Cover

 

 

 

Klaus W. Wellershoff

Plädoyer für eine
bescheidenere Ökonomie

Über Wissen und Nichtwissen
in der Finanzindustrie

NZZ Libro

Inhalt

Einleitung

Wachstum

Wirtschaft – was ist das?

Wachstum und Wohlstand

Produktivität und langfristiges Wachstum

Aussenhandel und die sogenannte Wettbewerbsfähigkeit von Nationen

Trendwachstum der Zukunft

Konjunktur

Inflation

Inflation am Horizont?

Geldmenge und Preisniveau hängen zusammen

Für Hyperinflation braucht es mehr als grosse Geldmengen

Wie kommt das Geld in den Wirtschaftskreislauf?

Die zentrale Rolle der Inflationserwartungen

Inflationsausblick

Finanzmärkte

Finanzmärkte – was treibt sie an?

Finanzmarktpreise reflektieren Zukunftserwartungen

Der Zins im Mittelpunkt der Finanzmärkte

Der Aktienmarkt reflektiert Gewinn- und Zinsentwicklung

Zinsen bestimmen auch die Preise von Obligationen und Immobilien

Wechselkurse reflektieren nicht Zins-, sondern Inflationsunterschiede

Schlussfolgerung: Das Finanzmarktumfeld zwingt zum Umdenken

Anlegen

Was tun mit dem lieben Geld?

Unsicherheit an den Finanzmärkten

Das Risiko erwarteter Renditen

Risiko und Rendite in der Praxis

Vom Menschenbild der Finanzökonomie

Auch Privatpersonen sollten sich Anlagerichtlinien geben

Anlagestrategien, die nachvollziehbar sind und funktionieren

Anlegen mithilfe der Finanzindustrie

Finanzbranche vor grossem Umbruch

Schlussgedanken

Quellenverzeichnis

Autor

Einleitung

Wissen ist nicht Macht, sondern Verantwortung.

Als ich im Jahr 1995 die Universität verliess und meine erste Stelle als Ökonom antrat, hatte ich mir geschworen, niemals ein Buch zu schreiben. Bücher seien etwas für die Ewigkeit. Mein Wissen war bestenfalls nur vorläufig. Gab es nicht eh schon viel zu viele Bücher?

Dabei habe ich gar keine Abneigung gegen Bücher. Ich lese gerne und viel. Auch sammle ich alte Bücher und kann mich stundenlang damit beschäftigen, sie in allen Details zu studieren. Dennoch sind die Zahlen des Büchermarkts für mich abschreckend. In den letzten 20 Jahren sind im deutschen Sprachraum mehr als 1,5 Millionen neue Bücher erschienen. Wozu also noch ein weiteres Buch schreiben? Lassen Sie mich das erklären.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibe ich die Beschäftigung mit Ökonomie und Finanzmärkten als meinen Beruf. Die ersten 14 Jahre im Auftrag einer Schweizer Grossbank. Zwölf Jahre davon als Chefökonom. Vor acht Jahren habe ich mit einer Reihe von Kollegen eine Beratungsunternehmung gegründet, die andere Unternehmen über Fragen der Wirtschafts- und Finanzmarktentwicklung berät. Vor drei Jahren kam eine Beratungsgesellschaft für Bankkunden hinzu, die ihren Kunden helfen soll, zu verstehen, ob die Leistung ihrer Bank oder ihres Vermögensverwalters wirklich gut und nicht zu teuer ist.

Seit vielen Jahren besteht ein Teil meiner Arbeit darin, an der öffentlichen Diskussion um ökonomische Themen teilzunehmen. In dieser Diskussion geht es regelmässig um Dinge, die mit einer ihrem Wesen nach unsicheren Zukunft zu tun haben. Prognosen sind gefragt. Es geht dabei aber leider häufig um Fragen, über die wir Ökonomen nur wenig gesicherte Erkenntnisse haben. Mit Staunen habe ich in all diesen Jahren feststellen müssen, dass mir Kollegen im Namen der ökonomischen Wissenschaft Dinge über die Zukunft mit einer Sicherheit erklären, von der wir wissen, dass es sie nicht gibt. Häufig sind sogar die Grundlagen, auf denen dieses scheinbare Expertenwissen beruht, bereits seit vielen Jahren widerlegt. Viele dieser Kollegen sind interessanterweise Buchautoren.

Betrachten wir ein paar Beispiele. Nehmen Sie das oft mit grossem Engagement diskutierte Thema der Staatsverschuldung. Wie viele Ökonomen haben uns nicht schon darüber in Angst und Schrecken versetzt, dass eine hohe Verschuldung der öffentlichen Hand geradewegs in den wirtschaftlichen Untergang führt? Ich erinnere mich an einen österreichischen Professor der Betriebswirtschaftslehre an meiner Universität, der uns Studierenden 1988 genauso die wirtschaftliche Zukunft voraussagte. «Raus aus den Aktien, rein in Cash!», war seine Empfehlung damals und ist es seither mehr oder weniger ununterbrochen bis heute. Seit 1988 ist der amerikanische Aktienmarkt um 750 Prozent gestiegen. Bargeld hat in diesem Zeitraum 20 Prozent seiner Kaufkraft verloren.

Damit wir uns richtig verstehen: Die Staatsverschuldung der Industrienationen ist ein sehr ernsthaftes Problem. Dies gilt insbesondere dann, wenn das Verhältnis von Staatsverschuldung zu Volkseinkommen kontinuierlich steigt. Irgendwann einmal werden die Menschen einen nicht mehr tragbaren Anteil ihres laufenden Einkommens für die Zinszahlungen für die Schulden, die ihre Vorfahren gemacht haben, aufbringen müssen. Das ist besonders schwierig gutzuheissen, wenn die Schulden nicht für Investitionen in die Zukunft, sondern für den laufenden Konsum der Gesellschaften aufgenommen wurden. In der Bewertung einer steigenden Verschuldung gibt es daher in der Regel einen breiten Konsens. Was aber häufig verschwiegen wird, ist: Bis zu dem Zeitpunkt einer quasi objektiven Überbelastung der zukünftigen Generationen kann sehr viel Zeit vergehen.

Ich kann mich gut erinnern, dass eine meiner ersten Aufgaben als frischgebackener Chefökonom darin bestand, eine Rede für den Vizepräsidenten des Verwaltungsrats unserer Bank zu schreiben. Es ging um Japans ökonomische Zukunft. Damals, im Jahr 1997, war uns bereits klar, dass es dem Land nicht mehr gelingen konnte, die ausufernde Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Das Verhältnis von Staatsschuld zu Volkseinkommen belief sich in etwa auf den Wert, den wir heute im Schnitt der westlichen Industrienationen sehen, allerdings mit stark steigender Tendenz. Dennoch erschien uns eine unmittelbare Schuldenkrise in Japan als sehr unwahrscheinlich. Zu niedrig waren die Zinsen, als dass der Schuldendienst für die Bevölkerung in der nahen Zukunft nicht mehr tragbar gewesen wäre. Seitdem sind 20 Jahre durchs Land gegangen. Heute liegt die Verschuldungsquote Japans mehr als doppelt so hoch mit immer noch steigender Tendenz. Von einem Kollaps der Wirtschaft oder der Gesellschaft kann aber bisher keine Rede sein.

Zugegeben, das Wachstum der Einkommen der Bevölkerung lag in diesem Zeitraum in Japan nur bei etwa zwei Drittel desjenigen der Amerikaner. Das lag aber wohl massgeblich an der in Japan bereits seit längerem greifbaren Überalterung der Gesellschaft. Trotz des Ausbleibens der Krise ist heute genau wie vor 20 Jahren klar, dass Japan irgendwann zu drastischen und nicht marktkonformen Reformschritten greifen muss, um sich aus dieser verfahrenen Situation zu befreien. Ein Schuldenschnitt oder aber eine Entwertung der Verpflichtungen durch hohe Inflation erscheint unvermeidbar.

Angesichts des realen Vermögensverlusts, den das bedeuten wird, wird dies mit grösster Wahrscheinlichkeit eine veritable Wirtschaftskrise auslösen. Bei der enormen internationalen Verflechtung der japanischen Industrieunternehmen und Banken ist auch mit weltweiten Auswirkungen einer solchen japanischen Wirtschaftskrise zu rechnen. Wann diese eintreten wird, lässt sich heute aber ebenso wenig vorhersagen wie vor 20 Jahren. Aufgrund der nochmals deutlich gestiegenen Verschuldung wissen wir lediglich, dass wir dieser Entwicklung näher gekommen sind.

Japans enorme wirtschaftliche Schieflage ist ein Thema, das uns alle angeht. Dementsprechend sollten wir doch erwarten, dass wir Ökonomen dieses Thema mit grosser Sorgfalt behandeln und angemessene Prognosen machen. Stattdessen müssen wir mit Staunen beobachten, dass meine Zunft entweder Japan ignoriert oder aber wie besagter österreichischer Kollege seit Jahren die gleichen apokalyptischen Visionen verbreitet. Leider ist Japan in dieser Beziehung kein Einzelfall. Denken Sie an die Themen Inflation oder Euro. Auch hier scheint es zwischen Weltuntergang und Agnostik kaum eine vernünftige Zwischenposition zu geben. Was geht in der öffentlichen Diskussion solcher Fragen eigentlich schief?

Mir scheint, viele meiner Kollegen haben Schwierigkeiten damit, das Wünschbare nicht mit dem tatsächlich Erwartbaren zu verwechseln. Kategorien von Richtig und Falsch und von Gut und Böse beeinflussen unsere Wahrnehmung von ökonomischen Zusammenhängen in einem Masse, dass wir die öffentliche Diskussion kaum noch mit praktisch verwertbare Analysen bereichern. Allzu häufig gilt: Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Oder genauer gesagt: Was wir für richtig halten, soll in der Zukunft gelten.

Diese Vermengung von Wunschvorstellung und Realität findet sich interessanterweise auf ökonomischem Gebiet am häufigsten dann, wenn es um das liebe Geld geht. Eine ganze Finanzindustrie hat sich um die Wünsche und Träume der Anleger aufgebaut. Statt einer passenden Anlagelösung wird der Traum vom einfachen Anlageerfolg verkauft.

Erinnern Sie sich an die «Neue Ökonomie»? Das war in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre die Vorstellung, dass die neue Informationstechnologie uns hohes Produktivitätswachstum und das Verschwinden der Konjunkturzyklen bringen würde. Damit verband sich die Anlageempfehlung, dass man als Aktionär nur in vielversprechende Unternehmen der Informationstechnologie zu einem frühen Zeitpunkt investieren müsste, um in kurzer Zeit von gewaltigen Kurssteigerungen der Aktien zu profitieren. In Deutschland und in der Schweiz wurden für diese neuen Firmen eigene Börsensegmente mit tieferen Anforderungen für die Aufnahme in den Handel geschaffen. Der deutsche «Neue Markt» und der Schweizer «SWX-New Market» waren die Wahrzeichen des Aufbruchs in eine schöne neue Welt.

Eine schöne neue Welt, die zu skurrilen Exzessen geführt hat. Der Höhepunkt der Übertreibung war für mich der Börsengang der Schweizer Unternehmung Think Tools. Wie der Name schon sagt, war das Produkt der Firma ein Werkzeugkasten von recht einfachen Software-Bausteinen, mit denen das menschliche Denken unterstützt werden sollte. Inhalt und Konzept erinnerten mich damals stark an das, was ich im ersten Semester an der Hochschule St. Gallen in Betriebswirtschaftslehre kennengelernt hatte. Wie dem auch sei, der charismatische Firmengründer Albrecht von Müller schaffte es, kurz nach der Vorstellung der Produkte am World Economic Forum (WEF) eine eigentliche Euphorie für seine Think Tools zu entfachen.

Am ersten Handelstag der Aktie schoss der Kurs vom Ausgabewert von 270 Franken auf 1050 Franken empor. Damit lag der Unternehmenswert deutlich über 2 Milliarden Franken. Voller Staunen stellten wir damals fest, dass das mehr war als der Börsenwert der Fluggesellschaft Swissair. Think Tools hatte aber gerade einmal zehn Mitarbeiter und machte lediglich 10 Millionen Franken Umsatz. Nach zwei Jahren war der Spuk dann vorbei. Der Aktienkurs sank unter 30 Franken, und der Name Think Tools verschwand vom Börsentableau. Weltweit endete die «Neue Ökonomie» mit dem Platzen der grössten Börsenblase, die wir bis jetzt gesehen haben. Entgegen den Vorstellungen einer schönen neuen Welt kam es in der Folge zu einer Weltrezession, und das Produktivitätswachstum ist nicht gestiegen, sondern gesunken.

Wer meint, dass dies eine ganz besondere Übertreibung der Finanzwirtschaft gewesen sei, mag recht haben. Dennoch gilt auch heute, dass bei Anlagefragen die Träume der Anleger eher im Mittelpunkt stehen als deren objektive Bedürfnisse. So werden Finanzanlagen meist mit dem zumindest impliziten Versprechen verkauft, dass eine überdurchschnittlich hohe Rendite erzielt werden könne. In einem Markt, in dem das praktisch alle Anbieter tun, kann das Versprechen natürlich nicht von allen gehalten werden. Aus unzähligen akademischen Untersuchungen, aber auch aus der praktischen Erfahrung unserer zweiten Beratungsgesellschaft wissen wir, dass die überwiegende Mehrzahl der angebotenen Anlagelösungen schlechter als die durchschnittliche Marktentwicklung abschneidet. Wie das möglich ist? Eigentlich sollten doch 50 Prozent besser und 50 Prozent schlechter als der Marktdurchschnitt sein.

Tatsächlich entsteht diese überproportionale Minderleistung im Wesentlichen durch eine hoffnungslose Selbstüberschätzung vieler Finanzexperten und natürlich durch die Gebühren der Anbieter. Vermögensverwaltung ist teuer. Die Gewinnmargen der Verwalter sind im Vergleich zu anderen Industrien sehr hoch. Offensichtlich sind die Kunden bereit, für den Traum des einfach verdienten Geldes einen guten Preis zu bezahlen. «Selber schuld!», möchte man sagen. Aber das Anbieterverhalten lässt schon staunen: Da wird den Kunden von einer Mehrzahl der Anbieter eine Mehrrendite in Aussicht gestellt, im Wissen darum, dass schon allein die erhobenen hohen Verwaltungsgebühren mit grosser Sicherheit dazu führen werden, dass gerade diese Überrendite für den Anleger kaum zu erreichen ist.

Zur Ehrenrettung der Finanzindustrie muss man betonen, dass es tatsächlich überdurchschnittlich begabte Investoren gibt, die über längere Perioden besser abschneiden als der Markt. Auch kann die Leistung des Vermögensverwalters – und das ist sehr wichtig zu verstehen – nicht nur an der erzielten Rendite gemessen werden. Immerhin ist der Verlauf der Finanzmärkte unter anderem von vielen nicht vorhersagbaren Entwicklungen abhängig. Damit sollte Risikofragen bei der Leistungsbeurteilung von Anlageprodukten und -dienstleistungen mindestens ein ebenso hohes Gewicht zukommen wie der erzielten Rendite.

Es ist dennoch erstaunlich, dass diesem Themenkomplex in der Öffentlichkeit praktisch keine Aufmerksamkeit zuteilwird. Fast scheint es, als wollten sich die Anleger diesem Thema gar nicht wirklich rational nähern. Dabei müssten sich eigentlich breite Bevölkerungsschichten für dieses Thema interessieren. Geht es doch letztlich um ihre Altersvorsorge und das Erbe ihrer Kinder. Stattdessen finden immer wieder neue marktschreierische Themen eine breite Aufmerksamkeit. Auch und gerade in Büchern.

Was ich mit diesen einleitenden Beispielen sagen will? Die Ökonomie ist in der öffentlichen Wahrnehmung auf seltsame Weise zu einer Unterhaltungsindustrie verkommen. Anstatt uns auf die Dinge zu konzentrieren, bei denen wir einen wertvollen Beitrag zur öffentlichen Diskussion leisten könnten, bedienen wir lieber Vorurteile in der politischen Diskussion und das Bedürfnis der Menschen, hellseherisch in die Zukunft zu blicken. Um im Unterhaltungsmarkt Aufmerksamkeit zu erlangen, werden immer lautere und schrillere Behauptungen und Prognosen über die Zukunft erstellt. Im Grunde leiden grosse Teile meiner Zunft an einem gewaltigen Mangel an Bescheidenheit.

Das wirklich Unglückliche an dieser Entwicklung ist, dass aufgrund der Kakofonie an ökonomischen Weissagungen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch unterschieden werden kann zwischen tatsächlich nützlichem Wissen und bestenfalls interessanter Spekulation. Der dauerhafte Missbrauch des uns Ökonomen entgegengebrachten Vertrauens ist dabei, unsere Glaubwürdigkeit vollständig zu zerstören.

Um diesem Trend vielleicht ein wenig entgegenzuwirken, schreibe ich dieses Buch. In meinen zwölf Jahren als Chefökonom einer Schweizer Grossbank habe ich entgegen dem Eindruck, der in unzähligen ökonomischen Publikationen erweckt wird, gelernt, dass unser Wissen als Ökonomen beschränkt ist. Konkret lauten meine drei wichtigsten Lernerfahrungen:

1. Wir wissen wenig über die Zukunft.

2. Das Wenige ist dafür aber sehr mächtig.

3. Wir geben uns wahnsinnig viel Mühe, das Wenige, das wir wissen, nicht wahrhaben zu wollen.

Dies sind Lernerfahrungen, die nicht nur für meine Arbeit, sondern auch für viele Ihrer wirtschaftlichen Entscheidungen grosse Konsequenzen haben sollten. Schnell einmal rückt die Frage «Was weiss ich eigentlich über die Zukunft?» in den Mittelpunkt unserer Überlegungen. Prognosefähigkeit und Prognosefehler werden dann mindestens genauso wichtig wie Prognosen selbst.

Wer sich die Frage danach stellt, welchen Zukunftsaussagen zu trauen ist und welchen nicht, spart sich viel Zeit. Die Beschäftigung mit irgendwelchen vollkommen ungesicherten Aussagen und Informationen fällt dann schnell einmal weg. Viel wichtiger noch, man beginnt, ganz andere Entscheidungen zu fällen. Wer einmal verinnerlicht hat, was er (oder sie) nicht weiss, wird sich in vielen Gebieten nicht mehr in falscher Sicherheit wähnen, sondern bewusst versuchen, mit der bestehenden Unsicherheit vernünftig umzugehen. Wer schliesslich noch verstanden hat, auf welche Prognosen er vertrauen darf, wird mit grösserer Sicherheit entscheiden können und sich auf seinem Weg nicht von dem statistischen Rauschen in der täglichen Medienberichterstattung ablenken lassen.

Genau darum geht es mir in diesem Buch. Ich möchte den Versuch wagen, Ihnen zu vermitteln, auf welche Vorstellungen und Konzepte Sie Ihre Entscheidungen meiner Erfahrung nach abstützen können und welche Behauptungen über die wirtschaftliche Zukunft Sie getrost ignorieren können. Dieses Buch soll also nicht einfach ein weiteres Buch sein, das versucht, über noch einen frisch erfundenen Megatrend oder noch abenteuerlichere Prognosen Ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Mit diesem Buch möchte ich ganz einfach versuchen, für eine bescheidenere Ökonomie zu werben. Eine Ökonomie, die dann schweigt, wenn sie nichts zu sagen hat. Aber auch eine Ökonomie, die dann umso lauter auftritt, wenn sich die Diskussion um die wenigen Dinge dreht, bei denen wir tatsächlich wichtige und wertvolle Hinweise geben können.

Zu diesen wertvollen Hinweisen, die die ökonomische Wissenschaft geben kann, gehören auch eine Vielzahl von Beiträgen zu Fragen der Gestaltung von Politik und Gesellschaft, zu denen ich in diesem Buche nichts sagen werde. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in diesen Themengebieten der Ökonomie eine ähnliche Problematik der Selbstdarstellung unserer Wissenschaft geben könnte. Mein unzulängliches Wissen über diese Felder der Ökonomie verbietet es mir aber, ein Werturteil über die Arbeiten meiner Kollegen in diesem Bereich zu fällen. Stattdessen konzentriere ich mich in dieser Arbeit auf das Wissen, das für Sie in Ihren wirtschaftlichen Entscheidungen von praktischer Relevanz ist.

Wenn ich von Wissen rede, muss ich mich natürlich beeilen hinzuzufügen, dass diese Art des Wissens im philosophisch engen Sinne immer nur vorläufig ist. Dennoch ist unser Verständnis über volkswirtschaftliche Zusammenhänge und auch über die Grundzusammenhänge an den Finanzmärkten in Teilen so weit entwickelt, dass wir tatsächlich überraschend verlässliche Aussagen über die Zukunft machen können. Ich glaube, dass wir mit einer bescheiden auftretenden Ökonomie gute Hilfestellungen für Ihre wirtschaftlichen Entscheide geben können.

In diesem Sinne sind die folgenden Seiten einer knappen Darstellung dessen gewidmet, was die Ökonomie heute zu einer besseren Einschätzung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der Entwicklung der Finanzmärkte beitragen kann. Dabei werde ich versuchen, die Aktualität in meine Darstellung einzubinden, um meine vielleicht sonst zu abstrakt erscheinenden Gedanken greifbarer zu machen. Dass dabei eine hoffentlich adäquate Abbildung der weiteren Entwicklung von Weltwirtschaft und Finanzmärkten entsteht, ist nicht ganz zufällig.

Letztlich geht es in meiner täglichen Arbeit und in diesem Buch um die Schaffung einer belastbaren, empirisch abgestützten Grundlage für konkrete Handlungsempfehlungen für wirtschaftliche Entscheidungen. In Abwandlung eines Zitats des antiken griechischen Staatsmanns Perikles möchte ich mit diesem Buch nicht versuchen, die Zukunft für Sie vorherzusagen, sondern Ihnen helfen, sich besser auf die Zukunft vorzubereiten.

Wachstum

«Es ist nicht unsere Aufgabe, die Zukunft zu prognostizieren, sondern uns auf sie vorzubereiten.»

Perikles (500–429 v. Chr.)

Wirtschaft – was ist das?

Haben Sie auch schon einmal Menschen über «die Wirtschaft» reden hören? In meinem Beruf bin ich ständig mit diesem Begriff konfrontiert. Häufig werde ich Dinge gefragt wie «Machen Sie sich auch so viele Sorgen um die Wirtschaft?» oder «Wie geht es der Wirtschaft?». In der Politik sind Sätze wie «Das ist gar nicht gut für die Wirtschaft» in den letzten Jahren zum Totschlagargument geworden. Aber wer oder was ist eigentlich «die Wirtschaft»?

In manchen Diskussionen wird «die Wirtschaft» als Synonym für die Unternehmungen verwendet. Da sehen wir «Wirtschaftsvertreter», die mit Arbeitnehmervertretern diskutieren. Nur, sind denn die Arbeitnehmer nicht auch Teil der Wirtschaft? Und was ist mit den Jugendlichen und Kindern oder den Menschen, die ihr Leben der unentgeltlichen Sozialarbeit widmen?

Wachstum ist ein ähnlicher schwammig verwendeter Begriff. Sie alle kennen die meist wenig fruchtbaren Diskussionen, ob Wachstum überhaupt nötig sei, ob wir lieber qualitatives als quantitatives Wachstum anstreben sollen. Was wächst hier eigentlich? Oder was soll wachsen? Und was besser nicht?

Die Wirtschaftswissenschaft hat diese Begriffe schon seit langem versucht genauer zu fassen. Ich denke, dass man das am einfachsten so formulieren kann: Unter Wachstum verstehen wir meist die Zunahme des Einkommens der Bewohner eines Landes. Unter Wirtschaft verstehen wir das System von Produktion und Austausch von Waren und Dienstleistungen. Wirtschaft und Wachstum sind wichtige Themen, die uns auch in diesem Buch beschäftigen werden.

Zentral für das Verständnis dessen, was die Wirtschaftswissenschaft zu diesen Themen zu sagen hat, ist, dass wir Ökonomen unsere Fragestellungen nicht ausschliesslich unter monetären oder materiellen Aspekten beleuchten, wie es häufig in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Selbst die einfachsten ökonomischen Theorien unterstellen nicht, dass der Mensch einfach sein Einkommen maximieren will. Ganz grundsätzlich sprechen wir Ökonomen von einer Nutzenmaximierung als Grundannahme hinter dem von uns am häufigsten gebrauchten, aber nicht einzigen Modell zur Beschreibung ökonomischer Zusammenhänge.

Was einem Menschen Nutzen stiftet, ist aber nicht automatisch mit Einkommen gleichzusetzen, sondern bleibt im Wesentlichen unbestimmt. In dem von vielen Ökonomen grundsätzlich geteilten liberalen Menschenbild soll eben gerade niemand den Menschen erklären, was für sie nun gut sei und was sie zu meiden hätten. Der Mensch kann, darf und soll in einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung diese Entscheidung für sich selber fällen.

Nehmen wir meine Familie als Beispiel: Meine Schwester ist Pfarrerin, mein Bruder ist Psychoanalytiker, ich bin Ökonom. Ich bin mir sicher, dass wir nicht nur mit unserer freien Berufswahl sehr glücklich sind, sondern dass wir auch in unserem alltäglichen Leben viele Entscheidungen sehr gerne in Freiheit und Eigenverantwortung sehr unterschiedlich fällen.

Das Motiv, Geld zu verdienen, ist für meine Schwester in ihrer Berufswahl überhaupt kein Thema gewesen. Dennoch erbringt sie heute Dienstleistungen für die Gesellschaft, die für ihre Gemeindemitglieder sehr nützlich sind und ihr selber Befriedigung verschaffen. Ihre Entlohnung richtet sich nicht nach einem Marktlohn, sondern wird im Wesentlichen durch die Gemeindemitglieder anhand ihres persönlichen Bedarfs bestimmt.

Dennoch würde ich als Ökonom den Austausch von Dienstleistung gegen diesen Lohn, für eine hohe Anerkennung und vor allem für die Möglichkeit, etwas Befriedigendes und Sinnstiftendes tun zu können, als eine wirtschaftliche Aktivität bezeichnen. Für meine Schwester gehören in ihre Vorstellung von dem, was für sie wichtig ist, was ihr Nutzen stiftet, ganz offensichtlich nicht nur pekuniäre Grössen. Ich denke, dass das für meinen Bruder und für mich ähnlich ist. Wahrscheinlich sind es aber unterschiedliche Dinge, die wir in unserem Leben wichtig und richtig finden.

Die Ökonomie mischt sich hier nicht ein. In den einfachsten, den Studenten bereits im ersten Semester vermittelten Theorien wird eben nicht die Maximierung von Geld oder Vermögen beschrieben, sondern es wird untersucht, wie sich Menschen bei teilweise widersprüchlichen Zielen und bei Knappheit der zur Verfügung stehenden Mittel entscheiden. Typisch für ein solches Basismodell der Ökonomie ist die Untersuchung einer Situation, in der die Menschen Konsum und Freizeit nützlich finden, der Konsum aber nur möglich ist, wenn vorher durch Arbeit Einkommen erzielt wird. Arbeit und Freizeit stehen aber, wie viele von uns wissen, in einem gewissen Spannungsverhältnis. Arbeitszeit geht zulasten der Freizeit und umgekehrt.

Es ist hier nicht der Ort, um darzulegen, wie sich Menschen unter der Annahme von vernünftigem Verhalten dann entscheiden werden, welche Entscheidungsregeln sie anwenden und was daraus alles gefolgert werden kann. Wichtig scheint mir an dieser Stelle nur zu betonen, dass Wirtschaft viel mehr umfasst, als diejenigen meinen, die häufig das Wort «Wirtschaft» in ihren Argumentationsketten benutzen. Nutzenmaximierung ist nicht einfach mit Einkommensmaximierung gleichzusetzen. Wer das tut, zeichnet ein verarmtes Zerrbild unserer Wissenschaft.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird deutlich, dass Wirtschaften auch kein Selbstzweck ist. Im Sinne der Ökonomie ist es genau umgekehrt: Die Wirtschaft existiert erst, weil wir Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen haben, die wir befriedigen wollen. Ein effizientes Wirtschaftssystem schafft es, dass möglichst viele Bedürfnisse auf eine gesellschaftlich akzeptable Art und mit möglichst geringem Ressourcenverbrauch befriedigt werden können. Worin diese Bedürfnisse bestehen, wird von der Ökonomie nicht im Voraus bestimmt. In einem liberalen Wirtschaftssystem ist das ganz allein unsere Sache.

Wachstum und Wohlstand

Ich staune immer wieder, wie viele meiner Kollegen diese Grundlagen unserer Wissenschaft nicht wahrhaben wollen. Wie häufig wird nicht Wirtschaft auf das verengt, was sich in US-Dollar, Franken oder Euro messen lässt. Nehmen wir die Frage nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes. Diese Frage wird häufig auf die Frage der Grösse und des Wachstums des Volkseinkommens reduziert.

Es besteht kein Zweifel, dass das Volkseinkommen in vielerlei Hinsicht eine sehr wichtige Zahl ist. Zum Beispiel bestimmt die Grösse des Volkseinkommens die Grösse der Absatzmärkte für die Produkte der Unternehmen. Sicherlich stellt das Volkseinkommen auch die Basis dar, auf der der Staat Steuern erheben kann, um seine Ausgaben zu decken.

Betrachten wir zu diesem Thema ein konkretes Beispiel. Ich bin mir sicher, dass die meisten Leser dieses Buchs eine klare Vorstellung davon haben, wie wirtschaftlich leistungsfähig und effizient die Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten gewesen sind. Blicken wir zuerst auf die absolute Höhe des Volkseinkommens, standen im Jahr 2016 den 18600 Milliarden US-Dollar der Vereinigten Staaten 2400 Milliarden Euro Frankreichs gegenüber. Nimmt man den durchschnittlichen Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar des Jahrs 2016 von 1,12 als Umrechnungswert, kommt man zum Schluss, dass die Vereinigten Staaten also ein siebenmal grösseres Einkommen erwirtschaftet haben. Amerika ist für die meisten Produkte ein deutlich grösserer Markt als Frankreich.

Die Frage nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Effizienz der betrachteten Volkswirtschaften ist aber mit dieser Zahl nur sehr oberflächlich beschrieben. Immerhin wohnen in den Vereinigten Staaten mit 320 Millionen gut fünfmal mehr Menschen als die 67 Millionen in Frankreich. Aber auch pro Einwohner liegt das Volkseinkommen mit 58 000 US-Dollar in den USA deutlich über den umgerechnet 40 000 US-Dollar Frankreichs. Vielleicht ist dieser Vergleich aufgrund des verwendeten, von zufälligen Marktschwankungen geprägten Wechselkurses nicht ganz statthaft. Ob man aber langfristige Durchschnittswerte, Tageswechselkurse oder eine Form der Kaufkraftparität, die uns später noch beschäftigen wird, nimmt, macht keinen Unterschied. In jedem Fall bleibt das Volkseinkommen pro Kopf in Amerika über dem Wert in Frankreich.

Ob das allerdings auch zu einem höheren Wohlstand für die Menschen führt, ist nicht ganz so deutlich. So versteckt sich hinter diesen Durchschnittswerten doch nicht nur eine sehr unterschiedliche Einkommensverteilung, sondern verbergen sich auch unterschiedliche Steuer- und Abgabensysteme. Auch die Preise für die Lebenshaltung können sehr unterschiedlich sein. Um diesen Unterschieden Rechnung zu tragen, untersucht die Schweizer Grossbank UBS seit Jahren Preise, Löhne und Kaufkraft in den wichtigsten Metropolen der Welt. Auch in diesen Analysen ergibt sich, dass der Lebensstandard in den Vereinigten Staaten über dem in Frankreich liegt. So kann sich eine dreiköpfige Familie mit durchschnittlichem Einkommen in New York einen gut 20 Prozent höheren materiellen Lebensstandard leisten als eine vergleichbare Familie in Paris.

Damit haben wir aber noch nicht geklärt, welche Volkswirtschaft sich dynamischer entwickelt. Auch hier spricht zunächst einiges für die Vereinigten Staaten. Um uns nicht von der Inflation blenden zu lassen, betrachten wir für solche Untersuchungen in der Ökonomie in der Regel inflationsbereinigte Zahlen. Tatsächlich ist in Amerika in den letzten Jahrzehnten das Volkseinkommen auch real deutlich schneller gewachsen als in Frankreich. Nimmt man 1980 als Ausgangspunkt, konnten die Amerikaner das Volkseinkommen um jährlich durchschnittlich 2,6 Prozent steigern. In Frankreich lag dieser Anstieg nur bei 1,8 Prozent pro Jahr. Gemessen am Volkseinkommen scheint die Sache also klar zu sein: Die Vereinigten Staaten sind nicht nur die grössere, sondern auch die dynamischere Volkswirtschaft als Frankreich.

Dabei gilt es allerdings zu bedenken, dass auch der Bevölkerungsanstieg in den Vereinigten Staaten deutlich grösser war als in Frankreich. Mit anderen Worten haben mehr Menschen zu diesem Anstieg beigetragen und müssen mehr Menschen sich dieses Volkseinkommen teilen. Pro Einwohner ist der Wachstumsvorsprung der Vereinigten Staaten schon ein gutes Stück kleiner. Tatsächlich hat das Volkseinkommen pro Kopf in Amerika um 1,6 und in Frankreich um 1,3 Prozent pro Jahr zugenommen. Damit scheint sich der Lebensstandard der einzelnen Menschen in fast ähnlichem Umfang verbessert zu haben. Der Wachstumsvorsprung beim Einkommen pro Kopf ist damit auf nur noch 0,3 Prozentpunkte geschrumpft.

Wenn wir bei unserer anfänglichen breiteren Definition von Nutzen bleiben, dürfen wir bei einer monetären Betrachtung der Wirtschaftsentwicklung aber natürlich nicht stehen bleiben. Gerade am Thema Arbeitszeit haben sich nämlich über diesen Zeitraum ebenfalls Veränderungen ergeben. So hat ein vollzeitbeschäftigter Franzose 1980 im Schnitt 1823 Stunden pro Jahr gearbeitet. 2016 waren es dagegen nur noch 1472 Stunden, was einem Rückgang von 19 Prozent entsprach. Die Amerikaner arbeiten dagegen heute mit 1783 Stunden nicht einmal 2 Prozent weniger als vor 35 Jahren.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage danach, welche Wirtschaft sich in den vergangenen Jahren dynamischer entwickelt hat, deutlich differenzierter zu beurteilen. Pro Arbeitsstunde ist das erzielte Einkommen der Franzosen tatsächlich über diesen Zeitraum mit 1,8 Prozent pro Jahr klar schneller gewachsen als das der Amerikaner, die lediglich einen Zuwachs von 1,6 Prozent erzielen konnten. Den Zuwachs an Einkommen pro Arbeitsstunde nennen wir Ökonomen die Arbeitsproduktivität.

Produktivität und langfristiges Wachstum

Produktivität ist die entscheidende Grösse für die Entwicklung unseres Lebensstandards. Langfristig bestimmt der Zuwachs an Produktivität, wie viel mehr wir uns leisten können und wie viel mehr Freizeit wir geniessen können. Gerade Letzteres scheinen die Franzosen zu präferieren. Einen Teil ihres Produktivitätsfortschritts haben sie tatsächlich dazu benutzt, um mehr Freizeit zu beziehen. Um genau zu sein, sind die geleisteten Arbeitsstunden im Schnitt pro Jahr um 0,6 Prozent gesunken. Dies ist zum einen über eine Verlängerung der Ferien und zum anderen über eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit erfolgt. Da die Amerikaner nicht einmal 0,1 Prozentpunkte ihres Produktivitätsfortschritts für eine Verkürzung der Arbeitszeit verwendet haben, resultiert, dass die Amerikaner grössere Einkommenszuwächse verzeichnen konnten als die Franzosen.