Für Oskar
Die nachfolgenden Geschichten handeln von einer wundersamen Schlange namens Tumba, die durch eine angeborene übernatürliche Fähigkeit mit ihrer Umwelt in Kontakt treten kann. Tumbas Abenteuer sind eine Auswahl von mehreren hundert Gute-Nacht-Geschichten, die ich damals meinem Sohn im Alter zwischen 4 und 8 Jahren erzählt habe. Der Gedanke, jetzt einige davon aufzuschreiben, kam mir, als mein Enkel Oskar geboren wurde. Ihm widme ich dieses Buch.
Heldin aller Geschichten ist die Schlange Tumba. Durch eine Laune der Natur ist es ihr möglich, Tierstimmen und auch die Sprache von Menschen zu „verstehen“ und so mit ihnen in Kontakt zu treten. In eine moderne Welt hineingeboren, weiß Tumba sich auch moderner Kommunikationsmittel zu bedienen. So nimmt sie bei ihren Abenteuern in besonders kritischen Situationen Kontakt auf mit ihrem Zuhörer oder Leser. Sie fragt nach deren Meinung und bittet auch um Hilfe. So entsteht eine Integrative Erzählform mit Interaktionen zwischen dem Hörer/Leser und Tumba. Mit etwas Fantasie und Spontanität kann so der Fortgang des Geschehens, abweichend vom Text, variabel gestaltet werden.
Den meisten Geschichten liegen persönliche Erfahrungen zu Grunde, die ich 1980 auf einer Reise als Rucksacktourist durch Peru machen konnte.
Mit der Niederschrift verbinde ich die Hoffnung, dass möglichst viele Eltern wissen, wie wichtig es ist, ihren Kindern das kostbarste aller Geschenke zu machen, nämlich Zeit mit ihnen zu verbringen. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass Vorlesen und Erzählen die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder stark fördern. Als Ergänzung zum Text können unter www.Tumba-online.de oder mit dem QR Code (s.u.) Bilder, Sachinformationen, Bastelanleitungen und Ratespiele abgerufen werden.
Der Tag, an dem Tumba das Licht der Welt erblickte, war eigentlich ein Sommertag wie jeder andere. Er war nur heißer und schwüler als sonst im dichten Urwald des Amazonasgebietes in Peru. Wieder einmal hatte es mittags einen heftigen Regenguss gegeben, der alles wegzuspülen drohte. Tumbas Mutter konnte gerade noch das einzige übrig gebliebene Ei des letzten Geleges vor den Wassermassen retten und es in Sicherheit bringen. Und zwar in die trockene Baumhöhle am Ufer des Amazonas, in der Tumbas Schlangenfamilie seit vielen Jahren wohnte. Am Vormittag, in der schwülen Hitze des Regenwalds, hatte sie die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fielen, genutzt, um das Ei im Sand vor ihrer Höhlenbehausung warm zu halten.
Sie wusste, dass bald der Zeitpunkt kam, an dem das Ei ausgebrütet war. Ihr kleines Schlangenkind würde die Schale von innen aufbrechen und in die Welt eintreten. Die Vorfreude auf diesen wundervollen Moment tröstete sie ein wenig über die Tatsache hinweg, dass Wochen zuvor ein großer Raubvogel das zweite Ei aus dem Sand vor der Baumhöhle geraubt hatte. Seitdem war die ganze Aufmerksamkeit der Eltern auf das verbliebene Ei mit ihrem Schlangenbaby gerichtet.
Jetzt lag es wieder im Sand, der nach dem Regenguss schnell von der Sonne aufgewärmt worden war. Die Mutter betrachtete es liebevoll und malte sich aus, wie ihr Kind wohl aussehen würde, welche Farbe es hätte, welche Musterung es haben könnte.
Da - plötzlich meinte sie, eine erste Bewegung in dem Ei entdeckt zu haben. Ihr Herz begann vor Erregung heftig zu klopfen. Sie konnte das Ei keine Sekunde mehr aus den Augen lassen. Und siehe da, jetzt war ein Wackeln ganz deutlich zu sehen. Sie meinte sogar zu erkennen, dass sich die Schale an einer Stelle in einem rhythmischen Auf und Nieder leicht wölbte. Der Moment schien gekommen, an dem ihr Schlangenkind alles daran setzen würde, die Schale zu durchbrechen.
In ihrer großen Aufregung hatte sie ganz vergessen, ihren Mann, den Schlangenvater, raus zu rufen. Dieser war nämlich in der Zwischenzeit damit beschäftigt gewesen, innerhalb der Baumhöhle einen Bereich für das erwartete Schlangenkind vorzubereiten. Auf ihr aufgeregtes Rufen hin kam er sofort aus der Baumhöhle geschlängelt. Er fragte, ob es wieder Gefahr für das Ei gäbe. „Nein, nein“, sagte sie, „im Gegenteil“, und dabei wies sie nur auf das Ei im Sand, das sich jetzt immer heftiger bewegte. Beide waren sich sicher, bereits einen ersten Riss in der Schale zu bemerken. Dieser wurde deutlich größer und mit einem Knacken sprang ein Stück aus der Eierschale heraus. Jetzt wurden die Bewegungen im Ei immer heftiger. Sie konnten ihre Augen nicht von dem Schauspiel lassen, das sich ihnen jetzt bot. Stück für Stück wurde die Schale von innen nach außen gestoßen, es ergab sich ein unregelmäßig gezacktes Loch, das zunehmend größer und größer wurde.
Und dann kam der Moment, wo ihnen fast das Herz stehen blieb bei dem, was sie sahen: ein Stück Haut, dann eine winzige, spitze züngelnde Zunge, dann der Kopf- und schon bald schlängelte sich ein kleines, feuchtes Wesen aus der Eierschale. Erst war der halbe Körper draußen, dann rutschte ein Teil weiter hinaus.
Mit kleinen Schlängelbewegungen war es dann so weit: Tumba hatte das Ei verlassen und lag im warmen Sonnenlicht erschöpft auf dem Boden.
Tumbas Eltern schauten sich glücklich an. Immer wieder ging ihr Blick zu ihrem Schlangenkind, um zu sehen, ob es auch wirklich gesund die Welt erblickt hatte. Alles schien perfekt. Tumba bewegte sich leicht, hob den Kopf und schaute schon in Richtung der Eltern. Als sie jetzt ihren Körper leicht zur Seite drehte, erblickten diese eine Besonderheit und schauten sich verwundert, aber auch beängstigt an. Im Natterhemd, so nennt man die Haut der Schlangen, befand sich an einer Stelle eine kleine Falte, eine Einstülpung, wie eine Tasche. Dieses besondere Merkmal hatten sie bisher bei keiner Schlange gesehen. Es sollte später noch eine ganz wichtige Aufgabe bekommen.
Aber welche nur?
In den kommenden Tagen und Wochen entwickelte sich Tumba prächtig zu einer kleinen lebhaften Schlange, die ihren Eltern sehr viel Freude bereitete. Sie war aufgeschlossen gegenüber allem Neuen und löcherte ihre Eltern mit vielen Fragen. Sie wollte zum Beispiel wissen: Warum geht die Sonne auf der einen Seite des Urwalds auf und auf der anderen Seite unter? Warum sind die Blätter grün? Warum leben wir in einer Baumhöhle usw. Die Eltern gaben bereitwillig Auskunft, denn sie wussten, nur der Dumme hat keine Fragen. Sie waren froh, dass ihr Kind so neugierig die Welt erkundete. Tumba zeigte sich auch sehr unternehmungslustig und war ständig in Bewegung. Schon nach kurzer Zeit konnte sie selbständig kleine Insekten fangen und musste nicht mehr gefüttert werden.
Nach und nach erweiterte sie auch ihren Bewegungsraum und traute sich, die Umgebung der sicheren Baumhöhle zu verlassen. Auf ihrenAusflügen nahm sie mit Interesse wahr, wie viele ganz unterschiedliche Tiere den Urwald bewohnen. Sie sah große bunte Schmetterlinge, dünne und dicke Frösche, winzig-kleine und größere Vögel, verschiedene Affenarten, Gürteltiere, Faultiere und Chamäleons und sogar einen Ameisenbär. Als sie sich einmal bis hinunteran den Fluss traute, sah sie auch Krokodile, die träge am Ufer des Amazonas lagen. Vor diesen hatten ihre Eltern sie gewarnt, weil Krokodile gerne einmal eine Schlange als Zwischenmahlzeit vertilgen. Noch mehr Vorsicht, so sagten die Eltern, sei bei dem größten Feind der Schlange geboten, dem Mungo. Tumba fragte sich, wie dieses gefährliche und schreckliche Tier wohl aussehen mochte. Es sollte nicht lange dauern, bis Tumba einem Mungo begegnete und ihr erstes großes Abenteuer bestehen musste. So verging einige Zeit, bis etwas geschah, das Tumbas Leben entscheidend verändern sollte und sie zur berühmtesten Schlange der Welt werden ließ.
Und das kam so: Tumba, die junge Schlange, lag verträumt vor der Baumhöhle und wärmte sich in der Sonne, als sie plötzlich Stimmen hörte, die ihr fremd und seltsam vorkamen. Es waren völlig andersartige Stimmen als die ihrer Eltern und anderer Schlangen. Als sie sich umschaute, konnte sie niemanden erkennen. Doch die Stimmen wurden lauter und deutlicher. Dann erkannte sie zwei kleine Mäuse. Sie kamen näher und unterhielten sich intensiv darüber, dass in der Nachbarschaft ein Mungo aufgetaucht sei und Jagd auf Mäuse und Schlangen machte. Sie waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie Tumba nicht bemerkt hatten.
Als sie jetzt die Schlange sahen, erstarrten sie vor Schreck.Sie wussten, dass Schlangen gerne Mäuse fressen. Tumba sprach sie an und beruhigte sie mit dem Hinweis, sie habe jetzt gerade keinen Appetit auf Mäuse. Sie hätte bereits sehr gut gefrühstückt. Erst da fiel ihr auf, dass sie die Unterhaltung der Mäuse verstanden hatte und wie selbstverständlich mit ihnen ein Gespräch führen konnte. Sie bedankte sich bei ihnen, dass sie sie vor dem gefährlichen Mungo gewarnt hatten. Die beiden Mäuse zogen verwirrt von dannen. Sie ließen eine sehr nachdenkliche Tumba zurück. Diese musste sofort ihren Eltern von der Begegnung mit den Mäusen berichten und sie vor einem Angriff des Mungos warnen.
Die Eltern waren, als sie die Geschichte hörten, sehr besorgt. Nicht etwa, weil sie Angst vor einem Mungo gehabt hätten, denn Mungos waren am Amazonas schon lange nicht mehr aufgetaucht. Sie hatten vielmehr Sorge, dass Tumba das Sonnenbad übertrieben, sich einen Sonnenstich zugezogen hatte und dadurch ganz verwirrt war. Wie sollte eine Schlange ein Gespräch zwischen Mäusen verstehen können?
Das war schier unmöglich. Vielleicht hatte Tumba das nur geträumt?
Die Erinnerung an das Geschehen verblasste mit der Zeit und Tumba dachte nicht mehr über das Gespräch mit den Mäusen nach, bis – ja, bis später urplötzlich ein Mungo vor ihr stand! Obwohl Tumba noch nie einen Mungo gesehen hatte, war ihr sofort bewusst, dass dieses kleine Raubtier mit dem rauen, grau-braunen Fell, dem langen Schwanz und einem Maul mit vielen scharfen Zähnen nur ein Mungo sein konnte.
Ein Mungo, vor dem alle Schlangen Angst haben, weil er so gefährlich ist.
Er zeichnet sich durch sehr schnelle Bewegungen aus, mit denen er sich einem tödlichen Schlangenbiss entzieht. Gleichzeitig ist sein Fell so dicht und buschig, dass kaum ein Schlangenzahn die verletzliche Haut darunter erreichen kann.
Schnell war Tumba klar, dass ein Kampf gegen den Mungo nicht zu gewinnen war. Genauso schnell hatte sie aber auch einen Plan, wie sie sich aus dieser brenzligen Situation befreien konnte. Sie musste so tun, als wollte sie kämpfen und musste immer wieder eine Attacke vortäuschen. Gleichzeitig würde sie sich in die Nähe der Baumhöhle zurückziehen, wo sie sicheren Unterschlupf und die Hilfe ihrer Eltern fand. Der Mungo schien darauf zu warten, dass Tumba ihn angriff, denn seine Taktik war es, sie zu ermüden, bevor er dann gezielt zubeißen konnte. Tumba aber tat ihm den Gefallen nicht. Sie zog sich langsam Richtung Baumhöhle zurück, ließ ihn aber keinen Moment aus den Augen.
Sie hatte schon einige Meter in Richtung der Baumhöhle geschafft, als der Mungo sie angriff. Blitzschnell konnte sie den scharfen Zähnen ausweichen und ihrerseits eine Attacke starten, indem sie einen Biss in das Gesicht ihres Gegners vortäuschte. Der Mungo sprang erschrocken zur Seite und Tumba konnte weiter zurückweichen. Jetzt kam ihr die Natur zur Hilfe, weil nämlich ein umgestürzter Baum auf dem Boden lag, unter den Tumba sich schlängelte. Der Mungo konnte sie in dem schmalen Spalt zwischen Baum und Boden nicht angreifen. Tumba bewegte sich unter dem Baumstamm weiter in Richtung ihrer rettenden Baumhöhle.
Schon war diese in Sichtweite. Tumba rief laut um Hilfe. Ihre Eltern kamen sofort aus der Behausung, erkannten die Gefahr und griffen den Mungo von zwei Seiten an. Tumba kam unter dem Baum hervor und startete ebenfalls einen Angriff. Angesichts dieser Überzahl erkannte der Mungo die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Er entzog sich weiteren Kämpfen durch Flucht ins Dickicht des Urwalds.
Tumba und ihre Eltern zitterten am ganzen Körper vor Erregung und zogen sich in ihre Baumhöhle zurück. Als sie sich ein wenig beruhigt hatten, stellte Tumba fest, dass die Mäuse mit der Warnung vor einem Mungo doch Recht gehabt hatten. Die Eltern wurden sehr nachdenklich. Sie konnten aber nicht wirklich glauben, dass Tumba die Sprache der Mäuse verstanden hatte. Diese Zweifel sollten schon bald einer großen Verwunderung weichen, als Tumba ein weiteres Beispiel ihrer übernatürlichen Fähigkeiten erbrachte, die Sprache anderer Tiere zu verstehen.
Es war etwa eine Woche nach der abenteuerlichen Begegnung mit dem Mungo. Tumba lag wieder einmal vor der Baumhöhle und wärmte sich in der Sonne. Sie hatte vorher ihren Eltern geholfen, die Behausung aufzuräumen, zu putzen und einige Dinge zu entsorgen. Jetzt erholte sie sich von dieser Arbeit. Sie erfreute sich an der Vielfalt des Urwalds mit den vielen bunten Blumen, Schmetterlingen und Vögeln. Sie hatte einige Zeit einen farbigen Papagei beobachtet, der auf einem Zweig über ihr saß, als ein weiterer heranflog und ganz aufgeregt mit seinen Flügeln flatterte.
Tumba fuhr ganz erschrocken zusammen, als die beiden sich unterhielten und sie erkannte, dass sie auch die Sprache dieser Tiere verstand. Der aufgeregte Papagei erzählte davon, dass Wesen, die auf zwei Beinen liefen, in einem Boot den Fluss hinauf kämen. Sie hätten die Absicht, mit großen Netzen Papageien zu fangen und Jungvögel aus den Nestern zu stehlen. Und jetzt überlegten die beiden Vögel, wie sie es schaffen könnten, das Gelege ihres Nests mit drei Jungen vor diesen Wesen zu schützen.
Tumba überlegte nur kurz, ob sie Kontakt mit den beiden verzweifelten Vögeln aufnehmen sollte. Ihr war klar, dass alles getan werden musste, um die Papageien und die Jungvögel zu schützen. Sie fasste sich ein Herz und rief hinauf zu den Vögeln "Hallo ihr beiden, ich bin hier unten, ich heiße Tumba. Ich habe von eurer Angst und den Problemen gehört. Ich möchte euch helfen." Die beiden Papageien schauten sich verdutzt um, denn sie konnten keinen anderen Papagei erkennen, sondern nur eine Schlange, die unter ihnen im warmen Sand lag. Tumba rief "Hallo, ich bin's, die Schlange unter eurem Ast, ich kann euch verstehen und eure Sprache sprechen." Fast wären die Vögel vor Erstaunen von ihrem Zweig gefallen, als sie die Schlange ihre eigene Papageiensprache sprechen hörten. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatten, fassten sie den Mut zu antworten und näherten sich vorsichtig.
Tumba erfuhr nun, dass die Wesen auf zwei Beinen Menschen genannt wurden. Sie kamen, um Papageien zu fangen, die sie später an Zoos verkaufen wollten. Sie waren vor einiger Zeit schon einmal in der Gegend gewesen und hatten mehrere Jungvögel aus den Nestern gestohlen. Tumba konnte die Verzweiflung der Papageien gut verstehen. Sie erschauderte bei der Vorstellung, sie würde ihren Eltern weggenommen und verkauft. Tumba überlegte, was zu tun sei. Da hatte sie eine geniale Idee, die sie den Papageien gleich vorstellte. "Sobald die Menschen gelandet sind und ihr Boot verlassen haben, um im Urwald nach Jungvögeln zu suchen, kommen wir mit der Großfamilie „Biber“, die in der Nähe wohnt. Von der lassen wir Löcher in das Boot nagen, so dass es in den Fluten des Amazonas versinkt. Die Menschen werden dann sicher kein Interesse daran haben, weiter Papageien zu fangen, sondern lieber das Boot reparieren und davon fahren."