UND SEIN SOHN ALEXEJ
von
DMITRI MERESCHKOWSKI
Historische Roman-Trilogie
Übersetzt von
Alexander Eliasberg
BAND 3
Dieses Buch ist Teil der BRUNNAKR Edition: Fantasy, Historische Romane, Legenden & Mythen.
BRUNNAKR ist ein Imprint des apebook Verlags.
Nähere Informationen am Ende des Buches oder auf:
www.apebook.de
1. Auflage 2020
V 1.0
ISBN 978-3-96130-345-8
Buchgestaltung/Coverdesign: SKRIPTART
www.skriptart.de
Alle Rechte vorbehalten.
© BRUNNAKR/apebook 2020
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Der
“CHRIST UND ANTICHRIST”-Zyklus
von Dmitri Mereschkowski
JULIANUS APOSTATA (3 Bände)
LEONARDO DA VINCI (3 Bände)
PETER DER GROSSE (3 Bände)
Der erste Band der drei Trilogien ist jeweils kostenlos!
Inhaltsverzeichnis
Peter der Grosse. Band 3
Impressum
Achtes Buch. Der Werwolf.
I
II
III
IV
V
Neuntes Buch. Der rote Tod.
I
II
III
IV
V
Zehntes Buch. Vater und Sohn.
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
Epilog. Der kommende Christus.
I
II
III
Eine kleine Bitte
"Christ und Antichrist" Gesamtüberblick
BRUNNAKR Edition
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Zu guter Letzt
Der Zarewitsch blickte auf die Tür, durch die Peter eintreten sollte.
Das kleine Empfangszimmer im Schloss von Preobrashenskoje, eines fast ebenso ärmlichen Baues wie das Petersburger Häuschen des Zaren, war von den gelben Strahlen der Februarsonne überflutet. Vor den Fenstern lag das Bild, das dem Zarewitsch seit seiner Kindheit vertraut war: ein schneebedecktes Feld mit schwarzen Dohlen, graue Kasernenmauern, eine Gefängnispalisade, ein Erdwall mit Kugelpyramiden, einem Schilderhäuschen und einem unbeweglichen Wachtposten, der sich schwarz gegen den blassgrünen Himmel abhob. Die Spatzen zwitscherten auf dem Fensterblech, als ob es schon Frühling wäre. Von den Eiszapfen fielen durchsichtige Tropfen wie Tränen herab. Es war die Stunde vor dem Mittagessen, und es roch nach Piroggen mit Kohl. Das Pendel der Wanduhr tickte gleichmäßig in der Stille.
Während der Reise aus Italien nach Russland hatte sich der Zarewitsch ganz ruhig gefühlt und war sogar heiter gewesen, doch geistesabwesend wie im Halbschlaf. Es war ihm nicht ganz klar, was mit ihm vorging und wohin und wozu er geführt wurde.
Als er aber jetzt mit Tolstoi im Empfangszimmer saß und mit dem gleichen Gefühl wie damals, nachts im Königsschloss zu Neapel während des Deliriums, auf die schreckliche Tür starrte, kam er gleichsam zur Besinnung und begann alles zu verstehen. Ebenso wie damals zitterte er ununterbrochen wie im Fieber. Bald bekreuzigte er sich und flüsterte Gebete, bald ergriff er die Hand Tolstois und sprach:
»Peter Andrejewitsch, ach, Peter Andrejewitsch, was wird nun kommen, mein Lieber? Es ist so schrecklich, so schrecklich! ...«
Tolstoi besänftigte ihn mit seiner samtweichen Stimme:
»Seid unbesorgt, Hoheit! Das Schwert hat keine Gewalt über ein reuiges Haupt. So Gott will, wird alles gut und friedlich ablaufen und wieder ins Geleis kommen ...«
Der Zarewitsch hörte ihm nicht zu und memorierte die Rede, die er sich schon vorher zurechtgelegt hatte:
»Väterchen, ich kann mich gar nicht rechtfertigen und bitte unter Tränen um deine gnädigste Verzeihung und väterliche Nachsicht; denn ich habe außer Gott und deiner Gnade keine andere Hoffnung und füge mich ganz in deinen Willen.«
Hinter der Tür erklangen die wohlbekannten Schritte. Peter trat ein.
Alexej sprang auf, wankte und wäre beinahe umgefallen, wenn ihn Tolstoi nicht gestützt hätte.
Vor seinen Augen huschten wie bei der plötzlichen Verwandlung eines Werwolfes zwei Gesichter vorbei: ein fremdes, schreckliches, an eine Totenmaske gemahnendes, und ein verwandtes, liebes, mit dem ihm sein Vater in seiner Kindheit erschienen war.
Der Zarewitsch ging auf ihn zu und wollte ihm zu Füßen fallen, aber Peter streckte ihm die Arme entgegen, umarmte ihn und drückte ihn an die Brust.
»Aljoscha, willkommen! Gott sei Dank, dass wir uns endlich wiedersehen!«
Alexej fühlte die ihm bekannte Berührung der vollen, rasierten Wangen und den Geruch des Vaters – eine Verbindung von starkem Tabak mit Schweiß. Er sah seine großen, dunklen, heiteren Augen, die so lieb und so schrecklich waren; das bezaubernde, ein wenig hinterlistige Lächeln seiner geschwungenen, fast frauenhaft feinen Lippen. Und er vergaß seine lange Rede und stammelte nur:
»Vergib mir, Vater ...«
Plötzlich brach er in unaufhaltsames Schluchzen aus und wiederholte immer wieder:
»Vergib! Vergib! ...«
Sein Herz war ebenso schnell geschmolzen wie Eis am Feuer.
»Was hast du, was hast du, Aljoschenjka?«
Er streichelte ihm die Haare, küsste ihn so zärtlich wie eine Mutter auf die Stirn, auf den Mund und die Augen.
Als Tolstoi diese Liebkosungen sah, dachte er sich:
»Der Habicht küsst das Hühnchen so lange, bis ihm kein Federchen mehr übrig bleibt!«
Auf einen Wink des Zaren verließ er das Zimmer. Peter führte seinen Sohn ins Esszimmer. Die Hündin Lisette knurrte zuerst; als sie aber den Zarewitsch erkannte, begann sie verlegen mit dem Schwanz zu wedeln und ihm die Hand zu lecken. Auf dem Tisch waren zwei Gedecke vorbereitet. Der Diener brachte alle Gänge auf einmal herein und ging hinaus. Sie blieben allein, Peter schenkte zwei Glas Anisschnaps ein.
»Auf dein Wohl, Aljoscha!«
Sie stießen an. Dem Zarewitsch zitterten die Hände so sehr, dass er das halbe Glas verschüttete.
Peter bereitete seinen Lieblingsimbiss: eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter, gehackten Zwiebeln und Knoblauch. Er schnitt die Scheibe in zwei Teile, die eine Hälfte für sich, die andere für den Sohn.
»So mager bist du bei fremdem Brot geworden«, sagte er, seinen Sohn musternd. »Warte nur, wir werden dich bald wieder so mästen, dass du dick und glatt wirst! Das russische Brot sättigt mehr als das deutsche.«
Er nötigte ihn zum Trinken mit allerlei scherzhaften Redensarten:
»Glas auf Glas ist kein Stock auf Stock. Ohne die Dreifaltigkeit wird kein Haus gebaut. Erst beim vierten Becher freut sich der Zecher.«
Der Zarewitsch aß wenig, trank aber viel und wurde schnell berauscht, doch weniger vom Schnaps als von Freude.
Er hatte noch immer Angst, konnte nicht zu sich kommen und traute seinen Augen und Ohren nicht. Doch der Vater sprach mit ihm so einfach und heiter, dass es unmöglich war, ihm nicht zu trauen. Er erkundigte sich über alles, was er in Italien gesehen und gehört hatte: über Heer und Flotte, über Papst und Kaiser. Er scherzte mit ihm wie ein guter Kamerad.
»Du hast keinen üblen Geschmack«, sagte er, indem er ihm lustig zublinzelte. »Das Mädel ist wirklich prächtig! Wenn ich um zehn Jahre jünger wäre, so müsste sich der Sohn vielleicht vor dem Vater in Acht nehmen, dass er ihm keine Hörner aufsetze. Der Apfel fällt nicht weit vom Baum. Der Vater mit einer Wäscherin, der Sohn mit einer Stubenmagd: es heißt ja, sie hätte einst bei den Wjasemskij's die Böden gescheuert. Nun meine Katenjka hat ja auch einmal Wäsche gewaschen ... hast du wirklich Lust, sie zu heiraten?«
»Wenn du es mir erlaubst, Vater ...«
»Was soll ich denn mit dir tun? Ich habe dir versprochen, also muss ich es erlauben.«
Peter schenkte in Kristallbecher Rotwein ein. Sie hoben die Gläser und stießen an; das Kristall klirrte. Der Wein funkelte in den Sonnenstrahlen wie Blut.
»Auf den Frieden, auf ewige Freundschaft!«, sagte Peter.
Sie leerten die Gläser auf einen Zug.
Dem Zarewitsch schwindelte der Kopf. Es war ihm, als ob er flöge, sein Herz stand bald still, bald pochte es so stark, dass er vermeinte, es werde gleich zerspringen und er müsse vor Freude sterben. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft – alles war verschwunden. Er wusste, sah und fühlte nur das Eine: dass der Vater ihn liebte. Und wenn es auch nur einen Augenblick währen würde. Wenn er für diesen einen Augenblick alle Qualen seines ganzen Lebens wieder auf sich nehmen müsste, so würde er es tun.
Er hatte das Verlangen, alles zu sagen, alles zu beichten.
»Erzähle mir einmal, Aljoscha, wie du geflohen bist.«
Der Zarewitsch fühlte, dass sein Schicksal sich entscheide. Und plötzlich begriff er alles, woran er während der ganzen Zeit, von dem Augenblick an, als er sich entschlossen hatte, zum Vater zurückzukehren, nicht hatte denken wollen. Eines von beiden: entweder ihm alles sagen, seine Helfer angeben und ein Verräter werden; oder jede Aussage verweigern und zulassen, dass zwischen ihm und dem Vater wieder ein Abgrund gähne, eine unüberwindliche Mauer sich erhebe.
Er schwieg und hielt die Augen gesenkt, weil er statt des vertrauten Gesichts jenes andere, fremde, wie eine Totenmaske schreckliche Gesicht zu erblicken fürchtete. Endlich erhob er sich von seinem Platz, ging auf den Vater zu und kniete vor ihm nieder. Lisette, die auf einem Kissen zu Füßen Peters geschlafen hatte, erwachte, stand auf und ging zur Seite, um den Zarewitsch auf ihren Platz zu lassen. Er kniete auf diesem Kissen nieder. Er war bereit, ewig wie ein Hund zu Füßen des Vaters zu liegen, ihm in die Augen zu blicken und auf eine Liebkosung zu warten.
»Ich will dir alles sagen, Väterchen! Verzeihe aber allen, so wie du mir verziehen hast!«, sagte er, seine Augen mit inbrünstigem Flehen zu ihm emporhebend.
Der Vater beugte sich über ihn, legte ihm die Hände auf die Schultern und sagte ebenso still und freundlich wie vorhin:
»Höre, Aljoscha, wie kann ich verzeihen, wenn ich weder die Schuld noch die Schuldigen kenne? Für mich selbst kann ich wohl verzeihen, aber nicht für das Vaterland. Gott wird von mir dafür Rechenschaft fordern. Wer die Bösen begünstigt, tut selbst Böses. Eines will ich dir aber versprechen: Wen du mir nennst, den werde ich begnadigen; wessen Schuld du aber vor mir verheimlichst, den werde ich grausam bestrafen. So wirst du nicht zum Verräter, sondern zum Fürsprecher deiner Freunde. Sage mir nun alles, fürchte nichts. Ich werde niemand etwas zuleide tun. Wir wollen uns alles gemeinsam überlegen ...«
Alexej schwieg. Peter umschlang seinen Kopf und drückte ihn sich an die Brust. Er holte tief Atem und fügte hinzu:
»Ach, Aljoscha, Aljoscha, wenn du in mein Herz hineinblicken könntest und wüsstest, wie schwer ich es habe! So fürchterlich schwer ist mir zumute! Ich habe keinen einzigen Gehilfen. Alles muss ich ganz allein machen. Alle sind Bösewichter und meine Feinde. Habe wenigstens du Mitleid mit dem Vater. Sei mein Freund ... Oder willst du es nicht? Liebst du mich nicht?«
»Ich liebe dich, ich liebe dich, einziges Väterchen! ...«, flüsterte der Zarewitsch mit der gleichen verschämten Zärtlichkeit wie einst in der Kindheit, wenn der Vater nachts heimlich zu ihm in die Schlafkammer kam und das schläfrige Kind in die Arme nahm. »Alles will ich dir sagen, frage nur!«
Und er erzählte ihm alles und nannte ihm alle.
Als er aber zu Ende war, wartete Peter noch immer auf die Hauptsache. Er hatte erwartet, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, bekam aber nichts von einem Verbrechen zu hören: alles was er erfahren hatte, waren nur Gerüchte, Worte, Klatschgeschichten, vage Hirngespinste, die nicht den geringsten Halt zu einer Untersuchung boten.
Der Zarewitsch nahm alle Schuld auf sich und verteidigte alle andern.
»Wenn ich betrunken war, schwatzte ich alles Mögliche zusammen, legte meiner Zunge in Gesellschaft keinen Zaum an, konnte mich der aufrührerischen Worte gar nicht enthalten und führte oft unziemliche Reden, indem ich mich auf die Menschen, die mich umgaben, verließ.«
»War nicht außer diesen Reden auch irgendeine ernsthafte Absicht dabei, die Absicht, etwas zu unternehmen, das Volk aufzuwiegeln, um den Thron gewaltsam an sich zu reißen?«
»Nein, Vater, eine solche Absicht war nicht dabei! Gott sei mein Zeuge, dass nichts derartiges dabei war! Es waren nur leere Worte!«
»Wusste deine Mutter etwas von deiner Flucht?«
»Ich glaube, dass sie nichts wusste ...«
Er besann sich und fügte hinzu:
»Bestimmt weiß ich es nicht.«
Plötzlich hielt er inne und schlug die Augen nieder. Ihm fielen die Gesichte und Prophezeiungen des Bischofs Dossifej von Rostow und der übrigen frommen Greise ein, an die seine Mutter glaubte und über die sie sich freute: die Weissagungen vom Untergang Petersburgs, vom Tod Peters und von der Thronbesteigung seines Sohnes. Sollte er das dem Vater sagen und die Mutter verraten? Sein Herz krampfte sich vor tödlichem Gram zusammen. Er fühlte, dass er darüber nicht sprechen durfte. Der Vater fragte ihn ja gar nicht danach. Was ging ihn auch dies alles an? War er denn ein Mann, der sich vor Weiberklatsch fürchten würde?
»Ist das nun alles, oder hast du noch etwas auf dem Herzen?«, fragte Peter.
»Nur noch eines. Ich weiß aber nicht, wie ich es sagen soll. Es ist so schrecklich ...«
Er schmiegte sich fest an den Vater an und verbarg sein Gesicht an seiner Brust.
»Sage es! Es wird dir leichter werden. Bekenne alles und reinige dich wie bei einer wirklichen Beichte.«
»Als du krank warst«, flüsterte ihm der Zarewitsch ins Ohr, »dachte ich, dass du sterben würdest, und ich freute mich darüber. Ich wünschte dir den Tod ...«
Peter schob ihn sachte weg, blickte ihm gerade in die Augen und sah in ihnen etwas, was er in Menschenaugen noch niemals gesehen hatte.
»Hast du mit jemand über meinen Tod beratschlagt?«
»Nein, nein, nein!«, rief der Zarewitsch. Sein Gesicht und seine Stimme drückten solches Entsetzen aus, dass der Vater seinen Worten glauben musste.
Sie sahen sich stumm mit dem gleichen Blick in die Augen. Und die beiden so verschiedenen Gesichter bekamen plötzlich Ähnlichkeit miteinander. Sie spiegelten einander wider und vertieften einander in die Unendlichkeit wie zwei Spiegel.
Der Zarewitsch lächelte plötzlich leise und sagte ganz einfach, doch mit einer sonderbaren, fremden Stimme, die so klang, als spräche nicht er selbst, sondern jemand anderes, ein Fremder durch seinen Mund:
»Ich weiß ja, Väterchen: vielleicht darfst du mir gar nicht verzeihen. Dann nicht. Lass mich hinrichten, töte mich. Ich will selbst für dich sterben. Liebe mich aber, liebe mich immer! Niemand soll es wissen. Nur wir beide. Du und ich.«
Der Vater erwiderte nichts und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Der Zarewitsch blickte ihn so an, als ob er von ihm noch etwas erwartete.
Endlich nahm Peter die Hände vom Gesicht weg, beugte sich wieder zu seinem Sohn, umfasste seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn schweigend auf die Stirn. Und es kam dem Zarewitsch vor, als ob er zum ersten Mal in seinem Leben in den Augen des Vaters Tränen sähe. Alexej wollte noch etwas sagen. Peter erhob sich aber und verließ rasch das Zimmer.
Am Abend des gleichen Tages erschien beim Zarewitsch sein neuer Beichtvater, Pater Warlaam.
Nach seiner Ankunft in Moskau hatte der Zarewitsch gebeten, dass man seinen alten Beichtvater Pater Jakow Ignatjew bei ihm vorlasse. Man schlug ihm aber diese Bitte ab und ernannte Pater Warlaam zu seinem Beichtvater. Er war ein alter Mann von einfältigem Aussehen, »ein Hühnchen«, wie ihn Tolstoi nannte. Der Zarewitsch freute sich aber auch über einen solchen Priester, denn er wollte so bald als möglich beichten. In der Beichte wiederholte er alles, was er vorhin dem Vater gesagt hatte. Er fügte noch hinzu, was er vor dem Vater verheimlicht hatte: von seiner Mutter, der Zarin Awdotja, von seiner Tante, der Zarewna Marja und seinem Onkel Awraam Lopuchin, von ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach der »baldigen Vollendung«, nach dem Tod des Vaters.
»Du hättest dem Vater die Wahrheit sagen sollen«, bemerkte Pater Warlaam und tat plötzlich so, als hätte er es sehr eilig.
Etwas Seltsames und Schreckliches war plötzlich zwischen ihnen vorbeigeschwebt, doch so blitzschnell, dass der Zarewitsch sich keine Rechenschaft darüber abgeben konnte, ob es wirklich gewesen oder ihm nur so vorgekommen sei.
Am nächsten Morgen nach der ersten Zusammenkunft Peters mit Alexej, am Montag, den 3. Februar 1718, wurden alle Minister, Senatoren, Generäle, Bischöfe und anderen bürgerlichen und geistlichen Würdenträger nach dem Thronsaal, dem Audienzsaal des alten Kremlpalastes befohlen, um die Verlesung des Manifestes von der Thronentsagung des Zarewitsch anzuhören und dem neuen Thronerben Peter Petrowitsch den Treueid zu leisten.
Innerhalb des Kremls waren auf allen Plätzen, Gängen und Treppen die Bataillone des Preobrashenkij-Leibgarderegiments aufgestellt. Man befürchtete einen Aufstand.
Im Audienzsaal war von der alten Ausstattung nur das Deckengemälde erhalten geblieben, das »den Gang der Gestirne, die zwölf Monate und die übrigen himmlischen Läufe« darstellte. Die ganze übrige Ausstattung war neu: holländische gewebte Tapeten, Kristallkandelaber, Stühle mit geraden Lehnen und schmale Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern. In der Mitte des Saales stand unter einem rotseidenen Baldachin auf einem Podium, zu dem drei Stufen hinaufführten, der Zarenthron, ein vergoldeter Sessel, mit rotem Samt überzogen, auf den ein goldener Doppeladler und die Schlüssel des heiligen Petrus gestickt waren.
Die durch die Fenster eindringenden schrägen Sonnenstrahlen fielen auf die weißen Perücken der Senatoren und die schwarzen Kapuzen der Bischöfe. Alle Gesichter drückten Furcht und jene Neugier aus, die sich der Zuschauer bei einer Hinrichtung bemächtigt. Es erscholl Trommelwirbel. Die Menge geriet in Bewegung und rückte auseinander. Der Zar trat ein und setzte sich auf den Thron.
Zwei riesengroße Gardisten vom Preobrashenskij-Regiment mit gezogenen Säbeln führten den Zarewitsch wie einen Arrestanten herein.
Ohne Perücke und Degen, im einfachen schwarzen Anzug, bleich, doch ruhig, gleichsam in Gedanken versunken, ging er langsam mit gesenktem Kopf auf den Thron zu. Als er den Vater erblickte, erstrahlte sein Gesicht in einem leisen Lächeln, das an seinen Großvater, den Zaren Alexej den Sanftesten, erinnerte.
Langaufgeschossen, mit schmalen Schultern und einem hageren, von schütteren, geraden, glatten Haaren umrahmten Gesicht glich er halb einem Dorfküster und halb dem heiligen Alexej, dem Mann Gottes, wie man ihn auf den Ikonen darstellt; unter all den neuen Petersburger Gesichtern schien er allen fern und fremd wie ein Gast aus einer andern Welt, wie ein Gespenst des alten Moskaus. Neben dem Ausdruck von Neugier und Furcht erschien auf manchem Gesicht etwas wie Mitleid mit diesem Gespenst.
Er blieb vor dem Thron stehen und wusste nicht, was er tun sollte.
»Auf die Knie, auf die Knie, und sprich, wie du es gelernt hast«, flüsterte ihm Tolstoi, der auf ihn von hinten zulief, ins Ohr.
Der Zarewitsch kniete nieder und sprach mit lauter, ruhiger Stimme:
»AIlergnädigster Herr Vater! Nachdem ich mein Verbrechen vor Eurer Majestät als meinem Souverain und Vater erkannt, auch mich schon aus Neapolis durch ein Schreiben schuldig erklärt, so wiederhole solches anjetzo nachmalen und bekenne, dass ich wider meine kindliche Pflicht und Untertänigkeit entwichen und mich unter des Römischen Kaisers Protektion begeben, auch selbigen um Assistence gebeten, weswegen gnädigsten Pardon und Erbarmung suche.«
Nicht weil es durch das Zeremoniell vorgeschrieben war, sondern weil sein Herz ihn dazu drängte, verneigte er sich vor dem Vater bis zur Erde.
Auf einen Wink des Zaren begann nun der Vizekanzler Schafirow das Manifest zu verlesen, das am gleichen Tag auch auf dem Roten Platz dem Volk vorgelesen werden sollte.
»Wir hoffen, dass es der Mehrzahl unserer treuen Untertanen bekannt ist, mit welchem Eifer und welcher Sorgfalt wir uns um die Erziehung Unseres erstgeborenen Sohnes Alexej bemüht haben. Aber unser ganzer Eifer nützte nichts, und die Saat der Belehrung fiel auf hartes Gestein, da er die ihm erteilten Lehren nicht nur nicht befolgte, sondern auch hasste, keinerlei Neigung weder zu militärischen noch zu bürgerlichen Angelegenheiten zeigte, und mit lauter schlechten und gemeinen Leuten, die rohe und hässliche Angewohnheiten hatten, Umgang pflegte.«
Alexej hörte fast gar nicht zu. Seine Blicke suchten einen Blick des Vaters aufzufangen. Dieser sah aber immer mit unbeweglichen, undurchdringlichen Augen an ihm vorbei.
»Es ist nur Verstellung, Dissimulation!«, suchte sich der Zarewitsch zu trösten. »Jetzt kannst du mich schelten und schlagen, so viel du willst: ich weiß, dass du mich liebst!«
»Und als wir seine Verstocktheit in allen seinen schlechten Handlungen sahen«, las Schafirow weiter, »erklärten wir ihm, dass wir ihn enterben werden, wenn er auch in Zukunft Unserem Willen nicht folgen würde. Und wir setzten ihm eine Frist zur Besserung aus. Er aber vergaß jede Furcht und die Gebote Gottes, welche befehlen, auch dem gewöhnlichen Vater, geschweige denn seinem Fürsten, Gehorsam zu erweisen, und lohnte Uns Unsere oben erwähnten väterlichen Mühen und Sorgen mit unerhörtem Undank. Denn als wir zu kriegerischen Handlungen nach dem dänischen Lande reisten und ihn in Sankt Petersburg zurückließen und ihm später schrieben, er solle zu Uns nach Kopenhagen kommen, um der Kampagne beizuwohnen und dabei etwas zu lernen, hat sich Unser Sohn, statt zu Uns zu reisen, unter Mitnahme einer Geldsumme und einer gewissen Dirne, mit der er ungesetzlich zusammenlebt, aus Unserem Reich entfernt und sich unter die Protektion des Kaisers begeben. Indem er viele ungeheuerliche Verleumdungen gegen Uns, als seinen Vater und Souverain vorbrachte, bat er den Kaiser, ihn nicht nur zu verstecken, sondern ihm auch mit bewaffneter Hand gegen Uns als seinen Feind und Peiniger, von dem er den Tod zu befürchten hätte, Beistand zu leisten. Wie groß der Schimpf und die Schande sind, die er Uns und Unserm Staat vor der ganzen Welt damit angetan hat, kann jedermann beurteilen; denn ein ähnliches Beispiel ist selbst in der Geschichte schwerlich zu finden. Und obwohl er, Unser Sohn, für alle diese Verbrechen den Tod verdient, so erbarmen wir Uns seiner in Unserm väterlichen Herzen, verzeihen ihm und erlassen ihm jede Strafe. Aber ...«
Da erklang, das Lesen unterbrechend, die dumpfe, etwas heisere, drohende Stimme Peters, dermaßen von Zorn und Gram erfüllt, dass alles Zeremonielle plötzlich verschwand, und alle Anwesenden das Grauen dessen empfanden, was hier geschah:
»Ich kann keinen Thronerben hinterlassen, der alles vergeudet, was sein Vater mit Gottes Hilfe gewonnen hat, und der den Ruhm, und die Ehre des russischen Volkes austilgt. Aus Furcht vor dem Gericht Gottes kann ich ihm auch nicht diese Regierung übergeben, wenn ich seine Unfähigkeit kenne! Und du ...«
Er blickte den Zarewitsch so an, dass ihm das Herz stillstand; nun schien es ihm, dass es keine Verstellung mehr war.
»Und du merke dir dieses: Obwohl ich dir verzeihe, darfst du mich nicht anklagen, wenn du deine Schuld verheimlichst und das Verheimlichte später ans Licht kommt: denn dann gilt dieser Pardon nicht. Du wirst mit dem Tod bestraft werden!«
Alexej hatte schon die Hände erhoben und sie nach dem Vater ausgestreckt, in der Absicht, etwas zu sagen oder aufzuschreien – dieser sah aber schon wieder mit seinem unbeweglichen, undurchdringlichen Blicke an ihm vorbei. Auf einen Wink des Zaren las Schafirow weiter:
»Da wir also um Unser Reich und Unsere Untertanen besorgt sind, entziehen Wir kraft Unserer väterlichen Gewalt und als Selbstherrscher ihm, Unserm Sohn Alexej für alle seine Vergehen und Verbrechen das Recht der Erbfolge auf dem russischen Thron, auch wenn nach Unserm Tod kein einziges Mitglied Unserer Familie außer ihm zurückbleiben sollte. Und wir bestimmen und erklären zum Erben des erwähnten Thrones Unseren anderen Sohn Peter, obwohl er minderjährig ist. Wir haben aber keinen anderen volljährigen Erben. Und wir beschwören Unsern Sohn unter Androhung Unseres väterlichen Fluches, nach diesem Erbe nicht zu streben. Wir verlangen von allen Unseren treuen Untertanen und dem ganzen russischen Volk, dass sie kraft dieser Unserer Verfügung den von Uns zum Thronerben erklärten Sohn Peter als den rechtmäßigen Thronfolger anerkennen und verehren und dies durch einen Eid vor dem heiligen Altar, über dem heiligen Evangelium und durch das Küssen des Kreuzes bestätigen. Alle diejenigen aber, die jemals dieser Unserer Verfügung entgegen handeln, Unseren Sohn Alexej auch weiterhin als den Thronerben ansehen und ihm darin beistehen werden, erklären wir für Verräter an Uns und an dem Vaterland.«
Der Zar erhob sich, stieg vom Podium herab und befahl den Anwesenden, ohne auf ihn zu warten, sich in die Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale zu begeben, um den Eid durch das Küssen des Kreuzes zu bekräftigen.
Als alle, außer Tolstoi, Schafirow und einigen anderen bevorzugten Würdenträgern, sich aus dem Saal entfernt hatten, sagte Peter zu Alexej:
»Geh!«
Sie gingen zusammen durch den Vorraum des Thronsaales in die Geheimkammer des Gerichtssaales, in der vor alten Zeiten die Moskauer Zaren, hinter Taftvorhängen verborgen, den Beratungen der Gesandten zu lauschen pflegten. Es war ein kleines Zimmer, eine Art Klosterzelle mit nackten Wänden und einem Glimmerfensterchen, das nur ein bernsteingelbes Licht, so schwach wie der Schein der Abendsonne, durchließ. In der Ecke vor dem Bild des Heilands mit dunklem Antlitz, der Dornenkrone und dem sanften, traurigen Blick, brannte eine ewige Lampe. Peter schloss die Tür und ging auf seinen Sohn zu.
Wieder, wie damals in Neapel während des Deliriums, zitterte der Zarewitsch ununterbrochen am ganzen Körper, wie von einem Frostschauer durchschüttelt. Er hoffte aber noch immer: gleich wird ihn der Vater umarmen, liebkosen und ihm sagen, dass er ihn liebe, und die ganze Angst wird für immer weichen.
»Ich weiß, dass du mich liebst! Ich weiß, dass du mich liebst!«, wiederholte der Zarewitsch wie eine Beschwörungsformel vor sich hin. Und doch bebte sein Herz vor Furcht.
Er schlug die Augen nieder und wagte nicht, sie zu heben, denn er fühlte auf sich den schweren, unverwandten Blick des Vaters ruhen. Beide schwiegen. Es war sehr still.
»Hast du gehört«, sagte endlich Peter, »was vorhin vor dem ganzen Volk verkündet worden ist: dass, wenn du etwas verheimlichst, dich der Tod erwartet?«
»Ich hab es gehört, Väterchen.«
»Und hast du dem nichts hinzuzufügen, was du mir vorgestern eröffnet hast?«
Der Zarewitsch gedachte seiner Mutter und fühlte wieder, dass er sie nicht verraten würde, selbst wenn ihm ein sofortiger Tod drohe.
»Nein, nichts«, sagte er leise mit fremder Stimme, als ob nicht er, sondern jemand anderer aus seinem Mund spräche.
»Also nichts?«, wiederholte Peter.
Alexej schwieg.
»Sprich! ...«
Dem Zarewitsch wurde es finster vor den Augen, seine Beine knickten ein. Und er antwortete wieder so, als ob jemand anderes für ihn spräche:
»Nichts.«
»Du lügst!«, schrie Peter, packte ihn an einer Schulter und presste sie so zusammen, dass es schien, er würde ihm alle Knochen zermalmen. »Du lügst! Du hast vor mir das von deiner Mutter verheimlicht, das von deiner Tante, vom Onkel, vom Dossifej von Rostow, von ihrem ganzen verfluchten Nest, darin die Wurzel der verbrecherischen Verschwörung steckt! ...«
»Wer hat dir das gesagt, Väterchen?«, stammelte der Zarewitsch und blickte dem Vater zum ersten Mal ins Gesicht.
»Ist es vielleicht nicht wahr?«, sagte der Vater, ihm gerade in die Augen blickend.
Seine Hand lastete immer schwerer auf Alexejs Schulter. Der Zarewitsch schwankte plötzlich wie ein Rohr unter dieser Last und fiel dem Vater vor die Füße.
»Verzeih! Verzeih! Sie ist ja meine Mutter! Meine einzige Mutter! ...«
Peter beugte sich über ihn und erhob unter Mutterschimpfworten die Fäuste über seinem Kopf.
Alexej streckte die Hände vor sich aus, wie wenn er sich gegen einen tödlichen Schlag wehren wollte, hob die Augen und erblickte über sich in einer blitzschnellen, doch umgekehrten Verwandlung des Werwolfs statt des lieben Gesichts jenes andere, fremde, wie eine Totenmaske schreckliche Gesicht, das Gesicht des Tieres.
Er stieß einen schwachen Schrei aus und bedeckte sich die Augen mit den Händen.
Peter wandte sich um, um das Zimmer zu verlassen. Als aber der Zarewitsch diese Bewegung des Vaters vernahm, stürzte er ihm auf den Knien rutschend nach, wie ein Hund, den man schlägt und der trotzdem um Verzeihung bittet; er umarmte seine Füße und klammerte sich an sie fest an.
»Geh nicht fort! Geh nicht fort! Töte mich lieber! ...«
Peter wollte ihn wegstoßen und sich von ihm befreien. Aber Alexej hielt ihn fest, ließ ihn nicht los und klammerte sich immer fester an ihn an.
Die Berührung der sich an ihn krampfhaft anklammernden Arme rief in Peters Körper dasselbe eiskalte Zittern eines Ekelgefühls hervor, das er immer vor Spinnen, Küchenschaben und anderen kriechenden Geschöpfen empfand.
»Fort, fort, fort! Ich töte dich!«, schrie er voller Wut und Schrecken.
Endlich schüttelte er ihn mit verzweifelter Kraftanstrengung von sich ab, schleuderte ihn zur Seite und stieß ihn mit dem Fuß ins Gesicht.
Der Zarewitsch fiel mit dumpfem Stöhnen wie ein Toter mit dem Gesicht auf den Boden.
Peter lief aus dem Zimmer, als ob er sich vor etwas Fürchterlichem retten wollte.
Als er an den Würdenträgern, die ihn im Thronsaal erwarteten, vorüberging, lasen sie in seinem Gesicht, dass etwas Schlimmes geschehen sei.
Er rief ihnen nur zu:
»In die Kathedrale!«
Und ging hinaus.
Die einen liefen ihm nach, die anderen – darunter Tolstoi und Schafirow – eilten in die Geheimkammer zum Zarewitsch.
Er lag noch immer wie ein Toter, das Gesicht zu Boden gekehrt.
Sie hoben ihn auf und versuchten ihn ins Bewusstsein zurückzurufen. Seine Glieder wollten sich nicht biegen, sie waren wie erstarrt oder durch einen Krampf gelähmt. Er war aber nicht ohnmächtig. Er atmete hastig, und seine Augen waren offen.
Endlich richtete man ihn auf und stellte ihn auf die Füße. Man wollte ihn ins Nebenzimmer führen, um ihn da auf eine Bank zu legen.
Er blickte mit trüben Augen, die nichts zu sehen schienen, um sich und stammelte, als wollte er sich an etwas erinnern:
»Was war es? ... Was war es? ...«
»Fürchte dich nicht, mein Guter!«, suchte ihn Tolstoi zu beruhigen. »Dir ist schlecht geworden, bist hingefallen, hast dich wohl am Boden angeschlagen. Bis zu deiner Hochzeit wirds schon vergehen. Trinke etwas Wasser. Gleich kommt der Doktor.«
»Was war es? ... Was war es? ...«, wiederholte der Zarewitsch ganz sinnlos vor sich hin.
»Soll man es nicht dem Zaren melden?«, flüsterte Tolstoi Schafirow zu.
Der Zarewitsch hörte es, wandte sich um, und sein blasses Gesicht wurde plötzlich rot. Er begann am ganzen Körper zu zittern und den Hemdkragen aufzureißen, als ob er erstickte.
»Welchem Zaren?«, fragte er. Er lachte und weinte zugleich so wahnsinnig, dass es allen ganz unheimlich zumute wurde.
»Welchem Zaren? Ihr Dummköpfe! Seht ihr es denn nicht? Er ist es gar nicht! Er ist nicht der Zar und nicht mein Vater, sondern ein Trommler, ein verruchter Jude, Grischka Otrepjew, der falsche Demetrius, ein Werwolf! Man soll ihm einen Espenpfahl in die Gurgel jagen und fertig!«
Der Leibarzt Areskin kam herbeigelaufen.
Tolstoi zeigte hinter dem Rücken des Zarewitsch zuerst auf ihn und dann auf seine Stirn: der Zarewitsch sei wohl irrsinnig geworden.
Areskin setzte den Kranken in einen Sessel, fühlte den Puls, gab ihm Spiritus zu riechen, zwang ihn, beruhigende Tropfen einzunehmen und wollte ihn zur Ader lassen; in diesem Augenblick kam aber ein Bote und meldete, dass der Zar in der Kathedrale warte und den Zarewitsch sofort zu sehen verlange.
»Melde dem Zaren, dass Seiner Hoheit unwohl ist ...«, begann Tolstoi.
»Nein«, unterbrach ihn der Zarewitsch, wie aus einem tiefen Schlafe erwachend. »Nein. Ich gehe gleich hin. Ich will nur noch einen Augenblick ausruhen; wenn ich einen Schluck Wein haben könnte ...«
Man brachte ihm Ungarwein. Er trank ihn mit Gier aus. Areskin legte ihm ein mit kaltem Wasser und Essig durchtränktes Handtuch auf den Kopf.
Man ließ ihn in Ruhe. Alle gingen beiseite und berieten sich, was nun zu tun sei.
Nach einigen Minuten sagte er:
»Jetzt geht es. Es ist vorüber, wir wollen gehen.«
Man half ihm aufstehen und führte ihn an den Armen hinaus.
In der frischen Luft auf dem Weg aus dem Palast zur Kathedrale erholte er sich fast gänzlich.
Als er aber durch die Volksmenge ging, fiel allen seine Blässe auf.
Auf der Kanzel vor der offenen Zarenpforte erwartete ihn der neuernannte Bischof von Pskow, Feofan Prokopowitsch, im vollen Ornat mit dem Kreuz und dem Evangelium. Neben ihm stand der Zar.
Alexej betrat die Kanzel, nahm aus den Händen Schafirows ein Schriftstück und begann mit schwacher, kaum hörbarer Stimme zu lesen; in der Menge herrschte aber eine solche Stille, dass man jedes Wort verstehen konnte.
»Dieweil ich, Endesunterfertigter für das von mir an meinem Vater und meinem Vaterland begangene Verbrechen der Thronfolge für verlustig erklärt worden bin, so schwöre ich beim heiligen Evangelium, dass ich solches als rechtmäßig anerkenne. Ich verspreche bei dem allmächtigen, in der Dreifaltigkeit gepriesenen Gott, mich in den Willen meines Vaters zu fügen und unter keinem Vorwande die Thronfolge zu erstreben, zu wollen oder anzunehmen. Und ich erkenne meinen Bruder, den Zarewitsch Peter Petrowitsch als den rechtmäßigen Thronfolger an. Zur Bekräftigung dessen küsse ich nun das heilige Kreuz und unterschreibe Obiges mit eigener Hand.«
Er küsste das Kreuz und unterschrieb die Urkunde.
Zur selben Zeit wurde das Manifest dem Volk vorgelesen.
Peter ließ dem Zarewitsch durch Tolstoi die »Fragepunkte« übergeben. Der Zarewitsch sollte sie schriftlich beantworten. Tolstoi riet ihm, nichts zu verheimlichen, weil der Zar alles wisse und von ihm nur eine Bestätigung verlange.
»Von wem weiß es der Vater?«, fragte der Zarewitsch.
Tolstoi wollte es ihm lange nicht sagen, schließlich las er ihm den noch geheim gehaltenen Ukas vor, der aber später bei der Gründung des Geistlichen Kollegiums, des »Heiligsten Synods«, veröffentlicht wurde:
»Wenn jemand in der Beichte seinem Beichtvater irgendeine böse und unbereute, gegen die Ehre und das Wohl des Zaren gerichtete Absicht, oder gar einen Verrat oder eine Verschwörung eröffnet, so ist der Beichtvater verpflichtet, es an entsprechender Stelle zu melden: entweder dem Preobrashenskij-Amt oder der Geheimen Kanzlei. Durch diese Verfügung wird das Sakrament der Beichte nicht verletzt und der Beichtvater handelt nicht gegen die Vorschriften des Evangeliums, sondern befolgt Christi Lehre: ›Sündiget aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Höret er nicht, so sage es der Gemeinde.‹ Wenn der Herr solches bei einem Vergehen gegen den Bruder zu tun befiehlt, um wie viel mehr gilt dies Gebot bei einem verbrecherischen Anschlag gegen den Fürsten.«
Als der Zarewitsch diesen Ukas angehört hatte, stand er vom Tische auf – das Gespräch mit Tolstoi fand unter vier Augen beim Abendessen statt –, und sein blasses Gesicht wurde ebenso rot wie neulich nach seinem Anfall in der Geheimkammer. Er sah Tolstoi so an, dass dieser erschrak und glaubte, der Zarewitsch habe wieder einen Anfall. Diesmal lief es aber glücklich ab. Der Zarewitsch schien sich beruhigt zu haben und in Gedanken versunken zu sein.
In diesem Zustand des Nachdenkens verblieb er nun mehrere Tage. Wenn man ihn ansprach, blickte er einen zerstreut an, als verstünde er nicht ganz, wovon gesprochen wurde. Er war plötzlich noch magerer geworden und sah, wie Tolstoi meinte, mehr tot als lebendig aus. Trotzdem verfasste er eine ausführliche Antwort auf die »Fragepunkte« und bestätigte alles, was er in der Beichte gesagt hatte, obwohl er ahnte, dass dies vergeblich sei, da der Vater ihm sowieso nicht glauben würde.
Alexej hatte begriffen, dass Pater Warlaam das Beichtgeheimnis verletzt hatte, und ihm fielen die Worte des heiligen Dmitrij von Rostow ein:
»Wenn irgendein weltlicher Fürst oder Gerichtshof einem Priester befehlen oder ihn mit Gewalt zwingen würde, das Geheimnis des Beichtkindes zu verraten, und ihn selbst mit Folter und Tod bedrohte, so ist der Priester verpflichtet, lieber zu sterben und die Märtyrerkrone zu empfangen, als das Siegel des Beichtgeheimnisses zu verletzen ...«
Es fielen ihm auch die Worte eines frommen Greises von den Raskolniki ein, mit dem er sich einmal in der Einsamkeit der Nishnij-Nowgoroder Wälder unterhalten hatte, als er sich auf Befehl des Vaters in jenem Gebiet aufhielt, um Fichten für den Schiffsbau fällen zu lassen.
»Auf allen Kirchen, Popen und Sakramenten, Gebeten und Gesängen, Ikonen und übrigen Dingen ruht heute keine göttliche Gnade mehr: sie ist wieder in den Himmel genommen worden. Wer Gott fürchtet, der geht nicht mehr in die Kirche. Weißt du, wem das Lamm eures Abendmahls gleicht? Merke auf, was ich sage: es gleicht einem toten Hund, der auf der Gasse liegt; wenn jemand solches Abendmahl nimmt, so ist es um ihn geschehen: der Arme ist tot! Euer Abendmahl ist wie Arsenik oder Sublimat: es dringt durch Knochen und Mark tief in die verderbte Seele hinein; hinterher kann sie sich im Feuer der Hölle ausruhen und wie Kain, der unbußfertige Sünder seufzen!«
Diese Worte, die dem Zarewitsch damals bedeutungslos erschienen waren, hatten jetzt einen schrecklichen Sinn bekommen. Was sollte nun werden, wenn der Gräuel der Verwüstung sich wirklich der heiligen Stätte bemächtigt hatte, wenn die Kirche von Christo abgefallen war und der Antichrist über sie herrschte?
Wer ist aber der Antichrist?
Hier begann ein Delirium.
Das Bild des Vaters verdoppelte sich: wie in der plötzlichen Verwandlung eines Werwolfes sah der Zarewitsch zwei Gesichter: das eine war das gütige, liebe Gesicht seines Vaters, das andere ein fremdes, wie eine Totenmaske schreckliches Gesicht des Tieres. Am schrecklichsten war aber, dass er nicht wusste, welches von den beiden Gesichtern das echte sei: ob das des Vaters oder das des Tieres? Wurde der Vater zum Tier oder das Tier zum Vater? Ihn befiel ein solches Grauen, dass er den Verstand zu verlieren glaubte.
In dieser Zeit wurde in den Folterkammern des Preobrashenskij-Amtes die Untersuchung geführt.
Am Tag nach der Verlesung des Manifestes, am 4. Februar, eilten schon Kuriere nach Petersburg und nach Susdal mit dem Befehl, alle diejenigen nach Moskau zu bringen, die der Zarewitsch angegeben hatte.
In Petersburg verhaftete man Alexander Kikin, den Kammerdiener des Zarewitsch Iwan Afanassjew, seinen Lehrer Nikifor Wjasemskij und viele andere.
Kikin versuchte während des Transportes nach Moskau, sich mit seinen Ketten zu erwürgen, aber man hinderte ihn daran.
Beim Verhör unter Tortur nannte er den Fürsten Wassilij Dolgorukij als den Hauptratgeber Alexejs.
»Ich wurde ganz unerwartet in Petersburg verhaftet«, erzählte später Fürst Wassilij selbst, »und in Ketten nach Moskau gebracht, weswegen ich in große Desperation und Bewusstlosigkeit geriet; ich wurde in Preobrashenskoje in strenge Haft genommen und dann auf den Generalhof vor seine Zarische Majestät geführt. Ich geriet in große Angst, als ich sah, dass die Worte, die Alexej über mich geschrieben, ernst genommen worden waren.«
Für den Fürsten Wassilij trat nun sein Verwandter, Fürst Jakow Dolgorukij ein.
»Habe Erbarmen, Zar«, schrieb er an Peter, »dass wir in unserem Alter nicht mit dem Namen eines Geschlechts von Bösewichtern beladen ins Grab steigen, was nicht nur unsren guten Ruf schänden, sondern auch unser Leben vorzeitig abkürzen könnte. Ich rufe dir daher nochmals zu: habe Erbarmen, habe Erbarmen, du Allbarmherziger!«
Ein Schatten des Verdachts fiel auch auf den Fürsten Jakow selbst. Kikin hatte ausgesagt, dass er es war, der dem Zarewitsch geraten habe, nicht zum Vater nach Kopenhagen zu reisen.
Peter tat dem Alten nichts zuleide, drohte ihm aber mit so fürchterlichen Strafen, dass Fürst Jakow es für nötig hielt, dem Zaren seine früheren treuen Dienste in Erinnerung zu rufen, »für die ich nun, wie ich höre, mit dem grausamen Tod auf dem Pfahle belohnt werden soll«, schloss er mit Erbitterung.
Peter fühlte noch einmal, wie einsam er war. Wenn auch der aufrechte Fürst Jakow ein Verräter war, wem sollte er dann noch trauen?
Der Kapitänleutnant Grigorij Skornjakow-Pissarew brachte die frühere Zarin Awdotja, die jetzige Nonne Jelena aus Susdal nach Moskau. Unterwegs schrieb sie dem Zaren folgenden Brief:
»Allergnädigster Herr!
Vor einigen Jahren – in welchem Jahr es war, erinnere ich mich nicht mehr – wurde ich auf mein Gelübde hin im Susdalschen Kloster zu Mariä Schutz und Fürbitte als Nonne eingekleidet und mit dem Namen Jelena benannt. Nach meiner Einkleidung trug ich das Klosterhabit etwa ein halbes Jahr; da ich keine Nonne sein wollte, entsagte ich dem Klostergelübde, legte das Habit ab und lebte in jenem Kloster nur dem Schein nach als Nonne, in Wirklichkeit aber im Laienstand. Dies wurde von Grigorj Pissarew aufgedeckt. Und nun hoffe ich nur auf die Gnade Eurer Majestät. Indem ich mich Euch zu Füßen werfe, bitte ich um Barmherzigkeit und um Vergebung für mein Verbrechen, damit ich nicht eines schändlichen Todes sterbe. Und ich verspreche, wieder Nonne zu werden und bis an meiner Tage Ende in diesem Stande zu leben. Und ich werde zu Gott für dich, meinen Zaren, beten.
Eurer Majestät ergebenste Magd,
Eure ehemalige Frau Awdotja.«
Die Schatzmeisterin des gleichen Klosters, Schwester Maremjana sagte aus: