Das Fundament

Onkel Hermann hatte 50 Jahre in einer großen Fabrik gearbeitet. Vor einigen Jahren war er in „Rente gegangen“. Seitdem machte er es sich, wenn es draußen noch kalt und nass war, in seiner schmucken Mietwohnung gemütlich.

Sobald aber im Frühling der erste warme Sonnenstrahl durch die Wolken brach, zog es ihn in die Kleingartenanlage „Die Piepmätze“. Dort hatte er „sein Paradies“. Das war ein Garten, durch den ein kleiner Bach floss.

Onkel Hermann hatte über diesen Bach eine Holzbrücke gebaut. Er wollte doch trockenen Fußes von der einen zur anderen Gartenseite gelangen. Auf der linken Seite war der Zierrasen mit bunten Sträuchern und einem kleinen Geräteschuppen. Auf der rechten Seite hatte der Onkel einen Obstgarten angelegt – mit Erdbeerfeld, Brombeerhecke, Himbeerstauden und Johannisbeersträuchern.

Unter den vielen Gästen, die Hermann dort empfing und üppig bewirtete, waren auch seine Großnichten, Britt und Marie. Sie besuchten den Onkel mindestens einmal in der Woche und spielten am Bach, oder sie aßen sich in der Erntezeit an den Gartenfrüchten rund und satt. –

Das Prunkstück des Gartens war ein alter Weidenbaum. In seinem Stamm befand sich eine Höhle. Dort wohnte das Käuzchen. Es saß tagsüber im Höhleneingang und starrte den Onkel neugierig an. In der Nacht flog es aus, um Mäuse und anderes Getier zu jagen.

Bevor Onkel Hermann den Kobold Flabbes kennen lernte, wusste er nicht, dass es in seinem Garten auch „Unsichtbare“ gab – wie zum Beispiel Zwerge und Elfen. Nur Britt und Marie kannten sie. Die Kinder verloren darüber aber kein Wort, weil die Erwachsenen es ihnen ohnehin nicht geglaubt hätten.

Zu den „Unsichtbaren“ gehören zum Beispiel Frau Lieslein, die Meisterin der Hornveilchen, oder Herr Holder, der Chef des Holunderbusches. Wenn Onkel Hermann im Frühjahr die Komposterde austrägt, schwärmt Frau Lieslein immer:

„Mh! Wie das duftet!“

Der hochnäsige Herr Holder hat aber immer etwas zu meckern:

„Ein wenig trocken dünkt mich der Austrag schon.“

Frau Lieslein lässt Herrn Holder dann einfach stehen und wendet sich ihren Bediensteten zu. Die spornt sie zur Arbeit an – zum Beispiel mit folgendem Spruch:

„Regt euch, hegt euch, stets milde und wilde, rüttelt und schüttelt das wogende Blatt!

Treibt Bächleins Wasser durch alle Gefilde.

Sonst werden die Pflänzlein noch trocken und matt.“

Die Zwerge lassen daraufhin ihre schrumpeligen Hände an den Veilchenwurzeln entlanggleiten und ziehen daraus neue Ableger. Dabei erzählen sie ihrer Meisterin:

„Wasser treibet hoch zum Blatt,

Wurzel ziehet, macht uns satt.

Und wir regen ohne Rast,

unsere Finger, diese Dinger, leicht erblasst.“

Frau Liesleins Zwerge sind tatsächlich sehr blass – schon deswegen, weil sie ihr Dasein unter der Erde fristen. Liesleins Elfen sind dagegen bunt schillernde Wesen. Sie schwirren um die Blattspitzen herum und verzaubern sie zu wunderschönen Blüten. Dabei berichten sie ihrer Meisterin wie beiläufig:

„Lalle leise Lieder lieblich,

lallender Lillich!“

Zwischen den Elfen und Zwergen wirken die Nixen. Sie lassen die Hornveilchenblätter wachsen und singen dabei:

„Rausche, bausche, wachse zu!

Unablässig, ohne Ruh!

Walle, Walle manche Strecke,

dass mein Blattwerk weit sich recke.“

Trotz der vielen Zeit, die sie für ihre Bediensteten aufbringt, findet Frau Lieslein immer eine Gelegenheit, ihren Nachbarn, den alten Weidling, zu besuchen. Er ist der Herr des Weidenbaums und damit auch das Oberhaupt der Unsichtbaren in Onkel Hermanns Garten. Wie alle guten Chefs lässt er das aber niemanden spüren. Er benimmt sich wie ein gütiger Ratgeber unter seinesgleichen. Selbst die zurückhaltende Frau Lieslein spricht ihn wie einen vertrauten Freund an. Damals, als unsere Geschichte begann, wies sie ihn auf das anstehende Mittsommerfest hin:

„Mein lieber Weidling! Was erkennt Ihr am hohen Stand unserer gütigen Sonne?“ Meister Weidling beobachtete den Himmel und gab sich höchst erstaunt:

„In der Tat, grünverehrteste Veilchendame, die Sonne dünkt mich dem höchsten Stand ihres Jahreslaufs entgegenzustreben. Was schließen wir daraus?“ Frau Lieslein lächelte feinsinnig.

„Wir sollten das Mittsommerfest vorbereiten.“

„Welche Notwendigkeiten ergeben sich daraus, Verehrteste?“

„Wir müssen, wie gewohnt, um Mitternacht unsere Versammlung in der Höhle des Käuzchens abhalten. Dort können wir alles Weitere für die Organisation des Mittsommerfestes besprechen.“ Der alte Weidling nickte.

„Wenn Ihr, Verehrteste, dafür sorgt, dass alle Meister in diesem Garten über unsere Versammlung in Kenntnis gesetzt werden…“

„Selbstverständlich“, erwiderte Frau Lieslein und empfahl sich mit einem „Adieu, mein Bester.“

Von dieser Unterhaltung hatte Onkel Hermann, wie immer, nichts mitbekommen. Er stand mit beiden Beinen in seiner eigenen Welt. Ja, er glaubte, dass allein Sonne, Wasser und Dünger für das Gedeihen der Pflanzen in seinem Garten sorgten.

An diesem Morgen hatte er sich etwas Besonderes vorgenommen: Er wollte ein Gartenhaus bauen, ein gemütliches und geräumiges, in dem er bei warmer Witterung auch mal übernachten konnte. Um den Bau der Hütte in Ruhe zu planen, hatte er den Liegestuhl aus dem Geräteschuppen geholt, ihn unter den alten Weidenbaum gestellt und sich darauf genüsslich ausgebreitet. Mit Blick auf den Veilchenrasen stellte er fest:

„Das Haus wird eine Zierde meines Gartens sein. Ich denke, es sollte auf jenem Rasenstück gebaut werden, wo die Hornveilchen wachsen. Davon habe ich ohnehin genug.“ Während Onkel Hermann ausrechnete, wie viel Beton nötig sei, um das Fundament für sein Gartenhaus zu gießen, besuchte Frau Lieslein Meister Grün, den Herrn des Rasens.

Der zeigte sich angenehm überrascht:

„Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Gnädigste?“

„Wir wollten das Mittsommerfest vorbereiten und uns in dieser Angelegenheit um Mitternacht in der Käuzchenhöhle treffen.“

„Weidenbaum, Mittsommer, Mitternacht“, wiederholte Herr Grün recht schwärmerisch und fügte hinzu:

„Das wären drei Dinge, die wir benötigen, um uns einander näher zu kommen.“

„So ist es“, erwiderte Frau Lieslein betont kühl und wandte sich schnell ab. Währenddessen beobachtete Meister Grün Onkel Hermann. Der hatte sich mit einem Maßband und vier Schaschlikspießen bewaffnet und stapfte damit über den Rasen.

„Vier, fünf, sechs Schritte in der Breite bis zu diesem Punkt.“ Der Onkel rammte einen Schaschlikspieß in den Rasen.

„Autsch, du oberschlauer Gehirnakrobat!“, rief ein Zwerg, der sich um die Reparatur einer gerissenen Veilchenwurzel bemühte. Der Schaschlikspieß war unmittelbar neben seinem linken Fuß durch die Erde gedrungen.

Onkel Hermann merkte davon nichts. Er lief erneut sechs Schritte, rammte einen zweiten Spieß in die Erde und verband beide mit einem Faden. Nachdem er das zweimal wiederholt und auch die letzten beiden Spieße miteinander verbunden hatte, wurde daraus ein Viereck. Stolz verkündete der Onkel: „Jetzt habe ich das Fundament für mein Gartenhaus abgesteckt.“

Zwei Kohlmeisen hockten im Geäst des Weidenbaums. Die eine hatte sich mächtig aufgeplustert, die andere ihre Federn angelegt.

„Was ist ein Fundament?“, fragte die aufgeplusterte Meise. Die dünne schüttelte ihren Kopf.

„Woher soll ich das wissen? Hast du mich schon einmal dabei beobachtet, wie ich über den Rasen stapfe und Spieße in die Erde ramme?“ Die aufgeplusterte Meise musste bei der Vorstellung, dass ihre Nachbarin mit Schaschlikspießen im Schnabel über den Rasen hüpfte, lachen.

„Nein, meine Liebe! So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Dann, Frau Nachbarin, weiß ich auch nicht, was ein Fundament ist.“ Die aufgeplusterte Meise nickte, und damit war der Fall für sie erledigt. Da aber rief die dünne Meise:

„Wir sollten den alten Weidling fragen, was ein Fundament ist.“

Sie flog auf den nächstbesten Ast des Weidenbaums und wetzte an der Rinde ihren Schnabel. Daraufhin erschien eine Elfe.

„Was treibt dich um, Meislein?“

„Mich treibt nichts um. Aber vielleicht interessiert es deinen Meister, dass der dicke Mann ein Fundament machen will.“

„Ein Fundament… Was soll das denn sein?“ Die dünne Meise hatte die Frage nicht mehr gehört. Sie war in den Holunderbusch geflogen, um dort eine fette Raupe zu erwischen. Die aufgeplusterte Meise war aber zurückgekehrt und rief:

„Elflein! Wenn du mehr erfahren willst, frag deinen Meister!“

„Meinen Meister fragen“, wiederholte die Elfe und machte sich auf den Weg ins Innere des Weidenbaums, um den alten Weidling zu suchen. Der hockte hinter der Käuzchenhöhle im Stamm und wunderte sich:

„Was hast du, um alles in der Welt, hier zu suchen? Ist dein Platz nicht an der frischen Luft?“ Die Elfe berichtete ihrem Meister über Onkel Hermanns Pläne.

„Ein Fundament macht er also, der dicke Mann“, murmelte der alte Weidling. Und schon reckten alle Zwerge, Undinen und Elfen, denen der Baum eine Wohnstatt bot, ihre Köpfe.

„Was ist ein Fundament?!“, fragten sie.

„Nun ja! Das ist eine gewaltige Platte aus Kunststein.“

„Was macht der dicke Mann damit?“

„Er will ein Haus darauf setzen.“

„Aber, aber!“, ereiferte sich einer der älteren Zwerge. „Das bringt doch alles durcheinander! Wenn der Kunststein über unser Wurzelwerk gesetzt wird, bekommen wir kein Wasser mehr.“ -

„Du hast es begriffen“, stellte der alte Weidling fest.

„Wird unser Baum etwa zugrunde gehen?“, wollte ein Salamanderfürst wissen. Seine Stimme zitterte vor Zorn. Meister Weidling schüttelte seinen Kopf.

„Wir werden das zu verhindern wissen. Eine unserer Elfen geht in den Baumwipfel und kundschaftet aus, wo das Fundament entstehen soll.“ Sofort flitzte eine Weiden-Oberelfe in die Krone des Baums und begutachtete das abgesteckte Rasenstück.

Aufgeregt kehrte sie zurück und berichtete:

„Das Fundament wird so groß, dass der Baum zur Hälfte trocken liegt.“ Meister Weidling zog seine Schultern hoch.

„Dann verlegen wir jene Wurzeln, die sich unter dem zukünftigen Fundament befinden, woanders hin.“

„Was heißt das?“, wollte ein Zwerg wissen.

„Wir lassen an anderer Stelle neue Wurzeln austreiben – zum Beispiel am Ufer des Bachs. Dort habt ihr genug Wasser. Falls der dicke Mann unseren Weidenbaum fällen sollte, lassen wir aus dem Stumpf mächtige Weidenruten austreiben.“

Eine verträumte Elfenprinzessin säuselte:

„Niemals aufgeben. Wir setzen uns durch!“ Die Bediensteten nickten beifällig. Nur ein alter Blattnixenoberst hatte Bedenken:

„Wird der Baum dann noch so fest in der Erde verankert sein, dass er jedem Sturm standhält?“ Meister Weidling winkte ab.

„Lasst das nur meine Sorge sein. Ich werde das Wurzelwerk tiefer gründen. Dann kann uns kein Wind der Welt etwas anhaben.“ Meister Weildings Augen leuchteten auf, denn er hatte eine großartige Idee: „Vielleicht treiben wir eine Hauptwurzel unter das Fundament, um es ein wenig anzuheben.“

„Ja! Wir lassen die Hütte umkippen!“, riefen seine Bediensteten. „Dann, meine Lieben, frisch ans Werk!“ Die Versammlung löste sich auf, und die Zwerge des Weidenbaums begannen, neue Wurzeln zu ziehen. Währenddessen hob Onkel Hermann mit einem Spaten die ersten Grasplacken für sein Fundament aus. Dabei wurden auch Frau Liesleins Bedienstete aus der Erde gerissen, auf eine Schubkarre verladen und zum Komposthaufen verfrachtet.

„Eine Schande, eine schreckliche, nicht wieder gut zu machende Schande!“, schimpfte Herr Grün. Und Frau Lieslein pflichtete ihm mit einem „Nein, so etwas!“ bei. Als Onkel Hermann tiefer in die Erde drang, stieß er auf jene Wurzeln, die das Zwergenvolk des alten Weidlings gerade verlassen hatte.

„Oho! Das Wurzelwerk ist abgestorben!“

Der Onkel schaute sich die Krone des Weidenbaums an.

„Wer weiß, wie lange der Baum es noch macht? – Vielleicht kann ich ihn in den nächsten Tagen umhauen…“

„Du willst den alten Weidenbaum ummachen?“, rief jemand mit kehliger Stimme vom Nachbargarten herüber.

„Heiner? Bist du es?“

„Klar doch!“ Ein beleibter Mann mit blauer Schirmkappe stiefelte quer durch Onkel Hermanns Garten auf den alten Weidenbaum zu und kratzte an der borkigen Rinde.

„Den müssten wir schon ummachen, wenn du hier eine Hütte bauen willst. Sonst heben seine Wurzeln das Fundament an, und deine Hütte steht so schief wie der Turm von Pisa.“ Onkel Hermann kratzte sich ausgiebig am Nacken.

„Kein schlechter Anlass, den Baum ein wenig einzukürzen.“ In diesem Augenblick tauchte ein anderer Nachbar auf. Er hieß Karl und war der Gartenobmann. Er musste unter anderem darauf achten, dass kein Baum in der Anlage ohne seine Erlaubnis gefällt wurde. Deshalb erhob er drohend seinen rechten Zeigefinger.

„So schnell wird hier nichts umgemacht!“

„Warum denn nicht“, wollte Heiner wissen.

„Ganz einfach! Dieser Baum steht unter Naturschutz, solange er noch lebt.“

„Er hat aber schon ganz viele vertrocknete Wurzeln“, gab Onkel Hermann zu bedenken. Karl schüttelte unwillig seinen Kopf.

„Der Baum bleibt stehen, zumal ein Käuzchen darin wohnt.“

„Ich meinte doch nur…“, setzte Onkel Hermann an. Karl fuhr ihm aber über den Mund:

„Wenn du den Baum fällst, melde ich das dem Umweltamt. Dort wird man dafür sorgen, dass dir der Garten weggenommen wird.“ Onkel Hermann wusste, dass das Umweltamt stärker war als er. Er brummte ein wütendes „Dann bleibt er eben stehen“, und setzte seine Arbeit fort.

„Komm, ich helfe dir“, meinte Karl. Er wollte den Ärger, den er seinem Freund bereitet hatte, ausbügeln. Heiner schloss sich an:

„Klar doch! Karl und ich, wir helfen dir, das Fundament zu gießen. Und wenn die Hütte fertig ist, gibst du für uns eine Party.“

„Einverstanden“, brummte Onkel Hermann. Er drückte jedem Helfer einen Spaten in die Hand, und schon ging’s mit vereinten Kräften ans Werk. Während Heiner und Karl fleißig schaufelten, fuhr der Onkel denn Aushub auf den Kompost. So war die Grube für das Fundament schon am späten Vormittag fertig.

„Weißt du was?“, erklärte Karl dem Onkel. „Bei uns im Vereinshaus liegen noch haufenweise Säcke mit Schnellbeton. Die reichen für dein Fundament.“

„Was ist denn Schnellbeton?“, wollte Hermann wissen.

„Der wird schon nach 12 Stunden hart.“

„Gut“, meinte der Onkel. „Und wo mischen wir den Beton an?“ Karl lächelte verschmitzt.

„Im Schuppen neben dem Vereinshaus steht eine Mischmaschine. Wenn ich den Beton dort fertig mache und ihr beiden die Suppe mit Schubkarren hierher verfrachtet, haben wir die Grube in vier Stunden verfüllt.“ Gesagt, getan! Die Männer machten sich auf den Weg ins Vereinshaus. Dort füllte Karl die Mischmaschine mit Fertigbeton. Dazu gab er so viel Wasser, dass ein zäher, grauer Brei entstand. Wenig später konnten Onkel Hermann und Heiner die ersten Schubkarren mit flüssigem Beton zum Garten schieben. Dort beförderten sie das graue Nass in die Grube. Die Ränder hatte Onkel Hermann vorher mit Brettern verschalt.

„Sieht richtig professionell aus“, bemerkte Heiner. Schon am frühen Nachmittag waberte zwischen den Schalbrettern auf dem Rasen ein grauer, zähflüssiger See. Karl nickte zufrieden.

„Bestimmt wird das Zeug über Nacht hart. Dann können wir morgen mit dem Bau der Hütte beginnen.“ Onkel Hermanns Augen leuchteten.

„Habe ich das richtig verstanden? Ihr wollt mir auch beim Bau der Hütte helfen?“

„Klar doch!“, rief Heiner lachend. „Wo wir schon einmal am Ball sind…“ Onkel Hermann rieb sich die Hände.

„Ihr seid waschechte Kumpel. Deshalb lade ich euch heute zum Schnitzelessen ein.“ Das ließen sich Karl und Heiner nicht zweimal sagen. Munter machten sie sich gemeinsam mit Onkel Hermann auf den Weg zur Gartenwirtschaft.

Dach grün – Kinderzimmer sauber

Bis zum frühen Morgen saß Flabbes auf Britts Bettkante und blinzelte sie neugierig an. Als der erste Sonnenstrahl ins Kinderzimmer fiel, schlug sie endlich ihre Augen auf.

„Flabbes! Was schaust du mich so an?“

„Ich bewundere die Anmut deiner Erscheinung.“ Aus dem Kobold funkelte ein feines, schillerndes Licht.

„Er leuchtet!“ Marie wurde durch das Geschrei ihrer Schwester unsanft aus dem Schlaf gerissen.

„Wer leuchtet?“

„Na, wer wohl? Flabbes leuchtet.“

„Brennt er vielleicht?“

„Quatsch! Er verliert seine graue Farbe, und darunter leuchtet es.“ Marie hatte sich aus ihrem Bett geschwungen.

„Tatsächlich! Er glänzt wie ein Zwerg.“

„Praxnödl!“ rief Flabbes und lachte übermütig. Marie schüttelte ihren Kopf.

„Was ist denn mit dir los? Du sprichst ja mit einem Male Zwergisch!“ Britt wunderte sich.

„Was ist denn Zwergisch, und was bedeutet ‚Praxnödl’?“

„Weißt du das etwa nicht?“

„Nun tu mal nicht so, als wenn du die Weisheit mit Löffeln gefressen hättest“, meckerte Britt. Marie entschuldigte sich:

„Es ist schon gut. Zwergisch ist die Sprache der Zwerge. Und ‚Praxnödl’ heißt: Es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen.“ Flabbes nickte.

„Kroichnidlprunk!“ Britt kräuselte ihre Stirn, und Marie bat den Zwerg:

„Sprich wie wir, sonst kapiert meine Schwester nichts.“ Flabbes nickte und murmelte ein kaum verständliches „Entschuldigung“.

„Und was bedeutet jetzt dieses ‚Kroichnidlprunk’?“, wollte Britt wissen.

„Er meint, dass wir etwas mit dem Flachdach von Onkel Hermanns Hütte machen sollten.“

„Er weiß genau, was ich mir ausgedacht habe“, wunderte sich Britt.

„Ihr müsst die Grasplacken und die Hornveilchen auf das Dach der Hütte legen!“, erklärte Flabbes. Britt verschränkte ihre Arme.

„Hast du mir diese Idee geklaut, du Kobold?“ Flabbes grinste breit.

„Ideen kann man nicht klauen. Sie gehören allen. Ich bitte also höflichst um Begrünung des Daches.“

„Er hat Recht“, meinte Marie. „Wenn wir den ausgestochenen Rasen auf das Dach packen, sind die Helfer von Frau Lieslein und Herrn Grün gerettet.“ Britt nickte.

„Ich habe schon einen Plan: Wir müssen auf das Dach eine wasserdichte Folie spannen. Dann kommt eine Schicht Granulat drüber und oben drauf das Gras – mit nur wenig Erde.“

„Woher weißt du das?“, fragte Flabbes.

„Im letzten Sommer wurden die Garagendächer vor unserem Haus begrünt. Das habe ich mir genau angeschaut.“

„Kluges Kind!“ Flabbes wandte sich an Marie:

„Du bist auch ein kluges Kind!“ Die Mädchen mussten darüber herzhaft lachen.

„Wisst ihr was?“, schlug Britt vor. „Wir gehen jetzt gleich zu Onkel Hermann und sagen ihm, dass er sein Dach begrünen soll.“

„Das ist eine gute Idee“, meinte Marie, und Flabbes schloss sich mit einem „brave, kluge Kinder“ an. Die Mädchen schlüpften in ihre Kleider und stiefelten ins Bad. Dort verrieben sie ein paar Wassertropfen in ihren Gesichtern, damit der Anschein von Sauberkeit gewahrt blieb. Dann steuerten sie auf die Küche zu. Dort buk ihre Mutter kleine Brötchen.

„Guten Morgen, Mama!“ Marie schnappte sich eine Tüte und füllte sie mit Brötchen.

„Wir gehen dann mal zu Onkel Hermann!“ Bevor die Mutter etwas hätte einwenden können, waren sie verschwunden. Flabbes saß in Britts linker Jackentasche.

„Das habt ihr gut gemacht“, lobte er die Kinder.

„Warte ab, was wir sonst noch drauf haben“, bemerkte Britt mit breitem Grinsen.

Marie war schon zur Schwanenallee vorausgeeilt und drückte auf den Klingelknopf mit der Aufschrift „Meyer“. Onkel Hermann wunderte sich, dass seine beiden Großnichten schon wieder so früh auftauchten.

„Na, ihr Grashüpfer? Habt ihr guten Kuchen mitgebracht?“

„Nö“, erwiderte Marie, indem sie mit der Tüte vor Onkel Hermanns Nase herumwedelte, „heute gibt’s Selbstgebackenes.“

„Das ist genauso gut wie der Schenk‘sche Kuchen.“ Onkel Hermann stopfte sich ein halbes Brötchen in den Mund. Die Kinder setzten sich zu ihm an den großen Küchentisch und tranken ein Glas Saft.

„Wir haben heute nicht so viel Zeit“, begann Britt.

„Nicht viel Zeit?“, wunderte sich Onkel Hermann. „Was habt ihr denn vor, dass es so eilt?“

„Nun ja! Es geht um ein Öko-Projekt.“

„Darunter kann ich mir im Augenblick so wenig vorstellen wie ein Warzenschwein vom Eislaufen.“

„Hast du schon mal etwas von Dachbegrünung gehört?“, fragte Marie. Der Onkel nickte.

„Sicher! Man dichtet Flachdächer mit einer Folie ab, legt eine Krempe rundherum an und füllt die Dachfläche mit Granulat. Dann kommen Pflanzen drauf.“ Er blinzelte die beiden Mädchen misstrauisch an. „Warum fragt ihr danach?“

„Nun ja“, erwiderte Britt. „Wir dachten an das gute Gras und die vielen Veilchen, die du auf den Kompost gefahren hast…“ Onkel Hermann hatte den Wink verstanden:

„Ihr denkt, dass ich das Dach meines Gartenhauses begrünen sollte?“ Britt und Marie nickten. Onkel Hermann nahm einen Schluck Kaffee und überlegte laut:

„Das Dach habe ich ja in einem Anflug von Wahnsinn grün angestrichen. Es wäre gut, wenn ich das nicht mehr sähe. Außerdem wird mein Komposthaufen wieder leergeräumt. Und überhaupt… Es ist gut für das Klima, wenn ich das Dach begrüne.“

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Marie.

„Wir fangen am besten gleich an.“ Die Mädchen jubelten. In ihr Geschrei mischte sich ein feines Stimmchen, das fortwährend „Grunznoidl!“ rief.

„Klingelt euer Mobiltelefon?“, fragte Onkel Hermann.

„Nein!“, erwiderte Marie. „Das ist unser Kobold. Er ruft: ‚Endlich haben wir es geschafft.’“ Onkel Hermann winkte lächelnd ab.

„Ja, ja, ein Kobold. Das ist bestimmt derjenige, der mir den Unfug eingeredet hat.“

„Genau der“, meinte Britt lachend. Sie wusste, dass der Onkel sie nicht ernst nahm. Das war ihr aber egal, denn er hatte sich ja bereit erklärt, den Schaden in seinem Garten zu beheben. Onkel Hermann griff nach seinem Telefon und gab Heiners Nummer ein. Einen Augenblick später war er verbunden:

„Heiner?! Ich möchte gern das Dach der Gartenlaube begrünen. Du hast doch ein Auto. Könntest du gleich mal ins Gartencenter fahren und 20 Quadratmeter Teichfolie und zehn Eimer Granulat besorgen? Für die Krempe…“

„Welche Krempe?“, wollte Heiner wissen.

„Wir wollen das Dach begrünen. Wenn du jetzt gleich losfährst und alles herbeischaffst, gibt es dafür 12 Flaschen von meinem Apfelsaft. Das ist der, von dem du beim letzten Sommerfest zwei Flaschen geleert hast… Na, du weißt schon. Bis gleich.“ Onkel Hermann steckte die Tüte mit den Brötchen in seine Jackentasche, dann machten sich auf den Weg zum Garten. Dort war Heiner schon damit beschäftigt, die Teichfolie und das Granulat abzuladen. Karl besorgte Hammer, Säge und Nägel aus seinem großen Werkzeugkasten und verkündete stolz:

„In drei Stunden sind wir fertig.“

„Gut“, meinte Onkel Hermann. Er spuckte in seine Hände, und schon ging es ans Werk. Britt und Marie hockten auf dem Gartenzaun und schauten zu. Nach und nach gesellten sich all jene Zwerge, Nixen, Elfen und Feuermännlein zu ihnen, die durch das Betonfundament vertrieben worden waren – in ihrer Mitte der muntere Flabbes. Die Elfen sangen, die Nixen plapperten, und die knurpsigen Zwerge grummelten. Flabbes erklärte ihnen:

„Das hier ist von jetzt an der Zufriedenheitszaun.“

„Du hast voll gute Ideen“, meinte Britt. Sie streichelte den kleinen Kobold. Der schnurrte wie ein verwöhnter Kater.

Die Männer hatten tatsächlich nach drei Stunden alles fertig gestellt. Onkel Hermann war es gelungen, alle Rasenplatten, die er vor zwei Tagen zum Komposthaufen gefahren hatte, auf dem Dach unterzubringen. Nun saßen die Arbeiter in der Hütte und verspeisten die Brötchen.

„Na, mein lieber Hermann“, meinte Karl, „ich hoffe nur, dass du nicht wieder aufs Dach springst und das Gras mit grüner Farbe beschmierst – oder im Bach landest und uns mit Schlamm bewirfst.“

„Ich denke einmal“, erwiderte Onkel Hermann, „dass sich so etwas nicht wiederholen wird.“ Britt und Marie beobachteten, wie das unsichtbare Volk den Zufriedenheitszaun verließ und von Onkel Hermanns Dach Besitz ergriff:

Die Zwerge zogen Wurzeln. Die Nixen trieben das Wasser durch die Halme, und die Elfen umschwärmten die Spitzen der Gräser. Herr Grün und Frau Lieslein konnten sich vor Freude kaum halten. Nur Flabbes hockte noch auf dem Zaun und blies Trübsal. Britt bemerkte es als erste:

„Was hält dich hier noch? Willst du nicht in deinen Baum zurückkehren?“

„Mein Meister hat mich noch nicht gerufen.“ Mit einem herzanrührenden Gesichtsausdruck fragte er die Mädchen:

„Darf ich noch ein wenig bei euch bleiben?“

„Aber gerne!“, erwiderte Britt. „Wir hatten das ohnehin mit deinem Meister so abgemacht!“ Marie steckte den kleinen Kerl in ihre Jackentasche. Und nachdem sie sich von Onkel Hermann und seinen Freunden verabschiedet hatten, gingen sie heim. Dort angekommen, fragte Flabbes:

„Wie geht es weiter?“ Britt erklärte es ihm:

„Hast du es vergessen, Flabbes? Dein Meister nimmt dich um Mitternacht wieder zu sich.“ Der Kobold nickte zufrieden, und Marie legte ihn in eine Fingerpuppe, die ihre Mutter vor Jahren für sie gestrickt hatte.

„Passt wie ein Schlafsack“, meinte das Mädchen. –

Flabbes bemerkte aber, dass da ein Wollkobold drin wohnte. Der blinzelte ihn unfreundlich an.

„Was suchst du hier, du schräger Vogel?“

Flabbes missfiel dieser Empfang, und kniff er kräftig in die Wolle.

„Au!“, schrie der Wollkobold.

„Siehst du! So freundlich, wie ich kniff, hast du mich begrüßt.“

„Das kann ich gern beantworten“, knurrte der Wollkobold. Er packte den ungebetenen Gast am Arm und kniff zurück. Flabbes schrie vor Schmerz und fuhr aus der Fingerpuppe heraus.

„Zum Wirrlewitz mit dir!“, schrie er den Wollkobold an und verschwand in der linken Tasche eines Bademantels. Die Kinder hatten davon nichts bemerkt. Und so schleuderte Marie den Bademantel achtlos in den Wäscheschrank.

Flabbes arbeitete sich mühsam frei und hielt Umschau. Im Schrank tummelten sich Staubmilben, Haderlumpen, Häkelelfen und Garnnixen. Die drangen sofort auf ihn ein und rupften an seinem schillernden Pelz herum. Flabbes floh vor ihnen und fand auf dem Boden des Schranks eine Plastiktüte. Da schlüpfte er hinein und schloss seine Augen.

„Angenehme Ruhe“, sagte eine glibberige Stimme. Es war die Ölnixe, die in dieser Tüte wohnte. Flabbes stellte sich tot, um nicht weiter behelligt zu werden. Das durchschaute die Ölnixe.

„Anstatt dich zu verstellen, könntest du dich nützlich machen.“ Flabbes schüttelte seinen strubbeligen Kopf.

„Gib eine Antwort!“, befahl die ölige Stimme.

„Lass mich in Ruhe, du Plastiktante, sonst zerrupf ich dir den Wanst.“ Die Ölnixe hatte seit der Herstellung ihrer Plastiktüte zwar schon einiges ertragen müssen. Eine derart ruppige Antwort war ihr aber noch nicht zu Ohren gekommen. Sie plusterte sich auf und blies den widerborstigen Kobold hinaus. Der purzelte mit einem lauten „Plopp“ aus dem Schrank und landete auf einem achtlos weggeworfenen Kinderpantoffel.

„Wo kommst du her, mein Kleiner?“, fragte Marie.

„Ihr solltet beide mal in den Schrank kriechen“, schlug Flabbes vor. „Da wimmelt es von Ungeziefer und hässlichen Kobolden.“

„Hässliche Kobolde?!“ Flabbes nickte.

„Und ob. Ungewaschene und unsortierte Wäsche gehört nicht in den Schrank. Was meint ihr wohl, wie viele Stinkkobolde und Drecklinge dort hausen? Es geht da zu wie in Hulleshausen!“ Britt nickte.

„Du hast Recht, Flabbes. Wir räumen am besten gleich auf.“

An diesem Morgen kamen Mama und Papa Meyer aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zuerst räumten ihre Mädchen den Wäscheschrank auf. Dann reinigten sie den Teppichboden, die Betten und die Nachttische. Schließlich wurde die Bettwäsche ausgeschüttelt.

„Was ist los?“, fragte die Mutter.

„Was soll schon los sein?“, erwiderte Britt. „Wir machen sauber.“ Frau Meyer schüttelte ungläubig ihren Kopf. Britt meinte aber:

„Wenn wir dir erklären, warum wir das tun, dann glaubst du es sowieso nicht.“ Die Mutter war eingeschnappt. Herr Meyer meinte aber:

„Lass die Kinder ruhig herumwuseln. Sie leben in ihrer Welt – mit Zwergen, Kobolden und anderem Zeug. Und wenn sie sich einbilden, dass die Kobolde gern ein sauberes Zimmer haben, ist das nur gut.“

Flabbes hatte das Gespräch mitbekommen, und er fragte sich: ‚Nehmen die Menschen mit dem Alter an Dummheit zu? Warum können die Kinder mich sehen und ihre Eltern nicht? Trotzdem gehorchen sie den dummen Erwachsenen. Das geschieht wohl aus Liebe. Oder sie wollen diese entsetzlich dummen Menschen, die sie Eltern nennen, erlösen – genauso, wie sie es mit mir, einem missratenen Zwerg, machen. Vielleicht bringen sie ihren Eltern heute noch bei, wie man Kobolde befreit…’

Die Erlösung

Am späten Nachmittag machte sich Familie Meyer auf den Weg zu Onkel Hermanns Garten. Flabbes hatte sich in Maries rechter Hosentasche eingenistet.

Mit einem Kegel-Spiel wurde auf dem Rasen das große „Meyer-Gewinn-Turnier“ ausgetragen. Onkel Hermann bekam als Sieger eine Riesentomate aus eigener Ernte. Flabbes belauschte währenddessen seine unsichtbaren Freunde.

Er hörte die frechen Sprüche und Lästereien der Zwerge, den Gesang der Nixen und das verträumte Säuseln der Elfen. Aus dem Weidenbaum war Meister Weidlings Grummeln zu hören. Da hinein mischte sich das feine Wispern Frau Liesleins und Herrn Grüns sattes Gebrabbel. Nur der hochnäsige Herr Holder schwieg. ‚Ob er schon wieder beleidigt war?’

Der Tag verging wie im Nu. Die Sonne war schon längst untergegangen. Onkel Hermann hatte dicke Decken verteilt. Darin eingerollt, hockten alle auf den klapprigen Holzstühlen. Frau Meyer fachte im großen Grill ein Holzfeuer an. Das spendete Wärme und Licht. Nun endlich verließ Flabbes Maries Hosentasche. Er fand sich aber unter der Wolldecke wieder.

„Hey!“, rief er aufgeregt. „In welchem Schrank bin ich denn jetzt schon wieder eingesperrt!?“

„In keinem“, flüsterte Marie. Sie zog Flabbes unter der Wolldecke hervor.

„Mit wem flüsterst du denn da?“, wollte Onkel Hermann wissen. Er war froh, dass er die ganze Zeit keine „Stimmen“ gehört hatte.

„Lass dich überraschen“, entgegnete Marie. „Vielleicht wirst auch du etwas sehen.“

„Was soll ich schon sehen?“, brummte der Onkel. Er zog es vor, der Sache nicht weiter auf den Grund zu gehen. Um sich ein wenig abzulenken, besorgte er Holzscheite für das Feuer. Flabbes starrte fasziniert auf die Flammen.

„Das sind die Feuermännlein!“ Und er begann, nach den Bewegungen der züngelnden Flammen zu tanzen. Das sah so drollig aus, dass Marie und Britt lachen mussten. Den Erwachsenen gaukelten sie vor, sie hätten sich über einen Witz amüsiert.

Während die anderen nach und nach einschliefen, beobachteten die Kinder den kleinen Kobold. Sie wussten ja, dass Flabbes sie noch in dieser Nacht verlassen werde.

Es war spät geworden. Das Feuer im Grill war schon erloschen. Die Kirchturmglocke schlug zwölfmal. Sie klang dumpf und heiser. Nach dem letzten Schlag schaute Marie in die Krone des Weidenbaums. Dort erschien Meister Weidling. Das Mädchen starrte den Baumfürsten mit weit aufgerissenen Augen an.

„Warum fürchtest du dich?“, fragte der Baumfürst. „Du und deine Schwester, ihr habt uns gute Dienste erwiesen. Die Idee mit dem begrünten Dach ist höchst genial. Schon deswegen sind wir euch freundschaftlich verbunden.“ Mit diesen Worten nahm er Flabbes wieder in sein Reich auf.

„Nicht einfach wegnehmen!“, bat Marie.

„Du hast ihn für uns verwahrt. Jetzt ist seine Zeit als Kobold abgelaufen, und ich will ihn wieder in meine Obhut nehmen.“

„Darf ich ihn denn mal besuchen?“

„Jederzeit! Du musst ihn nur rufen. Dann wird er kommen.“ Marie rief „Flabbes!“, und schon stand der kleine Kerl vor ihr. Er trug ein braunes, schillerndes Gewand und sah darin so fremd aus, dass die Kinder ihn kaum noch erkannten.

„Ist das mein Flabbes?“, fragte Marie.

„Aber sicher!“, erwiderte der Zwerg. Seine Stimme klang zwar weicher und feiner als das Gequäke des Kobolds. Aber an der Art, wie er sich ausdrückte, war er gut zu erkennen.

„Fühlst du dich in der Erde wohl?“, fragte Britt.

„Und wie! Es ist super dort.“

„Wäre es denn auch super für uns?“

„Ach, ihr Lieben! Das Leben bei den Zwergen ist leider nichts für euresgleichen. Ihr werdet mich trotzdem nicht vergessen.“ – „Bestimmt nicht“, versprach Marie. Sie wollte Flabbes zum Abschied noch einmal an sich zu drücken. Das ließ er aber nicht zu. Mit einem pfiffigen Lachen verschwand er in der Erde.

Durch das Gespräch waren die anderen geweckt worden.

„Huch!“, bemerkte Frau Meyer. „Ist es schon nach zwölf? Wir sollten uns auf den Heimweg machen.“

„Ja, ins warme Bett nach Hause“, murmelte Papa Meyer im Halbschlaf. Im nächsten Augenblick starrten aber er und Onkel Hermann fassungslos auf den Grasgrund.

„Seht ihr das?“ Britt, Marie und ihre Mutter beobachteten es auch: Auf dem Rasen hatte sich nämlich eine Unzahl Wichtel, Blumenkinder, Zwerge, Elfen, Feuermännlein und Nixen zu einem festlichen Umzug versammelt – alle in einer langen Reihe.

Vorneweg zog Frau Lieslein mit ihrer Schar. Die Elfen stimmten mit winzigen Blütenglöckchen eine feine, fremdländisch klingende Musik an. Den Veilchenbediensteten folgten die Heerscharen des Herrn Holder. Sie sangen in einer sonderbaren Sprache zu jener Musik, die Frau Liesleins Volk erklingen ließ.

Ihnen folgten die Grünlinge. Sie hatten hohle Grashalme zu kleinen Trompeten und Schalmeien umgearbeitet und veranstalteten damit ein drolliges Getöse. Am Ende schlossen sich die Weidlinge an. Das war der größte und lauteste Zug. Einige schlugen mit Zimbeln, die sie aus vertrockneten Rindenstücken gefertigt hatten. Andere sangen, oder sie tröteten auf ausgehöhlten Weidenzweigen. Mitten in der Schar wurde der alte Baumfürst von zwölf Hirschkäfern auf einem aus Weidenzweigen geflochtenen Wagen gezogen.

Diese sonderbare Prozession bewegte sich in weiten Schlangenlinien durch den Garten auf Britt und Marie zu.

„Siehst du es immer noch?“, fragte Herr Meyer seine Frau.

„Ja, sicher doch.“

„Dann träumen wir also nicht?“ Britt und Marie antworteten im Chor:

„Natürlich nicht.“ Als die Kirchturmuhr Viertel nach Zwölf schlug, löste sich die Prozession wie in Nichts auf.

„Fort sind sie“, bemerkte Onkel Hermann. Und Frau Meyer meinte:

„Sonderbar. Vielleicht war es so etwas wie ein Wachtraum.“

„Ihr werdet es nie kapieren“, stellte Britt kopfschüttelnd fest. Wenig später brachen sie auf und waren um ein Uhr wieder zu Hause.