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Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Was haben ein alter Mann und ein rostiges Fahrrad gemeinsam? Sie haben beide eine Geschichte zu erzählen.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe September 2016

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-066-1

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von:
fotolia.com: © chokchaipoo
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Wenn ein Fahrrad nur seine Geschichte erzählen könnte, dachte er und trat ächzend in die Pedale. Der Rahmen vom Rad war ganz grau, eine Spur dunkler als seine Haare und eine Spur heller als die Steine, die wie eine Armee aufgereiht dastanden und die er jetzt hinter sich zurückließ. Die Räder quietschten unter seiner Last und er trat noch ein wenig fester, um über den Berg zu kommen. Das war früher leichter gewesen, als das Rad noch nicht so angelaufen war. Aber sonst fuhr es noch ganz tüchtig. Er wandte sich kurz um. Die Steine und dunklen Gestalten waren vollkommen im Begrüßungsritual zwischen Tag und Nacht untergegangen und die Musik konnte er über seinen lauten Atem hinweg auch nicht mehr hören.

Da drüben war schon seine Zuflucht.

Das gelbe, rechteckige Häuschen. Die Glasscheiben waren ganz beschlagen, sodass er nicht hineinsehen konnte.

Seine linke Hand drückte jetzt die Bremse und ihm fielen die Rostflecke auf dem Lenkrad auf.

Ganz braun und unpassend wirkten sie.

Er sah auf seine Arme. Dort waren auch braune Flecken. Aber unpassend wirkten sie nicht. Das einzig Unpassende schien das goldene Band an seinem Ringfinger zu sein. Er stieg vom Sattel, direkt neben der gelben Zelle, und ließ einen zerknitterten Abdruck darauf zurück. Die Runzeln im Leder erinnerten ihn ein wenig an seine Frau, deswegen sah er nicht zu lange hin.

Ja, wenn ein Fahrrad seine Geschichte erzählen könnte, würde es dann von den Orten berichten, an denen es gewesen war, oder von den Menschen, die es benutzt hatten?

Die Tür der Zelle ging auf und ein junger Mann, eine Zigarette zwischen seinen Fingern, trat heraus. „Das Telefon funktioniert nicht“, sagte er und steckte die Zigarette an. „Aber vielleicht finden Sie ja irgendwen mit einem Handy?“ Der junge Mann blies ihm Rauch ins Gesicht.

„Ok, das macht nichts. Ich will nicht telefonieren.“

Der Raucher war verwirrt, sagte aber nichts. Er besah sich das alte Fahrrad, dann das alte Gesicht des Mannes. Schließlich zuckte er kurz die Schultern, bevor er weiterging.

Der Ältere schlüpfte derweil in das gelbe Häuschen. Sein Atem regulierte sich und er fühlte sich ruhiger in so einem engen Raum. Die Welt durch Glas zu betrachten, war angenehm. Hier brauchte er keine Angst vor seiner neu gewonnenen, grenzenlosen Freiheit zu haben.

Das Rad wirkte ganz verschwommen durch die dicke Scheibe und von hier konnte er gar nicht mehr erkennen, wie benutzt und ausrangiert es schon war.

Er lehnte sich schwerfällig gegen den Wählblock und dachte, dass es doch merkwürdig war. Das mit der Angst. Er zog die weiße Rose von seinem Anzugrevers und legte sie an die Stelle, wo der Hörer hätte sein sollen.

Seine Frau hatte Angst vor dem Tod gehabt, er hatte Angst vor dem Leben.

Es sei alles zu viel, hatte sie gesagt. Dabei fand er eher, dass alles zu wenig sei.

Die Zeit und die Grenzen. In letzter Zeit vor allem die Grenzen.

Es klopfte an die Scheibe und ein weißes, rundes Gesicht drückte sich daran. „Ist das dein Fahrrad?“

Ein junges Mädchen mit zwei Zöpfen schrie durch das Glas. Er sah sie an und nickte. Sie zog die Tür auf und ihre Zöpfe leuchteten durch das spärliche Licht aus der Zelle orange auf.

„Es hat überall so ganz braune Flecken. Warum ist es da so braun?“

„Weil es schon sehr alt ist.“

„Mhm.“ Das Mädchen zog die Tür noch weiter auf, bis die Sicherheit des geschlossenen Raumes sich in der Abendluft verflüchtigt hatte. „Kann es nicht mehr fahren?“

„Doch doch. Es fährt noch.“

„Dann kann es doch sooo alt gar nicht sein.“

Der Alte trat über die Schwelle und die Tür fiel zu. „Nun, es hat dennoch bereits einen sehr langen Weg hinter sich.“

Das Mädchen lächelte und erklomm eifrig den viel zu hohen Sattel. Der Ständer zitterte bei ihrem Aufstieg auf das Rad.

„Ist doch super! Dann hat es schon viel geübt … Kannst du mal schieben? Ich komm‘ nicht an die Pedale.“

Er löste den Fahrradständer und schob. Das Rad fuhr den Berg hinunter.

Wenn ein Fahrrad seine Geschichte erzählen könnte, dachte er und sah den Reifen hinterher, die sich unermüdlich um die eigene Achse drehten, dann würde es bestimmt irgendwen geben, der zuhörte.

In eigener Sache...

Wie hat dir diese Kurzgeschichte gefallen? Hat sie dich gut unterhalten?
War es spannend, hattest du manchmal ein klein wenig Gänsehaut? Hat es dich bewegt – zu Tränen gerührt oder zum Lachen gebracht? Was hat dir gefallen und was nicht? Vielleicht möchtest du uns, anderen Lesern und dem Autor mitteilen, wie es dir mit dieser Geschichte ergangen ist? Für den Autor sind deine Eindrücke eine Wertschätzung der vielen, vielen Stunden, die er mit Schreiben verbracht hat. Und sie sind eine Chance – denn nur mit dem Feedback von Lesern wie dir kann er sich weiterentwickeln. Und anderen Lesern hilfst du mit deiner Meinung dabei, auf Neues aufmerksam zu werden.
Wir freuen uns jetzt schon auf eine Rezension von dir in deinem bevorzugten Online-Shop. Vielen Dank für deine Mühe!

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Über die Autorin

Saskia Louis kam 1993 mit einer Menge Fantasie zur Welt, die sie seit der vierten Klasse nutzt, um Geschichten zu schreiben. Zusammen mit ihren zwei älteren Brüdern wuchs sie in der Kleinstadt Hattingen auf und über die Jahre hat sie ihr Zuhause in unterhaltsamer Frauenliteratur und Fantasy gefunden.

Heute wohnt sie in Köln, gestaltet Beiträge für den Bürgerfunk, schreibt Songs und wünscht sich, dass Menschen mehr singen als schimpfen würden. Ihr größter Traum ist es, den Soundtrack zur Verfilmung eines ihrer Bücher zu schreiben.