Aus dem Englischen von Eva Brunner

Impressum

Die englische Originalausgabe Silent Companions

erschien 2017 im Verlag Raven Books.

Copyright © 2017 by Laura Purcell

Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: AdobeStock – Marta Jonina/magicmary/paprika/jannetito

Lektorat: Bernhard Kempen

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-879-7

www.Festa-Verlag.de

Für Juliet

St. Joseph’s Hospital

Der neue Arzt war für sie eine Überraschung. Nicht dass sein Eintreffen ungewöhnlich gewesen wäre – Ärzte kamen und gingen oft genug. Aber dieser hier war jung. Neu im Beruf sowie neu am Ort. Er strahlte eine Helligkeit aus, die ihre Augen schmerzen ließ.

»Das ist sie? Mrs. Bainbridge?« Das Mrs. war nett. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so angeredet worden war. Es war wie eine Melodie aus vergangener Zeit. Er blickte von seinen Notizen auf, konzentrierte sich auf sie. »Mrs. Bainbridge, ich bin Dr. Shepherd. Ich bin da, um Ihnen zu helfen. Um sicherzustellen, dass wir Sie ausreichend betreuen.«

Betreuung. Sie wollte von der Bettkante aufstehen, ihn am Arm nehmen und sanft zur Tür geleiten. Dieser Ort war nichts für Unschuldige. Neben der Wärterin, einer gedrungenen Hexe mittleren Alters, wirkte er so lebhaft, so lebendig. Die getünchten Wände hatten weder die Farbe aus seinem Gesicht vertrieben noch seinen Tonfall gedämpft. In seinen Augen sah sie Interesse aufblitzen. Das verstörte sie mehr als der finstere Blick der Wärterin.

»Mrs. Bainbridge? Verstehen Sie?«

»Ich hab’s Ihnen gesagt.« Die Wärterin schniefte. »Sie kriegen nichts aus ihr raus.«

Der Arzt seufzte. Er klemmte die Papiere unter den Arm und kam weiter in ihre Zelle hinein. »Das kommt vor. Oft in Fällen großer Not. Manchmal ist der Schock so gewaltig, dass der Patient nicht in der Lage ist zu sprechen. Vermutlich ist es so, nicht wahr?«

In ihrer Brust brodelten die Worte. Ihre Rippen schmerzten und die Lippen kribbelten vor Energie. Aber es waren Geister, Echos von Dingen, die vergangen waren. Sie würde sie nie wieder erleben.

Er beugte sich vor, sodass sein Kopf mit ihrem auf gleicher Höhe war. Sie nahm seine großen Augen wahr, die sie hinter der Brille unverwandt ansahen. Die fahlsten Ringe in Mintgrün.

»Es lässt sich kurieren. Mit Zeit und Geduld. Ich habe es schon erlebt.«

Die Wärterin schnappte missbilligend nach Luft. »Kommen Sie ihr nicht zu nah, Doktor. Sie kann sehr ungestüm sein. Hat mir mal ins Gesicht gespuckt.«

Er ließ sie nicht aus den Augen. Er war so nahe bei ihr, dass sie ihn riechen konnte: Karbolseife, Nelken. Die Erinnerung flackerte wie in einer Zunderbüchse. Doch sie weigerte sich, den Funken zünden zu lassen.

»Sie wollen sich nicht vergegenwärtigen, was Ihnen zugestoßen ist. Aber Sie können reden. Die Rauchvergiftung war keineswegs so schlimm, dass Sie stumm geworden wären.«

»Sie will nicht reden, Doktor. Sie ist nicht dumm. Sie weiß, wohin man sie bringen wird, wenn sie nicht hier sein darf.«

»Aber kann sie nicht schreiben?« Er sah sich im Zimmer um. »Warum gibt es hier nichts, womit sie schreiben kann? Haben Sie nicht versucht, mit ihr zu kommunizieren?«

»Ich würde ihr mit einem Stift nicht trauen.«

»Dann Schiefertafel und Kreide. Sie finden welche in meinem Zimmer.« Er stöberte in seiner Tasche und warf der Wärterin einen Schlüssel zu. »Holen Sie eine. Wenn ich bitten darf.«

Stirnrunzelnd nahm die Wärterin den Schlüssel entgegen und schlurfte zur Tür hinaus.

Sie waren allein. Sie spürte seinen Blick auf sich – nicht streng, aber so unangenehm wie das Kitzeln eines Insekts, das ihr übers Bein krabbelte.

»Die Medizin verändert sich, Mrs. Bainbridge. Ich bin niemand, der Ihnen Elektroschocks verpassen oder Sie in kalte Bäder tauchen würde. Ich möchte Ihnen helfen.« Er neigte den Kopf. »Sie müssen wissen, es wurden gewisse … Anschuldigungen gegen Sie erhoben. Einige Leute meinen, man müsste Sie in eine sicherere Einrichtung verlegen. Oder dass Sie vielleicht gar nicht in eine Irrenanstalt gehören.«

Anschuldigungen. Sie erklärten nie den Grund der Anklage, nannten sie nur eine Mörderin, und eine Zeit lang wurde sie ihrem Ruf gerecht: Sie warf Tassen, kratzte die Pflegerinnen.

Aber jetzt, da sie ein eigenes Zimmer und stärkere Medikamente hatte, wäre der Aufwand zu groß, um die Rolle weiterzuspielen. Sie wollte lieber schlafen. Es vergessen.

»Ich bin hier, um über Ihr Schicksal zu entscheiden. Aber damit ich Ihnen helfen kann, müssen Sie mir helfen. Sie müssen mir sagen, was geschehen ist.«

Als ob er es verstehen könnte. Sie hatte Dinge gesehen, die seinem kleinen, wissenschaftlich geprägten Gehirn unbegreiflich wären. Dinge, deren Existenz er leugnen würde, bis sie sich an ihn heranschlichen und ihre abgenutzten, rissigen Hände an seine drückten.

Ein Grübchen erschien in seiner linken Wange, als er lächelte. »Ich verstehe, was Sie denken. Alle Patienten sagen dasselbe: dass ich ihnen nicht glauben werde. Ich gestehe, hier kommen viele Wahnvorstellungen vor, aber nur wenige sind unbegründet. Bestimmte Erfahrungen haben sie geformt. Selbst wenn es außergewöhnlich klingt, würde ich gern hören, was Ihrer Meinung nach geschehen ist. Manchmal kann das Gehirn all die zu verarbeitenden Informationen nicht mehr bewältigen. Es zieht aus einem Trauma seltsame Schlüsse. Wenn ich höre, was Ihr Verstand sagt, kann ich vielleicht verstehen, wie er funktioniert.«

Sie lächelte zurück. Es war ein unangenehmes Lächeln. Eines, wovor Pflegerinnen zurückwichen. Er rührte sich nicht.

»Und vielleicht können wir Ihnen aus Ihrer misslichen Lage helfen. Wenn es zu einem Trauma gekommen ist, hilft es dem Opfer oft, es aufzuschreiben. Distanziert und objektiv. Als wäre es jemand anderem passiert.« Die Tür quietschte. Die Wärterin war mit Kreide und einer Schiefertafel in der Hand zurückgekehrt. Dr. Shepherd nahm beides, beugte sich zum Bett hinab und bot die Gegenstände wie einen Olivenzweig an. »Nun denn, Mrs. Bainbridge, werden Sie es für mich versuchen? Schreiben Sie etwas.«

Zaghaft streckte sie die Hand aus und nahm die Kreide. Sie lag seltsam in ihrer Hand. Nach so langer Zeit konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie anfangen sollte. Sie drückte die Spitze auf die Tafel und zog einen senkrechten Strich. Es quietschte – so entsetzlich hoch und schrill, dass es ihre Nerven reizte. Sie geriet in Panik, drückte zu stark. Das Ende der Kreide brach ab.

»Ich glaube wirklich, ein Bleistift wäre einfacher. Hören Sie, sie ist nicht gefährlich. Sie versucht das zu tun, was wir von ihr verlangen.«

Die Wärterin blickte wütend. »Auf Ihre Verantwortung, Doktor. Ich bringe ihr später einen.«

Es gelang ihr, ein paar Buchstaben zu kritzeln. Sie waren blass, aber sie wollte nicht wieder zu viel Kraft aufwenden. Auf der Tafel war nur ein zittriges Hallo zu lesen.

Dr. Shepherd belohnte sie mit einem weiteren Lächeln. »So ist es richtig! Üben Sie weiter! Glauben Sie, Sie könnten es ausbauen, Mrs. Bainbridge, und tun, was ich gesagt habe? Alles aufschreiben, woran Sie sich erinnern?«

Wenn es so einfach wäre.

Er war zu jung. Zu frisch und voller Hoffnung, um zu erkennen, dass es in seinem Leben Zeiten geben würde, die er lieber auslöschen würde – ganze Jahre unerträglicher Momente.

Sie hatte sie so tief verschüttet, dass sie nur einen oder zwei erreichen konnte. Genug, um zu bestätigen, dass sie den Rest nicht wollte. Wann immer sie sich zu erinnern versuchte, sah sie sie. Diese grässlichen Fratzen, die ihr den Weg in die Vergangenheit versperrten.

Mit der Manschette ihres Ärmels wischte sie die Tafel ab und schrieb erneut. Warum?

Er blinzelte hinter seiner Brille. »Nun … Was denken Sie?«

Heilung.

»Richtig.« Das Grübchen erschien wieder. »Stellen Sie sich vor, wir könnten Sie heilen? Sie aus dieser Anstalt entlassen?«

Um Himmels willen. Nein.

»Nein? Aber … ich verstehe nicht.«

»Ich hab’s Ihnen gesagt, Doktor«, warf die Wärterin mit ihrer rauen, gehässigen Stimme ein. »Sie hat es getan, jawohl.«

Sie zog die Beine an und legte sich flach aufs Bett. Ihr Kopf dröhnte. Sie griff sich mit den Händen an den Schädel, als wollte sie alles darin festhalten. Die Borsten ihres kahl geschorenen Kopfes piksten. Haare, die im Laufe der Monate gewachsen waren, in denen sie weggeschlossen war.

Wie lange war es her? Ein Jahr, nahm sie an. Sie könnte sie fragen, die Frage auf die Tafel schreiben, aber sie fürchtete sich vor der Wahrheit.

Es musste doch Zeit für ihre Medikamente sein, Zeit, um die Welt zu betäuben.

»Mrs. Bainbridge? Mrs. Bainbridge, geht es Ihnen gut?«

Sie hatte die Augen geschlossen. Es reichte, es reichte. Vier Wörter, sie hatte schon zu viel geschrieben.

»Vielleicht habe ich ihr heute zu hart zugesetzt«, sagte er. Dennoch wich er mit seiner beunruhigenden Präsenz nicht von ihrem Bett.

Das war ganz falsch. Ihr Gedächtnis taute auf.

Schließlich hörte sie, wie er sich aufrichtete. Schlüssel klirrten, eine Tür ging knarrend auf.

»Wer ist als Nächstes dran?«

Die Tür schloss sich und dämpfte ihre Stimmen. Ihre Worte und Schritte verliefen sich den Gang hinunter.

Sie war allein, aber die Abgeschiedenheit tröstete sie nicht wie sonst. Geräusche, die normalerweise unbemerkt blieben, wurden quälend laut: das Rasseln eines Schlosses, Lachen in der Ferne.

Verzweifelt vergrub sie ihr Gesicht unter dem Kissen und versuchte zu vergessen.

Die Wahrheit. Während der kalten grauen Stunden der Stille konnte sie nicht aufhören daran zu denken.

Im Aufenthaltsraum gab es keine Zeitungen – jedenfalls nicht, wenn sie dort hineingelassen wurde –, aber Gerüchte sickerten unter Türen und durch Risse in den Wänden hindurch. Die Lügen der Journalisten hatten es lange vor ihr in die Anstalt geschafft. Vom ersten Aufwachen an hatte sie hier einen neuen Namen bekommen: Mörderin.

Andere Patienten, Wärter, sogar die Pflegerinnen, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, verzogen den Mund und sagten die Zähne bleckend und gierig: Mörderin. Als ob sie sie damit einschüchtern wollten. Sie.

Es war nicht einmal die Ungerechtigkeit, die sie verabscheute, sondern das Geräusch, wenn die Silben in ihren Ohren zischten wie – Nein.

Sie verlagerte sich im Bett, umfasste nun fest ihre fröstelnden Arme, als würde sie sich zusammenhalten. Bis jetzt war sie in Sicherheit gewesen. Sicher hinter den Mauern, sicher hinter ihrer Stille, sicher mit den wunderbaren Drogen, die ihre Vergangenheit ausblendeten. Aber der neue Arzt … Er war die Uhr, die mit dem gefürchteten Totengeläut das Ende ihrer Zeit ankündigte. Vielleicht gehören Sie gar nicht in eine Irrenanstalt.

Panik breitete sich in ihrer Brust aus.

Wieder zurück zu den drei Möglichkeiten. Nichts sagen und für schuldig befunden werden. Bestimmung: der Galgen. Nichts sagen und wie durch ein Wunder freigesprochen werden. Bestimmung: die kalte, harsche Welt da draußen ohne Medikamente, die ihr halfen zu vergessen.

Es blieb nur eine Wahl – die Wahrheit. Aber welche war das?

Beim Blick in die Vergangenheit konnte sie nur die Gesichter ihrer Eltern klar erkennen. Um sie herum scharten sich schattenhafte Gestalten. Wesen voller Hass, die sie in Angst und Schrecken versetzt und ihren Lebensverlauf behindert hatten.

Aber das würde ihr niemand glauben.

Der Vollmond warf silberne Streifen durch das Fenster oben an die Wand und streifte ihren Kopf. Sie lag da und sah zu, als ihr der Gedanke kam. An diesem misslichen Ort war alles verkehrt. Die Wahrheit war verrückt, von jeglicher gesunder Vorstellungskraft entfernt. Und deshalb war die Wahrheit das Einzige, das ihr ein Leben hinter Schloss und Riegel garantieren konnte.

Sie glitt vom Bett auf den Boden. Er war kalt und etwas klebrig. Ganz gleich, wie oft sie den Boden aufwischten, der Geruch von Pisse hing stets in der Luft. Sie kauerte sich neben ihrem Bett zusammen, um sich schließlich dem sperrigen Schatten auf der anderen Seite des Zimmers zuzuwenden.

Dr. Shepherd hatte angeordnet, ihn dort hinzustellen: den ersten neuen Gegenstand in einer unveränderlichen Landschaft. Nur einen Schreibtisch. Aber er war ein weiteres Instrument, um das Leichenhaus aufzubrechen und alles, was sie begraben hatte, zu exhumieren.

Während ihr Puls im Hals pochte, kroch sie über den Boden. Irgendwie fühlte sie sich tiefer unten sicherer, sie kauerte sich darunter und blickte auf die eingekerbten Beine. Holz. Sie erschauderte.

Sicher gab es keinen Grund, hier vorsichtig sein zu müssen.

Sicher konnten sie nicht einfach irgendein Stück Holz nehmen und … Es war nicht möglich. Andererseits war nichts von allem möglich gewesen. Nichts ergab den geringsten Sinn. Und dennoch war es geschehen.

Langsam stand sie auf und begutachtete die Oberfläche des Schreibtisches. Dr. Shepherd hatte alle Utensilien für sie dagelassen: Papier und einen dicken, stumpfen Bleistift.

Sie zog ein Blatt zu sich heran. In der Dämmerung sah sie eine weiße Leere, die auf ihre Worte wartete. Sie schluckte den Schmerz in ihrer Kehle herunter. Wie konnte sie es noch einmal durchleben? Wie konnte sie sich dazu überwinden, es ihnen noch einmal anzutun?

Sie starrte auf das leere Blatt und versuchte, irgendwo in der riesigen Weite des Nichts diese andere Frau von vor langer Zeit zu sehen.