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Vorwort

Weshalb eine weitere Biographie zu Hitler, lautete die Frage, die bei Erscheinen dieses Buches im Januar 2003 gestellt wurde. Gleichzeitig wurde darauf verwiesen, daß neben etwa hunderttausend Detailstudien bereits sechzig Biographien oder biographieähnliche Abhandlungen, überragt von den Werken Bullocks, Fests und zuletzt Kershaws, vorlägen. Die Antwort, die ich seinerzeit gab, soll nun der überarbeiteten Taschenbuchausgabe gleichsam als knappes Vorwort vorangestellt werden.

Ich hatte mit diesem Buch nicht die Absicht, eine weitere Hitler-Biographie vorzulegen, die einen totalen, das heißt, einen sozial- und strukturgeschichtlichen Anspruch für sich reklamiert. Wie bei allen Arbeiten der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte konnte es ebenfalls nicht mehr vorrangig darum gehen, einzelne neue Tatsachen zu vermitteln. Mein Ziel war es vielmehr, wichtige, meines Erachtens bislang zu kurz gekommene oder verdrängte Zusammenhänge aufzuzeigen, um auf diese Weise zur Erklärung des Phänomens Hitler beizutragen.

In diesem Buch, das sich an ein breiteres, historisch interessiertes Publikum wendet, liegt deshalb das Hauptaugenmerk auf dem Einfluß des Bolschewismus und seiner machtpolitischen Konkretisierungen auf Hitlers Weltanschauung, Politik und Kriegführung. Diese politische Biographie, die sich ganz bewußt weniger auf die Sekundärliteratur als auf die Selbstzeugnisse Hitlers stützt, unterscheidet sich somit von allen bislang erschienenen biographischen Arbeiten über den deutschen Diktator.

Der unbestreitbare kausale Zusammenhang zwischen beiden Weltanschauungen, wie sie sich bei den gedemütigten Verlierern des Ersten Weltkriegs ausgeformt hatten, blieb in den frühen Hitler-Biographien weitgehend ausgespart. Statt dessen dominierte das Bild eines eher machiavellistisch-machtbesessenen Hitler den Diskurs. Nach dem sogenannten Historikerstreit der frühen achtziger Jahre, bei dem es um die Frage ging, ob die im deutschen Namen begangenen Verbrechen singulär seien, wurde dann die Wechselwirkung von Bolschewismus und Nationalsozialismus im Zuge einer immer stärker politisierten und instrumentalisierten Geschichtsbetrachtung weitgehend tabuisiert. Hitler, Drittes Reich und Holocaust wurden zunehmend als das zwangsläufige Resultat einer tief im 19. Jahrhundert gründenden preußisch-deutschen Sonderentwicklung verstanden.

In diesem Buch wird Hitler im Sinne einer Historisierung des Nationalsozialismus, als Produkt jenes Epochenbruchs des Jahres 1918 und damit auch als Antwort auf den Bolschewismus gedeutet. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Hitler-Barbarei und mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, mit dem der historische Zeitabschnitt seinen Abschluß fand, der einmal mit der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs begonnen hatte, sollte es möglich sein, auch diesen anderen Blick auf Hitler zu eröffnen, ohne in den Verdacht zu geraten, die Verbrechen der einen Schreckensherrschaft gegen die der anderen aufrechnen zu wollen.

Berlin, im Sommer 2004

Ralf Georg Reuth

Prolog

November 1918 – An der Wegscheide ins Ungewisse

Der vom Gaskrieg erblindete, etwas sonderliche Gefreite, den sie am 21. Oktober 1918 ins Pasewalker Lazarett brachten, war ein Namenloser aus dem Millionenheer des Weltkriegs. Er besaß nichts. Er hatte keinen Beruf erlernt, er hatte auch keine Familie oder sonst eine Bindung mit Ausnahme der zu seinen Kameraden. Lediglich sein für Mannschaftsdienstgrade selteneres Eisernes Kreuz Erster Klasse hob ihn heraus. Er wäre wohl nie aus der Anonymität getreten, hätte niemals die Macht im Staat übernommen und als »Führer« und Reichskanzler die Bühne der Weltpolitik betreten, um dort zwölf Jahre lang so unheilvoll zu agieren, wären da nicht jene Ereignisse gewesen, die mit dem Herbst 1918 heraufzogen und das Jahrhundert so entscheidend prägten.

Im fünften Jahr der Weltkriegskatastrophe hatte sich die Widerstandskraft der Deutschen allmählich erschöpft. Millionen waren gefallen, Hunderttausende in den Hungerwintern gestorben. Schwer hatten Not und Entbehrung auf der Bevölkerung gelastet. Zur kollektiven Kriegsverdrossenheit hatte freilich auch die halbabsolutistische Ordnung des Kaiserreichs beigetragen, eine längst überlebte Ordnung mit einem Dreiklassenwahlrecht in Preußen, die politisch nur noch durch die quasidiktatorisch regierende Dritte Oberste Heeresleitung unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg aufrechterhalten wurde. Als Sprachrohr der Massen hatten die sogenannten Mehrheitsparteien des Reichstags – SPD, Zentrum und Fortschrittspartei – neben einer ehrenvollen Beendigung des Krieges schrittweise Reformen im Inneren gefordert. Da diese verweigert wurden und ein Ende des Krieges unabsehbar war, hatte sich die Stimmung insbesondere in der Arbeiterschaft verschlechtert. Bei den Ersatzeinheiten in der Etappe war es nicht anders. Auch dort breitete sich rasch jenes Gedankengut aus, das von Rußland herüberkam, wo sich im November 1917 die Bolschewiki an die Macht geputscht hatten. Sie waren es, die den in der USPD organisierten Sozialisten den Weg wiesen – einen Weg, der über Demonstrationen, Streiks und Revolution zum Frieden führen sollte.

Was dann Anfang Oktober 1918 geschah, hatte aus der Sicht der Deutschen, ob an den Fronten des Weltkriegs oder in der Heimat, etwas Befreiendes und Schockierendes gleichermaßen: Nach Jahren von der Führung zur Schau gestellter schier unerschütterlicher Siegesgewißheit hieß es nun plötzlich, der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen. Die Regierung Georg von Hertling trat ab. Das preußische Herrenhaus gestand das geheime und gleiche Wahlrecht zu, und mit dem liberalen Fürsten Prinz Max von Baden wurde der Anhänger eines Versöhnungsfriedens Reichskanzler. Er stützte sich auf ein Kabinett, in dem erstmals mit Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann Sozialdemokraten Regierungsverantwortung trugen. Sogleich ging ein Waffenstillstandsgesuch an den amerikanischen Präsidenten. Von Woodrow Wilson versprach sich die neue Reichsregierung einen fairen Frieden, hatte dieser doch in seinen Vierzehn Punkten vom Januar 1918 unter anderem die Schaffung eines auf dem demokratischen Gedanken basierenden Europa gefordert, in dem die Staatsgrenzen im wesentlichen identisch mit den Nationalitätengrenzen sein sollten. In den Noten über dessen Bedingungen, die bald zwischen Washington und Berlin ausgetauscht wurden, war die Rede von der Räumung der besetzten Gebiete, von der Einstellung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs und der Demokratisierung des Reiches.

Doch die mit Wilsons Namen verbundenen Hoffnungen auf ein würdiges Ende des Krieges und einen gerechten Frieden trogen. Am 23. Oktober 1918, fünf Tage bevor Deutschland durch Verfassungsänderung nun endgültig eine parlamentarisch-konstitutionelle Monarchie wurde, kam eine dritte Note des amerikanischen Präsidenten, die die Bevölkerung schockierte und ihr das »Wehe den Besiegten« vor Augen führte. Die Alliierten nannten darin ihrerseits Voraussetzungen für einen Waffenstillstand, die aus dem deutschen Gesuch de facto eine Kapitulation machten. Von der Obersten Heeresleitung hörte man nun, daß sie die Bedingungen des Gegners, zu denen unter anderem die Abdankung des Hohenzollernkaisers gehörte, für unannehmbar halte. Ludendorff forderte, den Widerstand »mit den äußersten Kräften fortzusetzen«. Aus der Marine drangen derweil Gerüchte, daß nun die Flotte, die aus Furcht vor der Überlegenheit der Briten nie aufs Spiel gesetzt worden war, auslaufen werde, um die im Felde nicht errungene Entscheidung des Krieges in einer offenen Seeschlacht im Ärmelkanal herbeizuführen.

Entsprechend groß war die Unruhe unter den Matrosen. Niemand wollte – da nun der lange ersehnte Friede so greifbar nahe zu sein schien – noch in letzter Stunde für Kaiser und Vaterland fallen. In Scharen wandte man sich deshalb jenen zu, die der Revolution des Proletariats und dem Völkerfrieden das Wort redeten. Als die Schlachtkreuzer und weitere Kriegsschiffe, die auf der Wilhelmshavener Reede zusammengezogen worden waren, den Befehl zum Auslaufen erhielten, ließen die Mannschaften die Feuer der Kessel ausgehen und zogen statt der Reichskriegsflaggen rote Fahnen auf. Mehr als 1000 Meuterer und ihre Anführer wurden festgenommen. Als Antwort darauf bildeten sich die ersten Matrosenräte. Zum Fanal für den Aufstand wurden schließlich die Schüsse einer Militärpatrouille auf demonstrierende Marineangehörige am 3. November in Kiel, die acht Tote forderten. Auf Schiffen und in Kasernen wählte man nun auch hier Soldatenräte, die die sofortige Beendigung des Krieges und die Abdankung der Hohenzollern verlangten. Den Matrosen und deren Forderungen schlossen sich die Kieler Arbeiter an. Schon bald lag die zivile und militärische Gewalt in den Hafenstädten in den Händen der Roten.

Wie gebannt schaute das national gesinnte Deutschland nach Norden, wo ein Sozialdemokrat namens Gustav Noske als Abgesandter der Reichsregierung die Lage zu stabilisieren suchte. Man fürchtete nämlich, daß die Kieler Matrosen die Rolle spielen würden, die die Kronstädter in der russischen Revolution gespielt hatten. Solche Szenarien konnten die Frontsoldaten nicht nachvollziehen, die in den Schützengräben Flanderns oder in den U-Booten auf dem Atlantik unter unbeschreiblichen Entbehrungen und ständiger Todesangst ihre Pflicht getan hatten. Sie sahen in den Aufständischen, denen das Trommelfeuer und das Dröhnen der Wasserbomben erspart geblieben waren, »Kameradenschweine« und »Vaterlandsverräter«. Daß die staatliche Ordnung, die sie für unerschütterlich hielten, nun wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen sollte, konnten sich die Männer mit ihrer Pflichtauffassung und Treue gegenüber Kaiser und Vaterland am allerwenigsten vorstellen.

So brach dann auch für den Gefreiten, wie er sechs Jahre nach dem November 1918 schrieb, »plötzlich und unvermittelt das Unglück herein«. Seine »erste Hoffnung« sei es gewesen, »daß es sich bei dem Landesverrat um eine mehr oder minder örtliche Sache handeln könnte«, um einen »Putsch der Marine«, »der in den nächsten Tagen niedergeschlagen werden würde«. Nachdem die Revolte bald zu einem regelrechten Flächenbrand angeschwollen war und, von den deutschen Küsten ausgehend, schnell auf das gesamte Reichsgebiet übergegriffen hatte, hätten auch im Pasewalker Lazarett – wie er weiter berichtete – »vollständig revolutionäre Zustände« geherrscht. Und so sei es für ihn zur »entsetzlichste[n] Gewißheit« geworden, daß das, »was ich für eine lokale Sache gehalten hatte […] eine allgemeine Revolution sein« sollte [1] .

Die Schuld daran gaben die Frontsoldaten nicht nur der radikalen Linken, sondern den politischen Parteien, die nun an die Macht gelangt waren, schien es doch gerade deren Repräsentanten in den zurückliegenden Kriegsjahren an Entschlossenheit gefehlt zu haben. Der Gefreite schrieb darüber: »Man verstand gar nicht, warum auf einmal Drückeberger das Recht besitzen konnten, über das Heer hinweg sich die Herrschaft im Staate anzumaßen.« [2] Statt gemeinsam die Kräfte zu mobilisieren, hatten diese Parteien aus der Sicht des Schützengrabens im Gegeneinander Zwietracht gesät und damit der Revolution den Weg geebnet. »Was ging uns das allgemeine Wahlrecht an? Hatten wir etwa deswegen vier Jahre lang gekämpft?« fragte sich gewiß nicht nur dieser eine. Zu dem »ganze[n] Pack«, wie er sich ausdrückte [3] , paßte es nur allzu gut, daß es auch noch das Unfaßbare zu verantworten schien. Gerüchte besagten nämlich, daß einer von ihnen, der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der – wie es in einem vaterländischen Werk über den Weltkrieg später hieß – »niemals eine Kugel hat pfeifen hören« [4] , Anfang November Berlin verlassen habe, um im Auftrag der neuen Reichsregierung den Krieg durch einen Waffenstillstand – so wie ihn die Feinde forderten – zu beenden.

Von außen betrachtet, schien es so, als hätten die Dinge erst ihren verhängnisvollen Lauf genommen, seitdem die Politik das Sagen hatte. Niemand wußte – weil es wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurde –, daß die Entwicklung von der Obersten Heeresleitung in Gang gesetzt worden war. Am 29. September 1918 hatte nämlich Ludendorff die Konsequenz daraus gezogen, daß der entscheidende Durchbruch der materiell weit überlegenen, mit der modernen Panzerwaffe ausgerüsteten alliierten Armeen im Westen geglückt war. Dem hatte er kaum noch etwas entgegenzusetzen, waren doch die ohnehin überspannten deutschen Kräfte mit dem Scheitern der Frühjahrsoffensiven des Jahres 1918 vollends aufgebraucht gewesen. Aus der kühlen Erkenntnis heraus, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, hatte der Generalquartiermeister in ultimativer Form die Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen binnen 24 Stunden gefordert und dies damit begründet, nur noch innerhalb dieses Zeitraums garantieren zu können, daß keine militärische Katastrophe an der Westfront eintrete. Um reale Voraussetzungen für diesen Schritt zu schaffen, hatte ausgerechnet derselbe Ludendorff gedrängt, nunmehr Wilsons Vorstellungen von einer Demokratisierung Deutschlands entgegenzukommen. Daß aus dem halbabsolutistischen Obrigkeitsstaat gleichsam über Nacht eine konstitutionelle parlamentarische Monarchie wurde, war demnach hauptsächlich Ludendorff zuzuschreiben. Mit seiner Flucht nach vorne wollte er dem Reich durch den Erhalt des Heeres und die Abwendung einer Besetzung den Status einer europäischen Großmacht erhalten. Doch Ludendorffs Kalkül scheiterte an der enttäuschenden Haltung des amerikanischen Präsidenten, woraufhin der Generalquartiermeister in einem Akt der Verzweiflung umschwenkte und die Fortsetzung des Kampfes forderte. Da er der Reichsregierung keine Möglichkeit aufzeigen konnte, wie der militärische Zusammenbruch zu verhindern sei, wurde er entlassen. Mit seinem Durchhalteappell hatte Ludendorff aber die Angst vor einer Verlängerung und Radikalisierung des Krieges geschürt und damit die Revolution letztendlich erst in Gang gebracht.

Das Ende der Hohenzollernmonarchie kam nun schnell. Beschleunigt wurde es zuletzt noch durch die Furcht der in Berlin Regierenden, das von der Revolution erschütterte Reich könne wie Rußland dem Bürgerkriegschaos anheimfallen. Ein aus USPD-Aktivisten gegründeter Vollzugsausschuß der Arbeiter- und Soldatenräte sowie der »Spartakusbund« hatten bereits für den 9. November zum Generalstreik aufgerufen. Um auf die Massen, die sich unter den roten Fahnen formierten, noch Einfluß ausüben zu können, forderte nun auch die SPD analog zu den Revolutionären die Abdankung des Monarchen. Doch Wilhelm II., der sich im Großen Hauptquartier im belgischen Spa aufhielt, weigerte sich, worauf Reichskanzler Prinz Max von Baden im Alleingang dessen Abdankung verkünden ließ und gleichzeitig sein Amt dem Sozialdemokraten Ebert übertrug. Zur selben Stunde aufkommende Gerüchte, der Spartakisten-Führer Karl Liebknecht wolle die Initiative an sich reißen und noch an diesem 9. November eine »Sowjetrepublik Deutschland« proklamieren, veranlaßten nun einen anderen Sozialdemokraten zu ebenso eigenwilligem wie beherztem Handeln: Ihr Vorsitzender Scheidemann rief von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die Deutsche Republik aus und kam damit Liebknecht zuvor, der kurz darauf die »Freie, sozialistische Republik Deutschland« proklamierte und dabei die Wiederaufnahme der soeben abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu »den russischen Brüdern« und das Bekenntnis zur sozialistischen Weltrevolution einforderte. Indem Scheidemann kurz entschlossen handelte und die SPD nun der USPD das Angebot unterbreitete, bis zur Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung eine provisorische Regierung zu bilden, den Rat der Volksbeauftragten, hatte sie den Anspruch auf die Führung der revolutionären Bewegung für sich reklamiert und damit der radikalen Linken die Spitze genommen.

Wilhelm II., der sich schließlich der Wirklichkeit gebeugt hatte, war bereits im niederländischen Doorn, dem Ort seines künftigen Exils, angekommen, als der Gefreite im Pasewalker Lazarett von den dramatischen Ereignissen des Vortags aus dem Munde eines Geistlichen hörte. »Der alte, würdige Herr schien sehr zu zittern, als er uns mitteilte, daß das Haus Hohenzollern nun die deutsche Kaiserkrone nicht mehr tragen dürfe, daß das Vaterland ›Republik‹ geworden sei, daß man den Allmächtigen bitten müsse, diesem Wandel seinen Segen nicht zu versagen und unser Volk in den kommenden Zeiten nicht verlassen zu wollen«, schrieb er später und fuhr fort, daß sich »tiefste Niedergeschlagenheit« auf die Herzen der Männer gelegt habe und »kein Auge die Tränen zurückzuhalten vermochte« [5] .

Weitaus gravierender als das Ende jener altvertrauten Ordnung, in der er nach Jahren der Entwurzelung in der Uniform des kaiserlichen Heeres doch noch Tritt gefaßt hatte, mußte für ihn und gewiß auch für Millionen anderer Soldaten die Nachricht sein, daß das Unfaßbare nun doch Wirklichkeit geworden war. Mit der ihm eigenen Pathetik hielt er diese für ihn prägende Erschütterung fest, wenn er in der Schilderung der Ereignisse im Pasewalker Lazarett fortfuhr: »Als aber der alte Herr […] mitzuteilen begann, daß wir den langen Krieg nun beenden müßten, ja, daß unser Vaterland für die Zukunft, da der Krieg jetzt verloren wäre und wir uns in die Gnade der Sieger begäben, schweren Bedrückungen ausgesetzt sein würde, daß der Waffenstillstand im Vertrauen auf die Großmut unserer bisherigen Feinde angenommen werden sollte – da hielt ich es nicht mehr aus. Mir wurde es unmöglich, noch länger zu bleiben. Während es mir um die Augen wieder schwarz ward, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal zurück, warf mich auf mein Lager und grub den brennenden Kopf in Decke und Kissen. Seit dem Tage, da ich am Grabe meiner Mutter gestanden, hatte ich nicht mehr geweint.« [6]

Der Schlußakt des für weite Teile der deutschen Bevölkerung demütigenden Novemberdramas – die Unterzeichnung des Waffenstillstands – fand im Wald von Compiègne statt, 60 Kilometer nordöstlich von Paris. Die Oberste Heeresleitung, die ein ungebrochenes Selbstverständnis zur Schau stellte, hielt sich von dem Ort der Schmach fern. Man tat so, als hätte man damit nichts zu tun, und konnte dies auch, denn noch standen die deutschen Armeen tief in Feindesland. Statt der eigentlich Verantwortlichen saß an jenem 11. November 1918 dann tatsächlich der Zivilist Erzberger in dem Eisenbahnwagen, der zur Unterzeichnung des Waffenstillstands herbeigeschafft worden war. Sein Gegenüber, Marschall Ferdinand Foch, der Vertreter der Entente, erinnerte sich später: »Erzberger hat mir einen langen Vortrag gehalten, um von mir mildere Bedingungen zu erhalten; er sprach davon, daß sie die Revolution im Lande hätten, daß die Soldaten nicht mehr gehorchten, daß sie hungerten und nicht mehr Herren im Lande wären. Ich habe ihn unterbrochen und gesagt. ›Das ist die Krankheit der Besiegten, von der Sie da reden, nicht die Krankheit der Sieger. Ich habe keine Angst vor ihr. Ich lehne alles ab.‹« [7] Der Vertreter der provisorischen Reichsregierung setzte schließlich seinen Namen unter die überaus rigide Waffenstillstandsvereinbarung, die die zügige Räumung nicht nur der okkupierten Gebiete, sondern auch diejenige Elsaß-Lothringens und des linken Rheinufers vorsah. Eine Alternative dazu gab es kaum, denn die Entente-Mächte drohten im Falle einer Nichtunterzeichnung mit der Fortsetzung des Krieges, was der Regierung eine Konsolidierung der Lage im Inneren des Reiches unmöglich gemacht hätte.

Die Niederlage Deutschlands, in dem nunmehr Sozialdemokraten und Militärs in unnatürlicher Partnerschaft der Revolution Herr zu werden versuchten, war damit besiegelt. Doch während den einen die demütigende Unterwerfung vor dem Feind in Compiègne anhaften sollte, blieb der Nimbus des Heeres, das im Westen bis kurz vor Paris vorgerückt war und im Osten den Siegfrieden von Brest-Litowsk erfochten hatte, unangetastet: derjenige nämlich, »im Felde unbesiegt« zu sein. Daß die Niederlage tatsächlich aber unabwendbar geworden war, dessen waren sich die meisten Deutschen nicht bewußt geworden. Für sie, vor allem aber für die Millionen deutscher Soldaten, die nun heimkehrten, war es gleichwohl zur bitteren Gewißheit geworden, was der Gefreite später in die Worte faßte: »Es war also alles umsonst gewesen. Umsonst all die Opfer und Entbehrungen, umsonst der Hunger und Durst von manchmal endlosen Monaten, vergeblich die Stunden, in denen wir, von Todesangst umkrallt, dennoch unsere Pflicht taten, und vergeblich der Tod von zwei Millionen, die dabei starben.« [8]

Die meisten derjenigen, die überlebt hatten, ob wohlauf, verkrüppelt oder psychisch zerstört, vereinten Verbitterung und Wut – Wut auf die Feinde des Weltkriegs und vor allem auf die roten Revolutionäre in der Heimat, aber auch auf die demokratischen Kräfte, von denen man glaubte, sie hätten diesen erst den Weg geebnet. Dem wenig differenzierten, gleichwohl traumatisch wirkenden (Vor-)Urteil vieler Zurückkehrender, aber auch Millionen anderer national gesinnter Deutscher zufolge war es nämlich Zwietracht, ja Verrat gewesen, die zur Niederlage geführt hatten. In der Revolution sahen sie – Ursache und Wirkung verkehrend – letztlich die Bestätigung dafür. So entstand eine Legende – die Legende vom »Dolchstoß« in den Rücken der Front. Die Maßlosigkeit der Sieger und die nicht verlöschende Brandfackel der Revolution sollten ein übriges tun und den Nährboden dafür bereiten, daß aus dem namenlosen Pasewalker Gefreiten ein Hitler werden konnte, der mit all jenem brach, was vor 1918 war, und Deutschland, Europa und die Welt in eine neue, beispiellose Katastrophe führte. Wie tief das Trauma von 1918 saß und wie sehr es die Zeitgenossen beherrschte, verdeutlichen die Worte des von Hitler zu seinem Nachfolger als Reichspräsident bestimmten Großadmiral Karl Dönitz. Am 9. Mai 1945, als alles vorüber war, rief er den Millionen in die Gefangenschaft ziehenden Soldaten der deutschen Wehrmacht zu: »Trotz unseres heutigen totalen Zusammenbruchs sieht unser Volk heute anders aus als 1918. Es ist noch nicht zerrissen.« [9]

1. Kapitel (1889  1918)

Ein Namenloser, der an Deutschland glaubte

Als Adolf Hitler am 20. April 1889 in Braunau am Inn geboren wurde, schien die Welt der Deutschen in Ordnung. Das auf dem jenseitigen Ufer des Grenzflusses von Otto Fürst von Bismarck mit Blut und Eisen geschmiedete Kaiserreich strotzte vor Kraft und Selbstvertrauen. Man glaubte an den Fortschritt, an ein schrankenloses industriell-wirtschaftliches Wachstum und an die militärische Stärke, verkörpert durch eine sieggewohnte Armee. Überhaupt beherrschten die soldatischen Werte die Gesellschaft – eine Gesellschaft, in der der Obrigkeitsstaat, wie überall im alten Europa, in einem permanenten Konflikt mit den unterprivilegierten arbeitenden Massen und ihren politischen Organisationen stand. Was alles zusammenhielt und antrieb, war neben dem Fortschrittsglauben der überbordende Patriotismus und Nationalismus, aus dem so etwas wie eine deutsche Sendungsideologie entsprang. Sie unterfütterte ideell nach Bismarcks Entlassung im Jahre 1890 die neue, imperiale Politik des Deutschen Reiches. »Dem Platz an der Sonne« als Quell unerschöpflicher Rohstoffe und dem Bau einer starken Flotte galt das Hauptaugenmerk Wilhelms II. und der organisierten Verbandsinteressen alldeutscher und anderer imperialistisch orientierter Massenorganisationen. Der Konflikt mit den alten Kolonialmächten war damit ebenso vorprogrammiert wie das Ende der von Bismarck sorgsam austarierten europäischen Bündnispolitik, die dem Reich den Frieden gesichert und damit die Voraussetzung für den Aufstieg zur Großmacht geschaffen hatte.

Die andere, zu einem gut Teil deutsche Großmacht jenseits des Inns, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, die von jeher ausschließlich kontinentale Interessenpolitik betrieb, stand am Ende des neunten Dezenniums in ihrer späten Blüte. Und in dieser lag die Zwangsläufigkeit des nahenden Verfalls. Der Nationalismus, der in Deutschland integrierte, mußte im Vielvölkerreich spalten, im Zusammenspiel mit den sozialen Widersprüchen der Zeit um so nachhaltiger. Wenn Deutsche, Tschechen, Slowenen, Kroaten, Italiener, Galizier, Ruthenen und Polen dennoch in einem Staat zusammengehalten werden konnten, dann gründete dies in der Monarchie, vor allem in der Person Franz Josephs I., »von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slavonien, Galizien, Londomerien und Illyrien; König von Jerusalem etc«. Er vermittelte den Untertanen das Gefühl, Teil einer Jahrhunderte währenden geheiligten und damit unantastbaren staatlichen Ordnung zu sein. Es lag in der Logik der historischen Entwicklung, daß es die Deutsch-Österreicher waren, und unter diesen nicht die staatstragenden Oberschichten, die als erste in den Sog des nationalistischen Zeitalters geraten waren, ging doch von dem dynamischen deutschen Nationalstaat jenseits des Inns eine nicht geringe Strahlkraft aus.

Hitler selbst sollte es später als »glückliche Bestimmung« des Schicksals bezeichnen, daß seine Geburtsstadt Braunau just an der Grenze »jener zwei deutschen Staaten [liegt], deren Wiedervereinigung mindestens uns jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint« [1] . Andere brachten seinen Geburtsort mit den Befreiungskriegen in Verbindung, wenn sie daran erinnerten, daß 85 Jahre vor Hitler in demselben Braunau am Inn der Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm wegen seines Eintretens gegen die napoleonische Fremdherrschaft den Märtyrertod hatte erleiden müssen. Ansonsten eignete sich kaum etwas zur Verklärung, was Hitlers Herkommen anging: Er entstammte einer kleinbürgerlich-engen Welt. Sein Vater stand im Staatsdienst, hatte es zum k. u. k.-Zolloberoffizial gebracht, dem höchsten Rang, den ein Beamter ohne höhere Schulbildung seinerzeit hatte erreichen können. Als solcher war Alois Hitler ganz und gar vom Primat des Deutschtums durchdrungen, was sicherlich auch dadurch befördert worden war, daß er dem Waldviertel entstammte. In jener von Wien vernachlässigten Gegend verehrten die einfachen Leute seines sozialen Engagements wegen Georg von Schönerer, den Führer der Alldeutschen, der einen großen Nationalstaat aller Deutschen propagierte.

Alois Hitler, der unehelich als Alois Schicklgruber zur Welt gekommen und später legalisiert worden war, hatte bereits zwei Ehen hinter sich, aus denen zwei Kinder, Alois jun. und Angela, hervorgegangen waren. Seine dritte Ehefrau, die ebenfalls aus einfachsten Verhältnissen stammende 20 Jahre jüngere Klara, hatte ihn aus Versorgungsgründen geheiratet. Sie brachte wohl deshalb nicht sonderlich viel Zuneigung für ihren autoritären und zu Jähzorn neigenden Mann auf, von dem sie in wenigen Jahren mehrmals schwanger gewesen war, die Kinder jedoch verloren hatte. Ihre besondere Zuwendung schenkte sie daher ihrem 1889 geborenen Sohn Adolf, von dem sie hoffte, dieser werde das Kindbett überleben.

In dessen Geburtsjahr wurde der Zöllner von Braunau, wo die Hitlers in einer Etagenwohnung lebten, nach Passau versetzt. Drei Jahre später, als er pensioniert wurde, zog die Familie aus dem Niederbayerischen nach Hafeld, einen zur Gemeinde Fischlham gehörenden Weiler nahe dem oberösterreichischen Lambach. In Fischlham, wo Adolf Hitler eingeschult wurde, hatte sein Vater ein heruntergekommenes Gehöft gekauft. Bereits 1897 mußte er das Anwesen wieder veräußern, weil er sich finanziell übernommen hatte. Die Hitlers zogen nun nach Lambach. Doch auch dort blieben sie nicht lange. Im folgenden Jahr siedelten sie schließlich nach Leonding bei Linz über, wo Alois Hitler ein bescheidenes Haus gleich neben dem Friedhof erstanden hatte.

Dort entwickelten sich die Familienverhältnisse weiter zum Schlechten. Der Zollpensionär floh immer öfter aus dem von Untätigkeit bestimmten Alltag, indem er trank. Die Folge war, daß sich die Eheleute, denen 1894 ein zweiter Sohn namens Edmund und 1896 eine Tochter Paula geboren worden waren, völlig entfremdeten. Als Edmund 1900 starb und der selbstsüchtige Vater sich immer öfter dem Alkohol hingab, war Klara Hitler nach all den Schicksalsschlägen noch stärker auf ihren inzwischen elf Jahre alten Sohn fixiert, dem Freundschaften zu Gleichaltrigen durch die häufigen Umzüge der Familie bislang versagt geblieben waren. Ihre schrankenlose Liebe und Zuwendung trugen dazu bei, in dem jungen Adolf das Gefühl des Besonderen, des Herausgehobenen zu verankern.

Entsprechend schwer tat sich der Junge, als er nach fünf Volksschuljahren – vom Herbst 1900 an – die Realschule im nahe gelegenen Linz besuchte. Bereits im ersten Jahr verfehlte er das Klassenziel. Dies lag nicht daran, daß es ihm an Intelligenz gemangelt hätte. »Er war entschieden begabt, wenn auch einseitig, hatte sich aber wenig in der Gewalt, zum mindesten galt er als widerborstig, eigenmächtig, rechthaberisch und jähzornig, und es fiel ihm sichtlich schwer, sich in den Rahmen einer Schule zu fügen«, urteilte später einer seiner Lehrer [2] . Ein Klassenphoto aus jener Linzer Realschulzeit scheint dies zu bestätigen; es zeigt einen blasiert dreinschauenden Schüler Adolf Hitler.

Die mangelnden Leistungen riefen zusehends den Vater auf den Plan, der für seinen einzigen Sohn die Sicherheit verheißende Laufbahn eines Beamten ins Auge faßte. Alois Hitler versuchte nun den Jungen zum Lernen zu prügeln, was bei diesem die Abneigung gegen die Schule nur noch steigerte und überdies aus der Verachtung gegenüber dem alkoholkranken Vater Haß werden ließ. So empfand es nicht nur die ob der Gewalttätigkeiten ihres Mannes um den geliebten Sohn bangende Mutter, sondern auch dieser selbst als ein Stück Befreiung, als Alois Hitler an einem Vormittag im Januar 1903 in einem Leondinger Wirtshaus tot zusammenbrach.

Klara Hitler opferte sich jetzt vollends auf, um den eigenbrötlerischen Jungen, dem der Leondinger Gemeindevorsteher Josef Mayrhofer zum Vormund bestellt wurde, zu einer ihrer Auffassung nach gebührenden Ausbildung zu verhelfen. Als Adolf 1904 die Linzer Realschule wegen nicht mehr ausreichender Leistungen verlassen mußte, verkaufte sie kurz entschlossen ihr Leondinger Haus und zog nach Linz, um ihrem Sohn den Besuch einer Realschule in dem nicht allzu weit entfernten Industriestädtchen Steyr zu ermöglichen. Hitler, der bei Kosteltern untergebracht war, scheiterte jedoch wiederum. Als er unter dem psychischen Druck, den Erwartungen seiner geliebten Mutter nicht gerecht geworden zu sein, erkrankte, holte diese den abermals Sitzengebliebenen heim nach Linz. Als er sich wieder gefangen hatte, stand fest: Schuld waren wie schon vorher die Lehrer, die ihm, der Ausnahmeerscheinung, nicht gerecht geworden waren.

In Linz führte der noch überheblicher gewordene Sonderling bald das Leben eines kleinen Bohemiens, ohne daß seine Mutter ihm dies auch nur im Ansatz verübelt hätte. Als entstamme er »besseren Verhältnissen« und könne sich auf entsprechende Geldmittel und auch schulische Erfolge stützen, verbrachte der von der Mutter stets wohl Ausstaffierte seine Tage, indem er durch die Linzer Gassen flanierte, Opern und Operetten besuchte und schon einmal zum Bleistift oder zum Aquarellpinsel griff. Dann zeichnete er Kirchen und Gebäude seiner Heimatstadt oder skizzierte Phantasiebauten, wie etwa die Donaubrücke, die er dann als 50jähriger nach seinen frühen Vorstellungen bauen ließ. Die Ergebnisse wurden von der Mutter entsprechend gewürdigt, so daß der Sohn, der zweifellos über eine gewisse Begabung verfügte, sich einmal mehr darin bestätigt sah, zu Höherem bestimmt zu sein. Dem Drängen des Vormunds, Adolf möge sich nun endlich eine solide Arbeit suchen, setzten dieser und seine Mutter nunmehr die Ankündigung entgegen, daß der Sohn Künstler werde, was dessen Wirklichkeitsferne weiter beflügelte.

Adolf Hitlers Tagträume wurden jedoch bald durch die Krebserkrankung der Mutter überschattet. Im Januar 1907 mußte sie sich einer schweren Operation unterziehen, die an ihrem Schicksal wenig zu ändern vermochte. Klara Hitler klammerte sich fortan noch stärker an ihren Sohn, der – nunmehr 17jährig – in die Rolle des Familienoberhaupts hineinwachsen sollte, war doch seine Schwester Paula erst elf Jahre alt und Stiefschwester Angela inzwischen mit einem gewissen Leo Raubal verheiratet und somit außer Haus. Da Operation und Nachbehandlung viel Geld verschlangen und an den ohnehin geschmolzenen Rücklagen aus dem Leondinger Hausverkauf zehrten, bezogen die drei Hitlers samt der geistesschwachen Schwester der Mutter, die bei ihnen untergekommen war, nun eine preiswertere Wohnung in Urfahr, am Linz gegenüberliegenden Ufer der Donau.

Von dort brach Adolf Hitler im September 1907 zu seiner zweiten Reise nach Wien auf. Schon im Mai des Vorjahrs war er erstmals in die Kapitale der Donaumonarchie gefahren. Seine Mutter hatte ihm damals den Besuch der kaiserlichen Gemäldegalerie ermöglicht. Jetzt machte er sich auf, um die Aufnahmeprüfung an der Allgemeinen Malerschule der Akademie für Bildende Künste zu absolvieren. Nach Vorlage seiner Arbeiten wurde er zum Probezeichnen zugelassen. Doch dabei scheiterte er. »Geschlagen« und »zum ersten Mal in meinem jungen Leben uneins mit mir selbst«, wie er schrieb [3] , kehrte er zurück zur Mutter nach Urfahr.

Deren Gesundheitszustand hatte sich weiter verschlechtert. Im Oktober 1907 eröffnete ihm der behandelnde Arzt Eduard Bloch, ein Jude, den der junge Mann sehr schätzte, daß mit dem Schlimmsten zu rechnen sei. Wenige Wochen später, am 21. Dezember, starb Klara Hitler im Alter von nur 47 Jahren. Die Zeit dazwischen war noch einmal getragen von »einer einzigartigen seelischen Harmonie zwischen Mutter und Sohn«, wie sich August Kubizek erinnerte [4] , Hitlers wohl einziger Jugendgefährte in den Linzer Jahren. Durch den Tod der Mutter, die am Tag vor Heiligabend auf dem Leondinger Friedhof an der Seite ihres Mannes beerdigt wurde, fiel der 18jährige Hitler ins emotionale Nichts, hatte er doch die einzige Person verloren, zu der ihm eine intensive Beziehung möglich gewesen war. Die übergroße Bindung an die Mutter sollte es ihm zeitlebens versagen, sich gegenüber einem anderen Menschen zu öffnen.

Hitler lebte fortan in den Tag hinein und stahl sich aus der Wirklichkeit, indem er sich als Ausnahmeerscheinung, eben als Künstler gerierte und freilich auch davon überzeugt war, ein solcher zu sein. Denen, die ihn auf den Boden der Tatsachen herunterziehen wollten, indem sie darauf hinwiesen, daß ihm für ein Leben als Künstler die Mittel fehlten, soll er entgegnet haben, daß sich auch die großen Maler Hans Makart und Peter Paul Rubens aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet hätten. Wohl auch, um den unangenehmen Fragen und Einwänden ein Ende zu bereiten, ließ er seine Schwester Paula und Johanna Pölzl, die Schwester der Mutter, schließlich in Urfahr zurück und brach im Frühjahr 1908 – ausgestattet mit der bescheidenen mütterlichen Barschaft – zum drittenmal in seinem Leben in die Metropole der Monarchie auf.

Das Wien, in das der 19 Jahre alte Hitler übersiedelte, war eine Weltstadt, in der die Konflikte des späten habsburgischen Vielvölkerreichs angesichts des immer mächtiger werdenden nationalen und sozialen Gedankens wie in einem Brennglas gebündelt waren. Dies kümmerte den Ankömmling, der bei einer Tschechin in der Stumpergasse nahe dem Stadtzentrum zur Untermiete wohnte, recht wenig. Er begriff sich als Künstler, als »Mensch von Welt«. Und als solcher war er in die Kunst- und Kulturmetropole Wien gekommen, mit ihren seit dem Fin de siècle so spannungsreichen Gegensätzen, der oft heroisch-schwülstigen, oft idyllisch-volksverbundenen Kunst und Literatur einerseits und dem avantgardistisch-expressionistischen Aufstand gegen das Gestern andererseits. Mit der Wiener Moderne, den freizügigen Gemälden eines Gustav Klimt oder den Farbexplosionen eines jungen Oskar Kokoschka, mit den das Bürgertum schockierenden abgründigen Romanen Robert Musils und Leopold von Sacher-Masochs oder den aufwühlenden gesellschaftskritischen Theaterwerken Arthur Schnitzlers und Frank Wedekinds, wußte der Kleinbürgersproß aus dem Innviertel jedoch nichts anzufangen. Sein Interesse galt dem Althergebrachten, der gegenständlichen Malerei, den Wiener Gründerzeit-Ansichten eines Makart und den Genrebildern eines Eduard von Grützner. Vor allem aber begeisterte er sich für die architektonische Pracht der Kaiserstadt, insbesondere für die Monumentalität der Ringstraße mit ihren neoklassizistischen, neugotischen und im Stil der Renaissance errichteten öffentlichen Gebäuden, von denen er zeitlebens schwärmen sollte. Noch mehr inspirierte seine Phantasien jedoch die Oper. Keine Woche verging fortan, in der er mit seinem aus Linz nachgekommenen Gefährten Kubizek, der am Wiener Konservatorium ein Musikstudium begann und mit ihm das Zimmer teilte, nicht wenigstens ein, zwei Abende in der prunkvollen Hofoper oder in der schlichten Volksoper verbrachte, wo es sogar zu einem billigen Sitzplatz im zweiten Rang reichte.

Es waren dabei immer wieder die Musikdramen Richard Wagners, die Hitler fesselten. Dutzende Male soll er ein und dieselbe Inszenierung besucht haben, einerlei, ob es sich dabei um Tristan und Isolde, um Tannhäuser, die Meistersinger von Nürnberg oder um den Ring des Nibelungen handelte, jenen Höhepunkt einer in der Romantik in Gang gekommenen Entwicklung, die mythologische Stoffe in nationale Erlösungsgesänge umdeutete. Doch weniger diese waren es, mit denen Wagner die Menschen in seinen Bann zog. Wagner, dessen Ring für das Ende des Zeitalters der Individualität stand, spiegelte vielmehr ein im Geist der Zeit liegendes Gefühl wider, gehörte er doch auch zu denen, die – von Arthur Schopenhauer bis Friedrich Nietzsche – jeweils auf ihrem Feld den Aufstand gegen die »Entzauberung der Welt« erprobten, wie Max Weber den mit der Moderne heraufgezogenen Prozeß der rationalen Ernüchterung bezeichnete.

Die »erste Oper seines Lebens« sei Lohengrin gewesen, die er im Alter von zwölf Jahren noch im Linzer Opernhaus gehört habe, schrieb Hitler später in Mein Kampf. Dessen Zimmergenosse Kubizek schilderte, wie er damals 16jährig nach einer Aufführung von Rienzi, der letzte der Tribunen, jener Oper, deren Titelheld aus kleinen Verhältnissen zum Volkstribunen und Einiger Italiens aufsteigt, in den »Zustand völliger Entrückung« geraten sei. Sich selbst nunmehr in die Rolle eines deutschen Rienzi versetzend – wie Kubizek weiter berichtete –, habe er bei einem gemeinsamen Spaziergang nach der Aufführung auf dem Linzer Freinberg bis in die frühen Morgenstunden »in großartigen, mitreißenden Bildern« die Zukunft des deutschen Volkes entwickelt [5] . »In jener Stunde begann es«, soll Hitler später einmal gesagt haben, womit er Wagners Werk zum Mittler der ihm durch die »Vorsehung« zugedachten historischen Berufung machte. Tatsächlich war es nur derselbe realitätsflüchtige Größenwahn, in dessen Folge er sich schon als bedeutender Künstler wähnte, der ihn nach der Rienzi-Aufführung zu dessen deutschem Pendant werden ließ. Wenn seine Begeisterung keine Grenzen kannte, so vor allem deshalb, weil Hitler in Wagners theatralischen Musikdramen mit ihrem aus mythischen Tiefen gespeisten, zumeist tragischem Übermenschentum so etwas wie den Fluchtweg aus seiner Lebenswirklichkeit sah. Wagner zu hören habe Hitler die Möglichkeit gegeben, »sich in jenen außergewöhnlichen Zustand zu versetzen […] in jenes Sichselbstvergessen, jenes in ein mystisches Traumland Entschweben, dessen er bedurfte, um die ungeheuren Spannungen seines eruptiven Wesens zu ertragen«, meinte Kubizek [6] .

Hitler folgte dabei nicht etwa einem Schönerer, der im Zuge eines regelrechten Kulturkampfs gegen die »jüdisch-entartete« Moderne in Wagner den Retter sah, den geistigen Wegweiser für den Kampf gegen den vom »materialistischen Judentum verderbten Zeitgeist«. Das macht seine Haltung im Streit um die Interpretation der Walküre im Juni 1908 deutlich. Anhänger des inzwischen als Operndirektor abgetretenen Gustav Mahler hatten gegen die Inszenierung unter dessen Nachfolger Felix von Weingartner protestiert, woraufhin das Wiener Sprachrohr der Antisemiten, das Alldeutsche Tageblatt, diese sogleich als »krummnasige Mahlerianer« und »Hebräer« beschimpfte und die Mitglieder des Orchesters dahin gehend zitierte, daß sie doch froh seien, »den jüdischen Gaukler Mahler endlich losgeworden« [7] zu sein. Hitler, der bei seinem ersten Besuch in der Hauptstadt im Jahre 1906 gleich zwei Wagner-Werke in der unübertrefflichen musikalischen Interpretation Mahlers besucht haben dürfte, stand ohne Wenn und Aber auf der Seite der Mahlerianer. Er habe dem Dirigenten und Komponisten – laut Kubizek – »größte Bewunderung« entgegengebracht.

Der Neuwiener, der es nicht dabei beließ, Wagner-Aufführungen zu besuchen, sondern auch Bühnenbilder entwarf und sich als Textgestalter, ja sogar als Komponist versuchte – und sich in all diesen Rollen, in die er sich hineinsteigerte, bereits der Meisterschaft anzunähern glaubte –, verehrte den Bayreuther Meister also nicht seiner antisemitischen Tendenz wegen. Noch stand er nicht auf der Seite derjenigen Zeitgenossen, die – als Gegenentwurf zu einer angeblich materialistisch-jüdisch bestimmten Welt – Erlösungsideologien auf der Grundlage von »Volk« und »Rasse« verkündeten, wie der mit Wagners Tochter Eva verheiratete Houston Stewart Chamberlain, dessen auf der Rassenlehre Joseph Arthur Graf von Gobineaus basierende Grundlagen des 19. Jahrhunderts in Wien geschrieben worden waren. Er stand auch nicht im Banne eines Guido von List oder eines Jörg Lanz von Liebenfels, der die Rassen »erforschte« und damit die Voraussetzung für die Zucht einer dem Juden überlegenen arischen Herrenmenschenrasse schaffen wollte. Hitler war vielmehr geprägt vom volkstümlichen Bild »des Juden«, wonach dieser nicht als Bedrohung angesehen wurde, sondern als anders, als fremd und sicherlich auch als überlegen. So war sich Hitler zum Beispiel durchaus einer gewissen Dominanz des Judentums im Wiener Kulturbetrieb bewußt. Als Konsequenz daraus entwickelte er jedoch keine Aggressionen, sondern kritisierte den Phlegmatismus der »Arier« und tat sich mit allerlei naiv-wichtigtuerischen Überlegungen hervor, wie dieser Phlegmatismus überwunden werden könne.

Erst allmählich, nachdem sein erster Durst nach Kunst gestillt und sein Budget knapper geworden war, begann sich Hitler mit Politik zu beschäftigen. Im Mittelpunkt stand dabei der Nationalitätenkonflikt, der infolge der Ereignisse des Jahres 1905 aufgebrochen war. Ungarn hatte seinerzeit eine größere Selbständigkeit verlangt, woraufhin der Kaiser den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollte. Er hatte gedroht, in der ungarisch kontrollierten, transleithanischen Hälfte des Reiches das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht einführen zu wollen, was die Vorherrschaft der magyarischen Oberschicht gegenüber den übrigen Nationalitäten schlagartig beendet hätte. Zwar hatte Budapest daraufhin rasch eingelenkt, doch mit Wiens Vorstoß hatten die Forderungen der national Gesinnten nach dem allgemeinen Wahlrecht eine neue Dynamik erhalten. Unter dem Druck gewaltiger Demonstrationen in Wien und Prag hatte der Kaiser schließlich nachgeben und entsprechende Reformen auf den Weg bringen müssen. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts im Jahre 1906 bedingte dann nicht nur einen tiefgreifenden sozialen Wandel der gesamten politischen Szene, von der nun Aristokratie und Großbürgertum verschwanden, sondern gab erstmals neben den Deutschen auch den übrigen sieben Nationalitäten im Vielvölkerparlament, dem Wiener Reichsrat, die Möglichkeit, ihre nationalen Interessen wirkungsvoll zu vertreten. Die damit verknüpften Hoffnungen, den Nationalitätenkampf eindämmen zu können, erfüllten sich jedoch nicht. Die zentrifugalen Kräfte erhielten statt dessen jähen Vorschub, zumal nunmehr die Deutschen um ihre angestammten Besitzstände bangten und so für diese immer lautstärker eintraten. Folglich wurde dieser Kampf mit unterschiedlicher Intensität von allen deutschen Parteien geführt – von den Alldeutschen, der Deutschen Volkspartei über die Christlichsozialen bis hin zu den Sozialdemokraten.

In Wien richtete sich der Kampf dieser Parteien vor allem gegen den immer größer werdenden Einfluß der Tschechen, die im Jahre 1908 20 Prozent der Bevölkerung der Stadt ausmachten und überproportional in der städtischen Bürokratie vertreten waren. Unumstrittener populistischer Wortführer war dabei der sprachgewaltige christlich-soziale Bürgermeister Karl Lueger, der nicht nachließ zu verkünden, »daß der Boden, auf dem sich die alte Kaiserstadt erhebt, deutscher Boden ist und deutscher Boden bleiben muß« [8] . In der Schärfe der Agitation übertroffen wurde Lueger nur noch von den Alldeutschen, denen im Wiener Reichsrat mit drei Sitzen allerdings eher der Rang einer Splitterpartei zukam. Ihr Wortführer war Franz Stein, der getreu dem Schönerer-Motto »Los von Juda! Los von Rom!« der »germanische[n] Welt- und Lebensanschauung« zum Durchbruch verhelfen wollte. Schönerer, der Verkünder des großen sozialistischen Nationalstaats aller Deutschen als Gegenmodell zum Habsburger »Vielvölkerbabylon«, lebte zu dieser Zeit bereits zurückgezogen im Waldviertel und war aus der Sicht seiner Wiener Anhänger so etwas wie eine entrückte Kultfigur geworden, der man im Alldeutschen Tageblatt huldigte.

Im Herbst 1908 spitzte sich der Nationalitätenkonflikt weiter zu, jetzt vor allem zwischen Deutschen und Magyaren einerseits und den slawischen Völkern der Monarchie andererseits. Österreich annektierte nämlich im Oktober Bosnien und die Herzegowina. Pünktlich zum 60. Thronjubiläum des Kaisers wollte die siechende Monarchie damit noch einmal ihren Großmachtanspruch unter Beweis stellen. Mit der Militäraktion setzte sich Wien über ein 30 Jahre altes Mandat der Großmächte hinweg, dem zufolge die Gebiete hoheitlich zum Osmanischen Reich gehörten, aber k. u. k. verwaltet waren. Damit war eine Krise heraufbeschworen, die im Sommer 1914 eskalieren sollte: Serbien, das von einem großserbischen Reich unter Einbeziehung Bosniens und der Herzegowina träumte, fühlte sich herausgefordert, Rußland, der Garant der slawischen Sache, provoziert, England sah das Gleichgewicht an der Südostflanke Europas bedroht, und Deutschland stand in Treue fest zum Bündnispartner, was durch den Besuch Wilhelms II. in Wien im Mai 1909 bekräftigt werden sollte.

Im zeitlichen Umfeld jener Ereignisse soll Hitler – laut Kubizek – einige Sitzungen des Wiener Vielvölkerparlaments besucht haben und dort Zeuge tumulthafter Auseinandersetzungen geworden sein. Hitler, der stundenlang auf dem Besucherrang des Reichsrats den parlamentarischen Schlagabtausch zwischen den Vertretern der verschiedenen Völkerschaften verfolgt haben soll, schrieb in Mein Kampf von »einem jämmerlichen Schauspiel«, das sich ihm geboten habe: »Eine gestikulierende, in allen Tonarten durcheinander schreiende, wildbewegte Masse und darüber einen harmlosen alten Onkel, der sich im Schweiße seines Angesichts bemüht, durch heftiges Schwingen einer Glocke und bald begütigende, bald ermahnende ernste Zurufe die Würde des Hauses wieder in Fluß zu bringen.« [9] Und sein Zimmergenosse Kubizek erinnerte sich an einen Parlamentsbesuch und an einen entflammten Hitler: »Er war aufgesprungen, seine Finger ballten sich zu Fäusten, sein Antlitz brannte vor Erregung.« [10]

Die Folgerung, die Hitler aus diesen Eindrücken zog, war noch nicht die Ablehnung des Parlamentarismus als solchem. Auch der Monarchie mit ihrer höfischen Pracht, dem Pomp und dem Kaiser – die Menschheit brauche ein Idol, sagte er einmal – stand Hitler durchaus aufgeschlossen gegenüber. Er wähnte vielmehr das Unglück »im Fehlen einer deutschen Majorität«. Analog dazu sah er den Hauptgrund für die Funktionsunfähigkeit des Staates im Nebeneinander der verschiedenen Völkerschaften. So verfestigte sich bei ihm jetzt die schon in seinem Linzer Umfeld verbreitete ebenso schlichte wie plausible Überzeugung, daß es das beste sei, alle Deutschen in einem großen Nationalstaat zusammenzuführen, einem Nationalstaat, wie ihn Schönerer seit langem propagiert hatte.

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