Über das Buch

Mistel, Mord und gebrannte Mandeln.

Ein stimmungsvolles Fest auf Gut Fennhusen oder Weihnachten im Berlin der zwanziger Jahre – die Adventszeit hat viel zu bieten in diesen Geschichten, ob Erinnerungen an frühere Feste oder die Herausforderungen von heute, ob gefühlvoll oder spannend. So beschäftigt die Figuren neben einem Mord mitten im Wintereinbruch auf Rügen auch die Frage: Was schenkt man sich, wenn man schon alles hat – und die Geschenke der letzten Jahre eher für Verzweiflung als leuchtende Augen gesorgt haben? Und wie feiert man eigentlich Weihnachten, wenn man nichts lieber tun würde, als das Fest einfach ausfallen zu lassen?

Stimmungsvolle Weihnachtsgeschichten für gemütliche Abende am Kamin von Ellen Berg, Lena Johannson, Katharina Peters, Ulrike Renk, Michaela Schwarz, Henrik Siebold, Jan Steinbach und Joan Weng

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Titelseite Grafik 1

NOCH IST
NICHT ALLER

Weihnachtsabend
Titelseite Grafik 2

Weihnachtsgeschichten
von Ellen Berg, Ulrike Renk u. v. a.

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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JAN STEINBACH
Weihnachten in Ostfriesland

ELLEN BERG
O Pannenbaum!

KATHARINA PETERS
Das Schweigen des Kommissars

MICHAELA SCHWARZ
Weihnachten mit dem Jungen

LENA JOHANNSON
Vier Jahreszeiten im Winter

HENRIK SIEBOLD
Ein Hauch von Zimt

JOAN WENG
Der Geist der vergangenen Weihnacht

ULRIKE RENK
The Twelve Days of Christmas

BEN KRYST TOMASSON
Sylter Sterne

Über die Autoren

Impressum

JAN STEINBACH
Kapitelgrafik
Weihnachten in Ostfriesland

Der Schrei einer Möwe drang durch die kalte, klare Luft. Die Schiffe waren winterfest gemacht worden, sie schaukelten vertäut in den sachten Wellen am Kai. Es roch nach der salzigen Brise, die vom Meer über die Ems heranwehte, nach Frost und ganz leicht nach Dieselöl. Schon seltsam, wie sehr sich ein Ort nach Heimat anfühlen konnte, dachte Oliver. Und das, obwohl so viele Jahre vergangen waren.

Als Kind war ihm das kleine Hafenbecken am Fuße der Altstadt riesig vorgekommen. Es war ein einziger Abenteuerspielplatz gewesen. Vor allem in den endlosen Sommern, in denen Peter und er per Kopfsprung von der Brücke ins Wasser gesprungen und im Hafen um die Wette geschwommen waren. So was war Kindern heute natürlich streng verboten, aber nicht zu ihrer Zeit. Sie waren in den Sommerferien regelmäßig mit einem leuchtend blauen Schlauchboot ins Hafenbecken hinausgepaddelt, als wäre das völlig ungefährlich. Er erinnerte sich an den Blick, den sie vom Wasser aus hatten, auf den Rathausturm und die Alte Waage, an das Plätschern der Wellen am Boot, an die Geräusche der Stadt, die fern und entrückt wirkten.

Als Peter und er älter wurden, hockten sie nachts am Kai, betrachteten den Sternenhimmel, rauchten heimlich Zigaretten und tranken Wodka, und wenn er betrunken war, sagte Peter jedes Mal: »Wir werden niemals wie unsere Eltern, nicht wahr? Das versprechen wir uns.« Oliver erinnerte sich, wie ernst es seinem Freund war. Wie sie die Wodkaflasche feierlich kreisen ließen und er selbst den Schwur bekräftigte: »Niemals, Peter. Fest versprochen.«

»Was für ein verfluchtes Wetter«, riss ihn sein Vater nun aus den Gedanken, der in seinem Rollstuhl neben ihm saß. »Schweinekalt ist es«, beschwerte er sich. »Und eine steife Brise haben wir. Ich weiß nicht, was das soll.«

Oliver unterdrückte einen Seufzer, nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Wie immer hatte sein Vater etwas auszusetzen. Egal, wie schmerzhaft schön die Aussicht auf das Hafenbecken war. Wie viel Familiengeschichte hier beim Blick übers Wasser lebendig wurde.

Er dachte an den Schwur von damals und lächelte.

»Jetzt hast du ihn gesehen, den Hafen«, fuhr sein Vater übellaunig fort. »Wir können also weiter.«

»Ich dachte, ich fahre dich ein bisschen rum. Wir wollten einen gemütlichen Spaziergang machen.«

»Das tun wir doch. Heißt ja nicht, dass wir bei der Kälte ins Wasser starren müssen.«

»Jetzt frierst du. Ich habe gesagt, nimm die Decke.«

Er brummte abfällig, wandte demonstrativ den Blick ab. Es war ihm zu blöd, sich eine Decke über die Knie zu legen. Er fand das verweichlicht. Da fror er lieber.

»Sollen wir ein Stück die Leda runtergehen?«, fragte Oliver. »Wir könnten bis zum Ruderclub und dann durch die Altstadt zurück nach Hause.«

»Ich lebe hier seit dreiundachtzig Jahren, Junge. Ich weiß, wie die Leda aussieht.«

Olivers Stimmung sank weiter, sofern das noch möglich war. Er hätte jetzt in London sein können, dachte er. Oder am Strand in Thailand. Weihnachten unter Palmen, das wäre ohnehin das Vernünftigste gewesen. Stattdessen war er hier. Weil sein Vater gesundheitlich angeschlagen war. Weil keiner sagen konnte, wie viele Weihnachten er noch erleben würde. »Du fehlst ihm«, hatte seine Schwester Sandra am Telefon gesagt. »Auch wenn er das nie zugeben würde. Willst du dieses Jahr nicht Weihnachten nach Ostfriesland kommen? Tu es für ihn.«

Dass er sich über den Besuch seines Sohnes freute, ließ er sich allerdings nicht anmerken. Oliver zweifelte längst an Sandras Worten.

»Mir reicht’s.« Sein Vater verschränkte die Arme. »Bring mich nach Hause. Wir waren lange genug unterwegs.«

Diesmal gelang es Oliver nicht, den Seufzer zu unterdrücken. Dann eben zurück nach Hause. Sollte sein Vater doch machen, was er wollte. Er umfasste die Griffe des Rollstuhls und löste die Bremse, als er sah, dass sich Spaziergänger dem Hafen näherten. Zwei Pärchen, etwa in seinem Alter, so um die fünfzig.

»Ist das nicht Oliver Kramer?«, hörte er eine der Frauen aufgeregt sagen. »Seht doch, er ist es.«

»Das gibt’s ja gar nicht. Oliver Kramer.«

»Hallo! Herr Kramer! Hier sind wir.«

Es war zu spät, sich wegzuducken. Er schlüpfte in seine erprobte Rolle, wenn er auf der Straße erkannt wurde, strahlte und breitete ergeben die Arme aus. Sein jungenhaftes Lächeln, das ihn auszeichnete und dem er eine Menge weiblicher Fans verdankte.

Er war, was man ein Fernsehgesicht nannte. Viele Jahre Washington-Korrespondent für die Öffentlich-Rechtlichen, später Buchautor, Talkshow-Gast und Moderator eines Nachtmagazins in einem Spartensender. Es gab eine Menge Fernsehleute, die wesentlich bekannter waren als er. Doch in seiner Leeraner Heimat, wo er als Lokalheld galt, wurde er von vielen erkannt.

»Sind Sie etwa zu Weihnachten nach Hause gekommen?«, fragte die Frau begeistert. »Das ist ja toll. Familie geht doch über alles, richtig? Auch wenn man berühmt ist.«

Oliver vermied es, seinen Vater anzusehen. Handys wurden gezückt, die beiden Pärchen stellten sich für Selfies mit ihm auf. Oliver lächelte hierhin und dorthin, bis alle glücklich waren, dann wimmelte er sie professionell ab, verabschiedete sich und ließ sie mit ihrer Begeisterung, Oliver Kramer getroffen zu haben, zurück.

Als er sich zum Rollstuhl wandte, war es sein Vater, der gedankenversunken auf den Hafen hinaussah. Er tat, als hätte er die Spaziergänger gar nicht bemerkt. Der berühmte Oliver Kramer, der Weihnachten unbedingt zu seiner Familie will, das war selbst für ihn zu viel des Guten. Er fröstelte demonstrativ und wartete darauf, dass er fortgeschoben wurde. Oliver löste schweigend die Bremse des Rollstuhls und schob seinen Vater in Richtung Zuhause.

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»Wir gehen weg von hier, Oliver, oder?«

»Sobald wir alt genug sind, versprochen.«

»Hinaus in die weite Welt«, schwärmte Peter.

»Wir werden richtige Abenteuer erleben.«

Sie drifteten faul auf ihrem Schlauchboot durchs Hafenbecken, tranken Cola, die Peter im Laden gestohlen hatte, ließen sich treiben, waren glücklich.

»Wir könnten nach Hamburg gehen.«

»Oder zur See fahren. Wie richtige Seeleute.«

»Das wär was.«

Ein Kohlekahn tuckerte vorbei und wühlte das Wasser auf. Das Schlauchboot schaukelte so sehr, dass sie lachen mussten. Der alte Kapitän, der mit fadenscheiniger Jacke an der Reling stand, schimpfte, sie sollten aus dem Hafen verschwinden, das sei zu gefährlich. Doch sie ignorierten ihn. Die Sonne brannte vom Himmel, es war einer dieser immerwährenden Sommer, die niemals zu enden schienen.

Peter rutschte über das Schlauchboot, und die roten Striemen auf seinem Rücken wurden sichtbar. Ein paar blaue Flecken, die fast verblasst waren. Dazu das aufgeplatzte Hämatom, das nicht verheilen wollte. Oliver fühlte sich elend, wenn er diese Wunden sah, jedes Mal von Neuem.

»Wir gehen weg von hier«, wiederholte er und widerstand der Versuchung, mit dem Finger über das Hämatom zu streichen. »Und wir werden nicht wie unsere Eltern. Das versprechen wir uns.«

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Zurück in dem Altstadthäuschen seines Vaters legte er Feuerholz im Kamin nach. Er sah zu, wie die knisternden Flammen an den trockenen Holzstücken züngelten, dann schloss er die Klappe und erhob sich. Sein Vater saß im Rollstuhl und studierte schweigend die Fernsehzeitung.

Auf der Fensterbank zum Garten bemerkte Oliver den Weihnachtsschmuck, den sein Vater als angemessen erachtet hatte. Er bestand aus einer Kerze und einem Weihnachtsstern. Das war alles, was im Haus an Schmuck zu finden war. Gegen seinen Willen musste Oliver lächeln. In dem Washingtoner Studio hatte er die gleiche Dekoration gewählt, als er die Leitung übernahm: Kerze und Weihnachtsstern. Nüchtern, kühl und rational, wie er sich selbst gerne sah, waren ihm überschwängliche Weihnachtsgefühle fremd, beinahe ein bisschen peinlich. Seiner Kollegin hatte er halb im Scherz anvertraut: »Das muss reichen. Ich will ja noch in den Spiegel sehen können.« Er wollte sich unbedingt von Kitsch und Gefühligkeit distanzieren, als wäre das etwas, das ihn schwach wirken ließe. Eigentlich wusste er es besser, trotzdem konnte er nicht aus seiner Haut. Er warf seinem Vater einen Seitenblick zu. Ein paar Ähnlichkeiten gab es vielleicht doch zwischen ihnen, auch wenn Oliver sich das nicht gern eingestand.

Die Weihnachtskrippe kam ihm in den Sinn, die sein Vater gezimmert hatte, als sie Kinder waren. Ein wirkliches Prachtstück, das zu Lebzeiten der Mutter jedes Jahr liebevoll aufgebaut worden war. Sein Vater hatte sich mit den Figuren und der Dekoration der Krippe so ausgiebig beschäftigt, wie es andere Männer höchstens mit ihren Modelleisenbahnen taten. Trotzdem war sie mit dem Tod seiner Mutter für immer verschwunden. Oliver fragte sich, warum sein Vater sich untersagte, diesem Hobby zu frönen. Wahrscheinlich war es das Gleiche wie mit dem Weihnachtsschmuck auf der Fensterbank. Für sich selbst die ganze Dekoration aufzubauen und sich dabei Weihnachtsgefühlen hinzugeben, das wäre dann doch ein bisschen peinlich.

»Was ist eigentlich mit unserer Krippe?«, fragte er nun. »Gibt es die noch?«

»Die ist auf dem Dachboden«, brummte sein Vater, ohne aufzusehen. »Ich komme da nicht mehr hoch.«

»Ich könnte sie für dich runterholen. Dann bauen wir sie auf.«

»Zu Weihnachten?« Er lachte verächtlich. »Das ist eher was für Frauen.«

»Es wäre wie früher …«

»Unsinn. Das ist viel zu umständlich.«

Er griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Damit war die Unterhaltung beendet. Irgendeine grässliche Talkshow flimmerte über den Bildschirm.

»Die Krippe bleibt, wo sie ist«, sagte sein Vater noch, dann drehte er die Lautstärke auf. Er widmete sich der Sendung und tat, als wäre Oliver nicht anwesend.

Der verschwand hoch in sein Jugendzimmer, um durchzuatmen. Wenn das so weiterging mit seinem Vater, dann fragte er sich langsam, wie er die kommenden Tage überstehen sollte. Es war eine bescheuerte Idee gewesen, herzukommen. Er wusste nicht, was seine Schwester sich dabei gedacht hatte.

Er klappte den Laptop auf, um seine Mails zu checken. Obwohl morgen Heiligabend war, waren noch etliche Nachrichten eingegangen. Vor allem handelte es sich um Weihnachtsgrüße oder irgendwelche Pressemeldungen. Ein paar persönliche Mitteilungen, doch nichts, das nicht bis nach den Feiertagen warten konnte.

Er klickte sich durch einige Nachrichtenseiten, eine Berufskrankheit, von der er auch im Urlaub schwer lassen konnte. Dann klappte er den Laptop zu und trat ans Fenster.

Unter ihm lag der Gemüsegarten seiner Mutter. Dahinter erstreckten sich die Nachbargärten der alten Stadthäuser, deren Vorderseiten mit den schmucken Giebeln nach vorn auf die engen Gassen hinaus wiesen, während hintendran riesige Grundstücke verborgen lagen, die kein Mensch vermuten würde, der durch die Altstadt wanderte.

Das Haus von Peters Eltern lag ein paar Straßen entfernt, dort gab es keinen Garten. Nur einen handtuchgroßen Hinterhof, auf dem früher Hühner umherliefen. Ob Peters Eltern noch lebten? Sein Vater sicher nicht, der wäre weit über neunzig. Ein verbitterter Mann, der sich ein Leben lang als Bauarbeiter krumm buckelte und dazu Kettenraucher war. Kaum vorstellbar, dass so jemand steinalt würde. Peters Mutter, die getrunken und zeit ihres Lebens Unmengen von Tabletten geschluckt hatte, von denen damals noch niemand wusste, wie suchtgefährdend sie waren, lebte mit noch größerer Wahrscheinlichkeit nicht mehr.

Oliver erinnerte sich, wie düster und bedrückend es in ihrem Haus stets gewesen war. Man glaubte, kaum Luft zu bekommen. Peter war damals am liebsten mit Oliver zusammen. Wenn nicht am Hafen, dann hier in seinem Kinderzimmer. Er wollte seinen Eltern möglichst fernbleiben, bis er alt genug war, um zu rebellieren und sich ihnen nicht mehr ausgeliefert zu fühlen.

Oliver hatte ebenfalls gegen seine Eltern rebelliert, als er in die Pubertät kam. Und nicht zu knapp. Gegen den mürrischen Vater mit seinen stramm konservativen Überzeugungen und die warme, füllige Mutter, die stets wie ein Wasserfall redete und selten etwas Tiefgründiges sagte. Doch was Peter in seinem Elternhaus erdulden musste, das konnte Oliver nur erahnen. Sie hatten nie über seine blauen Flecken gesprochen. Nicht direkt. Oliver wusste, woher sie stammten, und Peter wusste, dass Oliver es wusste. Damals war das für sie beinahe normal gewesen. Eine grauenhafte Vorstellung.

Er wandte sich vom Fenster ab. Es wurde Zeit fürs Abendessen. Sonst kochte seine Schwester Sandra, die nur einen Steinwurf entfernt wohnte, für den Vater. Doch offenbar glaubte sie, dass Oliver nun diese Aufgabe übernehmen würde, solange er zu Besuch war.

Er ging hinunter ins Wohnzimmer, wo es warm und gemütlich war. Ein leichter Geruch nach Feuerholz lag in der Luft. Sein Vater hockte regungslos in seinem Rollstuhl, der Fernseher plärrte unverändert.

»Hast du schon über das Abendessen nachgedacht?«, fragte Oliver, griff nach der Fernbedienung und stellte den Ton leiser. »Vielleicht könnten wir uns was liefern lassen? Wozu hast du Lust? Ich lade dich ein.«

Keine Reaktion. Oliver wandte sich zum Rollstuhl.

»Papa? Alles in Ordnung?«

Sein Vater war tief in den Rollstuhl gesunken, die Augen fest geschlossen, den Kopf in einem seltsamen Winkel geneigt. Er regte sich nicht.

Oliver war mit einem Satz bei ihm.

»Papa! Kannst du mich hören?«

Er war nicht ansprechbar, sein Puls nicht mehr zu spüren. Oliver packte ihn an den Schultern. Doch nichts. Sein Vater war nicht bei Bewusstsein. Eilig schnappte er nach dem Handy, wählte den Notruf, rief dann seine Schwester an.

Verstört blieb er mit seinem reglosen Vater zurück, wusste nicht, was er tun sollte, war voller Furcht, bis endlich der Rettungsdienst eintraf. Erleichtert rannte er zur Tür. Das Zucken der Blaulichter fiel durch das Milchglas der Haustür. Die Rettungskräfte drangen mit Koffern und Rotkreuzjacken in das überheizte weihnachtliche Wohnzimmer ein. Sie stellten dabei Fragen zur gesundheitlichen Situation seines Vaters, die er nicht beantworten konnte. Er fragte sich, wo Sandra blieb, die eine größere Hilfe wäre.

Als die Rettungskräfte den reglosen Mann untersuchten, ging plötzlich ein Ruck durch den Körper seines Vaters.

»Was ist hier los?«, fragte er, als er die Rettungskräfte erblickte. »Bin ich etwa schon tot?«

»Sie waren nicht ansprechbar«, informierte ihn einer der Männer. »Ihr Sohn hat uns gerufen.«

»Ich habe nur ein bisschen geschlafen«, protestierte sein Vater, der plötzlich wieder sehr lebendig wirkte. »Darf ein alter Mann nicht mehr in Ruhe seinen Mittagsschlaf halten, ohne gleich lebendig begraben zu werden?«

Die Rettungskräfte machten sich ungeachtet der Proteste daran, ihn näher in Augenschein zu nehmen. Doch Oliver entging nicht der genervte Blick, den ihm einer der beiden rasch zuwarf.

Am liebsten wäre er im Boden versunken. Was war er nur für ein Idiot. Er hatte die Lage falsch eingeschätzt und komplett überreagiert. Und sein Vater schimpfte auch noch hemmungslos auf die Rettungskräfte ein.

Oliver stand in der Tür und fragte sich wieder insgeheim, was er hier überhaupt machte. Er hatte einem Moment der Sentimentalität nachgegeben, als Sandra ihn eingeladen hatte. Einem Hauch von Weihnachtsgefühl, das ihn zu seiner Familie zurückbrachte. Er wünschte, er wäre jetzt in London oder sonst wo auf der Welt. Nur eben nicht im Haus seines mürrischen und mosernden Vaters, in dessen Augen er doch nichts richtig machen konnte.

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Das Beste an Heiligabend war früher, wenn es zweiundzwanzig Uhr wurde, die zähen Familienfeiern zu Ende gingen, die Eltern sich bettfertig machten und Oliver und Peter endlich mit der eigentlichen Feier, ihrem Weihnachtsfest, loslegen konnten – bei einem Pint Guinness in ihrer Lieblingskneipe, im Mulligan’s Pub.

Das war ihre Tradition, seit sie alt genug waren, um in der Öffentlichkeit Bier zu trinken. Heiligabend zusammen einen draufmachen. Nach den zähen und streitbehafteten Familientreffen Dampf abzulassen und ihre Freundschaft zu feiern.

Oliver erinnerte sich an jenes Weihnachtsfest, ein halbes Jahr, bevor er zum Studieren weggezogen war, als Peter im Mulligan’s Pub mit seiner neuen Freundin Peggy auftauchte. Sie hieß nicht wirklich so, doch der Spitzname klang damals eben cool. Er passte zu ihr, denn sie wirkte erwachsener als die anderen Mädels, selbstbewusster, sinnlicher. Sie hatte etwas an sich, das Oliver verunsicherte.

»Ihr wollt also weg von hier«, sagte Peggy beim dritten Pint. Sie hatte sich wie selbstverständlich zwischen die beiden gesetzt, als drehe sich alles um sie. »Peter sagt, du wirst Schriftsteller?«

Das brachte Oliver aus dem Konzept. Nicht nur, weil dies sein heimlicher Traum war, von dem nur wenige wussten. Auch war ihre Nähe verstörend. Der Duft, der von ihr ausging, verunsicherte ihn, der ironische und messerscharfe Blick, mit dem sie ihn bedachte, die Rundungen ihrer Brüste.

»Natürlich wird er das«, sprang Peter ein, weil Oliver wie erstarrt war. »Er wird der nächste Hemingway. Wart’s ab, du wirst schon sehen.«

»Und du«, sagte sie und schmiegte sich an ihn, »du wirst der nächste Beuys. Richtig?«

Peter träumte davon, bildender Künstler zu werden. Er arbeitete am liebsten mit Holz, erschuf Skulpturen, die sein Talent zeigten. Er hoffte, an einer Kunsthochschule angenommen zu werden.

»Ich bin gespannt, wer von euch berühmter wird.« Peggy legte die Arme um die beiden. »Ich komme mit und werde eure Muse. Was sagt ihr dazu? Wenn ihr mich fragt, weiß ich schon, wohin wir gehen. Wir sollten nach Berlin.«

Westberlin, die Mauerstadt, war wie eine Fata Morgana. Dort schien alles möglich. Die Stadt verhieß das Versprechen, Träume zu erfüllen. Der Enge der Provinz ein für alle Mal zu entfliehen. Dort gab es keine Regeln, keine Vorschriften, keine Sperrstunde. Es war die Stadt, vor der die Eltern sie sorgenvoll warnten. An diesem Weihnachtsabend im Mulligan’s Pub beschlossen sie, zusammen nach Berlin zu ziehen. In ihrem jugendlichen Übermut schien das vollkommen realistisch. Sie waren frei und konnten tun, was sie wollten. Warum nicht nach Berlin gehen?

Sie stießen mit Tequila an und rutschten eng auf der Bank zusammen in dem heißen und stickigen Pub. Peter legte seinen Arm um Peggy. »Aber meine Muse bist du längst«, lachte er und küsste sie, was Oliver seltsamerweise einen Stich versetzte. »Dafür müssen wir nicht erst nach Berlin.«

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Obwohl ihr Vater offensichtlich wohlauf war, brauchte Sandra eine Weile, um den Schock zu verkraften. Sie lief in die Küche und holte sich ein Glas Wasser, während die Rettungskräfte nebenan ihre Routineuntersuchungen beendeten.

»Der Notknopf lag auf dem Wohnzimmertisch!«, schimpfte sie drauflos. »Zwei Meter von ihm entfernt.«

Oliver wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte, und sah sie nur fragend an.

»Verdammt, Oliver. Er hätte ihn um den Hals tragen müssen. Dann kann er ihn drücken, falls etwas passiert. Dafür hat er ihn. Seien wir froh, dass es nur falscher Alarm war.«

»Aber … woher soll ich das wissen?«

»Er hat ihn wegen dir abgelegt. Weil ihm das peinlich war vor seinem berühmten Sohn.«

»Selbst wenn … So was musst du mir sagen. Dann hätte ich darauf geachtet. Was erwartest du von mir?«

Ihre Wut verpuffte. Sie stieß die Luft aus und stellte das Wasserglas ab. Sein Versäumnis war nicht der Grund für ihre Erregung, es war ihre Sorge um den Vater.

»Außerdem glaube ich nicht, dass er ihn meinetwegen abgelegt hat«, meinte Oliver. »Ich habe nicht den Eindruck, dass er mich überhaupt hierhaben will.«

»Du willst doch auch gar nicht hier sein. Glaubst du, er merkt das nicht?«

Oliver bekam nicht die Chance, etwas darauf zu erwidern. Die Rettungskräfte riefen sie zu sich ins Wohnzimmer.

»Mit Ihrem Vater ist alles in Ordnung«, sagte einer. »Sie können morgen beruhigt zusammen Heiligabend feiern.«

»Sind Sie sicher?«, fragte Sandra. »Sollte er nicht vielleicht zur Beobachtung mitgenommen werden?«

»Mir geht es gut«, bestimmte ihr Vater grimmig. »Macht bitte kein Drama aus der Sache.«

»Ja, das sehe ich«, schimpfte Sandra. »So gut, dass Oliver den Krankenwagen gerufen hat.«

»Das wäre gar nicht nötig gewesen. Nur, weil ich einen Moment weggenickt bin.«

»Dieses Mal ist es vielleicht gut gegangen.« Sie hob drohend den Finger. »Aber wehe, du legst deinen Notfallknopf noch mal weg, Papa. Dann bringen wir dich ins Heim, umgehend. Glaub nicht, dass ich Spaß mache.«

Sie meinte das nicht ernst, das wusste Oliver. Doch wie er die beiden so betrachtete, wurde ihm klar, dass sie es im Grunde gern mochten, sich gegenseitig anzugiften. Unter der ruppigen Oberfläche ließ sich die Zuneigung, die sie füreinander empfanden, deutlich spüren.

Nachdem die Rettungskräfte fort waren, brachte Oliver seine Schwester zur Tür. Sie besprachen kurz, wie der morgige Tag ablaufen würde. Das Essen mit der gesamten Familie, die Bescherung, die Weihnachtsmesse. Dann verabschiedete sie sich und spazierte davon.

Sein Vater, der trotz aller gegenteiligen Bekundungen ein wenig angeschlagen wirkte, zog sich zurück, um schlafen zu gehen. Auf das Abendessen wolle er verzichten. Oliver blieb allein im Wohnzimmer zurück. Der Appetit war ihm ebenfalls vergangen, und er blickte sich nachdenklich in dem stillen Raum um.

Der Ofen strahlte noch Wärme ab, doch sonst war alles wie erstarrt. Er betrachtete die Bilder, die im schmalen Flur zwischen Wohnzimmer und Küche an der Wand hingen. Fotos der Metzgerei seines Vaters. Hier eines, wie er mit seiner Frau hinterm Verkaufstresen stand. Dort eines, wie das Geschäft nach der Vergrößerung in den Achtzigern aussah. Eine gerahmte Meisterurkunde hing ebenfalls an der Wand, daneben der Preis für die Beste Metzgerei des Jahres 1987. Ein Foto zeigte den Vater voller Stolz vor seinem Ford Taunus. Ein anderes war beim Familienurlaub auf Borkum geschossen worden. Die perfekte Kleinfamilie, Vater, Mutter, ein Sohn, eine Tochter.

Oliver dachte an das Versprechen, das er und Peter sich damals gegeben hatten. Niemals zu werden wie die Eltern. Peter hatte sicher gute Gründe für diesen Schwur gehabt. Doch Oliver fragte sich jetzt, ob es so schlimm gewesen wäre, wenn er wie sein Vater geworden wäre?

Die Bilder zeigten einen Mann, der ehrgeizig gewesen war. Der hart gearbeitet, in den Aufbaujahren angepackt und ein Zuhause für seine Familie geschaffen hatte. Der aus dem, was das Leben für ihn bereithielt, das Beste rausgeholt hatte, egal, wie schwer er dafür arbeiten musste.

Seine eigene Lebensleistung, das wusste Oliver, sah nach außen besser aus, als sie es war. Nur weil er im Fernsehen auftrat, hieß das nicht, dass er etwas aus seinem Leben gemacht hatte. Sein Job war stressig, ihm blieb wenig Zeit für ein Privatleben. Er hatte keine Beziehung, keine Kinder. Nur immer wiederkehrende Flughäfen, Hotelzimmer, Deadlines. Das flüchtige Gefühl, bekannt und bedeutend zu sein, das in seinem schnelllebigen Geschäft trügerisch war.

Er wanderte weiter durchs Haus, betrachtete die Erinnerungen an seine Kindheit. Im Wohnzimmer blieb er am Gartenfenster stehen, wo die Kerze und der Weihnachtsstern aufgebaut waren. Mit einem Lächeln dachte er an sein Washingtoner Studio, an die Rechtfertigung, weshalb er nicht mehr Weihnachtsdekoration im Büro haben wollte.

Er hatte eine Idee. Wenn sie schon zusammen Weihnachten feierten, dann wie früher. Ungeachtet des Unbehagens, das überschwängliche Weihnachtsgefühle bei den Männern in der Familie auslösen mochten. Er ging in die Küche und fand den kleinen Schlüssel in der Besteckschublade, wo er immer schon gelegen hatte. Er stieg hinauf zum Dach, steckte den Schlüssel in die Tür und schloss auf. Hier oben war es niedrig, staubig und eiskalt. Die nackte Glühbirne warf ein schwaches Licht auf die Kisten und Kartons, mit denen alles vollgestopft war. Trotzdem. So schwer konnte das nicht sein, sagte er sich. Er würde die Krippe schon finden.

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Im Frühjahr nach ihrem letzten Weihnachten im Mulligan’s Pub bekam Oliver die Zusage: Er hatte einen Studienplatz für Journalismus und Politikwissenschaft in Berlin. Es sollte nur ein Zwischenschritt sein, schwor er sich, auf seinem Weg zum Schriftsteller, dem eigentlichen Ziel. Doch das würde ihn erst einmal nach Berlin bringen. Er hatte das Gefühl, sein Leben begänne jetzt. Alles war neu und aufregend. Endlich könnte er fortgehen. Wenn nur Peter mitkäme.

Sie waren zum Deich rausgefahren, wie so oft, saßen am Rande der Wiesen und blickten in die Weite. Die Sonne war längst untergegangen, und im Zwielicht der Dämmerung zündeten sie einen Joint an.

»Wieso suchst du dir nicht in Berlin eine Schreinerei?«, wollte Oliver wissen. »Wieso unbedingt hier?«

Peter plante eine Ausbildung zum Schreiner, ausgerechnet in Leer. Er hatte jahrelang im Sommer Geld auf dem Bau verdient, um im Winter an seinen Holzskulpturen zu arbeiten. Oliver vermutete, er hatte Angst davor, eines Tages auf dem Bau hängenzubleiben, so wie sein Vater. Aber gerade deshalb hätte er doch mitgehen müssen nach Berlin, egal, wie vernünftig die Ausbildung zum Schreiner war. Wieso wollte er unbedingt in Leer bleiben? Oliver verstand das nicht. Die Entscheidung seines Freundes frustrierte ihn.

»Der Betrieb ist super. Das ist schon in Ordnung da.«

»Du kannst in Berlin auf dem zweiten Bildungsweg dein Abi nachholen. Dann könntest du an die Kunsthochschule.«

»Drei Jahre halte ich durch«, meinte er ausweichend. »Danach haue ich ab.«

Drei Jahre. Für Oliver klang das wie eine Ewigkeit. Er hätte es keine zwei Wochen mehr ausgehalten.

»Willst du gar nicht mehr von hier weg?«

Peter betrachtete nachdenklich eine Schafherde, die in der Dämmerung über den Deich wanderte. Er reichte Oliver den Joint und legte sich ins Gras.

»Ich habe noch Peggy«, sagte er. »Sie bleibt auch hier.«

»Aber die will doch weg, genau wie wir.«

In diesem Moment war sich Oliver nicht sicher, ob es dieses Wir überhaupt noch gab. Hatte Peter Angst davor fortzugehen? Was war sein Problem?

»Drei Jahre sind keine Ewigkeit. Wenn Peggy und ich nachkommen, kennst du dich in der Stadt aus und kannst uns alles zeigen.«

Peggy und er. Es war merkwürdig. Oliver sollte sich auf Berlin freuen. Trotzdem fühlte er sich seltsam ausgeschlossen. Als wäre er derjenige, der zurückblieb. Es war bescheuert, so zu denken, doch konnte er nicht umhin, eifersüchtig zu sein.

Was war es, das Peggy an Peter anziehend fand?, fragte er sich insgeheim. Waren es die Abgründe seiner Kindheit, die er mit sich herumtrug? Die Narben, die auf seiner Seele zurückgeblieben waren? War es das, was Peter begehrenswerter machte als ihn?

»Komm schon, Mann«, sagte Peter, als er sein verschlossenes Gesicht bemerkte. »Ist doch nur vorübergehend.« Er zog am Joint und blies Rauch in die Seeluft. »Versprochen, Oliver. Ich komme nach.«

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Im grauen Vormittagslicht stand Oliver mit seiner dampfenden Kaffeetasse im Wohnzimmer und betrachtete die Krippe, die er sorgsam aufgebaut hatte. Sandra hatte ihren Vater zu dessen wöchentlichem Stammtisch gefahren, wo er voraussichtlich noch ein paar Stunden bleiben würde. Der Stammtisch fand immer donnerstags in einer Kneipe in der Altstadt statt, und auch wenn dieser Donnerstag mit Heiligabend zusammenfiel, wollten die Männer nicht darauf verzichten. Oliver war das sehr recht gewesen, denn so hatte er Zeit gehabt, in Ruhe die Krippe aufzubauen.

Er begutachtete nun sein Werk. Er hatte zwar das unbestimmte Gefühl, dass sein Vater die Krippe damals anders aufgebaut hatte, mit mehr Blick für Details, für Sandwege, Zäunchen, Nebengebäude. Dennoch war es fast wie früher. Bis auf das fehlende Moos natürlich, für die Wiesen der Hirten, das Oliver gestern im Dunkeln nicht mehr hatte besorgen können.

Er sah aus dem Fenster. Frost hatte sich in der Nacht über die Gärten gelegt. Hinter dem alten Hühnerstall seiner Mutter, der nun ein verfallener Holzschuppen am Ende des Gartens war, würde genug Moos zu finden sein, wenn sich seit damals nichts geändert hatte.

Er stellte die Kaffeetasse ab, warf sich den Morgenmantel über, nahm einen Korb und ein Messer und spazierte hinaus in den frostigen Garten. In der Ferne hörte er eine Möwe schreien, ansonsten war es still. Keine Menschenseele war zu sehen am Morgen dieses 24. Dezembers.

Am alten Hühnerstall fand er tatsächlich genügend Moos für die Krippe. Mit der Hand wischte er den Raureif ab, der das Moos silbern färbte, und schnitt mit dem Messer vorsichtig Stücke heraus.

»Oliver! Das ist ja eine Überraschung!«

Er schrak auf. Am Gartenzaun war Frau Hansen aufgetaucht, eine Nachbarin. Er war doch nicht allein auf der Welt. Sie hängte Meisenknödel in einen Baum und winkte ihm zu.

»Du bist zu Weihnachten gekommen. Da wird sich dein Vater ja freuen.«

Er stand auf und klopfte die Hände sauber.

»Das hoffe ich«, scherzte er. »Ganz sicher bin ich mir nicht.«

»Wir sehen jede Woche deine Sendung. Das ist bei uns Pflicht.«

»Es ist gut, mal wieder hier zu sein.«

»Zu Hause ist es eben am schönsten. Hast du Peter schon besucht?«, fragte sie leichthin.

Oliver stockte. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Lächelte unbestimmt.

»Ihr wart als Kinder unzertrennlich. Solche Freundschaften sind selten, glaub mir.«

Sie schien seine Zurückhaltung nicht zu bemerken, denn sie plauderte ungestört weiter. »Er hat seine Werkstatt nicht weit vom Denkmalplatz, aber das weißt du sicher. Zusammen mit den Verkaufsräumen. Er baut Möbel für Leute, die Geld haben. Spezialanfertigungen. Das läuft gut, was man so hört. Und natürlich seine Skulpturen. Damit macht er eine Menge Geld. Und so hübsche Kinder hat er! Ganz die Mutter, sage ich immer. Wie heißt die noch?«

»Petra«, sagte Oliver benommen.

»Richtig, Petra. Entschuldige. Das Gedächtnis. Sie sind so ein schönes Paar, immer noch. Dass Peter so gut geraten ist … also, das hätten damals nicht viele für möglich gehalten. Du weißt schon, bei den Eltern. Eine schwere Bürde für ein Kind. Gut, dass er dich hatte. Ohne eure Freundschaft wäre es sicher schwerer für ihn gewesen.«

»Ich weiß nicht. Wir waren halt Freunde, mehr nicht.«

»O doch. Du hast ihm Sicherheit gegeben, das kannte er von zu Hause nicht. Du und deine Eltern, ihr habt ihm gezeigt, dass es auch anders geht.«

Drinnen läutete das Telefon. Sicher war das Sandra, die absprechen wollte, wer den Vater vom Stammtisch abholte. Für Oliver eine Erlösung. Er deutete zur offenen Gartentür.

»Tut mir leid, ich muss rein.«

»Natürlich, geh schon. Grüß deinen Vater. Und grüß Peter, wenn du ihn siehst. Frohe Weihnachten.«

»Frohe Weihnachten, Frau Hansen«, sagte er höflich und eilte mit dem Mooskorb davon.

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Sandra sagte ihm am Telefon, dass ihr Vater erst nach dem Mittagessen zurückkehren würde und sich danach erst mal hinlegen würde. Oliver solle also nicht mit dem Essen auf ihn warten. Alles andere würde später folgen, sie sähen sich ja spätestens zum Gottesdienst.

Oliver hatte somit noch ein paar Stunden Zeit, um seine eigenen Vorbereitungen abzuschließen. Das Aufbauen der Krippe war fertiggestellt, die Mooswiesen sahen nun ebenfalls aus wie in seiner Kindheit. Was fehlte, um es perfekt zu machen, dachte er und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, wäre ein Weihnachtsbaum. So wie er früher zwischen Krippe und Gartenfenster gestanden hatte. Er amüsierte sich bei der Vorstellung, was sein Vater dazu sagen würde.

Einen Baum zu besorgen, dafür wäre noch genügend Zeit. Er zog seinen Mantel über und spazierte durch die Altstadt, auf der Suche nach einem Verkaufsstand. Früher wurden in der Mühlenstraße Weihnachtstannen verkauft. Mit etwas Glück ließ sich dort ein Baum auftreiben. Er spazierte durch die hübschen Altstadtgassen, die wie aus dem Ei gepellt waren, mit den vielen kleinen bunten Läden für Touristen und Besucher. Das Antiquariat Hecht, wo er früher Klassiker gekauft hatte, existierte noch, wie er zu seiner Freude feststellte. In den Straßen leuchtete Weihnachtsschmuck, und überall war Ruhe eingekehrt.

Am Denkmalplatz, Ecke Mühlenstraße, gab es tatsächlich einen umzäunten Verkaufsstand für Weihnachtsbäume. Viele Tannen waren nicht mehr übrig, doch er sah auf den ersten Blick, dass genügend wohlgeratene darunter waren. Er würde nicht leer ausgehen. Offenbar hatten die meisten Einheimischen nicht bis zum 24. gewartet, denn die Verkäufer standen ohne Kundschaft herum und plauderten mit dampfenden Tassen in der Hand.

Er steuerte den Stand an, als ihm einfiel, was Frau Hansen gesagt hatte. Peters Werkstatt sei in der Nähe des Denkmalplatzes. Zögernd nahm er sein Handy und googelte Peters Namen, und tatsächlich wurde ein Treffer angezeigt für ein Ladenlokal, nur fünfzig Meter entfernt.

Unschlüssig sah er zu dem Verkaufsstand, dann entschloss er sich, zuerst einen heimlichen Blick in Peters Schaufenster zu werfen. Er trat in die Seitenstraße, eine enge Gasse, in der zum Großteil Nachkriegsbauten standen. Peters Geschäft erkannte er von Weitem. Es lag in einem Backsteinhaus und wirkte sehr beeindruckend mit den hohen Fenstern, hinter denen geschmackvoller Weihnachtsschmuck zu sehen war.

Zum Glück hatte der Laden geschlossen, so konnte Oliver sich in Ruhe umsehen. Es waren schicke Möbel, die da in den Schaufenstern standen. Dazwischen Peters Skulpturen. Oliver erinnerte sich, wie er früher mit Peter in der Garage, in der er sie baute, Bier getrunken hatte. Der Stil seiner Skulpturen hatte sich seitdem kaum verändert. Eine seltsame Sehnsucht erfasste Oliver. Der Wunsch, sie könnten noch einmal zusammen in der Werkstatt sitzen und Bier trinken.

Er verscheuchte das Gefühl und beäugte voller Bewunderung die Ware. Wer hätte gedacht, dass Peter einmal Inhaber eines solchen Ladens wäre? Bei den schlechten Startbedingungen durch sein Elternhaus. Trotz allem, was gewesen war, hätte Oliver platzen können vor Stolz auf seinen alten Freund. Peter hatte es geschafft, etwas aus seinem Leben zu machen.

»Oliver?« Eine erstaunte Stimme hinter ihm. »Bist du das?«

Er wirbelte herum. In der Gasse stand Petra. Er erkannte sie sofort, trotz der dreißig Jahre, die sie sich nicht gesehen hatten. Sie war ein wenig auseinandergegangen, und ihr Gesicht war nicht mehr so straff wie früher. Trotzdem war sie noch immer eine attraktive Frau.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie verdattert. »Warum bist du in Leer?«

»Ich besuche meinen alten Herrn. Zu Weihnachten, du weißt schon.«

Er fühlte sich ertappt. Linkisch erklärte er: »Ich war zufällig am Denkmalplatz, um einen Baum zu kaufen. Da dachte ich, ich sehe mal rein.«

»Peter ist gar nicht da«, meinte sie betreten.

»Oh, ich … ähm, ich wollte gar nicht zu ihm. Wie gesagt, ich bin zufällig vorbeigekommen.«

Es war eine unangenehme Situation. Er hatte seit dreißig Jahren nicht mehr mit Peter gesprochen. Und jetzt stand er hier herum und spähte heimlich durch die Fenster.

»Komm doch rein«, sagte sie. »Ich mache uns einen Tee.«

»Nein, das geht nicht. Ich muss meinen Vater aus der Kneipe abholen.«

Zwar hatte Sandra sich angeboten, diesen Job zu übernehmen, doch das würde sie schon nicht erfahren.

»Aus der Kneipe? An Heiligabend?«

»Sein Stammtisch. Du kennst ihn ja. Er hält gern an Gewohnheiten fest.«

Sie fielen in Schweigen. Oliver stand da, die Hände in den Manteltaschen vergraben. In der kalten Luft tauchten ein paar Schneeflocken auf, die wie schwerelos zwischen ihnen tanzten.

»Einen schönen Laden habt ihr«, sagte er.

»Ja. Er ist Peters ganzer Stolz.«

Es gäbe so viel zu sagen. Oliver wusste nicht, wo er anfangen sollte. Er räusperte sich.

»Grüß Peter von mir.«

Sie zögerte. Schien ebenfalls mehr auf dem Herzen zu haben.

»Ja, das mache ich.«

Er nickte, wandte sich ab und stiefelte durch den beginnenden Schneefall zurück zum Denkmalplatz.

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Sein erstes Weihnachten in Berlin fühlte sich merkwürdig an. Es war das erste Mal seit Jahren, dass er sich nicht mit Peter im Mulligan’s Pub traf. Oliver schwänzte in diesem Jahr das Familienfest. Er hatte eine lahme Ausrede bemüht, um in Berlin bleiben zu können. Seine Eltern hatten das durchschaut, doch es war ihm egal.

Er lebte in einer kleinen Wohnung in einem heruntergekommenen Altbau in Neukölln, mit Kohlenofen und Klo auf halber Treppe, mit einer Matratze auf dem Boden und einem Gefühl von Freiheit, wie er es noch nie zuvor in seinem Leben gespürt hatte. Berlin war tief eingeschneit, Kohlengeruch lag wie eine Glocke über der Stadt, er machte die Nächte auf Partys durch und lag tagsüber meist im Bett.

Wenn Peter auch hier gewesen wäre, dachte er, dann wäre es perfekt. Er hatte versucht, ihn zu überreden, Weihnachten nach Berlin zu kommen. Doch seine Schreinerei hatte zwischen den Jahren einen Großauftrag, weshalb er nicht wegkonnte.

Oliver konnte das schwer verstehen. Bei Peter ging es nur um die Arbeit. Den ganzen Tag wurde geschuftet, und am Wochenende schnitzte er in der Garage an seinen Skulpturen. Dabei wollten sie doch Abenteuer erleben. Frei sein, ihr eigenes Ding machen. Nicht so werden wie ihre Eltern.

Am Heiligabend lag Oliver auf seiner Matratze, erholte sich von der Party am Vorabend und legte Schallplatten auf. Die knarzenden Treppenstufen zum obersten Stockwerk, wo außer ihm keiner lebte, meldeten plötzlich Besuch an. Es klopfte an der schweren Holztür. Fast glaubte er, Peter hätte es sich anders überlegt, doch als er die Tür aufzog, stand nicht sein Freund, sondern Peggy im Treppenhaus.