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Asmaa ist die Tochter einer Beduinenfamilie, die seit Jahrzehnten im Flüchtlingslager in Gaza lebt. Das selbstbewusste, rebellische und bisweilen zornige Mädchen sucht stets Schlupflöcher, um der konservativen Gesellschaftsordnung zu entkommen und im Geheimen ein wenig frei zu sein. Als Achtzehnjährige beschliesst sie, dieses patriarchalische und politische Gefängnis zu verlassen, und gelangt mit der Hilfe eines spanischen Fotografen nach Barcelona. Doch bald muss sie wieder ausbrechen, um nicht erneut in die Abhängigkeit von einem Mann zu geraten. Ihre Reise endet in Frankreich, wo sie sich langsam ein neues, eigenständiges Leben aufbaut.

Asmaa al-Atawna entzieht sich bewusst den Stereotypen des Nahostkonflikts, der den Hintergrund ihrer Geschichte bildet. Vielmehr erzählt sie in dieser mutigen Autofiktion mit erfrischender Vitalität, mit Humor und ohne Pathos von ihrem persönlichen Kampf für die Freiheit.

Asmaa al-Atawna, geboren 1978 in einem Flüchtlingslager in Gaza, ist weltweit eine der wenigen schreibenden Frauen aus einer Beduinenfamilie. Mit achtzehn Jahren floh sie nach Frankreich. Studium der Politikwissenschaft und des Experimentellen Films. al-Atawna arbeitete als Kriegsreporterin in Gaza und als Journalistin und Kolumnistin für die Zeitung al-Quds al-arabi in London, ausserdem beim Undergroundfilm und als Filmkritikerin. Sie engagiert sich für Gleichstellung im französischen Kultursektor und lebt in Toulouse.

Asmaa al-Atawna

Keine Luft zum Atmen

Mein Weg in die Freiheit

Aus dem Arabischen und mit einem Nachwort
von Joël László

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Der Übersetzer

Joël László, geboren 1982 in Zürich. Studium der Nahostwissenschaften und der Geschichte. Er lebt als freier Autor und Übersetzer in Basel. Längere Aufenthalte in Kairo sowie wissenschaftliche Publikationen zu neuerer türkischer und ägyptischer Geschichte. Seine Theaterstücke und Hörspiele wurden mehrfach ausgezeichnet.

Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der Übersetzung betonte lange Silben mit einem Zirkumflex (^) versehen.

Copyright © Asmaa al-Atawna, 2019. Soura mafqouda was first published in Arabic by Dar al Saqi, Beirut, Lebanon

Published by arrangement with The Italian Literary Agency and RAYA The agency for Arabic literature

E-Book-Ausgabe 2021

Copyright © 2021 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagfoto: z. V. g.

eISBN 978 3 85787 996 8

www.lenos.ch

Für Gaza

Inhalt

Erster Teil Geh weg

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Zweiter Teil Kehr zurück

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Nachwort

Im Schwarzen Viertel

Erster Teil

Geh weg

I

Ich bewegte den Körper des Mannes, der dalag wie ein Stein, nach links und nach rechts, um sicher zu sein, dass er noch am Leben war. Da er sich nicht rührte, legte ich mein Ohr an seine Brust und versuchte den Herzschlag zu hören. Ich blickte mich um. Vielleicht fand sich trotz der späten Stunde noch ein anderer Passant. Aber da war nichts. Nur die tödliche Stille und der Schlafende. Das einzige Geräusch kam vom Wasserstrahl, der aus dem Maul eines steinernen Löwen in einen runden Springbrunnen fiel, mitten auf der Place Saint-Étienne in Toulouse gegenüber der Kirche. Mir kam die Idee, sein Gesicht mit kaltem Wasser zu bespritzen. Ich füllte gerade meine Hand, als er schwerfällig zu husten begann und ich endlich sicher sein konnte, dass er noch lebte und atmete. Ich zog ihn zum Beckenrand und lehnte seinen Rücken an, damit es einfacher war, ihm Wasser zu bringen. Er roch nach Erbrochenem. Dazu mischte sich bei jeder Bewegung ein Gestank nach Urin. Beim Husten wehte einen seine Alkoholfahne an. Sein Gestank erinnerte mich an die Kadaver der Ratten, die Abu Rijâla bei uns im Schwarzen Viertel erlegt hatte. Das Erbrochene bedeckte seinen Mantel und die fingerlosen Wollhandschuhe. Ich wusch meine Hände im kalten Brunnenwasser und schaute auf die Uhr. Es war vier Uhr morgens. Ich warf ihm einen letzten prüfenden Blick zu, dann sah ich zum steinernen Löwen, der dem Gesicht dieses fremden Mannes irgendwie glich, und auf den Wasserstrahl, der seinem aufgesperrten Maul entströmte. Ich stellte mir vor, dass es ebenfalls Erbrochenes wäre.

Damit ich nicht zu spät kam, ging ich rasch weiter zum Sitz der Präfektur. Es war ein Verwaltungsgebäude. Ich sah Nathalie sofort. Den Rücken an ein kleines Auto gelehnt, wartete sie auf mich. Sie streckte mir einen Becher heissen Kaffee entgegen, den ich vorsichtig mit den Fingern umfasste, um mich nicht zu verbrennen. Ich bedeckte meine nassen Haare mit der Kapuze meines Mantels.

Nathalie war eine kleingewachsene Frau Anfang vierzig mit kurzem schwarzem Haar. Die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen, und die umfangreichen Dossiers hatten sie ihrer Sehschärfe beraubt. Sie trug eine Brille mit dicken Gläsern, so wie sie unser Nachbar al-Bilbaisi, der Besitzer des einzigen Ladens im Schwarzen Viertel, getragen hatte. Seit ich sie kannte, hatte ich sie noch nie mit Make-up gesehen. Nie trug sie ein Kleid oder einen Rock. Ich führte das auf die Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit zurück. Als Anwältin setzte sie sich vor Gericht für die Fälle von Migranten und Flüchtlingen ein. Die Richter, dachte ich mir, würden sie nicht ernst nehmen, wenn sie die Flüchtlinge im Rock oder in einem bunten Kleid verteidigte. Aus eigener Erfahrung weiss ich genau, dass dezente Farben, die meine weiblichen Reize möglichst verdecken, helfen, wenn ich ernst genommen werden will. Wie soll ich glaubhaft vermitteln, dass ich dem Tod entflohen bin und keinen Cent in der Tasche habe, wenn ich mit Rouge auf den Lippen und in einem figurbetonten Kleidchen angetanzt komme? Nathalies Stimme holte mich zurück vor die rote Schiebetür, über der schwarze Überwachungskameras angebracht waren, die die Bewegungen unserer Körper auch im Dunkeln registrierten.

Als der Andrang langsam zunahm, stellten wir uns direkt vor die Tür. Ich versuchte, weiterhin das kalte Metall der Tür zu berühren, nachdem ich zuvor meine Wange dagegengepresst hatte, um ja unter den Ersten in der Schlange zu sein. Nathalie verschwand irgendwo zwischen den Körpern, die trotz des Schiebens und Drängens einen zusammenhängenden Block bildeten. Ich musste an Sardinen denken, die abends nebeneinander zur Meeresoberfläche schwimmen, um sich am Plankton satt zu essen. Die Schiebetür öffnete sich um neun Uhr. Sobald das Quietschen ertönte, traten wir uns gegenseitig auf die Füsse und kämpften darum, an den Anfang der Schlange zu gelangen, bevor das Fensterchen mit Tickets für den Einlass wieder zumachte.

Wir betraten das moderne Gebäude, wo uns ein ausladender runder Schreibtisch empfing, hinter dem die beleibte Beamtin beinahe verschwand. Was wir von ihr noch sahen, waren hauptsächlich ihre extrem langen roten Fingernägel. Sie meinte, wir sollten uns in die Schlange für Gesuche neuer Flüchtlinge stellen. Diszipliniert reihten wir uns ein zwischen zwei imaginären Linien, die zu übertreten wir alle tunlichst vermieden, damit wir von der Frau von der Security nicht angebrüllt wurden, die uns auflauerte wie damals unsere Lehrerin Sainab, als ich ein kleines Kind in der Dalâl-al-Mughrabi-Schule für Flüchtlinge gewesen war. Hier hatten wir alle verschiedene Nationalitäten und Hautfarben. Worin wir uns glichen, war allein der Grund, der uns hergeführt hatte: der einfache Wunsch, am Leben zu bleiben.

Nathalie atmete ungeduldig aus. Sie wirkte nervös und angespannt. So leise, dass sich ihre Stimme den Sensoren der Überwachungskameras möglichst entzog, sagte sie mir auf Englisch, dass sie sich schäme für die beleidigende Behandlung, die wir jeden Morgen über uns ergehen lassen müssten. Sie und ihre Anwaltskolleginnen bei Amnesty International, fuhr sie fort, hätten einen offiziellen Antrag an die Präfektur gestellt, damit im Wartebereich wenigstens Sitzgelegenheiten für Schwangere, ältere Menschen und Kinder eingerichtet würden. Ich hörte zu und betete insgeheim, dass die Beamten nichts mitbekamen. Nicht dass man am Schluss aus Rache meinen Antrag ablehnte und mich ins Schwarze Viertel zurückschickte. Am liebsten hätte ich Nathalie versichert, dass ich mich weder beleidigt noch geringgeschätzt fühlte. Der Umstand, dass ich heute um drei Uhr in der Früh aufgestanden und hierhergekommen war, um darauf zu warten, dass die metallene Schiebetür aufging, liess sich in keiner Weise mit den Beleidigungen vergleichen, die ich vonseiten der israelischen Besatzungsarmee hatte erdulden müssen, als ich die von ihnen kontrollierten Grenzen passierte. Und all dies liess sich nicht im Geringsten vergleichen mit den persönlichen Beleidigungen und Demütigungen, denen sich mein Vater Fasaa, meine Familie und die Leute aus dem Schwarzen Viertel in Gaza ständig ausgesetzt sehen. Ich hoffte, Nathalie würde wenigstens einen Moment lang still sein, damit der Morgen gut über die Bühne ging und ich den zuständigen Beamten treffen konnte, der mir das Papier aushändigte, das mich davor bewahrte, auf Feld eins zurückzufallen – was meinen sicheren Tod bedeutet hätte. Und auch wenn es kein körperlicher wäre, so wäre es doch ein seelischer Tod, mit Absicht herbeigeführt von den Männern und Frauen, die in meinem Viertel wohnten.

Ich kam an die Reihe. Zwischen Nathalie, der Anwältin, die sich freiwillig dafür einsetzte, dass ich einen positiven Bescheid erhielt, und dem zuständigen Beamten entspann sich ein ausführliches Gespräch. Die zwei unterhielten sich auf Französisch, und ich verstand nichts bis auf das Wort Palestine, das sie ähnlich aussprachen wie auf Englisch und das dem arabischen Filistîn entspricht. Er reichte ihr ein Formular, auf das er oben mein Passbild geklebt hatte. Ich sehe noch vor mir, wie er den Stempel vom Kissen nimmt, bevor er das Bild abstempelte, und noch immer höre ich, wie er ihn aufs Papier drückt. Nathalie gab mir das Formular. Sie erklärte mir, dass es darauf drei Kästchen gebe, die ich am Ende jedes Monats abstempeln lassen müsse. Das würde so gehen vom Ablauf der ersten Frist bis zum Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung darüber, ob ich einen Aufenthaltstitel erhielte, der mich offiziell berechtige, auf französischem Boden zu bleiben.

Die ersten drei Monate vergingen. Es folgten drei weitere, wobei ich wieder um drei Uhr aufstand, damit ich um vier vor der eisernen Schiebetür stand und mir meinen Weg durch die sich drängelnden Körper zum Beamten, der den Stempel ins Kästchen setzte, bahnen konnte. Von meiner Ankunft im Jahr 2001 bis 2003 verblieb ich in diesem Status. Dann erhielt ich endlich eine richtige, erneuerbare Aufenthaltsgenehmigung für zwei Jahre. Im Anschluss würde ich die Chance auf einen Ausweis mit zehnjähriger Gültigkeit haben.

II

Im Sommer 2001 bin ich nach Madrid gekommen. Bei der Flucht aus dem Gefängnis, in dem ich lebte, half mir mein Spanischlehrer José. Ich lernte ihn über meine Stelle bei der spanischen Nachrichtenagentur in Gaza kennen. Er hatte zuvor auf archäologischen Grabungen gearbeitet. Nach Palästina war er gekommen, um mit seiner israelischen Freundin zusammenzuleben, die bei Grabungen in Jerusalem beschäftigt war. In den besetzten Gebieten hatten sie an Orten gearbeitet, wohin mir selbst die Reise verwehrt war. Nachdem er sich von seiner jüdischen Freundin getrennt hatte, begann er als Spanischlehrer zu arbeiten und kam, anstatt nach Spanien zurückzukehren, nach Gaza, wo man in den neunziger Jahren eben erst die al-Azhar-Universität eröffnet hatte. Es gab eine Zeit, wo ich mir ausmalte, dass er nur deshalb hierhergekommen war und sich von seiner israelischen Freundin getrennt hatte, damit er mich retten konnte. Nachdem das französische Kulturinstitut mein Visum für Frankreich abgelehnt hatte, überwand ich meine Enttäuschung, ging stattdessen auf José zu und fragte ihn, ob er mir dabei helfe, anstelle des französischen ein spanisches Visum zu erhalten. Ich ärgerte mich über eine Freundin an der Universität, weil ich spürte, dass sie sich ebenfalls an José heranschmiss. Ich beobachtete alles sehr genau und dachte lange darüber nach. Als ich bemerkte, dass José sich in mich verliebte, kam mir ein Gedanke, mit dem ich mein schlechtes Gewissen beruhigen konnte. Ich redete mir ein, dass es notwendig war, an ihm Rache zu nehmen. Er musste dafür bestraft werden, dass er Dinge ausgegraben hatte, die ihn nicht das Geringste angingen, zudem unter Mithilfe einer jüdischen Diebin, deren einziges Ziel es war, palästinensische Antiquitäten zu stehlen, um damit die Zimmer ihrer europäischen Zweitwohnung zu schmücken, in die sie sich immer dann flüchtete, wenn sie unzufrieden war oder sich vor einer Verschlechterung der Sicherheitslage fürchtete. Bald schon verwandelten sich meine Gewissensbisse, dass er sich ausgerechnet in ein armes Mädchen wie mich verliebt hatte, in Wut. Mein Interesse an der Israelin verlor sich, und ich konzentrierte mich auf das, was mich weiterbringen würde. Ich setzte ein listiges Lächeln auf, zog mein Kopftuch fest und ging mit meiner Freundin in den ersten Stock des Universitätsgebäudes.

Sie lachte lauthals los, als sie von meinen Plänen erfuhr, und machte sich lustig über mich und meine Träumereien, diesem Gefängnis zu entfliehen, dessen Dach der Himmel bildete. Sie lachte auch, als ich ihr mein Geheimnis enthüllte und erzählte, wie mein Spanischlehrer José sich in mich verliebt hatte. Dass er, seit er zum Islam konvertiert war, eine junge Muslimin suche, die er heiraten könne, damit sie ihm beim Unterricht in der neuen Religion helfe. In den Augen meiner Freundin waren das alles bloss Phantasien, mit denen ich der tristen Realität und dem Terror entkommen wollte, mit dem mein Vater mich überzog; seinen Vorwürfen, dass ich immer zu spät nach Hause käme; den ständigen Drohungen, mich umzubringen, nachdem mein schlechter Ruf sich im Viertel verbreitet und ihn dazu bewogen hatte, eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen, um mich endlich richtig zu erziehen. Ich schämte mich dafür, geträumt zu haben. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Ich flehte meine Freundin an, den anderen nichts zu erzählen, ich wollte nicht, dass sie sich über mich lustig machten und José am Schluss von der Sache Wind bekam. Sie meinte, ich spönne doch und sei nichts als ein naives Huhn, das von einem Märchenprinzen träume, der auf einem Pferd dahergeritten komme und mich vor all den blauen Flecken rette, die wegen Vaters Schlägen ständig mein Gesicht und meinen Körper bedeckten.

Sie verabschiedete sich und ging in den Kurs für französische Literatur, den eine belgische Lehrerin gab. Ich blieb allein zurück und schaute vom obersten Balkon hinab auf die Studentinnen, die durch das Tor hinein- und hinausgingen. Ich war mir sicher, dass meine Freundin recht hatte. Ich lebte in einem grossen Gefängnis, zu dem einzig die Soldaten der Besatzungsarmee die Schlüssel in der Hand hielten. Sie allein entschieden, an welchen Tagen das Gefängnis geöffnet oder geschlossen war, wer einreisen und wer ausreisen durfte. Und sie waren es auch, die in ständiger Begleitung von Polizeihunden die Bewachung der wenigen Ausgänge verstärkten, über die ich mich hätte hinausretten können.

Ich musste an Vaters Füsse denken, die mich in den Bauch und den Rücken traten. Seine Hände, die mich an den Haaren den Boden entlangschleiften oder unter der Decke hervorholten, damit sich das Spektakel möglichst vor allen Leuten aus dem Schwarzen Viertel abspielte und jeder sich davon überzeugen konnte, dass er noch immer alles im Griff hatte. Und damit alle anderen jungen Frauen, denen es hätte in den Sinn kommen können, ihren Intuitionen nachzugeben und sich aufzulehnen, sahen, wie ich vor den Augen aller bestraft wurde. Er schlug mich. Er spuckte mir ins Gesicht. Die Blicke von Umm Rijâla, al-Bilbaisi und Akram Abu Ras hefteten sich auf meinen geschundenen Körper. Diese ganze Wut, nur weil ihm gesagt worden war, dass ich mich schlecht benommen und die Unverschämtheit gehabt hätte, enge Jeans zu tragen und das Kopftuch abzulegen, was von mangelndem Respekt zeuge. Ich tastete nach den Schwellungen und blauen Flecken unter meinen Augen und ging auf die Tür des Klassenzimmers zu, um die belgische Lehrerin französisch sprechen zu hören, eine Sprache, von der ich nicht das Geringste verstand. Ich lauschte den Worten, und der Sprachfluss trug mich fort in eine andere, schönere und weit entfernte Welt, wo man mit Umsicht und Zuneigung miteinander redete; eine Romanwelt mit einem Helden, der arm und ein Waisenkind war und einen Buckel hatte. Er lebte zwischen riesigen Glocken und sprach zur Unterhaltung mit Tieren aus Stein. Ich dachte an Vater und sah ihn vor mir, wie er zu mir hochschaute, während ich selbst zwischen den Glocken hing und ihm ins Gesicht lachte, weil es mir gelungen war, ihm zu entkommen. Während ich noch zwischen den Glocken der Notre-Dame und Vaters wütendem Gesicht hin- und herpendelte, schloss der Wächter den Haupteingang der Universität, und die Lehrerin klopfte mir auf die Schulter. Ich fuhr zusammen. Sie lächelte und entschuldigte sich auf Englisch, dass sie mich erschreckt hatte. Sie meinte, es sei doch sicher angenehmer, drinnen in der Wärme auf einem Stuhl zu sitzen, anstatt weiterhin draussen vor der Tür dem Unterricht zu lauschen. Ich schämte mich dafür, überrascht worden zu sein. Die Augen auf den Boden gerichtet und den Blicken der anderen ausweichend, betrat ich das Klassenzimmer.

Mit dieser Französischstunde wurde es unumkehrbar. Ein grosser Eisklumpen bildete sich in mir. Oder besser: ein Regen sprühender Funken, der mein Verlangen zu fliehen jäh auflodern liess. Ich musste mich retten vor dem sicheren Tod, bevor Vater mich fasste und wie eine Ratte irgendwo in diesem riesigen Gefängnis in einen Mülleimer warf.

Ich sprach mit José über meine drängenden Fluchtgedanken. Da er aus dem Westen kam, ein Muslim und Ausländer war, der nach einer muslimischen Geliebten Ausschau hielt, sagte ich mir, dass er bestimmt nicht so extrem reagieren würde wie die anderen Menschen innerhalb der Gefängnismauern. Und tatsächlich war er es, der mir zu jenem Visum verhalf, das mein Leben vollkommen auf den Kopf stellte.

Ich bereitete mich gut auf die Sache vor. Vater kehrte zurück an seinen Arbeitsort in der Überzeugung, mich zur Vernunft gebracht zu haben. Ich würde nicht mehr abweichen vom rechten Pfad, den sein Rohrstock mir vorgezeichnet hatte. Kaum war er weg, floh ich mit José nach Madrid. Es war der Sommer 2001.

Wir lebten in einer kleinen Wohnung mitten in einem hässlichen Hochhaus an einer Strasse, deren Namen ich vergessen habe. Der Grund dafür ist einfach: Ich bin in einem Viertel aufgewachsen, in dem planlos unnummerierte Flüchtlingsunterkünfte entstanden waren. Die Strassen waren aus Sand, die Gassen dreckig, und überall stank es nach Urin. Bei starkem Regen floss das Abwasser über. Ich hatte damals keine Ahnung, dass Strassen Nummern und Gebäude Namen und Adressen haben können, und nie zuvor hatte ich einen Briefumschlag zu Gesicht bekommen. Bei uns im Viertel wurde mündlich korrespondiert. Die Kinder trugen die Nachrichten zu den Nachbarn, diese wiederum diskutierten unter sich von Angesicht zu Angesicht weiter. Ich war wie geblendet von den ordentlichen Gehsteigen und den Piktogrammen, die von allen Passanten respektiert wurden, wobei sie plötzlich anhielten und stillstanden, wenn das Lichtsignal die entsprechende Farbe anzeigte.

Weil der Lebensunterhalt teuer war, lebte José bei seinen Eltern, so dass die Wohnung wirklich eng war. In allen Ecken türmten sich Bücher, die überallhin weiterwucherten und an eine Kletterpflanze erinnerten, die bis zum Balkon reichte, wo sie mit ihren Wurzeln Löcher in die Höhle schlug. Dieser Lesehunger und der Drang, immer mehr Bücher zu kaufen, hing wohl damit zusammen, dass Josés Vater seit seiner Rückkehr aus Marokko als Professor für Geschichte arbeitete.

Zusammen mit seinem Vater verliess José frühmorgens das Haus. Zurück blieben ich und María, Josés Mutter, die bald darauf in den Supermarkt im Erdgeschoss ging, um ihre Einkäufe zu erledigen. Ich sass da mit den drei Katzen. Sobald Marías Schritte im Treppenhaus sich wieder näherten, wurde das Miauen ohrenbetäubend. Wenn die Tür sich öffnete, rannten sie zu ihr hin und strichen ihr um die dünnen braunen Strümpfe. María sprach spanisch mit ihnen, so dass ich nichts verstand. Sie leerte den Inhalt einer Büchse, auf der das Gesicht einer Katze zu sehen war, in den Plastiknapf. Ich begriff, dass es sich um Spezialnahrung handelte, und dachte an die armen streunenden Katzen im Schwarzen Viertel, denen die Kinder mit Steinen in der Hand hinterherrannten und die Umm Rijâla vergiftete, weil sie ihr die Sardinen vom Teller neben der kleinen Gasflasche stibitzten. Und ich dachte an die arme Katze, die unser Nachbar al-Bilbaisi von der Mauer runtergeschmissen hatte, weil sie auf die Laken seines Bettes gepinkelt hatte. Sie hatte sich sämtliche Knochen gebrochen und sich miauend in einen dunklen Winkel verzogen, um alleine zu sterben.