supervision is a drama of direct encounter«
John Schlapoborsky (2010, S. 40)
Cohen spricht in ihrem Artikel über Supervision in der Gruppe von »Drachen und Helden«, denen man dort begegne und fängt damit mögliche Bedrohungen und Verletzungen wie auch Entwicklungsschritte und Herausforderungen für Teilnehmer einer Gruppensupervision mit plastischen Worten ein (Cohen, 2012). Was vielleicht dramatisch klingt, nehmen Bernard & Spitz (2006) in ihrer Stellungnahme dazu noch einmal auf:
«There is a skill set in becoming a good group psychotherapy supervisor, which is distinct from the skills necessary to be a good group psychotherapist. Supervision is a delicate undertaking in the best of circumstances… the stakes are quite high, both for the professional’s and his/her patients’ growth and development. A good supervisory experience can make an important contribution to the development of a professional, resulting in an abiding commitment to offering group psychotherapy for the duration of his/her career. An unfortunate supervisory experience can turn that same individual away from running groups forever.« (Bernard & Spitz, 2006, S. 4)
Supervision will – im Einzel- wie im Gruppensetting – einen Lern- und Veränderungsprozess eröffnen, der sich für die Supervidierten in einem veränderten therapeutischen Umgang mit Patienten in einer einzel- oder gruppentherapeutischen Behandlung niederschlägt. Dieser Lern- und Veränderungsprozess findet nur zum Teil bewusst und auf kognitiver Ebene statt. Hauptsächlich ist er in einen vertrauensvollen, flexiblen und fließenden Interaktionsprozess zwischen Supervisorin und Supervisandin oder eben zwischen den Supervisanden in der Gruppe und der Supervisorin als Gruppenleiterin eingebettet. Es gibt zahlreiche und ausführliche Literatur zu fördernden und störenden Bedingungen von Supervison (Nagell, Steinmetzer, Fissabre & Spilski 2014; Kutter 2017, Mertens & Hamburger 2016 u. 2017). Cohen spricht von »Drachen« und »Helden«, die sich in der Supervisionssituation entwickeln und denen sowohl Supervisorin als auch Supervisanden begegnen. Ihrer Ansicht nach symbolisieren die Feuer speienden Drachen im Supervisionsprozess den unbewussten Widerstand gegen jegliche emotionale Verbindung zwischen Therapeutin/Patientin auf der einen und Supervisorin/Supervisandin auf der anderen Seite. Es geht also um die wechselseitigen Übertragungen und Gegenübertragungen von Supervisorin und Supervisanden. Sie können die therapeutische Arbeit »behindern« und auch intensivieren, denn es gibt neben den »Drachen« auch die »Helden«. Für Cohen versinnbildlichen die Helden Supervisoren und Supervisanden, die in der Supervision etwas riskieren, d. h. sich emotional einlassen, indem sie sich zeigen und öffnen. Das »Lernen aus Erfahrung« (Bion) geht mit einer Veränderung ihrer psychischen Innenwelt (Objektbeziehungserfahrungen) einher und ermöglicht ihnen, eine neue Perspektive einzunehmen. Die Gruppe wird zum Agenten der Veränderung.
»… there is no clear line of demarcation between these two extremes; the dragons we wrestle with and the heroes that emerge. They will overlap, intermingle, tangle, and ultimately, if all goes well-enough, the supervision group becomes the instrument of change.« (Cohen, 2012, S. 640)
Wie konzeptualisieren die unterschiedlichen gruppentherapeutischen Schulen diese Interaktionsprozesse in einer Supervisionsgruppe? Welche Elemente der Interaktion rücken Michael Balint (Balintgruppe), S.H. Foulkes (Gruppenanalyse) und W. Bion (Group-Relations-Theory) damit in den Vordergrund?
Michael Balint und seine Frau Enid, beide Psychoanalytiker, begannen nach dem zweiten Weltkrieg in London mit praktischen Ärzten zu arbeiten. Ihr Ziel war es, die Ärzte in ihren Patientenbehandlungen weiter zu qualifizieren, und zwar nicht, indem sie auf naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden fokussierten, sondern indem sie die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung erforschten und dazu benutzten, das Befinden der Patienten zu beeinflussen und zu verbessern (Balint, 2019/1957). Die Arbeit an der Beziehung zwischen Arzt und Patient war zur damaligen Zeit das grundsätzlich Neue und erwies sich in den darauffolgenden Jahren so erfolgreich und wirkungsvoll, dass sich Balintgruppen über die ganze Welt verbreiteten.
Die klassische Balintgruppe bestand aus praktischen Ärzten, die sich gegenseitig nicht kannten und damit eine »stranger group« bildeten. Es ging um eine Sensibilisierung der Teilnehmer für Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung – zwei psychoanalytische Konzepte, durch die man sich einen Zugang zu unbewussten Aspekten der Arzt-Patient-Beziehung erhoffte. In das Gruppensetting wurden damit Elemente der psychoanalytischen Ausbildung quasi eingepflanzt, um sich selbst und die Psychodynamik der Arzt-Patient-Beziehung besser verstehen zu können. Diskutiert wurde am vorgestellten Fall (Fallarbeit), auf den sich alle Einfälle der Gruppe beziehen sollten (Technik der freien Assoziation). Eine individuelle Selbsterfahrung stand nicht zur Debatte, vollzog sich aber unmerklich im Hintergrund des gemeinsamen Arbeitsprozesses, ohne ausdrücklich benannt und gedeutet zu werden. Das Hauptaugenmerk von Balint war auf die Qualifizierung und Professionalisierung der Ärzte gerichtet. Trotz seiner ausschließlichen Konzentration auf die Fallarbeit bzw. auf die Arzt-Patient-Beziehung wurde Balint wegen seiner kreativen Nutzung des Gruppensettings zu einem Pionier der Gruppentherapie, der durchaus die Wirkfaktoren (Yalom, 2019/1989) und die Besonderheiten des Gruppensettings (Foulkes, 1974) wahrnahm und nutzen konnte, auch wenn er dies nicht gesondert herausarbeitete.
Rappe-Giesecke (1994) beschreibt anschaulich, wie es Michael Balint durch spezifische Modifikationen des Gruppensettings gelang, neben den manifest bewussten Elementen auch Aspekte der latent unbewussten Interaktion innerhalb der Arzt-Patient-Beziehung sichtbar zu machen. Eine Modifikation ist die bereits erwähnte Konzentration auf die Fallarbeit bzw. auf die Rückführung aller Einfälle der Gruppenmitglieder auf das Material des Klienten/Patienten. Dadurch bleiben Selbsterfahrungsanteile des Vortragenden nicht benannt, was dessen Integrität und gleichzeitig die Gruppenkohäsion stützt und stabilisiert. Das zweite Element ist die spontane Erzählung des Fallberichts durch den Vortragenden. Der Arzt schildert möglichst unzensiert seine Beziehung zu einem schwierigen Patienten, mit dem er offensichtlich nicht befriedigend arbeiten kann. Gleichzeitig interessierte sich Michael Balint auch für den normalen klinischen Alltag, wenn er vorschlug: »Erzählen Sie von dem letzten Patienten, den Sie gesehen haben«. Damit zeigt er sein Interesse für jegliche psychotherapeutische Interaktion, nicht nur für die problematische.
Indem der Arzt keinen Bericht vorliest, sondern frei über seinen Patienten erzählt, gehen in seine Schilderung unmerklich subjektive Aspekte der psychischen Innenwelt des Patienten mittels Projektion und projektiver Identifizierung ebenso mit ein wie auch Aspekte seiner eigenen Übertragung auf den Patienten. Dadurch wird die Balintgruppe im Hier und Jetzt zum Schauplatz des früheren Zusammentreffens zwischen Arzt und Patient im »Dort und Dann«. Aspekte der emotionalen Begegnung zwischen Arzt und Patient werden in den Einfällen der Gruppenteilnehmer lebendig, und biografische konflikthafte Erfahrungen des Patienten können auf diese Art und Weise erlebt und verstanden werden.
Balint führt in diesem Gruppenstadium die psychoanalytische Methode der freien Assoziation ein. Die Gruppenteilnehmer hören dem Vortragenden mit ihrer frei schwebenden Aufmerksamkeit – einem Element der psychoanalytischen Haltung – intensiv zu und öffnen sich damit für unbewusstes Material. In ihren Einfällen zum Inhalt der Erzählung stoßen sie auf eigene Emotionen und Befindlichkeiten, die via wechselseitiger Projektionen und projektiver Identifizierungen mit dem Vorgetragenen in Verbindung stehen. Diese individuellen Gegenübertragungen können für das Verständnis der Arzt-Patient-Beziehung genutzt werden. Darüber hinaus inszenieren sich in der Gruppe auch abgespaltene Elemente der Arzt-Patient Beziehung – sie werden in der Gruppe unbewusst widergespiegelt. Der deutsch-englische Gruppenanalytiker S.H. Foulkes beobachtete und benannte dies als Erster:
»Man kann leichter die Probleme des anderen als die eigenen erkennen. Die Verdrängung und das Verdrängte zum Beispiel kann erkannt werden, wenn es bei anderen aufgezeigt wird. Das wirkt aber gleichzeitig als analytische Kraft in einem selbst. Wir schlagen die Bezeichnung »Spiegelreaktion« (mirror-reaction) vor.« (Foulkes, 1974, S. 59)
Diese »Spiegelphänomene« (Kutter, 2017) sind das eigentliche Erkenntnisinstrument der Balintgruppe. Um sie wahrzunehmen und zu deuten, bedarf es der Erfahrung und Schulung (Loch, 1995). Verdrängte und verleugnete Impulse des Patienten, die aus der bewussten Arzt-Patient-Beziehung herausfallen, tauchen in den Einfällen der Gruppenteilnehmer und auch in Interaktionen und Kommunikationsblockaden des Gruppenprozesses von Balintgruppen wieder auf. Im günstigen Fall kann dies mit Unterstützung der Gruppensupervisorin in der Gruppensitzung erkannt, verstanden und für den Behandlungsprozess produktiv verwandt werden.