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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Informationen sind im Internet über<http://dnb.ddb.de> abrufbar.

© 2005 Gabriele Reiß

Titelfoto: gettyimages-rubberball

Einbandgestaltung: Julian Reiß

Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-8423-9866-5

Inhalt

Einleitung

Kein Kind, kein Anfang

Ein Kind – ja, aber …

Wir brauchen Kinder

Verantwortung

Geboren werden

Ideale

Schwanger – zum ersten Mal

Schwanger – zum zweiten Mal

Schwanger – zum dritten Mal

Kinderstube

Ein Nest

Nestwärme

Geschwister

Vorbild

Verlässlichkeit

Sicherheit

Rituale

Gegen den Strom

Spielen

Spielen in der Natur

Urlaub

Spielgefährten

Gerechtigkeit

Achtung und Respekt

Fragen und Antworten

Heiterkeit und Humor

Krankheit

Opfer

Flugübungen

„Das kann ich allein“

Kindergartenzeit

Geheimnisse

„Woanders“ schlafen

Gruppen und Vereine

Begabungen

Schulzeit

„Hotel Mama“

Pubertät

Wurzeln und Flügel

Das Wesen unserer Liebe

Fluss des Lebens

„Drei Dinge sind uns aus

dem Paradies geblieben:

Sterne, Blumen und Kinder …“

Dante (ital. Philosoph, 1265–1321)

Einleitung

Die Liebe zu einem Kind hat eine Geschichte.

Zu Anfang rührt und bewegt uns seine Zartheit und Hilflosigkeit. Wir sind überwältigt von diesem Wunder der Menschwerdung. Wir wollen und müssen dieses kleine Wesen berühren, beschützen, nehmen es Tag für Tag in den Arm, umsorgen es, richten unser Leben nach seinen Bedürfnissen aus. Am Ende seiner Kindheit werden wir es gehen lassen, müssen eine erneute Abnabelung vollziehen und werden glücklich sein, wenn zwischen uns und unserem erwachsen gewordenen Kind neue lebenslange Bindungen entstehen.

Kinder lieben heißt das Leben lieben. Vielleicht liegt der Sinn unseres Seins im Leben selbst, im lebendigen, vielfältigen Dasein, im Wachsen und Gedeihen an Körper, Geist und Seele, einem Prozess, der vom Tage unserer Geburt bis zu unserem Tode dauert. Kinder sind dabei nicht zu ersetzende Helfer, die uns fördern und fordern, treiben und bremsen, die uns Vorbild für menschliches Denken sind.

Sie lassen uns teilhaben an ihrer grenzenlosen Bereitschaft, Zeit in das Leben zu investieren, und es liegt in ihrer Natur, dass sie es erneuern. Deshalb sind sie der Fortschritt des Lebens schlechthin.

Wir sollten ihre Eigenschaften für uns nutzen und nicht vertreiben, sonst entwickeln sie sich zu unglücklichen, mürrischen, orientierungslosen Kindern, die sich selbst und uns das Leben schwer machen werden. Wir sollten stattdessen Vertrauen zu ihren natürlichen Fähigkeiten fassen und uns von ihnen mitnehmen lassen. Sie werden uns zum Leben hinführen, wenn wir es aus den Augen verloren haben.

Und wir werden an unsere eigene Kinderzeit anknüpfen. Auch wir hatten als Kinder natürliche Anlagen, wie sie jedes Kind hat, die uns vielleicht im Laufe unserer Erziehung entzogen wurden.

Nun können wir unseren Kindern dasselbe antun oder die Chance ergreifen, uns mit ihnen neu zu entwickeln.

„Liebeserklärung an (meine) Kinder“ befasst sich nicht mit Problemen und Schwierigkeiten, die wir mit unseren Kindern bekommen können. Es ist zum einen eine Liebeserklärung, zum anderen werden die grundlegenden Bedürfnisse und die wunderbaren Eigenschaften und Fähigkeiten, sofern sie sie entfalten dürfen, unserer Kinder beschrieben.

Kein Kind, kein Anfang

Ein Kind – ja, aber …

Kennen Sie dieses Aber, dem unzählige Argumente folgen, so treffend, dass wir zunächst verstummen?

Ja, wir hätten sehr gern Kinder, aber ein Kind oder gar mehrere können wir uns nicht leisten, denn sie sind teuer, und überhaupt, zuerst müssen unsere Arbeitsplätze gesichert sein. Am besten wäre es, wenn wir eine bessere Wirtschaftslage hätten …

Bevor wir ein Kind bekommen, müssen wir erst in eine größere Wohnung umziehen, denn Kinder brauchen viel Platz …

Zuerst muss der Staat für gute Betreuungsmöglichkeiten sorgen, außerdem die finanziellen Zuschüsse und Vorteile für Familien verbessern. Überhaupt muss unsere Gesellschaft erst einmal kinderfreundlicher werden …

Ja, wir hätten wirklich gern ein Kind, aber erst einmal wollen wir das Leben und unsere Freiheit genießen, denn Kinder nehmen uns ständig in Anspruch und man muss ihnen die eigene persönliche Freiheit opfern …

Mein Körper ist jetzt schön schlank, straff und glatt. Eine Schwangerschaft und womöglich mehrere ruinieren die Figur und nach der Geburt bin ich dick und unansehnlich. Wer weiß, ob mich mein Mann dann noch attraktiv findet. Außerdem brauche ich Zeit und Geld, um mir mein jugendliches Aussehen zu erhalten …

Ein Kind können wir nur aufziehen, wenn unsere Partnerschaft stabil ist und immer hält. Wir wissen heute natürlich noch nicht, ob wir immer zusammen bleiben werden, denn der eine oder andere könnte sich ja auch neu verlieben. Und mit einem Kind sind die Probleme noch viel größer und es kostet dann erst recht viel Geld …

Vielleicht wäre es schön mit einem Kind, aber Kinder sind heutzutage so schwer zu erziehen. Wer weiß schon, was richtig und was falsch ist. Wir könnten so viele Fehler machen und dann hat man große Schwierigkeiten und ständig Sorgen mit den Kindern …

Wir hätten sehr gerne Nachwuchs, aber in diese schlechte Welt kann man nicht ruhigen Gewissens Kinder setzen …

Die Reihe der Argumente könnte fortgesetzt werden, denn es gibt viele Gründe, die gegen ein Leben mit Kindern sprechen.

Was, um alles in der Welt, könnte uns dazu bewegen, trotz so vieler Einwände und Nachteile Kinder zu bekommen? Sind wir nicht in hohem Maße leichtsinnig, wenn wir es tun? Was hat andere Paare dazu veranlasst? Kann man überhaupt solche schlagenden Argumente entkräften?

Ich glaube nicht.

Aber wenn wir darauf warten wollen, bis alle Bedingungen erfüllt sind, wird unser Leben vorher beendet sein. Stattdessen lohnt es sich vielleicht, die Schale auf der anderen Seite der Waage zu füllen und zu fragen, was uns das Zusammenleben mit Kindern eigentlich bringt. Offenkundig gibt es in Deutschland auch viele Paare, die sehr glücklich mit ihren Kindern sind, die sogar drei und mehr Kinder haben. Nicht alle Eltern sind wohlhabend oder haben ein eigenes Haus. Vielleicht haben sie Sorgen wie so viele andere auch, dennoch lieben sie ihre Kinder und möchten sie nicht mehr missen. Es scheint so, als gäbe es für diese Paare ausreichend Gründe, die alle Bedenken aufwiegen.

Deshalb leert sich sicherlich nicht die Schale mit dem Gewicht unserer Einwände.

Vielleicht wird unsere Wohnung tatsächlich zu klein sein. Vielleicht ist das Geld knapp und vielleicht werden wir Mühe haben, einen guten Kindergarten- oder Tagesstättenplatz zu finden.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der tadellose Bauch, auf den wir stolz sind, nicht mehr straff sein.

Unsere persönliche Freiheit wird einige, wenn nicht gar viele Einschränkungen erfahren.

Wir werden weniger Zeit haben, für den Erhalt unseres jugendlichen Aussehens zu sorgen.

Mit Sicherheit wird die Welt um uns herum nicht besser geworden sein.

Wir werden Fehler machen, oftmals ratlos sein und in der Erziehung unserer Kinder nicht mehr weiterwissen, werden uns Sorgen machen und vielleicht Ängste ertragen müssen.

Und am Ende trauern wir auch noch, weil unsere Kinder erwachsen geworden sind und uns einfach wieder verlassen und überhaupt … wird es nicht leicht.

Aber vielleicht wird es Entschädigungen geben, wird die andere Waagschale nicht leer bleiben und sich reicher füllen, als wir es für möglich halten.

„Wohl dem, der keine Kinder hat …“ – wer mag diesem Zitat einer vom Leben enttäuschten Mutter zustimmen? Gottlob – ich nicht.

Ich will euch sagen, dass ihr die schwerste und glücklich machendste Aufgabe meines Lebens wart! Ihr habt mir unzählige Fragen gestellt und unzählige Antworten gegeben. Ihr habt mein Leben reich, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit und Ignoranz unmöglich gemacht. Ihr habt mich in einer Weise geprägt, gefordert und gefördert, wie nur ihr es konntet …

Mit unseren Kindern werden wir neu anfangen zu leben, nicht weil unser bisheriges Leben schlecht war, sondern weil mit Kindern immer alles beginnt.

Mit jedem Kind, das wir mit Liebe, Toleranz und gegenseitigem Respekt aufziehen, machen wir diese Welt ein Stückchen besser.

Wir werden unsere Umwelt und die Menschen darin neu betrachten, werden Dinge und Situationen lieben, die wir vorher gar nicht sahen oder erlebten.

Wir werden viel leisten müssen und dazu in der Lage sein.

Wir werden Kräfte und Fähigkeiten mobilisieren, von denen wir nicht wussten, dass wir sie überhaupt haben. Wir werden wieder in die Schule gehen und unsere kindlichen Lebenskünstler werden unsere Lehrer sein.

Mit unseren Kindern werden wir eine abenteuerliche Reise antreten, voller Überraschungen, voller Geheimnisse, und wir werden uns mit ihnen gemeinsam jung fühlen.

Wir werden es herrlich und sehr tröstlich finden, dass wir irgendwann in ferner Zukunft in unseren Kindern weiterleben, in Menschen, die den Namen tragen, den wir ihnen einst gaben, deren Gesichter den unseren ähneln und die Eigenschaften haben werden, die wir ihnen vererbten, deren Persönlichkeit durch unsere Erziehung, durch unsere Überzeugungen und unsere Liebe geprägt wurde.

Die Geschichte, an der wir unser Leben lang schreiben, wird fortgesetzt werden. Die Kette der Spuren, die wir im Sand hinterlassen, endet nicht.

Wir werden erkennen, wie kostbar das neue Leben ist, das durch uns entstand, und werden mit großer Wahrscheinlichkeit unsere Kinder als Reichtum betrachten, der uns geschenkt wurde, uns aber nicht gehört. Die kompromisslose Liebe unserer Kinder wird uns glücklich und unsere Liebe zu ihnen wird uns stark, aber auch verletzlich machen.

Das Leben mit unserem Kind wird von Anfang an begleitet sein von tiefen Gefühlen, beginnend mit der Zeugung, der Schwangerschaft, der Geburt bis schließlich zur intensiven körperlichen Nähe zum Neugeborenen. Auch im Laufe seiner Kindheit werden unsere Empfindungen im täglichen Zusammensein, in der zärtlichen Zuwendung, beim Miteinander-Sprechen, Lernen, Lachen, Streiten, Weinen unsere täglichen Begleiter sein. Die Liebe zu unserem Kind wird sich entwickeln und eine individuelle Gestalt annehmen, weil sich unsere Persönlichkeit und die unseres Kindes im Laufe der Jahre wandeln und formen wird. Sie wird ihre eigene Geschichte schreiben, so wie es auch eine Geschichte zum Partner gibt.

Darum hören Menschen so besonders gern eine Liebeserklärung, die mehr umfasst als drei Worte, weil darin die Liebe erklärt und beschrieben wird, das, was sie hat entstehen lassen, was sie zu geben vermag, was ihre Besonderheit ist, eben die Geschichte der Liebe.

Ihr Kinder seid der Schlüssel in die Zukunft, eine Zukunft, die vom nächsten Augenblick bis in nicht absehbare Zeiten reicht. Ihr öffnet Türen, habt keine Angst vor dem, was sich dahinter befindet.

Ihr vertraut euch dem Lauf des Lebens an, seid ganz natürlich und unbefangen, schaut mit neugieriger Erwartung auf das, was kommen wird, aber fürchtet euch nicht davor. Ihr nehmt uns an die Hand und zeigt uns die Welt. Ihr sorgt dafür, dass wir im Herzen jung bleiben.

So sollte es sein: Am Anfang steht das Kind, hungrig, neugierig auf jeden Tag, am Ende der alte Mensch, zufrieden, satt und klug geworden nach all den Tagen seines Lebens.

Wir brauchen Kinder

Wir zögern, Kinder in die Welt zu setzen, investieren aber Millionen Gelder und Stunden in den Erhalt unserer Jugend, ja konservieren sie. Es genügt uns nicht, körperlich gesund zu sein, wir wollen auch jung aussehen. Wir singen unserer Jugend ein Loblied und verherrlichen sie. Aber irgendwann werden wir aufgeben müssen, weil die Illusion der ewigen Jugend nicht immer aufrechterhalten werden kann. Und dann haben wir das Problem, uns eingestehen zu müssen, dass wir alt geworden sind, fragen uns, was uns geblieben ist, und stellen resigniert und erschrocken fest, dass uns unsere eigene Sichtweise eingeholt hat: nämlich dass das Alter wertlos ist und unser Erfahrungsschatz, unsere erworbene Weisheit niemanden interessiert. Und noch trauriger ist es, wenn wir erkennen müssen, dass wir die Zeit für unsere innere Entwicklung nicht genutzt haben.

Der Lauf unseres Lebens sieht vor, dass wir altern und reifen, so wie alles, was lebt, aber wir wollen uns nicht diesem Lauf anvertrauen, versuchen die Phase der Jugend so lange wie irgend möglich auszudehnen. Wir ängstigen uns vor dem Altwerden, das nicht nur nachlassende Körperkräfte, Krankheiten und den Blick auf das Ende unseres Lebens mit sich bringt, darüber hinaus auch noch ein Gefühl der Isolation, des Nichtgebrauchtwerdens. Ersteres ist natürlich, aber die Ausgrenzung alter Menschen ist von uns gewollt, genauso wie unsere Entscheidung, keine Kinder zu zeugen.

Wie sehr wird sich unsere Angst vor dem Altsein verschlimmern, wenn dem Ende unseres Lebens kein Anfang folgt? Es ließe sich viel besser ertragen, wenn wir unser Auge und unser Herz bereits auf den Beginn richten könnten, einen Anfang, der kommen muss. Denn welchen Lauf würde unser Leben nehmen, wenn es keinen Neuanfang gäbe? Eine schreckliche Vision.

Das Ende des Lebens, das Ende der Hoffnung.