Die "Ärztliche Seelsorge" ist eines der Hauptwerke von Viktor E. Frankl (1905 -1997).In diesem Buch gibt Frankl eine systematische Darstellung des von ihm begründeten psychotherapeutischen Systems der Logotherapie und Existenzanalyse. Sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die therapeutische und klinische Praxis bei psychischen Störungen und existentiellen Sinnkrisen werden ausführlich dargestellt und begründet. Immer hält Frankl dabei dem Leser das Ziel vor Augen, die menschliche Person - auch hinter aller Erkrankung - als verantwortungsfähiges, freies und nach Sinn strebendes Wesen zu sehen.

 

Die vorliegende Neuauflage, die auf der von Frankl selbst noch aktualisierten Ausgabe vom 1982 basiert, präsentiert erstmals in einem Band mit der "Ärztlichen Seelsorge" einen weiteren zentralen Text Frankls: die "Zehn Thesen über die Person". Darin fasst Frankl das Menschenbild der Logotherapie und Existenzanalyse in höchst konzentrierter Form zusammen.

 

Deuticke E-Book

Viktor E. Frankl

 

Ärztliche Seelsorge

 

Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse

 

Zehn Thesen über die Person

 

 

Deuticke

 

 

Der toten Tilly

 

 

Inhalt

 

Editorische Notiz

 

 

ÄRZTLICHE SEELSORGE

 

Vorwort zur 9. Auflage

Einleitung

 

 

I.   Von der Psychotherapie zur Logotherapie

 

Psychoanalyse und Individualpsychologie

Das existentielle Vakuum und die noogene Neurose

Die Überwindung des Psychologismus

Der genetische Reduktionismus und der analytische Pandeterminismus

Imago hominis

Die Psychogenese des Psychologismus

 

 

II.  Von der Psychoanalyse zur Existenzanalyse

 

A.  Allgemeine Existenzanalyse

1.   Vom Sinn des Lebens

      Das Infragestellen des Daseinssinns

      Der Über-Sinn

      Lustprinzip und Ausgleichsprinzip

      Subjektivismus und Relativismus

      Drei Wertkategorien

      Euthanasie

      Selbstmord

      Der Aufgabencharakter des Lebens

      Das homöostatische Prinzip und die existentielle Dynamik

      Vom Sinn des Todes

      Gemeinschaft und Masse

      Freiheit und Verantwortlichkeit

      Von der Trotzmacht des Geistes

          Das biologische Schicksal

          Das psychologische Schicksal

          Das soziologische Schicksal

          Zur Psychologie des Konzentrationslagers

2.   Vom Sinn des Leidens

3.   Vom Sinn der Arbeit

          Die Arbeitslosigkeitsneurose

          Die Sonntagsneurose

4.   Vom Sinn der Liebe

          Sexualität, Erotik und Liebe

          Einmaligkeit und Einzigartigkeit

          Der Horizont des »Habens«

          Wert und Lust

          Sexualneurotische Störungen

          Die psychosexuelle Reifung

          Die Selbsttranszendenz menschlicher Existenz

 

B.  Spezielle Existenzanalyse

1.   Zur Psychologie der Angstneurose

2.   Zur Psychologie der Zwangsneurose

         Phänomenologische Analyse der zwangsneurotischen Erlebnisweise

         Die logotherapeutische Technik der paradoxen Intention

3.   Zur Psychologie der Melancholie

4.   Zur Psychologie der Schizophrenie

 

 

III.  Von der weltlichen Beichte zur ärztlichen Seelsorge

 

Ärztliche und priesterliche Seelsorge

Die manipulierte Beziehung und die konfrontierende Begegnung

Die existenzanalytische Technik des gemeinsamen Nenners

Letzte Hilfe

 

Zusammenfassung

 

 

ZEHN THESEN ÜBER DIE PERSON (Modifizierte Fassung)

 

Weitere Werke von Viktor E. Frankl

Autorenverzeichnis

Sachverzeichnis

Viktor E. Frankl

Editorische Notiz

1. Zur 11., überarbeiteten Neuauflage der Ärztlichen Seelsorge

 

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die erste erweiterte Neuauflage der Ärztlichen Seelsorge, die nicht mehr von Viktor Frankl selbst überarbeitet wurde. Geändert wurde gegenüber den früheren Auflagen des Buches – neben der im Anhang abgedruckten Abhandlung Zehn Thesen über die Person (Frankl 1950) – die Systematisierung der fünfzig Ergänzungen und Anmerkungen, die Viktor Frankl der 1., 9. und 10. Auflage der Ärztlichen Seelsorge anfügte. Aus drucktechnischen Gründen wurden die Anmerkungen seinerzeit nicht in den Haupttext des Buches aufgenommen, sondern in einem fortlaufend erweiterten Endnotenapparat an das Buchende gesetzt. Das beeinträchtigte nicht nur ihre Zugänglichkeit, sondern erschwerte auch ihre Zuordung zum Haupttext, zumal bisher mit jeder erweiterten Ausgabe der Ärztlichen Seelsorge ein jeweils eigener Anhang erstellt wurde, der die Anmerkungen Frankls nach erweiterter Neuauflage und nicht nach ihren Bezugspunkten im Haupttext gliederte.

In der vorliegenden überarbeiteten Neuauflage wurden die Anmerkungen nun erstmals vereinheitlicht und gemeinsam mit den Fußnoten der vorherigen Auflagen an das Ende der einzelnen Kapitel gestellt. Um zugleich die werkgeschichtliche Kontinuität der Ärztlichen Seelsorge zu wahren, wurden die Endnoten mit dem Nachweis der ursprünglichen Anmerkungsziffer versehen. Jede Endnote ist daher zweifach nummeriert: Die erste, kennzeichnende Nummerierung verweist auf die Textstelle, auf die sich die Anmerkung bezieht; die zweite Nummerierung am Textende verweist auf die ursprüngliche Referenzziffer der zu Lebzeiten Frankls erschienenen Auflagen der Ärztlichen Seelsorge; auch die vormaligen Fußnoten sind als solche gekennzeichnet. Alle editorischen Hinweise sind in eckige Klammern gesetzt.

 

 

2. Zehn Thesen über die Person

 

In einem neuen Anhang wurde ein Text aufgenommen, der bislang noch nicht gemeinsam mit der Ärztlichen Seelsorge veröffentlicht wurde. Dabei handelt es sich um ein überarbeitetes Referat, das Frankl 1950 im Rahmen der Salzburger Hochschulwochen als einleitenden Diskussionsbeitrag vor einer Gesprächsrunde (mit Dr. P. Ildefons Betschart OSB, Dr. Alois Dempf und DDr. Leo Gabriel) hielt. Die Zehn Thesen über die Person zählen zu den philosophisch-anthropologischen Grundtexten der Logotherapie und Existenzanalyse: Frankl vertieft darin das dimensionalontologische Menschenbild, dessen weiterreichende philosophische und anthropologische Implikationen er in zehn Thesen zusammenfaßt. Unter anderem nimmt Frankl in dem Referat eine detaillierte argumentative Herleitung von zwei zentralen logotherapeutischen Postulaten vor: dem psychotherapeutischen Credo und psychiatrischen Credo. Sind diese Postulate in der Ärztlichen Seelsorge bereits inhaltlich angelegt und vorweggenommen, so werden sie in den Zehn Thesen über die Person zusätzlich in den Gesamtzusammenhang von Frankls philosophischer und psychologischer Anthropologie gestellt.

Die hier aufgenommene Fassung der Zehn Thesen stammt aus Viktor E. Frankl, Der Wille zum Sinn, Huber-Hogrefe, Bern.

 

 

3. Weitere editoriale Anmerkungen

 

Die vorliegende Auflage der Ärztlichen Seelsorge ist eine historische Ausgabe. Das bedeutet, daß die bibliographischen Referenzen nicht aktualisiert und Autoren- und Sachverzeichnis nicht erweitert wurden; auch Verweise auf zum Datum des Verfassens zeitgemäße ärztliche Eingriffe – die in den vorliegenden Texten ohnehin mehr illustrativen als indikatorischen Charakter haben – wurden nicht redigiert.

Im Anhang dieses Buches findet sich eine aktuelle Bibliographie der erhältlichen deutschsprachigen Bücher Viktor Frankls. Die noch in den vorangegangenen Auflagen in einem eigenen Anhang abgedruckte Bibliographie der logotherapeutischen Sekundärliteratur wurde aufgrund ihres mittlerweile beträchtlichen Umfangs nicht mehr in die vorliegende Auflage aufgenommen. Die vollständige Bibliographie zur Sekundärliteratur kann nun auf der Webseite des Viktor-Frankl-Instituts in Wien (www.viktorfrankl.org) eingesehen werden. Hier findet der Leser neben allgemeinen Informationen und aktuellen Mitteilungen aus der logotherapeutischen Forschung und Praxis auch eine internationale Adressenliste der vom Viktor-Frankl-Institut anerkannten Gesellschaften und Institute, die Psychotherapie- und Beratungsausbildungen in Logotherapie und Existenzanalyse in der von Viktor Frankl konzipierten Form anbieten.

 

Alexander Batthyany

Viktor-Frankl-Institut, Wien

 

 

Euntes eunt et plorant,

semen spargendum portantes:

Venientes vienient cum exsultatione,

portantes manipulos suos.

 

Vorwort zur 9. Auflage

 

Aus einer Art literarischen Brutpflegeinstinkts heraus hatte ich es zunächst begrüßt, daß sich der Verlag dazu entschlossen hat, diese neunte Auflage herauszubringen. Dann kamen mir jedoch Bedenken. Die erste Auflage war immerhin bereits 1946 erschienen, einzelne Kapitel waren in den dreißiger Jahren geschrieben worden, und so lag denn auch die Frage nahe, ob das Buch nicht vielleicht zu sehr zeitbedingt und zeitbezogen ist. Gegen diese Befürchtungen sprechen allerdings die Auflagenziffern. Bis heute erschienen nämlich – in acht Sprachen – nicht weniger als 43 Auflagen, und zumindest die amerikanischen und japanischen Ausgaben zählen nach wie vor zu den Bestsellern. Anscheinend hat das Buch also nach wie vor der jungen Generation unter den Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten wie überhaupt jedem, der auch für unorthodoxe Sehweisen aufgeschlossen ist, etwas zu bieten.

Dies mag nun sehr wohl dem Umstand zu verdanken sein, daß Ansatz und Anliegen der Ärztlichen Seelsorge immer noch aktuell sind – noch immer, wenn nicht schon wieder. Ansatz war der allgemeine Zweifel an einem Sinn des Lebens und das so sehr um sich greifende Sinnlosigkeitsgefühl. Und Anliegen war der Kampf gegen Psychologismus, Pathologismus und Reduktionismus, das heißt eine Interpretation des Sinnlosigkeitsgefühls als bloßen Ausdrucks der unbewußten Psychodynamik oder als bloßen Symptoms einer Neurose – wie auch immer das Phänomen der Sinnfrustration, gemäß der jeweils indoktrinierten Ideologie, »entlarvt« werden mag. Das Anliegen war die Entlarvung der Entlarver, und sie mag zur Zeit wirklich aktueller sein denn je.

Aber das Buch soll, wie gesagt, nicht nur noch immer, sondern auch wieder aktuell sein. Dies mag zumindest von einem Kapitel wie dem der »Arbeitslosigkeitsneurose« gewidmeten gelten, und wir müssen froh sein, wenn uns erspart bleibt, daß auch noch das Kapitel »Zur Psychologie des Konzentrationslagers« je wieder aktuell wird.

Ich habe gegenüber der letzten Auflage keine nennenswerten Streichungen und Ergänzungen angebracht. Sollte der Leser jedoch eine eingehende Besprechung der technischen Aspekte der Logotherapie vermissen, so wird er auf die neuesten Auflagen der Bücher Die Psychotherapie in der Praxis und Theorie und Therapie der Neurosen verwiesen. Die anthropologischen Grundlagen der Logotherapie jedoch werden in einem unter dem Titel Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie (jetzt: Der leidende Mensch, Anm. d. Hrsg.) erschienenen Buch ausführlich besprochen.

In den ersten beiden Büchern wird auch auf die streng empirischen Forschungsergebnisse hingewiesen, dank derer die ursprünglich mehr oder weniger intuitiv gewonnenen und erarbeiteten Thesen der Logotherapie durch Tests und Statistiken verifiziert werden konnten. In diesem Zusammenhang sei aber auch auf die Liste von Dissertationen zur Logotherapie aufmerksam gemacht, die in den bibliographischen Anhang des vorliegenden Buches aufgenommen wurde.

Sollte sich der Leser schließlich für die Vorgeschichte der Ärztlichen Seelsorge interessieren, dann möge er auf das Buch Die Sinnfrage in der Psychotherapie zurückgreifen, wo er im Rahmen einer autobiographischen Skizze entsprechende Aufschlüsse findet.

 

U.S. International University (San Diego, California)

Viktor E. Frankl

Einleitung1

Wenn Schelsky im Titel eines seiner Bücher die damalige Jugend als »Die skeptische Generation« bezeichnet, dann läßt sich Analoges von den heutigen Psychotherapeuten behaupten. Wir sind vorsichtig, ja mißtrauisch geworden, und zwar insbesondere gegenüber uns selbst, gegenüber unseren eigenen Erfolgen und Erkenntnissen, und diese Bescheidenheit und Nüchternheit mag das Lebensgefühl einer ganzen Psychotherapeutengeneration zum Ausdruck bringen. Längst ist es kein Geheimnis mehr, daß – welche Methode und Technik auch immer angewandt wird – beiläufig zwei Drittel bis zu drei Viertel der Fälle geheilt oder zumindest wesentlich gebessert werden.

Allein, ich möchte vor jeder demagogischen Schlußfolgerung warnen. Noch ist nämlich die Pilatus-Frage aller Psychotherapie nicht beantwortet: Was ist Gesundheit – was ist Gesundung – was ist Heilung? Eines aber läßt sich nicht bestreiten: Wenn quer durch die verschiedenartigsten Methoden hindurch annähernd gleich hohe Erfolgsraten verzeichnet werden, dann kann es nicht die jeweils angewandte Technik sein, der wir die betreffenden Erfolge in erster Linie zu verdanken haben. Franz Alexander hat einmal die Behauptung aufgestellt: »In all forms of psychotherapy, the personality of the therapist is his primary instrument.« Soll das aber heißen, daß wir Verächter der Technik werden dürfen? Eher möchte ich Hacker beipflichten, der davor gewarnt hat, in der Psychotherapie einfach eine Kunst zu erblicken, durch welche Gleichsetzung nämlich der Scharlatanerie Tür und Tor geöffnet werden. Sicherlich ist Psychotherapie beides: Kunst und Technik. Ja, ich möchte darüber hinausgehen und die Behauptung wagen, das je nachdem musische oder technische Extrem der Psychotherapie sei als solches, als Extrem, ein bloßes Artefakt. Extreme existieren eigentlich nur in der Theorie. Die Praxis spielt sich in einem Zwischenbereich ab, in einem Bereich zwischen den Extremen musisch bzw. technisch aufgefaßter Psychotherapie. Zwischen diesen Extremen erstreckt sich ein ganzes Spektrum, und in diesem Spektrum kommt jeder Methode und Technik ein bestimmter Stellenwert zu. Dem musischen Extrem am nächsten stünde die authentische existentielle Begegnung (die »existentielle Kommunikation« im Sinne von Jaspers und Binswanger), während näher dem technischen Extrem zu lokalisieren wäre die Übertragung im psychoanalytischen Sinne, die ja, wie Boss in einer seiner jüngsten Arbeiten bemerkt, jeweils »gehandhabt«, um nicht zu sagen »manipuliert« (Dreikurs) wird. Weiter ans technische Extrem heran käme das autogene Training nach Schultz, und wohl am weitesten vom musischen Pol entfernt hätte sich so etwas wie die Schallplattenhypnose.

Welchen Frequenzbereich wir quasi herausfiltern aus dem Spektrum, das heißt, welche Methode und Technik wir für indiziert erachten, hängt nicht nur vom Patienten, sondern auch vom Arzt ab; denn es ist nicht nur so, daß nicht jeder Fall auf jede Methode gleich gut anspricht2, sondern es ist auch so, daß nicht jeder Arzt mit jeder Technik gleich gut umgehen kann. Meinen Studenten pflege ich dies in Form einer Gleichung auseinanderzusetzen:

 

ψ = x + y

 

Das heißt, die jeweilige Psychotherapiemethode der Wahl (ψ) ist insofern eine Gleichung mit zwei Unbekannten, als sie nicht zu erstellen ist, ohne daß sowohl die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Patienten als auch die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Arztes in Rechnung gestellt werden.

Soll das heißen, daß wir einem faulen und billigen Eklektizismus verfallen und huldigen dürfen? Sollen die Gegensätze zwischen den einzelnen Psychotherapiemethoden verschleiert werden? Von all dem kann nicht die Rede sein. Worauf unsere Überlegungen und Erwägungen hinauslaufen, ist vielmehr, daß keine Psychotherapie mehr einen Exklusivitätsanspruch stellen darf. Solange uns eine absolute Wahrheit nicht zugänglich ist, müssen wir uns damit begnügen, daß die relativen Wahrheiten einander korrigieren, und auch den Mut zur Einseitigkeit aufbringen, nämlich zu einer Einseitigkeit, die sich ihrer selbst bewußt ist.

Man stelle sich vor, der Flötist würde im Orchester nicht einseitig und ausschließlich Flöte spielen, sondern ein anderes Instrument zur Hand nehmen – nicht auszudenken; denn er hat nicht bloß das Recht, sondern nachgerade die Pflicht, einseitig und ausschließlich Flöte zu spielen im Orchester – aber eben auch nur im Orchester: sobald er nach Hause kommt, wird er sich wohlweislich hüten, dort, daheim, außerhalb des Orchesters, seinen Nachbarn durch einseitiges und ausschließliches Flötespielen auf die Nerven zu gehen. Im vielstimmigen Orchester der Psychotherapie sind wir ebenfalls zu einer Einseitigkeit, die sich ihrer selbst bewußt bleibt, nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet.

Apropos Kunst: sie wurde einmal als Einheit in der Mannigfaltigkeit definiert; analog, meine ich, ließe sich der Mensch als Mannigfaltigkeit in der Einheit definieren. Trotz aller Einheit und Ganzheit des Wesens Mensch gibt es eine Mannigfaltigkeit von Dimensionen, in die hinein er sich erstreckt, und in sie alle hinein muß ihm die Psychotherapie folgen. Nichts darf da unberücksichtigt bleiben – weder die somatische noch die psychische noch die noetische Dimension. So muß sich denn die Psychotherapie auf einer Jakobsleiter bewegen, auf- und absteigen auf einer Jakobsleiter. Sie darf weder ihre eigene metaklinische Problematik unberücksichtigt lassen noch den festen Boden klinischer Empirie unter den Füßen verlieren. Sobald sich die Psychotherapie in esoterische Höhen »verstiegen« hat, müssen wir sie wieder zurückrufen, zurückholen.

Mit dem Tier teilt der Mensch die biologische und die psychologische Dimension. Mag sein Tiersein auch noch so sehr von seinem Menschsein her dimensional überhöht und geprägt sein, irgendwie hört der Mensch nicht auf, auch ein Tier zu sein. Ein Flugzeug hört nicht auf, genauso wie ein Auto auf dem Flughafengelände, also in der Ebene umherfahren zu können; aber als ein wirkliches Flugzeug wird es sich erst dann erweisen, wenn es sich in die Lüfte, also in den dreidimensionalen Raum erhebt. Genauso ist der Mensch auch ein Tier; aber er ist auch unendlich mehr als ein Tier, und zwar um nicht weniger als eine ganze Dimension, nämlich die Dimension der Freiheit. Die Freiheit des Menschen ist selbstverständlich nicht eine Freiheit von Bedingungen, sei es biologischen, sei es psychologischen oder soziologischen; sie ist überhaupt nicht eine Freiheit von etwas, sondern eine Freiheit zu etwas, nämlich die Freiheit zu einer Stellungnahme gegenüber all den Bedingungen. Und so wird sich denn auch ein Mensch erst dann als ein wirklicher Mensch erweisen, wenn er sich in die Dimension der Freiheit aufschwingt.

Aus dem Gesagten erhellt, daß in der Theorie der ethologische Ansatz ebenso legitim sein mag wie in der Praxis der pharmakologische Ansatz. Ich möchte es hier dahingestellt sein lassen, ob sich durch die Psychopharmaka eine Psychotherapie ersetzen lassen oder nur erleichtert oder aber erschwert wird. Ich möchte nur eines bemerken: Wenn kürzlich der Besorgnis Ausdruck verliehen wurde, die psychopharmakologische Therapie könnte ebenso wie die Elektroschockbehandlung dazu führen, daß der psychiatrische Betrieb mechanisiert und der Patient nicht mehr als eine Person betrachtet wird, dann muß ich sagen, es ist nicht einzusehen, warum das der Fall sein soll. Nie kommt es auf eine Technik an, sondern immer nur auf denjenigen, der die Technik handhabt, auf den Geist, in dem sie gehandhabt wird.3 Und so gibt es denn auch einen Geist, aus dem heraus eine psychotherapeutische Technik auf eine den Patienten »depersonalisierende« Art und Weise gehandhabt wird, indem hinter der Krankheit nicht mehr die Person, vielmehr in der Psyche nur noch Mechanismen gesehen werden: der Mensch wird reifiziert – er wird zur Sache gemacht – oder gar manipuliert: er wird Mittel zum Zweck.4

In Fällen endogener Depression beispielsweise ist die Therapie mit Hilfe der Psychopharmaka meines Erachtens durchaus angezeigt. Die Argumentation, in solchen Fällen dürften die Schuldgefühle nicht »wegtranquilisiert« werden, da ihnen eine wirkliche Schuld zugrunde liege, halte ich nicht für angebracht. In einem gewissen, im existentiellen Sinne schuldig ist jeder von uns; aber der endogen Depressive empfindet dieses Schuldigsein dermaßen unproportioniert, überdimensioniert, daß es ihn zur Verzweiflung und in den Selbstmord treibt. Wenn bei Ebbe ein Riff sichtbar wird, wird niemand die Behauptung wagen, das Riff sei die Ursache der Ebbe. Analogerweise wird während einer endogen-depressiven Phase jene Schuld sichtbar, in verzerrtem Ausmaß sichtbar, die auf dem Grunde alles Menschseins liegt, ohne daß damit auch schon gesagt wäre, daß solches existentielles Schuldigsein nun auch der endogenen Depression »zugrunde« liegt, im Sinne einer Psycho- oder gar Noogenese »zugrunde« liegt. Wo es doch ohnehin schon merkwürdig genug ist, daß diese existentielle Schuld in einem konkreten Fall ausgerechnet nur von Februar bis April 1951 und dann wieder erst von März bis Juni 1956 und dann wieder lange überhaupt nicht pathogen sein soll. Und noch etwas möchte ich zu bedenken geben: Ist es nicht deplaciert, ausgerechnet während endogen-depressiver Phasen einen Menschen mit dessen existentieller Schuld zu konfrontieren? Nur allzu leicht könnte solch ein Vorgehen – Wasser auf die Mühle seiner Selbstvorwürfe – einen Selbstmordversuch zur Folge haben. Ich glaube nicht, daß wir in entsprechenden Fällen dem Kranken jene Erleichterung vorenthalten dürften, welche die Pharmakotherapie für sein Leiden bereit hält.

Etwas anderes ist es, wenn wir es nicht mit einer endogenen, sondern mit einer psychogenen Depression, nicht mit einer depressiven Psychose, sondern mit einer depressiven Neurose zu tun haben: dann würde eine Pharmakotherapie unter Umständen sehr wohl einen Kunstfehler bedeuten. Dann würde sie nämlich eine Pseudotherapie darstellen, welche die Ätiologie nur verschleiert – nicht anders als das Morphium im Falle einer Appendicitis. Analoges gilt aber auch für die Psychotherapie – auch mit ihr kann der Arzt einmal an der Ätiologie vorbeibehandeln. Und diese Gefahr ist nur um so aktueller, als wir in einer Zeit leben, in der die Psychiatrie, ja die Medizin, einen Funktionswandel erkennen läßt. Vor kurzem erst hielt Professor Farnsworth von der Harvard University vor der American Medical Association einen Vortrag, in dem er ausführte: »Medicine is now confronted with the task of enlarging its function. In a period of crisis such as we are now experiencing, physicians must of necessity indulge in philosophy. The great sickness of our age is aimlessness, boredom, and lack of meaning and purpose.« Solcherart werden an den Arzt heute Fragen herangetragen, die eigentlich nicht medizinischer, sondern philosophischer Natur sind und auf die er kaum vorbereitet ist. Es wenden sich Patienten an den Psychiater, weil sie am Sinn ihres Lebens zweifeln oder gar daran verzweifeln, einen Lebenssinn überhaupt zu finden. Ich pflege in diesem Zusammenhang von einer existentiellen Frustration zu sprechen. An und für sich handelt es sich um nichts Pathologisches; sofern im besonderen von Neurose überhaupt die Rede sein kann, haben wir es mit einem neuen Typus von Neurose zu tun, den ich die noogene Neurose genannt habe. Immerhin macht sie laut übereinstimmenden Statistiken (vgl. S. 318) ungefähr 20% des anfallenden Krankenguts aus, und in den USA ist man sowohl an der Harvard University als auch im Bradley Center in Columbus, Georgia, bereits darangegangen, Tests5 auszuarbeiten, um die noogene Neurose von einer psychogenen Neurose (und einer somatogenen Pseudoneurose) diagnostisch differenzieren zu können. Ein Arzt, der diese Differentialdiagnose nicht zu erstellen imstande ist, würde Gefahr laufen, sich der wichtigsten Waffe zu begeben, die es im psychotherapeutischen Arsenal jemals gegeben hat: der Orientierung des Menschen nach Sinn und Werten.6 Ich kann es mir nicht vorstellen, daß etwa die mangelnde Hingabe an eine Aufgabe jemals die alleinige Ursache einer psychischen Erkrankung zu sein vermöchte. Sehr wohl aber bin ich davon überzeugt, daß eine positive Sinnorientierung ein Mittel der Heilung ist.

Nun bin ich darauf gefaßt, daß man mir entgegenhalten wird, auf diese Art und Weise würde der Patient überfordert werden. Allein, was wir heutzutage, in einer Zeit existentieller Frustration, zu befürchten haben, ist nicht die Überforderung, sondern eine Unterforderung des Menschen. Es gibt ja nicht nur eine Pathologie des stress, sondern auch eine Pathologie der Entlastung. 1946 konnte ich die Psychopathologie der Entlastung an Hand der Morbidität ehemaliger KZ-Insassen beschreiben. Später schlugen Arbeiten von W. Schulte betreffend die Entlastung als einen »vegetativen Wetterwinkel« in dieselbe Kerbe. Schließlich wurden meine Beobachtungen durch Manfred Pflanz und Thure von Uexküll bestätigt. So gilt es denn nicht mehr, um jeden Preis Spannungen zu vermeiden. Vielmehr glaube ich, daß der Mensch eines gewissen, eines gesunden, eines dosierten Maßes von Spannung bedarf. Worum es geht, ist nicht Homöostase um jeden Preis, sondern Noodynamik, wie ich das polare Spannungsfeld nenne, das sich zwischen dem Menschen und dem seiner Erfüllung durch ihn harrenden Sinn auftut, unaufhebbar und unabdingbar. Schon werden in den USA Stimmen laut, die davon wissen wollen, daß in der Psychotherapie eine epikuräische Ära dem Ende zugeht und abgelöst wird von einer stoizistischen Ära. Nunmehr können wir es uns am allerwenigsten leisten, die Ausrichtung und Hinordnung eines Menschen auf so etwas wie Sinn und Werte abzutun als »nichts als Abwehrmechanismen oder sekundäre Rationalisierungen«. Was mich persönlich anlangt, und vielleicht ist es mir verstattet, persönlich zu werden –, ich möchte nicht um meiner Abwehrmachnismen willen oder meiner sekundären Rationalisierungen wegen leben oder gar mein Leben aufs Spiel setzen. Gewiß wird in vereinzelten, in Ausnahmefällen hinter der Sorge eines Menschen um den Sinn seines Daseins etwas anderes stehen; aber in allen anderen Fällen ist sie ein echtes Anliegen des Menschen, das wir ernst nehmen sollten und nicht ins professionelle Apperzeptionsschema wie in ein Prokrustesbett hineinpressen dürften. Wie leicht könnte das professionelle Apperzeptionsschema uns dazu veranlassen, die so menschliche Sorge des Menschen um den Daseinssinn – nur der Mensch kann die Sinnfrage stellen, den Sinn seines Daseins in Frage stellen! – entweder wegzuanalysieren oder wegzutranquilisieren. In beiden Fällen würden wir eine Pseudotherapie betreiben.

Die Noodynamik ist nicht nur für die Psychotherapie, sondern auch für die Psychohygiene relevant. In den USA konnte Kotchen auf Grund von Testuntersuchungen den Nachweis erbringen, daß der logotherapeutische Grundbegriff der Sinnorientierung, also das Ausgerichtet- und Hingeordnetsein eines Menschen auf eine Welt des Sinnes und der Werte, in einem proportionalen Verhältnis steht zur seelischen Gesundheit des betreffenden. Davis, McCourt und Solomon wieder haben festgestellt, daß sich die im Verlauf der sensory deprivation-Experimente auftretenden Halluzinationen keineswegs durch die Vermittlung bloßer Sinnesdaten, sondern einzig und allein durch die Wiederherstellung eines richtigen Sinnbezugs vermeiden lassen.

Ebendiese Ausschaltung des Sinnbezugs liegt nun nicht nur einer experimentellen Psychose, sondern auch einer kollektiven Neurose zugrunde. Ich meine jenes Sinnlosigkeitsgefühl, das sich anscheinend zunehmend des Menschen von heute bemächtigt und das ich als das existentielle Vakuum bezeichne. Der Mensch leidet heute nicht nur an einer Instinktverarmung, sondern auch an einem Traditionsverlust. Nunmehr sagen ihm die Instinkte nicht mehr, was er muß, und die Traditionen nicht mehr, was er soll.7 Bald wird er nicht mehr wissen, was er will, und beginnen, einfach die anderen nachzuahmen. Er wird dem Konformismus verfallen. In den USA klagen die Psychoanalytiker bereits darüber, daß sie es mit einem neuen Typus von Neurose zu tun bekommen, dessen hervorstechendstes Merkmal in einer lähmenden Initiativelosigkeit besteht. Die herkömmliche Behandlung, klagen die Kollegen, lasse sie im Stich und versage in solchen Fällen. So kommt es denn, daß der Schrei nach einem Lebenssinn auf der Seite der Patienten einen Widerhall auslöst auf der ärztlichen Seite, nämlich den Ruf nach neuen psychotherapeutischen Ansätzen. Dieser Ruf erschallt um so dringlicher, als es sich ja im Falle des existentiellen Vakuums um eine kollektive Erscheinung handelt. In meinen deutschsprachigen Vorlesungen vor deutschen, schweizerischen und österreichischen Studenten haben ca. 40% zugegeben, das Gefühl abgründiger Sinnlosigkeit an sich selbst erlebt und erfahren zu haben; in den in englischer Sprache gehaltenen Vorlesungen vor Studenten aus den USA waren es 80%. Natürlich besagt das nicht, daß das existentielle Vakuum vorwiegend den Amerikaner befällt, ja nicht einmal, daß wir es der sogenannten Amerikanisierung zu verdanken hätten; vielmehr bedeutet es nur, daß es anscheinend ein Merkmal hochindustrialisierter Gesellschaftsformen darstellt. Und wenn Boss die Langeweile die Neurose der Zukunft genannt hat, dann möchte ich ergänzend bemerken: »Die Zukunft hat schon begonnen.« Ja, mehr als dies: sie wurde bereits im vorigen Jahrhundert von Schopenhauer prophezeit, der meinte, anscheinend sei es der Menschheit bestimmt, ewiglich zwischen den beiden Extremen von Not und Langeweile hin und her zu pendeln. Wir Psychiater merken jedenfalls, daß uns eher das Extrem der Langeweile zu schaffen gibt.

Ist die Psychotherapie aber auf das alles vorbereitet? Ich glaube, sie muß in ihre neue Rolle mehr oder weniger erst hineinwachsen. Ist sie doch kaum erst jenem Stadium entwachsen, das – um mit Franz Alexander zu sprechen – von der Mechanikermentalität beherrscht war. Mit Recht hat Franz Alexander aber auch darauf hingewiesen, welch riesige Errungenschaften wir gerade der mechanistischen und materialistischen Orientierung der alten Medizin verdanken. Ich möchte sagen: Wir haben nichts zu bereuen, aber vieles wiedergutzumachen.

Ein erster Versuch solcher Wiedergutmachung wurde von Freud unternommen. Die Schöpfung seiner Psychoanalyse war die Geburt der modernen Psychotherapie. Aber Freud mußte in die Emigration, und mit ihm die Psychotherapie. In Wirklichkeit war er nämlich bereits an dem Tage emigriert, an dem sein Vortrag in der altehrwürdigen Gesellschaft der Ärzte in Wien mit Hohngelächter quittiert wurde. Heute scheint es mir an der Zeit zu sein, das zu besorgen, was ich im Titel eines vor wenigen Jahren in der Medizinischen Gesellschaft von Mainz gehaltenen Vortrags als »Die Heimholung der Psychotherapie in die Medizin« bezeichnet habe. Daß sie an der Zeit ist, ergibt sich daraus, daß eine ganze Fülle seelenärztlicher Aufgaben auf den Hausarzt wartet. Noch aber ist der medizinische Betrieb vielfach mechanisiert und wird der Patient in ihm »depersonalisiert«. Ja, vielfach droht der klinische Betrieb sogar in Routine, wo nicht in Bürokratie zu erstarren. Nur um so verfehlter wäre es, würde sich die Psychotherapie nun selbst an dieser übertechnisierten Medizin infizieren, in dem sie dem von Franz Alexander gegeißelten technologischen Ideal des Seeleningenieurs huldigt. Ich glaube jedoch sagen zu dürfen, daß wir im Begriff sind, diese Gefahr zu bannen.

So findet denn die Psychotherapie heim in den Mutterschoß der gesamten Heilkunde. Diese Heimkehr aber wird das Gesicht beider verändern: das der Psychotherapie wie das der Medizin. Denn die Psychotherapie wird einen Preis erlegen müssen für ihre Heimholung in die Medizin, und dieser Preis wird sein die Entmythologisierung der Psychotherapie.

Wie wird sich nun die Heimholung der Psychotherapie in die Medizin auf letztere auswirken? Wird sie wirklich zu einer schrankenlosen »Psychologisierung der Medizin« führen? Ich denke anders. Wozu es kommen wird, ist nicht eine Psychologisierung, sondern die Rehumanisierung der Medizin.

 

 

Zusammenfassung

 

So wesentlich für die Psychotherapie die menschliche Beziehung zwischen Arzt und Krankem auch sein mag, so wenig dürfen wir darum Verächter der Technik werden. Nicht eine Methode dehumanisiert den Patienten, sondern der Geist, in dem sie gehandhabt wird, und die Versuchung, den Patienten zu reifizieren und zu manipulieren, wohnt der Psychotherapie mindestens so sehr inne wie etwa der psychopharmakologischen Behandlung.8 Was jedoch im besonderen die noogene Neurose anlangt, würde die Psychotherapie nicht weniger als die Somatotherapie an der wahren Ätiologie vorbeibehandeln, und das immer mehr um sich greifende existentielle Vakuum verlangt nach neuen (logo-)therapeutischen Ansätzen. Der Multidimensionalität ihrer Aufgaben kann die Psychotherapie aber nur gerecht werden, wenn sie in die Gesamtmedizin zurückfindet, aus der sie mit Freud emigriert ist. Ihre Heimkehr wird dann das eigene ebenso wie das Gesicht der Medizin verändern, indem sie auf der einen Seite eine Entmythologisierung der Psychotherapie und auf der anderen eine Rehumanisierung der Medizin mit sich bringen wird.