Aus dem Amerikanischen von Klaus Schmitz
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Old Flames
erschien 2008 im Verlag Leisure Books.
Copyright © 2008 by Dallas Mayr
Copyright © dieser Ausgabe 2020 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Arndt Drechsler
Lektorat: Daniel Sosna
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-799-8
www.Festa-Verlag.de
Mit Dank an Shay Astar, Jordan Auslander,
Alan Difiore und Paula White.
Ein Mensch, der niemanden hat, wäre gut beraten, sich einen geeigneten Geist zusammenzuschustern.
– Cormac McCarthy, The Road
1
Dora und Owen
Da bin ich also wieder, dachte sie. Das ist mir nur allzu vertraut.
Natürlich war da Schmerz, aber sie ertrug ihn, wie sie es immer tat. Er war groß und sie nicht, deshalb konnte sie sich darauf verlassen, dass er ihr Schmerzen zufügte. Tränen und Schweiß waren sowieso so ziemlich dasselbe, fand sie. Sie hatte gegen beides nichts einzuwenden.
Aber es gab auch Verlangen. Dieser alte, unerwünschte Bekannte.
Sie wollte – musste vielleicht sogar dieses Mal – sein Gesicht sehen. Ein Gesicht konnte aussprechen, was ein Körper nicht vermochte. Sein Körper sagte ihr, dass er kurz davor war zu kommen. Genau wie sie. Aber das war auch schon alles, was er ihr verriet. Ein flüchtiger Blick über ihre Schulter reichte nicht aus. Besonders im Dunkeln. Und Owen bestand darauf, dass sein Schlafzimmer abgedunkelt war, so wie er darauf bestand, sie von hinten zu nehmen.
Aber hier in diesem Zimmer, auf diesem Bett, auf dem er sie mit sich erfüllte, leerte er sie auch gleichermaßen. Sie spürte, wie sie sich langsam entspannte. Sie kämpfte dagegen an. Stieß hart zurück gegen seinen angespannten flachen Bauch, so als ob das Klatschen von Fleisch auf Fleisch und auch seine eigenen Laute, sein Grunzen und Stöhnen und raues Atmen, sich zu einem unsichtbaren Wind vermischen könnten, der herumwirbeln und durch ihren offenen Mund und ihre Ohren und Augen erneut in sie eindringen mochte.
Sie wollte ausgefüllt werden. Stattdessen gab sie ihr Verlangen auf.
Das war alles, was sie tun konnte.
Er erwachte im Dunkeln und drehte die Uhr hin zum Schimmern der Stadtlichter, die von unten durch die Vorhänge des Fensters drangen. Vollkommen gleich, dass er in einem Penthouse-Apartment wohnte. New York war nie völlig dunkel.
Nackt erhob er sich aus dem Bett, vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken, drehte sich um und sah zu, wie sie langsam hin zu der Stelle rollte, die er freigegeben hatte. Sich in das kuschelte, was von seiner Wärme verblieb. Er dachte, wie jung und unschuldig sie doch aussah, obwohl sie weder das eine noch das andere war, und überlegte, wie er seine Notiz für sie formulieren sollte.
Er dachte noch immer darüber nach, als er aus der Dusche trat. In der Küche, bei einer Tasse Kaffee, verfasste er das Beste, was er zustande bringen konnte, und ging dann zur Arbeit.
Owen hatte ihr einmal gesagt, dass er die Uhr ebenso sehr wegen des Klangs und der Tonhöhe des Weckers gekauft hatte wie aufgrund ihres Aussehens, sodass sie, wenn sie in ihren Schlaf eindrang, dies wie ein Händeschütteln tat, fest, aber zugleich auch sanft. Sie schaltete den Wecker ab, lauschte einen Augenblick lang in die Stille und wusste, dass das Apartment leer war. Owen war ein Frühaufsteher. Sie griff nach der Schachtel Zigaretten auf dem Nachttisch und zündete sich eine an. Owen hieß das nicht gut, aber tat auch nichts, um sie davon abzubringen.
Sie sank in die Kissen zurück und sah dem wabernden, wogenden Rauch über ihr zu. Sie dachte, dass Rauchen auf eine merkwürdige Art und Weise etwas Gemeinschaftliches war. Etwas Menschliches und dennoch auch nicht. Man konnte beeinflussen, wie der Rauch sich ausbreitete, aber nicht vollständig. Die Textur des Rauchs erschien zufällig oder irgendwie von der einfachen Tatsache des Verbrennens bestimmt, aber eine Bewegung der Hand oder ein Hauch von Luft konnte sie anders formen. In diese oder eine andere Richtung treiben lassen.
Hier war der Beweis, dass man existierte, dachte sie. Man rauchte, und ganz plötzlich hatte sogar dein Atem Substanz.
Wer sagte, dass Rauchen nur eine schmutzige Angewohnheit sei? Darin lag Poesie.
Kaffee, dachte sie. Du träumst immer noch. Du brauchst Kaffee.
Er hatte eine frische Kanne aufgesetzt und sie für sie auf der Wärmeplatte gelassen, was sie als sehr aufmerksam empfand. Sie goss sich eine Tasse ein, dann öffnete und las sie die Notiz, die er an der Kaffeemaschine angelehnt hatte, und auch wenn sie ihre Tasse leer trank, mussten die Kanne und ihr Inhalt zuerst dran glauben.
Die Büros von Mars Black Design lagen an der 5th und der 44th Street. Sie stieg aus dem Taxi und überquerte die 5th Avenue bei Gelb, das auf halbem Weg hinüber zu Rot wurde. Hupen ertönten.
Sie konnten hupen, so viel sie wollten. In New York City stachen Fußgänger Autos jedes Mal aus. Besonders Fußgänger in Armani.
Sie trug sich in die Besucherliste ein und nickte dem ernsten jungen Mann am Sicherheitsschalter zu. Dann nahm sie den Aufzug zur elften Etage und trat in das makellose und nüchterne weiße Empfangszimmer. Sie bemerkte einen gut gekleideten Mann im mittleren Alter, der in einem gepolsterten Ledersessel saß und stirnrunzelnd das Wall Street Journal las, den sie für einen künftigen Klienten hielt, einen anderen, viel jüngeren Mann, dessen Portfolio neben ihm auf einen neuen oder aufstrebenden Designer hindeutete, und einen Paketboten von Federal Express, der gerade eine Unterschrift von Gloria an der Rezeption bekam – Gloria, die ihr zuerst ein Lächeln schenkte und dann beunruhigt aussah.
»Dora? Er hat einen Klienten …«
Sie warf die Rauchglastür zu seinem Büro heftig genug auf, dass sie von der Wand abprallte und hinter ihr wieder ins Schloss fiel. Sie verspürte ein kurzes Bedauern, dass sie nicht zersplittert war. Er stand hinter seinem Schreibtisch, während ein kleiner fetter Glatzkopf davorstand. Er hatte dem Mann einige Pläne gezeigt, aber es war offensichtlich, dass sie ihnen diese Pläne fürs Erste aus dem Sinn getrieben hatte.
»Für wen zum Teufel hältst du dich, Owen?«, sagte sie.
»Dora … das ist nicht der richtige Zeitpunkt …«
»Entschuldigung vielmals. Sie da. Raus hier.«
Der fette Mann sah sie einfach nur an. Nette Krawatte, dachte sie.
»Dora …?«
»Haben Sie mich gehört? Ich sagte raus hier!«
»Ein andermal, Owen, in Ordnung?« Der Mann wich zurück.
»George … Es tut mir leid. Ich ruf dich an, okay?«
»Sicher, Owen.«
Er schloss die Tür leise hinter sich. Sie zog die Notiz aus ihrer Handtasche.
»Was bist du? Eine Art gottverdammter Schuljunge? Eine beschissene Notiz, die du für mich zurücklässt? Du hast nicht einmal die Eier für einen Anruf? ›Ich kann nur hoffen, dass du nicht allzu schlecht von mir denkst … Wir waren uns jetzt eine ganze Weile nicht mehr wirklich nahe … Ich werde immer in Gedanken bei dir sein …‹ Herr im Himmel, Owen! Was für ein Bullshit ist das denn?«
»Es ist die Wahrheit, Dora …«
»Wer ist sie, du Bastard?«
»Es gibt niemanden, um Gottes willen.«
»Du bist ein Scheißlügner. Du könntest dir nicht mal die Schuhe binden, ohne dass eine Frau in der Nähe ist, die dir hilft. ›Ich werde immer in Gedanken bei dir sein …‹ Ich will wissen, wer sie ist. Hörst du mir eigentlich zu?«
Die Qing-Vase auf dem Podest neben ihr war ein Lieblingsstück von ihm. Sie stammte aus dem späten 17. Jahrhundert. Hatte 40 Jahre lang auf einer Fensterbank im Fitzwilliam Museum in Cambridge, England, gestanden.
Sie verursachte ein lautes, unschönes Geräusch an der Wand.
Er sah mitgenommen aus. Starrte auf die Scherben, die auf dem Boden verstreut lagen. Sie lächelte.
»Du solltest erst mal dein Apartment sehen«, sagte sie.
»Gottverdammt! Ich werd’ dich verklagen, du Miststück!«
»Nein, wirst du nicht. Es würde in die Zeitungen kommen. Ich würde verdammt noch mal dafür sorgen, dass es reinkommt.«
Sie trat um den Schreibtisch herum auf ihn zu. Dicht an ihn heran. Man musste ihm anrechnen, dass er seine Stellung behauptete.
»Ich warte. Wie sehr magst du deinen kleinen Paul Klee dort drüben?«
Sie fragte sich, was er in ihrem Gesicht sah. Was auch immer es war, er gab nach.
»Niemand«, sagte er. »Niemand, den du kennst.«
Und sie stellte fest, dass sie zwar so etwas erwartet hatte, es sogar gewusst hatte, ein armseliger Teil von ihr das jedoch nicht wirklich geglaubt hatte. Bis zu diesem Moment gehofft hatte, dass es nicht stimmt. Frauen waren so beschissene Narren, fand sie. Wer auch immer die hier war, sie war vermutlich genauso dämlich, was Männer betraf, wie auch Dora selbst. Sie nickte.
»Niemand, den ich kenne.«
»Ex-Frau eines Klienten, Bill Curtis. Du hast sie nie getroffen.«
»Bill habe ich aber schon getroffen, nicht wahr? Wie denkt Bill denn über diese Sache?«
»Ich habe keine Ahnung, Dora.«
Die Wut war verpufft, hatte sich ausgetobt. Zerschmettert, zusammen mit der Vase. Einen seltsamen, verunsichernden Augenblick lang war sie sich nicht einmal mehr sicher, warum sie hier war. Sie wandte sich um, ging Richtung Tür und blieb mit ihm zugewandtem Rücken stehen. Ihr Rücken war alles, was er bekommen würde.
»Vielleicht magst du sie mal fragen«, sagte sie. »Nur wenn dir danach ist, versteht sich. Ich meine, es geht doch immer nur um dich.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe diesen Begriff schon seit Jahren nicht mehr benutzt. Aber du bist eine richtige Scheißzecke, Owen, ein Blutsauger, weißt du das? Im wahrsten Sinne des Wortes. Es bedeutet, dass du immer nur nimmst.«
Sie hörte ihn seufzen.
»Ach verdammt«, sagte sie. »Das tut ihr doch so ziemlich alle.«
2
Dora
Vor dem Eingang der Bar hatte man einen Baum an die Bordsteinkante gepflanzt. Der Stamm war von Zedernholzspänen und einem flachen Zierdraht umgeben, um die Hunde fernzuhalten. Dutzende von Zigarettenkippen hatten die Späne in einen Müllhaufen verwandelt. Sie fragte sich, warum jemand so etwas tat und einen vollkommen gesunden Baum vergiftete, wo es doch genügend Bürgersteig, Straße und Rinnstein ringsum gab. Vielleicht war Rauchen doch nur eine schmutzige Angewohnheit. Oder vielleicht waren Raucher einfach nur genauso mies wie jeder andere auch.
Ihre Kippe landete in der mit Sand gefüllten Urne aus Beton neben der Tür.
Die Bar gehörte zu einem gehobenen Restaurant auf der East Side. Die Beleuchtung war gedimmt und die Holzvertäfelung bestand aus Mahagoni. Hier wurde nur Klaviermusik gespielt, und die nur leise, was perfekt zu ihrer Stimmung passte. Ihr Arbeitstag hatte nicht die Abwechslung geboten, die sie sich erhofft hatte.
Es war noch keine fünf Uhr, daher standen an der Bar noch einige Plätze zur Auswahl, und so nahm sie sich einen ganz rechts in der Ecke, abseits vom Fenster. Der Barmann in einem weißen, gestärkten Hemd und mit Fliege lächelte, sagte »Guten Abend, Ma’am« und fragte, was er ihr anbieten durfte. Sie bestellte einen Apple Martini und sah ihm zu, wie er ihn mixte, schüttelte und ihr in ein geeistes Glas eingoss, bis oben an den Rand. Sie griff mit ruhiger Hand danach und nippte daran.
Er war aromatisch, kalt, köstlich.
Bis sie diesen und einen weiteren Drink ausgetrunken hatte, waren die Plätze an der Bar ebenso besetzt wie das ungefähre Dutzend Tische. Der Lärmpegel war so weit angestiegen, dass sie kaum noch die Musik hören konnte. Normalerweise waren zwei Drinks ihr Limit, diesmal entschied sie aber, es weiter zu treiben. Als ihr Martini serviert wurde, tauchte ein junger Mann zu ihrer Linken auf. Er trug breite Hosenträger, ein teures, maßgeschneidertes Hemd, dazu eine eindrucksvolle Krawatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach war er 15 Jahre jünger als sie. Ein nicht ganz so nerdiger Larry King in seinen Zwanzigern.
»Hi«, sagte er.
Sie blickte ihn an, und was sie sah, war großspurig, grinste und hielt eine Flasche New Belgium Sunshine Wheat Bier in der Hand.
»Ach, um Gottes willen«, sagte sie. Sie nippte an ihrem Drink.
»Hey. Was? Was habe ich getan?«
Ihr fiel nichts ein, was sie darauf erwidern konnte, also sagte sie nichts. Dann vernahm sie ihren Namen.
»Dora? Dora Welles?«
Sie wandte sich um und sah eine Frau, die auf sie zutrat, vorbei an dem Yuppie mit der eindrucksvollen Krawatte, der beschloss, sich auf Weidegründe mit weniger Nesseln zurückzuziehen. Die Frau war etwa in ihrem eigenen Alter, lächelte und trug ziemlich viele Accessoires, allerdings auf geschmackvolle Weise. Sie war ein wenig übergewichtig, in ihrer Hand ein Drink, der wie ein Manhattan aussah. Dora benötigte einen Augenblick, um sie zu erkennen, als sie das aber endlich tat, holte sie tief Luft, rutschte von ihrem Barhocker und umarmte sie.
»Ich kann’s kaum glauben«, sagte sie. »Estha! Du siehst …«
»Ich? Sieh dich doch an! Du siehst wunderbar aus! Das ist ja verrückt. Mein Gott, es ist schon … wie lange her?«
»Über 20 Jahre?«
»25, aber hey, wer zählt schon mit? Was machst du denn hier?«
»Ich trinke was, genau wie du. Ich wohne hier. Hier in der Stadt, meine ich. Und du?«
»Maine. Portland. Ich bin hier nur für eine Vertriebstagung. Mein Gott. Dora.«
»Estha.«
Sie lachten und umarmten sich abermals. In der High School hatten sie sich nicht besonders nahegestanden, aber Dora hatte sie immer gemocht. Sie waren beide intelligent, was in dieser Schule schon selten genug gewesen war, aber bewegten sich zum größten Teil in unterschiedlichen Kreisen. Doras Ding war schon immer Bildende Kunst und Literatur, Estha hatte es eher mit Mathematik und Wissenschaften gehabt. Und jetzt anscheinend Verkauf. Computer und Elektronik. Sie trank ihren Manhattan aus und bestellte einen weiteren, während Dora bei ihrem Martini blieb. Dora erzählte ihr, dass sie nun beide Verkäufer seien.
»Ich führe ein Antiquitätengeschäft drüben auf der Madison«, sagte sie.
»Madison. Ziemlich teuer, ja?«
»O ja. In der Tat ziemlich teuer.«
»Kommst du jemals hoch nach Maine?«
»Ab und zu mal. Ich reise viel zu Haushaltsauflösungen. Ich habe einen Partner, der sich um alles kümmert, wenn ich unterwegs bin.«
»Dann musst du mich das nächste Mal anrufen. Machst du das?«
»Sicher. Natürlich mache ich das.«
»Versprochen?«
»Versprochen.«
»Bist du verheiratet?«
»War ich. Vor etwa 1000 Jahren. Erinner mich bloß nicht dran.«
»Ich auch. Meiner hat mich bis über beide Ohren in Schulden zurückgelassen.«
»Da hatte ich etwas mehr Glück.«
Tatsächlich war es die Abfindung von Sam gewesen, die für die Eröffnung und die ersten beiden Jahresmiete des Geschäfts gesorgt hatte.
»Dann pass auf. Zuerst verlässt meiner mich, dann kauft er sich plötzlich eine Eigentumswohnung in Honolulu, zusammen mit einer kleinen Ananasprinzessin aus Maui, und dann waren sie drauf und dran, auf dem Strand Schmuck aus Einsiedlerkrabben an die Touristen zu verkaufen. Wer zum Teufel so was überhaupt kaufen will, weiß ich beim besten Willen nicht. Kannst du dir vorstellen, wie dieses grässliche kleine spinnenartige Käferding über deine Möpse krabbelt, während du Spanferkel auf einem beschissenen Luau isst? Hast du Kinder?«
»Nein.«
»Ich auch nicht, Gott sei Dank. O mein Gott, du hast die Party verpasst!«
»Welche Party?«
»Das Klassentreffen! Hat dich niemand angerufen?«
»Ich war nicht wirklich gut zu erreichen. Wir hatten ein Klassentreffen? Was für ein Klassentreffen?«
»Das fünfundzwanzigste, Dummerchen. Erst vor ein paar Monaten. O Gott, du hättest da sein müssen. Mal sehen … Laura Winger war da, Jimmy Baron, Arnie Hill, Daniella Wiehießsienoch, Lydia Pincus …«
»Nichols. Daniella Nichols.«
»Stimmt. Eins kann ich dir sagen, wir Mädchen sahen ein ganzes Stück besser aus als die Männer. Ich meine, ihr ganzes Haar hat sich verabschiedet. Die Hälfte von ihnen komplett glatzköpfig, aber mit lustigen kleinen Bärten und Schnurrbärten, sodass man sie nicht einmal erkennen konnte. Jedenfalls, alle waren da. Es war großartig, wie viele gekommen waren, wirklich erstaunlich.«
»Was ist mit …«
»Jim Weybourne. Nein. Er war einer von denen, die nicht kamen. Tut mir leid.«
Sie war von dem echten Bedauern in Esthas Stimme überrascht. Auch wenn sie das vermutlich nicht sein musste. Jeder in ihrer Klasse damals wusste, dass Dora und Jim das perfekte Paar waren. Eine ganze Weile unzertrennlich. Und damals schien jeder ihnen die Daumen zu drücken. Alle erwarteten, dass sie heiraten würden. Sie war damals viel zu jung für die Ehe gewesen. Und natürlich war da noch diese andere Sache passiert.
Esthas Miene hellte sich auf.
»Mein Kerl ist auch nicht aufgekreuzt. Erinnerst du dich an Ralphie Begleiter?«
»Sicher erinnere ich mich. Er war der Klassenzweite, nicht?«
gefunden!
Der Barkeeper fragte, ob sie noch einen Drink mochte. Zwei waren ihr Limit. Ihr dritter war beinahe leer. Sicher, sagte sie. Ralphie bestellte sich ein Bud Lite.
»Ich denke, ich habe ihn einfach vermisst«, sagte Estha. »Weißt du, was ich meine? All die Leute aus der alten Zeit? Und dann habe ich mich an diese Agentur erinnert. Irgendein Artikel in einem Magazin oder so, schon eine Ewigkeit her. Aber der Name ist irgendwie hängen geblieben, also hab ich beschlossen, sie auszuprobieren. Flame Finders, die Flammenfinder. So eine Art spezialisierter Zweig dieser großen Detektivagentur. Die sitzen direkt hier in der City. 750 Dollar oder so in dem Dreh, und sie finden jeden, wenn er zu finden ist, überall, auf der ganzen Welt.«
»Und ich bin verdammt froh, dass sie’s geschafft haben«, sagte er.
»Hör mal, du solltest mal zu ihnen gehen!«, sagte Estha. »Mal schauen, was der alte Jimmy heutzutage so treibt.«
Sie beugte sich ganz nah heran, sodass Ralphie nicht mithören konnte.
»Ich werd dir mal was sagen«, sagte sie. »Nur so unter uns. Damals in der High School hat er nie so lange durchgehalten.«