Über dieses Buch

Als Lillebror aus den Ferien nach Hause kommt, hat er nur einen Gedanken: Hoffentlich wohnt Karlsson noch immer auf dem Dach! Doch da klopft es schon ans Kinderzimmerfenster – und Karlsson fliegt herein, frisch, munter, selbstbewusst und immer zu neuen Streichen aufgelegt! Spaß will Karlsson haben – und den hat er. Besonders dann, wenn er sich als Gespenst verkleidet …

Astrid Lindgren (19072002) gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt. Sie hat neben den Brüder Löwenherz viele andere liebenswerte Kinderbuchfiguren geschaffen, wie Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü oder Ronja Räubertochter, und ihre Geschichten, Märchen und Erzählungen zählen längst zu den Klassikern der Kinderliteratur. Astrid Lindgren wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Alternativen Nobelpreis. Ihr zu Gedenken schuf die schwedische Regierung den »Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis« für Werke, die von dem tief humanistischen Geist geprägt sind, der mit Astrid Lindgren verknüpft ist.

 

Mehr über Astrid Lindgren erfahrt ihr hier.

 

Ilon Wikland, 1930 in Estland geboren, studierte Kunst in Stockholm und London und arbeitet als freie Illustratorin. 1954 begann ihre Zusammenarbeit mit Astrid Lindgren, aus der mehr als dreißig Bücher hervorgegangen sind. Ilon Wikland wurde für ihr Gesamtwerk mit dem Elsa-Beskow-Preis ausgezeichnet und bereits mehrfach für den »Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis« nominiert.

 

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© 1995 Verlag Friedrich Oetinger GmbH (AG Hamburg, HRB 105882), Poppenbütteler Chaussee 53, 22397 Hamburg, USt-ID: DE 260141424, Vertretungsberechtigte Geschäftsführer: Silke Weitendorf, Julia Bielenberg, Telefon: +49 40 607909-02, Telefax: +49 40607-2326, E-Mail: oetinger@verlagsgruppe-oetinger.de, Internet: www.oetinger.de

 

Alle Rechte für die deutschsprachige Ausgabe vorbehalten

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

© Text: Astrid Lindgren 1962 / The Astrid Lindgren Company AB

© Illustrationen: Ilon Wikland 1962 / Design Ilon Wikland AB

Die schwedische Originalausgabe erschien bei Rabén & Sjögren, Stockholm, unter dem Titel Karlsson på taket flyger igen

Die deutsche Ausgabe erschien erstmalig 1963 im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg

Deutsch von Thyra Dohrenburg

Cover und Illustrationen von Ilon Wikland

Auslandsrechte vertreten durch The Astrid Lindgren Company AB, Lidingö, Schweden. Mehr Informationen unter info@astridlindgren.se

 

 

www.astridlindgren.com

www.astrid-lindgren.de

 

E-Book-Umsetzung: Arhebis Digital Systems, Timisoara, Rumänien, 2019

 

ISBN 978-3-96052-123-5

 

www.oetinger.de

www.oetinger.de/ebooks

Cover

 

 

 

 

 

Lillebror ist das schwedische Wort für Brüderchen.

Karlsson fliegt wieder

Die Welt ist so groß, und es gibt so viele Häuser. Große Häuser und kleine Häuser gibt es, hübsche Häuser und hässliche Häuser, alte Häuser und neue Häuser. Und dann gibt es ein ganz, ganz kleines Haus für Karlsson vom Dach. Es ist das beste Haus der Welt, findet Karlsson, und genau das richtige für den besten Karlsson der Welt. Das findet Lillebror auch.

Lillebror wohnt mit Mama und Papa und mit Birger und Betty in einem ganz gewöhnlichen Haus in einer ganz gewöhnlichen Straße in Stockholm. Aber oben auf dem Dach gleich hinter dem Schornstein, da steht das kleine Karlssonhaus mit seinem Türschild, auf dem steht:

KARLSSON VOM DACH

Der beste Karlsson der Welt

Man mag es vielleicht sonderbar finden, dass jemand auf dem Dach wohnt, aber Lillebror sagt:

»Was ist denn da Komisches dran? Die Leute dürfen doch wohnen, wo sie wollen!«

Mama und Papa finden ebenfalls, die Leute dürfen wohnen, wo sie wollen. Aber anfangs haben sie nicht geglaubt, dass es den Karlsson gibt. Birger und Betty glaubten es auch nicht. Sie wollten nicht glauben, dass da oben ein kleiner dicker Mann wohnte, der seinen Propeller auf dem Rücken hatte und fliegen konnte.

»Du schwindelst, Lillebror«, sagten Birger und Betty. »Karlsson ist nur eine Erfindung.«

Lillebror fragte sicherheitshalber Karlsson, ob er eine Erfindung sei, aber da sagte Karlsson:

»Die sind selber ’ne Erfindung.«

Mama und Papa meinten, Karlsson sei nur ein erdachter Spielgefährte von Lillebror, wie ihn sich manche Kinder zulegen, wenn sie sich einsam fühlen.

»Der arme Lillebror«, sagte Mama. »Birger und Betty sind so viel älter. Er hat niemanden zum Spielen. Deshalb phantasiert er von diesem Karlsson.«

»Ja, wir werden ihm wohl einen Hund schenken müssen«, sagte Papa. »Den hat er sich schon lange gewünscht. Und wenn er den erst hat, vergisst er Karlsson.«

So ging es zu, dass Lillebror Bimbo bekam. Er bekam einen Hund, der ihm allein gehörte. Das war an dem Tag, als er acht Jahre alt wurde.

Es war auch genau der Tag, an dem Mama und Papa und Birger und Betty endlich Karlsson zu sehen kriegten. Wahrhaftig, sie sahen ihn! Und das ging so zu:

Lillebror feierte in seinem Zimmer Geburtstag. Er hatte Krister und Gunilla eingeladen. Die gingen mit ihm in dieselbe Klasse. Und als nun Mama und Papa und Birger und Betty hörten, wie drinnen bei Lillebror gelacht und geredet wurde, sagte Mama:

»Kommt, wir schauen mal hinein! Sie sind ja so süß!«

»Ja, das machen wir«, sagte Papa.

Und was sahen sie, Mama und Papa und Birger und Betty, als sie die Tür öffneten und in Lillebrors Zimmer hineinguckten! Wer saß da an der Geburtstagstafel mit Sahnetorte im ganzen Gesicht und futterte, dass er schier platzte? Wer anders als ein dicker kleiner Mann, der johlte und schrie:

»Heißa hopsa, mein Name ist Karlsson vom Dach. Ihr habt wohl noch nicht die Ehre gehabt, mich kennenzulernen, glaube ich.«

Es fehlte nicht viel und Mama wäre ohnmächtig geworden. Und Papa wurde ganz nervös.

»Erzählt das bloß keinem Menschen«, sagte er. »Absolut niemandem.«

»Weshalb denn nicht?«, fragte Birger.

Und Papa erklärte, warum nicht:

»Stellt euch vor, was es hier für einen Trubel gäbe, wenn die Leute das mit Karlsson merkten. Er würde ins Fernsehen kommen, versteht ihr. Wir würden im Treppenhaus über Fernsehdrähte und Filmkameras stolpern, und alle halbe Stunde würde ein Pressefotograf kommen und Karlsson und Lillebror fotografieren wollen. Der arme Lillebror, er würde ›der Junge, der Karlsson vom Dach entdeckt hat‹ werden – wir hätten in unserem ganzen Leben keine ruhige Stunde mehr.«

Das sahen Mama und Birger und Betty ein, und darum versprachen sie sich gegenseitig in die Hand, keinem jemals von Karlsson zu erzählen.

Nun war es so, dass Lillebror am Tag nach seinem Geburtstag zu seiner Großmutter aufs Land fahren und dort den ganzen Sommer bleiben sollte. Darauf freute er sich sehr, aber er machte sich Sorgen wegen Karlsson. Was konnte Karlsson nicht unterdessen alles einfallen! Man stelle sich vor, wenn er verschwände und wegbliebe!

»Lieber, lieber Karlsson, es ist doch ganz sicher, dass du noch auf dem Dach wohnst, wenn ich von meiner Großmutter zurückkomme?«, fragte Lillebror.

»Das kann man nie wissen«, sagte Karlsson. »Ich fahre auch zu meiner Großmutter. Die ist viel großmuttriger als deine, und sie findet, ich bin der beste Enkel der Welt. Man kann also nie wissen … Sie wäre ja dumm, wenn sie den besten Enkel der Welt verlassen würde, nicht wahr?«

»Wo wohnt deine Großmutter?«, fragte Lillebror.

»In einem Haus«, erwiderte Karlsson. »Glaubst du, sie rennt nachts immer draußen herum?«

Mehr erfuhr Lillebror nicht. Und am nächsten Tag fuhr er zu seiner Großmutter.

Bimbo nahm er mit. Auf dem Lande war es schön. Lillebror spielte den ganzen Tag. An Karlsson dachte er nicht so oft. Aber als die Sommerferien zu Ende waren und er nach Stockholm zurückkehrte, da fragte er nach Karlsson, kaum dass er zur Tür hereingekommen war.

»Mama, hast du Karlsson mal gesehen?«

Mama schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Er ist sicher weggezogen.«

»Red doch nicht so«, sagte Lillebror. »Ich will, dass er immer weiter auf dem Dach wohnt, er muss zurückkommen.«

»Aber du hast doch Bimbo«, versuchte Mama ihn zu trösten. Sie fand es ganz schön, Karlsson los zu sein.

Lillebror streichelte Bimbo. »Ja, natürlich. Und er ist so lieb. Aber er hat keinen Propeller und kann nicht fliegen, und mit Karlsson kann man besser spielen.«

Lillebror lief in sein Zimmer und machte das Fenster auf.

»Karlsson, bist du da oben?«, schrie er so laut, wie er konnte. Aber er bekam keine Antwort. Und am nächsten Tag musste Lillebror wieder in die Schule. Er ging jetzt in die zweite Klasse. Jeden Nachmittag saß er dann in seinem Zimmer und machte Schulaufgaben. Er hatte das Fenster geöffnet, damit er hören konnte, ob irgendein Motor brummte, der wie Karlssons klang. Aber das einzige Brummen, das er hörte, kam von den Autos unten auf der Straße und manchmal von einem Flugzeug, das über die Dächer geflogen kam, nie das Brummen von Karlssons Motor.

»Ja, er ist wohl weggezogen«, sagte Lillebror traurig vor sich hin. »Er kommt wohl nie mehr zurück.«

Wenn er abends ins Bett gegangen war, dachte er an Karlsson, und manchmal weinte er leise ein bisschen unter der Bettdecke, weil Karlsson weg war. So vergingen die Tage mit der Schule und den Schularbeiten und keinem Karlsson.

Eines Nachmittags saß Lillebror in seinem Zimmer und beschäftigte sich mit seinen Briefmarken. Er hatte schon eine ganze Menge in seinem Briefmarkenalbum, aber ziemlich viele warteten noch darauf, eingeklebt zu werden. Lillebror machte sich an die Arbeit und war bald fertig mit dem Einkleben. Nur eine Briefmarke war noch übrig, die allerschönste, die hatte er sich bis zuletzt aufgehoben. Es war eine deutsche Marke mit Rotkäppchen und dem Wolf drauf, oh, Lillebror fand sie so hübsch. Er legte sie vor sich auf den Tisch.

Im selben Augenblick hörte er ein Brummen draußen vor dem Fenster. Ein Brummen, das so klang wie – ja, tatsächlich, es klang wie Karlsson. Und es war Karlsson. Er dröhnte geradewegs zum Fenster herein und schrie: » Heißa hopsa, Lillebror!«

»Heißa hopsa, Karlsson!«, rief Lillebror.

Er sprang auf und stand ganz glücklich da und sah zu, wie Karlsson ein paar Runden um die Deckenlampe machte, ehe er mit einem kleinen Plumps vor Lillebror landete. Sobald Karlsson den Motor abgestellt hatte, wollte Lillebror auf ihn zustürzen und ihn umarmen. Aber da stieß Karlsson ihn mit seiner kleinen dicken Hand zurück und sagte:

»Ruhig, ganz ruhig! Gibt’s was zu essen? Ein paar Fleischklöße oder so was? Oder vielleicht ein bisschen Sahnetorte?«

Lillebror schüttelte den Kopf. »Nee, heute hat Mama keine Fleischklöße gemacht. Und Sahnetorte haben wir nur, wenn Geburtstag ist.«

Karlsson schnaubte. »Was ist das eigentlich für eine Familie? ›Nur wenn Geburtstag ist‹? Wenn aber ein lieber alter Freund kommt, den man monatelang nicht gesehen hat? Man sollte doch meinen, dass deine Mama das ein bisschen in Schwung bringt.«

»Ja, aber wir wussten nicht …«, begann Lillebror.

»Wussten nicht«, sagte Karlsson. »Ihr hättet hoffen können. Ihr hättet hoffen können, dass ich eines Tages käme, und das hätte deiner Mama genügen müssen, mit der einen Hand Klöße zu drehen und mit der anderen Sahne zu schlagen.«

»Wir hatten Bratwurst zu Mittag«, sagte Lillebror beschämt. »Vielleicht möchtest du …«

»Bratwurst! Wenn ein lieber alter Freund kommt, den man monatelang nicht gesehen hat!«

Karlsson schnaubte wieder. »Na ja, will man in diesem Haus verkehren, dann muss man lernen, alles Mögliche zu ertragen … Her mit der Bratwurst!«

Lillebror rannte, so schnell er konnte, in die Küche. Mama war nicht zu Hause, sie war beim Arzt, deswegen konnte er sie nicht fragen. Er wusste aber, dass er Karlsson zu Bratwurst einladen durfte. Auf einem Teller lagen fünf übrig gebliebene Stücke, und die nahm er für Karlsson mit. Und Karlsson stürzte sich darauf wie ein Habicht. Er stopfte sich den Mund mit Bratwurst voll und sah ganz zufrieden aus.

»Na ja«, sagte er, »für Bratwurst schmeckt sie gar nicht so übel. Natürlich nicht so wie Fleischklöße, aber von manchen Leuten darf man nicht zu viel verlangen.«

Lillebror verstand, dass er »manche Leute« war, und daher beeilte er sich, von etwas anderem zu reden.

»Hattest du es schön bei deiner Großmutter?«, fragte er.

»Ich hatte es so schön, dass man es gar nicht erzählen kann«, sagte Karlsson. »Und darum habe ich mir auch vorgenommen, nichts davon zu erzählen.« Und er biss hungrig in seine Wurst.

»Ich hatte es auch schön«, sagte Lillebror. Er begann Karlsson zu erzählen, was er alles bei seiner Großmutter gemacht hatte. »Sie ist so lieb, so lieb, meine Großmutter«, sagte Lillebror. »Und du kannst dir nicht vorstellen, wie sie sich gefreut hat, als ich kam. Sie hat mich gedrückt, so sehr sie konnte.«

»Warum denn?«, fragte Karlsson.

»Weil sie mich gernhat. Verstehst du das nicht?«, sagte Lillebror.

Karlsson hörte auf zu kauen.

»Und du denkst natürlich, meine Großmutter hat mich nicht besonders gern, was? Du glaubst natürlich nicht, dass sie sich auf mich geschmissen und mich gedrückt hat, bis ich blau im Gesicht wurde, nur weil sie mich so gernhat, das glaubst du nicht, was? Aber ich will dir mal was sagen: Meine Großmutter hat ein Paar kleine Fäuste, so hart wie Eisen, und wenn sie mich nur noch ein einziges Gramm mehr gemocht hätte, dann säße ich jetzt nicht hier, dann wär’s mit mir aus gewesen.«

»Aha«, sagte Lillebror, »die Großmutter, die konnte aber mächtig drücken.«

So sehr hatte seine Großmutter ihn allerdings nicht gedrückt, aber sie hatte ihn doch gern, und sie war auch immer gut zu ihm gewesen. Das machte er Karlsson klar.

»Sie kann aber auch so meckrig sein wie keine auf der Welt«, sagte Lillebror, nachdem er eine Weile überlegt hatte. »Sie meckert immerzu und immerzu, man soll die Strümpfe wechseln und man soll sich nicht mit Lasse Jansson hauen und so was alles.«

Karlsson schleuderte den Teller weg, der jetzt leer war.

»Und du glaubst natürlich, meine Großmutter wäre gar nicht meckrig, was? Du glaubst natürlich nicht, dass sie den Wecker gestellt hat und jeden Morgen um fünf Uhr hochgespritzt ist, nur um lange genug meckern zu können, ich solle die Strümpfe wechseln und mich nicht mit Lasse Jansson hauen?«

»Kennst du Lasse Jansson denn?«, fragte Lillebror erstaunt.

»Nein, Gott sei Dank nicht«, sagte Karlsson.

»Aber warum hat deine Großmutter denn gesagt …«, fragte Lillebror.

»Weil sie die meckrigste Großmutter der Welt ist«, sagte Karlsson. »Vielleicht kapierst du es jetzt endlich. Du kennst Lasse Jansson, wie kannst du dann behaupten, deine Großmutter wäre so meckrig wie keine auf der ganzen Welt? Aber meine Großmutter, die meckert den ganzen Tag, dass ich mich nicht mit Lasse Jansson hauen soll, obwohl ich den Kerl nie gesehen habe und von ganzem Herzen hoffe, ich brauche ihn auch nie zu sehen.«

Lillebror grübelte. Es war wirklich sonderbar: Ihm hatte es sehr wenig gefallen, wenn die Großmutter an ihm herummeckerte, aber jetzt hatte er plötzlich das Gefühl, er müsse Karlsson übertrumpfen und die Großmutter meckriger machen, als sie war.

»Sowie ich nur ein ganz, ganz bisschen nasse Füße hatte, fing sie an zu meckern, ich solle die Strümpfe wechseln«, versicherte Lillebror.

Karlsson nickte.

»Und du glaubst natürlich, meine Großmutter wollte nicht, dass ich die Strümpfe wechsle, was? Du glaubst natürlich nicht, dass sie durch das ganze Dorf angeprescht kam, sowie ich draußen war und in eine Wasserpfütze trat, und meckerte und meckerte: ›Wechsle die Strümpfe, Karlssonchen, wechsle die Strümpfe!‹ Das glaubst du wohl nicht, was?«

Lillebror drehte und wand sich. »Doch, das kann schon sein …«

Karlsson drückte ihn auf einen Stuhl und stellte sich vor ihn, die Hände in die Seiten gestemmt.

»Nee, das glaubst du nicht. Aber jetzt hör mal zu, ich werde dir erzählen, wie es war. Ich war draußen und trat in eine Wasserpfütze – kapierst du das? Und ich hatte mächtigen Spaß. Und mittendrin kommt Großmutter angeprescht und schreit, dass es im ganzen Dorf zu hören ist: ›Wechsle die Strümpfe, Karlssonchen, wechsle die Strümpfe!‹ «

»Und was hast du gesagt?«, fragte Lillebror.

» ›Das tu ich aber nicht‹, sagte ich, denn ich bin der Ungehorsamste der Welt«, versicherte Karlsson. »Und darum bin ich Großmutter weggerannt und auf einen Baum geklettert, um Ruhe zu haben.«

»Da war sie wohl baff«, sagte Lillebror.

»Man merkt, dass du meine Großmutter nicht kennst«, sagte Karlsson. »Großmutter ist hinterhergekommen.«

»Auf den Baum rauf?«, fragte Lillebror erstaunt.

Karlsson nickte. »Du glaubst natürlich, meine Großmutter könnte nicht auf Bäume klettern, was? O doch, du, wenn sie meckern will, dann klettert sie so hoch, wie man’s nicht für möglich hält. ›Wechsle die Strümpfe, Karlssonchen, wechsle die Strümpfe‹, sagte sie und rutschte auf dem Ast entlang, auf dem ich saß.«

»Was hast du da gemacht?«, fragte Lillebror.

»Ja, was sollte ich machen«, sagte Karlsson. »Ich wechselte die Strümpfe, da war nichts zu wollen. Hoch oben auf dem Baum, auf einem kümmerlichen kleinen Ast, da saß ich und wechselte unter Lebensgefahr die Strümpfe.«

»Haha, jetzt hast du aber gelogen«, sagte Lillebror. »Oben auf dem Baum hattest du doch keine Strümpfe zum Wechseln bei dir.«

»Du bist aber schön dumm«, sagte Karlsson. »Ich hatte keine Strümpfe zum Wechseln?«

Er zog die Hosen hoch und zeigte auf seine kurzen dicken Beine in heruntergerutschten Ringelstrümpfen.