In einer kalten Dezembernacht traf eine Eule eine Maus. Damit war die Geschichte eigentlich schon wieder zu Ende. Eulen hatten Mäuse zum Fressen gern. Aus und vorbei.
Doch dieses Mal lief alles anders. Aus Todfeinden wurden Freunde, beste Freunde. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einer spannenden Suche nach den Geheimnissen der Natur.
Gemeinsam erlebten Edna, die zwar kluge, aber auch ziemlich eingebildete Waldkäuzin und Matze, der pfiffige Mausejunge, aufregende Abenteuer in ihrem Wald. Immer mehr wurde das ungleiche Paar zum perfekten Team. Während die Waldkäuzin die Welt von oben erkundete, setzte die Maus ihre detektivischen Fähigkeiten am Boden ein.
Warum fiel ein Vogel im Sturm nicht vom Baum? Wie machte es sich ein Eichhörnchen im Winter gemütlich und warum konnte eine Eule lautlos fliegen? Fragen über Fragen!
Anfang Januar war es kalt, eisig kalt. Der Schnee verwandelte die Landschaft in eine weiße Zauberwelt, doch für die Tiere schlug die Stunde der Wahrheit. Nur wer sich an die Kälte anpasste, überlebte.
Edna Eule und Matze Maus erlebten so manche Überraschung.
Summende Ungeheuer jagten Matze einen gehörigen Schrecken ein und dann traf er auch noch einen Hasen im Iglu. Edna las die Pipi-Botschaft der Füchse und jede Menge andere Spuren im Schnee. Schließlich erfuhr Matze, warum die Stockenten keine Eisbeine bekamen und wie der Motor des Siebenschläfers funktionierte.
Außerdem hatte Edna Eule Liebeskummer und zu allem Unglück auch noch einen schlimmen Unfall…, aber zum Glück war unsere Geschichte ja noch lange nicht zu Ende!
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© 2016 Karin Sandfort und Elisabeth Sandfort
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7412-1691-6
In den ersten Februartagen hockte Edna Eule noch immer in dem kleinen Feldgebüsch, in das sie sich nach ihrem Unfall gerettet hatte. Sie fühlte sich so, wie die Landschaft um sie herum aussah, traurig, verlassen und leer. Edna seufzte betrübt.
Von ihrem Gefährten Kauz hatte sie nichts mehr gehört und gesehen.
Wahrscheinlich, so überlegte sie niedergeschlagen, hatte auch er einen Unfall gehabt.
Edna reckte ihre Schwingen ein wenig.
„Glück gehabt!“, dachte sie. Ihre Wunden waren fast verheilt.
In der Zwischenzeit hatte sie in ihrem kleinen Zufluchtsort sogar ein paar Mäuse und Vögel erbeuten können.
So viel Glück im Unglück schien der arme Kauz nicht gehabt zu haben.
Edna Eule seufzte noch einmal aus tiefster Seele. Das kommende Frühjahr hätte so schön werden können! Zuerst eine romantische Balz, dann eine herrliche Hochzeit und schließlich ein Nest voller süßer, kleiner Waldkäuze.
Aus und vorbei. In diesem Jahr musste die Familienplanung ausfallen.
Während Edna Trübsal blies, wurde das Wetter langsam wärmer.
Das Thermometer kletterte auf milde fünf Grad und man konnte dabei zuschauen wie sich der Schnee in grauen Matsch verwandelte. Schließlich verschwand er ganz.
Der Wind hatte die Richtung gewechselt und blies aus dem Westen dicke, graue Regenwolken heran. Die segelten wie dunkle Schiffe über eine Landschaft, in der alle Farben verblasst waren.
Das im Sommer leuchtende Grün der Wiesen glich nun einem verwaschenen Wollteppich in müdem Gelb und die winterlichen Laubbäume reckten still ihre kahlen, grauen Äste in den düsteren Himmel.
Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, das Leben habe diese Landschaft verlassen, so öde, traurig und leer lag sie unter einem trostlosen Himmel.
Aber Edna Eule wollte nicht undankbar sein.
Das Schicksal hatte es bisher gut mit ihr gemeint. Ihr Leben währte schon länger als das der meisten Käuze.
Im nächsten Jahr würde sie vielleicht einen neuen Partner finden und bis dahin hatte sie noch viel vor.
Edna Eule atmete tief durch und fühlte sich gleich etwas besser.
Langsam drehte sie ihren dicken, runden Kopf zuerst ganz weit nach rechts und dann ganz weit nach links. Schließlich spreizte sie vorsichtig ihre Flügel.
Ungeduldig dachte sie: „Wenn ich doch schon wieder richtig gesund wäre! Es gibt so viel zu erforschen! Und wie mag es Matze Maus ergangen sein?“
Die Sehnsucht nach ihrem kleinen neugierigen Freund schmerzte mehr als die alte Verletzung.
Am liebsten hätte sie sich sofort auf die Suche gemacht, aber so fit war sie leider noch nicht.
Während ihrer Zwangspause im Feldgehölz hatte Edna viel Zeit, um die Tiere um sich herum zu beobachten.
Eine Gruppe von Rehen interessierte sie ganz besonders. Rehe sahen so friedlich aus. Meistens waren sie mit dem Futtern von Kräutern und Knospen beschäftigt. Danach ruhten sie sich aus und käuten wieder. Sobald sie etwas erschreckte, was häufig geschah, sprangen sie in großen Sätzen davon, um sich zu verstecken. Aber so friedfertig waren die Rehe nicht immer!
Edna Eule wusste Bescheid. Sie hatte die scheinheiligen Viecher durchschaut. Rehe waren in Wahrheit zickige Einzelgänger, die keine Artgenossen in ihrer Nähe duldeten. Wenn es darum ging, ihr Revier zu verteidigen, wurden Rehböcke sogar ziemlich angriffslustig.
Nur Rehmütter und ihre Kinder hielten fest zusammen.
Edna beobachtete von ihrem Ast herab vier Rehe, die Seite an Seite die zarten Spitzen der Wintergerste abzupften.
„Ha“, dachte die Waldkäuzin empört, „euch schweißt doch nur die winterliche Not zusammen! Spätestens im April seid ihr wieder spinnefeind.“
Plötzlich hoben die Rehe ihre Köpfe und prüften mit den Nasen den Wind. Darin schien ein Duft zu sein, der ihnen Angst machte. Sie sprangen in langen Sätzen auf eine Hecke zu, in der sie sich verstecken konnten. Dort warteten sie ab, bis die Luft rein war, bevor sie sich wieder hinauswagten.
In Ednas Feldgehölz ruhte häufig ein Rehbock. Er lag im Schutz der Büsche und Bäume in einer Art Bett und käute wieder. Das hieß, er aß sein Essen ein zweites Mal, so wie es die Kühe auch machten.
Um diese Fähigkeit beneidete ihn Edna ein wenig. Der Geizkragen presste den letzten Rest an Nährstoffen aus seiner Mahlzeit. Wenn das Wetter schlecht war, hätte Edna Eule das auch gern gekonnt. Aber für Eulen kam so was ja nicht in Betracht.
Wenn Edna von ihrem Aussichtsplatz herab den wiederkäuenden Faulpelz betrachtete, fiel ihr Blick auf dessen Kopfschmuck. Der sah jetzt im Februar ganz anders aus als im Sommer.
Im November war der Angeber auf dem Kopf völlig kahl gewesen. Von einem Tag auf den anderen hatte er zuerst die rechte und dann die linke Gehörnstange verloren.
Nun war sein Stolz schon wieder kräftig nachgewachsen, aber die Stangen waren noch weich und empfindlich. Einen Kampf mit einem Rivalen konnte er sich in diesem Zustand nicht leisten. Darum verhielt er sich friedlich.
Die Stirnwaffen des Rehbocks waren in dieser Zeit von einer plüschartig behaarten Basthaut überzogen, die von Blutgefäßen versorgt wurde. Damit er sich nicht verletzte, ging der Bock jetzt vorsichtshalber jedem Streit aus dem Weg.
Edna Eule saß heute der Schalk im Nacken. Ihre Lebensgeister waren wieder erwacht und sie verspürte das dringende Bedürfnis, dem unter ihrem Baum liegenden Rehbock eine ordentliche Lektion zu erteilen.
In ihrem Magen ruhten noch die Überreste einer Blaumeise, die sie in den frühen Morgenstunden erbeutet hatte. Edna würgte ein wenig und schon plumpste ein hellgrauer Gewölleballen direkt auf die schwarze Nasenspitze des schläfrigen Rehbocks.
Für den war es mit seiner Ruhe aus heiterem Himmel vorbei. Er schoss in die Höhe und flüchtete mit so großen Sätzen über die Wiese, als sei der leibhaftige Teufel hinter ihm her.
Edna Eule amüsierte sich köstlich. Schluss mit dem Kranksein, entschied Edna für sich. Ab heute wollte sie zu ihrem normalen Leben zurückkehren.
Als Matze Maus an diesem milden Februarabend erwachte, hatte er die Hoffnung schon beinahe aufgegeben. Nacht für Nacht war er zum Treffpunkt unter dem Schwarzdornbusch geeilt und hatte auf seine Freundin Edna gewartet. Aber so sehr er auch wartete, die Käuzin schien vom Erdboden verschluckt.
Von Tag zu Tag wurde Matze trauriger. Wenn er nicht felsenfest von Ednas fantastischen Fähigkeiten überzeugt gewesen wäre, er hätte seine große Freundin sicher für tot gehalten.
Doch Matze Maus hörte auf seine innere Stimme und die hörte nicht auf zu behaupten, dass Edna Eule lebte.
So machte sich Matze auch in dieser Nacht auf den Weg zu ihrem Treffpunkt. Wie in all den Nächten zuvor streckte er vorsichtig sein rosafarbenes Näschen aus dem Loch im Waldboden und schnupperte nach allen Seiten.
Schon wollte er sich enttäuscht wieder zurückziehen, als ein schwarzer Schatten lautlos durch die Bäume strich und sich auf dem untersten Ast der Hainbuche niederließ.
Matze Maus kleines Mäuseherz raste vor Aufregung und setzte bei den ersten Tönen eines wundervollen Eulenschreis beinahe aus.
„Khuwitt“, sang Edna Eule, „da bin ich wieder, mein kleiner Freuiind!“
Für einen Moment verschlug es Matze die Sprache, aber dann piepsten und heulten die zwei vor lauter Wiedersehensfreude und erzählten einander ihre Abenteuer bis der Morgen graute.
Es sollte nicht lange so mild bleiben. Schon nach wenigen Tagen kehrte der Winter mit aller Macht zurück. Es fror Stein und Bein und der Frühling schien in weite Ferne gerückt zu sein.
In weite Ferne? Weit gefehlt! Wohin man auch blickte, überall machten sich erste Frühlingsgefühle breit. Hasen und Füchse vergaßen all ihre Vorsicht. Für sie zählte jetzt nur noch die Liebe.