Henri J. M. Nouwen
Die innere Stimme der Liebe
Aus der Tiefe der Angst
zu neuem Vertrauen
Aus dem Amerikanischen
von Franz Johna
Henri J. M. Nouwen
Die innere Stimme der Liebe
Aus der Tiefe der Angst
zu neuem Vertrauen
Aus dem Amerikanischen
von Franz Johna
Impressum
Titel der Originalausgabe:
The Inner Voice of Love.
A Journey Through Anguish to Freedom
Doubleday a division of Bantam
Doubleday Bell Publishing Group, Inc.
1540 Broadway, New York, N. Y. 10036
© Henri Nouwen, Richmond Hill 1996
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 1997, 2016
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: Vincent van Gogh,
Sämann bei untergehender Sonne, Arles, November 1888
E-Book-Konvertierung: Arnold & Domnick, Leipzig
ISBN (Buch) 978-3-451-06754-9
ISBN (E-Book) 978-3-451-81018-3
Die innere Stimme der Liebe
Ein Hinweis
Es empfiehlt sich, nicht zu viele der folgenden »Geistlichen Imperative« auf einmal zu lesen. Sie wurden während eines längeren Zeitabschnitts verfasst und sollten auch so gelesen werden.
Man braucht sich dabei nicht an die vorgegebene Reihenfolge zu halten. Anhand des Inhaltsverzeichnisses lassen sich leicht die Seiten und Themen herausfinden, die einem besonders wichtig erscheinen. Diese geistlichen Imperative sind als Salz für das Mahl des Lebens gedacht. Zuviel Salz könnte es ungenießbar machen, jeweils eine kleine Prise aber kann ihm Geschmack geben.
Arbeite an deinem Abgrund
Es gibt in deinem Dasein ein tiefes, gähnendes Loch, einen Abgrund. Es wird dir nie gelingen, dieses Loch auszufüllen, denn deine Bedürfnisse sind unerschöpflich. Du musst daran arbeiten, um den Abgrund mehr und mehr zu schließen.
Da das Loch so groß und deine Angst so tief ist, wirst du immer versucht sein, vor ihm zu fliehen. Zwei Extreme gilt es zu vermeiden: von deinem Schmerz vollkommen absorbiert und von so vielen Dingen abgelenkt zu werden, dass du von der Wunde, die du heilen möchtest, weit entfernt bleibst.
Klammere dich an die Verheißung
Erzähl nicht jedem deine Geschichte. Du wirst dich am Ende nur noch stärker abgewiesen fühlen. Menschen können dir nicht geben, wonach dein Herz verlangt. Je mehr du von Menschen eine Reaktion auf deine Erfahrung der Verlassenheit erwartest, desto mehr wirst du dich der Lächerlichkeit ausgeliefert fühlen.
Du musst dich der Außenwelt verschließen, so kannst du durch deinen Schmerz dein eigenes Herz und das Herz Gottes betreten. Gott wird dir die Menschen schicken, mit denen du deine Bedrängnis teilen kannst und die dich der wahren Quelle der Liebe näher bringen.
Gott bleibt seinen Verheißungen treu. Bevor du stirbst, findest du die Annahme und die Liebe, um die du flehst. Es wird nicht so kommen, wie du es erwartest. Deinen Bedürfnissen und Wünschen wird nicht gefolgt werden. Aber dein Herz wird erfüllt und dein tiefstes Verlangen gestillt sein. An nichts anderes als an diese Verheißung halte dich. Alles andere wurde dir genommen. Klammere dich an diese nackte Verheißung im Glauben. Dein Glaube wird dich heilen.
Hör auf, allen gefallen zu wollen
Du musst von deinem Vater und deinen Vaterfiguren Abschied nehmen. Hör auf, dich mit ihren Augen zu sehen, und versuch nicht dauernd, sie auf dich stolz zu machen.
Denn solange du dich erinnern kannst, hast du alles getan, um zu gefallen; hast du deine Identität vom Urteil anderer abhängig gemacht, was du nicht nur negativ zu sehen brauchst. Du wolltest dein Herz anderen geben und hast es leicht und gern getan. Aber jetzt kommt es darauf an, diese vielen selbstgemachten Stützen loszulassen und darauf zu vertrauen, dass Gott für dich genug ist. Du musst aufhören, anderen gefallen zu wollen, und deine Identität als ein freies Selbst in Anspruch nehmen.
Vertrau der inneren Stimme
Möchtest du wirklich umkehren? Willst du tatsächlich umgewandelt werden? Oder hältst du mit einer Hand an der alten Lebensweise fest, während du mit der anderen Leute darum bittest, dir zu helfen, dass du dich wandelst?
Umkehr und Wandel sind gewiss nichts, was du selbst vollbringen kannst. Es ist keine Frage der Willenskraft. Du musst der inneren Stimme vertrauen, die dir den Weg zeigt. Du kennst diese innere Stimme, und du wendest dich oft an sie. Hast du aber klar und deutlich vernommen, was von dir zu tun verlangt wird, fängst du an, Fragen zu stellen, erhebst Einwände und möchtest wissen, was irgendwer dazu meint. Auf diese Weise verstrickst du dich in unzählige, oft widersprüchliche Meinungen, Gefühle und Vorstellungen und verlierst den Kontakt mit Gott in dir. Schließlich bist du von allen, die du um dich gesammelt hast, abhängig.
Nur im ständigen, aufmerksamen Hören auf die innere Stimme kannst du zu einem neuen Leben der Freiheit und Freude umkehren.
Schrei in dich hinein
Ein Bruch zwischen Göttlichkeit und Menschlichkeit hat in dir stattgefunden. Mit deiner göttlich begabten Mitte kennst du Gottes Willen, Gottes Weg und Gottes Liebe. Aber deine Menschlichkeit ist davon abgeschnitten. Dein großes menschliches Verlangen nach Zuneigung, Beachtung und Trost existiert für sich, weg von deinem göttlichen, heiligen Ort. Du bist aufgerufen, diese beiden Teile von dir wieder zusammenzuführen.
Du musst mehr und mehr vom Aufschrei nach außen – dem Schrei nach Menschen, von denen du glaubst, sie könnten dein Verlangen erfüllen – zum Aufschrei nach innen, in dich hinein, gelangen, an den Ort, an dem du dich von Gott, der Fleisch geworden ist in der Menschlichkeit derer, die dich in der Gemeinschaft lieben, halten lassen kannst. Kein einzelner Mensch kann dein ganzes Verlangen erfüllen. Die Gemeinschaft aber kann dich wirklich halten. Die Gemeinschaft kann dich erfahren lassen, dass es jenseits deiner Angst menschliche Hände gibt, die dich halten und dir Gottes Treue und Liebe zeigen.
Kehre immer an den sicheren Ort zurück
Du musst an das Ja glauben, das du als Antwort auf deine Frage: »Liebst du mich?« erhältst. Du musst dich für dieses Ja entscheiden, auch wenn du es nicht zu spüren bekommst.
Du fühlst dich von Ablenkungen, Phantasievorstellungen, dem quälenden Verlangen, dich in die Welt des Vergnügens zu stürzen, überwältigt, doch du weißt längst, dass dort keine Antwort auf deine tiefste Frage zu finden ist. Die Antwort liegt weder in alten, aufgewärmten Geschehnissen noch in Schuld oder Scham. Das alles lenkt dich ab und lockert den Stein, auf dem dein Haus gebaut ist.
Du musst auf den Ort vertrauen, der sicher ist, den Ort, an dem du ja sagen kannst zu Gottes Liebe, auch wenn du sie nicht spürst. Gerade jetzt spürst du nichts, es sei denn Leere und einen Mangel an Entschlusskraft. Sag dir dennoch: »Gott liebt mich, und Gottes Liebe ist genug.« Du musst immer und immer wieder den sicheren Ort wählen und an ihn nach jedem Versagen zurückkehren.
Setz deiner Liebe Grenzen
Wenn Menschen dir ihre Grenzen zeigen (»Das kann ich leider nicht für dich tun.«), fühlst du dich zurückgesetzt. Du kannst dich nicht damit abfinden, dass andere nicht in der Lage sind, das für dich zu tun, was du von ihnen erwartest. Du verlangst uneingeschränkte Liebe, uneingeschränkte Sorge, uneingeschränktes Geben.
Ein Teil deines Kampfes ist, deiner eigenen Liebe Grenzen zu setzen – etwas, was du nie getan hast. Du gibst, worum Menschen dich auch immer bitten; und bitten sie um mehr, gibst du so lange mehr, bis du merkst, dass du nicht mehr geben kannst, dass du ausgenutzt und manipuliert wirst. Nur wenn du imstande bist, dir selbst Grenzen zu setzen, wirst du auch imstande sein, die Grenzen anderer anzuerkennen, zu respektieren, ja dankbar für sie zu sein.
In der Gegenwart von Menschen, die du schätzt und liebst, werden deine Erwartungen und Ansprüche größer und größer, bis sie sich von deinen Ansprüchen so bedrängt, ja überfordert fühlen, dass sie praktisch gezwungen sind, sich von dir zurückzuziehen, um selbst zu überleben.
Du hast um deiner selbst willen die Aufgabe, Anspruch auf dich selbst zu erheben, damit du deine Ansprüche in den Grenzen deines eigenen Ich halten und sie vor denen, die du liebst, geltend machen kannst. Wahre gegenseitige Liebe setzt Menschen voraus, die sich selbst besitzen und die einander geben können, dabei aber auf ihre eigene Identität bestehen. Um also wirksamer zu geben und in deinen Ansprüchen gemäßigter zu sein, musst du lernen, deiner Liebe Grenzen zu setzen.
Gib gratis
In dem Maße, in dem deine Liebe von Gott ist, erweist sie sich als beständig. Du darfst die Beständigkeit deiner Liebe als ein Geschenk Gottes betrachten, und du darfst diese beständige Liebe anderen schenken. Wenn andere dir keine Liebe mehr entgegenbringen, höre du nicht auf, sie zu lieben. Auf einer menschlichen Ebene mögen Veränderungen notwendig sein, doch auf der Ebene des Göttlichen kannst du treu zu deiner Liebe stehen.
Eines Tages wirst du die Freiheit besitzen, Liebe bedingungslos zu geben, eine Liebe, die nicht danach fragt, ob sie irgendetwas zurückerhält. Eines Tages wirst du auch die Freiheit haben, Liebe bedingungslos zu empfangen. Oft wird dir Liebe angeboten, aber du erkennst sie nicht. Du übersiehst sie, weil du darauf fixiert bist, sie von demselben Menschen zu erhalten, dem du sie entgegengebracht hast.
Das große Paradox der Liebe liegt darin, dass gerade dann, wenn du dich als Gottes geliebtes Kind siehst, deiner Liebe Grenzen setzt und damit deine Ansprüche mäßigst, du in die Freiheit hineinzuwachsen beginnst, gratis und umsonst zu geben.
Kehr heim
An zwei Tatsachen musst du festhalten. Erstens: Gott hat verheißen, dass du die Liebe erhalten wirst, nach der du gesucht hast. Und zweitens: Gott bleibt dieser Verheißung treu.
Hör also auf, umherzuirren! Kehr stattdessen heim, und vertrau darauf, dass Gott dir geben wird, was du brauchst. Dein Leben lang hast du dich nach Liebe gesehnt und sie überall gesucht. Es ist jetzt Zeit, mit dieser Suche Schluss zu machen. Hab Vertrauen, dass Gott dir diese alles erfüllende Liebe geben wird, und dies auf menschliche Weise. Bevor du stirbst, wird Gott dein Verlangen zutiefst stillen. Hör endlich auf, umherzuirren und fang an, zu vertrauen und zu empfangen.
Daheim ist dort, wo du wirklich sicher und geborgen bist; wo du erhältst, wonach du verlangst. Du brauchst menschliche Hände, die dich festhalten, damit du nicht davonläufst. Kehrst du aber heim und bleibst daheim, wirst du die Liebe finden, die dein Herz ruhen und rasten lässt.
Hab Verständnis für die Grenzen anderer
Du horchst ständig auf jene, die dich abzulehnen scheinen. Dabei sprechen sie gar nicht über dich, sondern über ihre eigenen Grenzen. Sie bekennen ihre Armut in Bezug auf deine Ansprüche und Erwartungen. Sie bitten einfach um dein Verständnis, dein Mit-Leid. Sie sagen nicht, dass du hässlich oder unsympathisch bist, und lehnen dich auch nicht ab. Sie sagen nur, dass du um etwas bittest, das sie nicht geben können, und dass sie etwas Abstand von dir brauchen, um emotional zu überleben. Das Schlimme dabei ist, dass du die Zurückhaltung, zu der sie sich gezwungen fühlen, um zu überleben, als eine persönliche Zurückweisung ansiehst, statt als Aufforderung, heimzukehren und da dein wahres Geliebtsein zu entdecken.
Vertrau auf den Ort des Einsseins
Du bist aufgerufen, von einem neuen Ort aus zu leben, einem Ort, der jenseits deiner Emotionen, Leidenschaften und Gefühle liegt. Solange du inmitten deiner Emotionen, Leidenschaften und Gefühle lebst, werden dich immer Einsamkeit, Eifersucht, Angst, Verärgerung, ja Wut befallen, weil es die ganz selbstverständliche Reaktion auf Ablehnung und Im-Stich-gelassen-Sein ist.
Du musst darauf vertrauen, dass es einen anderen Ort gibt, an den dich deine geistlichen Begleiter führen möchten, einen Ort, an dem du sicher und geborgen bist. Vielleicht ist es falsch, sich diesen neuen Ort jenseits der Emotionen, Leidenschaften und Gefühle vorzustellen. Der Ausdruck jenseits könnte darauf schließen lassen, dass es diese menschlichen Gefühle dort nicht gibt. Versuche vielmehr, dir diesen Ort als die innerste Mitte deines Seins vorzustellen: dein Herz, das in Wahrheit der Ursprung aller menschlichen Gefühle ist. Von diesem Ort aus kannst du wahrhaftig fühlen, denken und handeln.
Es ist gar nicht zu verstehen, dass du dich vor diesem Ort fürchtest. Du kennst ihn doch kaum! Du hast von ihm nur den Hauch einer Ahnung. Du bist manchmal an diesem Ort gewesen, aber die meiste Zeit deines Lebens hieltst du dich bei deinen Emotionen, Leidenschaften und Gefühlen auf und hast bei ihnen inneren Frieden und innere Freude gesucht.