Carina Zacharias wurde 1993 in Aachen geboren. Sie erzählt und schreibt Geschichten seit ihrer frühesten Kindheit, und Autorin zu werden war schon immer ihr größter Traum. Mit einem Studium der Landschaftsökologie orientierte sie sich allerdings in Richtung ihrer zweiten großen Leidenschaft, dem Umweltschutz. Emba – Magische Wahrheit ist ihr fünfter veröffentlichter Roman.
MAGISCHE WAHRHEIT
Teil Zwei
beBEYOND
Digitale Originalausgabe
»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment
Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat/Projektmanagement: Rena Roßkamp
Covergestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung von Motiven © shutterstock/coka, © shutterstock/Thomas Amby, © shutterstock/tomertu, © shutterstock/Pablo Croatto
eBook-Erstellung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-2832-5
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Emba blickte in Gedanken versunken aus dem Fenster des Aerogleiters, als sie plötzlich an Höhe verloren. Erschrocken drehte sie sich zu Bakari um.
»Was ist los? Ist der Energietank leer?«
Doch Bakari wirkte unbekümmert und schüttelte lachend den Kopf. »Dieser Aerogleiter besitzt den bestentwickelten Energiespeicher der Welt. Voll aufgeladen bringt er uns bis zu den Abtrünnigen in den nördlichen Wäldern. Und dafür, dass er voll aufgeladen ist, habe ich gesorgt.« Er grinste verschmitzt. »Nein, hier treffen wir auf Poppy.«
Bakari landete inmitten eines hochgewachsenen Kornfeldes und stieg aus. Emba tat es ihm nach, und Baldur sprang ebenfalls hinter ihr ins Freie.
»Da bist du ja!«
Bakaris plötzlicher Ausruf ließ Emba zusammenzucken. Er warf die Arme in die Luft, und im nächsten Moment sah auch Emba ein formloses pink-violettes Etwas, das zwischen den Ähren auftauchte und auf Bakari zugeschossen kam. Die beiden vollführten einen komischen kleinen Tanz, indem Bakari sich um sich selbst drehte und der Runar ihn aufgeregt quietschend umflog. Schließlich drückte Bakari ihn in einer festen Umarmung an sich. Erst als er ihn wieder losließ, konnte Emba den Runar genauer betrachten.
»Poppy, darf ich dir Emba und Baldur vorstellen?«, sagte Bakari. »Emba, Baldur, das ist Poppy.«
Ich freue mich so sehr, euch kennenzulernen!
Emba erschrak erneut, als sie auf einmal eine fremde Stimme in ihrem Kopf hörte. Erst mit Verspätung wurde ihr bewusst, dass es Poppy gewesen sein musste, die da gesprochen hatte. Ihre Stimme klang freundlich, aber auch ein wenig quietschend. Sie ließ Emba an Synchronstimmen von Kinder-Cartoonserien denken. Poppys Aussehen wiederum weckte in Emba Erinnerungen an einen Knetflummi, den sie früher einmal besessen hatte. Ihr violetter Körper war etwa so groß wie ein Fußball, doch er war nicht fest und rund, sondern waberte formlos durch die Luft, wie eine dickflüssige Flüssigkeit im luftleeren Raum. Zwei große ovale Augen sahen Emba und Baldur aufmerksam an, untermalt von einem breiten Lächeln. Auf ihrem Kopf wippten zwei antennenähnliche Auswüchse auf und ab.
Ich freue mich auch, erwiderte Baldur höflich.
»Ja, sehr erfreut«, sagte Emba. Ehe sie sichs versah, war Poppy auf sie zugeschossen und hatte ihr einen schmatzenden Kuss auf die Wange gedrückt. Emba hatte kaum verstanden, was gerade passiert war, da war Poppy auch schon zu Baldur weitergeflogen und verpasste ihm ebenfalls einen Schmatzer auf die Schnauze. Danach flog sie zurück zu Bakari und waberte über seiner rechten Schulter in der Luft. Als sie Embas ungläubigem Blick begegnete, wurde ihre violette Färbung um ein paar Nuancen dunkler, als schämte sie sich plötzlich für den spontanen Liebesbeweis.
Bakari lachte. »Na, wir wollen keine Zeit verlieren! Die anderen erwarten uns schon.« Die Freude darüber, mit seinem Runar wieder vereint zu sein, war ihm deutlich anzusehen. Emba hatte Schwierigkeiten, den großen schwarzen Chauffeur mit dem quietschigen pinken Wabbeltierchen in Verbindung zu bringen. Doch scheinbar mussten Mensch und Runar nicht äußerlich zusammenpassen, um miteinander eine Verbindung einzugehen. Sie alle stiegen wieder ein, Poppy und Baldur im Hinterraum, Bakari und Emba auf den beiden Sitzen, und der Chauffeur zog den Gleiter wieder in die Luft.
»Was meintest du damit?«, fragte Emba, nachdem sie wieder auf ihrer ursprünglichen Reisehöhe waren und Richtung Norden flogen. »Wer erwartet uns?«
»Eine ganze Menge Leute!«, sagte Bakari gut gelaunt. »Die Abtrünnigen wissen bereits, dass wir zu ihnen unterwegs sind.«
Emba hatte keine Ahnung, woher sie das wissen sollten– sowohl sie als auch Bakari hatten ihre PMEs gleich kurz nach Beginn der Verfolgungsjagd aus dem Fenster geschmissen, und keiner von ihnen hätte irgendwen kontaktieren können – doch sie hatte nicht vor, dem Chauffeur alles aus der Nase zu ziehen. Sie wandte sich wieder der Aussicht zu.
Irgendwann musste Emba eingeschlafen sein, denn sie wurde wach, als Bakari den Aerogleiter in einen Sinkflug steuerte und auf einer von Nadelbäumen umsäumten Lichtung landete. Verschlafen richtete Emba sich auf. Sie hatte von Fynn geträumt, von dem fragenden, verständnislosen Blick seiner blauen Augen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Wie ging es ihm, und was mochte er jetzt bloß von ihr denken? Emba wünschte sich mehr als alles andere, mit ihm sprechen und ihm alles erklären zu können. Doch ohne ihr PME war das unmöglich. Der Gedanke war schmerzhaft, und sie zwang sich, ihn für den Moment beiseitezuschieben. Sie wandte sich an Bakari.
»Wo sind wir?«
Bakari schaltete den Energieschub ab und löste seinen Sicherheitsgurt. »Wir sind am südlichen Rand der Taiga oder der borealen Zone, wenn du so möchtest.« Er zwinkerte, wohl wissend dass Emba sich nicht wirklich für den Naturraum interessierte, in dem sie sich befanden. »Wir sind direkt innerhalb der Tarnzone des Camps gelandet. Wiglas hat mich hergelotst.«
Emba verstand nicht. Wer war Wiglas, und wie hatte er Bakari hierher geführt? Von welchem Camp sprach er, und was war eine Tarnzone? Doch ehe sie nachfragen konnte, hatte Bakari die Tür des Gleiters geöffnet und war ausgestiegen. Kalte Luft schlug Emba entgegen, und sie fröstelte. Doch auch sie öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Erleichtert streckte sie ihre steifen Glieder, während Baldur hinter ihr aus dem Wagen sprang und Poppy auf Bakaris Seite herausflog. Ihr Atem kondensierte vor ihren Mündern zu weißen Wölkchen.
Emba sah Bakari fragend an, doch sein Gesichtsausdruck ließ sie innehalten. Bakari blickte konzentriert geradeaus ins Nirgendwo, die Stirn angestrengt gerunzelt.
»Bakari?«, fragte Emba. Keine Reaktion. »Bakari!«
Endlich glätteten sich seine Züge wieder, und er sah Emba an. Doch falls er sie gehört hatte, reagierte er noch immer nicht darauf. »Wir gehen hier entlang«, sagte er und deutete zu den Bäumen links von sich. »Rahel und Jasmo wollen dich alleine sehen, bevor der Trubel losgeht.«
Eine Gänsehaut überkam Emba, und das lag nicht an der Kälte oder an dem merkwürdigen Verhalten Bakaris. Rahel und Jasmo waren ihre Mutter und ihr Bruder. Eine Mutter und ein Bruder, die sie ihr ganzes Leben lang für tot gehalten hatte.
»Na los!« Bakari war bereits vorausgegangen und winkte Emba hinter sich her. Poppy flog direkt neben ihm durch die Luft.
Baldur stupste Emba ermutigend mit der Schnauze an, und sie setzte sich in Bewegung.
»Du kannst den Tarnzauber jetzt übrigens fallen lassen«, bemerkte Bakari, als sie zu ihm aufgeschlossen hatte.
Emba war kaum bewusst gewesen, dass sie den Tarnzauber über den Aerogleiter noch immer aufrechterhielt. Nun ließ sie den leichten Strom aus Magie, der beständig von Baldur zu ihr geflossen war, versiegen. Es hatte sie keine Kraft oder Mühe gekostet, den Zauber zu wirken. Doch jetzt, wo sie ihn beendete, bemerkte sie eine gewisse Erleichterung, so als hätte ihr Unterbewusstsein konstant gearbeitet.
Sie waren noch nicht lange durch den Tannenwald gegangen, als vor ihnen unvermittelt ein großes Zelt auftauchte. Die grünen Planen, die zwischen den Ästen der Bäume aufgespannt waren, verschmolzen so gut mit dem Hintergrund, dass Emba es zunächst gar nicht bemerkt hatte. Bakari blieb vor der geschlossenen Öffnung stehen, und Embas Herz schlug ihr auf einmal bis zum Hals. Baldur, der ihre Nervosität bemerkte, stellte sich dicht neben sie und vergrub seine warme Schnauze in ihrer Hand.
Es wird alles gut werden.
Bakari räusperte sich laut, und eine weibliche Stimme antwortete von drinnen: »Ja?« Doch anstatt hineinzugehen, trat Bakari beiseite und machte Emba den Weg frei. Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Du kannst eintreten.«
Emba nickte benommen. Baldur folgte ihr auf dem Fuße, als sie die Zeltplane beiseiteschlug und geduckt eintrat. Emba hatte sich kaum wieder aufgerichtet und an das dämmrige Licht im Inneren des Zeltes gewöhnt, als ihr Blick von zwei Augen gefangen genommen wurde. Augen, die dasselbe helle Grün hatten wie die ihren. Sie erkannte Jasmo, den sie vor kaum vierundzwanzig Stunden vor der Jägerschule von Pantreàs zum ersten Mal getroffen hatte – es schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. Die Frau mit den langen dunklen Haaren, dem knielangen Oberteil über schwarzen Jeans und den grünen Gummistiefeln kannte sie jedoch nur von Fotos …
»Mama?«
Embas Knie gaben nach, doch ehe sie zu Boden fallen konnte, war die Frau bereits bei ihr, schloss sie in die Arme und hielt sie fest. »Mama«, schluchzte Emba. Das Wort schmeckte ungewohnt und neu auf der Zunge. Es war ein Geschmack, von dem sie nie geglaubt hatte, ihn einmal kosten zu dürfen. Sie vergrub ihr Gesicht in einer weichen Mähne dunklen Haars, und ihr Schluchzen mischte sich mit dem ihrer Mutter. »Emba, mein Schatz«, hörte sie sie dicht an ihrem Ohr. »Endlich.«
Erst später kam Emba in den Sinn, wie merkwürdig es im Grunde war, dass sie diese fremde Frau sofort mit Herz und Seele als ihre Mutter erkannt hatte. Doch es fühlte sich einfach richtig an, in ihren Armen zu liegen und ihren Duft einzuatmen. Und als sie Emba schließlich auf Armeslänge von sich hielt, mit den Fingern über ihre Wange strich und flüsterte: »Lass dich angucken! Wie wunderschön du bist! Eine richtige junge Frau!«, da erkannte Emba ohne jeden Zweifel das Gesicht wieder, dass sie unzählige Male auf alten Bildern betrachtet hatte. Zwar waren auf den Bildern noch keine kleinen Falten um Mund und Augenwinkel zu sehen gewesen und auch keine grauen Strähnen in ihren Haaren, doch das Lächeln war dasselbe. Die Tränen strömten ihnen beiden noch immer über die Wangen, als Jasmo sich dazwischendrängelte und Emba in eine rippenbrechende Umarmung schloss. »Tut mir leid, dass ich dir so einen Schrecken eingejagt habe, Schwesterchen«, sagte er, bevor sie sich wieder voneinander lösten.
Emba schüttelte nur den Kopf, zu überwältigt von ihren Gefühlen, um antworten zu können.
»Und du musst Baldur sein.« Rahel wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und beugte sich hinab, um Baldur über den Kopf zu streicheln. Der ließ es sich gefallen und wedelte mit dem Schwanz. Besonders enthusiastisch begrüßte er jedoch Jasmo. Verwundert sah Emba zu, wie Baldur an ihm hochsprang und ihm das Gesicht ableckte. Jasmo fiel unter seinem Gewicht beinahe hintenüber und wehrte ihn lachend ab. »Ist ja gut! Ich freue mich ja auch, dich zu sehen, alter Freund!«
In diesem Moment tauchte Beppo auf, setzte sich vor Emba auf den Boden und sah mit heraushängender Zunge zu ihr auf. Emba lächelte und wuschelte ihm durch das dicke Fell auf seinem großen Kopf. »Tut mir leid, dass ich dich gejagt habe, Beppo.«
Schon in Ordnung, antwortete eine Stimme in ihrem Kopf. Das war ja irgendwie auch Sinn der Sache.
Emba schüttelte verwirrt den Kopf. An dieses Auftauchen fremder Stimmen zwischen ihren eigenen Gedanken würde sie sich erst noch gewöhnen müssen.
Erst jetzt nahm Emba den Rest des Raumes wahr. Öffnungen in Decke und Wänden ließen Licht ein, und ihr Blick fiel auf drei Schlafstätten am Boden und einen Campingtisch mit Stühlen. Sogar ein paar richtige Möbelstücke konnte sie entdecken. Ein Schubladenschränkchen, ein Ohrensessel und eine große Holztruhe standen entlang der Zeltwände. Ein Paar Hausschuhe neben dem Sessel und eine ausgebleichte geblümte Tischdecke auf dem Campingtisch gaben der Einrichtung etwas Heimeliges, fast Normales. Embas Verstand nahm all diese Details überdeutlich wahr, als flüchtete er vor seiner eigentlichen, aber weit schwierigeren Aufgabe: zu verarbeiten, dass Emba gerade ihre Mutter und ihren Bruder wiedergefunden hatte.
Jasmo lotste sie schließlich zu einem der Campingstühle, und Rahel zauberte von irgendwo eine Kanne heißen Tees und einen Teller mit Butterbroten hervor. Emba bemerkte erst jetzt, wie hungrig sie war, und langte dankbar zu. Eine Weile saßen sie schweigend beieinander, während Emba kaute und Rahel und Jasmo sich die Hände an den dampfenden Tassen wärmten. Baldur und Beppo saßen am Boden neben ihren Füßen.
»Das alles muss ziemlich unglaublich für dich sein«, sagte Jasmo und grinste schwach.
Emba konnte nicht damit aufhören, von einem zum anderen zu blicken und dabei zu denken: Ich habe eine Mutter. Ich habe einen Bruder. Gedämpft wurde ihre Freude nur durch die Ahnung, dass sie dafür ihren Vater verloren hatte. Doch diesen Gedanken schob sie im Moment, so gut es ging, beiseite. »Ja, für euch etwa nicht?«, entgegnete sie.
Rahel lächelte und legte eine Hand auf Embas Arm. Emba spürte die Berührung durch ihren Jackenärmel – sie trug noch immer die graue Jägerschuluniform – und bekam eine wohlige Gänsehaut. »Wenigstens haben wir immer gewusst, dass du da draußen bist. Seitdem ich von dir getrennt wurde, ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe. An dem ich mir nicht dein Gesicht vorgestellt habe und mich gefragt habe, was du wohl gerade machst. Ob es dir gut geht.« Ihre Stimme erstarb, und Rahel musste sich erst fangen, ehe sie weitersprechen konnte. »Doch immerhin haben wir immer gewusst, dass du eines Tages zu uns zurückkehren würdest.«
»Aber warum erst jetzt?« Emba wollte diesen Moment nicht zerstören, doch sie vermochte den Unmut und den Vorwurf nicht zu unterdrücken, die in ihrer Stimme mitklangen. »Warum habt ihr mich so lange in dem Glauben gelassen, ihr wärt tot? Ein winziges Zeichen hätte doch genügt. Eine Nachricht …« Auch ihre Stimme brach, und sie sah auf die Teetasse in ihren Händen, während sie gegen die Tränen ankämpfte. Betretenes Schweigen breitete sich aus.
»Du durftest es nicht wissen«, sagte Jasmo schließlich leise. »Aus verschiedenen Gründen.«
»Was für Gründe?«
Diesmal war es Rahel, die antwortete. »Es gehörte zu dem Abkommen, das ich damals mit Elias schloss.« Ihre Stimme klang bitter, und sie mied Embas Blick. »Ich konnte nur mit Jasmo und Beppo fliehen, wenn du bei ihm bleiben würdest. Und Elias hätte dich nie in Pantreàs behalten können, wenn du die ganze Wahrheit gewusst hättest.«
»Du meinst, wenn ich gewusst hätte, dass Runare keine menschenfressenden Ungeheuer sind, sondern magische Wesen.« Emba sprach lauter als nötig und mit einem höhnischen Unterton. »Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich vielleicht etwas tun können! Ich hätte etwas gegen das Ausrotten der Runare unternehmen können!«
Rahel schüttelte entschieden den Kopf. Ihre Worte waren hart, doch ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck flehten um Verständnis. »Gar nichts hättest du tun können. Elias hätte dich sofort zu uns gebracht. Er weiß von alldem. Und er wird bis an sein Lebensende dafür kämpfen, dass sonst niemand davon erfährt.«
»Du hast mich also eingetauscht!« Die Worte waren raus ehe Emba sie zurückhalten konnte, und ihr wurde bewusst, dass sie schon eine ganze Weile in ihrem Hinterkopf gehockt und geflüstert hatten. »Du hast mich geopfert, um Jasmo und Beppo retten zu können.«
Rahel sah aus, als litte sie innerlich Höllenqualen. »Bitte sag das nicht«, flüsterte sie. »Ich hatte keine andere Wahl.«
Emba war zu aufgebracht, um beurteilen zu können, ob das die Wahrheit war oder nicht. Doch sie entschied, das Thema fallen zu lassen. »Warum dann also jetzt?«, fragte sie. »Warum erzählt ihr mir jetzt davon, wenn es euch doch so gut in den Kram gepasst hat, mich unwissend zu lassen?«
»Das war so nicht geplant«, antwortete Jasmo. »Eigentlich hätte Bakari einen kleinen Abstecher mit dir machen sollen, als er dich zu Beginn der Ferien bei der Jägerschule abgeholt hat. Doch leider kam etwas dazwischen.«
Emba wurde mit jeder Minute verwirrter. »Was ist überhaupt mit Bakari? Wie kommt es, dass P-« – einen Moment lang hatte sie Paps sagen wollen, doch das Wort blieb ihr im Halse stecken – »… dass Elias einen Abtrünnigen bei sich arbeiten lässt?«
»Er weiß nichts davon.« Jasmos Mundwinkel zuckten. »Bis gestern Nacht hielt er Bakari für einen seiner ergebensten Angestellten. Bakari hat jahrelang darauf hingearbeitet, sein vollstes Vertrauen zu gewinnen. Das alles ist jetzt natürlich hinfällig.«
»Immerhin hat Bakari etwas getan!«, ereiferte sich Emba. »Er hat Baldur gerettet und uns beiden bei der Flucht geholfen, während ihr euch hier im Wald verkriecht!«
Jasmo rief aus: »Wir haben uns nie verkrochen!« Auch er war nun offensichtlich verärgert.
Rahel hob beschwichtigend die Hände. »Bitte«, war alles, was sie sagte. Doch es reichte, um ihre Kinder zur Vernunft zu bringen. Gleichermaßen beschämt sahen sie hinunter auf die ausgebleichten bunten Blümchen des Tischtuchs.
Rahel seufzte. »Ich schätze, wir müssen fast ganz am Anfang beginnen, damit du alles verstehst, Emba.«
Emba nickte wortlos.
»Es mag für dich tatsächlich so aussehen, als hätten wir uns hier verkrochen«, sagte Rahel ruhig. »Doch du musst verstehen, wie schwierig unsere Situation ist. Würde unser Aufenthaltsort entdeckt, müssten wir alle um unser Leben fürchten. Nirgendwo können wir lange bleiben. Wir ziehen rastlos von einem Ort zum anderen, immer unter dem Schutz unserer Tarnzauber. Offiziell gelten wir zwar als nicht existent, und die Menschen halten uns für eine Legende, doch die Führung von Industria weiß, dass wir sehr wohl real sind, und sie wird nicht zögern, uns zu vernichten.«
Die Führung von Industria bedeutete vor allem Elias, dachte Emba bei sich. Ob er wirklich, ohne zu zögern, Menschen töten lassen würde, obwohl er wusste, dass sein Sohn und die Mutter seiner Kinder darunter waren?
Jasmo ergriff das Wort. »Doch wir sitzen keineswegs tatenlos herum.« Es schien ihm wichtig, diesen Punkt zu klären. »Wir haben einen Plan. Wir werden Industria stürzen und die Runare retten.«
Emba horchte auf. »Was für einen Plan?«
Jasmo öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn dann jedoch wieder und druckste herum. »Nun ja, um ehrlich zu sein … hat sich der Plan kurzfristig geändert.«
Emba sah fragend zwischen ihm und Rahel hin und her.
»Es ist so«, übernahm Rahel wieder, »dass ein besonders wichtiges Element des Plans sich letzte Nacht völlig verschoben hat.«
Sowohl sie als auch Jasmo sahen Emba an. Und plötzlich fiel der Groschen. »Der Plan hatte mit mir zu tun?«
Er hat nicht nur mit dir zu tun. Du bist Hauptbestandteil des Plans, merkte Beppo an und bellte zweimal laut, um seine Worte zu unterstreichen.
»Was soll das heißen?«, fragte Emba laut in die Runde.
Rahel sprach vorsichtig, als befürchtete sie, Emba erneut in Rage zu versetzen. »Die Idee entstand schon vor Jahren. Im Grunde bald nachdem ich mit Jasmo in den Armen wieder hier im Camp eintraf. Im Laufe der Zeit entwickelte sie sich zu einem handfesten Plan. Und all unsere Hoffnungen beruhten tatsächlich auf dir.«
»Beruhten«, wiederholte Emba, der die Vergangenheitsform nicht entgangen war.
Rahel nickte ernst. »Wir bauten darauf, dass du bei Elias aufwachsen und eines Tages sein Erbe antreten würdest. Wir schleusten Bakari bei Elias ein, um immer ein Auge auf dich und deine Entwicklung zu haben. Wenn die rechte Zeit gekommen wäre, so unsere Vorstellung, würden wir dir alles erzählen, und du würdest dank deiner Position innerhalb der Firma etwas bewegen können.«
»Doch ich weigerte mich, in der Firma zu arbeiten«, spann Emba den Faden weiter. »Ich ging an die Jägerschule.«
»Das war zunächst eine herbe Enttäuschung, doch es markierte noch nicht das Ende unseres Plans«, entgegnete Rahel. »Wir vertrauten darauf, dass du deinem Vater immer nahestehen und über alles, was in der Firma vor sich ging, Bescheid wissen würdest. Vor allem aber war wichtig, dass du jederzeit in der Firma ein und aus gehen könntest, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Schließlich erkannten wir, dass es sogar erhebliche Vorteile brachte, wenn du auf dem Schulgelände lebtest. Du warst uns näher und nicht mehr im ständigen Einflussbereich von Elias. Es wäre weitaus einfacher für Bakari gewesen, dich hierher zu bekommen. Außerdem warst du in direkter Nähe zu Baldur.«
»Als wir herausfanden, dass Elias deine Aufnahme an der Jägerschule zu verhindern versuchte«, ergänzte Jasmo verschmitzt, »beschlossen wir also einzugreifen.«
Mutter und Sohn sahen Emba an und schienen darauf zu warten, dass der Groschen fiel. Doch das tat er nicht. »Was meinst du damit?«
Jasmo erklärte: »Ich beobachtete ein Gespräch zwischen Elias und der Schulleiterin. Er sagte, du dürftest auf keinen Fall die Eignungsprüfung bestehen, und sie entgegnete etwas wie: Gar kein Problem! Wir manipulieren einfach ihren Test. Nehmen wir den hier mit der Lösung Bitterschokolade!«
Embas Mund formte sich zu einem stummen O.
Jasmo lachte über ihren Gesichtsausdruck. »Wir kannten also die Lösung deiner unlösbaren Prüfung. Doch wie sollten wir sie dir mitteilen, ohne dass du Verdacht schöpftest? Ich wusste es nicht und überließ Bakari die Aufgabe. Mir blieb nur noch, Elias am Tag der Prüfung abzulenken, indem ich mit ein bisschen Magie sein PME manipulierte. Ich hätte Bakari allerdings ohrfeigen können, als er auf einmal anfing zu behaupten: Meine Mutter sagte immer: Bitterschokolade ist die Lösung für alles!« Jasmo fiel fast vom Stuhl vor Lachen. Er schien sich köstlich zu amüsieren. »Doch wer hätte das gedacht?! Es funktionierte!«
Emba erinnerte sich an den merkwürdig nachdrücklichen Kommentar von Bakari und wie sie das alles für einen sonderbaren Zufall gehalten hatte.
Rahel fuhr fort: »Wie auch immer. In den letzten Jahren wurden unsere Pläne konkreter. Überall auf der Welt bereiten sich Abtrünnige darauf vor, Firmengebäude von Industria anzugreifen …«
Emba schwirrte der Kopf. »Moment! Das geht mir jetzt alles etwas zu schnell. Es gibt mehr von euch? Ihr wollt Industria angreifen?«
Jasmo kam Rahel zuvor. Er schien sich von seinem Lachanfall erholt zu haben. Eifrig erzählte er: »Natürlich gibt es mehr von uns! Du würdest nicht glauben, wie viele Abtrünnigen-Camps über die ganze Welt verteilt sind. Doch erst seit ein paar Jahren haben wir die Möglichkeit, effektiv mit ihnen zu kommunizieren und uns zu organisieren.«
Er schien das genauer ausführen zu wollen, doch Rahel unterbrach ihn: »Es geht dabei nicht darum, Menschen zu verletzen. Unsere Idee ist folgende: Industria hat überall auf der Welt große Energiespeicher, die von den Jägern versorgt werden und die Energie an Städte, Industrie, Straßen und Haushalte weiterleiten. Wenn wir diese Energiespeicher zerstören würden, müsste die Energie entweichen und zurück in die Umwelt gelangen. Doch vor allem würde diese plötzliche Freisetzung von Energie sicher dafür sorgen, dass einigen Menschen in der nächsten Umgebung Runare geboren würden.« Sie lächelte. »Es gibt keine bessere Möglichkeit, die Menschen von dem wahren Wesen der Runare und der Magie zu überzeugen, als ihnen einen eigenen Runar zu verschaffen.«
Emba war wenig überzeugt. »Wisst ihr das alles sicher? Was passieren wird, wenn man die Energiespeicher zerstört?«
»Es wurde natürlich nie getestet«, entgegnete Rahel ausweichend. »Doch es ist mehr als anzunehmen, dass genau das eintreffen wird.«
Ja, dachte Emba. Oder es kommt zu einer gewaltigen Energie-Explosion, die alles in der Umgebung dem Erdboden gleichmacht. Doch laut sagte sie: »Was hat das alles mit mir zu tun?«
»In Pantreàs haben wir sozusagen eine Sondersituation«, führte Rahel aus. »Der Hauptfirmensitz beherbergt zugleich den Energiespeicher für die umgebende Region.«
Emba dachte an den hohen Wolkenkratzer, der von einer gewaltigen Kugel gekrönt wurde – ein Wahrzeichen sowohl der Skyline von Pantreàs als auch der Firma ihres Vaters.
»Es wäre dir als Tochter von Elias ein Leichtes gewesen, in das Gebäude zu kommen«, fuhr Rahel fort. »Du hättest eine Lösung finden können, die Energie zu entlassen, ohne dass wir das Gebäude mit magischen Angriffen hätten attackieren müssen.«
»Tja, das war vielleicht einmal«, sagte Emba. »Nach letzter Nacht lassen die mich bestimmt nicht mehr da reinspazieren. Vielleicht hättet ihr mir doch von eurem tollen Plan erzählen sollen.«
»Das wollten wir ja …« Rahel hielt inne und sah zu Jasmo.
»Ist ja gut! Ich weiß es ja!«, rief dieser plötzlich wütend aus und hob in gespielter Ergebung die Hände. »Ich hab’s verbockt! Aber verdammt noch mal, wir haben nun mal keine Zeit mehr zu verlieren!«
Rahel seufzte schwer, und Emba vermutete, dass sie hierüber in den letzten paar Stunden schon ausgiebig diskutiert hatten. »Eigentlich solltest du alles erfahren«, erklärte sie an Emba gewandt. »Wir hatten vor, dass Bakari dich für die Ferien abholen und nicht direkt nach Pantreàs, sondern hierher zu uns fliegen würde. Wir hätten dir die Runare zeigen können, du hättest Jasmo und mich getroffen, und wir hätten dir alles erklärt. Danach wärt ihr zu Elias weitergefahren und hättet eine Ausrede benutzt, um die Verspätung zu erklären.«
»Das wäre aber eine gewaltige Verspätung«, bemerkte Emba. Da sie unterwegs eingeschlafen war, hatte sie keine genaue Vorstellung von der Länge ihres Flugs. Doch sie bemerkte, dass es draußen bereits wieder dämmerte. Und solch kalte Nadelwälder gab es nur auf den Bergen – doch hier war man auf keinem – oder in nördlichen Breitengraden. Sie mussten also eine gewaltige Strecke geflogen sein, um hierher zu gelangen.
»Es wäre uns schon etwas eingefallen«, behauptete Rahel. »Wie gesagt, Elias vertraute Bakari vollkommen. Doch wir hatten nicht vorhergesehen, dass du einen Freund mitbringen würdest.«
»Fynn«, sagte Emba überrascht. Auf einmal schien Bakaris schlechte Laune bei seinem Anblick einen Sinn zu machen.
»Ganz genau«, sagte Jasmo grimmig. »Und als dann noch die Rede davon war, dass er die nächsten Ferien wieder dabei sein würde, war klar, dass wir in nächster Zeit keine günstige Gelegenheit mehr kriegen würden, um dich hierher zu holen. Die einzige vernünftige Lösung für das Problem war, zu dir zu kommen!«
Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen, pflichtete Beppo neunmalklug bei.
»Wir haben über diese Möglichkeit diskutiert …«, begann Rahel, doch Jasmo schnitt ihr das Wort ab: »Ja, und wenn hier erst einmal etwas diskutiert wird, dann wird nicht mehr so bald damit aufgehört!«
»Jasmo«, erwiderte Rahel scharf. »Ich möchte mit dir nicht mehr darüber streiten. Was geschehen ist, ist geschehen, und wir werden das Beste daraus machen. Aber ich glaube, du besitzt genug Verstand, um einzusehen, dass du einen Fehler begangen hast.«
Jasmo wich ihrem Blick zerknirscht aus. Er klang weitaus weniger überzeugt, als er sich mit den Worten verteidigte: »Ich wollte nicht noch mehr Zeit ins Land ziehen lassen! Überall auf der Welt nehmen die Angriffspläne der Abtrünnigen konkrete Formen an, nur wir tun nichts als warten, warten, warten. Warten auf den richtigen Augenblick, der niemals kommen wird! Emba musste erfahren, was los ist!«
»Ja, das ist richtig«, sagte Rahel, nun versöhnlicher. »Doch das Ganze hätte etwas besser geplant werden müssen.«
»Ich wollte doch, dass sie wieder zu mir zurückkehrt«, sagte Jasmo kleinlaut. »Sie sollte Baldur finden und wiederkommen.« Er sah Emba entschuldigend an. »Hätte ich denn ahnen können, dass du gleich alle Runare freilässt und auf und davon fliegst, nach Pantreàs, um Elias alles brühwarm zu erzählen?«
Emba erwiderte seinen Blick ungläubig und antwortete mit einer Gegenfrage: »Hast du ernsthaft von mir erwartet, dass ich da drinnen meinen Runar eingesperrt vorfinde, einmal Hallo sage und wieder zu dir rausspaziere? Dass ich mir in Ruhe alles anhöre, was du mir erzählst, und dann meine Rolle als brave Jägerschülerin und Tochter weiterspiele, als wüsste ich von nichts?«
Jasmo zuckte mit den Schultern. »Ich schätze schon, ja.«
»Dann kennst du mich aber verdammt schlecht.«
»Das stimmt.« Jasmo sah Emba an. »Ich kenne dich verdammt schlecht.«
Rahel klatschte in die Hände und setzte ein fröhliches Gesicht auf. »Umso mehr sollten wir die kommende Zeit dafür nutzen, einander kennenzulernen.« Sie nickte Jasmo zu – es machte auf Emba den Eindruck, als wäre es ein verabredetes Zeichen. Dann sah sie Emba mit einer Mischung aus Vorfreude und Beklommenheit an. »Es gibt da noch zwei Personen, die ich dir gerne vorstellen würde, ehe wir uns der Masse präsentieren.« Sie lachte, um zu zeigen, dass es sich bei Letzterem um einen Scherz handeln sollte.
Emba hob fragend eine Augenbraue. »Ja? Wen?«
Im nächsten Moment hörte sie Schritte und die helle Stimme eines Kindes draußen vor dem Zelt. Eine dunkle Männerstimme antwortete etwas Unverständliches, und kurz darauf wurde die Zeltplane beiseitegeschlagen. Zwei Gestalten traten herein. Ein kleines Mädchen, das ein rundes, felliges Kuscheltier an die Brust presste, und ein hochgewachsener Mann mit einem langen Pferdeschwanz.
Rahel erhob sich und sagte: »Emba, ich würde dir gerne Wiglas vorstellen, meinen Mann. Und Filippa, deine Halbschwester.«
Emba sah die beiden völlig perplex an. Mann? Halbschwester? Einen irrsinnigen Moment lang protestierte alles in ihr dagegen, dass Rahel Elias hier draußen mit einem anderen Mann betrogen haben und sogar ein Kind mit ihm bekommen haben sollte. Schon im nächsten Moment sagte sie sich, wie unbegründet diese Vorwürfe waren, doch ein leichtes Unbehagen blieb zurück, als sie aufstand und Wiglas die Hand schüttelte. Zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, dass Rahel und Jasmo ein ganzes Leben gelebt und aufgebaut hatten, von dem sie nichts wusste. Nicht das Geringste.
»Es ist mir eine Ehre, dich endlich kennenzulernen.« Wiglas’ Händedruck war fest und warm. Seine kantigen Gesichtszüge, die lange Nase und die braunen Augen hatten etwas Indianisches.
»Mama, Filippa nennt mich niiiiiemand!«, protestierte auf einmal eine helle Stimme. Das kleine Mädchen drängelte sich zwischen Wiglas und Emba und löste einen Arm von ihrem Kuscheltier, um Emba ebenfalls die Hand zu schütteln. Sie schien stolz über diese erwachsene Geste. »Du darfst mich Fipsi nennen«, verkündete sie gönnerhaft.
»Ähm, danke«, sagte Emba.
»Mama mag den Spitznamen nicht«, erklärte sie. »Aber niemand nennt mich Filippa außer ihr.«
»Fipsi klingt wie der Name eines Runars oder eines Haustiers«, sagte Rahel. Doch das Lächeln auf ihren Lippen verriet, dass sie diesen Kampf schon lange als verloren aufgegeben hatte.
Emba schätzte Fipsi auf etwa sieben Jahre. Ihr dickes braunes Haar reichte bis knapp unter das Kinn, nur eine einzelne Strähne war lang genug, dass sie sie flechten und einmal um ihren Kopf wickeln konnte. Eine Zahnlücke rechts neben den oberen Schneidezähnen verlieh ihr ein verschmitztes Aussehen, wenn sie lachte oder redete. Ihre Augen waren eine Mischung aus Rahels hellem Grün und Wiglas’ dunklem Braun.
»Und das ist Stoffel!« Stolz hielt sie Emba ihr Kuscheltier entgegen, das weder Arme noch Beine oder einen Kopf zu besitzen schien, sondern einfach nur ein haariger runder Ball war. Das weiche Fell stand in alle Richtungen ab, und Emba streichelte es unsicher. »Hallo, Stoffel …«
Auf einmal bewegte sich der Fellball. Emba schnappte erschrocken nach Luft und riss ihre Hand zurück, als zwei große Kulleraugen zwischen den Haaren auftauchten und sie anblinzelten.
Hallo, Emba!
»Er ist ein Runar!«, rief Emba aus.
»Ja, was hast du denn gedacht?«, fragte Fipsi empört. »Dass er ein Kuscheltier ist?«
»Sei nicht so frech«, ermahnte Rahel, während Stoffel sich aus Fipsis Griff befreite und auf den Boden fiel, von wo er federnd wieder absprang. Wie ein Flummi hüpfte er auf und ab, ehe er vor Baldur haltmachte, der ihn interessiert beschnupperte. »Emba ist noch nicht an Runare gewöhnt.«
Fipsi beäugte Emba von unten herauf. »Stimmt es, dass du eine Jägerin werden wolltest?«
»Ja, das stimmt.« Emba suchte nach den richtigen Worten. Sie war den Umgang mit kleinen Kindern nicht gewohnt. »Aber jetzt will ich das nicht mehr.«
»Das ist gut.« Fipsi nickte und schien ihr vergeben zu haben. »Warum sind deine Haare pink?«
»Na ja … weil ich sie so gefärbt habe.«
»Und warum?«
»Weil es mir so gefällt.«
Fipsi dachte kurz darüber nach. »Cool!«, entschied sie schließlich.
Rahel lachte. Wiglas hatte sich neben sie gestellt und einen Arm um sie gelegt. Emba kämpfte den Unwillen in sich nieder, der bei dem Anblick der beiden zusammen in ihr aufkeimte. Sie konnte sich ihre Gefühle selbst nicht recht erklären. Lag es daran, dass sie ihre Mutter gerade erst wiedergefunden hatte und sie nun doch mit jemand völlig Fremden teilen musste? Erwartete sie ernsthaft von Rahel, dass sie dem Mann treu blieb, der all ihre Ideale bekämpfte? Mittlerweile fragte sie sich, wie Rahel überhaupt jemals mit Elias hatte zusammenleben können. Sie würde sie in einer ruhigen Minute danach fragen müssen, was damals wirklich passiert war, als er sie bei den Abtrünnigen entdeckte und mit sich nach Pantreàs nahm.
»Die Menschen sind bereits versammelt.« Wiglas sprach zu Rahel, doch er war für alle deutlich zu hören. »Sie warten auf uns.«
Rahel nickte, und Sorge verdüsterte ihr Gesicht. An Emba gewandt erklärte sie: »Jasmo ist erst vor wenigen Stunden zurückgekehrt und die anderen Bewohner des Camps wissen noch nichts von … den Vorkommnissen. Aber hier bleibt natürlich nichts verborgen. Gerüchte machen bereits die Runde, dass etwas passiert ist und dass Emba höchstpersönlich eingetroffen ist.« Sie lächelte entschuldigend. »So wie wir für dich warst du für viele von uns immer eine Art Legende. Wir haben für heute Abend eine Versammlung einberufen, um alles Weitere zu besprechen. Aber du kannst gerne hierbleiben, wenn dir das alles zu viel ist.«
Emba schüttelte entschieden den Kopf. »Ich komme mit.«
Man sah Rahel an, dass es ihr lieber gewesen wäre, Emba hätte zugestimmt und so lange im Zelt gewartet. Doch sie akzeptierte ihre Entscheidung. »Also gut. Dann los!«