Impressum:

Bibliografische Informationen:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet die Publikation

im Internet unter: www.dnb.de

Horst Reiner Menzel

Dieselstraße 8

71546 Aspach

Autor, Lyriker und Aphoristiker

doremenzel@gmx.de

Website: https://horst-reiner-menzel.jimdo.com/

Entstanden in den Jahren 2005 - 2021

2021 überarbeitet

Herstellung und Verlag BoD Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN- 9783754336359

Alle Rechte und © Copyright beim Autor Horst Reiner Menzel

Erinnerungen an die Vorfahren,

an den Krieg und die Nachkriegsjahre.

Eine Episoden-Geschichte Kurzgeschichten

und Anekdoten wie sie das Leben schreibt.

von Horst Reiner Menzel

Vorwort

Lebensabschnitte ist ein Erzählbuch in Episoden, es beginnt in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Heimatstadt des Autors in Spremberg „Der Perle der Lausitz". Der Autor, kurz vor Kriegsbeginn geboren, rechnet sich einer „Übergangsgeneration“ zu, die als letzte die sogenannte „gute alte Zeit“ noch selbst kennenlernten. „Von der Schreibmaschine zum Computer“, „von der Kutsche ins Technologiezeitalter“. Er erlebte noch das Ende des Zweiten Weltkrieges, schildert die Kriegsjahre aus seiner Kindersicht, die Ereignisse beim Sturmlauf der russischen Armeen, die seine Heimatstadt und sein Elternhaus überrollten. Es folgten die Nachkriegsjahre im russischkommunistischen DDR-System und der Wiederaufbau Westdeutschlands, den diese Generation maßgeblich prägte. In lustigen und teilweise auch dramatischen Geschichten, die aber doch einen fortlaufenden Ereignisstand in seinem Lebenslauf darstellen, zeichnet er ein Abbild der damaligen Lebensverhältnisse. Eingefügt sind von ihm selbst verfasste Gedichte und Aphorismen, die ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft wiedergeben und zum Nachdenken anregen sollen. Die geschilderten Ereignisepisoden der Jahre von 1939 - 2020 sind keine romanhaften Erfindungen des Autors, sondern haben tatsächlich stattgefunden. Das gilt auch für die Kurzgeschichten und kleinen Schmankerl, die das Buch am Ende schmunzelnd ausklingen lassen.

Wieder Wasser trinken, statt Champagner!

Gestern war noch die nachdenkliche, betuliche, heile Welt. Wenn die Tagesarbeit vollbracht war, widmete man sich den kleinen Freuden des einfachen Beisammenseins im Tagesausklang. Die Begegnung von Jung und Alt war eine Selbstverständlichkeit. Man lernte nicht aus Büchern, sondern hörte den Älteren mit Begeisterung zu, wenn sie aus ihrem Leben berichteten. Die Geschichten die sie erzählten, waren aufregend und spannend zugleich. Die Erzählkultur und die Sangeskunst ermunterten die Jungen mitzutun und so verbreiteten sich viele Lieder und Geschichten allein durch die Oral-Historie, - von Mund zu Ohr und wieder zum Mund über Jahrhunderte auch ohne den Buchdruck, ohne Zeitungen, ohne Radio, Fernsehen und die Handypest. Der moderne Mensch unterliegt ohne es zu bemerken einer Informationsflut, die nach und nach seine Aufnahmefähigkeit für das wirkliche Leben erlahmen lässt. Die Vergnügungssucht kennt keine Grenzen, eine neue Variante scheint die Demo-Zerstörungswut zu sein. Die Wissenschaft nennt diesen permanenten Zustand: „Reizüberflutung“. Niemand kann sich dem entziehen, wen wundert es noch, wenn niemand Zeit hat, einem anderen zuzuhören, wenn er ein Problem hat oder krank ist. Wer tröstet, wer kümmert sich im Krankenhaus um die kranke Seele eines Patienten? Schnell, schnell noch eine Beruhigungspille reinhauen, ruhigstellen, das ist die Devise. Statt mal ein gutes Buch in die Hand zu nehmen, hängt über dem Bett, wie könnte es anders sein, ein Fernseher. Statt einmal seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, dattelt man auf dem Handy herum, man könnte ja ein paar News’ verpassen. Statt der geschundenen Seele eine Ruhepause zu gönnen, vertieft man sich in die Handy-Daumen-

Vergewaltigung der deutschen Sprache.

Aus dem Fenster schauen und die Wolken studieren,

die Seele baumeln lassen, in sich selbst verlieren.

Das Kaleidoskop am blauen Himmel,

ersetzt das nervige Gebimmel.

Rei©Men

Der Autor Horst Reiner Menzel

Inhaltsverzeichnis:

-Die Übergangsgeneration-

Als ich Ende der 1930ziger Jahre geboren wurde, lebten auf der Erde ca. 1,2 Milliarden Menschen. Das Leben war beschaulicher, man hatte mehr Zeit für Privates, der „Papierkram“ eines 80-jährigen Lebens passte in eine Schublade und Fotos in ein einziges Album. Man saß abends zusammen, beredete den vergangenen Tag, ging in eine Kneipe, trank mit Freunden ein Bier, spielte eine Runde Skat, traf sich im Sportverein oder anderen Organisationen, wie Musik- Bienenzüchter- Schach- und Gesangvereinen. Auf der Straße verkehrten nur sehr wenige Autos, ein Führerscheinbesitzer war jemand den man bewunderte, Autos hatten nur reiche Leute, Ärzte, oder Berufsfahrer, es gab nur eine einzige Geschwindigkeitsbeschränkung, nämlich 50 km/h innerhalb geschlossener Ortschaften.

Mit Zwanzig war das Leben so einfach,

dass man es überhaupt nicht bemerkte.

Rei©Men

Jeder Mann war darauf stolz, wenn er es geschafft hatte eine Arbeitsstelle zu haben um Geld zu verdienen, mit dem er seine Familie unterhalten konnte. Ledige Frauen nannte man Frollein`s auch wenn sie schon uralt waren. Sie gingen zwar auch arbeiten, aber wenn Frauen heirateten, blieben sie meistens zuhause, waren glücklich und zufrieden, dass sie einen Mann gefunden hatten, mit dem sie eine Familie gründen konnten. Erst wenn die Kinder sie nicht mehr so intensiv benötigten, gingen manche auch wieder zur Arbeit. Man betrachtete damals die Arbeit, mehr oder weniger, als notwendiges Übel, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Allerdings mussten damals in den Betrieben immer die Männer die schwerste Arbeit verrichten, wurden früher krank und starben eher. Es war einfach nicht so erstrebenswert jeden Tag in die „Tretmühle“ oder "Maloche" zu gehen, wie das damals so hieß. Wenn es zum Leben reichte, war man zufrieden. In den Dörfern und Kleinstädten kannte jeder Jeden, die Mütter sagten zu ihren Kindern: „Wenn du Hilfe brauchst, frage einen Erwachsenen oder den Polizisten, der immer an der Ecke steht“. Bei Zusammenkünften und Feierlichkeiten sang man schöne Lieder, die jeder auswendig konnte, zitierte Gedichte, die Alten erzählten von früher und die Jugend hörte ihnen noch zu, denn da konnte man sehr vieles lernen. Um 24 Uhr, wenn schon alles schlief und auch die letzten Nachzügler im Bett waren, wurden in der Stadt die Gaslaternen ausgemacht und die Polizei ging alle paar Stunden durch die Straßen, sah nach dem Rechten und schaute auch in die dunklen Gassen und Ecken, ob alles in Ordnung war. Weil man sich unmöglich machte und außerhalb der Gesellschaft stellte, gab es nur wenige Diebe, richtige Verbrecher noch weniger. Wenn sich jemand etwas zu Schulden kommen ließ, erfuhr die ganze Stadt davon, derjenige schämte sich und war "untendurch", wie das damals so hieß. War jemand einmal als unzuverlässig bekannt, wurde er gemieden. Deshalb ließ es niemand soweit kommen. War es doch passiert, entschuldigte man sich bei allen, benahm sich anständig und wurde nach einiger Zeit der Bewährung wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Viele Konflikte wurden durch Gespräche, auch unter Mithilfe von Nachbarn, Verwandten, Lehrern und sonstigen Respektspersonen bereinigt, ohne die Gerichte zu bemühen. Manche Streitigkeiten, hauptsächlich solche, wenn die Mannesehre beleidigt worden war, wurden mit den Fäusten „besprochen“, da kannte man kein Pardon. Kinder wurden dazu angehalten das Alter zu achten, älteren Menschen im Bus oder der Bahn einen Sitzplatz freizumachen, kurz, jeder Erwachsene hatte die Macht unartige Kinder oder auch ausgerastete Erwachsene zur Räson zu bringen. Gab es Pöbeleinen von Halbstarken, wie man die Jugendlichen damals nannte, taten sich ein paar Männer zusammen, um wieder Ordnung zu schaffen. Meistens reichte schon eine Drohgebärde von einigen Erwachsenen oder man schnauzte sie an: „Das werde ich deinem Vater sagen“ und schon war der Frieden wiederhergestellt. Reichte das noch nicht oder in Situationen, wo man angegriffen wurde, gab es eine auf die Nuss - aber:

Wer im Streit anfängt mit den Fäusten zu reden,

spricht die falsche Sprache.

Rei©Men

Doch kein Sünder wäre auf die Idee gekommen sich bei der Polizei zu beschweren oder einen Anwalt einzuschalten, denn meistens wusste er um sein Fehlverhalten und hing es nicht noch an die große Glocke, damit es dann zum Stadtgespräch wurde.

Die gewaltfreie Gesellschaft gebiert Menschen,

die nicht mehr in der Lage sind,

sich gegen die Gewaltbereiten zu verteidigen.

Rei©Men

Früher gab es noch Männer,

heutzutage wird man dafür bestraft,

wenn man sich nicht alles gefallen lässt.

Männer dürfen keine mehr sein, weil Gesellschaft und

Gerichtsbarkeit sie zu Maulhelden degradiert haben.

Rei©Men

So wurde die sogenannte Kriegs- und Nachkriegsgeneration zu Zeugen einer Übergangsgesellschaft von der landwirtschaftlich geprägten Lebensweise zur Hightech- Gesellschaft, von der Sense und der Pferdekutsche zum Auto und Flugzeug, vom Stummfilm zum Medienkonsumenten, von der Schreibmaschine zum Computer. Wir waren die letzten, die die sognannte gute alte Zeit noch erleben durften. Sie war bestimmt nicht besser, nur etwas mehr von Vernunft und Verstand in allen Lebensfragen durchwachsen. Viel ruhiger, möchte man meinen, Kinder konnten noch auf der Straße spielen, ohne gleich in Lebensgefahr zu geraten. Abends gingen die Gaslaternen an und es galt als unfein, vor 9 Uhr morgens oder nach 20 Uhr abends, jemanden zu besuchen oder nach 22 Uhr noch Lärm zu machen. Man ging schlafen, um sich für den nächsten Arbeitstag auszuruhen. Vergnügungen gab es nur an den Samstagen, da ging man „aus“ wie man das damals nannte. In den meisten Dorfschenken und vielen Lokalen, die Säle hatten, wurde Tanzmusik gemacht. Die Kapellen spielten ohne Verstärkeranlagen live, und waren mit ziemlich vielen Musikern besetzt, um die notwendige Lautstärke erzeugen zu können. Die Bezahlung war nicht so üppig, gespielt wurde auch mehr aus Freude am Spiel und Spaß an der Musik, denn Radios hatten die wenigsten. Der Sonntag wurde im Kreis der Familie genossen. Da machte man dann mit Stock und Hut Ausflüge in die nähere Umgebung, „spazieren gehen“ nannte man das. An schönen Tagen wurden Radtouren und Badeausflüge gemacht, die aber an natürlichen Gewässern stattfanden. An Himmelfahrt wurden Kremserfahrten mit Fassbier organisiert, gelegentlich gab es auch schon mal einen „Betriebsausflug“ mit dem Bus, den die Firma durchführte, diese Fahrten waren sehr beliebt. Wer ein Fahrrad hatte schätzte sich glücklich und ein Motorradbesitzer war ein wohlhabender Mann. Frauen fuhren damals überhaupt nicht mit Motorrädern, das galt als unfein und sie hatten auch keine Führerscheine. Wer ein Auto besaß, war ein König und die meisten Menschen waren noch nie mit einem PKW mitgefahren.

Es galt noch der alte Spruch aus Schillers Lied von der Glocke:

Jeder freut sich seiner Stelle,

Bietet dem Verächter Trutz.

Arbeit ist des Bürgers Zierde,

Segen ist der Mühe Preis.

Zum Nachlesen empfohlen, aber außer ein paar Philologen und Schöngeister interessiert all dies heute niemand mehr. Das Erstaunlichste ist aber, alles was Schiller vor 200 Jahren zu Papier brachte, ist heute nach wie vor noch gültig.

Oder Ferdinand Freiligrath: Ehre der Arbeit

Wer den wucht' gen Hammer schwingt,

wer im Felde mäht die Ähren,

wer ins Mark der Erde dringt,

Weib und Kinder zu ernähren,

wer stroman den Nachen zieht,

wer bei Woll' und Werg und Flachse

hinterm Webestuhl sich bemüht,

dass sein blonder Junge wachse:

Jedem Ehre, jedem Preis!

Ehre jeder Hand voll Schwielen!

Ehre jedem Tropfen Schweiß,

der in Hütten fällt und Mühlen!

Ehre jeder nassen Stirn

hinterm Pfluge! - doch auch dessen,

der mit Schädel und mit Hirn

hungernd pflügt, sei nicht vergessen!

Kinder sangen in der Schule und der Gesang wurde in jeder Familie bei Geburtstagen und anderen Feierlichkeiten gepflegt. Kinder lernten wie man Feuer machen und beaufsichtigen muss, ohne gleich das ganze Haus anzuzünden. Der Vater brachte den Söhnen bei wie Holz gehackt wird und wie man Tiere schlachtet, Gartenarbeit verrichtet, oder eine Sense gebraucht. Viele dieser aus der Steinzeit überkommenen Fertigkeiten sind heutzutage verloren gegangen. Spielerisch lernten die Jungen von den Alten. Eine Lehrstelle zu bekommen war nicht schwer, man verdiente als Lehrling nur ein Taschengeld. Als Gegenleistung für seine Arbeitskraft, durfte man aber einen Beruf erlernen. Alle Gesetze passten in ein Buch von der Größe der Bibel.

Verwaltungen erlangen erst dann ihre größte Virtuosität,

wenn sie die hohe Kunst der Selbstverwaltung erreichen.

Rei©Men

Verletzte sich jemand, galt der Satz: „Pass in Zukunft besser auf.“ Das allgemeine Lebensrisiko war allgegenwärtig, jeder musste sich und seinen Körper vor Schäden bewahren, jeder wusste, wenn mir etwas zustößt, hilft mir wohl ein Arzt oder das Krankenhaus. Aber die Gesellschaft war nicht bereit für alle Lebensrisiken aufzukommen, besonders nicht für solche, die durch bodenlosen Leichtsinn entstanden waren. Viele Menschen begeben sich heutzutage absichtlich in Gefahrensituationen, immer in dem Bewusstsein: Mir wird schon nichts passieren. Marschieren auf den Veranstaltern vertrauend, mit Hunderttausend anderen ins Gedränge, oder fliegen sinnlos durch die Weltgeschichte, weil es ja billig ist dabei jedes Maß an Vorsicht und Selbstschutz vergessend, angeblich brauchen sie den Kick „No risk no fun“ (ohne Risiko kein Spaß) um das Leben zu spüren.

Flüchte die Menge, meide das Gedränge.

Rei©Men

-Das Tuchmacherdreieck-

Meine Heimatstadt gehörte zu den ziemlich reichen Regionen in der Niederlausitz, die man das Tuchmacherdreieck nannte. In drei Städten, Guben, Forst und in Spremberg hatten sich viele Webereien angesiedelt und eine Menge Arbeitskräfte angezogen. Viele Deutsche und auch Juden besaßen hier Spinnwebereien und waren teilweise sehr reich geworden. Man sah es an den pompösen Grabmählern und Mausoleen auf dem Georgenbergfriedhof. Aber es gab auch viele andere deutsche Fabrikanten, die inmitten der Stadt ihre Fabriken und Geschäfte betrieben. Im Jahre 1856 wurde in Spremberg die erste Dampfmaschine aufgestellt. Damit begann die Industrialisierung im Tuchmacherhandwerk. Die dazu benötigte Kohle fand man in Pulsberg, einem kleinen Dorf in der Nähe. Überall in den Betrieben installierte man nun Dampfmaschinen, mit den dazugehörigen Hochkaminen. Die bis dahin „von Hand“ betriebenen Webstühle wurden gegen maschinell über Dampfmaschinen und Transmissionsriemen angetriebene Webstühle ausgetauscht. In der Region gab es natürlich auch Zwirnereien, die für die Tuchmacher die Garne herstellten. Auf einem alten Bild sieht man die vielen Kamine, wie hier das Kraftwerk Trattendorf, die einen entsprechenden Schadstoffausstoß über die Stadt und die Region verbreiteten.

Das Kraftwerk Trattendorf Baubeginn 1915

Das besserte sich erst, als das Kraftwerk Trattendorf fertiggestellt war und Strom lieferte. Auch danach gab es noch viele Betriebe, die ihre Dampfmaschinen weiter nutzten, weil es eben billiger war, die Maschinen direkt, ohne den Umweg über die Elektrizität, anzutreiben. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Sägegatter im Sägewerk Scholz noch mit diesen alten Maschinen angetrieben. Die Tuchmacherei sorgte in der Region für Wohlstand und urbanes Leben. Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es in meiner Heimatstadt ca. 80 – 90 Hotels, Gaststätten, Cafés, ein Theater, ein Kino und eine Menge Tanzlokale, die für das Vergnügen der Bevölkerung sorgten. Maskenbälle waren an der Tagesordnung, es gab eine Stadtkapelle, einen großen Gesangverein und die Freunde der Bühnenkunst bemühten sich mit ihren Laiendarstellern zur Unterhaltung beizutragen. Mehrere Sportvereine pflegten die Körperertüchtigung, Tennis- und Fußballvereine hatten sich etabliert. An der Spree siedelte sich ein Kanu- und ein Rudersportverein an. Die Bautätigkeit weitete sich enorm aus und die Stadt zählte ca. 14.000 Einwohner. Die Industriestadt Spremberg war bekannt für ihre Kammgarnstoffe, die sogar nach England und nach Übersee verkauft wurden. Der Maschinenbau mit seinen Gießereien produzierte Tablettier-Maschinen und ihre Buchbindereien, insbesondere die Firma Görisch, produzierte Kellner-Abrechnungsblöcke die man weltweit vermarktete. Genauso wie die meisten anderen Firmen, die in Schutt und Asche lagen, war von dieser Firma nur noch eine Ruine zwischen der Garten- und der Kesselstraße übriggeblieben. Auch die Firma Römmler, eine des ersten Kunststoffverarbeitenden Betriebe in Deutschland, war von amerikanischen Bombern zerstört worden. Es gab einen Stadtverschönerungs-Verein, der sich rührend um den Ausbau der Naherholungsgebiete kümmerte. Entlang der Spree entstanden Wanderwege, die heute einen Teil des Europäischen Radwanderwegnetzes bilden.

Die ersten Bewohner siedelten in der Auenlandschaft der Spree, auf einer relativ kleinen Insel, die durch die natürliche Teilung des Flusses in zwei Arme, die sich aber flussabwärts wiedervereinigen, eine ideale Schutzfunktion hatten. In dem idyllisch gelegenen Flusstal, zwischen den ehemaligen hohen Steilufern, durch die sich die Spree in diesem Urstromtal hindurchzwängte, gründete sich nach und nach die ehemalige Altstadt. Durch die starke Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert, ist die Stadt inzwischen weit über den Stadtkern hinausgewachsen.

Auch meine männlichen Vorfahren zog es in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, aus den ländlichen Gegenden der Oberlausitz nach Spremberg, weil es hier wieder aufwärts ging und man leichter Arbeit fand. Erst waren es die drei Schwestern meines späteren Vaters, die nach Spremberg „in Stellung“ gingen. So nannte man die Mädchen, die als Haushaltshilfen zu wohlhabenden Leuten kamen, um hier die Hauswirtschaft zu erlernen. Nebenbei lernten sie auch viele andere wichtige Dinge, die sie später in ihren eigenen Familien brauchen konnten. Die Zukunft sah für das Ehepaar Hildegard und Paul Menzel verheißungsvoll aus. Mühsam hatte man ein paar Tausend Mark zusammen-gespart, von den Menzel Eltern 2000 Mark als Vorwegerbe bekommen und mit Fleiß und Eigenleistung ein kleines Häuschen in Spremberg-Trattendorf gebaut. 1938 kam ein Sohn auf die Welt, man wünschte sich noch ein kleines Mädchen hinzu, "Doch mit des Geschickes Mächten, ist kein ewiger Bund zu flechten". (Schiller) Vater Menzel absolvierte gerade einen Meisterkurs im Tischler-Handwerk, weil er sich selbständig machen wollte, da zettelte dieser Verbrecher Hitler den II. Weltkrieg an. Das Schicksal nahm seinen Lauf und davon soll hier berichtet werden.

Mein Vater hatte Tischler gelernt und fand in der Firma Groban & Püschel Arbeit. Diese Firma fertigte Grammofon-Gehäuse, hatte es aber versäumt die Kurve zu den damals aufkommenden Radiogeräten zu bekommen, natürlich gingen ihnen nach und nach die Aufträge aus. Als sie pleiteging, standen mehrere Monatslöhne noch zur Zahlung offen. Die Tischler packten kurzerhand ihre Werkzeugschränke auf Handkarren und nahmen sie als Pfand mit nachhause. Mein zu ehrlicher Vater machte da nicht mit und hatte das Nachsehen. Doch er fand in einer anderen Spremberger Möbeltischlerei Arbeit und wie sich herausstellte, traf er dort auf Kollegen, die für ihn gutsagten, weil er eben ehrlich geblieben war. So bewahrheitete sich das Sprichwort, das „Ehrlichkeit am Längsten währt“ dann doch noch. Doch zu mir sagte er immer: „Ehrlich währt am Längsten, aber wer nicht stielt, der hat nichts.“ Hier noch ein anderer Spruch von ihm, den er auch etwas spaßig verändert hatte: „Wer andern eine Grube gräbt, ist ein Grubengräber.“

Familie Gustav Metasch, rechts oben meine Großmutter

Mein Urgroßvater mütterlicherseits, der Herr Tischlermeister Gustav Metasch kam aus Seidewinkel bei Hoyerswerda. Ihn zog es mit seiner Familie auch nach Spremberg, wo er bei der Baufirma Mittag arbeitete. Er verdiente dort um die Jahrhundertwende 1899- 1900 in der Woche ca. 20 Goldmark. Das war damals schon ein hübsches Sümmchen, man durfte allerdings keine allzu große Familie haben, so wie er. Seine Frau gebar ihm 10 Kinder, von denen sieben überlebten. Zwei starben wohl an Krankheiten und die Tochter Gustel nahm sich das Leben, weil sie schwanger geworden war und der Vater des Kindes sie nicht heiraten wollte. In der Mitte des Bildes sieht man Maria und Gustav Metasch mit ihren sieben überlebenden Kindern, meine Großmutter oben rechts. Der einzige Sohn Richard Metasch (Bildmitte oben) hat an beiden Weltkriegen teilgenommen und diese Desaster überlebt.

Mein Großvater väterlicherseits, Hermann Menzel, kam aus der Landwirtschaft und fuhr im Ersten Weltkrieg mit Pferdefuhrwerken die Granaten an die Front. Von meinem Großvater Hermann Menzel und meinem Vater Paul Menzel wird noch zu berichten sein. Spremberg war bis zum Kriegsanfang am 01.09.1939 eine blühende, aufstrebende Stadt. Zudem schön gelegen in das Spreetal eingebettet, bot sie für den Bürger gleichzeitig Arbeit und Erholung. Doch nicht nur Deutsche zog sie an, es kamen auch Tschechen und Polen, wurden dort heimisch, bauten Häuser und gründeten Geschäfte. Noch heute kann man es an den Spremberger Familienamen, erkennen wo sie alle herkamen. Da findet man heute noch Namen wie: Novak, Kowalla, Henze, Sischalla, Zilinski, Thomaschefski, Schimanski, Janowski, Krawtschik, Olschewski, Nowitzki, usw. Die Zuwanderung von Arbeitskräften ist also nicht erst in unseren Tagen entstanden, sie gab es schon immer. Die älteren Schwestern und der Sohn der Familie Metasch heirateten und gründeten Familien. Die Schwestern meines Vaters waren inzwischen alle in Spremberg verheiratet und seine Eltern Bertha und Hermann Menzel verkauften ihr Häuschen in Rothenburg a. d. Neiße und zogen ebenfalls nach Spremberg. Er heiratete erst viel später die älteste Tochter von Emma Metasch, verh. Lösch, sie wurde meine Mutter. Aus diesen beiden Urelternpaaren gingen ca. 60 Nachkommen hervor, die wie durch ein Wunder all die Kriegsereignisse beider Weltkriege überlebten. Von der Stadt war allerdings nach den Bombenangriffen der Alliierten, den Brandstiftungen und Plünderungen nicht mehr viel übriggeblieben. Eine Idylle, von vielen fleißigen Händen war zerstört und was an Bausubstanz übriggeblieben war, dass ließen die 44 Jahre Sozialismus verkommen. Nur weniges wurde in den Nachkriegsjahren wiederaufgebaut. Erst 1989, nach der sogenannten Wende, begann die Stadterneuerung und ist bis heute -2020- lange noch nicht abgeschlossen.

-Die Kriegs- und die Hungerjahre-

Soweit ich zurückdenken kann, bleibt mir immer das Bild meiner Großmutter Emma Lösch, ihrer beiden Töchter, meiner Mutter und meiner Tante in Erinnerung. Die drei Frauen hatten sich wegen der miserablen Ernährungslage zu einer Kochgemeinschaft, zu der auch mein Großvater gehörte zusammengetan. Alle jüngeren Männer in der Verwandtschaft waren im Krieg. Morgens zog mich meine Mutter an, nach dem Frühstück erzählte sie mir Geschichten aus ihrem Leben mit meinem Vater, brachte mir die Uhr zu lesen bei und lehrte mir viele andere wichtige Dinge des Lebens. Zum Mittagessen gab es bei Oma meistens Eintopf mit ein wenig schierem Rindfleisch, das man schlucken musste, weil man es nicht kauen konnte. Das war so zäh und Oma hatte es schon im Topf in ganz kleine Stücke zerschnitten. Sie war eine sehr gute Köchin, aber das merkte man erst, wenn Opa alle paar Wochen ein Stallkaninchen schlachtete. Dann war sie in ihrem Element und legte so richtig los. Alle Rasenflächen im Garten wurden inzwischen zum Anbau von Kartoffeln und Gemüse genutzt, aber trotz aller Bemühungen wurden wir gegen Ende des Krieges langsam immer dünner. Meine Mutter fuhr mit dem Fahrrad in den Wald um Beeren zu sammeln. Eines Abends kam sie von ihrer Tour, die manchmal über 20 km weit ging, nicht zurück. Alle machten sich Sorgen, aber am nächsten Morgen war sie wieder da, sie hatte im Wald die Orientierung verloren und ihr Fahrrad nicht mehr gefunden. Opa begann Vögel zu fangen, die Oma in der Pfanne briet, „ging in die Pilze“, wie wir das nannten, ab und zu brachte er auch ein paar geklaute Rüben von den Feldern mit. Darauf stand die Todesstrafe, aber ich habe nie gehört, dass man wegen solcher Kleinigkeiten mal jemand verurteilt hätte. Oma, war auch ein Kräuterweiblein, darin kannte sie sich richtig gut aus. Hinter dem Hause war zu dieser Zeit nur Ödnis und so pflanzte sie alles Mögliche an, Pfefferminze, Estragon, Thymian, Salbei, Rosmarin und verschiedene andere Kräuter, alles was man so brauchte. Noch Jahre nach dem Kriege kamen die Nachbarn vorbei und pflückten was sie so brauchten. Was sie nicht anpflanzen konnte, holte sie sich im Sommer aus den Spreewiesen, z. B. Hufflattig, oder Lindenblüte von den Alleebäumen. Der ganze Dachboden hing voll von duftigen, getrockneten Kräutern und Tees. Mein Opa zeigte mir, wie man im Frühjahr eine Birke anbohrt, in das Loch steckte man einen Strohhalm und darunter eine leere Flasche. Der Saft wurde mit Alkohol haltbar gemacht und als Haarwasser verwendet. Als es kein Salz mehr gab, wuschen wir rotes Viehsalz mit Wasser in einer großen Schüssel. Man musste sehr schnell sein, die Schüssel kurz schwenken und alles auf ein trockenes Geschirrtuch schütten. Den Rest trockneten wir in der Sonne, dann wurden die Körner in der Kaffeemühle gemahlen und ich glaube heute noch, dass uns das Salz gerettet hat, denn ohne Salz kann der Mensch nicht leben.

Meine Mutter las mir sehr viel vor, das fing an mit dem „Hühnchen Sabinchen.“

„Sabinchen war im weißen Kleid,

das schönste Hühnchen weit und breit,

doch allen wurde es bald klar,

dass es ein kleines Faultier war.“

Den Klassiker gibt es heute noch bei Amazon:

Text: Marianne Speisebecher

Bilder: Fritz Koch-Gotha

Bald konnte ich das ganze Buch auswendig daher sagen und meine Mutter gab mit mir bei den Verwandten mächtig an. Ich musste den Text immer wieder zitieren. Wie ich so mitbekam vermutete sie, „dass aus mir mal was werden könnte.“ Sie las mir das Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupèry vor, aber erst viele Jahre später wurde mir die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Autors und Fliegers bekannt. So gingen die Jahre dahin, ich kam in die Schule und hatte nur Einsen im Zeugnis. Das hielt aber nur so lange an, bis die Russen kamen und die Schule geschlossen wurde. Das halbe Schuljahr wurde gestrichen und ich musste im Frühjahr 1946 wieder in der ersten Klasse anfangen.

Wir waren abgemagert bis auf die Knochen, am ganzen Körper hatten wir Hungerödeme, diese Furunkel eiterten, verursachten Schmerzen und so war auch der Kopf leer. Dieser Zustand dauerte bis 1948 an, erst dann wurde es mit der Lebensmittelversorgung etwas besser. Wir hatten überlebt, aber es sollte noch weitere zehn Jahre dauern, bis die Lebensmittelmarken in der ehemaligen DDR abgeschafft wurden. Heutige Menschen die in der Fastfood-Gesellschaft leben und wie man hört 30% aller Lebensmittel vernichten, kennen wohl gelegentlich ein bisschen Hungergefühl. Aber richtig hungern ist anders, es verursacht heftige Leibschmerzen, Krämpfe und Koliken. Mit der wässerigen Nahrung durch Eintöpfe und Suppen kommt es zum Durchfall, weil der Darmtrakt dieses Nahrungs-Angebot auf Dauer nicht verarbeiten kann und hinten kommt nur noch wässerige Lösung raus. Viele Menschen hatten Durchfall, dagegen wurden einfache Hausmittel eingesetzt. Man nahm aus dem Ofen etwas halb verbranntes Holz und schabte die Holzkohle ab, die wurde mit etwas Wasser geschluckt und half genauso gut wie heutige Arzneimittel. Hinzu kam, dass unsere Mütter das vorhandene Angebot an Getreide, Gemüse und Obst völlig fasch verarbeiteten. Der Hafer wurde zum Frühstück mit Wasser und Salz gekocht, stattdessen hätte man ihn schroten und mit Frisch-Obst, welches wir im-Sommer reichlich ernteten, zum Müsli verarbeiten können. Obst, das nicht gleich gegessen werden konnte, wurde eingeweckt und bei diesem Prozess natürlich entwertet. Man hätte es zu Trockenobst verarbeiten müssen. Gemüse aß man damals nicht als Salat, sondern man kochte Eintöpfe, wiederum eine Entwertung des Grundnahrungsmittels. Von dem im Garten geernteten Kraut hätte man Sauerkraut einlegen müssen. Fleisch wurde gekocht und gebraten, heute würde ich es halb roh verzehren, aber damals wusste man es leider nicht besser. Die Folge war, dass uns die Zähne ausfielen. Als ich 1959 in die Bundesrepublik wechselte, war mein Gebiss nur noch durch "jeden Tag kiloweises Essen von Südfrüchten zu retten", aber die Schäden am Zahnfleisch blieben. Erst als ich 1959 auf meiner Flucht in den Westen im Frankfurter Flughafen-Restaurant ein Wiener Schnitzel verzehrte, begriff ich überhaupt, was Essen bedeutet und welch ein Genuss ein gut zubereitetes Essen bieten kann.

Schuhe und Kleider gab es während des Krieges und auch lange danach nur auf Bezugsschein und das nur sehr selten. Man musste einen Antrag stellen, den brachte man in ein Geschäft und nun ging die Warterei los. Wann geliefert werden konnte, wurde per Postkarte mitgeteilt oder man musste immer wieder im Geschäft nachfragen. Langsam gingen allen Leuten die Kleidung und die Schuhe kaputt, dabei ist zu berücksichtigen, dass man damals fast alle Wege zu Fuß zurücklegte. Für die Fahrräder fehlten schon lange Schläuche, Reifen, Ketten und andere Ersatzteile. Autos hatte nur die Wehrmacht. Die Schuster fertigten aus alten Lederaktentaschen Schuhe an, Militärdecken wurden umgefärbt und daraus Mäntel genäht. Alte Pullover mit Löchern wurden auf getreidelt, die Wolle gewaschen, gefärbt und neue Sachen daraus gestrickt. Alte Anzüge wurden von Schneidern, die es damals ja noch gab, gewendet, also aufgetrennt, gereinigt und mit der Innenseite nach außen wieder zusammengenäht. Zu all dem Übel kam hinzu, dass die Winter in den vierziger Jahren des 20zigsten Jahrhunderts sehr kalt und schneereich waren, Holz und Kohle gab es nur auf Bezugsschein und das reichte nur den halben Winter, also ging man in den Wald und sammelte Kienäpfel, herunter gefallene Äste und alles was man so verbrennen konnte. Mit der Zeit musste man kilometerweit aus der Stadt laufen, um noch etwas Brennbares zu finden. Geld hatten die meisten genug, aber man konnte sich dafür nichts kaufen. Meine Mutter zahlte im Krieg mit Vaters Sold das Häuschen ab, das sie sich gebaut hatten. Kurz vor Ende des Krieges hatte sie es geschafft, aber die Hamburger Feuerversicherung, angeblich die älteste der Welt, war ausgebombt und wollte nach dem Krieg das Geld noch mal haben. Sie behauptete einfach so, wir hätten nicht bezahlt und die Grundschuld wäre noch nicht gelöscht. Aber Mutter hatte alle Einzahlungsbelege aufgehoben, so machte sie denen eine lange Nase.

-Mein Fliegeronkel Hinrich Madrischewski-

Im Sommer 1940 war eines Tages mein Flieger-Onkel da, er hatte Heiratsurlaub bekommen und beabsichtigte meine Tante zu ehelichen. Sie kauften also vorsorglich bei der Tischlerei Kübler & Jerosch Möbel und Einrichtungs-Gegenstände, weil man ja nicht wusste, wie lange es so etwas noch gab, die Inflation fraß das Geld auf, und die Verknappung der Waren und Güter war schon spürbar geworden. Er besaß auch eine damals unerschwingliche Leica-Kleinbildkamera, immerfort fotografierte er mich, zog mir seine Uniformjacke an und ich musste für die Bilder posieren. Onkel Hinrich, ein blonder „Hamburger Jong“, war Berufssoldat, und in der Fliegerei als Bord-Mechaniker beim Bodenpersonal auf dem Militärflugplatz Cottbus- Nord tätig. Dort wurden die Besatzungen auf den Kriegseinsatz trainiert. Er war auch schon in Spanien bei der Legion Condor dabei gewesen. Wenn man sein Leben so im Nachhinein betrachtet, hätte er besser daran getan am Boden zu bleiben. Aber nach dem erfolgreichen Polenfeldzug, mit den Begeisterungsstürmen, und dem Sieg in Frankreich woll-te er oben in der Luft mitmischen und mit siegen, Ehre und Ruhm gewinnen. In Frankreich und über England hatte er dann bereits 188 Feindflüge hinter sich, aber im ersten Einsatz, beim Überfall auf Russland, stürzte er 1941 mit dem Heinkel Bomber He 111 ab und er galt als vermisst.

Zu seiner Ehre sei gesagt, er war ein richtiger Sonnyboy und Frauentyp, ein lieber Kerl und sympathischer Mensch. Geheiratet haben sie damals wie so viele aus Gründen der Versorgung der Witwen, denn man musste in diesen Zeiten damit rechnen, dass die Männer das Kriegsdesaster nicht überleben würden. Weil noch Geld übrig war, kaufte er auch noch ein Telefunken Radio, das uns im späteren Verlauf des Krieges noch sehr gute Dienste leisten sollte. In Betrieb genommen hatte er es wohl nie, denn dazu benötigte man damals eine 30 – 50 Meter lange Drahtantenne um die Lang- Mittel- und Kurzwellensender empfangen zu können. Diese Antenne wurde dann erst etwas später montiert.

Flitterwochenglück in der Liebeslaube zur Hochzeit am
22.Juni 1940, schrieb meine Mutter unter das letzte Bild vom ihm,
der Kleine in der Mitte bin ich.

Als unsere Tochter am 22. Juni 1991 heiratete, waren meine Tante und ihr zweiter Mann eingeladen, da erzählte sie uns, dass sie heute mit ihrem ersten Mann ihren 51. Hochzeitstag gehabt hätte. Was vom ihm übrigblieb, waren nur ein paar Orden, ein Ehrenschwert mit Hakenkreuz und Fotos, die Leica haben dann die Russen mitgehen lassen als sie zu uns kamen. Auch als wir nach dem Krieg und später beim DRK-Suchdienst nach ihm suchen ließen, haben wir nie wieder etwas von ihm gehört. Offiziell galt er noch als „vermisst“ und wurde erst 1950 als meine Tante einen Russland-Spätheimkehrer heiratete für tot erklärt. Sie war nun schon nach einem Jahr Ehe Witwe. Eine Ehe konnte man das ja nicht nennen, denn sie waren ja nur in der einen Woche seines Hochzeiturlaubs zusammen. Die Möbel wurden geliefert und standen bei uns im ganzen Haus zur ewigen Mahnung herum, und so ist es bis heute geblieben. Ein zwei Stücke stehen bei uns immer noch an verschiedenen Stellen im Haus herum und werden eigentlich nicht gebraucht. Eines Tages, so Anfang des Jahres 1943, kam der Tischlermeister Arthur Jerosch zu meiner Tan-te. Ich staunte nicht schlecht, er hatte einen sogenannten Stuka (Sturzkampfbomber im 2. Weltkrieg) am Körper, das war ein Drahtgestell, mit dem man damals einen verletzten Arm, oder eine Schulter ruhigstellte. Das Ding stand mindestens 0,50 m vom Körper ab und die Hand lag daher etwa in Brusthöhe vor dem Träger dieser Einrichtung. Meine Tante und ihr erster Mann, hatten in dieser Tischlerei ihre Möbel gekauft. In der Mitte der Rückwand des Schlafzimmerschrankes fehlte eine Doppelnutleiste und weil der gute Mann gerade mit seiner Verletzung zuhause war, musste er kommen um sich die Sache anzusehen. Später kam er dann mit einer Leiste zurück und reparierte trotz Stuka den Schrank. Ja, so war das damals mit den „wertvollen Möbeln“, man konnte sich nicht allweil neue kaufen, und da schaute man schon genau hin, dass alles in Ordnung war, auch wenn der Mann nur einen Arm gebrauchen konnte.

Der Onkel hatte sich auch ein Radio angeschafft, das stand nun bei meiner Oma und jeden Abend um eine bestimmte Zeit, hörten die Alten auf BBC die neuesten deutschsprachigen Nachrichten. Auch darauf standen hohe Strafen, wenn man beim Abhören eines Feindsenders erwischt wurde. Das hörte sich so an: „Bomm, bomm, bomm, bomm, - bomm, bomm, bomm, bomm, hier ist England" (Eröffnungstakte der 5. Symphonie von Ludwig van Beethoven). Alle saßen dicht gedrängt, mit dem Ohr am Lautsprecher, weil man die verräterische Lautstärke reduziert hatte. Erst gegen Ende des Krieges konnte man mir die Sachlage nicht mehr verheimlichen und ich wurde auf das Ende des Krieges vorbereitet, durfte auch zuhören, wenn sich die Erwachsenen über die Kriegsereignisse unterhielten, bekam auch alles mit, was die Alten so planten um zu überleben, doch davon werde ich noch berichten. Das Radio wurde intensiv dazu genutzt um sich zu informieren. Viel verstand ich damals ja noch nicht, aber an die Gespräche und das Geheimhaltungsgetue, kann ich mich noch ganz gut erinnern. Aber wer ein Radio besaß, hörte auch mit einiger Sicherheit die Feindsender, die alle deutschsprachige Agitations-Sendungen übertrugen.

-Die ersten Kriegswahrnehmungen-

Als ich meinen Vater 1942 kennenlernte war ich vier Jahre alt, denn ich kannte ihn nur von Bildern. Meine erste Wahrnehmung von ihm war; da lag plötzlich ein fremder Mann im Bett meiner Mutter und sie sagte zu mir: „Reiner das ist dein Vater“. Ich war begeistert, aber nicht vom ihm, sondern von den Blechautos die er mitgebracht hatte. Er lag im Bett und zeigte mir, wie man sie mit einem Drehschlüssel, wie früher die Uhren, aufziehen konnte. Immer wieder ließ er eins im Schlafzimmer am Bett entlangfahren. Jedes Mal, wenn es bei mir ankam, drehte ich es um und es fuhr zu ihm zurück. Es dauerte nicht lange und eins war unter dem Bett verschwunden. Er ging in den Flur, ich hinterher und da hingen eine Uniform und ein Gewehr am Kleiderständer. Aus dem Gürtel mit der Patronentasche, nahm er das Seitengewehr. Ich staunte, dass es so lange Messer gab, und was man damit wohl machen konnte. Als ich dann später wusste, dass man damit andere Menschen umbringen kann, erzählte er mir darüber leider auch nicht viel. Wahrscheinlich dachte er, dass es für Kinderohren nicht geeignet sei allzu viel über seine Kriegserlebnisse zu erzählen. Als er aber mit dem langen Messer das verschwundene Auto unter dem Bett hervorzauberte, hatte ich den Eindruck, dass es doch zu etwas nutze sein konnte - wie man sich irren kann. Ungefähr ein Jahr später sah ich ihn wieder. Meine Mutter sagte zu mir: „Wir fahren nach Saarbrücken, den Vati besuchen“, freust du dich? Natürlich freute ich mich, das war ein Abenteuer der besonderen Art. Er hatte sich im Winter 1943 in Russland, eine Rippenfell- und Lungenentzündung zugezogen und lag in einem Lazarett in Saarbrücken. Nun wusste ich weder wo oder was Saarbrücken war, und hatte auch nur noch eine vage Erinnerung an meinen Vater. Heut kann ich mich nur noch an einen Spaziergang mit ihm, meiner Mutter und an eine Parkbank in Saarbrücken erinnern, auf der wir drei saßen, aber wohl auch nur deshalb, weil ich von ihr beim Rumturnen heruntergefallen war. Ein paar Wochen später war er dann auf Genesungsurlaub bei uns zu Hause. Beim Abschied wurden wir alle mit den Eltern meiner Mutter, seinem Vater und meiner Tante, Witwe des Fliegeronkels fotografiert. Wer sich dieses Bild heute ansieht, kann in etwa ermessen, was in einem Menschen vorgeht, der Haus und Hof, Frau, Kind, Familie, Verwandte und Freunde verlässt und damit rechnet, dass er alle niemals wiedersehen wird. Sein trauriger Blick auf dem Foto war nur auf mich gerichtet, selbst ich als kleiner Wicht, reflektierte wohl ein bisschen die Schwere der Stunde mit meinem ernsten Gesichtsausdruck. Er war wegen seiner Erkrankung von der schweren Artillerie zum Nachschub der südlichen Armeen in Russland versetzt worden, ein halbes Jahr darauf wurde er dann als vermisst gemeldet. Dies traf die Familie besonders hart, meine Eltern hatten schon Ende der 20ziger Jahre, vor ihrer Ehe hart gespart, es war ihr Traum einmal ein eigenes Haus zu besitzen. In Deutschland gab es damals sechs Millionen Arbeitslose und sie hatten das Glück, beide einen Arbeitsplatz zu haben.

Von verheirateten Paaren erhielt nur einer eine Arbeitsstelle, so konnten sie zunächst nicht heiraten, sonst hätte meine Mutter ihre Stelle abgeben müssen. Sie hatten sich auch fest vorgenommen, erst ihr Haus zu bauen, bevor sie die Familie vergrößerten. Als sie dann doch 1934 heirateten, gab meine Mutter ihre Arbeitsstelle an meinen Vater ab, weil dieser nur einen Aushilfsjob gehabt hatte und in ihrer Firma ein Tischler gesucht wurde. Dort war er dann aber eher als Kistenmacher angestellt, denn die Firma versandte ihre Kontoblöcke und Kellner-Abreißblöcke weltweit, da mussten die Kisten die sie für die großen Überseetransporte bauten seefest sein. Seine Kenntnisse auf diesem Gebiet konnte ich dann viele Jahre später noch einmal einsetzten. Wir hatten deinen Großauftrag zum Bau einer Blitzschutzanlage in Saudi-Arabien erhalten und benötigten seefeste Kisten für den Materialtransport dorthin. Mein Vater war gerade auf Besuch in Weier, unserem damaligen Wohn- und Arbeitsort in der Nähe von Offenburg und überwachte diese Arbeiten in der Dorftischlerei Neff.

Abschied von Familie, Haus und Hof 1943
v.l.n.r. Die Tante, damals schon Witwe, Großvater Hermann Menzel,
Großvater Alfred Lösch, meine Mutter - Vater, Großmutter Emma
Lösch, der Kleine bin ich.

Nun ging es an die Bauerei, ein Bauplatz wurde gekauft, der Quadratmeter Grund und Boden kostete damals 50 Pfennig, man verdiente in einer Arbeits-Stunde genau diesen Betrag. Das 600 m2 kleine Grundstück, hatte also einen Gegenwert von ca. 300 Arbeitsstunden. Auf den ersten Blick mag das wenig erscheinen, man arbeitete damals noch 48 Stunden in der Woche und wenn man nachrechnet, kommt man auf ca. sieben Arbeitswochen. Man musste zwischendurch aber auch noch Leben und das war schon immer teuer, denn bei diesem Verdienst blieben nach Abzug der Lebenshaltung nur noch ein paar Mark übrig. Nun konnte man damals nicht einfach zur Bank gehen und einen Baukredit beantragen, doch sie bekamen von meinen Großeltern väterlicherseits 2000 Mark als Vorwegerbe. Für weitere 4000 Mark nahmen sie bei der >Hamburger Feuerversicherung< einen Kredit auf, der als Grundschuld eingetragen wurde. Die restlichen 6000 Mark hatten sie sich mühevoll zusammengespart. Noch fehlende Gelder wurden durch Eigenleistung erbracht, in dem meine Eltern am Bau viel selber machten. Mein Vater baute alles was aus Holz war selber, die Erdarbeiten machte man mit Schaufel und Schubkarre. Die Fundamente und die Umzäunung für den Garten und die Zugangswege betonierte man selber. Vom Abriss alter Industrieanlagen wurden Ziegelsteine besorgt, der Großvater Menzel, der aus der Landwirtschaft kam, fuhr sie mit einem geliehenen Fuhrwerk auf die Baustelle, dort wurden die Steine in wochenlanger Arbeit „geputzt“, so wie es später nach dem Kriege die Trümmerfrauen machten. Für die Fundamente wurden Gräben ins Erdreich gestochen und weil man keine Schalung hatte, die Kellerwände ohne Armierungen mit dem von Hand gemischtem Beton verfüllt und festgestampft.

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