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Herstellung und Verlag

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ISBN

9783743172319

© 2012 Michael Weischede

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Die geheimnisvolle Höhle

Endlich Herbstferien! Alexander und ich nutzten die Gelegenheit und besuchten unsere Lieblingstante Petra – ganz genau, die Märchentante, wie meine Mutter manchmal zu sagen pflegt. Lisa, unsere kleine Schwester, war zum ersten Mal mit von der Partie. Aber sie schlief natürlich nur still und ruhig in ihrer Wiege – sie war noch viel zu klein, um mit uns zu spielen. Mama und Papa brachten uns bis zur Haustür und machten sich dann auf den Weg zu einem Besuch bei Freunden. Kaum dass sich die Haustür hinter unseren Eltern geschlossen hatte, drängte ich das Tantchen bereits auf spitzfindige Weise, uns ein paar ihrer unglaublichen Erlebnisse aus ihrem ereignisreichen Leben preiszugeben: „Tante Petra, warum kommt eigentlich Papa nie in deinen Geschichten vor? Er ist doch dein Bruder. Habt ihr nie etwas zusammen unternommen?“

„Tja, Niklas, das kommt daher, dass ich euch bisher nur Geschichten aus der Zeit erzählt habe, als euer Vater noch sehr klein war. Eure Großeltern erlaubten ihm damals noch nicht, mit mir gemeinsam loszuziehen. Außerdem verhielt sich euer Vater früher etwas, wie soll ich es sagen, nennen wir es mal überschwänglich. Oder tapsig. Oder etwas vorschnell. Na ja, er war halt mein kleiner Bruder.“

„Papa und tapsig, das kann ich mir gar nicht vorstellen“, antwortete ich. „Papa macht doch immer alles ganz genau und passt immer sehr gut auf.“

„Heute vielleicht. Aber früher ...“, Tante Petra unterbrach den Satz und gluckste vor sich hin. „Entschuldigt Kinder, aber ich erinnere mich gerade daran, was euer Papa früher so getrieben hat.“ Tante Petra gluckste weiter vor sich hin.

Alexander und ich sahen uns an: Warum kicherte Tante Petra denn so albern?

„Dann erzähl uns doch eine Geschichte, in der Papa und Du etwas zusammen erlebt habt“, sagte Alexander. „Dann können Niklas und ich uns selbst ein Bild machen.“

„Ja“, stimmte ich zu. „Bitte, bitte, bitte.“

„Na, gut“, ließ sich Tante Petra breitschlagen. „Dann setzt euch mal vor den warmen Ofen, und ich erzähle euch die Geschichte von der geheimnisvollen Höhle, die euer Vater und ich vor langer Zeit in den Bergen entdeckt haben.“ Sie machte es sich in dem großen braunen Ohrensessel gemütlich, starrte durch das kleine Fenster des Ofens in die Flammen und begann zu erzählen:

„Es war spät im Herbst, das weiß ich noch ganz genau. In der Nacht hatte es den ersten Frost gegeben, und am Morgen kratzte euer Vater im Kinderzimmer die Eisblumen vom Fenster ab. Normalerweise geht das ganz gut mit den Fingern, aber euer Vater hielt es für eine gute Idee, stattdessen sein Taschenmesser zu benutzen. Leider rutschte er mit dem Messer ab und es fuhr direkt in die Dichtung am Rand des Fensters. Dabei schnitt er ein etwa fingerlanges Stück der grauen Dichtungsmasse heraus. Euer Papa schaute sich erschreckt um, ob unsere Eltern etwas bemerkt hatten. Aber zum Glück war niemand zu sehen! Er betrachtete sich den Schlamassel und überlegte, wie man den Schaden unauffällig beheben könnte. Schließlich entschied er sich, die ganze Dichtung zu entfernen, damit das fehlende Stück keinem ins Auge springen würde.

Gleich nachdem er die Dichtung herausgerissen hatte, fiel ihm prompt die komplette Scheibe entgegen, weil sie nun keinen Halt mehr im Rahmen hatte. Ein kalter Luftzug strömte ins Zimmer. Schnell lief euer Vater zu seinem Kleiderschrank und schob ihn vor das Fenster. Danach wehte nur noch eine leichte Brise aus den Ritzen zwischen den Schranktüren. An die kahle Stelle, wo der Kleiderschrank stand, hängte er das große Bild aus dem Wohnzimmer. Leider fiel ihm das Bild beim Transport ins Kinderzimmer auf den Boden und der Rahmen verzog sich dabei ein bisschen. Mit etwas Tesafilm konnte er das Problem aber schnell lösen. Euer Vater betrachtete sein Werk: Alles in Ordnung – sein kleines Missgeschick würde sicher niemand bemerken.

Am Nachmittag kam der Glaser, um das Fenster wieder in Ordnung zu bringen. Opa werkelte im Keller am Bilderrahmen herum, und euer Papa saß traurig auf seinem Bett, weil er die nächsten zwei Monate kein Taschengeld bekommen würde. Um ihn etwas aufzuheitern, fragte ich: ‚Was meinst Du, Michael, sollen wir in die Berge gehen und die Höhle suchen, von der ich dir erzählt habe?’ Euer Vater war sofort Feuer und Flamme: Klar wollte er mitkommen – schon allein, um den vorwurfsvollen Blicken euer Großeltern zu entgehen.

‚Nimm aber deine Mütze und deinen Schal mit, Michael’, rief eure Oma hinterher, ‚und vergiss deine Handschuhe nicht.’

‚Ja, Mama’, antwortete euer Vater und zwinkerte mir zu. Er stopfte die besagten Dinge umgehend zurück in die unterste Kommodenschublade und lief dann schnell nach draußen. Ich verdrehte die Augen: Wie kann man nur so unvernünftig sein? Ich holte die Sachen wieder heraus und legte sie zu mir in den Rucksack, der deshalb kaum noch zuging. Schließlich hatte ich auch andere wichtige Dinge eingepackt: eine Taschenlampe, ein Seil, ein Stück Kreide, einen Kompass, eine Trinkflasche, ein paar Kekse – also alles, was ein Höhlenforscher für seine Entdeckungsreisen so braucht. Michael hat wahrscheinlich nur sein geliebtes Taschenmesser mitgenommen, dachte ich, und packte vorsichtshalber das Verbandspäckchen ein, das immer in der unteren Schublade des Flurschranks lag. Danach konnte es endlich losgehen.

Ich holte euren Vater an der Weggabelung nahe der alten Scheune ein, wo er schon ungeduldig auf mich wartete.

‚Trödel nicht so’, drängte er mich und lief schnellen Schrittes los. ‚Erzähl mir doch noch einmal ganz genau, was es mit der Höhle auf sich hat, Petra.’

Während ich hinter ihm her hechelte, wiederholte ich meine Geschichte: ‚Es ereignete sich drüben am Grannenberg, etwa auf halber Höhe des Berges. Ich lag gleich gegenüber bei Hannes Schmidhuber vor der Hütte auf der Wiese und sonnte mich ein wenig. Da sah ich den Höhleneingang – ganz deutlich. Ich ging zu Hannes in die Hütte und fragte ihn, ob er schon einmal einen Blick in die Höhle drüben am Grannenberg geworfen hätte. Doch der schaute mich nur verwundert an und meinte, es gäbe keine Höhle dort oben. Seltsam, dachte ich, und ging zurück auf die Wiese. Der dunkle Fleck hatte aber genauso ausgesehen wie ein Höhleneingang. Ich guckte noch einmal hinüber zum Berg und stellte erstaunt fest, dass der Höhleneingang verschwunden war. Hier und dort standen dichte Ginsterbüsche, ansonsten gab es nur den nackten Fels zu sehen. Trotzdem bin ich ganz sicher, dass ich etwas entdeckt hatte. Und heute werden wir hingehen und die Sache ganz genau untersuchen.’

‚Mensch, ist das aufregend’, sagte euer Vater und stampfte am Vorsicht-Steinschlag-Schild vorbei den Hang hinauf. Ich hielt an und rief: ‚Michael, nicht da entlang, das ist zu gefährlich, wir gehen besser den Umweg um den Kramberg.’

Er drehte sich um und lachte mich an: ‚Sei kein Feigling, Petra, ich bin schon tausend Mal hier entlanggegangen und nie ist etwas passiert.’ Euer Vater wandte sich um und ging weiter.

Währenddessen löste sich weiter oben ein faustgroßer Stein vom Hang und sauste den Berg hinunter. ‚Achtung, Micha’, rief ich und zeigte auf den Stein.

Euer Vater drehte sich wieder um, konnte mich aber nicht mehr hören. Er sah mich mit den Armen wedeln und äffte mich sofort lachend nach. Immer heftiger fuchtelte ich mit den Armen in der Luft herum, um ihn auf den Stein aufmerksam zu machen. Leider hat er mich nicht richtig verstanden. Er begann nun gleichfalls immer stärker mit den Armen zu wedeln. Schließlich machte er einen Hampelmann und klatschte dabei in die Hände.

Der Stein erwischte ihn voll am Hinterkopf. Euer Vater kippte vorn hinüber und lag bewusstlos auf dem Weg. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass sich keine weiteren Steine von Berghang lösten, begann ich, euren Vater zu bergen. Danach verband ich ihm die Platzwunde am Kopf, und schon bald war er wieder auf den Beinen. Im zweiten Anlauf schloss sich euer Vater meiner Meinung an, und wir gingen nun doch gemeinsam um den Kramberg herum. Wenig später erreichten wir unser Ziel, den Grannenberg.

‚Da sind wir ja schon’, sagte euer Papa. ‚Wo hast Du denn nun den angeblichen Höhleneingang gesehen?’

‚Es war kein angeblicher Höhleneingang, sondern ein ganz normaler Höhleneingang’, klärte ich ihn auf, ‚und gesehen habe ich ihn auf halber Höhe des Berges, ein wenig rechts über dem Felsen dort. Etwa da, wo der große Ginsterbusch steht.’ Mit dem Finger zeigte ich auf die besagte Stelle.

‚Na dann, lass uns weiter gehen.’ Mit diesen Worten marschierte euer Papa wieder los. Ich wollte zuerst hinter ihm herrufen, dass der Weg sehr rutschig ist, und wir uns besser mit einem Seil absichern sollten. Doch dann holte ich lieber gleich das Verbandszeug heraus. Warum seinen Atem verschwenden?

Es machte etwas Mühe, euren Vater zurück auf den Weg zu ziehen, aber zum Glück bescherte ihm der zweite Sturz an diesem Tage keine erneute Besinnungslosigkeit. ‚Recht rutschig der Weg’, bemerkte er etwas spät, aber inhaltlich völlig korrekt. Ich untersuchte die Platzwunde an der Schläfe und legte einen neuen Kopfverband an.

Gesichert mit einem Seil um den Bauch, ging es schon bald weiter. Wir stiegen eine Viertelstunde lang auf einem schmalen Pfad bergauf, als sich der Weg nach einem Felsvorsprung teilte. ‚Wohin jetzt?’, wollte euer Papa wissen. ‚Nach rechts oder nach links?’

Ich überlegte. ‚Schwer zu sagen’, antwortete ich. ‚Von unten sieht alles ganz anders aus. Wir teilen uns am besten auf. Ich gehe den linken Weg und Du den rechten. Sobald einer von uns etwas gefunden hat, pfeift er laut. Dann kommt der andere ihm sofort zu Hilfe.’

‚Gute Idee’, rief euer Vater und bog in den rechten Weg ab, ohne auch nur eine Sekunde auszuruhen. Ich schaute ihm nach und überlegte, ob das wirklich eine so gute Idee war. Konnte Michael überhaupt pfeifen? Ich schob meine Bedenken beiseite und begann, den linken Weg hinaufzusteigen. Nach einer Weile wurde der Pfad immer matschiger, und Steine und Wurzeln erschwerten das Gehen. Ich hielt aufmerksam Ausschau nach dem Höhleneingang, konnte aber nichts entdecken. Die Felswand vor und über mir war steinig und glatt, und es gab nichts Auffälliges zu sehen. Auf einem hübschen sonnigen Stück Wiese machte ich Halt, um einen kleinen Kraftriegel zu essen und ein wenig auszuruhen.

Ich lag auf dem Rücken und zählte die Wölkchen, als das Gezwitscher der Vögel durch einen Misston unterbrochen wurde. Michael kann ja doch eine Art Pfeifton von sich geben, dachte ich. Aber warum endete der Ton so plötzlich? Ich packte meinen Rucksack, legte das Verbandszeug ganz nach oben und machte mich auf den Weg zurück zur Weggabelung.

Nachdem ich den rechten Weg eingeschlagen hatte, dauerte es nicht lange, bis ich Michael auf einer kleinen Wiese vor der Felswand liegen sah. Er blutete ein wenig am Hinterkopf, aber das überraschte mich nicht wirklich. Da es sich nur um eine kleine Schramme handelte, verzichtete ich auf einen weiteren Verband – ich hielt es für besser, noch einige Wundauflagen für den Nachhauseweg aufzuheben.

Ich schüttete Michael ein paar Tropfen kaltes Wasser ins Gesicht, und schon bald war er wieder putzmunter. ‚Was ist passiert?’, fragte ich ihn.

‚Ich weiß auch nicht’, sagte er. ‚Ich kam an dem großen Ginsterbusch vorbei’ – dabei zeigte er auf die nackte Felswand hinter ihm – ‚als ich da vorne den Höhleneingang gesehen habe.’ Jetzt richtete er den Finger auf einen großen Ginsterbusch, der sich ein paar Meter weiter an die Felswand schmiegte. ‚Ich setzte gerade zu meinem berühmten Gebirgspfiff an, aber bevor er seine volle Lautstärke erreichte, bekam ich einen Schlag auf den Hinterkopf und verlor die Besinnung. Eine sehr, sehr merkwürdige Geschichte.’

Ich schaute auf den fußballgroßen Stein, der vor ihm auf der Wiese lag. Bestimmt ist er darüber gestolpert, als er versuchte, eine Art Pfeifen über seine Lippen zu bringen. Gar nicht merkwürdig.

‚Ja, das ist wirklich seltsam’, sagte ich und schaute mit einem vielsagenden Blick auf den Stein. ‚Wir sollten uns hier einmal genauer umschauen.’ Das hielt ich in Wirklichkeit aber für eine ziemliche Zeitverschwendung.

Während euer Vater umhersuchte, prüfte ich noch einmal eingehend den Proviant und aß noch den einen oder anderen Schokoriegel, um Kräfte für den Rückweg zu gewinnen. Schließlich verschwand euer Vater in dem großen, dornigen Ginsterbusch, und ich bereitete vorsichtshalber das Verbandszeug vor.

Während ich in der Sonne saß und auf euren Vater wartete, fielen mir Schleifspuren auf, die von der Felswand zum Ginsterbusch führten. Sofort setzte ich mich auf und ging hinüber zur Felswand, um die rätselhaften Spuren zu untersuchen. Es muss ein ziemlich schweres Etwas gewesen sein, denn die Spuren gruben sich stark in den feuchten Grasboden ein. Ab und an lagen frische grüne Ginsterblätter und auch einige Dornen in den Furchen. Da wurde mir sofort alles klar.

‚Jemand hat den Ginsterbusch vor den Höhleneingang geschleift, damit man ihn nicht entdecken kann’, rief ich in den Busch.

‚Wie bitte? Aua! Was hast Du gesagt? Aua! Du glaubst nicht, was ich entdeckt habe, Petra. Aua, blöde Dornen.’ Total zerkratzt und blutig im Gesicht, tauchte euer Vater wieder zwischen den Ästen hervor. ‚Der Höhleneingang liegt hinter dem Ginsterbusch’, berichtete er stolz.

‚Gute Arbeit’, log ich. ‚Aber jetzt komm erst einmal her, damit ich dein Gesicht verarzten kann.’

Nachdem alle Blutungen gestillt waren, stellten wir uns direkt vor den Busch und betrachteten ihn aufmerksam. Wer macht sich die Mühe, so einen großen Busch hin und her zu schieben, um den Eingang der Höhle zu verstecken? Dieses Geheimnis wollten wir natürlich lüften.