Carin Gerhardsen, geb. 1962, ist in Katrineholm aufgewachsen und lebt nun in Stockholm. Vor dem internationalen Durchbruch als Autorin arbeitete die Mathematikerin mit großem Erfolg in der IT-Branche. Mit der Serie um Kommissar Conny Sjöberg erlangte die Schwedin Carin Gerhardsen ihren internationalen Durchbruch: Die Schweden-Krimis wurde in über 25 Sprachen übersetzt, jedes Buch erreichte Platz 1 der schwedischen Bestseller-Charts.
IN DEINEN
EISKALTEN AUGEN
Aus dem Schwedischen von
Thorsten Alms
SCHWEDEN-KRIMI
beTHRILLED
Digitale Neuausgabe
»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2013 by Carin Gerhardsen
Titel der schwedischen Originalausgabe: »Hennes iskalla ögon«
Originalverlag: Norstedts, Sweden
Published by arrangement with Nordin Agency AB, Sweden
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach
Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de unter Verwendung von Motiven von © imo/shutterstock; © wavebreakmedia/shutterstock; © Wilqkuku/shutterstock
eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-0769-5
be-ebooks.de
lesejury.de
Jetzt fällt der Tau, und die Sonne steigt
Doch du kannst es nicht hören
Ohne Rock und Bluse liegst du
Mit deinen Lippen an meinem Ohr
Sprich jetzt ernsthaft, beschwörst du mich
Du lachst Lieder, du singst einen Scherz
Du kannst, willst aber nicht
Singen das Lied vom zerbrechlichen Glück
Jetzt steigt die Sonne, jetzt fällt der Tau
Für Arme und für Reiche
Das Glück hat einen giftigen Dorn
Dem man ausweichen sollte
Es bleibt dir treu für einen Tag
Doch wenn du es behalten willst
Schauen kalt wie Eis nur seine Augen
Und du wirst bitter wie Galle
Jetzt fällt der Tau ganz ohne Laut
Und tropft auf Gras und Blätter
Jeden Morgen wird die Sonne getraut
Doch keine Hochzeitslieder erklingen
Ann-Katarin, ich sage dir,
Es gibt ein Glück, das vom Lachen erstirbt
Doch nachts will es gestreichelt werden
Und es ist still wie Wasser
Steig aus dem Bett, Ann-Katarin,
Denn das ist wirklich wichtig
Es gibt diesen besonderen Wein
Den man mit Vorsicht trinken sollte
Denn trinkt man ihn ganz ohne Verstand
Verliert er seinen alten Glanz
Und dir bleibt eine leere Flasche
Und bittere Tränen und Asche.
Cornelis Vreeswijk, Grimasch am Morgen
»Wie geht es den Hunden, Eva-Lena?«, fragte Carina, als die Maschine draußen vor der Tür für ein paar Sekunden mit dem aufhörte, was sie dort machte – irgendwas mit Fenster- und Fassadenrenovierung.
Reden, reden – es musste die ganze Zeit geredet werden. Wenn die Ohren ein paar ersehnte Augenblicke Ruhe vor dem Baulärm hatten, musste die Leere sofort mit irgendeinem Geschwafel über dies oder das gefüllt werden. Inhaltsloses Geplauder über das, was einem gerade in den Sinn kam, Tratsch über Kunden, Promis oder gemeinsame Bekannte.
Das Fenster war herausgenommen worden, und es war kühl im Salon. Eva-Lena trug ihre Jacke und hatte sich, das kalte Waschbecken an ihrer nackten Haut, im Friseurstuhl zurückgelehnt. Carina hatte ihr nicht den Luxus gegönnt, ein Handtuch dazwischenzulegen, und Eva-Lena bereute, dass sie den Jackenkragen nicht hochgeschlagen hatte, bevor sie sich zurücklehnte. Jetzt war es irgendwie zu spät. Sie hatte die Augen geschlossen und versuchte sich möglichst wenig zu bewegen, um die vorsichtigen, aber präzisen Bewegungen der Kollegin mit der Farbbürste über den Wimpern nicht zu stören.
»Gut«, sagte sie. »Alles in Ordnung.«
Damit war die Antwort dreimal so lang wie eigentlich nötig. Sie war höflich, hielt das Gespräch in Gang.
»Durften sie heute nicht mit in die Stadt?«, fuhr Carina fort.
Nein, ganz offensichtlich nicht.
»Es ist hier gerade so kalt und ungemütlich. Wegen der Renovierung.«
»Im Salon ist es doch bestimmt nicht kälter als im Zwinger draußen in Sköndal?«, lachte Carina.
»Nein, aber lauter«, sagte Eva-Lena mit einem gezwungenen Lächeln. »Im Übrigen habe ich keinen Hundezwinger. Sie leben im Haus.«
Warum erzählte sie so etwas? Tja, um Carina nicht mit allzu kurzen Antworten in Verlegenheit zu bringen, um ihr nicht eine noch größere Verantwortung für ein Gespräch aufzubürden, das im Grunde nur sie interessierte. Eva-Lena gab sich jede erdenkliche Mühe. Stellte ihre eigenen Bedürfnisse für Carina zurück. Wie immer. Eva-Lena tat sich selbst Gewalt an, damit andere sich wohlfühlten, ohne jemals etwas zurückzubekommen. Sie opferte sich auf.
Die Bürste mit der schwarzen Farbe verließ die Wimpern und machte mit den Augenbrauen weiter. Bald wäre sie fertig, und sie hätte wieder ein bisschen Ruhe vor dem Geplapper.
»Du fühlst dich fiebrig an«, sagte Carina.
Jetzt hatte sie sicher wieder diesen anbiedernd-mitleidigen Gesichtsausdruck, den Eva-Lena schon unzählige Male an ihr beobachtet hatte, wenn sie mit Kunden sprach. Jetzt sah sie ihn natürlich nicht, weil ihre Augen mit einer Mischung aus Farbcreme und Wasserstoffperoxid zugekleistert waren. Aber der Tonfall war unverkennbar.
»Ich fühle mich krank. Heftige Kopfschmerzen und der Hals tut mir auch weh.«
»Hast du dir vielleicht eine Grippe eingefangen? Schaffst du es dann heute Nachmittag überhaupt, dich um die Kunden zu kümmern? Ich wollte eigentlich früh nach Hause gehen, aber ich kann für dich übernehmen.«
»Danke, aber das ist nicht nötig.«
»Okay, aber wenn du es dir anders überlegst …«, konnte Carina noch sagen, bevor draußen der Lärm wieder einsetzte und es unmöglich machte, ein normales Gespräch zu führen.
Es roch nach Haarfestiger und Wasserstoffperoxid, nach Schmuddelwinter und Staub. Keine angenehmen Gerüche. Der verdammte Staub setzte sich überall ab, drang unter die Kleidung bis auf die Kopfhaut vor und machte die Haut an den Händen trocken und rissig. Selbst die Zunge fühlte sich trocken und staubig an. Das Radio, das sonst ständig plärrte, war ausgeschaltet, es hatte ja ohnehin keinen Sinn. Eva-Lena befand sich in totaler Dunkelheit, und all ihre Sinne warteten immer verzweifelter darauf, dass das, was sie quälte, endlich aufhören würde.
Carina beendete die Augenbrauenfärbung.
»Ich bin eine Weile weg!«, schrie sie, um den Lärm zu übertönen. »Komme in zehn, fünfzehn Minuten wieder und wasche die Farbe aus!«
Eva-Lena nickte nur, nicht einmal Carina konnte in dieser Situation mehr von ihr verlangen.
Normalerweise hielt sie ein kleines Schläfchen, während die Hautpflegerin die Farbmischung einwirken ließ, aber nicht heute. All ihre Sinne waren in Aufruhr, der ganze Körper stand unter Hochspannung. Sie hatte laute Geräusche schon immer verabscheut, und der ohrenbetäubende Lärm von der Straße setzte sie dermaßen unter Stress, dass sie die Kiefer zusammenpresste. Ihr Kopf drohte zu explodieren. Die Hände auf ihrem Schoss waren so fest miteinander verschränkt, dass es in den Gelenken schmerzte.
Dunkelheit. Kälte. Schmerz.
Die Gedanken lebten ihr eigenes Leben, und es waren keine schönen Gedanken. Hinter den braunen Augen mit den bald schwarzen Wimpern gähnte ein Paar leere Augenhöhlen. Ganz tief unter der Haut war sie nur ein Skelett. Unter der Oberfläche waren sie alle gleich. Mitten unter den Menschen waren alle allein. Was hatte das Ganze für einen Sinn? Warum sollte man sich in seiner kurzen Zeit auf der Erde verstellen, sich unter Haut, unter Kleidern, hinter langen schwarzen Wimpern verstecken, wenn man im tiefsten Inneren nur ein wandelndes Skelett war? Warum stürzten alle sich in diesen selbst inszenierten Kampf um Glück und Erfolg, Geld, Bildung und Familiengründung? Liebe. Jahrelange Einsamkeit und Verzweiflung waren ein hoher Preis für kurze Stunden geliehener Freude. Denn auch die Liebe war nur geliehen. Irgendwann würde sie einem unausweichlich entrissen werden. Schnell. Oder sie würde einem einfach zwischen den Fingern zerrinnen, um schließlich für immer verschwunden zu sein.
Plötzlich war es ganz still um Eva-Lena. Eigentlich hätte sie sich jetzt ein bisschen entspannen können, aber die Stille erfüllte sie mit Unbehagen. Sie hörte keine Geräusche aus dem Salon oder aus der Kaffeeküche. Im Hof waren alle Maschinen verstummt. Keine Stimmen, keine Hammerschläge, nichts. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass jemand sie beobachtete. Ihr Kopf hing schutzlos über dem Haarwaschbecken. Sie sah nichts, und ihre Kehle war entblößt.
Sie wünschte sich, heute trotz allem die Hunde mit in den Salon genommen zu haben. Sie hätten ihr Gesellschaft geleistet und sie auf bessere Gedanken gebracht. Die Hunde hätten ihr verraten, wenn jemand im Raum gewesen wäre, wenn jemand sie durch die klaffende Öffnung, in der sonst ein Fenster war, beobachtet hätte. Warum war es so still?
Mit Vernunft versuchte sie sich zur Besinnung zu bringen. Die Bauarbeiter begannen zwar schon am frühen Morgen, aber so früh machten sie doch noch nicht einmal an einem Freitag Feierabend? Um halb zwei machten sie immer Kaffeepause im Bauwagen auf dem Hof, aber so spät war es doch noch nicht? Und wenn es doch schon halb zwei war, wo war dann Carina? Sie hatte gesagt, dass sie in fünfzehn Minuten wiederkommen würde, um die Farbe aus den Augenbrauen zu spülen – war sie jetzt schon länger als zwanzig Minuten weg? Was war los, wo waren alle, warum war es so still? Das Gefühl, dass jemand sie betrachtete, war überwältigend, und in ihrer bereits so dunklen Gedankenwelt war es nicht schwer, sich den kalten Stahl eines Messers an ihrer entblößten Kehle vorzustellen.
Stille.
Dunkelheit, Kälte. Schmerz.
Wenn wenigstens die Hunde hier bei ihr wären, aber das war ja unmöglich. Das Wasserstoffperoxid löste sich von der Farbe, griff die dünne Haut der Augenlider an, sickerte durch die Wimpern und zerkratzte die Hornhaut wie scharfe Nägel. Eva-Lena wollte nach Carina rufen, aber sie blieb wie versteinert sitzen. Die Angst hatte sie gepackt, umklammerte die Reste ihres Herzens mit hartem Griff.
*
Johnny saß müde hinter dem Steuer seines Taxis. Er schlief schon seit mehreren Jahren schlecht und hatte den Kampf um den Schlaf mehr oder weniger aufgegeben. Stattdessen übernahm er lange Schichten, häufig nachts. Oder er saß am Rechner, beziehungsweise lag auf dem Sofa und zappte durch die Kanäle, bis er einschlief. Ein paar Stunden traumlosen Schlafs konnte er so in vierundzwanzig Stunden zusammenkratzen. In seiner wachen Zeit lebte er das Leben anderer Leute. Beobachtete auf seiner Arbeit und vor dem Fernseher das Tun und Lassen anderer Menschen, tat, was von ihm erwartet wurde, und noch viel mehr, wenn es um das Verhältnis zu seinen Eltern ging. Um das zu seinem Stiefvater und seiner Mutter. Von seinem Vater hatte er seit zehn Jahren keinen Ton mehr gehört. Der hatte ein dickes Fell und lebte wahrscheinlich glücklich mit seiner neuen Frau und seinen neuen Kindern an einem Sandstrand in Brasilien. Seine Mutter dagegen war eine empfindsame Seele, aber Johnny kümmerte sich um sie. Tat alles, um ihr das Leben zu erleichtern und ihre Stimmung zu verbessern. Half ihr bei praktischen Angelegenheiten und leistete ihr Gesellschaft, wenn sie es wünschte.
Man könnte sagen, dass Johnny sein Leben nach der Zerbrechlichkeit seiner Mutter ausgerichtet hatte. Nach den unmittelbaren Bedürfnissen der Mutter. Langfristig, dachte er, tat er ihr eigentlich keinen guten Dienst damit. Langfristig, dachte er, würde es ihr eigentlich am meisten nützen, wenn er ihr eine Schwiegertochter und ein paar süße Enkelkinder schenken würde, denen sie ihr Leben widmen konnte. Aber dafür hatte er irgendwie keine Zeit. Wann sollte er denn eine Frau kennenlernen, wenn er kaum Zeit für seine wenigen Freunde hatte und seit Monaten nicht mehr in einem Nachtclub gewesen war? Bengt, sein Stiefvater, war Lehrer in der Sekundarstufe und konnte ohne Johnnys Hilfe unmöglich alles schaffen, was zu Hause zu tun war. Es gab immer etwas Schweres zu heben, am Haus oder auf dem Grundstück musste etwas repariert werden. Oder irgendetwas war mit diesen verdammten Hunden, die seine Mutter über alle Vernunft liebte. Und jetzt hatte sie plötzlich die Idee, dass sie eingeschläfert werden sollten. Ein Einfall, den ein Teil von Johnny mit Dankbarkeit begrüßte, während dem bewusst und weitsichtig denkenden Teil allein bei dem Gedanken schon der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Seine Mutter war launisch und verhielt sich unvorhersagbar, das war nichts Neues. Aber wie ihre geliebten Hunde, die vollkommen gesund waren und noch viele Lebensjahre vor sich hatten, plötzlich so alt und gebrechlich geworden sein sollten, dass sie reif für den Gnadentod waren, blieb ihm ein Rätsel. Wie immer war sie Argumenten nicht zugänglich, weder von Bengts noch von Johnnys Seite. Sie hörte auf keinen von ihnen, obwohl beide davon überzeugt waren, dass diese Entscheidung für sie verheerend wäre und sie mit größter Wahrscheinlichkeit direkt in eine Depression führen würde.
Als er vom Karlavägen auf den Karlaplan abbog, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein rotes Auto auf. Es wäre direkt in ihn hineingefahren, konnte aber in letzter Sekunde ausweichen. Stattdessen drängte es ihn auf die Innenspur des Kreisverkehrs und kam ihm so nah, dass sich die Seitenspiegel fast berührten. Instinktiv trat Johnny auf die Bremse, was zufälligerweise genau das Richtige war, damit er nicht seinerseits in den roten Audi raste, der ebenfalls mit quietschenden Reifen bremste und sich vor ihm querstellte. Das kann nur die Polizei sein, dachte Johnny. Vielleicht war er unaufmerksam gewesen, vielleicht war sein Reaktionsvermögen nicht hundertprozentig, aber soweit er es überblicken konnte, hatte er weder gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen noch etwas anderes Unüberlegtes getan. Und soweit er sich erinnern konnte, hatte der rote Audi sich nicht in seinem Blickfeld befunden, als er sein Abbiegemanöver begann. Die Müdigkeit war wie weggeblasen. Das Blut rauschte in seinen Adern und das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er beobachtete, wie der Audifahrer – ein etwa vierzigjähriger Mann in schwarzen Jeans, einem modischen Jackett und einem Hemd mit offenem Kragen – sich förmlich aus dem Auto warf und mit hochrotem Gesicht auf ihn zumarschierte. Um eine Erklärung zu bekommen oder sich schlimmstenfalls entschuldigen zu können, löste Johnny den Gurt und bereitete sich darauf vor, das Auto zu verlassen. Aber bevor er sich’s versah, wurde die Tür aufgerissen und er von zwei starken Fäusten aus dem Auto gerissen, sodass die Nähte seiner Jacke knackten.
»Was zum Teufel machst du da, du verdammter Penner?«, brüllte der Mann. »Ich habe ein Kind im Auto, ist dir das klar?«
Johnny warf einen Blick in den Audi und stellte fest, dass auf dem Beifahrersitz tatsächlich ein Mädchen saß, das vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt war. Er hatte noch nicht einmal den Mund geöffnet, als der wütende Mann ihn zur Motorhaube zog, wo er ihn mit einer unerwarteten Bewegung umdrehte und seinen Kopf mit einem festen Griff am Nacken gegen das Blech drückte. Johnny spürte, wie sein Arm auf den Rücken gedreht wurde. Bei dem Schmerz in der linken Schulter wurde ihm schwarz vor Augen.
»Und es ist dein verdammtes Glück, dass sie dabei ist, denn sonst hätte ich dir den Arm gebrochen, und du hättest diesen scheiß Schrotthaufen ein ganzes Jahr nicht mehr fahren können! Mach die verdammten Augen auf, bevor du losfährst, oder schaff dir eine Brille an!«
Genauso schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Der Mann ließ ihn los, sodass Johnny zu Boden fiel, und trat mit dem rechten Fuß kräftig gegen den Kotflügel, sprang in sein Auto und fuhr mit wütend aufheulendem Motor davon. Johnny stand auf und schaute dem Wagen nach, der mit viel zu hoher Geschwindigkeit weiterraste und kurz darauf so scharf nach rechts in die Verlängerung des Karlavägen abbog, dass das rechte Hinterrad über den Bürgersteig fuhr.
Die ganze Episode war vollkommen unwirklich. Johnny fasste sich an die Schulter, konnte sich aber keine großen Gedanken darüber machen, weil im selben Augenblick die Linie 42 hinter ihm auftauchte und ungeduldig hupte. Er setzte sich eilig wieder hinter das Steuer und fuhr leicht benebelt weiter, um Platz für den Bus zu machen.
Ein paar Minuten später fuhr er in der menschenleeren Villagatan an den Bordstein und parkte. Nahm sich die Zeit, noch einmal durchzuatmen. Schloss die Augen, lehnte sich zurück und seufzte. Er war einem Irren begegnet, das wurde ihm langsam klar. Einem Verrückten, der sich selbst als rechtschaffener Mann betrachtete, aber sich vor den Augen seiner Tochter hemmungslos und mit roher Gewalt auf einen fremden Mann stürzte. Und zu allem Überfluss hatte er noch behauptet, es wäre zum Besten des Kindes. Und wie schon so viele Male zuvor wurde Johnny wieder von diesem Gefühl übermannt. Dass er sich prügeln wollte. Jemanden schlagen, etwas kaputt hauen, was auch immer. Die Wut kochte in ihm hoch, und er ballte die Fäuste. Warum musste er ständig an diese Tyrannen geraten? Warum betrachteten ihn alle als Missgeburt, als Monster, als irgendetwas, das die Katze angeschleppt hatte? Welche Signale sandte er aus, dass seine Umgebung ihn als jemanden wahrnahm, den man einfach unter dem Absatz zerquetschen konnte?
Mit voller Kraft rammte er die Faust in die Oberseite des Armaturenbretts und brüllte los.
»Was für ein Scheißtag! Ihr seid doch alle nur verdammte Schwanzlutscher!«, schrie er. »Verfluchte, scheiß verdammte Kackwelt!«
Einen Schlag konnte er noch landen, bevor sein Handy klingelte.
Julia stand in der Diele und beobachtete Heidi, während sie vor dem Flurspiegel letzte Hand anlegte. Heidi war gestresst, vermalte sich mit dem Lippenstift, wischte alles wieder weg und fing von vorne an. Ola war gestresst, weil Heidi ohne ihn ausging und weil Julias Anwesenheit verhinderte, dass er »seine Gefühle so zum Ausdruck bringen« konnte, wie er es gewohnt war. Julia war gestresst, weil Heidi gestresst war und weil Ola ein Idiot war und weil Heidi es nicht kapierte. Oder vielleicht verstand sie es, machte aber nichts dagegen. Schluss, zum Beispiel.
Ola war ein jähzorniges Arschloch. Ob er Heidi allerdings schlug, wusste Julia nicht, aber es würde sie nicht im Geringsten wundern. Auf jeden Fall war er krankhaft eifersüchtig, wofür es – soweit Julia das beurteilen konnte – nicht den geringsten Grund gab. Die Stimmung in dem kleinen Flur war erdrückend. Wie erwartet. Und doch war genau das der Grund, warum sich Julia hatte überreden lassen, »überraschend« aufzutauchen und Heidi auf dem Weg zum Restaurant abzuholen. Einfach nur, um den Abschied auf dem niedrigen Niveau zu halten, auf dem sie sich jetzt befanden. Was schon schlimm genug war.
»Und wer kommt alles mit?«, fragte Ola mit einem Lächeln, das cool und weltgewandt aussehen sollte, aber am meisten an Jack Nicholson in The Shining erinnerte.
»Die Mädchenbande«, antwortete Heidi geduldig, schon zum zweiten Mal, seit Julia aufgetaucht war. »Julia, Lisen, Hanna, Anna, Sofia und ich.«
»Dann brauchst du dir ja eigentlich nicht so viel Mühe mit deinem Make-up zu geben!«
In das Jack-Nicholson-Lächeln schien sich jetzt auch eine Unterstellung zu schleichen. Die Unterstellung, ihn betrügen zu wollen, vermutete Julia. Heidi seufzte, antwortete aber nicht.
»Warum gehen stattdessen nicht wir beide aus?«, lamentierte Ola weiter. »Es ist schließlich Freitag. Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann …«
»… dann hättest du sie gar nicht gehen lassen«, ergänzte Julia. »Komm jetzt, Heidi, wir gehen. Sie warten schon auf uns.«
»Ich rede nicht mit dir«, sagte Ola und warf Julia einen von den Blicken zu, die töten konnten. »Wann kommst du nach Hause, mein Schnuckelchen?«
Plötzlich sprach er in einem ganz sanften Tonfall mit Heidi, was Julia mit ihrem Einwurf beabsichtigt hatte. Die unterdrückten Aggressionen auf sich selbst zu lenken, statt auf die arme Heidi.
»Es ist doch Freitag, Ola. Es wird wahrscheinlich spät. Ich gehe nach Hause, wenn die anderen gehen.«
Ola setzte eine väterliche Miene auf, bei der es Julia kalt über den Rücken lief.
»Am Freitag sind jede Menge komischer Typen unterwegs. Ich möchte, dass du spätestens um eins zu Hause bist. Okay?«
Heidi war zu beschäftigt, um zu antworten; der Inhalt ihrer Alltags-Handtasche musste in die schickere kleine schwarze wandern. Mit Olas brennendem Blick im Rücken kramte sie in den Taschen – Julia sah, dass sie mit einem widerspenstigen Reißverschluss kämpfte, dass sie sich kaum konzentrieren konnte, wie sie es anscheinend ganz dem Zufall überließ, was in die neue Tasche kommen und was zu Hause bleiben sollte. Innentaschen mussten geöffnet und geschlossen werden, der Lippenstift rollte von der Kommode, fiel zu Boden und musste in dem schummrigen Licht wiedergefunden werden. Aber Olas Frage blieb unbeantwortet, und sie hatte sich damit nicht verpflichtet, eine bestimmte Zeit einzuhalten. Julia lächelte heimlich.
»Wohin wollt ihr gehen?«
»Noodle House«, antwortete Julia anstelle der Freundin. »Genau wie Heidi gerade gesagt hat, als du ihr dieselbe Frage gestellt hast.«
»Verdammt noch mal, was hast du mit dieser Sache zu schaffen?!«, fuhr er sie an. »Halt einfach die Klappe, damit Heidi und ich uns ordentlich voneinander verabschieden können, ohne dass du danebenstehst und uns wie ein tollwütiger Mops ankläffst.«
»Die Frage ist nur, wer von uns beiden hier tollwütig ist. Jetzt verabschiede dich einfach ordentlich, Ola, denn wenn ich an Heidis Stelle wäre, würde ich überhaupt nicht mehr nach Hause kommen.«
Diplomatisch ging Heidi dazwischen, damit sich nicht noch ein regelrechter Krieg entwickelte, indem sie sich Ola zuwandte, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm ein glitzerndes, liebevolles Lächeln und einen sehr flüchtigen Kuss auf die Lippen schenkte. Flüchtig wegen des Lippenstifts, analysierte Julia. Und das Küsschen wegen des Hausfriedens.
»Tschüs, mein Schatz. Pass auf dich auf«, hörte sie ihn noch mit seiner sanftesten Stimme sagen, bevor sie mit Heidi im Schlepptau durch die Tür nach draußen schlüpfte.
*
Der Zorn wollte nicht abklingen. Mehrere Stunden waren vergangen, aber Johnny hatte das Böse immer noch nicht aus seinem Inneren vertrieben. Es war alles andere als das erste Mal, dass es ihm so ging, das Gefühl der Ohnmacht und die Fantasien, jemandem richtig wehzutun, hatten ihn immer wieder heimgesucht, seit er Teenager war. Einmal – das war jetzt lange her – war er deswegen sogar in psychiatrischer Behandlung gewesen, aber das war der reinste Witz. Nachdem er zwanzig Minuten lang ein Formular ausgefüllt hatte, führte er weitere zwanzig Minuten lang ein Gespräch mit einem Arzt, das in der Frage mündete, ob er über Nacht bleiben oder lieber nach Hause fahren wolle. Nachdem er sich für Letzteres entschieden hatte, war er mit einem Rezept und der Aufforderung entlassen worden, von sich hören zu lassen, falls die Medizin nicht helfen sollte. Die Medizin hatte nicht geholfen, und er hatte nicht von sich hören lassen. Es war zwecklos – Johnny war ein Rätsel, nicht nur für eine kritische Umwelt, sondern auch für sich selbst.
Im Augenblick war der schon deutlich nach Schnaps stinkende Mann auf dem Rücksitz Gegenstand von Johnnys Wut. Ein älterer Herr mit einer Aktentasche, der enge Röhrenjeans und eine mittellange Daunenjacke trug, die der aktuellen Jugendmode entsprach. Sein Haar war eher rot, obwohl es ursprünglich braun gewesen sein musste, oder vermutlich eher grau. Es war ganz offensichtlich gefärbt – was alle sehen konnten, vielleicht mit Ausnahme von ihm selbst. Ein Mann, der in seiner verzweifelten Sehnsucht nach ewiger Jugend mit Unterstützung seines Friseurs und der Produkte von Montclair, Ola Lauritson und Acne in der Stockholmer Innenstadt auf Frauenpirsch war. Auf der Fahrt vom Stureplan zum Medborgarplatsen widmete er seine ganze Aufmerksamkeit dem Smartphone, das qualitativ anscheinend nicht so hochwertig war, sodass er hineinschreien musste, damit die Person am anderen Ende seine lebenswichtigen Botschaften über Powerpoint-Präsentationen und Börsenindizes verstand. Vor seinem inneren Auge sah Johnny ihn mit zertrümmertem Schädel auf einem Schotterweg in den Wäldern von Farsta liegen. Mit dem Handy neben sich, ebenfalls zertrümmert.
Bunte Neonschilder, vervielfacht von den schlammigen Pfützen auf den Straßen und Bürgersteigen, verbreiteten falsche Versprechungen von Glück und Gesundheit. Überall in der Innenstadt gab es Sammelpunkte für die sozial verdurstenden Viehherden, die es aus Gewohnheit immer wieder zu denselben Wasserstellen zog. Stockholm schien überbevölkert von diesen Statisten des Lebens mit ihrem aufgesetzten Lächeln. Auf dem Weg in die Stadt, um das kommende Wochenende mit all den anderen zu feiern, die ihre Rolle genauso gut spielten, oder auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, um die freien Tage zusammen mit ihren Liebsten zu genießen, mit denjenigen, die aus derselben pathetischen Form gegossen waren. Er selbst hegte weder den Wunsch, sich in den rauen Februarabend hinauszubegeben, noch wollte er nach Hause fahren und sich vor den Fernseher setzen. Johnny empfand nichts als Verachtung für seine Umwelt und deren groteske Bewohner, aber eine noch größere Verachtung empfand er für sich selbst.
Wie so oft hatte er das Gefühl, dass er seine Ruhe brauchte, und deswegen beschlossen, nicht ans Handy zu gehen, wenn jemand anrufen sollte. Aber als es jetzt klingelte und er sah, dass es Bengt war, konnte er es doch nicht lassen. So war er eben. Unfähig, über sein eigenes Leben zu bestimmen und eigene Entscheidungen zu treffen. Ein Fähnchen im Wind.
»Hast du eine Ahnung, wo deine Mutter ist?«, fragte Bengt.
Er klang gestresst, was ihm überhaupt nicht ähnlich sah.
»Sie ist doch krank. Grippe. Geht sie nicht ans Telefon?«
»Ich bin zu Hause, Johnny. Sie ist nicht hier.«
»Das ist doch kein Grund, sich so aufzuregen. Vielleicht ist sie ja einkaufen gegangen oder so.«
»Du hast gesagt, dass sie krank ist. Man geht doch nicht einkaufen, wenn man eine Grippe hat.«
Johnny dachte einen Augenblick nach, bevor er darauf einging.
»Du hast dich schon aufgeregt, bevor ich dir erzählt habe, dass sie krank ist. Was ist denn daran so seltsam, dass Mama an einem Freitagabend um sechs nicht zu Hause ist?«
»Woher weißt du, dass sie krank ist, Johnny?«
»Sie hat mich angerufen und gefragt, ob ich sie nach Hause bringen kann. Sie hatte Fieber und Halsschmerzen, und ihr war schwindelig.«
»Und das hast du auch getan?«, hakte Bengt nach. »Du hast sie nach Hause gefahren?«
»Ja. Mama wollte …«
»Wann war das?«, unterbrach ihn Bengt.
»Sie hat so um halb zwei angerufen. Ich habe ungefähr eine Viertelstunde bis zum Salon gebraucht.«
»Und wann hast du sie zu Hause abgesetzt?«
»Es war ziemlich viel Verkehr. So gegen drei, glaube ich.«
»Und sie war im Bett, als du sie verlassen hast?«
Bengt sprach schnell, er stolperte beinahe über seine Worte. Johnny musste lächeln. Er hätte ihn jetzt gerne gesehen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einen gestressten Bengt gesehen zu haben. Normalerweise war er die Ruhe selbst.
»Sie hat sich sofort hingelegt«, antwortete Johnny. »Sie war total fertig. Warum bist du so besorgt?«
»Weil sie verschwunden ist. Ich habe mehrere Male versucht, sie auf dem Handy zu erreichen, aber sie geht nicht ran.«
»Hast du ihr auch eine SMS geschickt?«
»Natürlich. Ich gehe jetzt raus und suche nach ihr, Johnny.«
»Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Sie kann doch überall sein.«
»Wenn sie hohes Fieber hat, irrt sie vielleicht irgendwo herum. Es ist kalt. Der Schnee fällt in dicken Flocken.«
Johnny warf einen Blick auf das Armaturenbrett. Bengt hatte recht. Die Außentemperatur war plötzlich unter null gefallen. Aber in der Innenstadt hatte es noch nicht zu schneien begonnen.
»Und das Auto? Hast du nachgeguckt, ob das Auto noch in der Garage steht?«
Für ein paar Sekunden wurde es still. Bengt hatte also nicht in die Garage geschaut.
»Im Schnee waren keine Spuren«, sagte er mit einem leichten Zögern in der Stimme. »Und deine Mutter fährt doch kein Auto.«
»Sie hat einen Führerschein, Bengt. Wenn sie muss, dann fährt sie auch. Und sie könnte losgefahren sein, bevor der Schneefall eingesetzt hat.«
»Ich werde nachschauen. Aber dann gehe ich auf jeden Fall los und suche nach ihr.«
Eine unausgesprochene Frage blieb in der Luft hängen. »Und du, Johnny? Was machst du?«
»Ich habe heute Nachtschicht«, sagte Johnny. »Ich komme morgen früh vorbei und schaue, wie es aussieht.«
Johnny ließ den unerträglichen Alt-Yuppie vor dem Hotel Malmen in der Götgatan raus. Bevor er aus dem Auto stieg, beugte sich der Mann nach vorn und gab ihm ein paar Hundertkronenscheine und mit seinem stinkenden Atem auch die Erlaubnis, das Wechselgeld zu behalten. Es handelte sich um zwei Kronen. Johnny hätte ihm am liebsten einen Schlag mitten auf die Fresse verpasst, aber er nahm stattdessen die Scheine und ließ den Motor aufheulen. Ohne zu wissen, dass er nur knapp einer Katastrophe entgangen war, schlug der Mann die Autotür zu und ging mit federnden Schritten auf die hinter den Fensterscheiben brodelnde Bar zu. Zu dieser Zeit, an einem Freitagabend, drängten sich bereits Hunderte von Stockholmern an den Bars im Malmen. Aufgetakelte Bräute mit glitzernden Lippen und ekelhaften Parfüms, verschwitzte Typen mit hohen Stimmen und schwankendem Gang. Johnny fragte sich, ob er jemals das Gefühl haben würde, irgendwo dazuzugehören, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ob groß oder klein. Aber so war es noch nie gewesen, und es würde auch niemals so kommen.
Er verließ den Medborgarplatsen mit einer aufsehenerregend fetten White-Trash-Braut auf dem Rücksitz. Sie hatte zwei ungezogene Jungen dabei. Johnny mochte keine Kinder. Es war unmöglich zu entscheiden, ob es ihre eigenen waren oder ob die Eltern nur einen abgrundtief miesen Babysittergeschmack hatten. Als sie ihnen schließlich die Gurte umgelegt hatte, erreichte der Schneefall, vor dem die Meteorologen schon seit mehreren Tagen gewarnt hatten, auch das Stockholmer Zentrum. Es begann mit ein paar großen Flocken auf der Windschutzscheibe. Als Johnny in den Söderledstunnel fuhr, schneite es wie aus Kübeln.
*
Im Rückblick würde Julia den Abend folgendermaßen zusammenfassen:
18.10 Uhr: Sie rannte förmlich mit Heidi im Schlepptau die Treppe hinunter. Julia lachte im Stillen, obwohl die Situation eigentlich alles andere als lustig war. Aber es war wunderbar, sich abzureagieren und über einer Person, die es so offensichtlich verdiente, Gift und Galle ausspucken zu dürfen. Heidi hatte sie gebeten, zu kommen, und Julia hatte sich bereit erklärt und die negativen Energien dieser ungesunden Beziehung auf sich gezogen und von Heidi abgelenkt, die sonst den ganzen Mist hätte aushalten müssen. Julia war gemein gewesen und hatte gleichzeitig eine gute Tat vollbracht. Und der widerwärtige Ola hatte ein paar unangenehme Wahrheiten schlucken müssen: die objektiven Ansichten einer außenstehenden Betrachterin. Sie hoffte, dass es ihm zu denken geben würde.
»Danke, Julia«, sagte Heidi, als sie die Straße erreicht hatten.
»Keine Ursache. Es war mir ein wahres Vergnügen.«
»Ich finde, dass du ein bisschen zu hart zu ihm warst. Du weißt doch, dass er im Grunde nicht …«
»Es war notwendig«, fiel ihr Julia ins Wort. »Er behandelt dich, als wärst du sein Eigentum. Eine Beziehung sollte auf gegenseitigem Respekt beruhen. Das ist bei euch nicht so.«
»Wenn wir allein sind, ist er ganz anders. Aufmerksam und liebevoll.«
»Das bezweifle ich nicht«, antwortete Julia. »Aber wollt ihr euch auf einer einsamen Insel ansiedeln?«
Heidi antwortete, indem sie den Blick senkte und eine platt getretene Coladose wegkickte, die jemand auf den Bürgersteig geworfen hatte. Große Schneeflocken segelten durch die Lichtkegel unter den Straßenlaternen.
»Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was du mit ihm willst«, fuhr Julia fort. »Du bist so verdammt hübsch und charmant und solltest dich nach etwas Besserem umsehen. Eure Beziehung kann auf Dauer nicht funktionieren. Verlass ihn. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«
Heidi antwortete nicht, und Julia hatte mittlerweile genug von ihrem eigenen Sermon. In der U-Bahn unterhielten sie sich über ganz andere Dinge.
18.30–21.00 Uhr: Im Restaurant stahl Heidi allen anderen die Show. Mit ihrem wie immer knallroten Lippenstift, ihrem roten Fünfzigerjahrekleid und ihrem üppigen kastanienbraunen und schulterlangen Haar, das von einem ebenfalls roten Diadem zusammengehalten wurde, schien sie einer Folge von Mad Men, entstiegen zu sein. Sie fiel sofort auf, manche drehten sich für einen zweiten Blick nach ihr um. Aber als Persönlichkeit war sie sanft und zurückhaltend, brachte alles Wilde, was sie in sich trug, über ihr Äußeres zum Ausdruck, selten oder gar nicht in Worten, viel eher in Handlungen. Sie konnte ganz erstaunliche Dinge tun, ohne viel Aufhebens davon zu machen.
Während die anderen Frauen milde Mainstream-Gerichte mit Zutaten wie Hühnchen oder Nudeln bestellten, ließ sich Heidi ein Vogelnest mit Entenleber und das schärfste Gericht des Hauses servieren, das aus Tofu mit jeder Menge Chili bestand. Julia und die anderen tranken Weißwein zum Essen, Heidi Tsingtao, chinesisches Bier. Sie war fröhlich und entspannt, sprach ein bisschen weniger als die anderen, aber das war genau wie immer. Heidi hörte eher zu und redete nicht so viel. Zu Julias Erleichterung schien die Szene, die sich noch vor einer Stunde in ihrem Flur abgespielt hatte, keine Spuren bei ihr hinterlassen zu haben.
Julia dagegen, die eher analytisch veranlagt war, konnte die Gedanken an Ola und seine Art zu argumentieren noch nicht auf sich beruhen lassen. Und die Gedanken an den Empfang, der Heidi heute Nacht erwarten würde. Wie ging ein Typ wie Ola mit einer solchen Niederlage um, die er gerade erlitten hatte? Er würde bestimmt wach bleiben und warten, bis Heidi nach Hause käme. Danach würde es wahrscheinlich ein Kreuzverhör geben, in dem sie bis ins Detail über jeden Schritt, den sie getan hatte, jeden Tropfen, den sie getrunken hatte, und jedes Wort, das sie mit einem fremden Mann gewechselt hatte, Rechenschaft ablegen musste. Und wie könnte Ola sich die Zeit bis dahin vertreiben? Saß er vor dem Fernseher, schaute sich Talkshows an und aß Käseflips? Nicht undenkbar, aber seine Gedanken waren bestimmt ganz woanders. Vielleicht schlich er auch hier durch die Gegend, um sich zu vergewissern, dass die Frauen sich wirklich, wie versprochen, im Noodle House befanden.
Nachdem sich dieser Gedanke in ihrem Bewusstsein festgesetzt hatte, musste Julia immer wieder einen Blick aus dem Fenster werfen, um zu kontrollieren, ob nicht ein grauer Golf draußen auf der Straße parkte. Sie konnte sich davon überzeugen, dass dies nicht der Fall war. Aber sie hatte hin und wieder den Verdacht, dass er mit seinem Golf im Schneckentempo vorbeikroch. Was in dem Fall wirklich krank wäre.
Draußen schneite es jetzt kräftig.
21.00–00.00 Uhr: Nach dem Restaurantbesuch zogen sie weiter zum Hotel Malmen. Das heißt, sie rannten eher, weil sie im zunehmenden Schneesturm um ihre Frisuren fürchteten. Satt, ein bisschen angeheitert und in ausgezeichneter Freitagslaune. Nachdem sie ihre Jacken in der Garderobe abgegeben hatten, drängten sie sich in die Cocktailbar und versuchten dort mit zweifelhaftem Erfolg, den Tresen zu erreichen. Als sie schließlich alle – außer Heidi, die Bier bevorzugte – mit einem Drink in der Hand dort standen und versuchten ein Gespräch zu führen, an dem alle sechs teilnehmen konnten, entdeckten Anna und Heidi einen alten Schulkameraden und bahnten sich einen Weg zu ihm. Kurz darauf sah Julia, dass sich ein Paar von den riesigen Sitzsäcken erhob, die in der Hotelrezeption, direkt vor dem Eingang zur Bar standen. Dort gab es Platz für alle vier, und sie ließen sich nieder.
Etwas später kamen Heidi und Anna mit dem Klassenkameraden – einem weißen Typen mit Rastazöpfen und einem Bob-Marley-T-Shirt – und zwei weiteren Männern vorbei, die anscheinend zu ihm gehörten. Sie waren auf dem Weg zur Kleinen Hotelbar, in der es jetzt einen Live-Auftritt geben sollte. Heidi und Anna schauten nicht zu ihnen herüber, sondern unterhielten sich eifrig mit ihren Begleitern. Julia glaubte nicht, dass Heidi besonders lange in der Kleinen Hotelbar bleiben würde, denn sie war ziemlich lärmempfindlich. Das Gedränge in der Cocktailbar war nichts gegenüber dem, was da drinnen bei einem Live-Auftritt abging.
Als Julia und die anderen eine halbe Stunde später ihre Sitzplätze aufgaben, um ebenfalls in die Kleine Hotelbar zu gehen und der Band zu lauschen, konnte sie Heidi nirgendwo mehr entdecken. Sie drehte eine Runde durch den Raum, ohne sie zu finden. Daraufhin kehrte sie in die Cocktailbar zurück, wo sie Heidi schließlich entdeckte, ganz hinten auf einem Barhocker und im Gespräch mit dem Rastatypen. Weder seine Freunde noch Anna waren dabei. Julia überlegte, ob sie zu ihnen gehen sollte, aber falls Heidi ihre Ermahnung, sich nach etwas Neuem umzusehen, ernst genommen und sich auf eine alte Jugendflamme eingeschossen hatte, wollte sie dabei nicht stören. Stattdessen ging sie zur Toilette, vor der eine ziemlich lange Schlange wartete.
Nach dem Toilettenbesuch kehrte Julia in die Cocktailbar zurück, wo sie ein paar Worte mit Heidi wechseln wollte und vielleicht dem alten Klassenkameraden vorgestellt werden würde. Im Eingang kam er ihr entgegen, jetzt ohne Heidi, aber wieder in Gesellschaft seiner ursprünglichen Freunde. Soweit sie dem Gespräch entnehmen konnte, waren sie auf dem Weg zu einem anderen Etablissement. Sie kämpfte sich mit den Ellenbogen in die Bar und sah, dass auf dem Hocker des Rastatypen jetzt ein Mann mit gut frisiertem Nacken saß, während Heidis früherer Hocker leer stand.
Nachdem sie anschließend ungefähr eine Stunde mit Anna, Sofia und Lisen vor der Live-Band verbracht hatte, zeigte Julias Arbeitswoche ihre Wirkung. Sie wurde plötzlich furchtbar müde und beschloss, nach Hause zu fahren. Bevor sie ging, drehte sie eine letzte Runde durch die Cocktailbar, um zu sehen, ob sie nicht doch noch ein paar Worte mit Heidi wechseln und ihr Glück wünschen konnte. Und dort saß sie tatsächlich. Ganz hinten an der Bar mit etwas, das wie ein Dry Martini aussah. Julia schlich sich von hinten an sie heran und hielt ihr die Hände vor die Augen.
»Hallo Daisy alias Julia«, sagte Heidi, ohne irgendeine Spur von Überraschung.
»Wieso ›Daisy‹?«
»Marc Jacobs Daisy, Eau de Toilette, 50 Milliliter Pumpflasche. Für den zivilen Preis von 649 Kronen inklusive Mehrwertsteuer.«
Heidi schien guter Laune zu sein. Keine Anzeichen von Trennungsangst angesichts der Freiheit.
»Ich wollte jetzt nach Hause fahren«, sagte Julia. »Ich bin so unglaublich müde. Bleibst du noch, oder teilen wir uns ein Taxi?«
»Fahr nur«, sagte Heidi. »Wir müssen ja ohnehin in unterschiedliche Richtungen. Ich trinke nur aus, dann fahre ich auch.«
»Okay, danke für den schönen Abend. Und viel Glück zu Hause.«
»Kein Grund zur Sorge«, antwortete Heidi gelassen.
»Wir können ja morgen telefonieren«, schlug Julia vor. »Pass auf dich auf.«
»Du auch. Ich ruf dich an.«
Eine Umarmung und ein Wangenküsschen. Dann fuhr Julia nach Hause.
*
Nachdem sie den ganzen Nachmittag am Bett ihres krebskranken Vaters im Akademiska Krankenhaus von Uppsala verbracht hatte, saß Malin jetzt am Küchentisch seiner Wohnung in der Svartbäcksgatan und atmete durch. Ihr gegenüber saß Annelie, eine Frau, die sie vor weniger als einem Jahr über das Internet kennengelernt hatte und mit der sie, seit ihr Vater vor einigen Monaten so plötzlich erkrankt war, immer stärkere Bande geknüpft hatte. Zum Teil lag das daran, dass Annelie, abgesehen von Malins Vater, der einzige Mensch war, den sie in Uppsala kannte, aber vor allem daran, dass sie einige gemeinsame Interessen hatten.
»Was hast du ihm denn nun geschenkt?«, fragte Annelie und spielte damit auf das Geburtstagsfest Anfang der Woche an, vor dem sich Malin bei ihrem letzten Gespräch so gefürchtet hatte.
»Von den Kindern hat er Rasierwasser und einen Pulli bekommen.«
»Und …?«, hakte Annelie nach.
Malin wusste, worauf sie hinauswollte. Es war schwierig und kostete Überwindung, aber es war wichtig, dass sie Annelie gegenüber aufrichtig war. Sie hatte sonst niemanden, mit dem sie über diese Dinge sprechen konnte.
»Der Pulli war zu dick. Draußen trägt man eine Daunenjacke und braucht keinen dicken Pulli. Drinnen ist es zu warm für einen dicken Pulli. Das Rasierwasser roch zu schwer. Und es ist kein Geschenk, das ein Kind seinem Papa macht. Es wäre ehrlicher gewesen, wenn es von Mama gekommen wäre. Schade, dass die Kinder sich nicht selbst Gedanken über den Geburtstag ihres Papas machen. Wenn man bedenkt, was er alles für sie tut. Wie viel Zeit und Geld er in sie hineinsteckt. In uns alle. Und so weiter.«
»Und was hast du ihm geschenkt?«
»Ich hatte dummerweise das Display seines alten Handys zerdeppert, also hab ich ihm ein iPhone geschenkt. Das sollte eigentlich die Hauptattraktion auf dem Geschenketisch sein.«
»Und was war daran jetzt falsch?«
»Es war teuer und hätte stattdessen auf Firmenkosten gekauft werden sollen. Dabei hatte ich den Eindruck, dass er sich ein iPhone wünschte. In Weiß. Aber das hatte ich wohl missverstanden. Also musste ich stattdessen den Vertrag übernehmen. Deswegen habe ich eine neue Handynummer.«
»Vielleicht war das von Anfang an der Plan?«, schlug Annelie vor. »Es für die Leute schwieriger zu machen, dich zu erreichen, dich noch weiter zu isolieren.«
»Nein, ich glaube nicht, dass er so weit gedacht hat. Meinst du das ernst?«
Annelie nickte.
»Erst hat er dich gezwungen, deinen Job zu kündigen, dann …«
»Er hat mich nicht gezwungen«, betonte Malin. »Er hatte recht mit dem, was er gesagt hat.«
»Dass dein kleiner, unbedeutender Lohn keine Rolle für die finanzielle Situation der Familie spielt, wenn man sein hohes Einkommen bedenkt? Malin, er war nur darauf aus, dir diesen festen Punkt in deinem Leben zu nehmen. Dir das Gefühl zu nehmen, einen Wert zu haben, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Verteidige ihn nicht. Darüber haben wir doch schon gesprochen.«
Malin schwieg eine Weile. Annelie hatte sicher recht. Es war nur so, dass die Freundin so viele Grundvoraussetzungen ihrer Existenz infrage stellte, dass Malin Schwierigkeiten hatte, damit umzugehen. Sie nippte an dem Wein und warf einen Blick auf ihr Handy.
»Was hast du denn gemacht, dass Stefans Handy kaputtgegangen ist?«, fragte Annelie.
Malin seufzte und legte das Telefon zur Seite.
»Er hatte es auf das Autodach gelegt und sich hineingebeugt, um etwas herauszuholen«, antwortete sie. »Als ich auf der Beifahrerseite ausgestiegen bin und die Tür zugeschlagen habe, ist es runtergerutscht und auf die Straße gefallen.«
Annelie schaute sie mit gerunzelter Stirn an und trank einen Schluck Wein, bevor sie sprach.
»Ist dir klar, wie krank das eigentlich ist, wenn du aufrichtig glaubst, dass es deine Schuld war, dass Stefans Handy kaputtgegangen ist, weil du die Autotür hinter dir zugeschlagen hast? Wenn es andersherum gewesen wäre, hättest du da nicht auch die Verantwortung bei dir selbst gesucht? Weil du so unbedacht warst, das Handy auf eine glatte und abschüssige Fläche zu legen?«
Malin dachte nach. Natürlich hatte Annelie in gewisser Weise recht. Aber als Mensch hat man ja auch eine Verantwortung, sich umzuschauen, bevor man herumfuchtelt. So nannte Stefan es. Er fand, dass Malins Bewegungen so ausladend waren. So ungeschickt. Und das war sie ja auch. Vermutlich, weil sie zu viel wog, sich ein bisschen zu wenig bewegte. Ein Dilemma, für das sie zu Hause in der Wohnung am Mosebacke Torg auch keine Lösung finden konnte. Und auch nicht dort, wo sie fast ihre ganze Zeit verbrachte, wenn sie außerhalb der Wohnung war: auf den Zuschauerrängen eines Tennisplatzes, auf dem eines der Kinder ein Match austrug.
»Malin, ich weiß, dass du ihn jetzt in Gedanken verteidigst«, sagte Annelie, die offensichtlich direkt in ihren Kopf schauen konnte. »Es ist großartig, dass du diesen wichtigen Schritt gemacht hast und im VivaForum Kontakt zu Frauen mit ähnlichen Erfahrungen aufgenommen hast. Aber es ist noch ein weiter Weg. Ich weiß das, denn ich bin schon sehr viel weiter gekommen als du, aber immer noch nicht am Ziel. Du musst auf mich hören und auf deinen gesunden Menschenverstand. Alles, was Stefan tut, dient dem Ziel, dich kleinzumachen, verstehst du das?«
»Ein großer Teil davon jedenfalls«, stimmte Malin ihr zu.
Sie versuchte ehrlich zu sich zu sein, und dazu gehörte, nicht ungerecht über Stefan zu urteilen.
»Er hat auch viele gute Seiten«, fügte sie deswegen hinzu.
»Kannst du dafür Beispiele nennen?«, sagte Annelie, ohne den Sarkasmus in ihrer Stimme verbergen zu können.
Sie war hart wie Granit, weigerte sich, irgendwelche mildernden Umstände zu akzeptieren. Brauchte man diese Voraussetzungen, um aus einer destruktiven Beziehung herauszukommen?
»Er ist ein Familienmann«, antwortete Malin. »Er engagiert sich zum Beispiel unheimlich für die Kinder. Fährt sie ständig überallhin, investiert viel Geld in sie.«
»Du denkst an das Tennis?«
Malin dachte nach und nickte dann.
»Das macht er doch nur für sich selbst«, sagte Annelie voller Überzeugung. »Weil er will, dass sie Weltmeister im Tennis werden …«
»Es gibt keine Weltmeisterschaft im Tennis«, warf Malin ein. Aus einem Grund, der so undurchsichtig war, dass nicht einmal sie selbst begriff, warum sie das sagte. Vielleicht als eine Art Verteidigung der Unverletzlichkeit ihrer Familie, all dessen, wofür sie alle vier gemeinsam standen. Sie bereute den Kommentar schon, während sie ihn aussprach, und biss sich auf die Lippen.
»Weil er will, dass sie Tennismillionäre werden«, nahm Annelie den Faden wieder auf. »Damit er sich die Feder an den Hut stecken kann, vielleicht weil er selbst nie diese Möglichkeit bekommen hat. Die Kinder hat doch niemand gefragt, ob sie so hart trainieren wollen, wie er es ihnen zumutet.«
»Es macht ihnen Spaß«, sagte Malin mit gesenktem Blick.
Sie wusste eigentlich nicht, ob es wirklich so war. Und Annelie konnte wie gewohnt ihre Gedanken lesen.
»Sie haben keine Alternative«, konstatierte sie. »Nach dem, was du bisher davon erzählt hast, hatten sie ganz offensichtlich nie die Chance, Nein zu sagen. Sie kennen ja nichts anderes. Sie wissen nur, dass ihr Vater ihnen das Leben schwer macht, wenn sie nicht das tun, was von ihnen erwartet wird, das heißt: Tennis zu spielen. Begreifst du, wie ernst das ist? Mir ist klar, dass du denkst, solange es den Kindern gut geht, ist deine Not nicht besonders groß. Aber es geht ihnen nicht gut. Was die Kinder erleben, ist schlimmer, als du dir vorstellen kannst, und schlimmer, als ihnen bewusst ist. In ihrer künstlichen Tenniswelt sind sie vollkommen von der Wirklichkeit abgeschirmt und abhängig von ihrem Vater. Außerdem leben sie unter einer ständigen Bedrohung, die sie nicht so richtig fassen können. Er macht dich vor den Kindern klein, und wenn sie älter werden, braucht er dich nicht mehr. Dann kann er dich, wenn es ihm passt, wegrationalisieren, ohne dass du ein Vakuum hinterlässt. Du musst dieser Situation ins Auge sehen. Und sei es nur wegen der Kinder.«
»Wenn ich ihn verlasse, werde ich die Kinder niemals wiedersehen«, stellte Malin verzweifelt fest. »In einem Sorgerechtsstreit kann er so viel gegen mich vorbringen, dass ich keine Chance mehr habe.«
»Du meinst hoffentlich, dass er die Gerichte an der Nase herumführen wird?«, sagte Annelie zornig. »Und nicht, dass es einen Grund gibt, dich mit Schmutz zu bewerfen und deinen Umgang mit den Kindern zu kritisieren? Ich dachte, wir wären schon weiter, Malin.«
Malin antwortete nicht. Die Gespräche mit Annelie zehrten an ihren Kräften. Annelie trieb Malin an, eine Art Krieg gegen sich selbst zu führen. Gegen die Familienwerte, die Loyalität und alles andere, für das sie zu stehen glaubte. Es war erschöpfend. Aber sie wusste, dass es lebenswichtig war. Schließlich hatte sie vor allem deswegen Kontakt zu VivaForum aufgenommen. Um Hilfe dabei zu bekommen, sich aus einer Beziehung zu lösen, die alles Lebendige in ihr zu töten drohte.
Sie füllte beide Gläser mit Wein auf.
»Ich brauche diese Gespräche, Annelie«, sagte sie und hob das Glas. »Danke, dass du es mit mir aushältst. Aber es ist auch sehr anstrengend, sich selbst und sein ganzes Leben auf diese Art zu hinterfragen. Wie geht es dir überhaupt?«
Annelie lachte und roch am Wein, bevor sie das Glas zum Mund führte. Malin trank ebenfalls und drückte gleichzeitig mit dem Daumen auf das Handy. Es war kurz nach elf. Nach dem Schluck Wein stieg ihr die Wärme in die Wangen. Noch ein paar schnelle Bewegungen mit dem Daumen über das Display; alles war ruhig.
»Schaffst du das wirklich?«, fragte Annelie.
»Natürlich«, antwortete Malin mit einem Lächeln und legte das Handy wieder auf den Tisch. »Deswegen sitzen wir ja hier. Erfahrungsaustausch.«
»Was machst du gerade?«, fragte Annelie. »Auf dem Handy.«