Über das Buch

Wenn mitten in Edinburgh ein Denkmal für einen Hund aufgestellt wird, muss er etwas Besonderes geleistet haben – wie Bobby, der Skye Terrier. Als sein Besitzer, ein Wachmann, den er auf seinen Rundgängen täglich begleitet hatte, gestorben war, bewachte er nun seinerseits hingebungsvoll dessen Grab. Bei Wind und Wetter, Tag und Nacht, sommers wie winters, vierzehn Jahre lang. Clare Balding weiß viele solcher herzerwärmender, lustiger, trauriger, in jedem Fall berührender Geschichten zu berichten: zum Beispiel von der Brieftaube Cher Ami, die trotz ihrer schweren Verletzung in einer an ihrem Bein befestigten Kapsel Soldaten eine Botschaft überbrachte; vom Elefanten Ning Nong, der während des Tsunamis in Thailand ein Mädchen zu einer Mauer trug, von der aus es sich in Sicherheit bringen konnte; von einem Papagei, der einem Einbrecher so zusetzte, dass der freiwillig das Feld räumte – Heldenhaftigkeit ist keine Frage von körperlicher Stärke. Eine wohlverdiente Würdigung von großen und kleinen Tieren, die durch Mut, Loyalität, Treue und Intelligenz von sich reden gemacht haben.

Über Clare Balding

Clare Balding, Jahrgang 1971, wuchs umgeben von Hunden, Ponys und Pferden auf, ein Leben ohne Tiere ist für sie nicht vorstellbar. Als Journalistin berichtet sie seit Jahren für Fernsehen und Radio von allen großen internationalen Pferdewettkämpfen. Sie lebt in London.

 

 

 

 

Für die heldenhaften Tiere, die da waren,
wenn wir sie am meisten brauchten

 

In Erinnerung an Archie (20052020)

INHALT

Vorwort

Barrie, Therapeutin im Kriegseinsatz

Alex, wissenschaftlicher Mitarbeiter

Antis, Flieger bei der britischen Armee

D’artagnan und andere Drohnenzerstörer

Bob – vom Straßenkater zum Star

Bobbie, der Fernwanderer

Kanarienvögel im Frühwarneinsatz

Crommie, empathischer Agentenbetreuer

Cher Ami, Kriegsheldin, Abteilung Nachrichtendienst

Christian, Partylöwe der Swinging Sixties

Congo, ein gefragter Maler

Daisy, Arzthelferin in der Onkologie

Dolly, das Klonschaf

Félicette oder Die Odyssee im Weltraum

Finn ändert ein Gesetz

Murphy, Krankenträger im Gallipoli-Feldzug

Greyfriars bobby, der Friedhofswärter

Gustav, der Kriegsreporter

Hachiko, pünktlich und voller Hoffnung

Ham und seine Reise ins All

Hello there, my name is Hoover

Jims übersinnliche Fähigkeiten

Hubertas lange Wanderung

Jovi leiht Graham seine Ohren

Kika leiht Amit ihre Augen

Koko, die Gorilladame, die Katzen liebte

Laika auf tödlicher Mission im All

Lin wang, taiwanesischer Volksheld

Magic, Therapeutin für Notfalleinsätze

Mick the miller, König der Rennbahn

Minnie, Veteranin des Zweiten Weltkriegs

Mike, der kopflose Hahn

Moko, der Tierschützer

Molly, Mitarbeiterin im Detektivbüro

Ning Nong und der Tsunami

Paddy, der Wanderer

Ungeliebte Helfer der Menschheit

Pudsey, der Fernsehstar

Red Rum, Sportler des Jahrhunderts

Khan zieht seinen Herrn an Land

Rocky und der Einbrecher

Salty und roselle, Lebensretter 9/11

Secretariat, Sprinter mit großem Herz

Rip, unterwegs zwischen Trümmern

Sefton, ein Kämpfer und Hoffnungsträger

Sergeant bill, zur Stelle, wo er gebraucht wird

Die geheimen Vorräte von Sevastopol Tom

Sherlock, Brandermittler bei der Feuerbrigade

Shrek, das wolligste Schaf aller Zeiten

Simon, Matrose zwischen den Fronten des chinesischen Bürgerkriegs

Smoky, der Engel aus dem Erdloch

Stoffel, der Ausbrecherkönig

Stubby, ein Hund mit Dienstgrad

Tacoma, Minenentschärfer unter Wasser

Tama, Bahnhofsvorsteherin und einzige weibliche Führungskraft in ihrem Unternehmen

Die tamworth two, gewitzte Freiheitskämpfer

Thandi gibt nicht auf

Thula, eine Katze mit Einfühlungsvermögen

Togo, ausdauernder Staffelläufer

Uggie, Filmstar in Hollywood

Schiffskatze Oscar oder Unsinkable Sam

Valegro, der Tausendsassa

Warrior, ein Pferd mit neun Leben

Wheely Willy, der Unerschütterliche

Wojtek oder ein bärendienst, der den Namen verdient

Dank

VORWORT

Ich bin überzeugt, dass Tiere mich in meinem Leben mehr geprägt haben als Menschen. Die Beweise von Liebe und Freundlichkeit sowie die Ermutigung, die ich von ihnen erfahren habe, während ich mich darum bemühte, mit ihnen zu kommunizieren, haben mich zu der gemacht, die ich bin. Ob Candy, der Boxer, mein Beschützer und Kindermädchen in frühester Kindheit, das Shetlandpony Valkyrie, das mir Benehmen beibrachte, das Welsh-Pony Volcano, das mich Geduld lehrte, mein Lieblingspony und erste wirkliche Liebe Frank, eine »Heinz 57«, wie man so sagt, also eine Mischung aus mehreren Rassen, oder Henry, der dauernd durchging und mich mutig machte: Alles verdanke ich meinen Tieren.

Ich bin zwar nicht in einem Stall geboren und auch nicht in einer Hundehütte zur Schule gegangen, aber fast. Ich wuchs umgeben von Hunden, Ponys und Pferden auf. In der Rangordnung innerhalb unserer Familie standen sie weit über mir und ich akzeptierte dies mit größtem Vergnügen. Auf jedem Familienfoto stand mindestens ein Tier im Mittelpunkt, und wenn wir Geld übrig hatten, wurde es eher für eine neue Pferdedecke, ein Halfter oder Hundebett ausgegeben als für einen Luxusartikel für uns Menschen.

So bin ich groß geworden, und erst als ich in die Schule kam, wurde mir klar, dass das nicht der Normalfall war. Zugegebenermaßen sorgten auch Bücher dafür, die wichtige Rolle, die Tiere in meinem Leben spielten, zu zementieren – jedenfalls die Bücher, die ich las, darunter Das Dschungelbuch, Black Beauty, Doktor Dolittle und Winnie Puuh. Als ich feststellte, dass im wirklichen Leben viele Menschen keinen regelmäßigen Kontakt zu Tieren hatten, war ich schockiert.

Ich war so besessen von Tieren, dass ich eine Zeitlang dachte, ich wäre ein Hund. Schulkindern erzähle ich oft, dass Hunde wissen, was im Leben wichtig ist: Essen, Bewegung, Schlaf und Liebe. Das ist alles, worauf es ankommt. Manchmal denke ich, wenn wir Menschen uns an diese vier wesentlichen Dinge halten würden, würden wir vielleicht eher den Schlüssel zu dauerhaftem Glück finden. Aus Sicht der Hunde ist alles andere wurst.

Tiere holen das Beste aus uns Menschen heraus, sagen etwas über unsere Menschlichkeit und über den Zustand unserer Zivilisation. Wir waren selbst einmal eine Art Tier, bevor Tiere uns als Nahrung und Transportmittel dienten und Teil unseres Lebens und unseres Haushalts wurden. Sie spiegeln das Gute und das Schlechte von uns wider. Wenn wir freundlich und konsequent, geduldig und klar sind, reagieren sie darauf, indem sie es uns recht machen, so gut sie können. Wenn wir grausam und ungeduldig sind, steht es ihnen zu, uns zu beißen und zu treten. In Großbritannien gibt es in ungefähr zwölf Millionen Haushalten Haustiere, das sind Millionen von Hunden, Katzen und Kaninchen, Rennmäusen, Hamstern und Meerschweinchen. Wenn man über achthunderttausend Pferde und Ponys dazuzählt, hat man ein Land randvoll mit Tierliebhabern.

Unsere Beziehung zu Tieren in der Form, dass sie Teil unseres Lebens sind und wir sie als Haustiere halten, reicht weiter zurück, als Sie vielleicht denken, und mir scheint, dass die Wertschätzung von Tieren eine fortschrittliche Gesellschaft kennzeichnet. Die Mesopotamier, die alten Ägypter, die amerikanischen Ureinwohner, die alten Griechen, Römer, die Maya oder Inkas – alle bedeutenden Zivilisationen der Welt brauchten Tiere, um voranzukommen, und lernten, sie zu domestizieren. Das chinesische Horoskop besteht aus zwölf Tierkreiszeichen, die jeweils für ein ganzes Jahr gültig sind. Das Tier, das Ihrem Geburtsjahr zugeordnet ist, soll Einfluss auf Ihren Charakter haben. Ich wurde 1971 im Jahr des Schweins geboren. Deshalb bin ich angeblich tolerant, freundlich, mutig und liebenswürdig, jedoch auch ein bisschen faul und nicht positiv genug. Von jetzt an werde ich auf träges oder negatives Verhalten bei mir achten und mich dafür schelten!

In früheren Zeiten haben viele Menschen Tiere wie Götter verehrt. Im Alten Ägypten musste der Wassergott Sobek, dargestellt entweder mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Krokodils oder im Ganzen als Krokodil, wegen seiner engen Verbindung zum Nil, dem Lebensnerv des Landes, milde gestimmt werden. Auch die meisten anderen ägyptischen Götter waren eine Mischung aus Tier und Mensch: Horus, der Himmelsgott, hatte den Kopf eines Falken, die Kriegsgöttin Sechmet den Kopf einer Löwin. Wenn Sie abends in den Himmel hinaufschauen, werden Sie ständig daran erinnert, dass Tiere eine höhere Stellung einnehmen – Bär, Skorpion, Widder, Adler, Krebs, Schwan und Löwe, alle erscheinen als funkelnde Sternenbilder über uns.

In den frühesten Mythen, Geschichten und Gedichten werden Tiere gefeiert. Es wird erklärt, woher sie kamen und warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Einer Sage des antiken Rom zufolge werden kleine Bären als formlose Klumpen geboren, die erst durch das Lecken ihrer Mütter in die richtige Form gebracht werden. Daher kommt im Englischen der Ausdruck »lick into shape«, was so viel bedeutet wie hinbiegen.

Auch die bedeutendsten Religionen lehren Respekt vor Tieren, ja, im Buddhismus sind sie den Menschen sogar gleichgestellt. Es hat Symbolcharakter, dass im Christentum der Sohn Gottes in einer Krippe inmitten von gewöhnlichen Nutztieren geboren wird und dass ihn ein Esel auf seiner letzten Reise trägt. Schutzpatron der Tiere, der Natur und der Umwelt ist Franz von Assisi. Seine Tierliebe ist legendär, er soll Vögeln gepredigt und einen Löwen überzeugt haben, Menschen und Vieh nicht mehr anzugreifen. Kein Tier, das in einer Falle gefangen oder in Not war, um das er sich nicht kümmerte.

In diesem Buch möchte ich alle möglichen Tiere hochleben lassen, Katzen und Hunde, Ratten, Schimpansen und Pferde, Schafe, Schweine und Nashörner. Es ist eine Darstellung der Arten und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit Kultur, Kunst, Sport, Krieg und modernem Leben. Eine Sammlung von Tieren, die Erstaunliches vollbrachten oder unser Leben auf irgendeine Weise bereicherten, eine Hommage an ihre Intelligenz, Loyalität, Freundlichkeit, ihren Mut und ihre Schönheit.

Die Tiere, von denen ich berichte, sind für mich Helden – ob sie ihr Leben riskierten, um Menschen aus den Ruinen eines zerbombten Gebäudes zu ziehen, ein Rennen ohne Chance auf Erfolg gewannen, sich eine olympische Goldmedaille ertanzten oder sich unglaublich schlecht benahmen, dabei aber etwas Gutes bewirkten (ich denke an den Honigdachs Stoffel).

Die lustigen, traurigen, inspirierenden Geschichten handeln von Schiffskatzen, von einem Yorkshire Terrier, der im Dschungel gefunden wurde und schließlich ein Bataillon rettete, von einem Nilpferd, das Afrika der Länge nach durchquerte, von dem Löwen Christian, der das Kaufhaus Harrods hinter sich ließ, um ein stolzes, freies Leben in Afrika zu führen, oder von Wojtek, dem Bär, der Karriere in der polnischen Armee machte. Ich erzähle von einem sprechenden Seehund mit Neuengland-Akzent, von Kanarienvögeln, die Leben gerettet haben, und von Hunden, die Krankheiten erschnüffeln können.

Einige Geschichten sind mit persönlichen Erfahrungen verbunden, wie die vom Nashorn Thandi, das mir begegnete, als ich in einem Wildreservat in Südafrika filmte. Es war von Wilderern, die ihm das Horn abgesägt hatten, verstümmelt worden, hatte den Angriff aber überlebt und wurde schließlich zur Galionsfigur des Nashornschutzes in ganz Afrika.

Pferdehelden wiederum, die mit ihrem außerordentlichen Talent und ihrer Persönlichkeit zur Popularität des Reitsports beigetragen haben und in die sich die Zuschauer einfach verliebten, prägten meine Kindheit.

Die herausragendsten Geschichten sind für mich die von Tieren, die besonderen Mut bewiesen haben. Nehmen Sie die Blindenhündin Roselle, die ihren Besitzer am 11. September aus dem brennenden World Trade Center lotste. Die Menschen um sie herum schrien und rannten um ihr Leben, aber dank ihres unbeirrbaren, treuen Einsatzes überlebte ihr blinder Besitzer. Der Esel Gallipoli Murphy trug verwundete Soldaten vom Schlachtfeld; die Brieftaube Cher Ami flog durch schweren feindlichen Beschuss, um eine Nachricht zu überbringen; und das Pferd Sefton überlebte einen Bombenanschlag der IRA im Hyde Park und wurde zum Symbol der Hoffnung, dass der Nordirlandkonflikt eines Tages überwunden sein würde.

Hunde, Pferde Schweine, Elefanten, Delfine und viele andere haben im Angesicht der Gefahr Bemerkenswertes geleistet. Einige ihrer Heldentaten sind auf ihren außerordentlichen Geruchssinn, ihr Sehvermögen oder Gehör zurückzuführen, andere beruhen auf einer Eigenschaft, die wir besonders schätzen: Loyalität. Aber selbst wenn sie aus einem natürlichen Instinkt heraus Leben retteten, möchte ich dankbar anerkennen, was sie getan haben.

Bei der Recherche zu diesem Buch habe ich viel über die Physiologie der verschiedenen Tierarten gelernt, zum Beispiel, dass Hunde dreihundert Millionen Geruchsrezeptoren haben, was erklärt, warum sie um so viel besser riechen können als wir, die wir gerade mal über sechs Millionen verfügen. Aber es gibt auch Dinge, auf die selbst die Wissenschaft lange keine Antwort hatte – etwa wie Brieftauben oder Zugvögel den Weg nach Hause finden –, und ich staune nur zu gerne über die unglaubliche Genialität, die im Tierreich herrscht.

Als der Tibetterrier Archie in unser Haus kam, war ich überzeugt, dass er besonders treu und ergeben sein und ein gewisses Zen im Wesen haben würde, weil seine Vorfahren häufig als Wächter in buddhistischen Tempeln dienten. Ich hoffte, er wäre unendlich ruhig und trotzdem neugierig, hätte versteckte Qualitäten und die Fähigkeit, den Charakter eines Menschen an seinem Geruch abzulesen. Leider konnte davon keine Rede sein. Er biss, wenn jemand in sein Territorium eindrang oder wenn er etwas tun sollte, was er nicht wollte. Größere Hunde mochte er nicht und wir vertrauten ihm nie, was Kinder anging. Archie interessierte sich nur für eins: Fressen. Wenn Brot eine verbotene Substanz wäre, wäre er wahrscheinlich der beste Spürhund weit und breit gewesen. Er war nicht perfekt, aber wir haben ihn von ganzem Herzen geliebt, er war Teil unserer Familie und bekam den besten Platz auf dem Sofa oder im Bett. Er führte uns an Orte, die wir sonst nie gesehen hätten, bescherte uns Freunde fürs Leben und brachte uns jeden Tag zum Lachen. Er hinterließ eine Lücke in unserem Leben, ein Loch in Hundeform, alles, was uns bleibt, sind die Fotos (er war sehr fotogen) und die Erinnerungen.

Ich glaube, Archie hätte aus ziemlicher Entfernung zurück nach Hause gefunden, aber nicht, wenn jemand ihm unterwegs etwas Gutes zu fressen angeboten hätte. Und er wäre ganz sicher nicht fähig gewesen, über viertausend Kilometer in mehr als sechs Monaten zurückzulegen, um nach Hause zurückzukehren wie Bobbie, der Fernwanderer. Archie machte uns einmal mehr bewusst, dass wir immer einen Deal eingehen, wenn wir uns auf ein Tier einlassen – bei seinem Tod werden wir einen großen Schmerz empfinden. Ich war am Boden zerstört, als Archie uns verließ, und weinte tagelang. Aber die Freude erlebt zu haben, die Archie in unser Leben gebracht hatte, wog den Kummer auf.

Manche Tiere machen nicht nur Freude, sondern geben dem Leben einen ganz neuen Sinn. Die Katze Bob veränderte das Leben von James Brown, stabilisierte ihn nicht nur psychisch, sondern inspirierte ihn sogar, ein Buch zu schreiben, das schließlich ein Bestseller wurde. Wheely Willy behielt trotz der Grausamkeit, die er von seinen früheren Besitzern erfahren hatte, sein frohes Gemüt, und das Minipony Magic spendete Kindern und Erwachsenen, die ein Trauma zu verarbeiten hatten, Trost.

Wenn ich meinen Vater auffordern würde, einen tierischen Helden zu nennen, würde er nicht lange zögern und sofort Mill Reef nennen. Das Pferd, das er trainierte und das 1971 das Epsom Derby gewann, veränderte sein Leben. Mill Reef war ein herausragendes Rennpferd – zweijährig bereits Champion, gewann er als Dreijähriger die wichtigsten Gruppe-I-Rennen in Europa. Er war mutig und talentiert, schien über dem Boden zu schweben wie ein Balletttänzer und wurde gefeiert wie ein Superstar. Als er sich beim routinemäßigen Galopptraining ein Bein brach, war Dad ganz verzweifelt, denn Operationen bergen viele Gefahren. Die Narkose kann fatale Folgen haben, wenn die Dosis nicht stimmt, und das Pferd fügt sich womöglich noch größeren Schaden zu, wenn es wieder zu sich kommt und in Panik ausschlägt. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, das gebrochene Bein nicht zu belasten, ohne dass das Pferd wegen mangelnder Bewegung andere Probleme bekommt. Zum Glück hatte Mill Reef das Temperament und die Konstitution, um die Behandlung und Rekonvaleszenz gut zu überstehen. Deshalb ist er für meinen Vater ein Held. Er lief keine Rennen mehr, wurde aber sehr erfolgreich als Hengst im National Stud eingesetzt und noch immer sind Nachkommen von ihm unter den Siegern von Rennen der Gruppe I.

Bei meiner Mam würde die Wahl wahrscheinlich auf ihre erste Boxerhündin Candy fallen, die so an mir und meinem Bruder hing, dass sie sich aus dem Fenster im oberen Stockwerk stürzte, als sie dachte, wir würden entführt. Das war nicht der Fall – Mam trug nur einen neuen Mantel und Candy erkannte sie von hinten nicht –, aber es war wirklich eine beeindruckende Demonstration ihres Beschützerinstinkts.

Wie ich bereits erwähnte, brachten mir die Ponys Benehmen bei. Valkyrie war ein lustiger kleiner Fellball und hatte es als Shetlandpony nach ganz oben geschafft, denn sie hatte Ihrer Majestät der Königin gehört und war meinen Eltern zu meiner Geburt geschenkt worden. Valkyrie stellte gewisse Ansprüche und nahm es zum Beispiel nicht gut auf, wenn ein Kleinkind einen Wutanfall bekam oder zornig eine Wurzelbürste hinknallte. Wenn ich mich schlecht benahm, sah sie mich immer missbilligend an, drängte mich gelegentlich sanft, aber unnachgiebig in die Ecke des Stalls und ließ mich nicht wieder raus, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte.

Als ich älter wurde, ritt ich größere Ponys. Volcano war ein sehr hübsches Welsh-Pony, das etwas Freches an sich hatte. Ich glaube, wenn er verweigerte oder am Sprung vorbeilief, tat er es mit Absicht, damit ich mich konzentrierte. Jedes Mal, wenn ich mir ein bisschen zu sicher war oder meine Konzentration nachließ, trat er auf die Bremse. Es war ärgerlich, aber lehrreich. Rückblickend denke ich, er hat mich gelehrt, geduldig zu bleiben, auch wenn es nicht so gut läuft, und mir vor allen Dingen nicht zu sicher zu sein.

Dabei habe ich mich immer bemüht, mit Tieren zu kommunizieren. Ich wollte Dr. Dolittle sein, alles verstehen, was sie sagen, und wissen, was sie denken. Ich glaube, mein Lieblingspony Frank verstand mich. Ich ritt ihn stundenlang und erzählte ihm dabei von meinen Problemen, beklagte mich darüber, dass ich nirgendwo dazugehörte, und arbeitete auf diese Weise Dinge auf, die mich beschäftigten. Frank hörte tatsächlich zu. Seine braunen Ohren bewegten sich unruhig vor und zurück und für mich war es eine Erleichterung, Belastendes laut auszusprechen. Sein Fell war schmutzig grau mit braunen und schwarzen Flecken, die Ohren braun, die rosa Haut um die Augen und an der Nase sonnenbrandgefährdet und seine Mähne ständig ein einziges Durcheinander. In meinen Augen war er eine Schönheit. Ich bewunderte sein Selbstbewusstsein und seine Lebensfreude, und ich kam zu dem Schluss, dass es Frank gefiel, anders auszusehen als andere Ponys. Er würde immer herausstechen und ich würde ihn dafür umso mehr lieben. Einmal brach er mir den Fuß, als er ungestüm aus dem Stall rannte und mir nicht mehr ausweichen konnte, aber ich liebte ihn trotzdem. Er war mein Frank.

Henry war ein anderer Fall. Er war sehr hübsch und sehr, sehr schnell. Henry tat nichts in gemächlichem Tempo, und nichts hielt ihn auf. Auf dem Springplatz konnte ich ihn gerade so in versammeltem Galopp halten, aber sobald er auf einer freien Fläche war, rannte er los. Ihn im Gelände zu reiten, gehörte zu den beängstigendsten und aufregendsten Dingen, die ich je getan habe. Ich musste die Strecke wirklich genau kennen, denn wenn ich nicht wusste, wo es als Nächstes langging, waren wir da, wo wir hätten abbiegen müssen, vorbei, bevor ich es begriff. Ich bin nie wieder in solchem Tempo über Zäune gesprungen, nicht mal mit einem Rennpferd. Ich musste lernen, mit der Angst umzugehen, sie zu spüren und es trotzdem zu tun.

Vielleicht war es eine Vorbereitung aufs Rennreiten. Die kurze Phase, in der ich Amateurjockey war, machte ich die Erfahrung, dass Zeit langsamer vergehen kann. Vor dem Rennen war ich nervös und angespannt, aber sobald ich aufgestiegen war und im Sattel saß, war ich wie in Trance. Ich war äußerst wachsam und gleichzeitig vollkommen ruhig, sah während des Rennens Dinge voraus und reagierte darauf, bevor sie passierten. Ich glaube, man nennt das »voll konzentriert« und es ist ein glückseliger Zustand.

Früher dachte ich immer, dass es für einen Jockey schwierig ist, eine wirkliche Beziehung zu seinem Rennpferd zu haben. Er hat wenig Beinkontakt und nimmt es entweder hart zurück oder treibt es mit aller Macht, damit es schneller läuft. Dazwischen gibt es wenig. Anders als beim Vielseitigkeitsreiten, Springreiten oder Dressurreiten verbringt ein Jockey nicht Jahre damit, das Pferd kennenzulernen. Manchmal steigt er bei den Rennen das erste Mal auf. Mir kam es immer ein bisschen so vor wie Autofahren – die Marken unterscheiden sich vielleicht, aber die Bedienungselemente sind immer an derselben Stelle.

Erst als ich Knock Knock ritt, stellte ich fest, dass Rennpferde nicht alle gleich sind. Knock Knock hatte zweifellos Talent. Beim Galopptraining zu Hause war er schneller als jedes andere Pferd, aber auf der Rennbahn wollte er nichts davon wissen. Entsprechend war meist seine Platzierung. Auch kam er nicht gut mit anderen Pferden klar. Er legte die Ohren an und versuchte sie zu beißen, wenn sie ihm zu nahe kamen. Aber er war sehr empfänglich für Zuwendung und liebte es, gestreichelt zu werden. Wenn ich ihn im Schritt führte, klopfte ich ihn am Hals und er stellte die Ohren auf, im Stall schmuste ich mit ihm und gab ihm Polo Mints.

Mein Vater entschied, Knock Knock in einem Amateurrennen zu nennen, und fragte mich, ob ich ihn reiten wollte. Ich konnte nicht schnell genug Ja sagen. Die Bedingungen waren überhaupt nicht zu Knock Knocks Gunsten. Er hatte im Vergleich zu den anderen Pferden mehr Gewicht und war mit einer Siegquote von 25 :1 sowieso ein Außenseiter. Aber wir galoppierten in gemäßigtem Tempo und mit gesenktem Kopf in wunderschöner Dressurmanier zum Start und ich dachte, was immer passierte, wir sahen zumindest gut aus.

Als die Startstände sich öffneten, schossen die anderen Pferde in rasendem Tempo los. Knock Knock und ich ließen uns Zeit, ich ließ ihn seinen Rhythmus finden und hielt Abstand zur Gruppe, sodass er genügend Raum hatte. Ich machte keinen Druck, ich wollte nur, dass er Spaß hatte. Deshalb klopfte ich ihm leicht auf den Hals und sagte: »Guter Junge.« Da zog er plötzlich an und beschleunigte dermaßen, dass wir förmlich um das gesamte Feld gefegt wurden. Wir überholten den zweiten Favoriten, dann den Favoriten und waren plötzlich vorn, mit weniger als zweihundert Metern vor uns. »Guter Junge, guter Junge«, wiederholte ich fortwährend und musste darüber lachen, wie absurd das Ganze war. Ich bewegte mich nicht im Sattel und hütete mich, die Gerte einzusetzen. So kamen wir als Erste ins Ziel. Ich ritt Knock Knock noch zwölf Mal – es war meine intensivste Partnerschaft mit einem Rennpferd –, gewann noch drei Rennen mit ihm und war acht Mal platziert. Es machte so viel Spaß, weil es schien, als hätte ich des Rätsels Lösung gefunden und eine so starke Beziehung zu ihm entwickelt, dass er für mich gewinnen wollte.

Pferde haben etwas Edles an sich, das Künstler über die Jahrhunderte inspiriert hat, ihre Würde und Schönheit einzufangen. Nehmen Sie Munnings Bild von Warrior, dem Kavalleriepferd, das die Schrecken des Ersten Weltkrieges überlebt hat, wie es den Kopf vom Künstler wegdreht und nach Gefahr Ausschau hält, statt Aufmerksamkeit zu suchen. Warrior ist stolz und zugleich ergeben, wachsam und zugleich verlässlich. Sir Alfred Munnings war großartig darin, die Charaktereigenschaften sowie die physische Präsenz von Pferden darzustellen.

Pferde sind auf der ganzen Welt wegen ihrer Stärke, Schnelligkeit und Wendigkeit immer hoch geschätzt worden. Als Transportmittel, als Partner bei der Jagd oder als Kamerad im Krieg – in all diesen Funktionen waren sie für unsere Vorfahren von großer Bedeutung. Hunderte von Pferdedenkmälern überall auf der Welt sind ein Beweis für den Status und die Bedeutung, die wir ihnen beimessen. In frühzeitlichen Gräbern wurden die Mächtigen mit ihren kostbarsten Besitztümern einschließlich ihrer Pferde begraben.

In Charlie Mackesys großartigem Buch Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd ist es das Pferd, das über Weisheit verfügt und Trost spendet. In jeder Situation weiß es das Richtige zu sagen, ohne dass es belehrend oder abgedroschen klingt. Als der Junge es bittet zu erklären, was Mut ist, erwidert das Pferd: »Von ganzem Herzen die Wahrheit über dich zu sagen.« Das Pferd lehrt den Jungen das Wesentliche: die Macht der Liebe, nicht zu vorsichtig zu sein, um Hilfe zu bitten und sich nicht durch das Verhalten anderer beeinflussen zu lassen. Es ist direkt, ehrlich und stets freundlich. Es ist so, wie wir gerne wären, und dabei kein bisschen eingebildet. »Die Wahrheit ist, alle mogeln sich durch«, lautet seine starke Botschaft an die, die sich für Hochstapler halten.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich Pferde bei einer ganzen Reihe von Therapien als wertvoll erweisen. Sei es bei Menschen, die eine traumatische Erfahrung hinter sich haben, bei Alkohol- und Drogensüchtigen, bei Menschen, die mit körperlichen Behinderungen oder mit Lernproblemen zu kämpfen haben oder mit einer neuen Lebenssituation zurechtkommen müssen: Pferde haben etwas an sich, das unsere Seele anspricht, und sehen etwas in uns, das wir oft selbst nicht erkennen.

Auch Hunde werden mit großem Erfolg bei Therapien eingesetzt und selbst Katzen sprechen innere Anteile an, die Menschen nicht erreichen. Wir alle haben unsere eigenen tierischen Champions und ich vermute, dass es gerade in Zeiten der Unsicherheit wie in den Monaten des durch Corona erzwungenen Lockdowns die täglichen Heldentaten unserer Haustiere waren, die viele von uns aufrecht hielten. Sie kümmern sich genauso um uns, wie wir uns um sie kümmern. Für diejenigen, die allein leben, sind sie Gesellschaft und Trost, ein Grund, jeden Tag das Haus zu verlassen und einen Spaziergang zu machen. In Familien können sie der Mittelpunkt sein, der Anziehungspunkt, der dafür sorgt, dass alle zusammenkommen und gemeinsam etwas tun. Denjenigen, die unter gefährlichen Bedingungen leben, bringen sie Erleichterung und Hoffnung. Wie Herman Melville einmal schrieb: »Kein Philosoph versteht uns so gut wie Hunde und Pferde.«

Indem wir Geschichten von unseren geliebten Tieren erzählen, halten wir sie für immer am Leben. Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben, für Archie und all die außergewöhnlichen, bemerkenswerten Tiere, die darin vorkommen. Ich hoffe, es macht Ihnen genauso viel Spaß, es zu lesen, wie es mir Spaß gemacht hat, es zu schreiben.

TOGO,
ausdauernder Staffelläufer

Einst, als der Goldrausch Tausende von Goldsuchern in die Gegend trieb, war Nome die größte Stadt Alaskas. Heute hat sie weniger als viertausend Einwohner. Im Winter können die Temperaturen unter vierzig Grad sinken, und es kommt vor, dass die Bevölkerung von der Außenwelt abgeschnitten ist.

Das war im Januar 1925 der Fall, als die Stadt von einer Diphterie-Epidemie heimgesucht wurde. Es gab in Nome nur ein Krankenhaus mit gerade mal vier Betten, einem Arzt, Curtis Welch, und vier Schwestern. Sie hatten keine verwendbaren Diphterie-Medikamente mehr und der angeforderte Nachschub war noch nicht eingetroffen. Anfang Januar waren vier Kinder gestorben.

Diphterie ist eine tödliche bakterielle Infektion, die die Schleimhäute von Nase und Rachen befällt und zu Atembeschwerden, Lähmungen, Herzversagen und Tod führen kann. Kleine Kinder und Menschen über sechzig haben ein besonderes Risiko zu erkranken. 1921 gab es mehr als zweihunderttausend gemeldete Fälle in den USA, über fünfzehntausend Infizierte starben.

Nome wurde unter Quarantäne gestellt, aber die Zahlen stiegen dennoch weiter. Bald war die Lage extrem angespannt. Zehntausend Menschen im Stadtgebiet waren gefährdet, und der prognostizierten Sterblichkeitsrate zufolge konnte es die meisten davon dahinraffen. Welch war verzweifelt. Er schickte ein Telegramm an den US Public Health Service in Washington und bat um Hilfe. Starker Schneefall hatte jedoch die Straßen unpassierbar gemacht, Eis verhinderte, dass Schiffe sich nähern konnten und die eisigen Temperaturen sorgten dafür, dass die einzigen Flugzeuge, die in der Gegend verkehrten – drei uralte Doppeldecker mit offenem Cockpit und wassergekühltem Motor – nicht fliegen konnten. Nome war komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Die einzige Lösung waren Hunde.

Vierzehn Jahre, nachdem sie Roald Amundsen geholfen hatten, als Erster den Südpol zu erreichen, waren Siberian Huskys wieder das Erfolgsgeheimnis. Die Rasse stammt ursprünglich aus dem Nordosten Asiens und ist an eisige Temperaturen gewöhnt. Siberian Huskys kamen während des Goldrausches als Schlittenhunde nach Nome, und sie waren schnell, stark und zäh.

Die nächste Bahnhofsstation, Nenana, lag eintausendachtzig Kilometer von Nome entfernt. Von dort sollte ein Schlittengespann mit dreihunderttausend Einheiten eines lebensrettenden Serums losgeschickt werden. In Nulato, ungefähr in der Mitte der Strecke, sollten die Dosen einem Gespann übergeben werden, das sich von Nome aus auf den Weg machte.

Wenn man sich die Karte ansieht, wird die riesige Entfernung deutlich, die unter extremen Bedingungen – Orkanböen und Schneestürme sorgten dafür, dass fast nichts zu sehen war – zurückgelegt werden musste.

Verantwortlich für eines der Gespanne war der Hundezüchter und Musher Leonhard Seppala, den der Goldrausch von Norwegen nach Nome verschlagen hatte, sein Leithund hieß Togo. Togo, benannt nach dem japanischen Admiral Togo Heihachiro, war klein (er wog nur einundzwanzig Kilo), aber überraschend stark. Zunächst schien der als Welpe kränkliche Hund auch wegen seiner Neigung zum Ungehorsam nicht als Arbeitshund geeignet, nicht zuletzt, weil er immer wieder in Bedrängnis mit größeren Hunden geriet. Er folgte seinem Besitzer jedoch auf Schritt und Tritt, und als Seppala ihn als Haushund weggeben wollte, sprang er aus dem Fenster und lief zu ihm zurück. Schließlich beugte Seppala sich dem Unvermeidlichen und legte ihm ein Geschirr an. Die Veränderung im Wesen des Hundes war erstaunlich. Togo wurde sofort ruhiger. Es war, als hätte er nur Unfug gemacht, um auf sich aufmerksam zu machen. Auf einmal fand er seine wahre Berufung. Seppala beschrieb ihn als »Wunderkind« und »geborenen Führer«.

Togo war bereits zwölf, als er an der strapaziösen, fünfeinhalb Tage dauernden Mission teilnahm. Die Temperaturen sanken unter minus fünfzig Grad, einigen Mushern erfroren Finger oder Zehen. Einem Mann musste warmes Wasser über die Hände gegossen werden, nachdem sie am Schlittengriff festgefroren waren. Viele der hundertfünfzig eingesetzten Hunde starben vor Erschöpfung und Kälte.

Überall in Amerika verfolgten Menschen gespannt am Radio, wie das Team im sogenannten »Great Race of Mercy« vorankam. Das längste und schwerste Stück bewältigten Seppala und Togo. Sie überquerten während eines Schneesturms mitten in der Nacht das offene Eis des Norton-Sunds, überwanden den eintausendfünfhundert Meter hohen Berg Little McKinley und legten in drei Tagen über vierhundert Kilometer zurück, um das Serum dem nächsten Team der Staffel zu übergeben.

Gunnar Kaasen und sein Hund Balto übernahmen die letzten achtundachtzig Kilometer der Strecke und kamen am frühen Morgen des 2