Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Hannah Tates Leben ist eine einzige Sackgasse und ihr vorrangiges Ziel ist es nicht aufzufallen oder Jace zu verärgern. Denn wenn er wütend wird, dann hat er sich nicht unter Kontrolle.

Ihr Lichtblick ist das Online Zocken, das sie von ihrem realen Leben ablenkt. Und Badger. Sie weiß nicht, wie er aussieht, wo er wohnt oder wie er im realen Leben heißt. Sie kennt nur seine Stimme und er ist ihr einziger Freund. Aber auch er kann ihr nicht helfen …

Als Leo Miles aus dem Krieg heimkehrte war er voller Narben – innerlich wie äußerlich. Und obwohl es jetzt schon fünf Jahre her ist, hat er das Weingut seiner Familie nicht verlassen. Es ist ein einsames Leben, aber allein zu sein, ist besser, als angestarrt zu werden.

Aber da ist Gigz, die Leo beim Online Spiel kennengelernt hat und deren Stimme ihn jedes Mal mitten ins Herz trifft. Sie weiß nichts über ihn und sein Schicksal und niemals würde Leo sie im echten Leben treffen wollen. Zu groß ist seine Angst, dass sie in ihm auch nur den Krüppel sieht.

Bis er eines Tages eine Frau trifft, deren Stimme ihm erschreckend bekannt vorkommt. Und zu entdecken, dass sie in Schwierigkeiten steckt – ernsthaften Schwierigkeiten – ändert alles …

Eine broken Hero Romance und der vierte Teil der großen Miles Family Saga!

Über Claire Kingsley

Claire Kingsley schreibt Liebesgeschichten mit starken, eigensinnigen Frauen, sexy Helden und großen Gefühlen.

Sie kann sich ein Leben ohne Kaffee, ihren Kindle und all den Geschichten, die ihrer Fantasie entspringen, nicht mehr vorstellen. Sie lebt im pazifischen Nordwesten der USA mit ihrem Mann und ihren drei Kindern.

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Claire Kingsley

Hidden Miles

Leo und Hannah

Übersetzt von Cécile G. Lecaux
aus dem amerikanischen Englisch

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Epilog

Nachwort

Danksagungen

Impressum

Kapitel 1

Leo

Der Weg führte durch eine wellige Landschaft, und jeder Hügel war etwas höher als der vorherige. Das Gelände war mir fremd. Knöchelhohes braunes Gras bog sich im Wind, und in Abständen tauchten in der Ferne einzelne Baumgruppen auf. Zügig lief ich weiter, darauf bedacht, auf dem Pfad zu bleiben. Wenn wir zu weit vom Weg abkamen, liefen wir Gefahr, in einen Hinterhalt zu geraten. Zwar waren wir hier, um zu kämpfen, aber nicht scharf auf unliebsame Überraschungen.

»Was meinst du?«, fragte ich.

»Das ist scheißlangweilig«, erwiderte Gigz. »Was sollen wir noch mal genau hier draußen?«

»Hör auf zu jammern«, entgegnete ich. »Es wird gleich besser.«

»Ich schwöre, dass ich dir den Arsch aufreiße, wenn du mich hergeschleift hast, nur um mich zu ärgern.«

Ich lachte. »Träum weiter.«

Sie blieb gerade so lange stehen, um mir den Mittelfinger zu zeigen, und trabte dann weiter.

»Weichei«, spottete ich.

»Echt nett, Arschgesicht«, gab sie zurück. »Bist du immer so charmant?«

»Bloß bei dir, Baby.«

»Was für eine Ehre.«

Ich lachte wieder. Gott, wie gut sich das anfühlte. Ich lachte nur selten, aber Gigz schaffte es immer wieder, mich aufzuheitern. Sogar dann, wenn wir durch das ödeste Gelände liefen, das mir je untergekommen war. Sie hatte recht. Es war scheißlangweilig.

»Also gut, vielleicht sollten wir …«

Der Pfeil kam aus dem Nichts, und ich zuckte zusammen, als er haarscharf an mir vorbeisirrte.

»Runter!«, rief Gigz.

»Schrei doch nicht so!«, antwortete ich, als ich mich zu Boden warf. »Ich bin ja nicht taub.«

»Sorry. Was war das?«

Ich sah mich aus meiner bescheidenen Deckung im knöchelhohen Gras heraus um. »Ein Pfeil von vorne.«

»Ach was, echt jetzt?«, spottete sie. »Den Pfeil habe ich auch gesehen, du Idiot. Und ich weiß auch, aus welcher Richtung er gekommen ist. Ich will bloß wissen, wer ihn abgeschossen hat und warum es nur einer war.«

»Ein einzelner Bogenschütze? Ein einzelner Mann ist hier draußen ein leichtes Ziel.«

»Wahrscheinlich hat er sich dort hinter den Bäumen versteckt.«

»Bist du bereit? Gib mir Feuerschutz. Ich zähle bis drei …«

»Geht klar.«

»Eins. Zwei. Drei.« Ich sprang auf, zog meine Waffe und sprintete los. Der Bogenschütze trat hinter einem Baum hervor und legte auf mich an. Gigz war schneller. Ihr Pfeil flog an mir vorbei und bohrte sich in den Baumstamm. Der Schütze verschwand wieder aus meinem Blickfeld, als Gigz’ zweiter Pfeil an mir vorbeischoss.

»Es könnten noch mehr von denen in der Nähe sein«, warnte Gigz.

»Davon gehe ich sogar aus.« Ich umrundete den Baum und stand dem Bogenschützen gegenüber, der schussbereit auf meine Brust zielte. Bogenschützen waren schnell, aber ich war schneller. Mit dem Schwert schlug ich ihm die Waffe aus der Hand, ehe er den Pfeil abschießen konnte. Im selben Augenblick sah ich den Rest der Truppe.

»Gigz, setz deinen Hintern in Bewegung und komm her.« Ich ging hinter dem Baum in Deckung.

»Wie viele?«

»Zehn.«

»Cool.«

In der Gewissheit, das Gigz direkt hinter mir war, sprang ich mit zum Schlag erhobenen Schwert hinter dem Baum hervor. Die Waffe schwingend wie ein Berserker stürzte ich auf den Feind zu.

Einer der Männer zu meiner Rechten ging zu Boden. Ein riesiger Hammer flog auf meinen Kopf zu, doch ein Pfeil durchbohrte den Hals des Kriegers und beendete den Angriff abrupt. Ich hieb und stach auf den Feind ein und brachte viele der Männer zu Fall. Noch einen. Und noch einen.

»Scheiße«, rief Gigz. »Der hätte mich um ein Haar erwischt.«

»Vorsicht, da hinten.«

»Kümmere du dich um deinen Scheiß, Badger, und überlass alles andere mir.«

Wieder lachte ich, und meine Schwertklinge fuhr durch eine Brust, in der schon zwei Pfeile steckten. Der Krieger brach vor mir zusammen, aber ich stürzte mich bereits auf den nächsten. Adrenalin jagte durch meinen Körper, und mein Herz raste, während wir den Feind niedermetzelten. Der Anblick der Toten schickte einen Energieschub durch meinen Körper, und ich fühlte mich beinahe euphorisch.

»Yes, Baby«, jubelte Gigz. »Kümmerst du dich um den letzten Mann?«

»Hab ihn.« Drei Schwerthiebe und der Mann fiel wie ein gefällter Baum. Als es vollbracht war, atmete ich tief aus.

»Gut gemacht«, lobte meine Begleiterin. »Sehr routiniert.«

»Das war erst der Anfang«, entgegnete ich. »Hier treibt sich reichlich Gesindel herum, und es wird schwieriger, je näher man den Bergen kommt.«

»Wir haben reichlich Beute gemacht«, stellte sie zufrieden fest.

»Genau.«

»Okay, ich nehme alles zurück. Das Spiel ist nicht scheißlangweilig.«

Sie verstummte, und an ihrem Ende der Leitung war es einen Moment still. »Verdammt. Ich muss los, Badger.«

»Jetzt?«

»Ja, leider. Tut mir leid.« Gigz verschwand unvermittelt, und es war, als wäre sie nie da gewesen.

Ein Gefühl der Leere stieg in mir auf, und das Atmen fiel mir plötzlich schwer. Ich nahm das Headset ab und warf es auf den Schreibtisch. Ich musste mich ausloggen, sonst würde mein Avatar auf freiem Feld getötet, aber auf einmal erschien mir das nicht mehr so wichtig.

Immerhin war es nur ein Spiel.

Ich kratzte mich am Kopf, dehnte meinen Nacken und biss die Zähne zusammen, als das Narbengewebe am Hals spannte. Es tat nach wie vor weh, und daran würde sich auch in Zukunft nichts ändern. Ich war gerade einmal neunundzwanzig und fühlte mich manchmal wie neunzig.

Nachdem Gigz’ Stimme verstummt war, fühlte ich mich wie betäubt. Das passierte jedes Mal, wenn sie sich ausloggte, doch wenn es so abrupt geschah, war es noch schlimmer. Meistens sagte sie mir im Vorfeld, wie lange sie online sein würde, so dass ich die Uhr im Auge behalten und mich für den Moment und das unweigerlich damit verbundene schmerzliche Gefühl des Verlustes wappnen konnte.

Ich lehnte mich in meinen Sessel zurück und fragte mich, was zum Teufel mit mir los war – abgesehen von den zahlreichen mehr oder weniger offensichtlichen Wunden, die ich davongetragen hatte. Vor allem dieser spezielle Kampf, den ich immer wieder von Neuem mit mir ausfocht, erschien mir geradezu albern. Gigz war nur eine meiner Zocker-Freunde. Davon hatte ich eine Menge, männliche und weibliche, und wenn ich mit jemand anders zockte, war es bloß ein Spiel. Wenn es vorbei war, loggte ich mich aus, nahm das Headset ab und machte etwas anderes.

Aber bei Gigz war das anders. Wenn wir zusammen online waren, vergaß ich alles andere. Die Last, die ich mit mir herumschleppte, fiel von mir ab, und es gab nur noch uns beide. Allein ihre Stimme in meinem Ohr entlockte mir ein Lächeln. Oder sogar ein Lachen.

Die Stunden, in denen wir zusammen online waren, waren zu meinem Lebensinhalt geworden. Und immer, wenn es vorbei war, fühlte sich das an wie ein heftiger Aufprall nach einem Sturz aus großer Höhe, und die zentnerschwere Last ruhte wieder auf meinen Schultern.

Gigz – meine Katze, nicht meine Gamer-Freundin – sprang auf den Schreibtisch. Ich strich ihr über das weiße Fell, woraufhin sie zufrieden schnurrte. »Hallo Katze.«

Meine Katze benahm sich im Großen und Ganzen sehr anständig – im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern ihrer Spezies. Vor einigen Jahren hatte meine Mutter sie für mich aus dem Tierheim geholt. Zwar brachte sie hin und wieder meinen Schreibtisch durcheinander, aber es war trotzdem schön, ein Haustier um mich zu haben.

Bevor ich mich ausloggte, vergewisserte ich mich, dass Gigz immer noch offline war. Natürlich war sie das, schließlich war es schon drei Uhr morgens. Ich sollte etwas schlafen und nicht wieder die ganze Nacht durchzocken. Obwohl ich insgesamt nicht viel schlief, würde es mir guttun, ein paar Stunden abzuschalten. Wenn ich mir nicht jede Nacht wenigstens ein paar Stunden Schlaf gönnte, würde ich noch so verrückt werden wie mein Bruder Cooper.

Die ganze Nacht durchzumachen lohnte sich nur mit Gigz. Ohne mich damit aufzuhalten, das Chaos auf meinem Schreibtisch zu beseitigen, ging ich nach nebenan ins Schlafzimmer und legte mich aufs Ohr.

Kapitel 2

Hannah

Mein Herz raste und meine Hände zitterten, als ich mich auf die Couch fallen ließ und mir die Decke bis über die Schultern zog. Ich achtete darauf, langsam und gleichmäßig zu atmen, und hoffte, dass es aussehen würde, als wäre ich über der Arbeit eingeschlafen. Dann hätte er keinen Grund, wütend auf mich zu sein.

Nicht, dass Jace einen Grund brauchte, um auszurasten.

Seine Absätze klapperten auf der Treppe, während er zu unserer Wohnung hinaufstieg. Ich hatte völlig die Zeit vergessen. Wieder einmal. Das passierte mir viel zu oft, wenn ich mit Badger zockte. Iron Badger – für einen Gamer war das ein ganz schön alberner Name. Anfangs hatte ich ihn nur scherzhaft so genannt, aber irgendwann hatte er den Spitznamen für seinen Avatar übernommen. Der Typ war echt krass. Er war hart wie Stahl, gab nie auf und war immer auf Zack, eben ein echter Badger. Cool bis zum Abwinken. Das liebte ich an ihm.

Jace’ Schlüssel klirrten, als er aufsperrte. Tief durchatmen, Hannah. Ich konzentrierte mich darauf, meine Gesichtsmuskeln zu entspannen, damit er ja nicht auf die Idee kam, ich sei noch wach. Im Idealfall nahm er an, dass ich über der Arbeit eingeschlafen war, und ging gleich ins Bett. Allein.

Schlimmstenfalls weckte er – wieder einmal – die Nachbarn mit seinem Gebrüll.

Die Tür fiel ins Schloss, und seine Schritte näherten sich. Ein paar angespannte Sekunden später hörte ich, wie sein Pistolenholster auf dem Esstisch landete.

Ich war mir ganz sicher, dass das Absicht war. Er wollte sehen, ob ich zusammenzuckte. Oder mich daran erinnern, dass er eine Waffe besaß – was gar nicht nötig war, da ich mir dessen nur zu bewusst war. Ich vergaß keine Sekunde, dass Jace Polizist war, was mein Leben erheblich verkomplizierte.

Mein Rücken versteifte sich, als er auf die Couch zukam. Was machte er? Würde er mich in Ruhe lassen? Oder würde er mich wecken? War das ein Test? Vielleicht starrte er mich ja bereits eindringlich an und lauerte bloß darauf, dass ich blinzelte.

Ruhig bleiben, Hannah. Er wird zu Bett gehen. Keine Sorge.

Jace’ Schritte gingen an der Couch vorbei, und wenig später hörte ich, wie die Badezimmertür geschlossen wurde.

Ich atmete tief aus. Mein Nacken schmerzte von der Anspannung. Ich versuchte, mich zu entspannen. Es war spät. Ich brauchte meinen Schlaf.

Minuten später öffnete sich die Badezimmertür wieder. Durch die geschlossenen Augenlider sah ich, wie das Licht ausging. Jace’ Schritte verklangen. Er war ins Schlafzimmer gegangen.

Gott sei Dank.

Ich drehte mich auf die andere Seite, zog die Decke zurecht und dachte wieder an Badger. Spielte er noch? Lief er gerade weiter in Richtung der Berge? Hatte er sich vielleicht mit jemand anders zusammengetan? Es war kindisch, wie eifersüchtig mich allein der Gedanke machte, er könne mit jemand anders als mir zocken. Ich hatte kein Recht dazu. Er war nur ein Typ, mit dem ich gelegentlich zockte, mehr nicht.

Nein, das war gelogen. Badger war weit mehr für mich als irgendein Zocker-Kumpel. Er war mein Freund. Vielleicht mein bester – was traurig war, wenn man bedachte, dass ich nicht einmal seinen richtigen Namen kannte.

Es gab vieles, was ich von ihm nicht wusste. Sein Alter. Wo er wohnte – wenngleich ich aufgrund verschiedener Bemerkungen, die er im Laufe der Zeit gemacht hatte, vermutete, dass er im Staat Washington lebte, so wie ich. Auf jeden Fall lebten wir in derselben Zeitzone. Manchmal malte ich mir aus, dass er in meinem Wohnblock sein Apartment hatte. Dass wir einander begegneten und feststellten, dass wir uns kannten. In meinen Träumen sah er natürlich umwerfend aus. Groß, muskulös, vielleicht mit einem sexy Bart und strahlend blaugrauen Augen. Selbstverständlich war er Single und fand mich ebenso attraktiv wie ich ihn.

Es tat gut, so vor mich hin zu träumen. Sicher, seinen Namen kannte ich nicht, aber ich wusste doch einiges über ihn. Ich wusste, wie seine Stimme klang, wenn er müde war. Oder frustriert. Oder glücklich. Ich wusste, dass er im Kampf gerne als Erster angriff. Er nahm gerne das größte Risiko auf sich. Das verriet mir, dass er über einen ausgeprägten Beschützerinstinkt verfügte, was mich immer wieder nervte. Viel zu oft versuchte er, mich aus dem Kampfgeschehen herauszuhalten, damit ich nicht verletzt wurde.

Rein virtuell, versteht sich. Gigz. Er hatte vor ein paar Jahren angefangen, mich so zu nennen. Es war ein Kürzel für giggeln. Er hatte gesagt, dass er mich gerne lachen höre, und mich Gigz genannt, ein Spitzname, der irgendwie haften geblieben war.

Ich war etwas verknallt in Badger, was ebenso lächerlich wie dumm war. Schließlich waren wir einander nie begegnet, und daran würde sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Ein paar Mal hatte ich versucht, ihn dazu zu bringen, mir seine wahre Identität zu verraten, aber er hatte so heftig abgeblockt, dass es mich getroffen hatte wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er an einem Kontakt, der über das Zocken hinausging, nicht das geringste Interesse hatte.

Wahrscheinlich war er verheiratet. Allein bei dem Gedanken wurde mir übel, doch es war natürlich gut möglich, dass er liiert war. Das würde auch erklären, warum er so großen Wert darauf legte, anonym zu bleiben. Und bei einem Mann wie ihm war kaum davon auszugehen, dass er Single war.

Und streng genommen war ich das ja auch nicht, auch wenn ich seit Monaten auf der Couch schlief.

Ich drehte mich auf den Rücken und starrte an die Decke, noch zu aufgedreht von dem Adrenalin, das das Spiel vorhin freigesetzt hatte. Ich musste hier raus. Das war mir schon lange klar. Aber wissen, was richtig war, und Nägel mit Köpfen machen, waren zwei verschiedene Paar Schuhe.

Ich brauchte einen Plan. Doch jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, wie ich das anstellen sollte, landete ich in einer Sackgasse. Meine Eltern lebten in Phoenix, und ich hatte bereits seit Monaten nicht mehr mit ihnen gesprochen. Meine Freunde waren inzwischen in alle Himmelsrichtungen verstreut. Die einzigen Freunde, die ich noch hatte, waren Zocker, und die hätten ebenso gut auf dem Mond leben können. Bei allen verhielt es sich ähnlich wie bei Badger – sie waren entweder anonym, und ich wusste nicht, wo sie lebten, oder aber sie wohnten unerreichbar weit weg.

Es gab niemanden in der Nähe. Niemanden, wohin ich mich im Notfall flüchten konnte.

Ich arbeitete sogar von zu Hause aus. Ich war Grafikdesignerin, und Jace hatte mich ermutigt, freiberuflich zu arbeiten. Mein eigener Chef zu sein hatte durchaus Vorteile, und es hatte mich beflügelt, dass Jace offenbar an mich glaubte. Die Kehrseite der Medaille war jedoch, dass ich zwar Kunden hatte, aber keine Kollegen. Und es gab kaum einen Grund für mich, die Wohnung zu verlassen, was Jace nur recht war.

Ich war siebenundzwanzig und mein Leben ein einziger Scherbenhaufen.

Ich drehte mich wieder auf die Seite und schloss die Augen. Obwohl es bestimmt eine Weile dauern würde, bis ich einschlief, wollte ich es doch zumindest versuchen. Schließlich hatte ich morgen viel zu tun.

Ich fuhr aus dem Schlaf hoch und setzte mich keuchend auf. Meine Augen brannten, und mein Nacken schmerzte. »Morgen, Schlafmütze«, sagte Jace über die Schulter. Er stand in T-Shirt und Schlafanzughose in der Küche. »Hast du gestern Abend wieder so lange gearbeitet?«

»Ja.« Ich strich mir das zerzauste Haar aus dem Gesicht. Er kam mit einer dampfenden Tasse Kaffee zu mir und stellte sie neben meinen Laptop auf den Couchtisch. »Ich habe Kaffee gekocht.«

»Danke.«

Ich schwang die Beine vom Sofa und streckte mich, bevor ich aufstand, um aufs Klo zu gehen. Mein Haar war das reinste Krähennest, aber das kümmerte mich nicht. Hinterher setzte ich mich wieder auf die Couch, um meinen Kaffee zu trinken.

Jace saß neben mir in einem Sessel, den rechten Fußknöchel über dem linken Knie. In einer Hand hielt er sein Telefon und in der anderen seinen Kaffee. Als ich nach meiner Tasse griff, sah er kurz auf und blickte dann wieder auf sein Handy.

»Am Wochenende ist die Hochzeit«, sagte er beiläufig. »Hast du etwas Passendes anzuziehen?«

Ich musste mich beherrschen, um nicht zu stöhnen wie ein Kind, das man gerade ermahnt hatte, seine Hausaufgaben zu machen. Sein Cousin heiratete, und ich hatte nicht die geringste Lust, hinzugehen. Aber ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen, also ergab ich mich meinem Schicksal.

»Ja. Das schwarze Kleid würde gut passen.«

Er warf mir wieder einen Blick zu. »Das mit den langen Ärmeln?«

Ich nippte an meinem Kaffee, um mich selbst an einer schnippischen Antwort zu hindern. Jace zog es vor, wenn ich lange Ärmel trug, die meine Tattoos verdeckten. »Ja, das mit den langen Ärmeln.«

»Okay.«

»Wann musst du zur Arbeit?«

»Du kennst doch meinen Dienstplan«, entgegnete er und musterte mich aus zusammengekniffenen Augen.

»Ich habe zurzeit so viel um die Ohren, dass ich den Überblick verloren habe.«

»Herrgott noch mal, Hannah, du bist doch nicht blöd. Du solltest dir eigentlich merken können, dass ich um zwei auf dem Revier sein muss.«

»Gut, ist gebongt.«

»Warum gehst du nicht shoppen und kaufst dir ein neues Kleid?«, schlug er in einem versöhnlichen Tonfall vor. »In der letzten Zeit hast du so hart gearbeitet. Du hast dir eine Belohnung verdient.«

Ich blinzelte mehrmals. »Ich habe eigentlich kein Geld für …«

»Mach dir deswegen keinen Kopf, Babe«, unterbrach er mich und zückte die Brieftasche. »Mein Cousin heiratet. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass du für diesen Anlass etwas Hübsches anzuziehen hast.«

Er nahm Geld aus der Brieftasche und hielt es mir hin.

Ich war verwirrt und verunsichert. Ich wollte sein Geld nicht, aber wenn ich es nicht nahm, würde er wütend werden und mir vorwerfen, ich sei undankbar. Gleichzeitig fragte ich mich, warum er plötzlich so nett zu mir war. Gestern hatte er mich noch angeschrien, weil seine Uniform angeblich nicht ordentlich gebügelt war und er die Socken, die er anziehen wollte, nicht finden konnte. Außerdem hatte ich – wieder – auf der Couch übernachtet. Und jetzt wollte er mir ein Kleid schenken?

»Danke«, sagte ich und nahm das Geld. Wenn ich tat, was er wollte, würde vielleicht ausnahmsweise einmal ein Tag vergehen, ohne dass wir stritten.

Er nickte und wandte sich dann wieder dem YouTube-Video auf seinem Handy zu.

Ich legte das Geld neben meinen Laptop, nahm meine Kaffeetasse in beide Hände und ließ mich in die Polster zurücksinken. In Augenblicken wie diesem war die Spannung zwischen uns fast ebenso groß, wie wenn wir stritten. Zumindest empfand ich es so. Jace seinerseits machte einen ganz entspannten Eindruck. Als hätte er mich nicht erst vergangene Woche dermaßen angebrüllt, dass die Nachbarn aus Sorge um mich rübergekommen waren.

Ich hatte gelogen und sie beruhigt. Ich hatte mich förmlich überschlagen, mich lang und breit entschuldigt und die Schuld auf mich genommen.

Ich hasste mich dafür. Es führte mir meine eigene Schwäche vor Augen. Vielleicht war das ja der Grund, weshalb ich so gerne zockte. Im Spiel konnte ich die furchtlose Amazone sein, die ich im richtigen Leben gerne wäre. Meine Gamer-Freunde hielten mich bestimmt für taff. Für selbstbewusst und erfolgreich. Gigz war das alles. Gigz war der Hammer. Selbstsicher und stark. Eine unbezwingbare Kampfmaschine.

Aber ich war nicht Gigz. Nicht wirklich. Ich war Hannah Tate, und die mochte ich nicht annähernd so gut leiden wie meinen Avatar.

Kapitel 3

Leo

Ich starrte auf die Textnachricht von Cooper. Allein die Tatsache, dass sie so kurz war, verriet mir, dass es ihm ernst war. Kein Scherz, keine ausufernden Kommentare. Nur ein einziges Wort. Heute.

Ich wusste, was damit gemeint war. Wir alle hatten gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Trotzdem wurde mir jetzt, da es so weit war, schlagartig übel. Ich warf einen Blick auf die Uhr – erst kurz nach sieben – und rollte mich stöhnend aus dem Bett.

Heute würde also der von langer Hand, von der Drug Enforcement Administration, kurz DEA, geplante Zugriff stattfinden, um meinen Vater und seine Hintermänner hochzunehmen, die auf unserem Land Schlafmohn angebaut hatten.

Dad hatte Cooper dazu gebracht, ihm ein brachliegendes Feld am äußersten Rand des Anwesens zu überlassen, und behauptet, dort Cannabis anbauen zu wollen. Er hatte meinem Bruder versprochen, dass er, sobald er die Ernte verkauft habe, die Scheidungspapiere unterschreiben und auf eine finanzielle Entschädigung verzichten würde. Widerwillig hatte Cooper sich darauf eingelassen – zwar war der Anbau von Cannabis mit gewissen Auflagen verbunden, die Dad offensichtlich umgehen wollte, aber nicht grundsätzlich illegal. Und er hatte geglaubt, dies sei die einzige Möglichkeit, Dad loszuwerden und zu verhindern, dass er uns das Weingut wegnahm.

Wie sich allerdings herausgestellt hatte, hatte Dad keineswegs Cannabis angebaut, sondern Schlafmohn für die Herstellung von Heroin.

Anfangs war ich skeptisch gewesen. Der Ertrag einer einzigen Ernte konnte doch unmöglich genügen, um ihm ein sorgenfreies Leben zu bescheren. Doch nachdem ich ein wenig recherchiert hatte, war ich tatsächlich darauf gestoßen, dass Opioide im Land knapp waren und eine große Nachfrage nach reinem Heroin bestand, seit strengere Grenzkontrollen es deutlich erschwerten, den Stoff in die USA zu schmuggeln. Und so wurde offenbar verstärkt im eigenen Land Schlafmohn angebaut, um die große Nachfrage zu bedienen, die auch den Preis in die Höhe trieb.

Ich konnte immer noch nicht fassen, dass Dad wirklich so weit gegangen war. Dass er meine Mutter über Jahrzehnte hinweg betrogen hatte, bewies zwar, wie skrupellos er war, aber Drogenhandel war doch noch ein anderes Kaliber.

Seit zwei Jahren befand sich sein Leben in einer Abwärtsspirale, und ich fragte mich, was genau diesen freien Fall ausgelöst haben mochte. Hatte es angefangen, als meine Mutter ihn hinausgeworfen hatte? Oder schon vorher? Was mochte er noch alles angestellt haben, wovon wir nichts ahnten?

Der Rest der Familie schien sich nicht für die Hintergründe zu interessieren. Sie sahen alles nur schwarz und weiß. Für sie war Dad ein verlogener Mistkerl – was zweifellos den Tatsachen entsprach – und ein Verbrecher, was sich ebenfalls nicht leugnen ließ. Insofern hatte er ihnen zufolge verdient, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen.

Und ja, auch das konnte ich nicht bestreiten. Ich war wütend auf ihn, weil er meine Mom so tief verletzt hatte. Weil er durch seine Forderungen und jetzt durch den Anbau von Schlafmohn unser Land und somit unser Zuhause gefährdet hatte. Ich wusste auch ehrlich gesagt nicht, ob ich ihm die endlos lange Liste seiner menschlichen Verfehlungen je würde verzeihen können.

Trotzdem sah ich dem heutigen Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Warum empfand ich Mitleid mit meinem Vater, der unsere ganze Familie rücksichtslos hintergangen hatte? Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Geschwister meine Bedenken nicht teilten.

Für meine Brüder war es leichter. Dad war immer sehr hart zu ihnen gewesen. Vor allem er und Roland waren ständig aneinandergeraten. Die beiden waren sich zu ähnlich, aber anstatt diese Gemeinsamkeiten zu erkennen und zu nutzen, um eine Bindung zu seinem ältesten Sohn aufzubauen, war Dad Roland gegenüber streng und fordernd gewesen, hatte ihn mit unrealistisch hohen Erwartungen unter Druck gesetzt, denen mein Bruder unmöglich gerecht werden konnte.

Ich war sauer auf Roland gewesen, als er weggezogen war. Ich hatte mich von ihm im Stich gelassen gefühlt, insbesondere, nachdem ich von meinem Auslandseinsatz zurückgekehrt war. Aber als ich dann letztes Jahr erlebt hatte, wie er und Dad erneut aneinandergerieten, war mir erst richtig bewusst geworden, wie mies Dad ihn die ganze Zeit behandelt hatte. Ich hatte mich elend gefühlt, weil ich das erst so spät erkannt hatte. Roland war nicht gegangen, weil ihm seine Familie nichts bedeutete – Dad hatte ihn regelrecht in die Flucht gejagt.

Cooper seinerseits war hier tief verwurzelt. Er liebte seine Rebstöcke viel zu sehr, als dass er es über das Herz gebracht hätte, den Familienbesitz zu verlassen. Er hatte Dad gemieden, so gut es ging, und seinen ganzen Frust abreagiert, indem er mit seinem besten Freund Chase ausschweifend feierte. Von Cooper hatte Dad auch bei Weitem nicht so viel verlangt wie von Roland. Genau genommen hatte er gar keine Erwartungen an ihn gehabt, als habe er ihm von Anfang an für nie etwas zugetraut.

Ich war mir nicht sicher, was schlimmer war. Ein anspruchsvoller Vater, dessen Erwartungen man nie erfüllen konnte, oder ein Vater, der einen als hoffnungslosen Fall abgestempelt hatte und demgemäß mit Nichtachtung strafte.

Ich überprüfte die Überwachungskameras, die ich in der Nähe des Schlafmohnfeldes angebracht hatte. Sie waren alle gut versteckt – davon verstand ich etwas – und hatten in den vergangenen Wochen das Geschehen auf dem Feld aufgezeichnet. Die Aufnahmen hatte ich an Agent Rawlins von der DEA weitergeleitet, einen alten Freund unseres Hausmeisters Ben, der die Ermittlungen in dem Fall leitete. Die Aufzeichnungen und diverse andere Beweise würden ausreichen, um Dad zu verhaften und für viele Jahre wegzusperren.

Gerade war er vor Ort. Er stand auf dem Feld und gab den Männern, die gekommen waren, um das Feld abzuernten, Anweisungen. Offensichtlich ahnte er nichts von dem bevorstehenden Polizeieinsatz.

Meine Beziehung zu Dad war … kompliziert. Meine Brüder hatten fast nur schlechte Erinnerungen an ihn, und meine Schwester Brynn vermutlich gar keine. Er war ihr gegenüber immer distanziert gewesen und zu häufig fort, als dass er eine große Rolle in ihrem Leben gespielt hätte.

Aber ich hatte mich mit ihm gut verstanden. Vielleicht hatte es an meiner Art gelegen, oder auch daran, dass ich ein mittleres Kind war. Er hatte mich weder unter Druck gesetzt wie Roland noch ignoriert wie Coop. Er war zwar auch mir nicht unbedingt ein liebevoller Vater gewesen, trotzdem hatte ich auch gute Erinnerungen an ihn.

Und ich war ihm dankbar für alles, was er für mich nach meiner Entlassung aus dem Militärkrankenhaus getan hatte. Damals war ich ein menschliches Wrack gewesen. Das war ich zwar immer noch, doch wenigstens ein halbwegs funktionierendes. Als ich damals nach meinem Auslandseinsatz nach Hause zurückgekehrt war, war ich kurz davor gewesen, den Verstand zu verlieren.

Er und Mom hatten mich aufgefangen und mir durch die ersten schrecklichen Monate geholfen, in denen die Schmerzen so unerträglich gewesen waren, dass ich sterben wollte. Beruhigend hatte er auf mich eingeredet, wenn ich von Panikattacken heimgesucht wurde, und einen Psychologen gefunden, der bereit war, mich aus der Ferne zu therapieren.

Das entschuldigte nicht, was er getan hatte. Ich war nicht nur wütend auf ihn, sondern fühlte mich auch verletzt und hintergangen. Dennoch fiel es mir nach wie vor schwer, die Person, die heute wegen Drogenhandels verhaftet werden würde, mit dem Lawrence Miles in Verbindung zu bringen, den ich als Vater gekannt hatte.

Offensichtlich hatte ich ihn nicht so gut gekannt, wie ich glaubte.

Ich duschte kurz, zog mich eilig an und ging rüber zu meiner Mutter. Ihr Wagen stand nicht vor dem Haus. Sie musste schon zu Roland und Zoe gefahren sein. Sie hatte sich geweigert, das Anwesen zu verlassen, wenn der Zugriff der Polizei erfolgte, bis Zoe sie mit Hudson geködert hatte. Meine Mom hatte sich noch nie eine Gelegenheit entgehen lassen, Zeit mit ihrem Enkel zu verbringen.

Der Kleine war auch wirklich zu niedlich. Er war fast drei Monate alt und hatte jetzt schon die ganze Familie um den winzigen Finger gewickelt. Die anderen sollten sich bloß beeilen, für weiteren Nachwuchs zu sorgen, sonst würde Hudson zu einem maßlos verwöhnten Quälgeist heranwachsen.

Der Rest der Familie – Ben eingeschlossen – hatte sich in Moms Haus versammelt: Roland, Brynn und Chase saßen am Esstisch. Roland hatte die Hemdsärmel aufgerollt und vor Anspannung die Stirn gerunzelt. Chase hatte schützend den Arm um Brynn gelegt.

Ben lehnte in der Tür zur Küche, eine Tasse Kaffee in der Hand. Ein grimmiger Zug lag um den Mund inmitten des von grauen Fäden durchzogenen Barts. Zwar wirkte er äußerlich ruhig, als wäre er nur ein unbeteiligter Beobachter, doch die steife Haltung und die gerunzelte Stirn verrieten seine innere Anspannung. Ich konnte mich nicht an eine Zeit ohne Ben erinnern. Er war ebenso fest auf Salishan verwurzelt wie wir alle.

Außerdem war ich ziemlich sicher, dass er meine Mutter liebte. Noch vor ein paar Jahren wäre mir dabei unbehaglich gewesen. Ben war ein herzensguter Mensch, aber wenn ich geahnt hätte, dass er in meine Mutter verknallt war, als diese noch mit Dad zusammen war, wäre ich angepisst gewesen.

Doch so war Ben nicht, und das wusste ich. Obwohl er schon lange in meine Mutter verliebt war, hatte er seine Gefühle die ganze Zeit unterdrückt. Ich fragte mich, warum er trotzdem geblieben war. Keiner von uns hatte geahnt, dass mein Vater meine Mutter so schändlich hintergangen hatte. Es musste für Ben die Hölle gewesen sein, zu bleiben und mitanzusehen, wie sie mit einem anderen Mann zusammenlebte und Kinder bekam.

Aber seine Beweggründe würden mir wohl immer verborgen bleiben. So etwas fragte man einfach nicht. Und was auch immer ihn bewogen haben mochte, zu bleiben, ich war verdammt froh, dass er da war.

Ich hätte erwartet, dass Cooper rastlos auf und ab lief wie ein Tiger im Käfig, aber er saß mit seiner Freundin Amelia auf der Couch. Sie hatte sich an ihn geschmiegt und rieb mit Daumen und Zeigefinger sein Ohrläppchen. Ich hatte keine Ahnung, wie sie das machte, aber sie war der einzige Mensch, der es schaffte, ihn zu beruhigen. Natürlich war er genauso angespannt wie wir alle, das war nicht zu übersehen, doch wenigstens ging er nicht die Wände hoch und redete auch nicht wie ein Wasserfall.

Ich mochte Amelia.

»Gibt es schon was Neues?«, fragte ich.

»Noch nicht«, erwiderte Cooper. »Dad und seine Leute müssen vor einer Stunde eingetroffen sein, um mit der Ernte zu beginnen. Ich habe ihn überredet, alles persönlich zu überwachen.«

»Ja, er ist draußen«, bestätigte ich. »Gut gemacht.«

Cooper zuckte nur die Achseln. Er sah müde aus.

»Leo hat recht, Coop«, sagte Roland. »Du hast das echt gut gemacht. Danke dafür.«

Cooper verschränkte die Finger mit Amelias und nickte. »Danke. Ich bin bloß froh, wenn der Scheiß vorbei ist.«

»Wie geht es Mom?«, fragte ich.

»Du kennst sie ja«, sagte Brynn. »Sie macht aus jeder Situation das Beste. Als wir eingetroffen sind, wollte sie noch für alle Frühstück machen.«

Roland lächelte. »Ich wette, dass sie bei uns in der Küche steht und Plätzchen backt.«

»Plätzchen?« Cooper horchte auf. »Dann weiß ich, wo wir später noch vorbeischauen.«

»Was genau ist eigentlich der Plan für heute?«, erkundigte ich mich.

»Die DEA benutzt die rückwärtige Zufahrt, ich bin also optimistisch, dass die Gäste von der Sache gar nichts mitbekommen«, meinte Roland. »Mit etwas Glück ist schon alles vorbei, bevor wir öffnen. Dennoch denke ich, dass jemand zum Haupthaus rübergehen sollte, für den Fall, dass dort doch die Polizei auftaucht, wenn Gäste da sind.«

»Das übernehmen wir«, sagte Chase, und Brynn nickte.

»Danke«, sagte Roland. »Ben, es wäre cool, wenn du diesen Teil des Anwesens im Auge behalten könntest. Und würdest du, wenn wir Bescheid bekommen, dass alles vorbei ist, nach Zoe und Mom sehen?«

»Mache ich«, brummte Ben.

»Kann ich rüberfahren und mir den Zugriff live ansehen?«, fragte Cooper. »Ich wäre gern dabei, wenn sie ihn hochnehmen.«

»Nein«, erwiderten Roland und ich unisono.

»Mal ehrlich, Coop, das willst du nicht wirklich sehen, oder?«, fragte Chase.

Cooper beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Oh doch, das will ich. Das Arschloch soll ruhig wissen, dass ich geholfen habe, ihm das Handwerk zu legen.«

»Wir haben Anweisung, uns fernzuhalten«, entgegnete Roland. »Und daran sollten wir uns halten. Leo, die Kameras laufen doch noch, oder?«

»Ja. Sie decken nicht das ganze Feld ab, aber das meiste schon.«

Cooper lehnte sich wieder zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es ist okay«, sagte Amelia leise und griff wieder nach seinem Ohr. Er entspannte sich sichtlich und versank noch tiefer in den Polstern. Sie flüsterte ihm etwas zu, das ich nicht hören konnte, und gab danach wieder einen beruhigenden Laut von sich.

»Es ist ja bald vorbei«, sagte Roland. »Sie werden die Typen verhaften, und dann können wir die nächsten Schritte einleiten. Moms Anwalt hat bereits alles vorbereitet, um die Scheidung voranzutreiben. Auch wenn er sich weiterhin querstellt, stehen seine Chancen jetzt schlecht.«

»Was ist mit Grace?«, fragte Cooper.

»Ich habe ihr eine Nachricht geschickt«, sagte Brynn. »Sie ist heute bei ihrer Mom und Elijah. Ich habe versprochen, ihnen Bescheid zu geben, wenn es vorbei ist.«

Grace war unsere Halbschwester aus der Affäre meines Vaters mit ihrer Mutter Naomi. Wir hatten erst im vergangenen Sommer von Grace und Elijah, dem jüngsten Sohn meines Vaters, erfahren, inzwischen gehörten sie aber zur Familie. Wenn man bedachte, dass mein Vater die beiden mit seiner Geliebten gezeugt hatte, zeugte die Tatsache, dass Mom sie mit offenen Armen in den Kreis der Familie aufgenommen hatte, von ihrem außergewöhnlichen Charakter.

Brynn hatte ganz recht. Mom verstand es, aus jeder Situation das Beste zu machen. Sogar aus Dads Affären.

Ich warf einen Blick auf Cooper. Ich konnte verstehen, dass er dabei sein wollte, wenn Dad bekam, was er verdiente.

»Hey, Coop. Warum kommst du nicht mit zu mir rüber? Wir können uns den Einsatz der DEA live ansehen.«

In Coopers Augen trat ein für ihn untypischer harter Ausdruck. »Okay.«

Cooper und Amelia begleiteten mich nach Hause. Dort nahm ich zwei Klappstühle aus einem Schrank und stellte sie vor meinem Schreibtisch auf. Amelia setzte sich, und Cooper zog ihren Stuhl ganz dicht an seinen.

Ich ließ mich auf meinen Bürosessel fallen und rief auf dem Computer die relevanten Kameras auf. Der erste Bildausschnitt zeigte nur Pflanzen, die sich im Wind wiegten. Das Bild der zweiten Kamera erschien auf einem anderen Monitor. Immer noch nichts. Das dritte Band zeigte ein paar Männer bei der Schlafmohnernte, und auf dem vierten war schließlich auch Dad zu sehen.

Cooper gab einen Knurrlaut von sich, und Amelia rieb ihm mit der Hand den Rücken.

Wir mussten nicht lange warten. Etwa zehn Minuten, nachdem wir uns zugeschaltet hatten, fuhren mehrere Zivilfahrzeuge der DEA ins Bild. Agenten sprangen heraus und richteten ihre Waffen auf die Arbeiter. Und auf Dad. Die Kameras zeichneten keinen Ton auf, so dass wir nicht hören konnten, was gesagt wurde, aber Dad erstarrte und hob dann die Hände über den Kopf.

Die Auflösung war gut genug, um seinen Gesichtsausdruck erkennen zu können. Ich hatte erwartet, dass er wütend reagieren würde, dass er rot anlief und seine Halsschlagader hervortrat. Stattdessen ließ er Kopf und Schultern hängen. Er sah nicht zornig aus, sondern resigniert.

Einer der Beamten kam auf ihn zu und hielt dabei die Waffe auf seine Brust gerichtet. Dad legte sich auf den Boden und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Weitere Agenten schwärmten aus und legten den Männern Handschellen an. Auch meinem Vater.

Mit einem seltsam distanzierten Gefühl sah ich zu, wie ein DEA-Agent ihn zu einem der Fahrzeuge führte und ihn in den Fond schob. Es war vorbei. Lawrence Miles war verhaftet worden, und ihn erwartete eine saftige Haftstrafe. Mit Coopers Aussage und dem Bandmaterial aus meinen Überwachungskameras würde es ein kurzer Prozess werden.

Würde er die Gefängnisstrafe überleben? Ich hatte keine Ahnung.

»Scheiße«, brummte Cooper. Er stand auf und ging auf das vordere Wohnzimmerfenster zu. »Wo dürfen wir uns eigentlich aufhalten? Kann ich zum südlichen Weinberg? Ich brauche frische Luft.«

»Der südliche Weinberg müsste okay sein«, entgegnete ich.

»Ich gehe mit.« Amelia erhob sich ebenfalls und zupfte ihren Pullover zurecht. »Er packt das.«

»Danke«, sagte ich.

Cooper nahm ihre Hand, führte sie nach draußen und schloss die Tür hinter ihnen.

Ich ließ mich in meinem Sessel zurücksinken und atmete tief aus. Wäre Amelia nicht gewesen, wäre ich Cooper gefolgt. Ich wäre ihm heimlich nachgeschlichen, um zu verhindern, dass er Dummheiten machte. Wahrscheinlich brauchte er wirklich nur etwas frische Luft. Er ging immer in die Weinberge, wenn er gestresst war. Dass Amelia ihn begleitete, beruhigte mich sehr.

Zu wissen, dass alle meine Geschwister Partner hatten, die ihnen durch die Krise halfen, machte alles gleich viel leichter. Roland würde zu Frau und Sohn fahren, und Brynn hatte Chase, der ihr in allen Lebenslagen zur Seite stand. Grace und ihre Mom konnten einander gegenseitig stützen, und Elijah war noch zu jung, um zu verstehen, was mit seinem Vater geschah. Im Übrigen hatte Naomi das meiste von ihm ferngehalten. Sicher würde er einiges verdauen müssen, wenn er älter wurde, doch wenigstens hatte er eine Familie, die ihm dabei helfen würde, damit klarzukommen.

Ich spulte das Video zurück und sah mir die letzten fünf Minuten noch einmal an. Mein Vater mit erhobenen Händen. Wie er sich hinlegte, damit der Beamte ihm Handschellen anlegen konnte. Wie der DEA-Agent ihn zum Wagen führte.

Er hatte es verdient. Er würde seine gerechte Strafe bekommen. Trotzdem fühlte ich mich beschissen.

Ich klickte die Aufnahmen der Überwachungskameras fort und loggte mich in das Spiel ein, das Gigz und ich in der vergangenen Nacht gespielt hatten. Vormittags zockte sie nur selten, aber ich wollte trotzdem mal nachsehen, um ganz sicherzugehen.

Wie schon erwartet war sie offline.

Ich schloss das Fenster mit einem Klick, und es fühlte sich an, als würde ich von dem schwarzen Loch in meiner Brust verschluckt.

Kapitel 4

Leo

Die Gewichte klirrten, als Cooper die Stange absetzte. Er half Zoe, die 45er-Scheibe abzunehmen, damit sie Kniebeugen mit der Langhantel machen konnte. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, wann sich mein Wohnzimmer in ein Fitnessstudio verwandelt hatte. Erst war nur Cooper zum Sport machen rübergekommen, aber nach einer Weile hatte Zoe gefragt, ob sie mit uns trainieren dürfe. Wie hätte ich den beiden ihre Bitte abschlagen können?

Cooper war anstrengend, doch die Drohung, ihn rauszuwerfen, wenn er zu viel redete, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Außerdem schien er generell weniger redselig zu sein, wenn er sich körperlich betätigte. Das war schon immer so gewesen. Zoe wollte sich nach der Geburt des kleinen Hudson wieder in Form bringen, und Cooper hatte ihr angeboten, sich uns anzuschließen.

Wenn ich ehrlich war, brachten die gemeinsamen Trainingseinheiten mehrmals die Woche etwas Abwechslung in meinen ansonsten eher eintönigen Tagesablauf. Und ich war gezwungen, das Wohnzimmer, das mir als Heimstudio diente, sauber zu halten, was gar nicht so verkehrt war.

»Du bist dran«, sagte Cooper.

Ich setzte die 45er-Scheibe auf meiner Seite der Stange wieder ein, während Cooper jene am anderen Ende montierte. Dann absolvierte ich mein Set Kniebeugen. Kniebeugen taten höllisch weh. Sie waren für jeden anstrengend, aber bei mir kam hinzu, dass dadurch Zug auf das Narbengewebe auf meiner linken Seite entstand. Doch es half nichts, ich musste mich bewegen und dehnen, damit es nicht noch schlimmer wurde.

Als ich fertig war, öffnete ich ein Fenster. Mein Zuhause mochte ja zum Familien-Fitnessstudio mutiert sein, aber darum musste es noch lange nicht so riechen.

Zoe griff nach ihrem Handtuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Gott, ich hasse die Bein-Tage. Leo, darf ich bei dir duschen? Wir haben heute Nachmittag eine Hochzeit. Zwar kümmert sich Jamie um alles, aber ich würde mich gerne persönlich davon überzeugen, dass alles gut läuft.«

»Klar«, entgegnete ich. »Im Schrank sind saubere Handtücher.«

»Danke.«

»Ich bin auch durch, Alter. Danke für das Work-out.«

»Ich danke dir, Coop«, erwiderte ich. Als er sich zum Gehen wandte, blickte ich ihm nach. »Hey, alles okay bei dir? Nach der Sache mit Dad und so.«

»Ja«, sagte er. »Tatsächlich geht es mir sogar richtig gut, jetzt wo die Sache vom Tisch ist. Außerdem habe ich ja nun eine heiße Frau, die auf mich wartet. Das Leben ist wunderbar.«

Mein Bruder war zuweilen anstrengend, doch seine unerschütterliche Lebensfreude war irgendwie ansteckend. »Gut, das freut mich.«

»Danke der Nachfrage«, sagte er lächelnd. »Und was ist mit dir?«

»Okay so weit.« Ich wollte mich nicht weiter darüber auslassen. Ich war nicht wirklich okay, aber besser als im Moment würde es wohl nicht mehr werden.

»Sicher, Bruderherz?« Er breitete die Arme aus. »Oder brauchst du Starthilfe?«

»Starthilfe? Was genau meinst du damit?«

Er nahm die Arme noch weiter auseinander. »Emotionale Starthilfe.«

»Du meinst, eine Umarmung?«

»Genau«, erwiderte er grinsend. »Einen brüderlichen Drücker.«

»Nein, danke.«

»Ganz sicher?« Er zog zweifelnd die Brauen hoch. »Es funktioniert, weißt du. Bei jedem lässt die Batterie mal nach. Dann muss man sie wiederaufladen. Das wirkt Wunder.«

»Nicht nötig, es geht mir gut.«

Achselzuckend ließ er die Arme sinken. »Lass es mich wissen, falls du es dir doch noch anders überlegen solltest. Bis später.«

Ich schüttelte den Kopf. Mein Bruder war schon ein komischer Vogel. »Bye, Coop.«

Kurz darauf verabschiedete sich auch Zoe, in ihrem Businessoutfit und mit hochgestecktem Haar. Als sie durch die Tür ging, sprach sie über Videoanruf mit Roland und Hudson und versicherte ihrem kleinen Sohn in Babysprache, dass Mami in etwa einer Stunde daheim sein würde.

Dann kehrte Ruhe ein.

Ich duschte, zog mich um und machte mir etwas zu essen. Heute war Samstag, so dass ich technisch gesehen freihatte. Ich war der Sicherheitsbeauftragte des Weinguts und darüber hinaus für alle Computer, Telefonanlagen und das Internet zuständig. Trotzdem setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und checkte die Kameras.

Ich tat das oft. Zappte mehr oder weniger wahllos durch die verschiedenen Kameras. Ich wusste selbst nicht genau, wonach ich eigentlich Ausschau hielt, doch es beruhigte mich.

Mein Telefon vibrierte von einem eingehenden Anruf.

»Hey, Mom.«

»Hey, Leo. Bist du gerade beschäftigt?«

»Nicht wirklich. Kann ich etwas für dich tun?«

»Lindsey hat drüben im Haupthaus ein Problem. Es geht um die Buchungs-App, glaube ich. Könntest du kurz rübergehen und nachsehen?«

»Klar.«

»Danke, Schatz.«

»Kein Problem.«

Ich legte auf und steckte das Handy ein. Ich hatte keine große Lust, an einem Samstag zum Haupthaus rüberzugehen, erst recht nicht, wenn dort eine Hochzeitsgesellschaft feierte. Ich hasste es, wenn viele Leute dort waren. Ich war generell nicht gerne unter Menschen. Abgesehen von meiner Familie natürlich, die meinen Anblick gewohnt war. Die mehr oder weniger verstohlenen Blicke von Fremden erinnerten mich immer wieder an das, was mir widerfahren war und daran, wie ich heute aussah.

Aber es gehörte nun einmal zu meinem Job. Ich zog die Ärmel herunter und ging. Bis zum Haupthaus war es nicht weit. Ich ging hinten herum, um das Haus durch den Seiteneingang und die Küche zu betreten.

Es fand gerade ein Hochzeitsempfang statt. Durch die Wände drang gedämpfte Musik, und in der Küche wuselten die Mitarbeiter des Caterers herum. Ich erhaschte im Flur einen kurzen Blick auf Zoe, doch im nächsten Moment war sie auch schon wieder verschwunden.

Ich verließ die Küche und hastete durch den kurzen Flur in die Lobby. Auf der Vorderseite des Gebäudes ging es weniger hektisch zu. Die meisten Gäste hielten sich im Festsaal oder in den Verkostungsräumen auf.

Lindsey lächelte mich an, als ich hinter den Empfangstresen trat.

»Ihr habt ein Problem?«, fragte ich.