Personen

Frau Charlotte Sonntag , Fabrikbesitzerin

Ihre Kinder:

Heinrich

Eduard

Marta

Dr. Jur. Bruno von Simon

Grossvatter Wallbrecker

Amanda Pius, seine Tochter

Carl Pius, sein Enkel

Mutter Pius, Carls Großmutter väterlicherseits

Drei Herumtreiber:

Der Pendelfrederech

Lange Anna

Der gläserne Amadeus

August Puderbach, Färber

Lieschen, sein Schwesterchen

Grete Stomms, Lieschens Freundin

Willem, Zuhälter, ehemaliger Weber

Rosa, die Riesendame

Die Herren mit dem grauen Zylinder

Dienstboten im Hause Sonntag:

Auguste

Berta

Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Herumtreiber, Kroatenjungen, Jahrmarktleute, Kinder usw.


Der erste und vierte Aufzug spielen im Arbeiterviertel, der zweite im Garten vor einer Villa, der dritte auf dem Jahrmarkt, der fünfte in einer Art Gartenzimmer derselben Villa. Die Schlußverwandlung des fünften Aufzuges spielt im Arbeiterviertel.

Erster Akt

Arbeiterviertel einer Fabrikstadt im Wuppertale. Hintergrund bergiger Wald. Links im Tal fließt ein schmaler Wupperarm, nach hinten in einer Biegung auslaufend. Über den Fluß führt eine Brücke zu einem Weg, an dem Pius' zerfallenes, einstöckiges Häuschen liegt. Rechts hinten ein Gäßchen mit hohen, alten, schmutzigen Arbeitermietshäuschen. Im ersten, nur noch halbsichtbaren Hause wohnen im obersten Stockwerk Puderbachs.

Links von der Wupper eine Wiese - in der Ferne sieht man dampfende Schornsteine von Fabriken und andere Häuser usw.

Vor Pius' Häuschen steht eine Bank, neben dieser ein breiter Strauch. Vor einem Steg, der im Hintergrund in den Wald führt, brennt eine alte Laterne, die während des ersten Aufzuges langsam erbleicht.


Großvatter Wallbrecker; Carl Pius; Frau Amanda Pius; Mutter Pius; Lieschen Puderbach; August Puderbach; der Pendelfrederech; Lange Anna; der gläserne Amadeus; zwei Helfershelfer; Kroatenjungen.


Grossvatter Wallbrecker: Hör auf dein alten Großvatter, Carl, schmeiß den Gelehrtenkrams beis Gerömpel. Du bist man so recht was für'n Meister, Gesellen müßt de unter dein Kommando hab'n.

Carl: Laß mich man erst Pastor sein, Großvatter, dann werden die Meister meine Gesellen.

Grossvatter Wallbrecker: Und das Liesken drüben sollst du doch frein.

Carl (überlegen wie zu einem Kind): Die heirat mich um so lieber.

Grossvatter Wallbrecker: Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvatter am Webstuhl gesessen, und doch war das Leichentuch zu klein für uns zwei. — (Pause) - Es nimmt en Pastor schon, aber, zum gelehrten Mann gehört en feines Weib un zum Pastor eine Pastorin - un der alte Großvatter gehört auch nicht rein ins Treibhaus!

Carl: ´nen bequemen Sorgenstuhl kauf ich dir, Großvatter, auf einem weichen Polster sitzt du und tust den ganzen Tag nix andres wie schlafen, spazierengehen und schmökern Was sagst de dazu, Vatter Wallbrecker?

Grossvatter Wallbrecker: Mit die Kaplans komm ich in Kollektion, daß Vatter Wallbreckers Enkelsohn Pastor is, sie haben mich schon das Haus eingelaufen wegen dein Vater sein lutherschen Glaubens.

Carl: An was du alles denken tust.

Grossvatter Wallbrecker: Tum Tingelingeling, Carl, die alte Truthenne hat auch dein Vater immer in die Ohren gelegen. Ein fleißiger Färber wars; (zeigt auf das Wasser der Wupper) da rinnt sein Blut. — Fällt dem mit einmal ein, er taugt für die Arbeit nich mehr, un giftig is er geworden auf sein Herrn und seine Gemahlin. Aufgeblasen war se ja man mit die seidene Röck, aber en Hochmut darf sie ja hab'n bei so viel Geld. Am hellen Tag auf dem Marktplatz hat er ihren adeligen Bloßen verhaun.

Carl: Das hat dir woll großen Kummer gemacht, Großvatter, weil du es nicht vergessen kannst.

Grossvatter Wallbrecker: Tum Tingelingeling, ein Jahr hab'n sie ihm für seine Missetat ins Loch gesteckt.

Carl Beileid bezeugend.

Grossvatter Wallbrecker: Er war ja sonst ein ehrlicher Arbeiter gewesen. (Carl nickt.)

Grossvatter W allbrecker: Un die alte Truthenne hat ihm bald besucht. Mit ihre Quacksalben hat sie eine feine Madame den Brand an de Waden geschmiert. Siehst de, Carl, un nu meint Amanda, dir steckt man auch mal rein wie dein überdrüssiger Vatter und deine studierte Großmutter.

Carl: Die Zeiten hab'n sich geändert, Großvatter.

Grossvatter Wallbrecker: Siehst de, da hab'n wirs, bald denkst de auch an dein alten Großvatter Taback nich mehr (Kindlich schlau).

Carl: Laß man gut sein.

Grossvatter Wallbrecker: Wie alt bist de nu, Jung! Puderbachs Aujust bringt schon zehn Taler nach Haus. Da läuft er mit seine Schwester, wie mit sein Schatz.

Man sieht beide geschwisterlich vom Wald heimwärts kommen.

Carl: Und ich werd das Dreifache verdienen, laß mich man Zeit, bin ich erst Pastor, tust de alle Tage dein Leibgericht knappem.

Grossvatter Wallbrecker (bedenklich): Wenn es de alte Truthenne mich nich auffressen tut.

Carl: Die bleibt hier an der Wupper in ihr Haus wohnen.

Grossvatter Wallbrecker: Und du willst in de fremde Residenz predigen? Tum Tingelingeling, in die luthersche Lutherkirche hier mußt de von de Kanzel herunter auf all die reichen Muckerköppe brüllen. (Kleine Pause) Und ich werd auch auf meine alten Tag en Ketzer werden, wenn es not tut - dich zulieb, Carl. Ich hab das (schlägt ein Kreuz) doch verlernt (weinerlich), wenn man so immer dran hängen tut.

Carl: Es ist schon spät, Großvatter, ich bring dich in de Klappe.

Grossvatter Wallbrecker: Jung, Jung, Jung, wenn ich es erleben tu.


Sie schreiten ihrem kleinen Häuschen zu; im Begriff einzutreten, umhalst hinterrücks den Großvatter Lieschen Puderbach, die ihrem Bruder vorangesprungen ist. Arbeiter sieht man in der Ferne und hört ihre rauhen Stimmen.


Grossvatter Wallbrecker: Was willst de vom Großvatter, kleines, leckeres Dier? Seh se dich mal an, Carl, die meint es mit dem alten Großvatter gut.

Lieschen (vergnügt): Kriegst morgen zu dein Geburtstag ne neue Piepe von mich, ich hab dem Aujust seine kleine im blauen Sametetui weggekläut un sie Herr Stomms gebracht heut. Ich kann mich für sie eine lange aussuchen wie deine is, eine nagelneue, Großvatter, (ganz hoch zu sprechen) mit en Hirschkopf drauf.

Grossvatter Wallbrecker (freut sich wie ein Kind): Die meint es gut mit dem alten Großvatter, Carl. (Er kitzelt Lieschen am nackten Hälschen.) Ich klopf ihm auch immer, wenn der junge Herr Eduard kommen tut; was, Liesken?

Lieschen schämt sich.

Grossvatter Wallbrecker (blinzelt Lieschen vertraulich an): Er fragt mir immer nach es.

Lieschen (altklug zu Carl): Herr Eduard sagt, ich wär seine Königsbraut.

Carl (sagt, um etwas zu erwidern): Un mich willst de also nich heiraten.

Grossvatter Wallbrecker: Tum Tingelingeling, er ist molz ein reichen Herr; was, Liesken?

Lieschen: Zwei große Bilder aus England, hat er gesagt, bringt er mich mit hier — siehst de! siehst de! Ich glaub, er kömmt gleich dir besuchen, Carl.

Carl (schiebt das Kind ungeduldig zur Seite): Dein Bruder sucht dich, Liesken.

Grossvatter Wallbrecker: Ein blaues Maul hat das Luder von'n Beerenfressen.

Lieschen: Kuck mal seine Nase an, Großvatter!!

Grossvatter Wallbrecker: Die is man wie´n Affe seine gemalen.

Lieschen: Aujust, Aujust, wie siehst de aus!!!!

August (blickt neidisch auf Carl): Ich bin man bloß ein einfacher Färber, ich schäm mir nich, von Gottes Waldes Natur zu fressen; du, Großvatter Wallbrecker?

Grossvatter Wallbrecker (schüttelt mit dem Kopf): Nä.

August: Du, Liesken?

Carl stellt sich an einen Seitenbalken des Häuschens, die Arme verschränkt.

Lieschen: Wenn de de Mutter fragen tust, August, ob ich die Tante noch ein bißchen waschen helfen darf, dann sag ich dich auch, wo deine kleine Piepe im blauen Sametetui is.

August: Sag!!

Großvatter schüttelt hastig Lieschen mit dem Kopf zu. Lieschen lacht.

August: Sag es doch, dummes Weib!!

Lieschen: Molz! Ich weiß es doch nicht.


Großvatter und Lieschen lachen August aus, der in komischen Wendungen im Begriffe ist umzukehren, Lieschen verhindert es aber.


Lieschen: Aujust, lieber Aujust, frag die Mutter, ja? Ich geb dich auch en Dicken.

August: Steck den Schmatz man in de Kiste, wenn de heiraten tust.

Lieschen: Meine Klümken und de Stange Süßholz kannst de dich nehmen aus Mutter ihre Kommode, Aujust.

Frau Amanda Pius (tritt ans offene Fenster, sie hat die letzten Worte Lieschens gehört): So en süßen Kater bist de, Aujust? Warum kömmst de eigentlich nich mehr beim Carl herüber?

Mutter Pius tritt hinter Amanda ans Fenster.

August: Bei so'n feinen Herr - nä, Frau Pius!

Mutter Pius: Was soll auch unser Carl mit so einen gemeinen Baumwollenfärber anfangen? (August verzieht sich furchtbar komisch mit einem Katzenbuckel.)

Mutter Pius (zu Lieschen): Und du müßt schon in de Klappe liegen.

Lieschen (etwas schüchtern auf Frau Amanda blickend): Ich will die Tante noch waschen helfen, daß se morgen dem Großvatter sein Leibgericht kochen kann.

Mutter Pius: Und hat kein Zahn im Maul.

Lieschen: Ich kann doch nicht schlafen bei so'n Mond, der guckt so rot wie Pendelfrederech sein ausgelaufen Aug.

Frau Amanda (geheimnisvoll): Hast de das schon gesehen, Liesken?

Lieschen: Einmal hat er es mich und Gretchen Stomms gezeigt.

Mutter Pius (zynisch): Un hast de sonst niks anderes in sein Keller gesehn, Liesken?

Lieschen: Ich hab immer bloß in sein runden, roten Mond geguckt.

Mutter Pius: Aber en wacker Mädchen bist de geworden; Amanda, guck mal, Brüst hat es schon, wie junge Salatköppe.

Carl tritt aus seinem Winkel auf den Großvatter zu.

Grossvatter Wallbrecker: Carl, ich komm jetz.

Mutter Pius tritt in die Stube zurück; Lieschen klettert durchs Fenster, Frau Amanda ist ihr dabei behilflich. Dann schließt sie das Fenster. Der Großvatter und Carl schlendern langsam ins Haus.

Grossvatter Wallbrecker: Nä, wie mich das alles aufregen tut - - -

Carl: Was denn?

Grossvatter Wallbrecker : Mit deine Carliäre, Carl.

Carl: Schlaf man ruhig, Großvatter.


Sie treten beide ins Häuschen. August schleicht aus seiner Gasse, umlauert das kleine Häuschen von Pius und versteckt sich vorsichtig zwischen Strauch und Bank. Unterdessen wird das Dachkämmerchen von einem matten Öllämpchen erleuchtet, das kleine Fenster ist halb geöffnet. Betrunkene Arbeiter passieren den Weg, fluchen, lachen usw. August gebärdet sich, da er durch den Lärm nicht zu hören glaubt, wie ein wütender Clown. Die Arbeiter biegen rechts in die Gasse ein. Man hört von oben Amandas Stimme.


Frau Amanda: Vatter - - -

Grossvatter Wallbrecker: Jjo - - -

Frau Amanda: So eilig hast de 's ja sonst nich, wach auf!!

Grossvatter Wallbrecker: Was soll ich um Mitternacht, meine Tochter?

Frau Amanda: Was hat Carl gesagt?

Grossvatter Wallbrecker: Was?

Frau Amanda: Was er gesagt hat. Du hast doch gesprochen mit ihm.

Grossvatter Wallbrecker: Jjo, es is mich man so am Maul vorbeigeschlichen, was für 'n schönen Posten der Aujust hat.

Frau Amanda: Un was sagt er drauf?

Grossvatter Wallbrecker: Nä, er will nich, de Pastor spuckt ihm in Kopf herum.