Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel
  33. 28. Kapitel
  34. 29. Kapitel
  35. 30. Kapitel
  36. 31. Kapitel
  37. 32. Kapitel
  38. 33. Kapitel
  39. 34. Kapitel
  40. 35. Kapitel
  41. 36. Kapitel
  42. 37. Kapitel

Über das Buch

Leeres Nest und nun? Das fragt sich die 47-jährige Natalie umso mehr, als sie vor dem Überraschungsgeschenk ihres Gatten Julian zum zwanzigsten Hochzeitstag steht: einer Ackerscholle zum Selbstbepflanzen. Und das, wo sie doch so gar keine Gartenfee ist! Sie beschließt, sich stattdessen einen langgehegten Wunsch zu erfüllen, und tritt einer Theatergruppe bei. In Gesellschaft von sechs ganz unterschiedlichen Frauen nimmt ein furioses Stück Gestalt an. Natalie blüht auf – und sieht Julian mit neuem Blick. Das hat unerwartete Folgen für sie beide ...

Über die Autorin

Bettina Brömme, Jahrgang 1965, studierte Germanistik, Journalistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Sie schreibt für TV, Hörfunk und Print, hat zahlreiche Romane für Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht, teilweise unter Pseudonym, und lebt mit ihrer Familie in München.

TANJA HUTHMACHER

ROMAN

1. KAPITEL

»Gleich sind wir da, Schatz, gleich!«

Diese freudige Erregung in seiner Stimme ist mir sehr vertraut. Und sie bedeutet nicht immer etwas Gutes. Dennoch grinse ich in mich hinein und ertrage weiter die dunkle Augenbinde, die mich am unteren Rand gerade mal den geblümten Stoff meines Sommerkleides erkennen lässt.

Abrupt bremst er den Wagen und setzt ein Stück zurück.

»Hier muss es irgendwo sein … ah, ja!«

Es geht wieder drei Meter vorwärts, dann ein scharfer Ruck nach links, offenbar in eine Parklücke.

Wir feiern heute unseren zwanzigsten Kennenlerntag, und nach diesen vielen Jahren vertraue ich Julian eigentlich blind. Das sollte ich nun überdenken. Aber er hat mir unter Androhung höchster Strafe (»Eine Woche kein Netflix, wenn du spickst!«) befohlen, mich einfach mal überraschen zu lassen. Zuerst habe ich noch rumgenölt, dass ich solche Spielchen nicht leiden kann und in unserem Alter Überraschungen doch kindisch sind, aber er hat nicht nachgegeben.

»Lass dich einfach drauf ein, komm schon«, hat er gemeint. »Heute habe ich mal das Kommando. Wo du mir auch schon die Wahl des Restaurants für heute Abend überlassen hast, ist das nur eine weitere gute Übung für dich.« Ich sehe sein leicht spöttisches Lächeln trotz der Augenbinde geradezu vor mir und fühle mich ertappt.

Ja, zugegeben, ich halte gerne die Fäden in der Hand. Aber sind wir damit nicht gut gefahren in den letzten zwanzig Jahren? Also bitte! Ich verkneife mir, richtigzustellen, dass ich ihn gebeten habe, einen Tisch im TIAN zu reservieren, und dass das keineswegs etwas mit »Auswählen« zu tun hat. Ich bin ja lernfähig. Und außerdem bin ich jetzt hibbelig und total gespannt, was ich vor mir sehen werde, wenn er mir die Augenbinde abnimmt.

Ich höre, wie Julian den Motor abstellt, den Gurt löst und aussteigt. Was wird es also sein? Der Eingang zu meiner kleinen Lieblingsboutique, verbunden mit einem dicken Gutschein? Oder zu der Parfümerie zwei Häuser weiter? Oder führt er mich in die Oper? Mit Julian an meiner Seite statt vor mir an der Trompete im Orchestergraben. Und Jonas Kaufmann singt. Nur für mich. Hach …

»So, Schatz, jetzt darfst du schauen.« Er zieht mich an einer Hand aus dem Auto, und ich spüre die Wärme der Sonne in meinem Gesicht. Wir sind irgendwo mitten im Freien. Ich nestle die Augenbinde herunter und bin komplett geblendet. In den Millisekunden, die ich es schaffe, die Lider zu heben, sehe ich Julians wohlgeformten, haupthaarlosen Kopf vor mir und sein breites, zufriedenes Lachen, das diese hübsche Reihe strahlend weißer gerader Zähne freilegt. Seine stahlblauen Augen funkeln amüsiert.

»Schön, oder?« Er dreht mir nun den Rücken zu, verdeckt aber noch immer alles hinter sich. Okay … Als ich die Augen endlich offen halten kann, wird mir klar, allzu viel zu verdecken gibt es nicht. Denn vor mir erstreckt sich ein Acker. Ein riesiger Acker, auf dem ein paar versprengte Menschen herumwuseln.

»Und das gehört jetzt dir«, verkündet er feierlich.

Ich erstarre. Was genau gehört mir? Der Acker? Der ganze riesige Acker? Ich blicke Julian fassungslos an. Hat er ein Grundstück erworben? Damit wir ein Haus bauen können? Hallo, das hier ist München, mahnt mich meine innere Stimme. Hier frisst das Wohnen in einem Monat mehr auf, als eine zehnköpfige Familie in einem Jahr futtern könnte. Und eigentlich fühle ich mich in unserer Wohnung mit der Dachterrasse und dem herrlichen Ausblick auf die Berge ziemlich wohl. Seit Antonia ausgezogen ist, haben wir sogar mehr Platz als vorher. Julian nimmt mich wieder an die Hand, als seien wir altersmäßig irgendwas mit einer Zwei davor und frisch verliebt.

»Also, dir gehört natürlich nicht der ganze Acker«, erklärt er endlich, und meine Sprachlosigkeit scheint ihm komplett zu entgehen. »Aber ich habe für dich einen Krautgarten gepachtet. Sechzig Quadratmeter, wo du nach Herzenslust säen und jäten und ernten kannst. Ist das nicht toll?«

Ich sage es doch: Ich hasse Überraschungen! Und diese hier ganz besonders. Aber das beichte ich ihm natürlich nicht. Stattdessen bemühe ich mich, meine Lippen zu einem breiten Ahhh und nicht zu einem lang gezogenen Ohhhh zu formen. Ich lächle. Dümmlich vermutlich, doch er wird glauben, ich sei gerührt. Ob seines Einfallsreichtums! Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass er sich so lange Gedanken über mich macht, bis am Ende ein Gartenbeet dabei herauskommt. Er denkt sich viel aus, wenn der Tag lang ist, aber so etwas …

»Weißt du, Nat«, Julian stemmt die Hände in die Hüften und blickt wie ein Großgrundbesitzer über 200 vollblütige Stiere auf den frisch erworbenen Landbesitz, »ich finde, du hast in den letzten Jahren immer nur an uns gedacht – an Antonia, an Finn und natürlich auch an mich –, aber jetzt ist es an der Zeit, dass du mal an dich denkst.«

»Und an einen Acker?«

»Einen Garten. Einen richtigen Garten – das hast du dir doch so gewünscht. Mit welcher Wonne bretterst du immer mit dem Aufsitzrasenmäher über die Wiese deines Vaters. Geradezu amazonengleich!«

Ja, mit dem Angeberteil herumzudüsen hat mir schon Spaß gemacht, das muss ich zugeben. Aber nur, weil das Mähen damit so schnell erledigt ist und man dabei irgendwie so, ich weiß nicht, verwegen aussieht. Kann schon sein, dass mein Mann diese Begeisterung als allgemeine Liebe zum Gärtnern gedeutet hat. Dabei sollte ihm doch alles klar sein, wenn er nur unsere Dachterrasse anguckt. Was vom Wind angeweht wird und sich selbst aussät, darf gerne bleiben, ansonsten pflanze ich da nur Dinge wie Girlanden, Windräder, Lampions und anspruchslose Kakteen. Aber ihm diese Feinheiten zu erklären wäre fruchtlos. Und jetzt ist es eh zu spät. Also schlinge ich wortlos die Arme um seinen Hals und küsse ihn auf den gepflegten Dreitagebart. »Danke, Schatz«, flüstere ich und hoffe, es klingt aufrichtig. »Und was mache ich jetzt hier?«

Julian hat sich perfekt vorbereitet. Er weiß alles. Kein Wunder, schließlich war er sogar bei der Infoveranstaltung der Stadt zum Thema »Krautgarten und ökologischer Landbau« und letzte Woche bei der Verlosung der Parzellen. Von wegen Extraprobe am Samstagnachmittag.

So feierlich, als sei es eine Ernennungsurkunde zum Bundespräsidenten, überreicht er mir ein Zettelchen mit der Nummer 20 – »passend zu unserem Jahrestag« – für meine Parzelle. Er erläutert und deutet hierhin und dahin, während er am Ackerrand entlangschreitet, und ich komme kaum hinterher. Ein Teil des Saatguts ist bereits im Boden eingebracht, den Rest bekomme ich gestellt, erfahre ich, und dann kann es losgehen mit der Anzucht von Kartoffeln und Kohl und Karotten und Kartoffelkäfern. Äh, nee, die Käfer sind natürlich nur ein Nebeneffekt, den bitte alle Gärtelnden im Zaum halten sollen, sprich: einsammeln und entsorgen. Ebenso wie die Schnecken und das Unkraut, nein, Beikraut, klingt positiver. Wasser gibt’s an der Pumpe, die ist von hier aus nicht zu sehen, aber angeblich nur fünfzig Meter von meinem Ackeranteil entfernt. Gießkannen stehen bereit.

»Super für deinen Trizeps«, verspricht der Mann, und ich starre sofort wie ertappt auf meine Oberarme. Ansätze von Winkefleisch sind wahrlich noch nicht zu entdecken, aber vielleicht sieht er mehr als ich? Da muss ich zu Hause vor dem Spiegel mal eine Testreihe starten, um herauszufinden, ob da etwa schon was winkt. Falls ja, kenne ich nun glücklicherweise das Gegenmittel – Wasser pumpen und Gießkannen schleppen.

»Und wenn ich mal keinen Dienst habe, dann helfe ich dir auch. Vor allem beim Ernten. Und dann bring ich ein paar von den Jungs mit, und wir machen ein Ackerkonzert, so richtig bayerische Stubenmusi, das wird super!«

Er meint das liebevoll und hält es für eine prima Idee. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, er ist ganz arglos, und er hat ständig tolle Ideen. Und er käme nie auf den Gedanken, dass er mir keinen Gefallen tut, wenn er mir noch mehr Arbeit aufhalst. Das hier ist pure Entspannung für mich, glaubt er ernsthaft. Ist es nicht. Punkt. Aber wie sage ich ihm das? Will ich der Grund sein, dass diese kindliche Freude in seinen Augen erlischt? Dass sein genialer Einfall, mir Gutes zu tun, verdörrt wie junge Salatpflänzchen in der prallen Sonne? Das bekomme ich einfach nicht hin. Meine älteste Freundin Sara, die mich seit dem Sandkasten kennt, sagt immer, ihr falle außer mir niemand ein, der es schafft, selbst unangenehme Dinge so begeistert aufzunehmen, dass der andere niemals darauf käme, er habe etwas Falsches gesagt oder getan. Und so ist es auch jetzt. Ich meine die synthetische Zuckrigkeit meines Lächelns beinahe auf der Zunge zu schmecken, aber Julian ist einfach nur stolz angesichts seiner vermeintlich famosen Idee. Und ich bin auch ein bisschen stolz, weil er mir wirklich glaubt, tatsächlich so begeistert zu sein.

»Ich wusste es!« So wie er jetzt strahlt und mich anschaut, sehe ich wieder den 28-Jährigen in seinen blauen Augen. Den Mann, in den ich mich damals verliebt habe, und ich kann ihm weder böse sein, noch kann ich ihm die Wahrheit sagen.

»Hach, was für ein toller Garten«, bringe ich heraus, und dann küsse ich ihn schnell, damit meine Flunkerei nicht auffliegt.

Kaum lösen wir uns voneinander, wandert Julians Blick wieder über die Ackerfurchen. Hoffentlich erwartet er nicht, dass ich jetzt und sofort mit dem Gärtnern loslege. Zumal ich ja noch nicht mal weiß, welches Teilstück mir gehört. Aber nun hebt er grüßend die Hand, und ich erkenne im Gegenlicht einen großen, schlanken Mann, der auf uns zukommt.

»Holger! Hi, lange nicht gesehen.« Julian lässt mich los und macht einen Schritt nach vorn. In typisch männlicher Unsicherheit gleicht die Begrüßung der beiden einer Mischung aus Ballettaufführung und Ringkampf. Erst reichen sie sich zögerlich die Fingerspitzen, dann packt doch einer zu und zieht den anderen ungelenk in seine Arme. Wie einfach haben es da wir Frauen: Wir pressen unsere Wange an jede, die sich uns in den Weg stellt, und hauchen Küsschen in die Luft. Ich strecke mich zu Holger hoch und spüre kurz sein verschwitztes Gesicht an meinem. Vielleicht doch lieber ein Ringkampf?

Seine Tochter Lea und unser Sohn Finn besuchten vor zehn Jahren denselben Kindergarten, und gelegentlich trank ich mit seiner Frau Gitti einen Coffee to go auf dem sogenannten »roten Spielplatz«. Manchmal gesellten sich Julian und Holger dazu und kickten mit den Kleinen eine Runde. Meistens endete das damit, dass sich Lea lieber unsere für sie langweiligen Frauengespräche anhörte und Finn nach zehn Minuten heulend angerannt kam, weil ihm einer der Väter – ganz aus Versehen natürlich – im Eifer des Gefechts einen Ball in den Bauch geschossen hatte.

Als die Kinder dann auf unterschiedliche Schulen kamen, haben wir uns aus den Augen verloren. Ehrlich gesagt fällt mir das erst jetzt auf. Nicht dass Gitti und Holger unsympathisch wären, aber unsere Wege haben sich einfach nicht mehr gekreuzt.

»Geht ihr auch unters Selbstversorgervolk?«, fragt Holger und grinst. »Gitti schleppt mich in jeder freien Minute her.«

Julian deutet, die Finger zur Pistole geformt, auf mich. »Das hier ist die Frau mit dem grünen Daumen«, behauptet er. »Sie träumt seit Jahren von einem Stück Land.«

Am liebsten würde ich mit dem Fuß aufstampfen und »Gar nicht!« ausrufen, aber mein Vorhaben wird dadurch vereitelt, dass nun auch Gitti näher kommt, mit Gießkanne bewaffnet und Spuren feuchter Erde im Gesicht. Erst jetzt bemerke ich, wie sauber Holgers Hände aussehen.

»Hey, Natalie, wie cool! Schön, dich zu sehen!« Gitti fällt mir um den Hals, haucht besagte Luftküsschen an meine Wangen, und ich versuche, mir unauffällig über selbige zu wischen. Sie fühlen sich feucht und verschmiert an. Julian blickt Hilfe suchend zu mir, da er ebenfalls Gittis erdkrumengespickte Begrüßung über sich ergehen lässt. Da muss er jetzt durch.

»Ihr seid’s auch dabei, oder? Hab euch gar nicht bei der Parzellenverlosung gesehen.« Gitti strahlt.

Offensichtlich ist ihre gute Laune noch immer so unverwüstlich wie schon zu Kindergartenzeiten, wo alle anderen Mütter stets am Rande des Nervenzusammenbruchs balancierten. Egal ob Streptokokkeninfektion, streikende Erzieherinnen, Kopfläuse oder chronischer Schlafmangel – Gitti lachte alles weg. Meist beneidete ich sie um diese Fähigkeit, manchmal aber nervte es mich auch ungemein, dass sie nie in unseren Meckerchor mit einstimmte. Ein bisschen Solidarität unter Müttern half mir über viele Erschöpfungszustände hinweg. Wie erleichtert war ich, wenn eine sagte, dass sie ihr Kind am liebsten an die Wand klatschen würde, wenn es zum gefühlt dreiundzwanzigsten Mal ankomme, weil es nicht schlafen könne. Denn genau das schoss mir gelegentlich auch durch den Kopf, und neben der Wut musste ich dann auch noch Schuldgefühle bewältigen. Gitti dagegen schien solche zwiespältigen Empfindungen gar nicht zu kennen, und damit entzog sie uns geradezu unsere Jammerberechtigung. Aber vielleicht war Lea ja wirklich immer das brave Engelchen mit den blonden Korkenzieherlocken und den unschuldig blauen Augen gewesen. Oder Gitti besaß einfach Superkräfte und war in Wahrheit Wonder-Mutti, Spider-Mami oder Bat-Mum.

»Ja, wir sind auch dabei«, antworte ich. »Und – macht’s Spaß?« Eine unnötige Frage. Gitti legt eine schmutzige Hand auf ihr weißes T-Shirt. Das identisch mit dem vom Holger ist, fällt mir gerade auf. Give Peas A Chance steht auf beiden drauf.

»Himmlisch ist’s hier!« Gitti deutet enthusiastisch über den Acker. »So viel Bewegung an der frischen Luft! Weißt du, da kannst du dich gleich vom Zumba abmelden. Und dann zuschauen können, wie diese zarten Sprösslinge vorsichtig aus der Erde lugen und nach und nach zu immer kräftigeren Pflanzen werden.« Sie klingt wie ein Dokumentarfilmsprecher aus den Sechzigerjahren. Fehlt nur noch, dass sie die Augen verdreht vor Wonne. »Hach, hier fühle ich mich wie eins mit der Natur.«

Sie seufzt tief, und nicht nur Holger, sondern sogar Julian tun es ihr gleich. Angesichts dieses Gleichklangs an Ergriffenheit fällt mir nichts mehr ein. Ist doch schön, wenn die Menschen so … angerührt sind, versuche ich mir einzureden. Das lerne ich bestimmt auch noch.

»Und du glaubst gar nicht, wie viel Ernte man hier einfährt«, wirft Holger ein. »Wochenlang kannst du Zucchini essen oder Tomaten, Karotten, Mangold … alles!«

»Vierzig Gläser Marmelade und dreißig Gläser Chutney hab ich letzten Sommer eingekocht. Ich hab super Rezepte, so für Erdbeer-Himbeer-Limetten-Konfitüre oder Kürbiscreme mit Pastinaken – kann ich dir gerne geben.«

Mein Lächeln gefriert. Ich sehe mich schon am Herd stehen, wo es aus unzähligen brodelnden Töpfen dampft und mich schließlich eine toxische Mischung aus Tomatensugo, Kartoffelmarmelade und Himbeerstampf lawinenartig überrollt und unter sich begräbt. Und meine Familie muss erst wochenlang alles wegessen, bevor sie meine Leiche bergen kann.

»Hm, das klingt richtig lecker.« Das Funkeln in Julians Augen wirkt echt. Dabei isst er nie Marmelade und weiß vermutlich nicht mal, was ein Chutney ist. »Ich find’s super, dass wir euch getroffen haben – da kannst du Nat vielleicht alles ein wenig erklären«, fügt er hinzu und wendet sich dann an Holger. »Und du – trainierst du immer noch die C-Jugend?«

Gitti zieht mich am Arm mit sich, und ich stolpere hinter ihr her. Gut, dann nehme ich so ein Beet mal näher in Augenschein. Während wir über einen schmalen Trampelpfad gehen, vorbei an Holzpflöcken und Schnüren zur Markierung der Parzellen, entdecke ich überall kniende, hockende, gebückte Menschen, die mit großen Harken oder kleinen Schaufeln die Erde beackern. Umgraben, Steine einsammeln, Wurzeln rausreißen – das scheint die Hauptbeschäftigung zu sein. Na prima. Allein vom Zusehen bekomme ich schon Muskelkater. Ja, ja, gegen die Wehwehchen von der ständigen Schreibtischhockerei hilft Bewegung am besten – aber muss es denn gleich auf so eine, hm, archaische Art sein? Mal wieder ein Gutschein für einen schönen Yogakurs hätte mich auch gefreut. Zehn Abende und gut ist. Während ich noch vor mich hin sinniere, schwärmt Gitti schon wieder.

»… das Miteinander hier ist auch toll. So viele nette Leute! Nur eins sag ich dir gleich: Bring niemals einen Schlauch an der Wasserpumpe an. Hier wird die Gießkanne benutzt und Muskelkraft zum Pumpen.«

»Ah ja«, bringe ich mühsam heraus. Können wir nicht endlich mal von etwas anderem reden als von diesem Acker?

»Wie geht’s denn Lea? Schlimm am Pubertieren?« Kaum vorstellbar bei dem Goldschatz, der sie einst war. Sechzehn muss sie inzwischen sein, denn Finn ist fünfzehn.

Gitti rollt nur die Augen, und das erste Mal verschwindet der optimistische Glanz darin. Offensichtlich will sie nicht darüber reden – es muss also wirklich schlimm sein. Vielleicht ist sie deshalb so gerne hier – weil sie dann weit genug weg von ihrer Tochter ist.

»So, schau, das ist meine Parzelle. In der linken Hälfte sind schon Kartoffeln, die Samen für Radi, Karotten und so was drin. Auf der anderen Seite hab ich selbst die ersten Beete markiert, und nächste Woche gibt’s dann weiteres Saatgut und junge Pflänzchen – alles komplett ökologisch einwandfrei natürlich. Und dann kann’s losgehen.« Sie reibt sich freudig die Hände. »Und wo ist jetzt dein Beet?«

Ich halte ihr den Zettel hin, den mir Julian vorhin überreicht hat.

»Zwanzig?« Sie kratzt sich am Kopf und dreht sich dabei im Kreis. »Ach, in der Ecke dort.« Sie zieht mich weiter, bis wir zu einem Randstück des Ackers gelangen. Die Nummer ist an einer der Stangen angebracht, die meine Gartenfläche begrenzen. Mit den Augen schreite ich die Markierung ab. Herrje, ist das Stück riesig! Das von Gitti sieht viel kleiner aus. Aber Julian hat sich vermutlich – typisch Mann – gedacht, je größer, je besser …

»Gleich sechzig Quadratmeter – ganz schön ambitioniert.« Sie schmunzelt, und ich finde, sie mustert einen Tick zu auffällig meinen Anfang-zweite-Hälfte-Vierziger-Körper. Der sich garantiert noch für Gartenarbeit eignet. Wenn er das denn möchte … Ich meine mich zu erinnern, dass Gitti die fünfzig schon überschritten haben müsste. Da sie aber recht rundlich ist, zieren kaum Fältchen ihr Gesicht. Und ihre strahlenden Augen lenken sowieso von jeder Alterserscheinung ab, sogar vom grauen Ansatz im kurz geschnittenen und rot gefärbten Haar. »Flott« würde meine Mutter ihre Frisur nennen.

»Hm, von der Ecke hier musst du ein wenig laufen zur Pumpe.« Gitti deutet ans andere Ende des Felds. »Aber sieh’s positiv, das ist kostenloses Fitnesstraining.«

Ich schlucke und versuche die Wasserquelle irgendwo in der Ferne zu erkennen. Immerhin ist Gittis Beet nicht allzu weit weg von meinem, und sie macht den Eindruck, als wisse sie auf alle Geheimnisse des Gartenlebens eine Antwort.

Ein sehr lautes Keuchen dringt zu uns, und wir schauen zur Nachbarparzelle. Dort steht ein Mittfünfziger mit grüner Schürze, grüner Hose und Gummistiefeln und rammt die Schaufel fest in den Erdboden, wieder und wieder.

»Muss ich das auch machen?«, zische ich Gitti zu. Sie schüttelt den Kopf und beobachtet ihn interessiert. Hinter ihm zieht sich eine Spur der Verwüstung durchs Beet – Erdwälle, tiefe Löcher, herausgerupfte Pflanzen.

»Hallo«, ruft Gitti ihm zu. »Neu hier?«

Der Mann dreht sich um, er ist etwas blass, schenkt uns aber ein freundliches Lächeln. »Oh, yes!«, sagt er. »Hello, nice to meet you!« Offensichtlich ein Engländer. »Ah, es ist wunderbar, ist es nicht, zu spüren seine Muskeln!«

»Okay«, sagen Gitti und ich gleichzeitig.

»Aber Obacht mit den Pflanzen.« Gitti weist auf die Sprösslingskadaver.

»Ist das nicht ricktick?« Der Akzent ist sehr charmant und sein geschockter Gesichtsausdruck geradezu bemitleidenswert. »Wissen Sie, ich bin hier zum erste Mal. Ich will das alles ricktick machen. Ich kenne noch nicht viel über die Garten, aber ich kann schon spüren, dass mich die Arbeit so guttut. Es ist so … heilsam. For die Seele.«

Gitti erklärt ihm, dass er den Boden nicht so tief umgraben und vor allem auf das Saatgut aufpassen muss, und er bedankt sich sehr ergeben für ihre Hilfe. Vermutlich hat sie gerade einen neuen Freund fürs Leben, zumindest fürs Gartenleben, gefunden.

»Wie viel Zeit verbringst du hier so in der Woche?«, wage ich zu fragen und versuche mit der Fußspitze den trockenen Boden etwas zu bewegen.

»Na, vier Stunden sind’s schon. Wenn’s so heiß ist wie letzten Sommer auch mehr.«

Und ihr Feld ist nur halb so groß wie meins. Acht Stunden in der Woche? In denen ich sonst auf dem Sofa liegen, lesen oder Serien gucken könnte.

»Dann bist du aber gut ausgelastet, oder?«

Gitti zuckt mit den Schultern. »Ach, weißt du …«

Klingt sie plötzlich müde? Resigniert? Pessimistisch? Haben sich ihre Superkräfte entladen?

»So einen Wahnsinnsstress hab ich nicht. Der Steuerberater, bei dem ich in Teilzeit arbeite, hat nicht so viel für mich zu tun. Der geht schon auf die Rente zu und will kürzertreten. Lea ist froh, wenn sie mich möglichst von hinten sieht, und Holger ist mit seinem Fußball beschäftigt. Und ich find’s ja auch gut, wenn ich mal mehr Zeit für mich habe.«

»Verstehe.« Ich vermute, Julian hatte genau dieses Konzept im Kopf: Da hast du mal was ganz Eigenes. Da könnte ich doch auch gleich ein Jodeldiplom machen, oder?

»Deshalb hab ich mir ein schönes Programm zusammengestellt«, fährt Gitti fort. Da ist es wieder, dieses fast schon irre Strahlen. »Montag gehe ich in den Chor«, erklärt sie. »Mittwoch zum Pilates, und am Donnerstag – das ist toll, das würde dir auch gefallen – habe ich Theater.«

»Ein Abo? Bei den Kammerspielen oder im Resi?«

»Nein, nein.« Sie schüttelt den Kopf, ohne dass sich ihre Fransenfrisur großartig bewegt. »Ich mache bei einer Theatergruppe mit. Nur für Frauen. Nur für Frauen über vierzig.«

Das ist die erste Information heute, die mich wirklich interessiert.

»Wow!«, stoße ich aus, und ehe irgendeine Kontrollinstanz in meinem Gehirn auch nur »Piep« sagen kann, hake ich schon nach: »Meinst du, ich kann da auch mitmachen?«

Gitti packt mich am Oberarm. »Na klar, supergerne! Wieso habe ich nicht gleich an dich gedacht? Wir suchen nämlich noch Schauspielerinnen. Wie blöd von mir!« Sie schlägt sich gegen die Stirn, und Erdbröckchen spritzen herum. »Wir haben uns einfach zu lange nicht gesehen.«

Ich nicke zustimmend. Es war von meiner Seite aus keine Absicht, dass das passiert ist. Ich fand Gitti immer recht unterhaltsam, vielleicht einen Tacken zu spießig für meine Verhältnisse, aber ich habe immer gespürt, dass sie das Herz am rechten Fleck hat. Die Kinder waren unser Bindeglied, und meist ging es in unseren Gesprächen um sie. Wirklich persönliche Dinge haben wir einander nur selten anvertraut.

»Hast du nicht immer die Aufführungen im Kindergarten gemanagt?«, fragt sie.

Oh ja. Das habe ich. Denn bevor ich eine Familie gründete, studierte ich Theaterwissenschaften und träumte davon, bei Peter Zadek zu hospitieren, Frank Castorfs Assistentin zu werden und Claus Peymann zu beerben. Und in meinem Hinterkopf waberte sogar irgendwann die verlockende Idee, die Seiten zu wechseln und mich bei einer Schauspielschule zu bewerben. Stattdessen wählte ich eine andere Rolle: die der Ehefrau und jungen Mutter. Und zu meinem Erstaunen ging ich ganz darin auf. Die Bezahlung bei einer Provinztheaterbühne wäre kaum höher gewesen als das Kindergeld, sagte ich mir, und das Lächeln meiner Tochter erschien mir befriedigender als der Applaus aus karg besetzten Zuschauerreihen.

Damals, als Finn noch klein war, habe ich die Kindergartenaufführungen wirklich gerne begleitet. Sie waren … nett. Und stellten Herausforderungen der besonderen Art dar. Ich war zum Beispiel großartig darin, Toralfs Mutter zu erklären, warum der fünfjährige Jonas das sprechende, singende und tanzende Gespenst spielen darf und nicht ihr zweieinhalbjähriger Sohn. Und ich habe Marie auf dem Klo aufgespürt, während schon der Vorhang aufging. Und den Tobsuchtsanfall von Cedric kurz nach Beginn der Aufführung »Die Prinzessin auf der Erbse« habe ich auch irgendwie beendet.

»Komm doch mal vorbei bei uns, wir haben tatsächlich noch Bedarf an Mitstreiterinnen«, fordert mich Gitti nun auf.

»Ja, klar, total gerne!«

Während sie mir erzählt, wann und wo sie sich treffen – donnerstags um 19.30 Uhr im Gemeindesaal der Sophienkirche –, meldet sich eine Stimme in meinem Hinterkopf, die ich gut kenne, gegen die ich machtlos bin und die ich am liebsten nach Nordkorea verbannen würde. Man könnte sie »Frau Einwand« taufen. Ihr wichtigstes Anliegen besteht darin, über alles die Kontrolle zu behalten und mir ein schlechtes Gewissen zu machen.

»Schaffst du das denn überhaupt bei deinem ganzen Alltagskram?«, fragt sie mit gehässigem Zischen. »Und was wird dann aus deinem Mann? Und deinem Sohn? Und vor allem deinem Acker? Deinem Acker!«

Der Mann ist schon groß und hat abends eh meist Dienst, will ich zurückgeben. Den Acker pflege ich an einem anderen Tag, und Finn …

»Achtest du nicht strengstens auf seinen Medienkonsum, dann ufert es aus«, keift Frau Einwand. »Und zwar komplett. Erst wird er computersüchtig und fängt an, die Schule zu schwänzen, und dann bleibt er sitzen, und dann spielt er noch mehr Ballerspiele, und irgendwann geht er auf euch los. Mit dem Gaming-Controller. Mit dem Bildschirm. Mit dem Messer …«

»Schnauze«, sage ich und presse mir sofort erschrocken die Hand vor den Mund. Habe ich das jetzt laut gesagt? Aber Gitti sieht mich weiter fröhlich an.

»Also, kommst du nächsten Donnerstag mal vorbei? Ganz unverbindlich. Schau dir die anderen Frauen an – die werden dir gefallen. Ziemlich unterschiedlich, aber alle leidenschaftlich dabei. Und Alma, unsere Regisseurin, ist auch klasse. Unkonventionell, spontan.«

»Und ihr hättet noch eine Rolle für mich?«

»Überleg dir das lieber noch mal!« Geh nach Nordkorea, Frau Einwand! Sie verstummt. Zumindest vorläufig.

»Ja, klar!«, sagt Gitti zu meiner Erleichterung. »Wir haben kein vorgegebenes Stück. Wir machen das auch nicht richtig klassisch, das ist eher so Work in progress, viel improvisiert, jeder darf Vorschläge machen. Ziemlich … basisdemokratisch. Wir haben alle noch nicht so ganz unseren Platz gefunden.«

»Klingt fantastisch«, erwidere ich.

»Super, ich fände es toll, wenn du dabei wärst. So, und jetzt muss ich endlich die Gießkanne hier loswerden, sonst meckert mich noch einer an.«

Sie dreht sich um und geht davon mit diesem leicht federnden Gang, der mir signalisiert, dass ihre positive Einstellung nicht gespielt ist. Vor lauter Vorfreude würde ich am liebsten auf den frischen Beeten tanzen und einen Gartenschaufelweitwurf veranstalten. Eine Theatergruppe! Mit lauter Frauen! Wie großartig ist das denn? Und ich darf mitmachen.

»Na, Schatz?« Julian kommt auf mich zu, nachdem er sich mit einem High Five von Holger verabschiedet hat. »Du hast ja ganz rote Wangen.« Er küsst mich. »Freust du dich so auf die Gartenarbeit?«

2. KAPITEL

»Ey, Digger, was soll der Scheiß? Ich knall dich ab! Und deine Mudder!«

Ach, das Kind spielt wieder so schön mit seinen Freunden. Ich öffne ruckartig die nur angelehnte Tür von Finns Zimmer – oder soll ich sagen »Spielhölle«? – und stemme die Hände in die Hüften. Ich komme mir selbst wie das Klischee einer nervigen Mutter vor, aber andererseits: Klischees haben ja auch ihren wahren Kern. Ich will ihn nerven. Damit er aufhört zu zocken.

»Es ist noch nicht fünf. Und der Router müsste eigentlich ausgeschaltet sein. Wieso spielst du dann jetzt?«

Er dreht sich langsam um in seinem Gaming-Stuhl, klappt rasch das Mikrofon ein, damit seine Kumpels am anderen Ende des LAN-Kabels nicht weiter mithören können, und schiebt den Kopfhörer über einem Ohr nach hinten. Dann schaut er mich an und schenkt mir ein zuckersüßes Lächeln.

»Komm schon, heute ist Freitag – und es ist doch schon fast fünf. Habe nicht auch ich das Recht auf einen gechillten Einstieg ins Wochenende?« Finn steht nun sogar auf, stolpert beinahe über die überall herumliegenden Klamotten, nimmt mich in die Arme und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Er muss sich nicht mehr nach oben strecken. »Du gehst doch sicher auch gleich auf einen TGIF mit deinen Mädels, oder?«

Hat er das von mir? Nein, bestimmt von seinem Vater! Beide wissen, wie sie es anstellen müssen, um mein Herz zum Schmelzen zu bringen. Dieser süße, liebevolle Teenager – ich kann ihm doch unmöglich ein wenig Freizeitvergnügen versagen, während ich mir mit ein paar Nachbarinnen ab und an einen »Thank God It’s Friday«-Drink genehmige. Über seine Schulter hinweg sehe ich, wie in Großaufnahme eine AK-irgendwas losballert und Fetzen von … Menschen? … rote Spritzer auf dem Bildschirm verteilen. Er stellt sich intuitiv so hin, dass er mir die Sicht versperrt.

»Nein, heute kein Prosecco mit den Mädels. Papa und ich gehen nachher essen …«

»Echt? Geil!« Er reibt sich die Hände und grinst breit.

Ich seufze.

»Und deswegen …« Zeit, die Stimme doch ein wenig zu heben. »Und deswegen hörst du jetzt mit dem Spielen auf – heute Abend bist du von der Kiste ja eh nicht wegzukriegen.«

»Aber Mama …« Finn packt mich an den Schultern. »Wenn ich jetzt aufhöre, verrate ich mein ganzes Team. Dann verlieren die. Nur wegen mir.«

»Ja, das ist die Strategie der Hersteller, die wollen, dass du das so empfindest.« Nun grinse ich. »Und deswegen gibt es uns Eltern, die diese Strategie unterwandern.«

»Bullshit.«

»Ey! Im Ernst, Zimmer aufräumen – Müll, Geschirr, Wäsche, Schulkram, Staub – alles! Und wenn wir weg sind, kannst du meinetwegen spielen.«

Er beugt ein wenig den Kopf und sieht mich hündisch ergeben von unten an.

»Und Flammkuchen und Cola dazu?«

Ich nicke.

»Aber vergiss nicht, den Ofen auszuschalten und die Flasche richtig zuzudrehen.«

»Hab dich lieb!« Finn küsst mich noch einmal, ruft ein »Bin raus, bis später!« in das Mikro an seinem Kopfhörer und legt ihn tatsächlich beiseite.

Neben mir klappert der Schlüssel in der Wohnungstür.

Wie so oft ist Julian beim Heimkommen auf ein Schwätzchen mit einem Nachbarn hängen geblieben und musste dem gleich erzählen, wie begeistert ich von seinem Ackergeschenk bin. Offenbar hat er jeden in seine Idee eingeweiht, und ehe ich noch mehr Leuten Enthusiasmus vorspielen musste, bin ich lieber schon mal vorgegangen.

»Oh, was spielst du da?«, höre ich nun Julians Stimme hinter mir, und er späht über meine Schulter in Finns Zimmer. »Ist das die neue Version von GTA? Zeig mal! Wahnsinn, die Grafik sieht ja noch echter aus.«

Finn lässt die schmutzige Unterhose, die er gerade aufsammeln wollte, augenblicklich fallen, und als hätte ihn ein übergroßer Magnet angezogen, sitzt er schon wieder auf seinem Gaming-Stuhl. Julian stellt sich hinter ihn, und die beiden versinken in einer Diskussion, um wie viel Grade genialer die Grafik des Spiels tatsächlich aussieht.

Mein Mann hat das erstaunliche Talent, gerade beendete Diskussionen mitsamt den mühsam erkämpften Verabredungen ad absurdum zu führen. Er hat sich schon immer mehr als Freund seiner Kinder gesehen denn als ihr Vater. Sanktionen, Strafandrohungen und Konsequenzen liegen in meinem Hoheitsbereich. Da will er mir nicht ins Handwerk pfuschen.

Und wenn ich Julian nun daran erinnere, dass wir uns bald auf den Weg zum Restaurant machen sollten, dass er davor aber noch duschen wollte und sein Hemd bügeln, dann werden sich mir zwei verständnislose Gesichter zuwenden, die gar nicht verstehen, was ich will. Also schließe ich seufzend die Tür. Dann mache ich eben mich schon mal fertig.

Im Bad schwenke ich sicherheitshalber meinen nackten Oberarm vor dem Spiegel. Nichts winkt. Glück gehabt! Und an grauen Haaren entdecke ich zwei, na ja, sagen wir vier oder fünf. Aber mehr nicht. Die kleinen Fältchen neben den Augen überschminke ich, den Lippenstift wähle ich etwas blasser als sonst, damit mein Teint frischer wirkt als bei einem knalligen, und dann knete ich noch etwas Wachs in meine Locken, um zu verhindern, dass sie mir ständig ins Gesicht fallen.

Ich versuche mich an mein Spiegelbild von vor zwanzig Jahren zu erinnern, aber das fällt mir nicht leicht. Natürlich, meine Augen sind nach wie vor tiefbraun schimmernd, und ich bilde mir ein, dass sich die Lider noch nicht herabgesenkt haben, aber das junge Mädchen zu entdecken, das an diesem Abend mit dem Mann seines Lebens zusammenkommen würde, gelingt mir kaum. Wenigstens ist mein Sommerkleid nur eine einzige zweifachschwangerschaftsbedingte Nummer größer als meine Klamotten damals. Und es ist so geschnitten, dass das kleine Bäuchlein nicht allzu sehr auffällt.

Seit Wochen ist es der erste Abend, an dem Julian nicht arbeiten muss oder anderweitig verplant ist. Seit Wochen freue ich mich auf unser Candle-Light-Dinner zum Zwanzigsten. Endlich gehen wir ins TIAN, das erste vegetarische Restaurant in München, das mit einem Stern ausgezeichnet wurde. Was Lena, meine Nachbarin, darüber erzählt hat, hat mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Auch Julian scheint sich an unseren großen Abend zu erinnern und betritt jetzt doch noch das Bad. Konnte er sich also von Finns Spiel losreißen. Immerhin! Er zwinkert mir zu und greift nach dem Rasierpinsel. Ich mustere ihn im Badezimmerspiegel.

»Schatz«, versuche ich es sanft, »wie wäre es, wenn du beim nächsten Mal erst fragst, wie die Dinge stehen?« Julian blickt mich im Spiegel an, die Augenbrauen zusammengezogen. Der weiße Schaum in seinem Gesicht trägt nicht gerade dazu bei, ihn als ernsthaften Gesprächspartner wahrzunehmen.

»Was meinst du?«, fragt er irritiert. Er ist immer so arglos – und dann komme ich Bösewicht und haue ihn mit dem Schäufelchen.

»Na, manchmal hast du einfach nicht so das gute Timing. Ich hatte Finn so weit, dass er sein Zimmer aufräumt. Wir hatten alles geklärt.«

»Das kann ich doch nicht wissen.«

Weil du unten im Hausflur gestanden und mit dem Nachbarn gequatscht hast, statt mit mir nach Finn zu schauen, würde ich am liebsten sagen, aber ich verkneife es mir.

»Und außerdem«, setze ich nach, »hat er dir erklärt, wie er den Router geknackt hat? Wir hatten das Internet doch lahmgelegt, oder irre ich mich?«

»Hey, das ist ein Fünfzehnjähriger, der schon mal was von Youtube gehört hat und vermutlich alle Tutorials zum Thema ›Wie umgehe ich die lächerlichen Netzwerk-­Beschrän­kungen meiner Eltern‹ mitbeten kann«, kontert er und zwinkert wieder. Als ob er auch noch stolz auf seinen technikaffinen Sohn ist.

Für Julian ist das Thema damit beendet, er konzentriert sich auf den Schaum in seinem Gesicht und den Nassrasierer in seiner Hand. Ich hole tief Luft, mache einen Schritt auf ihn zu, lege die Arme um seine Taille und die Hände auf seinen immer noch beneidenswert flachen Bauch.

»Hättest du vor zwanzig Jahren gedacht, dass wir über solche Themen streiten würden?«, frage ich.

»Na ja, streiten …« Er lächelt, beugt den Kopf und drückt mir einen Kuss ins Haar. Weiße Schaumspuren bleiben zurück. »Komm, solange Finn in der Schule einigermaßen mitkommt, ist doch alles okay. Vergessen wir das Ganze.« Für ihn bedeutet ›einigermaßen mitkommen‹, dass Finn nicht in jedem Fach eine Fünf hat. Eine Auffassung, die ich einfach nicht teile. Er legt den Rasierer ins Waschbecken, dreht sich zu mir, und ich spüre nicht nur seine Lippen, sondern habe auch den ekligen Geschmack von Rasiercreme im Mund. Früher hätte ich das vermutlich sehr romantisch gefunden.

Das Telefon klingelt. Ein wenig unwillig, aber auch ein wenig erleichtert schiebe ich Julian von mir und eile durch den Flur zum Festnetzanschluss, der genau an der Grenze von der offenen Küche zum Wohnzimmer angebracht ist. Bestimmt ist es Antonia. Freitagnachmittags ruft sie gerne mal an, bevor sie am Wochenende in das Freizeitstudentenleben von Sevilla abtaucht und all ihre Vorlesungen, Kurse und Experimente in Elektronik, Robotik und Mechatronik wenigstens für ein, zwei Tage vergisst. Sie lebt nun schon seit über einem halben Jahr in Spanien, aber ich habe mich noch immer nicht richtig daran gewöhnt. Am Anfang habe ich mich oft dabei ertappt, wie ich in ihr Zimmer gegangen bin, weil ich ihr irgendwas erzählen, sie etwas fragen wollte. Und dann war da niemand. Vor allem nicht mein kleines Mädchen. Ich habe dann Zwiesprache mit den Postern von Elon Musk, Steve Jobs oder Albert Einstein gehalten – die Helden ihrer Jugend. Warum, habe ich sie gefragt, warum habt ihr meine Tochter nach Spanien gelockt? Sie hätte doch so schön in München studieren können. Sie hätte nicht mal ausziehen müssen. Warum habt ihr zugelassen, dass sie ein Stipendium für Sevilla bekommt, weil sie in den MINT-­Fächern das beste Abitur in ganz Bayern gemacht hat? Natürlich bin ich auch stolz. Meine Tochter! So begabt! Von wem sie das haben könnte, darüber denke ich nicht nach, aber zumindest kann ich mir auf die Fahnen schreiben, dass sie immer meine volle Unterstützung hatte. Egal ob Schachkurs, Programmier-Camp oder Kinder-Uni – Taxi-Mama stand immer parat.

»Spätzchen!«, rufe ich ins Telefon, nachdem ich ihre Nummer erkannt habe. »Holla und qué tal?«

Sie stöhnt kurz auf ob meiner obligatorischen Gesprächseröffnung, hält sich aber nicht länger damit auf.

»Mama, Mami, Mamilein.« Sie sprudelt geradezu. Es muss etwas passiert sein. So wie sie klingt, etwas Aufregendes. Vielleicht hat sie endlich jemanden kennengelernt? Einen heißblütigen Spanier, der sie ab und an mal aus ihrem Labor weglockt, um mit ihr die Bars und Clubs, meinetwegen auch die Kultur, die Strände und die Naturschönheiten zu entdecken.

»Also, ich muss dir was sagen …«

Sie ist schwanger! Oh Gott!

»Ich hab mich verliebt.«

»Echt? Wow! Toll! Erzähl! In einen heißblütigen Spanier?«

»Mama!« Ich kann ja streng klingen, wenn es sein muss, aber sie klingt wie ein ganzes Lateinlehrerinnenseminar zusammen.

»Kein Spanier?«

»Doch, schon. Er heißt Ramón, und er ist hinreißend.«

»Hach«, seufze ich nun, komplett versöhnt. »Wie sieht er aus? Schick doch mal ein Foto. Wie lange kennst du ihn schon? Was studiert er? Hat er nette Eltern? Wohnt er bei dir im Wohnheim? Kann er gut küssen?«

»Mama!«

»Okay, sorry. Verrätst du wenigstens ein bisschen was?«

Und dann legt sie zu meiner Freude doch los: dass sie ihn vor sechs Wochen kennengelernt hat. Und wie höflich und zuvorkommend er sei, stets hätte er ihr Wohlergehen im Sinne, würde sie nicht bedrängen, im Gegenteil, sie sei es gewesen, die den »ersten Kuss initiiert« hat – ihre Worte. Außerdem zahle er beim Ausgehen immer für sie, halte ihr die Tür auf und mache Komplimente zu ihrer Garderobe – außer der Ausschnitt sei in seinen Augen zu tief.

»Hä?« Ich schalte das Telefon auf laut, denn bei Antonias letzten Worten ist Julian hereingekommen und sieht mich mit aufgerissenen Augen an.

»Papa steht neben mir, er hört jetzt mit. Aber sag mal, was stört ihn an einem tiefen Ausschnitt? Ist er so katholisch?«

Sie sagt nichts, aber ich sehe geradezu vor mir, wie sie nickt. Dann höre ich sie tief Luft holen.

»Ja, also, er ist ein wenig … traditionell. Er hält nichts von Sex vor der Ehe.« Sie macht eine kurze Pause. Dann fährt sie fort: »Na ja, er meint, man kann sich so viel besser auf den Charakter des anderen fokussieren. Weißt du, durch ihn habe ich erst gelernt, was wahre Tiefe in der zwischenmenschlichen Kommunikation bedeutet, wenn es nicht immer gleich um Sex geht.«

Ich weiß gar nicht, was ich zuerst fragen soll: Wo hast du den denn ausgegraben? Bist du sicher, dass er ein Mensch ist und kein entlaufener Roboter aus deinem Universitätslabor? Kannst du ihn auch umtauschen? Ist das nicht alles wahnsinnig langweilig? Küsst er wenigstens gut?

»Antonia«, sage ich und höre selbst, dass meine Stimme bebt, »du bist neunzehn! Du solltest etwas erleben. Etwas Aufregendes. Mit Männern. Nicht mit angehenden Priestern.«

»Er studiert Elektrotechnik.« Dann schweigt sie. Sie ist schnell beleidigt, das hat sie von keinem von uns. Oder wenn, dann eher von Julian.

Der hält sich mittlerweile die Hand vor den Mund und prustet, so leise es geht, dabei schüttelt er unablässig den Kopf. Ich ziehe hilflos die Schultern hoch. Ich weiß ja, dass meine Tochter nicht nur ein zielstrebiges und kluges Mädchen ist, sondern auch ein sehr vernünftiges. Es sind die Hormone, sage ich mir. Die Hormone … Aber wenn sie gar keinen Sex haben, kann ich diese Verliebtheit dann wirklich darauf schieben? Auf diese weltvergessene, vollkommen realitätsferne Anfangsverliebtheit? Ich seufze. Offensichtlich zu laut.

»Ach, Mama, sei doch nicht so festgefahren – es gibt doch nicht nur den einen Weg, glücklich zu werden.«

Da hat sie ja recht. Aber trotzdem! Ich wünsche ihr einfach mehr … Leidenschaft. Spaß. Eine Phase des Ausprobierens.

»Aber, Tonilein, meinst du nicht, du kannst ihn über­reden?«

»Verführen!«, ruft Julian. »Männer finden es toll, wenn auch mal die Frau den Anfang macht.« Ich werfe ihm einen irritierten Seitenblick zu.

»Es war schon immer so«, sagt Antonia so nüchtern, als würde sie mir wie früher eins ihrer Physik-Schulreferate zur Probe vortragen. »Ihr versteht mich einfach nicht.« Dann ist die Leitung tot.

»Aufgelegt«, sage ich und sehe Julian verblüfft an. »Das hat sie noch nie gemacht.«

Mein Mann, der mir den Samen ihres Lebens vor neunzehn Jahren und zehn Monaten sehr leidenschaftlich und sehr ungeplant eingepflanzt hat, nimmt mich in die Arme. »Das gibt sich wieder«, sagt er. »Wir müssen bestimmt nur etwas Geduld haben.«

»Hoffentlich«, sage ich und überlege schon, wie ich Antonia diesen offensichtlich merkwürdigen Typen ausreden kann. Am liebsten würde ich direkt nach Sevilla fahren und sie mit einem anderen verkuppeln. Herrje …