Einer meiner Freunde, er hieß Waldrich, hatte die hohe Schule kaum seit zwei Jahren verlassen, und sich in einer Provinzialhauptstadt als überzähliger und unbesoldeter Gerichtsassessor oder dergleichen herumgetrieben, da eben in die Posaune des Heiligen Krieges gestoßen ward. Es galt die Befreiung Deutschlands vom Joche des französischen Eroberers. Ein frommer Eifer bemächtigte sich alles Volkes, wie man weiß. Freiheit und Vaterland war das Feldgeschrei in Städten und Dörfern. Tausend und tausend Jünglinge flohen freudig zu den Fahnen. Es galt Deutschlands Ehre und die Hoffnung, auch dann auf Hermanns Boden vielleicht ein edleres Leben zu finden, in gesetzlich geregelten, des gebildeten Zeitalters würdigeren Verhältnissen. – Mein lieber Waldrich hatte in dem frommen Eifer und der schönen Hoffnung seinen guten Teil. Kurz, er empfahl sich seinem Gerichtspräsidenten zu Gnaden, und wählte statt der Feder das Schwert.
Weil er noch nicht das volle Alter gesetzlicher Mündigkeit besaß, schrieb er, da er keine Eltern mehr hatte, und Reisegeld doch in allen Fällen wohltut, seinem Vormund um die Erlaubnis, den Zug fürs Vaterland mittun zu dürfen, und ersuchte um hundert Taler Reisegeld. Sein Vormund, Herr Bantes, ein reicher Fabrikherr in der Stadt oder Städtchen Herbesheim an der Aa, der ihn, wenn man so sagen will, erzogen hatte (Waldrich hatte nur als Knabe, bis zur Hochschule, bei ihm im Hause gelebt) – Herr Bantes war ein alter, wunderlicher Herr.
Dieser schickte ihm einen Brief mit fünfzehn Louisdor in Gold, folgenden Inhalts: »Mein Freund, wenn Sie noch ein Jahr älter sind, können Sie über sich und den kleinen Rest Ihres Vermögens nach Belieben verfügen. Bis dahin bitte, dero Zug fürs Vaterland einzustellen und Ihren Geschäften obzuliegen, um einst Amt und Brot zu bekommen, denn das wird Ihnen sehr nötig sein. Ich weiß, was ich meiner Pflicht und dero Vater, meinem Freunde selig, schuldig bin. Lassen Sie endlich Ihre Schwindeleien alle einmal fahren, und werden Sie solid. Ich schicke daher keinen Kreuzer. Bleibe dero usw.«
Die in ein Papier gewickelten fünfzehn Louisdor standen mit diesem Briefe in seltsamen, doch gar nicht unangenehmem Widerspruch. Waldrich hätte sich ihn noch lange nicht und vielleicht nie erklärt, wäre sein Blick nicht auf das zu Boden gefallene Papier geraten, worin das Geld eingeschlagen gewesen. Er nahm es. Es hieß: »Lassen Sie sich nicht abschrecken. Ziehen Sie hinaus für die heilige Sache des armen deutschen Landes. Gott schütze Sie! Dies wünscht Ihre ehemalige Gespielin Friederike.«
Diese Gespielin Friederike war nun keine andere, als die junge Tochter des Herrn Bantes. Der Himmel weiß, wie sie zum Briefversiegeln ihres Vaters gekommen war. Waldrich stand ganz begeistert da, mehr über das Heldenherz des deutschen Mädchens als über das Gold entzückt, das Friederike vermutlich aus ihrem eigenen Sparhafen dazugelegt hatte. Er schrieb auf der Stelle nach Herbesheim an einen Freund, schloss ein paar dankbare Zeilen für das kleine Mädchen ein (er hatte aber vergessen, dass das kleine Mädchen wohl seit vier Jahren etwas gewachsen sein konnte), nannte es sogar seine deutsche Thusnelde, und wanderte stolz, wie ein zweiter Hermann, dem Rheine und den Heeren zu.
Ich möchte hier gar nicht umständlich Waldrichs Hermannstaten erzählen. Genug, er war dabei, wenn's galt. Napoleon ward glücklich entkaisert und nach Elba geschickt, Waldrich kehrte nicht zurück, wie die übrigen Freiwilligen, sondern ließ sich gefallen, als Oberleutnant in ein Linien-Infanterieregiment zu treten. Das Leben gefiel ihm im Felde besser, als hinter den Aktenschanzen der staubigen Schreibstube. Sein Regiment machte auch den zweiten Zug gegen Frankreich mit und kehrte endlich, nach vollbrachtem Werk, unter Paukenschlag und Sing und Sang, in die Heimat zurück.
Waldrich, der in zwei Schlachten und mehreren Gefechten gestritten hatte, war so glücklich gewesen, ohne alle Wunden davonzukommen. Er schmeichelte sich, als einer der Vaterlandshelden zur Belohnung bald vorzugsweise eine bürgerliche Anstellung zu erhalten. Er war beim Regimente wegen seiner Liebenswürdigkeit und vielen Kenntnisse sehr geachtet. Allein mit der Anstellung ging es nicht so schnell, als er hoffte. Es waren zu viele Söhne und Vettern von Geheimräten, Präsidenten usw. zu versorgen, die so klug gewesen waren, andere in den heiligen Krieg ziehen zu lassen, aber für ihre Person zu Hause zu bleiben; auch hatten sie wohl vor ihm das Ansehen der Geburt voraus. Denn Waldrich stammte nur von bürgerlichen Eltern.
So ließ es sich nicht ändern. Er blieb Oberleutnant, und um so lieber, weil ihm Herr Bantes, sein gewesener Vormund, längst den winzigen Rest seines väterlichen Erbteils ausgehändigt hatte, und dieses längst schon zu allen Heiden ausgewandert war. Er trieb sich also in der Besatzung umher, machte in den Wachtstuben Gedichte und auf den Paraden philosophische Betrachtungen. Dies gab ihm bittere Langweile, bis einmal die Truppen verlegt wurden. Da traf es sich ganz unerwartet, dass seine Kompanie Befehl erhielt, nach Herbesheim in Besatzung zu gehen. An der Spitze seiner Kompanie – denn der Hauptmann, ein reicher Baron, war auf Urlaub – rückte er als Kommandierender in sein Vaterstädtchen ein. Oh, wie ward ihm beim Anblick der zwei schwarzen, hochgespitzten Türme und des alten, wohlvertrauten, grauen Torturms. Vor dem Rathause schwieg die Trommel. Ein paar Ratsherrn brachten die Quartierbilletts. Der Kommandierende, versteht sich, ward ins vornehmste, das ist ins reichste Haus der Stadt einquartiert, also auch zu Herrn Bantes. Angenehmeres hätte ihm der gesamte löbliche Stadtrat nicht erweisen können.
Die Kompanie schied gar vergnügt auseinander, denn es war um die beliebte Mittagsstunde, und die ehrsame Bürgerschaft, von der Einquartierung zeitig belehrt, hatte sich auf den Empfang der neuen Gäste vorbereitet. Waldrich, der die beiden Ratsherren noch von seiner Knabenzeit her wohl kannte, bemerkte, dass er ganz unkenntlich geworden sein müsse; denn sie behandelten ihn fremd und ehrerbietig, und führten ihn, obwohl er es ablehnte, selbst zum Hause des Fabrikherrn. Hier empfing ihn Herr Bantes ebenso fremd, und führte ihn gar höflich in ein sehr artiges Zimmer.
»Herr Kommandant,« sagte Herr Bantes, dieses und die anstoßenden Zimmer hatte auch Ihr Herr Vorfahre; nehmen Sie vorlieb. Machen Sie sich's bequem, und dann erwarten wir Sie zum Essen und dergleichen. Tun Sie, als wären Sie zu Hause.«
Unseren Waldrich belustigte sein unerwartetes Inkognito. Er nahm sich auch vor, es erst bei irgendeiner passenderen Gelegenheit aufzuheben, um dann die Überraschung zu vermehren.. Sobald er die Kleider geändert hatte, ward er zu Tische gerufen.
Er fand da, außer Herrn Bantes und dessen Frau Gemahlin und einigen alten Schreibern und Fabrikaufsehern, die er noch alle recht gut kannte, auch ein junges Frauenzimmer, das er nicht kannte. Man setzte sich. Man sprach vom Wetter; vom heutigen Tagesmarsch der Kompanie; von dem Bedauern der ganzen Bürgerschaft, dass die bisherige Garnison, mit der man ungemein zufrieden gewesen wäre, in eine andere Stadt verlegt worden sei.
»Ich hoffe indes,« sagte Waldrich, »Sie werden mit mir und meinen Leuten nicht unzufrieden sein. Lassen Sie uns nur heimisch werden bei Ihnen.«
Um nun heimisch zu werden, war es natürlich, dass der Kommandant, der sich schon gewundert hatte, dass seine Jugendgespielin Friederike im Hause fehle, der er immer die fünfzehn Louisdor schuldig geblieben war – dass er, sag' ich, seine Wirte fragte, ob sie keine Kinder hätten.
»Eine Tochter!« antwortete Frau Bantes, und zeigte auf das junge Frauenzimmer, das bescheiden die Augen zum Teller niedersenkte.
Waldrichs Augen aber gingen voller Verwunderung über Gebühr weit auf. Hilf, heiliger Himmel, welch ein höheres Wesen ist das kleine Riekchen geworden! So rief Waldrich nun eben nicht, aber er dachte es doch bei sich, wie er jetzt die Bescheidene aufmerksamer ansah. Er sagte den Eltern etwas Verbindliches, so gut er es in der ersten Bestürzung aufzubringen wusste, und war herzlich zufrieden, als der alte Papa rief: »Noch einen Löffel Sauce und dergleichen, zu Ihrem trockenen Braten da, Herr Kommandant!«
Frau Bantes sprach von einem Sohne, der ihr schon als Kind früh verstorben war, und noch immer sprach sie mit bewegtem Mutterherzen.
»Lass gut sein, Mama!« rief der Papa. »Wer weiß, er wäre am Ende vielleicht auch ein Windbeutel und dergleichen geworden, wie der Georg.«
Jetzt war die Reihe an Waldrich, die Augen bescheiden auf den Teller niederzusenken; denn mit dem Windbeutel Georg meinte man keinen anderen als seine eigene Wenigkeit.
»Aber wissen Sie denn, Papa, ob Georg wirklich solch ein Windbeutel geworden, wie Sie ihn sich vorstellen?« sagte Friederike. – Die Frage erwärmte den Kommandanten durchdringender, als das Glas alten Burgunders, das er eben angesetzt hatte, um seine Verlegenheit zu verbergen. In der Frage lag noch Spur ehemaliger Jugendfreundschaft, die nicht ganz vergessen zu sein schien. Eine solche interessante Frage, die über so interessante Lippen floss, und zwar mit einer so weichen, herzrührenden Stimme gefragt, konnte billig als Honigseim gelten, dem armen Waldrich die bitteren Pillen zu versüßen, die Herr Bantes in vollem Maß spendete.
Denn dieser erzählte, um sein Urteil zu rechtfertigen, dem Gaste, als wenn der nun Schiedsrichter sein sollte, dessen eigene Lebensgeschichte von der Wiege an bis zum Zuge für das Vaterland. »Hätte der Bursch«, so schloss die Historie nutzanwendend, »auf der Universität etwas Rechtschaffenes gelernt, so wäre er nicht unter die Soldaten und dergleichen gegangen. Wäre er nicht Soldat geworden, säße er jetzt irgendwo als Gerichtsrat, Kriegsrat, Kanzleirat, Hofrat und dergleichen; hätte sein gutes Brot und Auskommen.«
»Ich weiß nicht,« entgegnete die Tochter, »ob er auf der Universität fleißig gewesen; aber ich weiß, dass er wenigstens mit guten Herzen ging, sich für eine heilige Sache zu opfern.«
»Komm mir doch nicht immer mit deiner heiligen Sache und dergleichen!« rief Herr Bantes. »Wo sitzt denn das heilige Zeug, frage ich? Die Franzosen sind fortgejagt. Nun ja. Aber das heilige Reich ist dennoch zum Kuckuck und zum Küster gegangen. Die alten Steuern sind provisorisch beibehalten, und neue sind provisorisch zugefügt. Die verdammten Engländer mit ihren Waren lässt man wieder zu, wie vorher, und bekümmert sich nicht darum, wenn wir heilige Deutsche darüber zu heiligen Bettlern werden. Alles ging auf der letzten Messe wieder flau. Die Minister und dergleichen essen und trinken wieder; machen, wie sie es wollen; verstehen den Handel nicht; lassen die Fabrikanten bankrott werden, und hilft kein A und kein O. Die Welt liegt wieder im alten, und noch ärger als im alten. Tut eine ehrliche Seele, die es vielleicht besser versteht, den Schnabel auf, will ein anderes Lied pfeifen, als die Exzellenzen da mit dem Kreuze über dem Knopfloch und der Gleichgültigkeit unterm Knopfloch – hast du nicht gesehen, kurz angebunden! Flugs mit der armen Seele in ein Loch, abgesetzt, inquiriert, abgeschmiert, ist ein demagogischer Umtreiber und dergleichen. Ich sage dir, schweig, Mädel, davon verstehst du nichts. Du muss nicht weiter über deine Teekanne sehen, als in die Tasse, dann schüttest du nicht nebenbei.«
Waldrich merkte aus dieser Unterhaltung, dass der alte Bantes noch immer der ehemalige lebhafte, aufflammende, wunderliche Mann war, dem man doch bei allen seinen Eigenheiten nicht böse werden konnte. Da nun in diesem Streite zwischen Vater und Tochter ein schiedsrichterlicher Spruch gefällt werden musste, war der Kommandant so klug und gefällig, erst dem Vater vollkommen recht zu geben, im Punkte der heiligen Sache nämlich. Und das ward seinem Verstande allerdings zur Ehre angerechnet. Dann aber, weil er sich doch auch selbst nicht geradezu verdammen wollte, musste er auch seiner Fürsprecherin recht geben, nämlich im Punkte des guten Herzens, mit dem sich Georg für die vermeinte Sache geopfert habe.
»Merke schon!« rief der Alte. »Der Herr Kommandant ist pfiffiger, als Hans Paris bei den drei törichten Jungfrauen von Troja und dergleichen. Macht sich's bequem; schneidet den Apfel in zwei Hälften und gibt jedem einen Bissen, sagt: wohl bekomm's!«
»Nein, Herr Bantes, Ihr Georg irrte, wenn er irrte, wahrscheinlich wie mehrere Tausend anderer deutscher Männer, und wie zum Beispiel ich selbst. Auch ich machte den Kriegsgang für die Befreiung Deutschlands mit, und ließ alles im Stich. Unsere Armeen, Sie wissen es, waren aufgerieben. Das Volk musste aufstehen und sich selbst helfen, weil die Armeen nicht mehr helfen konnten. Da musste man nicht rechnen und fragen, sondern zuschlagen, Gut und Blut daransetzen und die Ehre der Nation, den Thron unserer Monarchen retten. Das haben wir getan. Jetzt wollen wir das Heil erwarten. Unsere bessergesinnten Staatsmänner können auch nicht zaubern und das verlorene Paradies durch ein Taschenspielerstückchen sogleich wieder verjüngen. Ich wenigstens bereue meinen Schritt noch nicht.«
»Allen Respekt,« sagte Herr Bantes mit tiefem Verbeugen, »allen Respekt, Herr Kommandant, für Ihre Ausnahme von den Regeln. Dünkt mich übrigens spaßhaft oder ernsthaft, dass wir Bürger, Bauern, Kaufleute und Fabrikanten zwanzig Jahre lang unser Geld hergeben müssen, um im Frieden eine Armee von einigen Hunderttausend müßigen Beschirmern des Thrones zu ernähren, zu kleiden in Samt, Seide und Gold, und dass wir anderen dann im einundzwanzigsten Jahre, wenn die Beschirmer des Thrones zusammengehauen sind, selbst aufstehen und das Rad wieder ins Gleis bringen müssen und dergleichen.«
In solchen Gesprächen ward man schon beim ersten Mittagsmahl vertraulicher untereinander. Herr Bantes selbst gab dazu den Ton; denn er war ein Mann, und setzte einen Wert darauf, es zu sein, der kein Blatt vors Maul nahm, wie er sich gern auszudrücken pflegte. Dem Kommandanten war sein Inkognito zuweilen ganz behaglich dabei, doch wünschte er sehr, es zu enden.
Es war aber schon geendet, ehe er es wusste. Frau Bantes, eine stille, feinbeobachtende Frau, die wenig sprach, viel sann, hatte am Tische, sobald sie Waldrichs Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichen verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermutete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den anderen noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu tun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wusste sie immer mehr als die übrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Dass sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend den Grund erforschen.
Waldrich hatte in der Tat keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlass, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er abends zum Tee gerufen wurde, fand er im Zimmer niemanden als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Schal ab. Waldrich trat zu ihr.
»Fräulein,« sagte er, »ich muss Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten.«
»Sie kennen ihn, Herr Kommandant?«
»Er dachte Ihrer oft, aber gewiss nicht so oft, als Sie es verdienten.«
»Er ist in unserem Hause erzogen worden. Ein wenig undankbar ist es aber doch, dass er, einmal von uns weg, nie, auch nur zu Besuch, zu uns kam. Beträgt er sich gut, ist er geschätzt?«
»Man hat nicht über ihn zu klagen! Keiner aber hat so sehr über ihn zu klagen als Sie, mein Fräulein.«
»Dann muss er ein guter Mensch sein, denn ich habe nichts gegen ihn.«
»Aber er ist ja noch, ich weiß es, Ihr Schuldner.«
»Er ist mir nichts schuldig.«
»Aber er sprach von einem Reisegelde, das er damals zu seiner Einrichtung gebrauchte, als er zur Armee gehen wollte, und sein Vormund ihm es verweigert hatte.«
»Ich habe es ihm ja gegeben, nicht geliehen.«
»Ist er darum Ihnen weniger schuldig, Thusnelde?«
Friederike sah den Kommandanten bei diesem Namen starr an, und es ging ihr wie ein Licht auf, und sie errötete, da sie ihn erkannte.
»Es ist nicht möglich!« rief sie freudig überrascht.
»Wohl, liebe Friederike, wenn ich Sie noch so nennen darf – ach, das schöne Du darf ich nicht mehr sagen – der Schuldner, der Sünder steht vor Ihnen – verzeihen Sie ihm. Ja, hätte er früher gewusst, was er nun weiß, er wäre schon tausendmal für einmal nach Herbesheim gekommen.« Er nahm ihre Hand und küsste dieselbe.
In dem Augenblicke trat Frau Bantes herein. Friederike eilte ihr entgegen: »Wissen Sie, Mamachen, wie der Herr Kommandant heißt?«
Das Antlitz der Frau Bantes ward von einem milden Rot überflogen. Sie sagte sanft lächelnd: »Georg Waldrich.«
»Wie, Mamachen, Sie wussten es und verschwiegen es?« sagte Friederike, die sich noch immer nicht von ihrer Überraschung erholen konnte, und nun den hochgewachsenen, festen Kriegsmann im Heerkleide mit dem schüchternen Schulknaben der Vorzeit verglich.
»Ja, wahrhaftig,« sagte sie, »er ist es. Wo ich auch nur meine Augen hatte! Da hat er ja noch die Schramme am linken Auge, die er sich vom Falle holte, als er mir eine Zitronenbirne vom höchsten Baume im Garten brach. Wissen Sie noch?«
»Ach, was weiß ich nicht noch alles!« sagte Waldrich und küsste seiner ehemaligen, ehrwürdigen Pflegemutter die Hand, und bat auch bei ihr um Verzeihung, nie seit seiner Mündigkeit zum persönlichen Besuch gekommen zu sein. Er behauptete, es sei eigentlich nicht wirkliche Undankbarkeit gewesen, denn er habe oft mit ehrfuchtsvoller Erkenntlichkeit an dieses Haus zurückgedacht; noch weniger Leichtsinn und Gleichgültigkeit – aber er wisse selbst nicht, was ihm immer im Gemüt widerstanden habe, dass er nie nach Herbesheim zurückkehren mochte.
»Ungefähr wohl dasselbe,« erwiderte leise die Mutter, »was die seligen Geister abhalten mag, sich nach dem Raupenstande ihres elenden Menschtums zurückzusehnen. Sie waren in Herbesheim eine Waise, und als Waise, ohne Mutter und Vater, ein Fremdling. Das konnten wir Sie nie vergessen machen. Sie waren Knabe, abhängig, oft fehlbar. Es zogen Sie keine reizenden Kindheitserinnerungen an die Stadt, die mehr Ihre Schul- als Vaterstadt gewesen ist. Sobald Sie frei, Jüngling, Mann geworden sind, fühlten Sie sich aller Orten glücklicher, als Sie bei uns sein konnten.«
Waldrich blickte mit einer Träne im Auge auf die Rednerin. »Ach, Sie sind noch immer die liebe, fromme, weise Mutter wie sonst. Sie haben recht. Es ist mir aber doch jetzt in der Tat heimatlicher in Herbesheim, als ich selbst erwartet habe; und ich gestehe, der Gegensatz meiner ehemaligen und jetzigen Verhältnisse mag dazu etwas beitragen. Wäre ich nur früher gekommen! Geben Sie mir in Ihrem herrlichen Herzen die Rechte des Pflegesohnes wieder.«
Frau Bantes konnte auf die Frage nicht antworten, denn Herr Bantes trat rasch herein und sogleich zum Teetisch. Wie ihm Friederike erklärte, wer ihr Gast sei, stutzte er, streckte dann plötzlich die Hand gegen den Kommandanten und sagte: »Seien Sie mir sehr willkommen, Herr Waldrich. Waren ein Knirps, und sind mir ganz aus den Augen gewachsen, Herr Waldrich. Ja, nun heißt es nicht mehr Georg, sondern Herr Waldrich, oder wohl gar Herr von Waldrich und dergleichen? Sind Sie von Adel?«
»Nein.«
»Und der Bandzipfel da im Knopfloch? Bedeutet nichts?«
»Dass ich mit meiner Kompanie eine feindliche Schanze nahm und gegen drei, vier Stürme sie behauptete.«
»Wieviel Mann kostete das?«
»Zwölf Tote, siebzehn Verwundete.«
»Also neunundzwanzig Menschenkinder für eine Achtelelle Seidenband. Verdammt teure Ware, die der Fürst verkauft, und doch in jedem Kramladen um ein paar Kreuzer einhandelt. Setzen wir uns; trinken wir. Friederike, bediene! Viel Beute gemacht? Wie stehen die Finanzen?«
Waldrich zuckte lächelnd die Achsel. »Wir zogen aber auch nicht der Beute willen ins Feld, sondern des Vaterlandes willen, dass es nicht die Beute der Franzosen bleibe.«
»Schön, schön. Ich liebe solche Gesinnungen, und es ist gut, dass man auch bei leeren Säcken darauf hält. Und Ihr väterliches Kapitälchen, sicher und solid angelegt?«
Waldrich ward rot und sagte dabei lächelnd: »Ich bin sicher, es geht mir nicht wieder verloren.«