cover image

image

Sibylle Janert, Ruhpolding, Psychologin mit Fortbildung an der Tavistock Clinic, London und als DIRFloortime-Expert Trainerin, ist in eigener Praxis als Coach mit autistischen Kindern und ihren Familien tätig sowie in der Fortbildung im deutsch- und englischsprachigen Raum.

André Zirnsak, Dipl.-Heilpäd. (FH), ist in eigener Praxis in Berlin als Spieltherapeut, Supervisor und Coach mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit autistischen Kindern und ihren Familien sowie in der Fortbildung tätig.

Ilaria Acerbi, Heilpädagogin M. A., Berlin, arbeitet mit Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum

Stephanie Hohndorf, Dipl.-Psych., Systemische (Kinder- und Jugendlichen-)Therapeutin (SG), ist am Autismus Institut Lübeck tätig.

Hinweis: Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnungen nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-03065-1 (Print)

ISBN 978-3-497-61549-0 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61550-6 (EPUB)

© 2021 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Verlag Ernst Reinhardt GmbH & Co KG behält sich eine Nutzung seiner Inhalte für Text- und Data-Mining i.S.v. § 44 b UrhG ausdrücklich vor.

Printed in EU

Covermotiv: © iStock / evgenyatamanenko

Innenteil: Abbildungen 3.1, 3.8, 3.12, 4.1, 10.1 von Cristina Pareschi

Satz: Katharina Ehle

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Danksagung

1Individuelle Entwicklungswege: Autistisch-ähnliche und Verhaltensweisen autistische beziehungsorientiert gesehen

1.1Rahul – Autismus oder autistisch-ähnlich? Oder was ist los?

1.2Martin – Autismus-Diagnose. Wirklich?

1.3Akash – Autismus. Und wie man sich entwickeln kann!

2Hier wird SPIELEN groß geschrieben

2.1Eine spielerische Haltung entwickeln

2.2Unser spielerisches Sein befreien

2.3Dem Druck spielerisch begegnen und ihn auflösen

2.4Die Vermittlung einer spielerischen Haltung

3Das D in DIR: Die funktionalen emotionalen Entwicklungsebenen

3.1Eine Schatzkarte zur Entdeckung vielfältiger Entwicklungsaspekte von Kindern

3.2Das Kind ist da und lernt die Welt kennen

3.3Dem Kind eröffnet sich eine neue fantastische Welt

3.4Das Kind reift zu einer komplexen Persönlichkeit heran

4Das „I“ in DIR: Das individuelle sensomotorische Profil

4.1Die Detektivhaltung: Zugeschnittene Interaktionen gestalten

4.2Die Detektivhaltung begreifen: Die Bedürfnisse des Kindes verstehen

4.3Die Detektivhaltung erklären: Individuelle Unterschiede und Emotionen

4.4Die Detektivhaltung schärfen: Einschätzung des sensomotorischen Profils

4.5Die Detektivhaltung umsetzen: Erstellung eines sensomotorischen Profils in der Praxis

4.6Die Detektivhaltung nutzen: Individuelle Unterschiede in der Interaktion berücksichtigen

5Das R in DIR: Emotionale Beziehungen

5.1Die Bedeutung emotionaler Beziehungen für die Entwicklung

5.2Menschliche Beziehungen begreifen

5.3Bewegung und Beziehungen gehören zum Lebendigsein

5.4Menschliche Beziehungen in Gefahr

5.5Gesunde Beziehungsentwicklung fördern

5.6Sprache entwickelt sich aus emotionalen Beziehungen

5.7Die Anfänge menschlicher Beziehungen

5.8Beziehung ist ein Geben und Nehmen

6Die Welt entdecken: Das Kinderspiel als Grundlage für gesunde Entwicklung

6.1Vom Erkunden zur eigenen Ideenfindung: Zentrale Merkmale der Spielentwicklung

6.2Bedeutungen entstehen aus Bewegungen: Die zentralen Erkenntnisse von Geoffrey Waldon

6.3Die Auseinandersetzung mit sich selbst: Merkmale früher Kinderspiele

7Entwicklung unter die Lupe nehmen: Der Beobachtungsbogen zu DIRFloortime

7.1Die Idee, die zu der Entwicklung eines diagnostischen Instrumentes führte

7.2Der Beobachtungsbogen zum Entwicklungsprofil nach dem DIRFloortime-Ansatz

7.3Ein möglicher Platz unseres Beobachtungsbogens in den allgemeinen Diagnostikstandards

7.4Das Potenzial beziehungsorientierter Diagnostik

7.5Fallbeispiel: Wie Sascha mit den Bussen das Sprechen lernte

7.6Die Zukunft des Beobachtungsbogens

8Pfiffig gedacht, griffig gemacht: Von der DIR-Theorie zur Floortime-Praxis

8.1Zentrale Kniffe und Griffe: Was wir immer berücksichtigen sollten

8.2Ergänzende Kniffe und Griffe für die Entwicklungsebenen und ihre Kapazitäten

9Spielen verändert Verhalten und Gehirn: Forschung und evidenzbasierte Praxis

9.1Wie verändert Spielen unser Verhalten, Denken und Gehirn?

9.2Therapeutische und pädagogische Ansätze zu Autismus

9.3Von Eltern implementierte Methoden

9.4Autismus-Diagnose und der ADOS-Test

10Die grundlegende Annahme für das DIRFloortime-Modell: Affekt-Diathese-Theorie

Literatur

Weitere Internetquellen / Videos:

Sachregister

Vorwort

Sibylle Janert

Haben Sie manchmal das Gefühl, wie ein Detektiv nach ungeahnten Entwicklungspotenzialen mit und in diesem einzigartigen Kind zu suchen?

Denken Sie manchmal darüber nach, was das wirklich Wesentliche und Menschliche ist, das wir in jedem Kind und Mitmenschen suchen, schätzen und gedeihen lassen wollen?

Erleben Sie sich als Fachperson oder als Eltern in Ihrer Arbeit oder im Familienleben mit Ihrem Kind wie auf einer Entdeckungsreise in Ihnen bisher unbekannte Gefilde menschlicher Entwicklung und Möglichkeiten?

In diesem Buch finden Sie eine Schatzkarte zur Orientierung auf solch einer Entdeckungsreise sowie eine Einladung, auf individuellen Entwicklungswegen miteinander auf Schatzsuche zu gehen, um anhand von interaktiven und spielerischen Beziehungen das menschliche emotionale Entwicklungspotenzial in jedem Kind zu entdecken und zu fördern. Denn Menschsein ist ein lebenslanger Prozess, den jedes Kind und jeder Mensch nur auf individuellen und gewundenen Pfaden zur eigenen Individualität und Persönlichkeitsentwicklung zurücklegen kann. Es gibt hierzu keine Vorlage. Denn jedes Kind und jeder Mensch ist einzigartig. Was wir allerdings aus menschlicher Erfahrung und evidenzbasierter Forschung wissen, ist, dass ein Kind einfühlsame Beziehungen zu verlässlichen Bezugspersonen braucht, damit sich Körper und Geist, Gehirn und Seele, Verhalten und Lernen optimal entwickeln können.

Als erstes DIRFloortime-Handbuch im deutschsprachigen Raum präsentieren wir unseren Leserinnen und Lesern eine umfassende Einführung in Theorie und Praxis des ganzheitlichen DIRFloortime-Modells und seine vielseitige Anwendung. Es ist an ein breites Publikum von Fachleuten, Eltern und allen gerichtet, die das individuell Menschliche vor Diagnosen stellen wollen. Es gilt, nach Alternativen zu verhaltensorientierten Ansätzen wie Verhaltenstherapie und Applied Behaviour Analysis zu suchen, um Autismus, autistisch-ähnliche und herausfordernde Verhaltensweisen sowie eine Vielzahl von Entwicklungsverzögerungen beziehungsorientiert verstehen, behandeln und fördern zu können. Hierbei stehen Eltern als wichtigste Ressource und treibende Kraft für Veränderungen in Entwicklung und Verhalten ihres Kindes in DIRFloortime immer im Vordergrund.

„Autismus beziehungsorientiert behandeln“ reiht sich ein in eine immer größer werdende Zahl von (bisher meist englischsprachigen) Publikationen und Büchern zu beziehungsorientierten Entwicklungsansätzen wie DIRFloortime, unter anderem „Engaging Autism“ (Greenspan / Wieder 2006), „Floortime Strategies“ (Davis et al. 2014), “Autism the Potential Within” (Solomon 2016) und “The Autism Casebook” (Levin Fox 2021).

DIRFloortime ist bekannt geworden vor allem als Alternative zu verhaltensorientierten Therapieansätzen zu Autismus wie Verhaltenstherapie (VT) und Applied Behaviour Analysis (ABA), ist aber tatsächlich ein ganzheitlicher beziehungsorientierter Entwicklungsansatz und ein universales diagnoseübergreifendes Behandlungskonzept für eine Vielzahl von Entwicklungs- und Verhaltensbesonderheiten. Während Floortime die praktische Anwendung beschreibt, steht DIR mit „Developmental Individual-difference Relationship-based“ für die zugrunde liegende Theorie und wird D – I – R ausgesprochen (und nicht wie das deutsche Wort „dir“). Indem DIRFloortime die Stärken, Ressourcen und individuellen Besonderheiten in den Fokus stellt, verlagert sich unsere Aufmerksamkeit vom Sammeln von Symptomen oder messbaren Fertigkeiten des Kindes auf die Entwicklung seiner menschlichen emotionalen Kapazitäten und läutet hiermit einen fundamentalen Paradigmenwechsel ein. Im Zentrum einer solchen entwicklungs- und beziehungsorientierten Haltung steht immer „unser alter Freund Affekt“, wie Stanley Greenspan, der Gründer von DIRFloortime, immer wieder humorvoll betonte.

„Die tradtionelle pessimistische Prognose für tiefgreifende Entwicklungsverzögerungen basiert auf der Erfahrung mit Kindern, deren Behandlungsprogramme meist mechanistisch und strukturiert sind, anstatt sich an den individuellen Unterschieden, Beziehungen, Affekt und emotionalem Austausch zu orientieren. Ansätze, die das Kind nicht in spontane freudige Beziehungsmuster einbeziehen, können dazu führen, die Schwierigkeiten zu intensivieren, statt sie zu beheben.“ (Greenspan / Wieder 1998, 8; übers. S. J.)

Unsere Fähigkeit, uns emotional berühren zu lassen und Partner im gemeinsamen Menschsein und der menschlichen Unzulänglichkeit zu sein, ermöglicht neues emotionales Wachstum und führt zu einer emotionalen Nähe, die uns menschlich oft zutiefst berührt, und zu einem anderen Verständnis von Professionalität führt, das von emotionaler Wärme geprägt ist.

Autismus ist zu einer immer häufigeren Diagnose geworden und gehört heutzutage zum Alltagswortschatz. Was genau Autismus oder autistisch aber wirklich bedeutet, ist keineswegs klar oder eindeutig. Als diagnostische Kategorie ist Autismus im Wandel der Zeit zu einer vergleichsweise unspezifischen Diagnose mit zunehmend elastischen Kriterien geworden, was zur Folge hat, dass alle möglichen Verhaltensweisen unter eine Autismus-Diagnose platziert werden können. Die Auswirkungen auf Eltern, Kind und Umwelt werden hierbei selten beachtet. Zu oft wird eine Autismus-Diagnose vor allem von Eltern als gleichbedeutend mit vermeintlich unveränderlichem schwierigem Verhalten gesehen und als eine Art Definition, dass dieses Kind sich nicht entwickeln und nicht erzogen werden könnte. Aber das stimmt nicht.

Die DIRFloortime Perspektive lässt uns Autismus beziehungsorientiert verstehen, und nicht als statische oder lebenslange Diagnose. Wenn wir uns nicht von dieser übermächtigen Diagnose einschüchtern und den Mut nehmen lassen, dann ermöglicht uns das ganzheitliche Menschenbild von DIRFloortime unabhängig von Diagnose oder Diagnoseverdacht die unerschlossenen Entwicklungspotenziale eines jeden Kindes mithilfe unserer Detektivarbeit zu erschließen, zu entfalten und mit passender Unterstützung zu entwickeln. Die Gesamtsumme der Symptome berücksichtigt nicht das Ausmaß ihrer erfahrungsabhängigen Veränderbarkeit. Menschen können sich ändern, über die ursprünglichen Erwartungen hinweg. Und Kinder schon allemal.

Wenn wir uns, anstatt zu suchen, was am Kind fehlt oder „defekt“ ist und das als Diagnose festzurren, aktiv dafür interessieren und darauf einlassen, wie das Kind die Welt erlebt, können wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, unzureichend entwickelte sensorische und mental-emotionale Kapazitäten zu fördern. Denn in Wirklichkeit stehen uns als Menschen zu jeder Zeit viele ungenutzte, meist unbewusste, Möglichkeiten zur Verfügung, um unser potenzielles Entwicklungspotenzial viel mehr zu verwirklichen als wir es gerade tun.

Die Voraussage, was genau sich entwickeln kann oder entwickeln wird, steht nicht in unserer menschlichen Macht. Aber wenn das Umfeld realistische Veränderungen „in die richtige Richtung“ für möglich hält, die Hoffnung aufrecht erhält, Vertrauen in das Kind setzt und seine aktive Teilhabe an seiner eigenen Entwicklung erwartet und aktiv und einfühlsam fördert, dann können wir als Begleiter oft Überraschungen auf unserer Entwicklungsreise mit dem Kind erleben. Denn jedes autistische Kind hat auch nichtautistische Persönlichkeitsanteile, die einer möglichen Entwicklung zugänglich sein oder sich ihr widersetzen können.

Deshalb sprechen wir in diesem Buch nicht von Autisten oder von Kindern mit Autismus, als ob Autismus so etwas wäre wie ein Defekt oder materielles „Ding“, das das Kind „hat“, oder ein autistisches Spektrum, und damit ein anderes „Ding“, auf dem das Kind angeblich lokalisiert ist. In diesem Buch benutzen wir das Wort „autistisch“, nicht als pathologisierende oder diagnostische Bezeichnung, sondern als nichtwertendes beschreibendes Adjektiv, das nur eine von vielen Eigenschaften, Besonderheiten, Merkmalen, Aspekten, Eigenarten und individuellen Unterschieden beschreibt, aber nicht das Kind in seinem Menschsein darstellt. Beschreibungen sind keine Definitionen oder Diagnosen (auch wenn sie als solche benutzt werden können).

Autistisch-ähnliche Verhaltensweisen kommt uns als Formulierung in unserem Bemühen entgegen, Charakteristika eines Kindes adjektivisch zu beschreiben, ohne zu werten oder mit medizinischen Diagnosen oder vorgefassten Meinungen in Konflikt zu kommen. Dies hilft mir, länger im Zustand des Nichtwissens auszuharren, und damit offener für neue Entwicklungsmöglichkeiten sein zu können. Der erste Schritt ist immer, das Potenzial hinter der Diagnose zu suchen und dann den Prozess der Veränderbarkeit hinter den Symptomen und Behinderungen zu sehen und auf dieses Ziel hinzuarbeiten, um es zu erreichen. Denn auch Kinder mit autistisch-ähnlichen Verhaltensweisen und / oder einer Autismus-Diagnose haben das Potenzial sich zu entwickeln, denn auch sie haben ein Gehirn, das genau dazu da ist, sich durch neue Erfahrungen und einfühlsame Beziehungen zu verändern, neu zu vernetzen und zu wachsen. Auch sie müssen nicht, nur weil sie eine Diagnose haben, darin gefangen bleiben. Es besteht häufig die Möglichkeit, dass sich ein Kind aus den Autismuskriterien herausentwickeln kann.

Es gibt viele Spielereien mit Sprache, und Spielen mit Sprache macht Spaß. Sprache als menschliches Konstrukt entwickelt und verändert sich auf verschiedene Weise, zum Beispiel was man wie sagen darf oder nicht, was politisch korrekt, was „in“ oder aus der Mode ist. Aber auch wenn Spielen in diesem Buch groß geschrieben wird, liegt unser Fokus in diesem Buch auf Sprache als funktionales Kommunikationsinstrument, um neue Inhalte und Sichtweisen zu übermitteln. Denn in diesem Buch geht es um Menschen und Kinder, nicht um politische oder Genderkorrektheit. Es geht um menschliche Entwicklungspotenziale, nicht um Diagnosen. Unser Fokus ist nicht auf Symptome oder Beeinträchtigungen gerichtet, sondern auf Stärken und Ressourcen, auf Beziehungen und Gefühlen.

Wir bitten unsere Leser um Nachsicht und darum, unsere Inhalte nicht mit der „politischen Korrektheitslupe“ zu lesen, sondern mit einem wohlwollenden Auge, um DIRFloortime zu verstehen.

Der Einfachheit und besseren Verständlichkeit wegen verzichten wir in diesem Buch meist auf die parallele Verwendung der weiblichen oder männlichen Formen. Da es nicht um eine Auseinandersetzung mit patriarchalischen Normen geht, sondern um das Verstehen fundamentaler menschlicher Prozesse und die deutsche Sprache historisch gegendert ist, wie „der Mensch“ und „das Kind“, benutzen wir häufig „der andere“ und „seine“ und beziehen hierin alle Menschen mit ein.

Wir haben den Text bewusst so geschrieben, dass er leicht lesbar ist und mit vielen Beispielen, einem ausführlichen Praxiskapitel und praktischen Inhalten versehen, die jeder verstehen und im alltäglichen Leben mit Kindern mit Entwicklungsbesonderheiten direkt nutzen und anwenden kann.

Unsere Fallbeispiele sind natürlich alle anonymisiert, unter anderem durch weitreichende Änderungen biografischer Daten wie Namen und persönlichen Details.

Danksagung

Als Autorinnen und Autor danken wir allen Familien, Kindern und Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir arbeiten und von denen wir lernen durften.

Mein persönlicher Dank geht an Dr. Rick Solomon und The PLAY-Project für seine „griffigen“ Formulierungen, an Jeff Guenzel und Katya Esidor von ICDL (Interdisciplinary Council for Development and Learning) für ihre hilfsbereite Unterstützung der DIRFloortime-Trainingskurse und an Jackie Bartell als leidenschaftliche DIRFloortime-Kollegin und Co-Trainerin.

Mein ganz besonderer Dank geht an Ilaria Acerbi, Stephanie Hohndorf und André Zirnsak für die kooperative Zusammenarbeit, um dieses Buch zu schreiben und DIRFloortime mit all seinen Facetten auch im deutschsprachigen Raum lebendig werden zu lassen.

1 Individuelle Entwicklungswege: Autistisch-ähnliche und autistische Verhaltensweisen beziehungsorientiert gesehen

Sibylle Janert

Wenn ein Kind sich nicht wie erwartet entwickelt, entsteht manchmal der Eindruck, als gäbe es nur einen einzigen „richtigen“ Weg, von dem man unter keinen Umständen abkommen darf. Ein Kind, dessen Entwicklung mit ungewöhnlichem oder auffälligem Verhalten von diesem vorgegebenen Weg abweicht, ruft besonders bei den Eltern große Besorgnis und viele Ängste hervor. Die Suche nach einer Diagnose für die beobachtete Verhaltensauffälligkeit entspringt immer auch der Hoffnung, wieder einen klar vorgegebenen Weg zu finden. Aber autistisch-ähnlich muss nicht unbedingt Autismus bedeuten und in Wirklichkeit führen bekanntlich viele Wege nach Rom, beziehungsweise zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung.

Es gibt nicht nur DEN Entwicklungsweg. In Wirklichkeit gibt es unzählige individuelle Entwicklungswege. Und so stellt sich uns die Frage, wie wir ein Kind auf seinem eigenen individuellen Entwicklungsweg bestmöglich unterstützen können. Ich erlebe immer wieder, wenn sich Eltern wegen autistisch-ähnlicher Verhaltensweisen an mich wenden, wie leicht es in unserer heutigen elektronischen Welt manchmal ist, aus dem Auge zu verlieren, dass die Entwicklung eines Kindes nicht ein automatischer Prozess ist, der sich wie ein Computerprogramm bei der Geburt einfach herunterlädt und von da an selbsttätig abläuft, ohne dass man sich viel darum kümmern oder darüber nachdenken müsste.

„Er schaut mich nicht an und kommt nicht, wenn ich ihn rufe: hat er Autismus?“ ist eine angstvolle Frage, die ich zunehmend häufig von Eltern von Babys und Kleinkindern höre. Einzelne Aspekte oder Verhaltensweisen eines Kindes mögen eine Mutter oder Kindergärtnerin an Listen autistischer Verhaltensweisen denken lassen. Aber nicht jedes Kind, das gerne seine Autos aneinanderreiht, manchmal mit den Händen flattert, ungern kommt, wenn gerufen, ist wirklich autistisch oder „hat Autismus“. Die meisten Menschen reihen ihre Schuhe und Bücher nebeneinander auf, und bei Autos ist das Hintereinanderparken auf der Straße gesetzlich vorgeschrieben. Solche Verhaltensweisen eines Kindes können alle möglichen Gründe haben. Deshalb bevorzuge ich das Wort „autistisch-ähnlich“ und benutze es als nichtwertende Beschreibung wie ein Adjektiv, und ohne es in Anführungszeichen zu setzen. Denn wenn wir autistisch-ähnliche Verhaltensweisen beziehungsorientiert betrachten, und sozusagen hinter die Kulissen schauen, dann werden wir gewahr, wie viel mehr sich dahinter verbirgt, unserer interessierten Aufmerksamkeit bedarf und sich mit einfühlsamer Unterstützung ändern und entwickeln kann. Denn menschliche Entwicklung und Beziehung beeinflussen und bedingen einander (Kap. 5).

1.1 Rahul – Autismus oder autistisch-ähnlich? Oder was ist los?

Rahuls Mutter kontaktierte mich besorgt, weil Rahul mit 3 ½ Jahren immer noch nicht sprach, im Kindergarten lieber alleine spielte und keinen Blickkontakt aufnahm. Als der Kindergarten ihr eine Diagnoseabklärung in Bezug auf Autismus vorschlug, war sie verunsichert.

1.1.1 Worte sagen oder miteinander sprechen?

Das erste Mal traf ich Rahul auf einem kleinen Spielplatz. Er war 3 ½ und schien die Welt mit großen Augen zu beobachten, während er schweigend um die Rutsche lief, um wieder hinaufzuklettern und dann herunterzurutschen. Seine Mutter folgte ihm auf dem Fuß, zählte laut die Stufen 1 – 2 – 3 – 4 …, benannte Farben, gab Anweisungen, stellte Fragen, sagte „Auf die Plätze – fertig – los!“ Rahul hörte es entweder nicht. Oder er ignorierte es. Sie versuchte ihn in ein Spiel einzuladen, indem sie einen großen bunten Ball die Rutsche herunterrollen ließ, den er fangen sollte. Rahul nahm den Ball und lief damit weg ohne sich umzusehen. Seine Mutter lief ihm nach und machte mit aufgeregter Stimme neue Vorschläge. Er solle ihr den Ball zuwerfen, ihn die Rutsche runterrollen lassen, zur Schaukel oder zum Klettergerüst kommen. Sie gab sich solche Mühe. Aber sie bekam keine Reaktion.

Später saßen wir am Tisch und spielten mit Duplo. Rahul war ganz bei der Sache und setzte konzentriert Duplosteine aufeinander, hängte die Wagen ein, gab nicht auf, wenn etwas nicht gleich funktionierte. Schweigend. Seine Mutter redete ununterbrochen auf ihn ein und stellte eine Frage nach der anderen, die meistens mit seinem Namen begannen. „Rahul, welche Farbe ist das?“ – „Rahul, was ist das?“ – „Rahul, was baust du / was suchst du / was brauchst du …?“ Hin und wieder antwortete Rahul „Rot“ oder „Ein Stern!“ und fing dann an die Melodie von „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ zu singen. Ich war beeindruckt. Er wusste also, was ein Stern ist, kannte nicht nur die Farben, sondern er konnte ganz offensichtlich auch hören, und sprechen, sich Melodien merken und singen. Aber eigentlich schien es, als sei er alleine mit seinem Bauvorhaben beschäftigt, unbeirrt von der ständigen Beschallung durch die eindringliche Stimme seiner Mutter.

Schließlich sagte ich zur Mutter „Mir fällt auf, dass Sie ununterbrochen reden.“ Es war, als versuche sie Rahul mit ihren Worten zu füllen, während Rahul anderweitig und alleine mit seinem Projekt beschäftigt war, – fast wie in einer Art Parallelspiel. Mir schien, als sähe sie Rahul nicht als den einzigartigen kleinen Menschen voller Potenzial, sondern als sei sie gefangen in ihrer Idee „Ich muss Worte kriegen! Koste es, was es wolle! Wenn ich keine Worte aus ihm herausbekomme, dann habe ich es mit Autismus zu tun.“ Aber mit ihrer Idee von Autismus als Schreckgespenst vor Augen verschwand sie in ihrer Angst, verlor Rahul emotional aus dem Blick, und er fühlte sich allein und verlassen und zog sich zurück. Auch sie fühlte sich hilflos und alleine, und bemühte sich deshalb um so mehr. Ein Teufelskreis.

„Ja“ sagte sie „alle haben mir gesagt, ich solle so viel wie möglich mit ihm sprechen. Der Kindergarten. Der Kinderarzt. Die Arzthelferin. Meine Freundin. Chatgruppen im Internet.“ – „Ah“, meinte ich verwundert. „Aber mit Sprechen meinen Sie doch eigentlich ein Gespräch? Sie wollen doch eigentlich MIT ihm sprechen. Er ist ja kein Computer, den man mit Wörtern programmieren kann. Und ein Gespräch ist nur möglich, wenn man Pausen macht, um zuzuhören und den anderen sprechen, antworten oder reagieren zu lassen. Ich kann Ihnen meine Beobachtungen und Gedanken jetzt gerade doch nur sagen, weil Sie im Moment nicht selbst reden, sondern zuhören und Platz in Ihrem Inneren für mich und meine Ideen gemacht haben. Wirkliches sprechen können beinhaltet, dass man dem anderen mit Interesse zuhört und in sich aufnimmt, was er meint oder meinen könnte. Nicht nur, was er mit Worten sagt.“ Rahuls Mutter sah mich nachdenklich an. Ihr Gesicht und Körper schienen sich zu entspannen.

„Was Sie suchen, ist doch in Wirklichkeit ein Dialog, ein gemeinsames miteinander sprechen, das hin und her geht. Deshalb stellen Sie auch so viele Fragen. Sie wollen Ihr Kind so unbedingt erreichen, und ihm helfen. Und das ist wunderbar. Aber es ist ein Irrtum zu meinen, dass Sprechen nur aus Wörtern besteht. Tatsächlich machen Wörter nur ca. 7 % unserer Kommunikation aus!“ Rahuls Mutter sah mich ungläubig an. „Ja, sogar unser Gespräch jetzt gerade, besteht hauptsächlich aus nonverbaler Kommunikation und gestischer Sprache. Natürlich sind Wörter wichtig. Sonst könnte ich Ihnen meine Gedanken und Beobachtungen gerade ja nicht mitteilen. Aber hinzu kommen meine Stimme, mein Tonfall, mein Gesichtsausdruck, meine Körperhaltung, mein Interesse, mein Zuhören und Beobachten und mich Einfühlen in das, was für Sie und für Rahul innerlich und emotional abläuft. Dies hilft mir zu verstehen, z. B. wie sehr Sie sich bemühen, Rahul zu erreichen, wie entschlossen Sie sind, ihm zu helfen und ihm Ihre Worte zu geben, – koste es, was es wolle.“ Ich fuhr fort: „Ja, und ich verstehe, was Sie meinen mit ihrer Sorge von wegen Autismus und ich stimme Ihnen zu, dass es ‚autistisch-ähnlich‘ aussieht: Er nimmt wenig Blickkontakt auf, reagiert oft nicht, nimmt selten selbst Beziehung zu Ihnen auf, macht gerne ‚sein eigenes Ding‘ und spricht nicht, außer ein paar Wörter. Das mag autistisch, beziehungsweise autistisch-ähnlich, aussehen – kann aber vieles bedeuten und alle möglichen Gründe haben.“

1.1.2 Autistisch-ähnlich muss nicht unbedingt Autismus bedeuten

Autistisch-ähnliche Verhaltensweisen müssen nicht unbedingt bedeuten, dass das Kind „Autismus hat“ oder dass eine Abklärung bezüglich einer Autismus-Diagnose Erleichterung bringen würde. Wonach Eltern in dieser Situation in Wirklichkeit meist suchen, ist ein Mensch mit der entsprechenden Erfahrung, der ihre Fragen versteht und ihnen praktisch zeigen kann, was sie selbst tun und verändern können, um ihrem Kind zu helfen, seine Entwicklungsverzögerungen aufzuholen und sein Potenzial so gut wie möglich zu entfalten. Eine Diagnose tut dies meistens nicht. Sie mag wohl den Schuldgefühlen eine gewisse Erleichterung gewähren oder potenzielle Finanzierungstüren öffnen. Aber eine Autismus-Diagnose versorgt Eltern, die händeringend nach Hilfe für ihr Kind suchen, nicht mit einer klaren Orientierung, wie sie ihr Kind in seiner sozial-emotionalen Entwicklung, und insbesondere seine nonverbale Kommunikation hin zu verbaler Sprache, fördern können. Die meisten Eltern „wollen ein Programm, das ihr Kind als Individuum wahrnimmt, eine auf das Kind abgestimmte personalisierte Behandlung anbietet und das Potenzial des Kindes für sinnvolle Kommunikation und Beziehungen entfesselt. Außerdem wollen solche Eltern an dem Behandlungsplan ihres Kindes beteiligt sein. Sie wollen helfen und Hoffnung haben.“ (Greenspan / Wieder 2006, X; übers. S. J.)

Es gibt hier zwei verschiedene Überzeugungen: Die einen sind davon überzeugt, dass Autismus eine physiologische Störung ist, eine Art struktureller organischer Defekt im Körper und / oder Gehirn des Kindes, der sich kaum beeinflussen ließe und im Grunde lebenslang bedeute. „Ich nehme an, das ist es, was Ihnen solche Angst macht.“ Rahuls Mutter nickte. Dies ist die derzeitige Lehrmeinung in der Medizin und die gängige Überzeugung von Ärzten, Psychologen, Verhaltenstherapeuten und Pädagogen in den meisten Kindergärten, Schulen und Autismuszentren und anderen Einrichtungen. Dies kann dazu führen, dass Eltern und Bezugspersonen sich resigniert einer statischen Diagnose mit negativer Prognose hingeben und dieser die Hoffnung auf dynamische Entwicklungsfortschritte opfern.

Die anderen weisen darauf hin, dass Gehirn, Gene und Chromosomen nie für sich alleine existieren, sondern immer in einem Körper und in Beziehung mit ihrem Umfeld (Feuerstein et al. 2015). Zu diesem Umfeld gehören vor allem auch Beziehungen, die sich in Form von Eltern und anderen Bezugspersonen freudig und pro-aktiv um die bestmögliche Förderung des jeweiligen Kindes kümmern können, mit oft guten Erfolgen und beträchtlichen Entwicklungsfortschritten, wie Shoshana Levin Fox eindrücklich in ihren Fallbeispielen beschreibt. Auch sie bevorzugt beschreibende nichtwertende Wörter wie autistisch-ähnlich.

„Eine Entwicklungsdiagnose wie Autismus […] mag vielleicht als eine schwache Hypothese für den Zustand eines Kindes dienen, aber meistens trübte sie unser Verständnis, indem sie die komplexen Wurzeln des Problems des Kindes verdeckte und gleichzeitig die latente Energie und positiven Fähigkeiten des Kindes in den Schatten stellte, die dabei helfen könnten als unabänderlich (oder angeboren) angesehene Symptome verbleichen zu lassen.“ (Levin Fox 2021, 3)

Statt als pathologische Symptome für eine bestimmte medizinische Diagnose, wie in der nach Objektivität strebenden statischen Ein-Personen-Psychologie der Verhaltenspsychologen und Mediziner, lassen sich diese Phänomene oder Verhaltensweisen des Kindes auch aus der Perspektive einer beziehungsorientierten und dynamischen Zwei-Personen-Psychologie (Alvarez 2001) als Entwicklungsherausforderungen verstehen, die sich wie alles Lebendige entwickeln und ändern können. Hier ist unser Fokus nicht die Diagnose etwaiger Symptome, Defizite oder Defekte in der Biologie des Kindes, sondern das Kind in Beziehung im weitesten Sinne: mit sich selbst, mit seiner Umwelt und mit anderen Menschen. Wie erlebt dieses Kind seine Welt, was sind seine Stärken und wie können wir ihm einfühlsam und sehr subjektiv helfen, seine Schwierigkeiten zu überwinden und fehlende Entwicklungskapazitäten zu entwickeln? Auf diese Weise gibt man dem Kind eine Chance. Denn alles Lebendige kann wachsen und sich entwickeln. Da es sich bei Autismus, autistischen und autistisch-ähnlichen Verhaltensweisen um eine Störung in Beziehung und Kommunikation handelt, besteht immer ein großes Entwicklungspotenzial.

1.1.3 Voraussetzungen für eine bestmögliche Entwicklung

Die Voraussetzung für eine bestmögliche Entwicklung ist, dass das Kind emotional verfügbare und einfühlsame Kommunikationspartner findet, die mit ihm angemessen seiner jeweiligen Entwicklungsebene kommunizieren, und es liebevoll, geduldig und mit Ausdauer in eine gemeinsame Welt locken. Dies bedeutet für die Erwachsenen fast immer, weniger verbal zu reden und weniger zu erklären mit der Erwartung, dass das Kind alles so wie man selbst versteht und die Anweisungen befolgen wird, und stattdessen mehr auf nonverbale gestische Kommunikation und Körpersprache zu achten. Denn interessanterweise besteht die Kommunikation mit einem autistischen oder autistisch-ähnlichen Kind, wenn ich die Familie kennenlerne, zu Beginn fast immer darin, dass der Erwachsene dem Kind fast ausschließlich versucht, Anweisungen zu geben oder Forderungen stellt: „Schau mal!“ – „Komm her!“ – „Sag Papa / Danke / Ball!“ – „Setz dich hin!“ – „Iss auf!“ – „Nein, das ist genug!“ – „Hör auf!“ – „Zieh deine Schuhe an!“ – „Mach, was ich dir sage!“ – und vor allem ein lautes „NEIN!“ … und irritiert reagiert, wenn das Kind diese ignoriert oder nicht, wie erwartet, befolgt. Dahinter scheint mir die unbewusste oder mechanistische Idee zu stecken, dass Anweisungen befolgen einfacher sei oder das einzige, das man von einem Kind mit Kommunikationsschwierigkeiten oder fehlendem Interesse an seiner Welt erwarten könne.

Mit Eltern, die sich wegen autistisch-ähnlicher oder autistischer Verhaltensweisen an mich wendeten, erlebe ich solche Veränderungen regelmäßig und immer in der gleichen Reihenfolge: Erst verändern die Erwachsenen ihre Kommunikationsweise, weil sie das Kind und seine Entwicklungsebene besser einzuordnen und zu verstehen lernen und beginnen mit dem Kind auf eine emotional einfühlsame Art und Weise zu sprechen. Hierbei verschiebt sich der Fokus des Erwachsenen auf den emotionalen Mitteilungswert seiner Stimme anstatt auf die faktische Bedeutung seiner Worte. Dadurch fühlt sich das Kind verstanden, – es fühlt sich gefühlt, – und zieht unwillkürlich nach, – auf seine Weise, manchmal schneller, manchmal langsamer und so gut es kann. Der Wendepunkt hier ist immer weg von einem verhaltensorientierten Fokus auf das Befolgen von Anweisungen beziehungsweise einer vermeintlichen Gehorsamkeitsverweigerung und hin zu einer beziehungsorientierten Sichtweise, die das Kind als einen fühlenden empfindsamen Menschen wahrnehmen kann: „Denn wenn wir das Kind anders sehen, dann sehen wir ein anderes Kind“ (Shanker 2019).

Von einer beziehungsorientierten Position aus sehen wir das Kind ganzheitlich und interessieren uns als erstes für seine Stärken, d. h. wofür es sich interessiert, was es motiviert, was es mag und gerne macht. Wie fühlt dieses Kind sich in der Welt, und wie nimmt es die Welt wahr? Wie kann es sich in der Welt einbringen und auf Beziehungsangebote eingehen? Wir fragen uns, wie wir dieses Kind in seinen eigenen Bemühungen unterstützen können. Uns interessiert „Wer ist dieses einzigartige Kind, das noch keiner kennt, das sich selbst noch nicht kennt, und von dem es nur dieses eine Kind gibt?“ Uns interessiert das Kind als Individuum: welche Entwicklungsmeilensteine es erreicht hat und bei welchen es unserer Unterstützung bedarf, um sie so gut wie möglich zu meistern. Denn ein Kind wird mit einem noch kaum vernetzten unfertigen Gehirn geboren, das sich nur mithilfe von einfühlsamen Beziehungen gut entwickeln kann.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch ein riesiges Entwicklungspotenzial mitbringt, das jedes Kind so gut wie möglich verwirklichen will, das sich aber nur unter den geeigneten Umständen entfalten kann. Da ein kleines Menschenkind noch so unfertig ist in seinem Verständnis der Welt und in seiner emotional-mentalen Entwicklung, braucht es hierzu vor allem einfühlsame Beziehungen und Erfahrungen mit seiner Umwelt. Auch braucht ein Kind geeignetes Spielmaterial, um lernen zu können, wie sein eigener Körper in Interaktion mit der Welt der Gegenstände und natürlichen Gegebenheiten der äußeren Realität funktioniert, z. B. dass man Dinge in die Hand nehmen kann, und dass diese immer runterfallen, wenn man sie loslässt, und nur in Ausnahmefällen nach oben steigen (wie Seifenblasen oder Luftballons). Kleinkinder, die viel vor elektronischen Bildschirmen wie Handy oder Fernseher verbringen, haben hier oft Mangelerscheinungen in allen Entwicklungsbereichen, was schnell autistisch-ähnlich aussieht und oft zu der Frage einer möglichen Autismus-Diagnose verleitet. Aber diese Kinder haben in Wirklichkeit einen sehr großen Nachholbedarf an aktivem sensomotorischem Hantieren und Explorieren sowie an emotionalem koregulierenden Austausch mit einem menschlich einfühlsamen Kommunikationspartner.

1.1.4 Emotionaler Austausch ist der Dreh-und Angelpunkt von Kommunikation

BEISPIEL

„Gleichzeitig können wir sehen“, fuhr ich fort, „dass Rahul Ihren Bemühungen gegenüber nicht ganz abgeneigt ist. Denn er sitzt schon die ganze Zeit neben Ihnen und läuft nicht weg, d. h. er sitzt gerne neben seiner Mama und ist eigentlich interessiert an der Beziehung. Er baut mit den Duplos, versteht, wie das geht und wie man Teile aneinanderreiht. Auch beim Sprechen muss man einzelne Wörter in einer bestimmten Ordnung aneinanderreihen. Eine innere Grammatik hat er also schon entwickelt. Er hat Ausdauer, wenn es nicht sofort funktioniert, – eine Grundvoraussetzung, um Neues zu lernen. Er weiß auch, was ein Stern ist und kennt offensichtlich die Farben, d. h. er hat dieses Wissen von seiner Mama oder anderen Bezugspersonen mit Interesse in sich aufgenommen. Und hin und wieder reagiert und antwortet er ja auch, manchmal nonverbal, und manchmal mit Worten. Er hat also die Fähigkeit zu sprechen. „Wirklich? Meinen Sie, er wird sprechen lernen?“, Rahuls Mutter sah mich zweifelnd und gleichzeitig hoffnungsvoll an. „Ich sehe keinen Grund, warum er nicht sprechen lernen sollte.“, meinte ich. Aber ich habe den Eindruck, dass er sich bombardiert fühlt und das Gefühl hat, dass Sie dauernd etwas von ihm fordern oder wollen. Und das hilft ihm nicht bei seinen eigenen Bemühungen. Und deshalb schützt er sich. Und macht zu. Natürlich fühlt man sich dann ausgeschlossen und außen vor. Und ich glaube, Sie klopfen dauernd an, um Einlass zu erlangen. Darum die vielen Fragen. Aber Rahul hat sozusagen die Klingel abgestellt. Wenn es ihm zu viel ist, was von außen an ihn herankommt, dann zieht er sich zurück.“ Rahuls Mutter nickte.

Und worum geht es bei dem allen? Um Gefühle. Um emotionalen Kontakt. Wir alle suchen den emotionalen Kontakt, wenn er sich stimmig und einfühlsam anfühlt. Und wenn es sich emotional nicht gut und stimmig anfühlt, dann fühlt man sich frustriert, verletzt, beleidigt oder bekommt Angst, und macht zu, um sich zu schützen. Und wenn man außen vor gelassen wird, dann fühlt man sich verzweifelt oder traurig oder besorgt oder wütend oder alles zusammen und gefangen in einem Teufelskreis, aus dem man unbedingt raus will.

Um aus solch einem Gefühl des Gefangenseins herauszukommen, sind nicht gesprochene Worte das wichtigste oder der passende Weg. Sondern wir müssen beobachten, was das Kind macht, meint, fühlt, denkt, möchte, beabsichtigt oder im Sinn hat, – was in ihm innerlich vorgeht. Wir müssen sein Gesicht lesen, um uns mit allen unseren Sinnen in es einzufühlen, – sozusagen mit den Ohren schauen und mit den Augen zuhören. Wenn das Kind spürt, dass wir die emotionale Atmosphäre wahrnehmen, offen sind dafür, was in seinem Inneren, in seiner Seele vorgeht, dann wird es sich sicher fühlen und die metaphorische Tür aufmachen, und uns einlassen.

Denn dann fühlt es sich als ein Jemand gesehen. Und nur als ein Jemand kann es wahrnehmen, dass es innere Türen gibt, die man aufmachen kann, und dass es da draußen „einen Anderen“ gibt, den man hineinlassen kann.

1.1.5 Türen öffnen zu inneren Räumen

Nach diesem kleinen Gespräch und Exkurs über Sprachentwicklung schien die Mutter innerlich an einem anderen Ort angekommen zu sein. Ihre Stimme hatte sich verändert und hatte einen weicheren offeneren Klang. Es war als hätte sich auch bei ihr eine Tür geöffnet und damit ein innerer Raum, der ihr vorher nicht bewusst gewesen war, zu dem sie keinen Zugang gehabt hatte. Dieses Bewusstsein innerer Räume ermöglichte ihr einen neuen Blickwinkel, von dem aus sie sich selbst innerlich anders erleben und ihr Kind wie mit anderen Augen sehen konnte. Denn „wenn man ein Kind anders sieht, dann sieht man ein anderes Kind.“ (Shanker 2019)

Ihr verbales Bombardement hörte auf. Mir schien als habe sich ihr Sein aus ihrem aufgeregten und bemühten Kopf irgendwie tiefer in ihren Körper verlagert, als sie sich nun emotional, wenn auch von außen gesehen fast unmerklich, Rahul zuwendete, ihren Blick von seinen Händen zu seinem Gesicht hin und her schweifen ließ und sagte „Ah, das Männchen soll auf dem Zug sitzen. Und es klappt immer nicht. Wie ärgerlich.“ Es schien so wenig. Aber er hielt momentan inne und warf ihr einen überraschten Blick zu. Aber lang genug um das entspannte Gesicht seiner Mutter wahrzunehmen, und sich etwas mehr zu ihr hinzudrehen, um ihr das Männchen zu geben. Er begann sich ihr zu öffnen. Sie nahm das Männchen, lächelte ihn an und sagte nur „Und jetzt!“ und wartete, dass er ihr zeigte, wo sie es hinsetzen sollte. Sah sie ein anderes Kind? Es war rührend, und mir kamen fast die Tränen. Denn zusammen mit Rahul sah ich auch eine andere Mama. Die ganze emotionale Atmosphäre hatte sich entspannt und beruhigt.

1.1.6 Vorstellungen entwickeln mit „Spielmaterialien, die noch nichts sind“

Bei meinem vierten Hausbesuch ca. sechs Wochen später empfing Rahul mich fröhlich in der Tür und erzählte mir „Kiste – Mama. Kochen – Rahul.“ Er rannte ins Wohnzimmer, wohl um mir das Berichtete zu zeigen, kam dann aber zurück, um mir beim Schuhe-Ausziehen zuzuschauen. „Billa – Schuh.“, meinte er. „Ja, ich muss mir erst noch die Schuhe ausziehen“, stimmte ich ihm zu. „Rahul – Schuhe. Mama – Schuhe.“, berichtete er mir. „Papa – nein. Rahul – Fenta.“ „Ah“, meinte ich „Da sind Rahuls Schuhe und Mamas Schuhe. Aber Papas Schuhe sind nicht da, weil Papa bei der Arbeit ist!? Und du vermisst deinen Papa und hast ihm vorhin aus dem Fenster nachgewinkt?“ Das schien zu stimmen, wie ich seiner nonverbalen Reaktion und dem Nicken seiner Mama entnahm.

Er machte sich auf ins Wohnzimmer und sah sich um, um sich zu vergewissern, dass ich ihm auch folgte. Dort auf dem Boden stand eine große Schachtel. Sie war innen rot und schien an beiden Seiten Fenster zu haben. Rahuls Mutter war uns gefolgt und sagte lachend „Ich bin so froh, dass ich diesen Computerkarton so lange aufgehoben habe! Er ist das perfekte Haus. Oder im Moment ist er eine Küche.“ Rahul nahm einen der Flaschendeckel, die zum Spielen auf dem Boden lagen, legte eine Kastanie darauf und hielt ihn mir hin „Ah! Ist das für mich?, sagte ich. „Billa essen“, meinte Rahul und gab der Mutter auch einen „Teller mit Essen“ drauf. Ich reichte ihm meinen „Teller“ wieder zurück: „Ganz vielen Dank. Jetzt habe ich aber Durst.“ Rahul schaute auf dem Boden herum und hielt mir einen anderen etwas höheren Deckel hin, wobei er ein Geräusch von Trinken machte. Natürlich hatte seine Mutter inzwischen auch Durst … und dann der Teddy … und so plätscherte unser einfaches Symbolspiel in vielen Kommunikationskreisen (Kap. 3) über eine halbe Stunde lang wie in einem langen Dialog hin und her. Was für ein markanter Unterschied zu unserer ersten Begegnung!

Drei Jahre später besucht Rahul eine Regelschule, wo er beliebt ist und viele Freunde hat. Er lernt leicht und gerne, und „redet wie ein Wasserfall“, berichtet seine Mutter. Sie sei so froh über seine Entwicklung, und unsere Begegnung, und mache sich überhaupt keine Sorgen mehr.

1.2 Martin – Autismus-Diagnose. Wirklich?

Martins Mutter kontaktierte mich auf Empfehlung einer anderen Mutter von einem Kind mit einer Autismus-Diagnose. Sie mache sich seit einer Weile Sorgen über regressives babyartiges Verhalten ihres 4 ½-Jährigen und einen möglichen Rückfall in autistische Verhaltensweisen, wie Martin sie vor drei Jahren gezeigt hätte. Damals hatten sie im Ausland gewohnt und verschiedene Autismustherapien erhalten.

BEISPIEL

„Dann sind wir nach London gezogen, und alles war plötzlich ganz anders. Keine Autismustherapie, keine Logopädie, keine Ergotherapie. Keinerlei staatliche Förderung. Nur wir drei in einer winzigen Zweizimmerwohnung. Aber Martin fing wieder an, sich uns zuzuwenden. Er schaute uns an, begann mehr zu sprechen und zu spielen und mit uns Eltern in Beziehung zu treten. Er war sehr interessiert daran, seine neue Umwelt zu erforschen und wollte immer raus. Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Kind wieder gefunden hatte, und war so erleichtert.

Aber seit einigen Wochen will er nicht in den Kindergarten, spielt dort lieber alleine und sagt immer ‚Nein Kindergarten!‘. Er spricht auch immer noch nicht wie die anderen Kinder seines Alters. Er haut sie und zeigt auch zuhause aggressives Verhalten. Manchmal brabbelt er vor sich hin und macht komische Geräusche mit dem Mund. Und wenn ich ihm sage, er soll damit aufhören, ignoriert er mich und macht einfach weiter. Das macht mir Angst. Ich weiß einfach nicht, was los ist. Jetzt, und auch damals. Was ist eigentlich Autismus? Hatte er damals Autismus, und dann nicht mehr? Er hat zwar eine Autismus-Diagnose. Aber ich glaube inzwischen nicht mehr, dass er wirklich autistisch ist. Ist das etwas, das kommt und geht? Ich bin völlig durcheinander. Wie kann ich verhindern, dass er sich wieder so zurückzieht? Ich will ihn nicht wieder verlieren.“

Sie war erleichtert, als ich ihr vorschlug, sie könne mir gerne ein paar Videoclips schicken. Dann könnten wir gemeinsam überlegen, was mit Martin los ist und wie sie ihm am besten helfen kann. Bei den ersten Videos, die sie mir schickte, ging es darum, dass Martin nicht anstandslos ins Bett ging oder mehr fernsehen wollte, und die Mutter sehr verunsichert schien.

1.2.1 Missverständnisse und schwierige Gefühle

BEISPIEL

Martin sitzt auf dem Boden und weint. Er zupft am Ärmel seines T-Shirts und heult „Nass! Nass!“ Dabei schaut er seine Mutter jämmerlich an. Er betrachtet seinen Ärmel und brummelt „Iihh. Bah! – Alles nass!“ Aber er erntet nur eisiges Schweigen. Er bricht erneut in lautes Geheul aus und schaut zu seiner Mutter auf. Dies wiederholt sich mehrmals, und ist schmerzlich anzusehen. Er kriecht heulend auf seine Mutter zu und hält ihr seinen Ärmel hin. Sie sagt scharf: „Es ist NICHT nass!“ – „Doch! Alles nass!“, heult Martin und bricht ans Sofa gelehnt schluchzend zusammen. Immer wieder wiederholt er „Alles nass! Alles nass!“ und sieht dabei seine Mutter flehentlich an. „Ok, ok! Das sind nur ein paar Tränen. Das trocknet wieder. Und nein, der Fernseher bleibt jetzt aus. Du wirst immer so aggressiv wie jetzt gerade, wenn du Fernsehen guckst. Das tut dir nicht gut!“, schimpft sie über sein lautes Geheul hinweg. „Hör jetzt endlich auf!? Es trocknet wieder. Was nass ist, trocknet auch wieder!“, herrscht sie ihn an. Martin sitzt zusammengesunken auf dem Boden, brabbelt einen vehementen Widerspruch, dessen Worte man allerdings nicht verstehen kann, während er schluchzend an seinem Ärmel zerrt. Dann steht er auf und verlässt heulend das Wohnzimmer.