image

Peter Welsen

GRUNDRISS
SCHOPENHAUER

Ein Handbuch zu
Leben und Werk

image

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹https://portal.dnb.de› abrufbar.
eISBN (ePub) 978-3-7873-3885-6
eISBN (PDF) 978-3-7873-3884-9

Gefördert durch NEUSTART KULTUR

Umschlagabbildung: Universitätsbibliothek Frankfurt, Nachlass Arthur Schopenhauer – Schopenhauer-Archiv

© Felix Meiner Verlag Hamburg 2021. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Umschlaggestaltung: Jens-Sören Mann. Konvertierung: Bookwire GmbH www.meiner.de

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Biographische Skizze

Systematischer Abriß

Genese und Struktur

Das »bessere Bewußtsein«

Erkenntnistheorie

Metaphysik der Natur

Metaphysik des Schönen

Metaphysik der Sitten

Lemmata

Rezeption

Bibliographie

a) Zitierweise

b) Ausgaben

c) Zitierte Literatur

d) Standardliteratur

Personenregister

Vorwort

Das vorliegende Buch wurde im Laufe des letzten Jahrzehnts auf Anregung des Felix Meiner Verlags geschrieben. Ich danke dem Verlag für sein Vertrauen sowie für die Geduld, die mir angesichts der einen oder anderen Verzögerung während der Abfassung entgegengebracht wurde. Für die umsichtige und verständnisvolle Betreuung des Projekts danke ich nicht zuletzt Dr. Marion Lauschke und Marcel Simon-Gadhof.

Darüber hinaus gilt mein Dank Prof. Dr. Sebastian Gäb, Robert Mersiowsky, M. A., und Michael Steinmetz, M. A. M. A., mit denen ich mich in anregenden Gesprächen über den Inhalt des Manuskripts austauschte. Für die Mühe des Korrekturlesens schulde ich zahlreichen aktuellen und ehemaligen Hilfskräften, Mitarbeitern und Sekretärinnen besonderen Dank: Alisa Alić, Stefan Becker, Natalie Cramme-Hill, David Gauß, Dr. Dominic Harion, Dr. Katharina Helming, Christoph Hocks, M. Ed., Leon Krings, M. A., Matthias Minor, M. Ed., Dr. Eva Maria Phieler, Stephanie Schintgen, M. A., Stefan Schließmeyer, M. Ed., Gabriele Schmitt, Benita Schreuder, Sascha Settegast, M. A., Lena Winter sowie Dr. Dominik Zink. Ganz besonders danke ich Anika Türkkan, M. A., für ihre fachkundige Hilfe bei der Erstellung der Bibliographie, der Formatierung und der Korrektur des Textes.

Ulrike Zellner bin ich ausgesprochen dankbar für die Nachsicht angesichts beinahe habituell gewordener lebensweltlicher Einschränkungen, wie sie die Abfassung eines umfangreicheren wissenschaftlichen Werks nun einmal mit sich bringt.

Regensburg, im Dezember 2020

Peter Welsen

Einleitung

Das vorliegende Werk ist als Handbuch konzipiert. Es richtet sich an gebildete Laien, Studenten und Wissenschaftler, die sich für Schopenhauer interessieren, sich in sein Denken einführen lassen oder über ihn lehren oder forschen wollen. Dabei geht es weniger darum, spezielle Gegenstände seiner Philosophie detailliert zu erläutern, als vielmehr darum, dem Leser eine grundlegende und kompakte Orientierung zu vermitteln. Das gilt für folgende Bereiche: Schopenhauers Leben (»Biographische Skizze«), die gedanklichen Grundstrukturen seiner Philosophie (»Systematischer Abriß«), deren zentrale Begriffe (»Lemmata«) sowie schließlich deren Wirkungsgeschichte (»Rezeption«). Abgerundet wird das Buch durch einen bibliographischen Teil sowie ein Namensregister.

Obgleich sich das Werk eines Philosophen keineswegs auf sein Leben reduzieren läßt, leistet doch letzteres in aller Regel zumindest einen Beitrag zum Verständnis desselben. Dies trifft sicherlich auch auf Schopenhauer zu. Deshalb ist es mehr als legitim, eine »biographische Skizze« an den Anfang dieses Buches zu stellen, die freilich nicht Selbstzweck ist, sondern im wesentlichen Schopenhauers Weg zur Philosophie und sein Leben in dieser wissenschaftlichen Disziplin nachzeichnet.

Der »systematische Abriß« stellt zunächst die einzelnen Veröffentlichungen Schopenhauers mit ihren inhaltlichen Schwerpunkten sowie die Struktur seines Ansatzes vor, der – nach Auffassung des Philosophen – kein auf einem obersten Prinzip beruhendes System, sondern ein organisches Gebilde darstellt, dessen Teile ebenso vom Ganzen abhängen, wie das auch umgekehrt der Fall sei. Letzten Endes will Schopenhauer in seinem Ansatz einen »einzigen Gedanken« zum Ausdruck bringen: »[D]ie Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens.« (W I 506) Dabei gliedert er seine Philosophie in vier sich ergänzende und wechselseitig erläuternde Disziplinen: eine Erkenntnistheorie, eine Metaphysik der Natur, eine Metaphysik des Schönen sowie eine Metaphysik der Sitten, welche die vier Bücher von Die Welt als Wille und Vorstellung ausmachen. Nach einer kurzen Erläuterung der frühen »Philosophie des besseren Bewußtseins«, die Schopenhauer bald hinter sich läßt, werden in dem Kapitel die genannten Disziplinen als einzelne sowie in ihrem Verhältnis zueinander expliziert.

Die »Lemmata« stellen den bei weitem umfangreichsten Teil des Buches dar. In mehr als 140 Abschnitten werden zentrale Begriffe von Schopenhauers Philosophie nicht einfach nur genannt, sondern im Ausgang von den Texten, in denen sie auftreten, gründlich analysiert. Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Auswahl stets angreifbar bleibt. So wird weder der Anspruch der Alternativlosigkeit noch der Vollständigkeit erhoben. Vielmehr möge es genügen, daß die Auswahl im großen und ganzen nachvollziehbar und plausibel ist. Die Darstellung der Begriffe ist einerseits textnah, anderseits aber wird durchaus auch auf Schwierigkeiten hingewiesen, die einzelne Begriffe – sei es durch Ambiguität, mangelnde Präzision oder Defizite in der Begründung – aufweisen. Auf eine ausführliche Einbeziehung der einschlägigen Sekundärliteratur wurde verzichtet, da sie ein ohnedies umfangreiches Buch hätte gänzlich ausufern lassen. Wer eine tiefergehende Diskussion einzelner Begriffe oder Gedankenkomplexe sucht, sei an die entsprechende Spezialliteratur verwiesen. Umgekehrt ist sich der Verfasser darüber im klaren, daß seine Darstellung keineswegs von einer Position einer tabula rasa ausgeht, sondern einen – von bestimmten Voraussetzungen geprägten – hermeneutischen Zugriff darstellt, der sich im Zuge einer langjährigen und in einschlägigen Veröffentlichungen dokumentierten Beschäftigung mit Schopenhauer und seinem Denken herausgebildet hat.1

Das Kapitel »Lemmata« stützt sich – wie auch die übrigen – im wesentlichen auf die von Arthur und Angela Hübscher edierte Zürcher Ausgabe (Werke in zehn Bänden) der Werke Schopenhauers, welche – mit Ausnahme der Schrift Ueber das Sehn und die Farben – alle zu Lebzeiten publizierten Texte des Philosophen enthält. Sicherlich böte die von Arthur Hübscher vorgelegte historischkritische Ausgabe (Sämtliche Werke) ein höheres Maß an philologischer Präzision, doch ist sie wohl aufgrund der Ausstattung und des Preises weniger verbreitet. Da sich der Grundriß Schopenhauer nicht allein an ein philosophisch ambitioniertes Fachpublikum, sondern an eine breitere – auch bildungsbürgerliche und studentische – Leserschaft richtet, erscheint die Wahl der Zürcher Ausgabe dem Verfasser plausibel. Darüber hinaus sei angemerkt, daß die in dieser Ausgabe enthaltenen Texte dieselbe Gestalt wie in den Sämtlichen Werken aufweisen.2 Bei Texten, die nicht in der Zürcher Ausgabe stehen, wurde auf entsprechende Ausgaben zurückgegriffen, etwa den von Arthur Hübscher edierten Handschriftlichen Nachlaß oder die von Volker Spierling herausgegebenen Philosophischen Vorlesungen.3

Da Schopenhauer zu den meistgelesenen Philosophen der Neuzeit zählt, erscheint es lohnend, der Rezeption seines Denkens ein eigenes Kapitel zu widmen. Angesichts der großen, kaum zu überblickenden Zahl seiner Leser muß dabei jedoch selektiv vorgegangen werden. Vergegenwärtigt man sich, daß Schopenhauers geistige Leistung insbesondere philosophischer Art ist, liegt es nahe, die Rezeption im Bereich der Philosophie in den Vordergrund zu stellen. Dagegen wird Schopenhauers Einfluß auf Musiker und Schriftsteller lediglich kursorisch behandelt. Das liegt nicht zuletzt daran, daß die literarische Rezeption in ihrer ganzen Breite kaum von einem einzelnen Forscher bewältigt werden kann. Immerhin liegt zu diesem Thema eine Reihe mehr oder weniger gewichtiger Monographien vor.4

Am Ende des Buchs befindet sich ein bibliographischer Teil, der sich – angesichts der Fülle der Literatur über Schopenhauer – auf das Wesentliche beschränken muß. Dazu zählen die wichtigsten Ausgaben, in denen Schopenhauers Werke vorliegen, ein Verzeichnis der im vorliegenden Buch verwendeten oder zitierten Texte sowie eine Liste grundlegender Sekundärliteratur. Daß hier eine Auswahl getroffen werden muß, liegt ebenso auf der Hand wie der Einwand, daß diese bis zu einem gewissen Grad von den Präferenzen des Verfassers geprägt ist und daher kritisierbar bleibt.

1 Vgl. z. B. Peter Welsen. »Schopenhauers Hermeneutik des Willens«. In: Thomas Regehly / Daniel Schubbe (Hg.). Schopenhauer und die Deutung der Existenz. Perspektiven auf Phänomenologie, Existenzphilosophie und Hermeneutik. Stuttgart 2016, 157–170.

2 Für Leser, die andere Ausgaben benutzen, sei auf die Konkordanz im Anhang des Schopenhauer-Handbuchs von Schubbe und Koßler verwiesen. Vgl. Daniel Schubbe / Matthias Koßler (Hg.). Schopenhauer-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart / Weimar 2014, 403–426.

3 Die genauen Angaben befinden sich im bibliographischen Anhang des vorliegenden Buches.

4 Vgl. Schubbe / Koßler (2014), 358–360.

Biographische Skizze

Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 als erstes Kind des wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Floris Schopenhauer (1747–1805) und seiner Frau Johanna (1766–1838) in Danzig geboren. Die Familie zählte zu den angesehensten und wohlhabendsten der Stadt. Die Ehe der Eltern war wenig glücklich, und so erstaunt es nicht, daß die Mutter – ähnlich wie auch der Vater – ihrem Sohn kein Gefühl der Liebe und Geborgenheit vermitteln konnte. Als die – bis dahin freie – Stadt 1793 von Preußen annektiert wurde, verließ Heinrich Floris Schopenhauer diese, da er als überzeugter Republikaner nicht preußischer Untertan sein wollte, verkaufte sein Geschäft und zog mit seiner Familie nach Hamburg. Dort wurde er wieder erfolgreich als Kaufmann tätig. 1797 wurde Adele, die Schwester des Philosophen, geboren, die bis 1849 leben sollte.

Nach dem Wunsch seines Vaters sollte Arthur Schopenhauer auf den Kaufmannsberuf vorbereitet werden, für den nicht zuletzt gründliche Kenntnisse der englischen und französischen Sprache erforderlich waren. Daher wurde er von 1797 bis 1799 nach Le Havre geschickt, wo er in der Familie eines Geschäftsfreundes lebte und sich das Französische so gut aneignete, daß seine Deutschkenntnisse zeitweise darunter litten. Nach seiner Rückkehr nach Hamburg verbrachte er vier Jahre an einer privaten Lehranstalt, dem Rungeschen Institut, um auf den künftigen Beruf vorbereitet zu werden. Wie er selbst feststellt, lernte er dort, »was einem Kaufmanne von Nutzen ist und dem Gebildeten wohl ansteht« (GBr 649). Freilich merkte Schopenhauer bald, daß er wenig Neigung zum vorgesehenen Beruf verspürte, sondern sich eher zur Gelehrtenlaufbahn hingezogen fühlte.

Angesichts dieser Situation konfrontierte ihn sein Vater mit der Alternative, entweder ins Gymnasium einzutreten, um dann zu studieren, oder mit den Eltern eine ausgedehnte Bildungsreise durch Europa zu unternehmen und anschließend eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Schopenhauer konnte der Verlokkung solch einer Reise nicht widerstehen. Die Familie brach im Frühjahr 1803 auf und begab sich zunächst über die Niederlande nach England. Während seine Eltern nach Schottland weiterreisten, verbrachte Arthur Schopenhauer mehrere Monate in einem Internat in Wimbledon, um die englische Sprache zu erlernen. Darauf besuchte er mit seinen Eltern mehrere französische Städte wie Paris, Bordeaux, Toulouse und Marseille. Auf einem Ausflug nach Toulon machte Schopenhauer eine folgenreiche Erfahrung: Er erlebte im dortigen Arsenal das Elend der angeketteten Galeerensklaven und war darüber zutiefst erschüttert: »In meinem 17ten Jahre ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. […] [M]ein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens seyn könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um am Anblick ihrer Quaal sich zu weiden« (HN IV/1 96). Ähnlich intensiv wirkten auf den angehenden Philosophen die Schweizer Alpen in ihrer Erhabenheit, nicht zuletzt der Pilatus, den er im Zuge der Fortsetzung seiner Reise bestieg, die ihn schließlich über Österreich und Böhmen im Sommer 1804 nach Deutschland zurückführte.

Gemäß der mit dem Vater getroffenen Vereinbarung nahm Schopenhauer widerwillig seine kaufmännische Ausbildung auf, zunächst bei Kabrun in Danzig, wenig später bei Jenisch in Hamburg. Offen bekannte er: »Nie aber hat es einen schlechteren Handlungsbeflissenen gegeben als mich.« (GBr 651) Im Winter 1804/05 verschlechterte sich der körperliche und seelische Zustand von Heinrich Floris Schopenhauer zusehends, am 20. April 1805 wurde seine Leiche im Fleet hinter seinem Haus gefunden. Wahrscheinlich hatte er sich vom Fenster des Speichers herabgestürzt.

Im darauffolgenden Jahr verließen Adele und Johanna Schopenhauer Hamburg und zogen nach Weimar um. Dort führte Johanna einen literarischen Salon, in dem unter anderem Goethe und Wieland verkehrten, und begann darüber hinaus eine überaus erfolgreiche schriftstellerische Karriere. 1807 brach Schopenhauer seine Ausbildung ab, um sich zunächst in Gotha und ab Ende des Jahres in Weimar durch das Erlernen der alten Sprachen auf ein Universitätsstudium vorzubereiten, das er 1809 nach Auszahlung seines Erbes in Göttingen aufnahm. Anfänglich schrieb er sich für Medizin, ab dem Wintersemester 1810/11 aber für Philosophie ein. Das hinderte ihn allerdings nicht, weiterhin naturwissenschaftliche Vorlesungen zu besuchen. Auf Anregung von Gottlob Ernst Schulze, seines wichtigsten philosophischen Lehrers, der nicht zuletzt durch seine skeptische Kritik an Kant hervorgetreten war, widmete sich Schopenhauer insbesondere der Lektüre Platons und Kants, die zeit seines Lebens die für ihn bedeutendsten Philosophen bleiben sollten. Bei einem Besuch in Weimar riet ihm Wieland von der Philosophie ab. Schopenhauer entgegnete: »Das Leben ist eine mißliche Sache, ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.« (Gespr 22) Daraufhin änderte Wieland seine Einschätzung und empfahl ihm, doch bei der Philosophie zu bleiben.

1811 wechselte Schopenhauer an die neugegründete »Universität zu Berlin«, nicht zuletzt, um den auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stehenden Johann Gottlieb Fichte zu hören, von dessen Vorlesungen (»Thatsachen des Bewußtseins« im Wintersemester 1811/12, »Wissenschaftslehre« im Sommersemester 1812) er jedoch so wenig angetan war, daß er sie immer wieder bissig kommentierte. Ferner nahm Schopenhauer an Vorlesungen der Philologen Boeckh und Wolf sowie von F. D. E. Schleiermacher teil. Dazu kamen gelegentliche Besuche an der Charité, an welcher der junge Philosoph zwei psychisch kranken Patienten regelmäßig Besuche abstattete, auf die seine späteren Überlegungen zum »Wahnsinn« aufbauen konnten. Insgesamt fühlte sich Schopenhauer in Berlin eher nur mäßig wohl. Davon zeugt, daß er die Stadt als »physisch und moralisch ein vermaledeites Nest« (GBr 338) beschrieb. Nichtsdestoweniger waren seine Überlegungen, die einige Jahre später in Die Welt als Wille und Vorstellung eine feste Gestalt annehmen sollten, so weit gediehen, daß er gegen Ende seines Aufenthaltes notieren konnte: »Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Einem sein soll […]. Das Werk wächst, concrescirt allmählig und langsam wie das Kind im Mutterleibe« (HN I 55). Aufgrund der unsicheren militärischen Situation – nach der Schlacht von Lützen fühlte man sich in Berlin durch die napoleonischen Truppen bedroht – verließ Schopenhauer die Stadt im Mai 1813 in Richtung Weimar. Von dort zog er sich, um seine Dissertation zum Abschluß zu bringen, nach Rudolstadt zurück. Er reichte die Arbeit (Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde), in der er die erkenntnistheoretischen Grundlagen seines Ansatzes darlegt, an der Universität Jena ein und wurde dort im Oktober desselben Jahres in absentia mit der Note magna cum laude promoviert.

In die Zeit, die Schopenhauer anschließend in Weimar verbrachte, fielen zwei wichtige Ereignisse: der Bruch mit der Mutter, der durch den Einzug des Freundes Müller von Gerstenbergk in deren Haus begünstigt wurde, sowie eine Reihe intensiver Begegnungen mit Goethe, in deren Mittelpunkt die Diskussion der Farbenlehre stand. Zwar waren sich beide Denker in der Ablehnung von Newtons einschlägiger Theorie einig, doch Schopenhauer betonte den subjektiven Aspekt der Wahrnehmung der Farben stärker als Goethe und versuchte, diesen von der Überlegenheit seines eigenen Ansatzes mit einiger Vehemenz zu überzeugen. Freilich ließ sich Goethe nicht belehren und brach den Austausch im Frühjahr 1814 ab. Er drückte seine Erfahrung mit dem jungen Philosophen wie folgt aus: »Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden, wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden.«1 Wenig später – im Jahr 1816 – veröffentlichte Schopenhauer seine Theorie unter dem Titel Ueber das Sehn und die Farben. Ebenfalls während des Aufenthalts in Weimar wurde er vom Orientalisten Majer erstmals auf die indische Philosophie – in Gestalt einer von Anquetil-Duperron angefertigten französischen Übersetzung einer persischen Übersetzung einer Auswahl von Texten aus den Upanischaden, die 1801/02 unter dem Titel Oupnekhat erschienen war – aufmerksam gemacht, die ähnlich großen Einfluß wie Platon und Kant auf ihn ausüben sollte: »Ich gestehe übrigens daß ich nicht glaube daß meine Lehre je hätte entstehn können, ehe die Upanischaden, Plato und Kant ihre Strahlen zugleich in des Menschen Geist werfen konnten.« (HN I 422)

Im Mai 1814 zog Schopenhauer nach Dresden um. Dort verbrachte er in den folgenden Jahren die vielleicht glücklichste, sicher aber die produktivste Zeit seines Lebens, in der es ihm gelang, seinen eigenen metaphysischen Ansatz zu elaborieren und zur Niederschrift zu bringen. Lag seine Erkenntnistheorie bereits mit der Dissertation vor, so entstanden nun die Metaphysik der Natur, die Ästhetik und die Ethik, in deren Zentrum die Lehre vom Willen als dem Ding an sich steht. In dem des Sanskrit mächtigen K. C. F. Krause, der später vor allem in Spanien und Lateinamerika rezipiert werden sollte, fand Schopenhauer einen Gesprächspartner, mit dem er sich über das indische Denken austauschen konnte. Das im Entstehen begriffene Werk enthält nach Auffassung des Autors einen einzigen Gedanken: »Meine ganze Ph[ilosophie] läßt sich zusammenfassen in dem einen Ausdruck: die Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens.« (HN I 462) Im Dezember 1818 wurde der – auf 1819 – vordatierte Text unter dem Titel Die Welt als Wille und Vorstellung bei Brockhaus veröffentlicht.

Schon vorher war Schopenhauer zu einer Bildungsreise nach Italien aufgebrochen, die ihn unter anderem nach Venedig, Florenz, Rom und Neapel führen sollte. Als er sich im Juni 1819 in Mailand aufhielt, erreichte ihn die Nachricht von der Insolvenz des Danziger Bankiers Muhl, bei dem Mutter und Schwester ihr gesamtes Vermögen und er selbst ein Drittel des seinen angelegt hatten. Darauf kehrte er nach Deutschland zurück. Anders als seine Mutter und Schwester, die einen wenig günstigen Vergleich akzeptierten, gelang es ihm, sein Kapital vollständig zu erhalten. Als Schopenhauer es vom – inzwischen wieder zahlungsfähigen – Muhl einforderte, konstatierte er diesem gegenüber: »Sie sehn, daß man wohl ein Philosoph seyn kann, ohne deshalb ein Narr zu seyn.« (GBr 69)

Im gleichen Jahr faßte Schopenhauer den Entschluß, sich in Berlin zu habilitieren. Anläßlich der Probevorlesung im März 1820 kam es zu einem Disput mit Hegel, in dem Schopenhauer sachlich recht behielt. Freilich war seine Vorlesungstätigkeit nicht von Erfolg gekrönt. Da er seine Veranstaltung zur gleichen Zeit wie Hegel abhielt, der sich gerade auf dem Gipfel seines Ruhmes befand, stellten sich im ersten Semester seiner Privatdozentur nur wenige Hörer und danach gar keine mehr bei ihm ein, so daß die angekündigten Vorlesungen nicht mehr stattfanden. Dazu kam, daß Die Welt als Wille und Vorstellung nicht die erhoffte Aufmerksamkeit hervorrief. Das Werk verkaufte sich mäßig, und die spärlichen Rezensionen fielen eher negativ aus. Anerkennend äußerte sich lediglich Jean Paul Friedrich Richter, als er das Werk 1824 besprach.

Zum beruflichen Mißerfolg gesellten sich private Probleme. Schopenhauer hatte sich 1820 oder 1821 mit der Chorsängerin Caroline Richter liiert, die sich nach dem Vater ihres ersten Sohnes Medon nannte. Zwar hielt die Beziehung – mit Unterbrechungen – bis 1831, doch war sie von Krisen und Spannungen geprägt. So brachte Richter zehn Monate nach Schopenhauers Aufbruch zu einer zweiten Italienreise (1822–1823) einen Sohn zur Welt, der aus einer anderen Affäre hervorging und von Schopenhauer nicht akzeptiert wurde. Eine tatsächlich auf Schopenhauer zurückgehende Schwangerschaft Richters endete 1826 mit einer Fehlgeburt. Ein durch eine Begebenheit im Jahre 1821 ausgelöster Konflikt wirkte sich ebenfalls belastend aus. Schopenhauer hatte seine Nachbarin Caroline Marquet, die sich widerrechtlich im Vorraum seiner Wohnung aufhielt und sich weigerte, diesen zu verlassen, unter Einsatz physischer Kräfte zur Türe hinausbefördert. Dabei war sie zu Fall gekommen und hatte sich – nach eigener Aussage – mit bleibenden Folgen verletzt. Die von ihr angestrengte Klage führte nach einigem Hin und Her 1827 dazu, daß ihr Schopenhauer bis zu zum Lebensende ein Schmerzensgeld in Höhe von fünf Talern pro Monat entrichten mußte. Ihr Ableben (1841) kommentierte der Philosoph mit den Worten: »Obit anus, abit onus.«2

Auf der Rückreise aus Italien wurde Schopenhauer durch eine Krankheit gezwungen, ein Jahr – d. h. bis Mai 1824 – in München zu bleiben. Die von ihm beschriebenen Symptome deuten auf eine schwere, von psychosomatischen Beschwerden begleitete Depression hin. So notierte er: »Hämorrhoiden mit Fistel, Gicht, Nervenübel succedirten sich […]: dabei ist das rechte Ohr ganz taub.« (GBr 92) Den darauffolgenden Winter verbrachte Schopenhauer in Dresden. Er hatte vor, eine Reihe fremdsprachiger Texte (Bruno: De la causa, principio et uno, Hume: Dialogues Concerning Natural Religion und The Natural History of Religion sowie Sterne: Tristram Shandy) ins Deutsche zu übertragen, doch diese Pläne zerschlugen sich letztlich. Eine Begegnung mit Ludwig Tieck endete mit einem Streit, dessen Gegenstand die Religion war. Schopenhauer hatte sich über Tieck mit den Worten »Was? Sie brauchen einen Gott?« (Gespr 53) lustig gemacht.

Im Frühjahr 1825 traf der Philosoph wieder in Berlin ein und kündigte weiterhin, ohne ein Publikum für sich zu gewinnen, Vorlesungen an. Bemühungen, sich an anderen Universitäten (Würzburg, Heidelberg) zu etablieren, blieben ebenso erfolglos wie der Versuch, seine deutsche Übersetzung des Hand-Orakels von Baltasar Gracián bei Brockhaus zu veröffentlichen. Die einzige Übersetzung, die realisiert wurde und zur Publikation gelangte, war die seiner eigenen Abhandlung Ueber das Sehn und die Farben, die 1830 in lateinischer Sprache erschien. Begegnungen mit Alexander von Humboldt (1826) und Adelbert von Chamisso (um 1830) beeindruckten ihn wenig. Demgegenüber erwies sich die ebenfalls in dieses Jahrzehnt fallende Lektüre französischer Sensualisten wie Cabanis und Flourens insofern als nachhaltiger, als sie das Interesse des Philosophen – nach seinem Studium der Medizin – erneut auf anatomische und physiologische Fragestellungen lenkte und es verstärkte.3 Das sollte sich in späteren Publikationen wie Der Wille in der Natur (1836) und dem zweiten Band von Die Welt als Wille und Vorstellung (1844) niederschlagen.

Während seines Aufenthalts in Berlin scheiterte Schopenhauer mit einem Heiratsantrag, den er einem deutlich jüngeren Mädchen, Flora Weiß, gemacht hatte. Als schließlich 1831 die Cholera an die Stadt heranrückte, brachte er sich in Sicherheit, indem er Berlin verließ und nach Frankfurt aufbrach, das als »cholerafest«4 galt. Damit endete auch die Beziehung zu Caroline Richter, die er gern mitgenommen hätte, aber eben nur unter der – für sie inakzeptablen – Bedingung, ihren Sohn in Berlin zurückzulassen.

Nach seiner Ankunft in Frankfurt verfiel Schopenhauer in eine düstere Stimmung, die ihn zwei Monate lang hinderte, sein Quartier zu verlassen. Zweifel darüber, ob er sich am richtigen Ort niedergelassen hatte, bewogen ihn, im Juli 1832 nach Mannheim umzuziehen, wo er bis Juli 1833 blieb, um wieder in das größere und weltoffenere Frankfurt zurückzukehren, das er – mit Ausnahme einiger kürzerer Ausflüge – bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen sollte. Daß er sich dort letztlich doch wohlfühlte, geht daraus hervor, daß er die Stadt in einem an seinen französischen Jugendfreund Anthime gerichteten Brief als »le meilleur endroit de l’Allemagne« (GBr 158) beschrieb. Dort war er bald als zurückgezogen lebender Sonderling bekannt, der regelmäßig nachmittags mit seinem Pudel spazieren ging und dabei Selbstgespräche führte. Seine spärlichen sozialen Kontakte pflegte er am Mittagstisch des »Englischen Hofs«, der als das führende Lokal der Stadt galt. Schopenhauer gestaltete – ähnlich wie schon Kant – seinen Tagesablauf nach einem rigiden Muster: Morgens arbeitete er drei Stunden an seinen Texten, anschließend spielte er eine Stunde auf seiner Flöte und nahm daraufhin sein Mittagessen ein, auf das ein ausgedehnter Spaziergang mit dem Pudel folgte. Abends zog er sich zurück und las, oder aber er ging ins Konzert, die Oper oder das Theater. Die Anerkennung seiner philosophischen Anstrengungen ließ weiterhin auf sich warten. Zwar trug sich Schopenhauer eine Zeitlang mit dem Gedanken, eine erweiterte Auflage seines Hauptwerks zu veröffentlichen, doch gelangte dieser Plan nicht zur Ausführung. Statt dessen verfaßte er eine eigenständige Abhandlung, die Ergänzungen und Erweiterungen zum zweiten Teil von Die Welt als Wille und Vorstellung enthielt und 1836 unter dem Titel Ueber den Willen in der Natur erschien. Das Werk fand zunächst – wie schon die vorherigen – keine nennenswerte Beachtung.

Erstmals erhielt Schopenhauer eine gewisse Anerkennung, als er 1837 den Professoren Schubert und Rosenkranz, die eine neue Ausgabe von Kants Werken vorbereiteten, den – von ihnen befolgten – Rat erteilte, die erste Auflage der Kritik der reinen Vernunft (1781) darin aufzunehmen, da sie die – im Vergleich zur zweiten – authentischere Gestalt des Buches sei. Die beiden Professoren zitierten in ihrem Vorwort ausgiebig aus dem Schreiben, in dem Schopenhauer seine Empfehlung ausgesprochen hatte. Auf diese Weise hatte sich dieser zumindest einen Namen als kompetenter Kenner der Kantischen Philosophie gemacht. In den Jahren 1837 und 1838 schrieben die Königlich Norwegische Societät der Wissenschaften und die Königlich Dänische Societät der Wissenschaften je eine Preisfrage zu wichtigen Problemen der praktischen Philosophie aus: zur Freiheit des menschlichen Willens sowie zur Grundlage der Moral. Schopenhauer nahm sich beider Themen an und verfaßte die Abhandlungen Ueber die Freiheit des menschlichen Willens sowie Ueber die Grundlage der Moral. Während die erste Preisschrift von der norwegischen Akademie gekrönt wurde, verweigerte die dänische Schopenhauer, der als einziger einen Text eingereicht hatte, den Preis, weil er angeblich das Thema verfehlt und sich abfällig über bedeutende zeitgenössische Denker geäußert habe. In der Tat hatte Schopenhauer für Fichte und Schelling wenig schmeichelhafte Worte gefunden und Hegel gar als »plumpe[n] geistlose[n] Charlatan« (E 187) verhöhnt. In seiner Replik auf das Urteil der dänischen Akademie bestritt Schopenhauer seinerseits energisch, daß es sich bei den Genannten um summi philosophi handle (vgl. E 17 ff.). Die beiden Abhandlungen erschienen 1841 unter dem Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik. Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre traten mit Friedrich Dorguth (1776–1854) und Julius Frauenstädt (1813–1879) die beiden ersten Anhänger Schopenhauers in Erscheinung, die von diesem die Ehrentitel »Urevangelist« und »Erzevangelist« verliehen bekamen.

In den Folgejahren arbeitete Schopenhauer am zweiten Band von Die Welt als Wille und Vorstellung, der im wesentlichen Ergänzungen und Erweiterungen zum ersten Band, oftmals in essayistischer Form, enthalten sollte. Eine ganze Reihe von Kapiteln war so konzipiert, daß sie als eigenständige Abhandlungen gelesen werden konnten, so z. B. die Kapitel 17 und 19 (»Ueber das metaphysische Bedürfnis des Menschen«, »Vom Primat des Willens im Selbstbewußtseyn«) sowie das berühmte, mit »Metaphysik der Geschlechtsliebe« überschriebene Kapitel 44. Das Buch erschien 1844 und rief wiederum nur geringe Resonanz hervor. Der Absatz ließ zu wünschen übrig, die Anzahl der Rezensionen blieb überschaubar. Die 1847 erschienene zweite Auflage der Abhandlung Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde war ähnlich erfolglos, sie verkaufte sich mäßig und wurde gar nicht rezensiert. Immerhin gewann Schopenhauer mit Johann August Becker (1803–1881) und Adam von Doß (1820–1873) zwei weitere Anhänger, die sich für sein Denken einsetzten.

Den revolutionären Ereignissen des Jahres 1848 brachte Schopenhauer keine Sympathie entgegen. Als überzeugter Befürworter der Monarchie verachtete er das sich erhebende, eine demokratische Staatsform anstrebende Volk als »Pack« und »souveräne Kanaille« (GBr 234). Mehr noch, er stellte österreichischen Soldaten, die sich anschickten, aus seiner Wohnung auf die Aufständischen zu schießen, sein Opernglas zur Verfügung, damit sie diese besser treffen konnten. Was den Philosophen vor allem beunruhigte, war die Vorstellung, er könne im Zuge der Revolution sein Vermögen verlieren. Es ist charakteristisch für seine politische Einstellung, daß er in seinem Testament den »Fonds zur Unterstützung der in den Aufruhr- und Empörungs-Kämpfen der Jahre 1848 & 1849 für die Aufrechterhaltung u. Herstellung der gesetzlichen Ordnung in Deutschland invalide gewordenen Preußischen Soldaten, wie auch der Hinterbliebenen solcher, die in jenen Kämpfen gefallen sind«5, als Universalerben einsetzte.

1850 beendete Schopenhauer die Arbeit an seinem letzten Werk, den Parerga und Paralipomena. Aufgrund der bescheidenen Verkaufszahlen der beiden Bände von Die Welt als Wille und Vorstellung lehnte es Brockhaus ab, das Buch zu veröffentlichen. Es erschien schließlich 1851 bei A. W. Hayn in Berlin. Wie schon im Titel anklingt, enthält es »Nebenwerke« und »Liegengelassenes«, also kleinere, oftmals in essayistischer Form abgefaßte Texte, die teils Ergänzungen des Hauptwerkes, teils eigenständige Untersuchungen zu verschiedenen – auch außerhalb der Philosophie angesiedelten Themen – darstellen. Besonders interessant darunter sind die »Aphorismen zur Lebensweisheit«, mit denen sich Schopenhauer in die Tradition der europäischen Moralistik einreiht, sowie der Dialog »Ueber Religion«, in dem er seine ambivalente Haltung gegenüber der Religion erläutert. Im Gegensatz zu den früheren Schriften richten sich die Parerga und Paralipomena weniger an ein akademisches als vielmehr an ein breiteres Publikum, das sie dann auch erreichten. Es erschienen mehrere Besprechungen des Buches, nicht zuletzt die umfangreiche Rezension von John Oxenford im Westminster and Foreign Quarterly Review (1852), welcher der Autor in der gleichen Zeitschrift ein Jahr später den – Schopenhauer rühmenden – Aufsatz »Iconoclasm in German Philosophy« folgen ließ. 1854 empfing Schopenhauer den Besuch von David Asher, der in der von Gutzkow herausgegebenen Zeitschrift Unterhaltungen am häuslichen Herd über sein Gespräch mit dem Philosophen berichtete. In diesem Jahr schickte ihm Wagner »aus Verehrung und Dankbarkeit« einen Privatdruck des Rings des Nibelungen und lud ihn zu sich nach Zürich ein. Freilich folgte Schopenhauer der Einladung nicht, denn er hatte wenig Gefallen an dem Werk gefunden. Er bescheinigte dem Komponisten allenfalls dichterisches Talent, nicht aber musikalisches und beendete seine Ausführungen mit den Worten: »Ich, Schopenhauer, bleibe Rossini und Mozart treu!« (Gespr 200) 1856 schrieb die Universität Leipzig eine Preisaufgabe über Schopenhauer aus, und 1857 fanden erstmals Vorlesungen über sein Denken an Universitäten statt. Ebenfalls in diesem Jahr stattete Friedrich Hebbel dem Philosophen einen Besuch ab. Angesichts der Tatsache, daß sich im letzten Lebensjahr der lange ersehnte Ruhm eingestellt hatte, konnte Schopenhauer konstatieren: »Der Nil ist bei Kairo angelangt.«6

Aus der Anerkennung, die er nun erfuhr, resultierte eine Nachfrage nach seinen früheren Werken, so daß neue Auflagen erforderlich wurden, für die Schopenhauer zahlreiche Stellen überarbeitete. So erschien 1854 die zweite Auflage der Abhandlungen Ueber den Willen in der Natur sowie Ueber das Sehn und die Farben. 1859 wurde die dritte Auflage des Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung veröffentlicht, 1860 die zweite von Die beiden Grundprobleme der Ethik. Nach der Publikation der Parerga und Paralipomena hatte Schopenhauer kein neues Werk mehr begonnen, sondern seine Arbeitskraft ganz auf die Abfassung der Neuauflagen der genannten Schriften verwendet.

Aufgrund seiner disziplinierten und gesunden Lebensweise, die reichliche Bewegung im Freien, regelmäßigen Schlaf sowie – bei geeignetem Wetter – Bäder im Main beinhaltete, erfreute sich Schopenhauer lange Zeit einer guten Gesundheit und wirkte auch in seinen letzten Lebensjahren ausgesprochen rüstig. Freilich befielen ihn im April 1860 erstmals Atemnot und Herzklopfen. Die Beschwerden traten in der Folgezeit erneut auf, so auch am 18. September, an dem er noch den Besuch seines Testamentsvollstreckers Gwinner empfing. Als in dem Gespräch die Rede auf den Tod kam, erklärte er seinem Gast gegenüber, wie dieser berichtete: »Daß seinen Leib nun bald die Würmer zernagen würden, sei ihm kein arger Gedanke: dagegen denke er mit Grauen daran, wie sein Geist unter den Händen der ›Philosophieprofessoren‹ zugerichtet werden würde.« (Gespr 394) Am Morgen des 21. September wurde Schopenhauer von seiner Haushälterin tot auf seinem Sofa vorgefunden. Ein Arzt gab als Todesursache einen »Lungenschlag« – in moderner Terminologie wohl eine Lungenembolie – an.

1 Johann Wolfgang v. Goethe. Gedichte. Vollständige Ausgabe. Stuttgart o. J., 467.

2 Arthur Hübscher. »Arthur Schopenhauer. Ein Lebensbild.« In: Arthur Schopenhauer. Sämtliche Werke. Bd. I. Hg. v. Arthur Hübscher. Mannheim 1988, 96.

3 Auf das Werk von Bichat stieß Schopenhauer freilich erst 1838.

4 Hübscher (1988), 101.

5 Hugo Busch. Das Testament Arthur Schopenhauers. Wiesbaden 1950, 67.

6 Hübscher (1988), 119.

Systematischer Abriß

Genese und Struktur

Schopenhauer zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, daß er bereits früh in seinem Leben seinem philosophischen Ansatz eine Struktur verleiht, an der er bis zu seinem Tod im großen und ganzen festhält. Diese tritt im ersten Band seines 1818 erscheinenden – auf 1819 vordatierten – Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung exemplarisch zutage und manifestiert sich darüber hinaus in der Gliederung der Philosophischen Vorlesungen sowie des zweiten, 1844 veröffentlichten Bandes von Die Welt als Wille und Vorstellung. Vergleicht man die anderen Texte mit dem Hauptwerk, so kommt man zum Ergebnis, daß sie lediglich Vorarbeiten oder aber Ergänzungen zu Die Welt als Wille und Vorstellung darstellen.

In der Vorrede zur ersten Auflage dieses Werkes konfrontiert Schopenhauer den Leser mit einer Forderung, die eng mit der erwähnten Struktur zusammenhängt, und zwar der einer doppelten Lektüre des Textes. Das sei dadurch bedingt, »daß der Anfang das Ende beinahe so sehr voraussetze, als das Ende den Anfang, und eben so jeder frühere Theil den spätern beinahe so sehr, als dieser jenen« (W I 8). Aufgrund dieser Eigentümlichkeit stuft Schopenhauer seinen Ansatz nicht etwa als System, sondern als Organismus ein. Während ersteres darin bestehe, daß jeder Gedanke von einem übergeordneten abhänge und von diesem abgeleitet werden könne, verhalte es sich bei letzterem so, daß »jeder Theil eben so sehr das Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten wird, keiner der erste und keiner der letzte ist, der ganze Gedanke durch jeden Theil an Deutlichkeit gewinnt und auch der kleinste Theil nicht völlig verstanden werden kann, ohne daß schon das Ganze vorher verstanden sei« (W I 7 f.). Dabei ist Schopenhauer überzeugt, daß die verschiedenen Teile des Ansatzes letzten Endes »einen […] einzigen Gedanken« (W I 360) zum Ausdruck bringen, der sich im Titel des Hauptwerks andeutet und letztlich darauf hinausläuft, »daß diese Welt, in der wir leben und sind, ihrem ganzen Wesen nach, durch und durch Wille und zugleich durch und durch Vorstellung ist« (W I 215). Noch präziser ist die folgende – auf die Selbstentfaltung des Willens in seinen verschiedenen Stufen abzielende – Formulierung: »[D]ie Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens.« (W I 506)

Sieht man von dem mit »Kritik der Kantischen Philosophie« betitelten Anhang des ersten Bandes von Die Welt als Wille und Vorstellung ab, so gliedert sich dieser in vier Teile, denen vier philosophische Disziplinen entsprechen: Im ersten Teil entwickelt Schopenhauer seine Erkenntnistheorie, im zweiten eine Naturphilosophie bzw. Metaphysik der Natur, im dritten seine Ästhetik bzw. Metaphysik des Schönen und im vierten seine Ethik bzw. Metaphysik der Sitten. Dabei verfolgt er im ersten und zweiten Teil das Ziel, die Welt in ihrem Ist-Bestand zu beschreiben, während er im dritten und vierten Teil versucht, Wege der Weltüberwindung aufzuzeigen. Das hat damit zu tun, daß sich die Welt – aus seiner pessimistischen Sicht – als etwas Negatives darbietet, an dem der Mensch leidet und das den Wunsch nach Erlösung aufkommen läßt. Grund des Leidens ist der Wille in seinem blinden, nicht zur Ruhe kommenden Drang, als den Schopenhauer das Ding an sich deutet (zweiter Teil), und die beiden Möglichkeiten der Erlösung, die er vorschlägt, sind die ästhetische Kontemplation (dritter Teil), in welcher der Wille vorübergehend, sowie die Resignation (vierter Teil), in welcher er dauerhafter aufgehoben werden kann. Ferner ist zu konstatieren, daß im ersten und dritten Teil der Vorstellung (abhängig bzw. unabhängig vom Satz vom Grunde), im zweiten und vierten hingegen dem Willen (in seinen Objektivationen bzw. als bejahter oder verneinter) ein relativer Vorrang zukommt. Vergegenwärtigt man sich, daß Schopenhauer in den vier Teilen des Hauptwerks den Weg von der Erkenntnis des Willens hin zu einer – von dieser ermöglichten – Überwindung desselben beschreitet, so könnte man sagen, daß es auf eine Erlösungslehre oder – mit einem terminus technicus ausgedrückt – eine Soteriologie hinausläuft.

Von Schopenhauers früheren Texten wurden zu seinen Lebzeiten lediglich zwei veröffentlicht. Es handelt sich um die Dissertation Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, die 1813 in erster und 1847 in zweiter, überarbeiteter Auflage erschien, sowie um die Abhandlung Ueber das Sehn und die Farben, die 1816 in erster Auflage, 1830 in einer lateinischen Fassung (Theoria colorum physiologica, eademque primaria) und schließlich 1854 in einer weiteren deutschen Auflage publiziert wurde. Während die Untersuchung über die Farben, wie der Verfasser in der Vorrede zur Auflage von 1854 selbst betont, »nur dem kleineren Theile nach der Philosophie, dem größern nach der Physiologie angehört« (F V, Sämtliche Werke, Bd. I), ist die Abhandlung über den Satz vom zureichenden Grunde von bleibender philosophischer Relevanz für ihn.1 In dieser Schrift entwickelt Schopenhauer wesentliche Gedanken seiner Erkenntnistheorie, wie sie auch später im Hauptwerk anzutreffen sind. Dabei geht es ihm nicht zuletzt um die Differenzierung zwischen vier Arten von Gründen, die apriorische Korrelation von Subjekt und Objekt, den transzendentalen Idealismus sowie die Frage nach der Kausalität. Man könnte geradezu sagen, daß die erkenntnistheoretischen Partien der ersten Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung im Vergleich zur Dissertation kaum entscheidend Neues bieten. Zwar äußert sich Schopenhauer im siebten Kapitel der Dissertation, welches dem Satz vom zureichenden Grunde des Handelns gewidmet ist, auch zu bestimmten Aspekten des Willens, doch behandelt er diesen im wesentlichen als empirisches Phänomen, das heißt, er deutet ihn – anders als im Hauptwerk – keineswegs als Ding an sich.2 Mit anderen Worten, Schopenhauer ist in seinem Denken noch nicht bei seiner Metaphysik des Willens angelangt.3 Anderseits lassen beide Werke – die Dissertation sowie die Untersuchung Ueber das Sehn und die Farben – ein lebhaftes Interesse des Philosophen an physiologischen Fragen erkennen, das bisweilen so weit geht, daß sich transzendentalphilosophische und physiologische Erwägungen miteinander verbinden, ja ineinander übergehen.4

Schopenhauer war sich bereits 1813 im klaren darüber, daß er in seinem Denken verschiedene philosophische Disziplinen in eine Synthese einbringen werde: »Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Einem seyn soll, da man sie bisher trennte so fälschlich als den Menschen in Seele und Körper.« (HN I 55) Zwar hatte er sich bereits vor dem Erscheinen der Dissertation über diese Gebiete sowie das Verhältnis zwischen ihnen Gedanken gemacht, doch erst in den Jahren 1813 bis 1818, die er in Dresden verbrachte, verlieh er ihnen ihre endgültige Gestalt, wie sie im ersten Band von Die Welt als Wille und Vorstellung dokumentiert ist.

Während das 1836 erschienene Werk Ueber den Willen in der Natur eine – mit vielfältigen Beobachtungen aus dem Bereich der empirischen Wissenschaften angereicherte – Ergänzung des zweiten, der Metaphysik der Natur gewidmeten Teils des Hauptwerks ist, sind die beiden in den späten dreißiger Jahren verfaßten, 1841 in Die beiden Grundprobleme der Ethik veröffentlichten Preisschriften, wie im Titel anklingt, der Ethik bzw. der Metaphysik der Sitten gewidmet. Es handelt sich um die 1839 von der Königlich Norwegischen Societät der Wissenschaften gekrönte Untersuchung Ueber die Freiheit des menschlichen Willens sowie die 1840 von der Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften scharf kritisierte und zurückgewiesene Abhandlung Ueber die Grundlage der Moral. Beide Texte handeln von speziellen Problemen der Ethik, nämlich der Freiheit des Willens sowie dem Mitleid als Grundlage der Moral, und sind so abgefaßt, daß sie sich auch ohne Kenntnis des Hauptwerks dem Leser erschließen. Zwar bildet die Lehre vom Willen als dem Ding an sich den Hintergrund der beiden Texte, doch sie wird von Schopenhauer nicht eigens erläutert oder gar als bekannt vorausgesetzt, sondern klingt lediglich am Ende der beiden Werke kurz an. Das für Schopenhauers Ansatz entscheidende Thema einer soteriologisch zu verstehenden Weltüberwindung wird hingegen in den beiden Preisschriften gänzlich ausgeblendet.

Der zweite Band von Die Welt als Wille und Vorstellung (1844) gliedert sich – wie bereits der erste – in vier Teile, in denen Schopenhauer Ergänzungen und Vertiefungen zu den entsprechenden philosophischen Disziplinen präsentiert: zur Erkenntnistheorie, zur Metaphysik der Natur, zur Ästhetik sowie zur Ethik. Abgesehen davon, daß die Lehre vom Willen bzw. von dessen Primat sowie physiologische und psychologische Überlegungen – gerade im zweiten Teil des Werks – breiten Raum einnehmen, enthält dieser eine Reihe von Kapiteln, die wichtigen Aspekten von Schopenhauers Denken gewidmet sind und ohne weiteres auch ohne den Kontext des gesamten Ansatzes gelesen werden können. In diesem Zusammenhang wäre zunächst das siebzehnte, mit »Ueber das metaphysische Bedürfnis des Menschen« überschriebene Kapitel zu nennen, in dem Schopenhauer seine Konzeption von der Aufgabe sowie der Methode der Philosophie ausführlich erläutert. Dazu kommen das zweiunddreißigste (»Ueber den Wahnsinn«) und das vierundvierzigste Kapitel (»Metaphysik der Geschlechtsliebe«), die wesentliche Einsichten der Freudschen Psychoanalyse vorwegnehmen.

Demgegenüber bieten sich die beiden Bände der Parerga und Paralipomena (1851), denen Schopenhauer seinen späten Ruhm verdankt, recht heterogen dar. Wie schon der Titel erkennen läßt, enthalten sie »Nebenwerke« und »Liegengelassenes«, ohne sich dabei an der Struktur des Hauptwerks zu orientieren. Das gilt insbesondere für den ersten Band, der neben verstreuten Betrachtungen zur Geschichte der Philosophie, der von Schopenhauer zutiefst verachteten »Universitäts-Philosophie« sowie zur Parapsychologie die – unabhängig vom metaphysischen Ansatz des restlichen Werks – für sich selbst bestehenden »Aphorismen zur Lebensweisheit« enthält, die in der Tradition der europäischen Moralistik stehen und darlegen, wie das Leben nicht etwa unter metaphysischem, sondern unter empirischem Gesichtspunkt zu gestalten sei. Was den zweiten Band anbelangt, so konstatiert Schopenhauer zu Recht, daß er »[v]ereinzelte, jedoch systematisch geordnete Gedanken über vielerlei Gegenstände« (P II 7) zum Inhalt habe. Manche von ihnen stehen in enger, manche in weniger enger Beziehung zu seinen genuin philosophischen Überlegungen. Zu ersteren zählt sicherlich der ausführliche Dialog »Ueber Religion«, der Schopenhauers ambivalente Haltung gegenüber diesem Phänomen treffend zum Ausdruck bringt, zu letzteren etwa die berüchtigten, von ausgeprägter Misogynie zeugenden Bemerkungen »Ueber die Weiber«. Insgesamt fügen die Parerga und Paralipomena – mit Ausnahme der »Aphorismen zur Lebensweisheit« – kaum entscheidend Neues hinzu, sondern stellen allenfalls Ergänzungen und punktuelle Erweiterungen dar.

Ähnliches gilt auch für spätere Auflagen, die einige der Werke zu Lebzeiten des Philosophen erlebt haben. Das sind im wesentlichen die zweite Auflage der Abhandlung Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1847), die zweite und dritte Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung (1844 und 1859), die zweite Auflage von Ueber den Willen in der Natur (1854) sowie die zweite Auflage von Die beiden Grundprobleme der Ethik (1860). So interessant die einen oder anderen Zusätze im Detail erscheinen mögen, so wenig fügen sie dem Ansatz als ganzem Entscheidendes hinzu.5 Sie dürften allenfalls für Schopenhauer-Philologen, kaum aber für philosophisch ambitionierte Leser ins Gewicht fallen.

Von den posthum erschienenen Schriften sind vor allem die – in den Jahren 1819 und 1820 entstandenen – vier Bände der Philosophischen Vorlesungen sowie der Handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden philosophisch relevant. Was die ersteren anbelangt, so lehnen sie sich eng an die Gliederung des Hauptwerks an und enthalten im Verhältnis zu diesem zahlreiche Ergänzungen und Präzisierungen. Während sich der zweite, dritte und vierte Band an den entsprechenden Abschnitten von Die Welt als Wille und Vorstellung orientieren, geht der erste (Theorie des gesammten Vorstellens, Denkens und Erkennens) erheblich über das erste Buch des Hauptwerks hinaus. Das zeigt sich nicht zuletzt in den äußerst detaillierten Ausführungen zur Logik sowie zur Wissenschaft. Demgegenüber ist der Handschriftliche Nachlaß für das Verständnis der Entstehung von Schopenhauers Ansatz von größter Wichtigkeit. Das gilt insbesondere für die beiden ersten Bände (Frühe Manuskripte [1804–1818] und Kritische Auseinandersetzungen [1809–1818]), welche die Entwicklung von den ersten Anfängen bis hin zur Dissertation und – im Anschluß daran – zu Die Welt als Wille und Vorstellung6Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit