Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Juni 2010, früher Samstagmorgen
  9. Vier Tage zuvor, Dienstagnachmittag
  10. Freitagabend
  11. Die Nacht zwischen Freitag und Samstag
  12. Samstagmorgen
  13. Samstagnachmittag
  14. Sonntagvormittag
  15. An Rut
  16. Sonntagabend
  17. Montagvormittag
  18. An Rut
  19. Montagnachmittag
  20. Montagabend
  21. Dienstagvormittag
  22. An Rut
  23. Dienstagnachmittag
  24. Dienstagabend
  25. Mittwochvormittag
  26. An Rut
  27. Mittwochnachmittag
  28. An Rut
  29. Donnerstagvormittag
  30. Donnerstagnachmittag
  31. An Rut
  32. Freitagvormittag
  33. Freitagnachmittag
  34. Zwei Wochen später

Über die Autorin

Carin Gerhardsen, geb. 1962, ist in Katrineholm aufgewachsen und lebt nun in Stockholm. Vor dem internationalen Durchbruch als Autorin arbeitete die Mathematikerin mit großem Erfolg in der IT-Branche. Mit der Serie um Kommissar Conny Sjöberg erlangte die Schwedin Carin Gerhardsen ihren internationalen Durchbruch: Die Schweden-Krimis wurde in über 25 Sprachen übersetzt, jedes Buch erreichte Platz 1 der schwedischen Bestseller-Charts.

CARIN GERHARDSEN

VERGESSEN
WIRST DU NIE

Aus dem Schwedischen von
Thorsten Alms

SCHWEDEN-KRIMI

beTHRILLED

 

As far as my eyes can see
There are shadows surrounding me
And to those I leave behind
I want you all to know
You’ve always shared my darkest hours
I’ll miss you when I go

And oh, when I’m old and wise
Heavy words that tossed and blew me
Like autumn winds will blow right through me
And some day in the mist of time
When they ask you if you knew me
Remember that you were a friend of mine
As the final curtain falls before my eyes
Oh when I’m old and wise

ERIC WOOLFSON, ALAN PARSONS

Juni 2010,
früher Samstagmorgen

Es war noch nicht lange her, dass die Sonne über den Hausdächern hervorschaute, aber inzwischen war es bereits hell. Der eine oder andere frühe Spaziergänger hätte die junge Frau durchaus bemerken können, die einsam durch den kühlen Frühsommermorgen zu laufen schien. Abgesehen von dem eifrigen, unaufhörlichen Gezwitscher der Vögel, die keine einzige der hellen Stunden des Tages ungenutzt lassen wollten, waren nur ihr angestrengtes Atmen und das Geräusch ihrer nackten Füße auf dem Asphalt zu hören.

Dort wo die Grindsgatan auf die Hallandsgatan stieß, bog sie ohne zu zögern nach rechts ab. Dicht gefolgt von ihrem eigenen langen Schatten rannte sie mit zusammengekniffenen Augen in das rot schimmernde Gegenlicht, während ein Schweif aus kastanienbraunem Haar hinter ihr herflatterte. Die ganze Szene schien eine poetische Dimension zu haben, aber es war niemand dort, der sie deuten konnte.

Niemand war dort, der sich Gedanken darüber machen konnte, wie lieblos der harte und unregelmäßige Asphalt die empfindlichen Füße bearbeitete. Niemand, der einer nackten Frau, die an einen anderen Ort und in eine andere Zeit zu gehören schien, eine Decke um die Schultern legen konnte. Niemand, der mit ein paar magischen Worten das, was geschehen war, und das, was noch geschehen würde, ändern konnte.

Zuerst lief sie mitten auf der Straße, zielgerichtet, ohne sich umzuschauen. Aber kurz darauf verließ sie den Weg, um durch den Park abzukürzen, zwischen üppigen Bäumen hindurch, die in all den grünen Nuancen des Frühsommers leuchteten. Mal auf Gras, mal auf Kies lief sie bis zu dem Haus an der Tjustgatan, das dem Park am nächsten stand, ein gelb verputztes, siebenstöckiges Mietshaus aus den späten Dreißigerjahren, das in drei Himmelsrichtungen mit Balkons versehen war. Mit geübter Hand gab sie den Tür-Code ein und betrat das Treppenhaus, wurde plötzlich von der Dunkelheit des Innenraums verschluckt, bevor die Tür hinter ihr mit einem Knall zuschlug.

Vier Tage zuvor,
Dienstagnachmittag

Das Mädchen war ganz allein auf dem Schaukelgerüst, als es passierte. Es waren einige andere Kinder auf dem Spielplatz, und auch Eltern, aber sie war die Einzige, die schaukelte. Der Mann saß etwas weiter entfernt auf einer Bank in der Nachmittagssonne. In den Händen hielt er eine Abendzeitung, in die er nicht mehr hineinschaute. Seit ein paar Minuten widmete er seine ganze Aufmerksamkeit dem etwa zehnjährigen Mädchen. Sie trug Jeans, ein rotes, langärmeliges T-Shirt und darüber eine hellblaue Daunenweste. Ihre Füße steckten in strahlend weißen Turnschuhen, die funkelnagelneu aussahen. Der frische Wind spielte mit ihren langen, dunklen Haaren, die hin und wieder vor ihr Gesicht wehten, sodass sie kaum etwas sehen konnte. Immer wieder strich sie die Haare mit einer Hand hinters Ohr, um dann erneut, mit beiden Händen an den Ketten, Schwung zu nehmen und die Schaukel in ganz neue und noch atemberaubendere Höhen zu treiben.

Das Mädchen sah entschlossen aus. Ihrer Körperhaltung nach zu urteilen, hatte sie sich vorgenommen, abzuspringen, wenn die Geschwindigkeit am höchsten war. Aber einen Augenblick später schien sie sich anders zu entscheiden, entspannte sich wieder und ließ die physikalischen Kräfte walten. Ihre Beine baumelten unter der Schaukel, und sie genoss die allmählich abnehmende Pendelbewegung. Schaukelte vor und zurück, vor und zurück, kümmerte sich nicht mehr darum, wenn ihr Haar herumgewirbelt wurde. Plötzlich änderte sie ihre Meinung, holte noch einmal Schwung, ließ die Ketten los und hob von der Schaukel ab, kurz nachdem sie den tiefsten Punkt überschritten hatte und wieder nach oben schwang. Sie landete auf den Füßen, allerdings ziemlich wackelig, als hätte sie ihre Entscheidung noch während des Flugs bereut. Dann verlor sie das Gleichgewicht und fiel nach hinten, wollte sich mit den Händen abstützen, überlegte es sich im letzten Augenblick anders und blieb ein paar Sekunden auf dem Rücken liegen, bevor sie sich mühsam wieder aufrichtete, die Schaukel an den Hinterkopf bekam und nach vorn taumelte. Stolpernd fand sie das Gleichgewicht wieder, während sie sich ängstlich umschaute. Den Mann, der sie beobachtete, schien sie nicht zu bemerken. Sie tastete ihren Kopf mit den Händen ab und schaute sie anschließend an, als wollte sie herausfinden, ob sie blutete. Noch einmal schaute sich besorgt um, bevor sie sich hinhockte, um auch ihre Knöchel zu untersuchen. Mit betrübter Miene richtete sie sich wieder auf und hinkte fort, in Richtung der Parkbank, auf der der Mann saß.

Als sie in seine Nähe kam, stand er auf und sagte irgendetwas zu ihr. Das Mädchen zuckte zusammen und blieb stehen. Zuerst schaute sie ein bisschen misstrauisch, aber sie hörte sich an, was er zu sagen hatte, nickte, humpelte auf ihn zu und streckte ihre Hände aus. Vorsichtig drehte er ihre Handflächen nach oben und tastete sie mit seinen langen, gepflegten Fingern ab. Doch sie zog die Hände mit einem leichten Kopfschütteln wieder zurück, sagte ihm etwas, über das er nachdachte, bevor er sich wieder auf die Bank setzte und sie mit einer Geste aufforderte, neben ihm Platz zu nehmen. Sie setzte sich direkt neben ihn, drehte ihm den Rücken zu und protestierte nicht, als sich seine Finger unter ihr Haar schoben, um mit kurzen, sanften Bewegungen ihren Nacken und den Haaransatz zu massieren. Er sagte etwas, das Mädchen lachte, und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. Dann zog er eine Papiertüte aus der Jackentasche, die er ihr vor die Nase hielt. Sie schaute hinein und sah sich um, bevor sie das Angebot zögernd annahm. Schnell verschwanden die letzten Zweifel, und sie stopfte fröhlich alles in sich hinein, was sich in der Tüte befand.

Ein paar Minuten später standen sie auf und verließen gemeinsam den Spielplatz. Der Mann hatte seinen Arm um die schmalen Schultern des Mädchens gelegt.

Freitagabend

Es war warm und sommerlich, sie feierten, und es waren nur noch ein paar Tage bis zu den Ferien. Zwei von drei Jahren am sozialwissenschaftlichen Zweig des Gymnasiums hatte sie geschafft und in einem Jahr würde sie Abitur machen. Nach neun beschissenen Jahren auf der Grundschule und in der Mittelstufe und zwei bedeutend besseren auf dem Gymnasium war sie nun also fast fertig mit der Schule und schon volljährig. Es war beinahe unwirklich. Im Februar war Veronica achtzehn geworden, und sie war kein Kind mehr. Nicht nur in ihren eigenen Augen, sondern auch in denen der Gesellschaft war sie jetzt reif genug, für sich selbst zu sorgen und die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Und das machte sie richtig gut. Sie erledigte ihre Hausaufgaben, hatte gute Noten und konnte sich nebenher sogar noch ein bisschen amüsieren. Das Leben hatte sich wirklich zum Besseren verändert, seit sie aufs Gymnasium gekommen war, und mittlerweile sah sie der Zukunft mit Zuversicht entgegen.

Den Nachmittag hatte sie auf der Ladefläche eines Anhängers verbracht, zusammen mit ein paar schlanken Birken, etwa dreißig feiernden Jugendlichen, einer riesigen Lautsprecheranlage und jeder Menge Bier. Sie waren mehrere Stunden durch die Stadt gefahren, hatten gesungen, gegrölt, sich und die Passanten mit Bier bespritzt und waren mehr oder weniger wie Idioten herumgehüpft. Und das alles, um ein paar Jungs vom Kärrtorps Gymnasium aus der Jahrgangsstufe über ihr zu feiern, die ihr Abitur bestanden hatten. Obwohl sie selbst eigentlich eher die bevorstehenden Sommerferien feierte und die Tatsache, dass sie überhaupt bei diesem Umzug dabei sein durfte.

In der Mittelstufe war sie einsam und wenig beliebt gewesen. Offensichtlich war sie irgendwie anders gewesen, aber sie wusste nicht, warum. Doch als sie aufs Gymnasium gekommen war, hatte sich das Problem von selbst erledigt. Die meisten kannten einander noch nicht, und die Hierarchien bildeten sich neu. Veronica war zwar auch diesmal nicht ganz oben gelandet, aber sie fühlte sich sicher, akzeptiert, so wie sie war, und – ja, tatsächlich – sie war auch ziemlich beliebt.

Nach dem verrückten Umzug auf dem Anhänger waren sie zu Madde nach Hause gefahren und hatten geduscht, frische Klamotten angezogen und sich geschminkt. Hatten sich eine Flasche billigen Rotwein geteilt, um die Partystimmung am Leben zu erhalten. Dann waren sie weitergezogen zum Badestrand am Söderbysjön, hatten ihre Decken auf dem Rasen ausgebreitet, sich in die Nachmittagssonne gelegt und gequatscht. Mit der Zeit waren immer mehr Schulkameraden aufgetaucht. Hübsch geschminkte, leicht bekleidete Mädchen, deren nackte Beine unter den kurzen, ausgeschnittenen Sommerkleidern herausschauten, halb erwachsene Jungs mit Gel im Haar und aufgeknöpften Hemden. Mittlerweile mussten es um die vierzig sein, die hier miteinander lärmten und lachten. Ihre Anzahl und ihre Jugend provozierten sicher die Spieler auf dem angrenzenden Golfplatz, genau wie die Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte. Das war bestimmt nicht erlaubt, aber sie feierten den Schulabschluss, und sogar die sonst so empfindlichen Golfer schienen sich damit abzufinden. Sie warfen ein paar verärgerte Blicke zur Badestelle hinüber, zogen dann aber wortlos zum Clubhaus weiter. Die Familien mit den kleinen Kindern hatten den Strand schon längst verlassen, sie hatten wohl geahnt, was auf sie zukommen würde.

Ein paar der Jugendlichen hatten Einweggrills mitgebracht, es roch sommerlich nach Grillkohle und triefendem Fleisch. Madde, Veronica und ein paar andere Mitschüler aßen Roastbeef und Kartoffelsalat mit Plastikbesteck von Plastiktellern, die sie am Tag zuvor eingekauft hatten. Sie tranken noch mehr Wein. Der Lärmpegel stieg unbemerkt, als die Stereoanlage weiter aufgedreht wurde. Ein paar Leute begannen zu tanzen.

Veronica nahm die Flasche, die ihr irgendjemand reichte, und führte sie an den Mund. Sie genoss die Geräusche, die Gerüche, die Gemeinschaft, die Stimmung. Hier war sie glücklich, sie fühlte sich stark und frei und unbeschwert.

*

John Gideon starrte vor sich hin. Seit einer ganzen Weile schon saß er auf diesem Stuhl und betrachtete die Wand oberhalb des Computers, hing seinen Gedanken nach. Er dachte an seine Mädchen. All die Mädchen, die im Laufe der Jahre hier aus und ein gegangen waren. Einige von ihnen hatte er sehr gemocht, andere hatte er, wenn er ehrlich war, überhaupt nicht leiden können. Aber sie waren aus freien Stücken gekommen, waren von ihm angezogen worden wie Fliegen von einem Zuckerwürfel. Alle waren aus irgendwelchen Gründen in Schwierigkeiten gewesen, hatten Probleme gehabt oder kein Geld. Fühlten sich missverstanden und gestresst. Waren traurig oder zornig oder beides gleichzeitig. Oft hatten sie ein schlechtes Selbstwertgefühl, verglichen sich ständig mit den Models, die höhnisch von den Plakatwänden um sie herum herablachten. Schwach und ausgebeutet. Von den Kräften des Marktes und dem Kommerz zurechtgestutzt. Aber auf unterschiedliche Weise auch von den Menschen in ihrer Umgebung: Eltern, Lehrer, Gleichaltrige. Aber von ihm fühlten sie sich angenommen. Und ganz gleich, wie sie selber darüber dachten, er fand sie schön. Ganz umwerfend mit all ihren Unterschieden und Ähnlichkeiten, ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer jugendlichen Naivität.

Dann fiel sein Blick auf die gerahmte Fotografie, die auf dem Sekretär stand. Auf diese dunklen, lebhaften Augen in einem fröhlichen Gesicht, Augen, die, das wusste jeder, der sie gut kannte, etwas ganz anderes ausdrückten als ihr Lächeln vorspiegelte. Er. Er war der Einzige, der sie gut gekannt hatte, der Einzige, den sie an sich herangelassen hatte. Er konnte in ihr lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch, weil sie ihre ganze Existenz in seine Hände gelegt hatte. Ihr Herz, ihre Seele, ihre innersten Gedanken. Ihre Träume und Hoffnungen. Die schönen und die hässlichen, die reinen und die schmutzigen. Die gesunden und die kaputten. Mit einer solchen Aufrichtigkeit bedacht zu werden, schafft Verantwortung. Und es war eine atemberaubende Reise gewesen, sie kennenzulernen. Ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie zu erobern. Ein schwindelerregendes Abenteuer von ihrer ersten Begegnung bis zu dem Augenblick, als sie ihm gehört hatte. Seine Stoffpuppe.

Soweit man einen anderen Menschen überhaupt besitzen konnte.

War das möglich? Besaß man sein eigenes Kind? Wem gehört ein Kind? Konnte man Menschen überhaupt als Eigentum betrachten? Natürlich nicht. Aber ein Kind gehörte trotzdem zu jemandem. Die Frage war nur, zu wem. Gehörte es zu denjenigen, die es bekommen hatten? Oder zu jenen, bei dem es sich geliebt und aufgehoben fühlte?

Er hatte wieder geschrieben. Fast den ganzen Abend. Es gab so viel zu erzählen, so vieles, das man in Worte kleiden musste. Obwohl es wesentlich leichter war, sich mit Hilfe der Musik auszudrücken. Ein paar Akkorde auf der Gitarre, und jeder versteht, was man gerne gesagt hätte. Aber was man nicht in Worte fassen konnte, das wurde auch nicht verstanden. So war es eben, und deswegen war es so unerhört wichtig, dass es getan wurde. Damit Rut es verstand. Damit er selbst es verstand. Und so vielleicht seinen Frieden finden konnte.

Das Schreiben hatte ihm nie gelegen, es war schwierig und anstrengend und zeitraubend. Aber die Last auf seinen Schultern wurde leichter. Vielleicht stimmte, was die Leute sagten, dass es eine Hilfe ist, sich seinen Kummer und seine Sorgen von der Seele zu schreiben. Ein Wort nach dem anderen suchte er aus seinen Erinnerungen heraus und brachte es zu Papier. Ein Wort nach dem anderen über die Zeit mit ihr und die Zeit danach. Und jede einzelne Silbe war aufrichtig gemeint, entstammte schlummernden oder stets gegenwärtigen Erinnerungen. Angenehmen und schrecklichen, ehrenwerten und schändlichen Erinnerungen. Er war wie ein Vulkan, der faszinierend schöne, aber lebensgefährliche Lava ausspie.

In der Wohnung war es still und dunkel. Er hatte noch keine Lampe eingeschaltet, draußen war es immer noch nicht richtig dunkel. Licht und Dunkelheit. Richtig und falsch. Wie konnte er sich zum Richter machen? Sich in das Leben anderer Menschen einmischen? Aber er urteilte nicht, versuchte er sich einzureden. Er musste schließlich etwas tun. Aktiv. Eine Entscheidung fällen. Ganz gleich, ob es im juristischen Sinne richtig oder falsch war. Oder im moralischen Sinne. Er war weder in der Rechtswissenschaft noch in der Ethik besonders bewandert, und vielleicht fehlte ihm auch der gesunde Menschenverstand. Aber an Zivilcourage fehlte es ihm nicht – nicht mehr jedenfalls – und er konnte nicht einfach weggucken, weil es so am bequemsten war. Er musste sich der Situation stellen, entscheiden, welchen Weg er gehen sollte. Und der erste Schritt bestand darin, dorthin zurückzukehren, wo alles begonnen hatte.

Mit plötzlichem Eifer beugte er sich vor und schaltete die Schreibtischlampe ein. Berührte kurz die Maus, damit der Bildschirm wieder aufleuchtete, kniff die Augen zusammen, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Er klickte sich zur Homepage der Staatsbahn durch und schloss seine Buchung ab. Bezahlte mit der Visa-Karte und merkte sich die Abfahrtszeiten.

Um den wunderbaren Duft des Vorsommerabends nach Traubenkirschen und Gras und blühenden Obstbäumen hereinzulassen, hatte er das Fenster gekippt. Draußen konnte er Stimmen hören. Ein paar Männer, die sich lautstark unterhielten, kamen die Straße entlang und gingen unter seinem Fenster vorbei. Sie klangen ausgelassen und ein bisschen wild, vielleicht waren sie betrunken. Als er aufstand, um in die Küche zu gehen, hörte er, wie die Haustür ins Schloss fiel.

John Gideon dachte an seine bevorstehende Reise. Er würde seine Tasche packen und sich in den Zug setzen, anschließend musste er nur noch zur Tat schreiten. Behutsam, vorsichtig und unauffällig.

Die Nacht zwischen Freitag und Samstag

Dunkelheit senkte sich über den Söderbysjön, eine Dunkelheit, die in dieser Jahreszeit nur ein paar Stunden dauern würde. Aber es war sternenklar, und der Mond stand am Himmel, zwar nur als dünne Sichel, aber hell genug, um sich in der Nacht nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht waren es aber auch die ewig brennenden Lichter von Stockholm und seinen Vororten, die den Himmel über den Wipfeln des nahen Waldes beleuchteten.

Veronica tanzte. Der ärgerliche Fleck, den der fettige Kartoffelsalat auf ihrem Sommerkleid hinterlassen hatte, war längst vergessen. Mit der Dunkelheit, dem Wein und der Musik wuchs das Gefühl, sich in einer Blase, sich in einer sicheren und liebevollen Umgebung zu befinden. Alle waren fröhlich, vereint in einer Art Euphorie über den gegenwärtigen Stand der Dinge: Ferien, Fest, Freiheit. Wer mit wem tanzte, war nicht ganz klar. Im Grunde tanzte man einfach nur. Mit sich selbst, mit demjenigen, der am nächsten war, jeder mit jedem. Jungen und Mädchen bewegten sich gemeinsam im Takt der Musik, wie ein einziger Körper, eine einzige, große Umarmung. »We speak no americano« dröhnte es aus den Lautsprechern, nicht besonders viel Text, aber ein schwerer Bassrhythmus, der die Erde unter ihnen zum Beben brachte.

Gabriel Eklund aus Veronicas Parallelklasse, der jüngere Bruder von Jonas, einem der Abiturienten, tanzte plötzlich neben ihr. Das Hemd hatte er im Eifer des Gefechts bereits ausgezogen und offenbarte oberhalb der weißen Jeans einen durchtrainierten Körper. Er legte den Arm um ihre Taille, und gemeinsam zuckten sie im Takt, als hätten sie nie etwas anderes getan. Es war natürlich nur ein Zufall, er hatte nach dem erstbesten Mädchen gegriffen, und das war Veronica. Er sah aus wie ein Hollywoodstar – großgewachsen, blonde Locken, blaue Augen und ein Sixpack, weil er Eishockey spielte. Er trat mit einem selbstgewissen Charme auf, dem alle sofort erlagen, inklusive der Lehrer. Kurz, er konnte jedes Mädchen bekommen, das er wollte.

Ein paar Stücke später war er immer noch an ihrer Seite, hatte seinen Arm immer noch um ihre Taille gelegt. Veronica erwartete, dass er jeden Augenblick zu irgendwelchen anderen Taillen weitertanzen würde, zu anderen wippenden Körpern. Aber aus vollkommen unverständlichen Gründen blieb er bei ihr. Seine Haut glänzte vor Schweiß, als er sich herüberbeugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Etwas, das sie nicht verstand, also rief sie mit einem Lächeln, dass die Musik zu laut sei, um sich zu unterhalten. Sanft, aber bestimmt, zog er sie ein Stückchen zur Seite, nur ein paar Schritte aus der tanzenden Masse heraus.

»Sollen wir ein paar Schritte gehen?«, fragte er lächelnd. »Damit die Ohren sich erholen können?«

Veronica spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Meinte er es tatsächlich ernst? War es möglich, dass unter all den Mädchen, die hier waren, ausgerechnet sie Gabriels Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte? Aber warum eigentlich nicht? Sie war großartig gelaunt, fühlte sich stark und voller Selbstvertrauen, und das konnte man ihr ansehen. Heute Abend sah sie richtig gut aus, das hatte sie vor dem Spiegel in der Toilette oben im Café schon festgestellt, die sie vor ein paar Stunden unter dem Vorwand, ein Eis kaufen zu wollen, aufgesucht hatte. Veronica nickte. Und lächelte. Er nahm sie an der Hand, und gemeinsam verließen sie das Fest, ohne sich noch einmal umzuschauen. Aber Veronica hoffte, dass die große, tanzende Menge hinter ihr Augen hatte. Gabriel Eklund war schließlich eine echte Trophäe.

»Du bist hübsch«, sagte er.

Veronica spürte das Blut in die Wangen steigen und konnte sich nicht entscheiden, ob und wie sie darauf antworten sollte. Langsam wanderten sie den Hang zum Café hinauf, das, so wusste sie, bereits seit Stunden geschlossen war.

»Schön, ein bisschen alleine zu sein«, sagte sie.

Gabriel drückte ihre Hand ein bisschen fester, schien stehenbleiben zu wollen, als es in ihrer Handtasche klingelte. Sie ließ ihn los und holte ihr Handy heraus. Madde natürlich, die auch im Hinterkopf Augen hatte: »Hab euch gesehen! Auswärtsspiel?« Hektisch tippte Veronica eine kurze Antwort ein: »Haha. Komm später drauf zurück. Wenn ich es schaffe …«

»Entschuldige«, sagte sie und schaute zu Gabriel auf, der ihr Gesicht zwischen die Hände nahm und sie küsste.

Ihr Herz galoppierte plötzlich ganz unkontrolliert davon und eine Woge der Wärme durchflutete ihren Körper. Sie erwiderte seinen Kuss und spürte, wie sich seine Hand auf ihre Brust legte, während die andere ihren Rücken hinunterwanderte. Seine Zunge arbeitete energisch in ihrem Mund, und sie tat, was sie konnte, um auf seine Bewegungen einzugehen. Plötzlich hörten sie Stimmen, nicht weit von ihnen, mindestens zwei Personen, die auf sie zukamen. Gabriel hielt inne und schaute sie mit einem leicht enttäuschten Blick an.

»Da hinten ist Licht«, flüsterte er. »Komm schnell, wir verschwinden, bevor sie uns entdecken.«

Er legte den Zeigefinger vor den Mund und lief mit Veronica an der Hand leichtfüßig an dem dunklen Café vorbei auf das Licht zu. Es schien aus einer großen Scheune zu kommen, aber nach einer Weile erkannte sie, dass es die Garage sein musste, in der der Golfclub seine Maschinen aufbewahrte. Es piepste noch einmal in der Handtasche, eine weitere SMS: »Lucky you!«, meinte Madde, was Veronica nur unterschreiben konnte, aber sie hatte Besseres zu tun, als eine Antwort zu schreiben. Gabriel führte sie auf die Rückseite des Gebäudes, wo sie eine Tür fanden, die in der großen, fensterlosen Wand sehr klein wirkte, obwohl sie eine normale Größe hatte. Er drückte die Klinke herunter, und zu ihrem Erstaunen war sie unverschlossen. Einer der Grünpfleger musste vergessen haben, sie hinter sich abzuschließen, vielleicht sogar aus Verärgerung darüber, dass unten am Badeplatz so laut gefeiert wurde, dachte Veronica.

Sie schlüpften hinein und zogen die Tür vorsichtig hinter sich zu. Ihre Augen fanden einander, und sie mussten kichern, weil sie gemeinsam in dieses unschuldige Abenteuer auf verbotenem Grund geraten waren. Gabriel zog einen Flachmann aus der Hosentasche, trank zuerst selbst einen Schluck, bevor er Veronica davon anbot. Sie trank einen Schluck, und er küsste sie erneut, dieses Mal eher hastig und unkonzentriert. Hier konnten sie schließlich nicht bleiben, in dieser dreckigen Garage mit den großen Ölflecken und dem verrottenden Gras auf dem Boden. Sie schauten sich nach einer Stelle um, wo sie es sich halbwegs bequem machen konnten, fanden aber nichts Besseres als eine kleine Küche mit einem Tisch und drei Stühlen hinter einer Glastür. Das musste reichen. Ein Bett wäre auch zu viel verlangt gewesen. Gabriel zog sie an sich und küsste sie hart und gierig. Und Veronica stand ihm in nichts nach. Als sich seine Hand kurz darauf unter ihr Kleid und in die Unterwäsche schob, enttäuschte sie ihn nicht. Sie ließ ihren Slip fallen und knöpfte seine Jeans auf, half ihm, sich aus ihr herauszuwinden. Wild vor Erregung zog er ihr das Kleid über den Kopf. Es hörte sich an, als würde eine Naht aufreißen, und unter normalen Bedingungen hätte sie sich darüber geärgert, aber in der Hitze der Erregung scherte sie sich nicht darum. Das Leben passierte hier und jetzt, was kümmerte es sie also, was nach diesem wunderbaren Augenblick kommen würde. Mit dem Rücken am Kühlschrank schlang sie die Beine um den muskulösen und hart arbeitenden Männerkörper und nahm ihn in Empfang. Stöhnend vor Wollust gab sie sich all seinen Wünschen hin.

*

Im Winter hätte man gesagt, es wäre mitten in der Nacht, aber jetzt begann es schon wieder richtig hell zu werden. Aber es war die Wolfsstunde, ganz unabhängig von der Jahreszeit. Die Zeit des Tages, in der der Körper am wenigsten aktiv war, die Zeit des Tages, in der die meisten Menschen starben. Und wenn man Ingmar Bergman glauben wollte, war es auch die Zeit, zu der der Schlaflose von seiner größten Angst gejagt wurde, in der Gespenster und Dämonen am mächtigsten waren.

Dem Mann waren solche Gedankengänge nicht fremd. Er fragte sich, warum er genau zu dieser Zeit unterwegs war, warum er sich den Dämonen aussetzte. Die Antwort war ganz einfach. Zu Hause waren die Wände so dicht an ihn herangekrochen, dass er kaum noch atmen konnte. Er konnte es nicht mehr aushalten. Aber er musste noch so lange durchhalten, bis Mariana aus dem Haus war. Und das würde frühestens in einem Jahr passieren, wahrscheinlich erst in zwei oder drei.

In Mariana sah er sich selbst. Nicht von der äußeren Erscheinung her, denn sie war ein Abbild ihrer Mutter als junge Frau. Großgewachsen, schlank, hübsch. Dunkle Haare und grüne, katzenartige Augen. Aber das Temperament hatte sie von ihm. Und die Art zu denken und zu leben. Er hatte ihr nützliche und wertvolle Dinge beigebracht, die ihr sicherlich einen gut bezahlten Job auf einen interessanten Arbeitsplatz garantieren würden. Aber diese Rastlosigkeit … Dieses Gefühl, niemals ganz zufrieden zu sein, immer mehr zu wollen, immer weiter zu gehen, die Grenzen zu überschreiten. Das hätte er ihr gerne erspart.

Und jetzt saß er ruhelos mitten in der Wolfsstunde am Steuer seines teuren und bequemen Wagens, der langsam vorankroch, obwohl er allein auf dem Altavägen unterwegs war und mehr als genug Pferdestärken unter der Haube hatte. Den Dämonen konnte er nicht davonfahren, ganz gleich, wie viele Pferdestärken er hatte. Er musste sich zu Hause zeigen, bevor er am nächsten Morgen zur Arbeit fahren würde, und was er im Augenblick tat, war nichts anderes, als die Heimkehr so lange wie möglich vor sich herzuschieben. Er ertrug es nicht, im Ehebett neben seiner Frau zu liegen. Der Gedanke an ihre sorgfältig manikürten Finger auf seinem Körper, an ihre Lippen, die sich auf die seinen pressten, machte ihn schaudern. Aber das ließ er sich mit keiner Bewegung, mit keiner Miene anmerken. Mit keinem einzigen unbedachten Wort brachte er die glatte Fassade ihres gemeinsamen Lebens zum Bröckeln. Er war der perfekte Mann in einem perfekten Leben, und er fand es zum Kotzen.

Aber genau das hatte er schließlich angestrebt. Schon in jungen Jahren hatte er Pläne für die Zukunft geschmiedet und sich Ziele gesetzt. Niemals war er stehengeblieben, um darüber nachzudenken, wer er eigentlich war, was er in seinem tiefsten Inneren eigentlich vom Leben wollte. Er war eine leichte Beute für das Establishment, das ihm eine politisch korrekte Ansicht nach der anderen aufzwang, und er hatte alles, was man brauchte, um sie der breiten Masse zu vermitteln. Niemand hatte wie er das Talent, andere einzuwickeln, zu begeistern, zu täuschen und zu manipulieren. Aber er war nur eine Marionette. Ein Hampelmann ohne eigenen Willen. Es waren andere, die an den Fäden zogen, er selbst konnte nicht einmal seinen eigenen Körper kontrollieren. Er musste zwanghaft auf einer einsamen Landstraße in eine alte Decke masturbieren, bevor er sich überwinden konnte, in seine Eigenheimidylle zurückzukehren.

Er fühlte sich schmutzig. Wütend war er auch. Auf seine Verdorbenheit, seine schwache Natur. Auf die Umstände und die Menschen in seiner Umgebung. Diejenigen, die ihn zu dem gemacht hatten, der er war. Die ihn gefesselt und zum Gehorsam erzogen hatten. Und er war immer noch wütend. So sollte es nicht sein, so durfte es nicht sein. Es führte dazu, dass er das einzige Ventil verlor, über das er Druck ablassen konnte. Und was blieb ihm dann noch? Eine Therapie? Zu spät, um damit anzufangen, und einen frisch ausgebildeten Psychologen würde er im Handumdrehen abblitzen lassen. Einen erfahrenen im Übrigen genauso. Beichte? Wohl kaum. Buße? Möglicherweise konnte man das, was er gerade tat, schon als solche betrachten.

Die Unruhe fraß an ihm. Er musste etwas aus seinem Leben machen. Ein besserer Mensch werden, lernen zu lieben. Aber er liebte doch schon. Mariana. Alles, was er getan hatte, hatte er ihretwegen getan, und nur für sie. Hoffentlich würde er noch durchhalten, bis sie auf eigenen Beinen stand und stark genug war, um ihn kennenzulernen.

Plötzlich sah er sie. Dort hinten stieg sie aus der Morgendämmerung und kam ihm auf der Landstraße entgegen. Mariana. Seine hübsche Tochter mit dem langen, dunklen Haar, das im Wind flatterte. Der Anblick traf ihn mit einer solchen Kraft, dass er zu zittern begann. Er trat auf die Bremse und wich nicht einmal aus, sondern starrte zitternd und mit offenem Mund auf dieses Gespenst seiner Tochter, das mit jedem Schritt deutlicher vor seine Augen trat. War sie etwa gestorben? Oder hatte er den Verstand verloren? Was ihn nicht überrascht hätte, aber er war vollkommen unvorbereitet darauf, dass es gerade jetzt passierte.

Die Wolfsstunde. Das Mädchen, das seine Tochter war, die ein Gespenst war, trug keine Kleider.

»Vor Gott sind wir alle nackt«, murmelte er und schaute auf seine zitternden Hände hinunter.

Er schämte sich. Nie hatte er seine Tochter in erwachsenem Alter ohne Kleider gesehen, und in der Hoffnung, dass dieser ebenso verführend schöne wie erschreckende Anblick verschwunden war, schaute er wieder auf.

Er war noch da. Aber eines hatte sich verändert. Es war nicht mehr seine Tochter, die im auf der Straße entgegenkam. Es war eine junge Frau, die er vorher noch nie gesehen hatte. Was um alles in der Welt war hier los?

Mit nach wie vor klopfendem Herzen öffnete er die Tür und trat auf den taufrischen Asphalt.

»Was ist passiert?«, rief er, aber die Frau schien ihn gar nicht zu beachten. Mit vor Schrecken verzerrtem Gesicht starrte sie an ihm vorbei und lief weiter.

»Junge Frau, ich will doch nur helfen!« Er stellte sich mitten auf die Straße und breitete die Arme aus, um seine friedlichen Absichten zu betonen.

Zu seiner Verwunderung versuchte sie nicht auszuweichen, sondern lief direkt in seine Arme. Keuchend und schnaufend ließ sie sich von dem fremden Mann auffangen, der sie mit seiner Körperwärme, mit seiner Nähe umschloss. Eine Weile blieben sie so stehen, bis ihre Atmung sich beruhigt hatte. Seine Arme waren um ihren nackten Körper geschlungen, der ganz kalt war, obwohl sie gelaufen war.

»Alles gut, Mädchen, alles gut«, wiederholte er immer und immer wieder, während er mit den Händen versuchte, Wärme in ihre glatte Haut zu massieren.

Als ihre Atmung nach einigen Minuten in einen normalen Rhythmus übergegangen war, wagte er es, seinen Griff für einen Augenblick zu lösen und ihren abwesenden Blick einzufangen.

»Ich habe eine Decke im Auto«, sagte er leise, fast flüsternd. »Ich werde sie jetzt holen, es dauert nur ein paar Sekunden. Bleib einfach hier stehen.«

Vorsichtig entfernte er sich ein paar Schritte von ihr, war besorgt, dass sie zusammenbrechen oder wieder fortlaufen könnte. Er beugte sich über den Fahrersitz und öffnete die Kofferraumklappe, ging schnell um den Wagen herum und kehrte mit einer Decke zu ihr zurück, die er über ihre Schultern legte. Sie schaute ihn mit einer gewissen Erleichterung, ja, vielleicht sogar Dankbarkeit an, sagte aber immer noch kein Wort. Unter der großen Decke, die bis auf den Boden fiel, sah sie ganz klein aus. Der Mann öffnete die hintere Tür, legte ihr eine Hand auf die Schulter und schob sie zum Wagen. Er half ihr, sich auf die Rückbank zu setzen und schloss die Tür. Dann ging er auf die andere Seite und setzte sich neben die junge Frau, zog sie an sich und bliebe lange schweigend neben ihr sitzen. Er hatte den Arm um sie gelegt und wiegte sich langsam vor und zurück, wie er es mit Mariana gemacht hatte, wenn sie zur Ruhe kommen sollte, als sie klein war. »Willst du mir erzählen, was passiert ist?«, fragte er leise.

Keine Antwort. Sollte er vielleicht den Notarzt rufen? Aber er könnte sie ja genauso gut selbst ins Krankenhaus fahren. Oder nach Hause. Wenn sie nur mit ihm reden, ihm ihre Adresse sagen würde. Er streichelte sie sanft über die Wange und fragte noch einmal:

»Wenn du mir sagst, wo du wohnst, kann ich dich nach Hause fahren.«

Doch sie antwortete nicht, zeigte mit keiner Miene, ob sie ihn gehört hatte.

»Bist du verletzt? Tut dir irgendwas weh? Soll ich dich vielleicht ins Krankenhaus fahren?«

Jetzt schaute sie ihn tatsächlich an, aber ihr Blick war vollkommen leer. Vielleicht stand sie unter Schock? Er konnte das nicht beurteilen, aber dass es dem Mädchen schlecht ging, stand außer Frage. Und weil er nicht wusste, wo sie wohnte, musste er sie in ein Krankenhaus bringen.

»So machen wir es«, entschied er. »Ich fahre dich ins Söder-Krankenhaus. Dort werden sie dich untersuchen. Ich werde dich begleiten und dafür sorgen, dass alles richtig läuft. Okay?«

Schweigen. Und dieser nichtssagende Blick, bei dem es ihm kalt den Rücken herunterlief. Vorsichtig zog er den Arm zurück und öffnete die Tür.

»Ich setze mich jetzt an Steuer und fahre. Ist das okay?«

Sie saß wie versteinert auf der Rückbank, bis zum Kinn in seine alte Decke gehüllt. Als er am Steuer saß, wendete er den Wagen und fuhr in Richtung Stadt. Bis Sickla kam ihm kein einziges Auto entgegen. Bei Danvikstull fuhr er über die Brücke, dann über die Folkungagatan und die Götgatan hinunter zum Ringvägen. Die ganze Zeit beobachtete er sie im Rückspiegel, redete sanft auf sie ein, füllte den Abstand zwischen ihnen mit beruhigenden Worten. Er fragte, wie sie heiße und wie es ihr gehe, doch während der ganzen Fahrt saß sie mit unveränderter Miene da und starrte aus dem Seitenfenster, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben.

Kurz bevor sie das Söder-Krankenhaus erreichten, sah er, wie sich in ihren Augen etwas veränderte. Ein Anflug von Geistesgegenwart, und kurz darauf begann sie zu schreien. Er zuckte zusammen, bevor er an den Straßenrand fuhr und sich zu ihr umdrehte.

»Ist ja gut, Mädchen. Keine Angst. Bald kannst du dich ausruhen, und alles wird wieder gut«, versuchte er sie zu beruhigen.

Aber das Mädchen konnte nichts verstehen, denn sie schrie ununterbrochen, ein langgezogener Schrei, der die Scheiben zum Zittern brachte. Als er gerade aussteigen wollte, um sich neben sie zu setzen, öffnete sie die Tür. Schnell lief er hinüber, um sie in Empfang zu nehmen, machte sich breit, damit sie in ihrem verwirrten Zustand nicht davonlaufen konnte. Sobald sie aus dem Wagen stieg, schloss er sie kräftig in die Arme, aber sie befreite sich aus seinem Griff und schlug ihm mit geballten Fäusten auf die Brust. Sie hatte aufgehört zu schreien, stattdessen fauchte sie wie ein wildes Tier. Der Mann versuchte sie mit Worten zur Vernunft zu bringen, aber offensichtlich schien sie es gar nicht mehr wahrzunehmen.

»Beruhige dich, ich werde mich um dich kümmern«, sagte er und bekam eine wütende Grimasse und weitere Schläge zur Antwort.

Während sie auf ihn einschlug, glitt die Decke auf den Asphalt hinunter. Es schien sie nicht zu kümmern. Um sich gegen die Schläge zu schützen, packte er sie an den Handgelenken, aber sie riss sich los und schlug weiter um sich. Mittlerweile hatte sie es auf sein Gesicht abgesehen, das er in einem Reflex im letzten Augenblick zur Seite wenden konnte. Er spürte einen brennenden Schmerz hinter dem Ohr, wo ein scharfer Nagel die empfindliche, dünne Haut aufgerissen hatte. Er wehrte sich, hob die Arme zum Schutz vor das Gesicht, was das Mädchen nutzte, um sich von ihm zu lösen. Als er außer Gefahr war und die Augen öffnete, war sie schon ein Stückchen entfernt. Ohne Decke, ohne Kleidung und ohne Schuhe lief sie, so schnell sie konnte, von ihm weg.

Es gab nichts, was er tun konnte. Die junge Frau wollte seine Hilfe offensichtlich nicht, und er konnte sie schließlich nicht zwingen. Sie lief die Grindsgatan hinunter, und als die Straße einen Bogen machte, sah er sie zum letzten Mal, dann verschwand sie hinter einer Hausecke. Er seufzte, tastete mit der Fingerspitze die Stelle hinter dem Ohr ab und stellte fest, dass er blutete. Das arme Mädchen, dachte der Mann, was war ihr bloß zugestoßen? Dann bückte er sich, hob die Decke auf, um sie zusammenzufalten, legte sie auf den Beifahrersitz und ließ den Motor an. Sollte er nach ihr Ausschau halten? Aber was, wenn er sie wirklich finden würde? Ganz offensichtlich wollte sie ja nichts mit ihm zu tun haben. Er sollte wohl die Polizei alarmieren. Aber je mehr er darüber nachdachte, desto weniger hielt er von der Idee.

Bevor er zurück auf die Straße fuhr, warf er einen Blick in den Seitenspiegel. Es war Zeit, nach Hause zu fahren. Obwohl die Sonne bereits hinter den Hausdächern hervorkletterte und den neuen Tag ankündigte, brauchte er noch ein bisschen Schlaf.

Samstagmorgen

Als der Streifenwagen auftauchte, hatte sich die junge Frau beruhigt. Laut der Zeugenaussagen, die in dem Treppenhaus aufgenommen wurden, hatte sie so lange und laut herumgelärmt, dass die Mehrzahl der Hausbewohner aufgewacht war, aber mittlerweile war sie in Schweigen verfallen. Sie reagierte nicht auf Ansprache, sondern saß nackt auf dem steinernen Boden und starrte apathisch vor sich hin. Dass zwei Polizisten und ein Dutzend Anwohner um sie herumstanden, schien sie nicht zu kümmern.

»Wir haben nichts angefasst«, beteuerte derjenige, der schließlich die Polizei gerufen hatte, ein älterer Herr namens Levin, der im ersten Stock des Hauses wohnte, in dem das Mädchen saß.

»Eine Decke wäre vielleicht nicht schlecht gewesen«, meinte Jansson, einer der beiden Streifenpolizisten.

»Die Beweise«, sagte Levin. »Wir wollten die Beweise nicht zerstören.«

»Die Beweise wofür?«, wollte Jansson wissen.

»Entführung. Vergewaltigung. Misshandlung. Oder was glauben Sie, wonach das hier aussieht?«

»Wir ziehen keine voreiligen Schlüsse«, antwortete Jansson, »aber wie kommen Sie darauf, dass es um eine Entführung gehen könnte?«

Levin hob die Arme.

»Wonach sieht es denn aus? Das Mädchen ist ganz offensichtlich ohne Kleidung, Schuhe oder Handtasche aus der Wohnung geworfen worden.«

Warum das ausgerechnet auf eine Entführung hindeuten sollte, war Jansson nach wie vor schleierhaft, aber er ließ es auf sich beruhen. Der andere Polizist, Danilovic, legte dem Mädchen eine Decke um die Schultern.

»Willst du dich vielleicht auf die Decke setzen?«, schlug er vor. »Der Boden ist so kalt.«

Sie reagierte nicht. Er griff nach ihren Händen und zog sie auf die Füße, half ihr, sich so wieder hinzusetzen, dass sie die Decke unter sich hatte. Sie leistete keinen Widerstand, half aber auch nicht mit.

»Wie heißt du?«, fragte er, sie antwortete nicht.

Ihr Blick war glasig, und ihre starre Haltung wirkte beinahe unheimlich.

»Wir sorgen dafür, dass sich ein Arzt um dich kümmert«, sagte er beruhigend. »Hat dir jemand etwas angetan?«

Während sie auf den Krankenwagen warteten, versuchte Danilovic Kontakt zu der jungen Frau herzustellen, während Jansson sanft, aber entschlossen die neugierigen Zuschauer in den zweiten Stock bugsierte, wo er sich anhörte, was sie zu sagen hatten.

»Haben Sie gesehen, wie sie aus der Wohnung geworfen wurde?«, nahm er das Gespräch mit Levin wieder auf.

»Nein, aber sie wird ja nicht im Evakostüm von draußen hereingekommen sein.«

»Evakostüm?«, fragte Jansson.

»Nackt. Das ist ein Euphemismus.«

»Aha, wie Sie meinen. Sie haben sie also erst entdeckt, nachdem sie an der Tür Ihres Nachbarn geklingelt hatte.«

Levin nickte.

»Hat sonst noch jemand etwas hinzuzufügen?«, fragte Jansson.

»Dass sie ›geklingelt‹ hat, ist wohl eher eine Untertreibung«, antwortete eine etwa vierzigjährige Frau. »Sie hat gebrüllt und geschrien und an die Tür gehämmert.«

»Wie heißen Sie und wo wohnen Sie?«

»Ich heiße Christa Wahl und wohne hier«, antwortete sie und deutete mit einem Nicken auf die Tür, vor der sie stand.

»Also über der Wohnung, in die sie hineinwollte? Wo Gideon an der Tür steht?«

Christa Wahl nickte.

»Ist das Haus hellhörig?«, wollte Jansson wissen.

»Ja, ziemlich.«

»Geht es bei Gideon öfter einmal etwas lauter zu?«

Einige der acht Personen, die sich auf dem Treppenabsatz des zweiten Stocks versammelt hatten, warfen einander Blicke zu, aber niemand sagte etwas. Aber Levin schien ja eine lockere Zunge zu haben, also beschloss der Polizist, seine Frage an ihn zu richten.

»Also, geht es bei Gideon öfter mal lauter zu?«

Der Angesprochene überlegte eine Weile, schüttelte dann aber den Kopf.

»Und heute, in dieser Nacht?«

Levin sah nachdenklich aus.

»Ich würde jetzt nicht behaupten wollen, dass dort jemand gelärmt hätte, aber gestern Abend habe ich tatsächlich laute Stimmen aus der Wohnung gehört.«

Jansson zog die Augenbrauen hoch.

»Zumindest eine Stimme«, fuhr Levin fort. »Eine Männerstimme. Oder mehrere, schwer zu sagen.«

»War es vielleicht Gideon selbst?«

»Durchaus möglich«, antwortete Levin.

»Aber normalerweise macht er keinen Krach?«

»Nein, überhaupt nicht. Er macht Musik, aber das kann man ja nicht als Lärm betrachten.«

»Aber es stört?«

»Überhaupt nicht«, antwortete Levin und schien es ehrlich zu meinen.

»Aber jetzt ist er nicht zu Hause, dieser Gideon«, fuhr Jansson fort.

»Die Frage stellt sich ja wohl nicht?«, meinte Christa Wahl mit scharfer Stimme. »Immerhin hat erst diese Frau und dann die Polizei erfolglos versucht, ihn zum Öffnen der Tür zu bewegen.«

»Entweder ist er zu Hause und weigert sich, die Tür zu öffnen«, dachte Jansson laut, »oder er hat irgendwann im Laufe der Nacht die Wohnung verlassen. Hat jemand gesehen, wie er aus dem Haus gegangen ist?«

Nichts als Kopfschütteln. Inzwischen war der Krankenwagen angekommen, und einige der Personen, die sich im Treppenhaus versammelt hatten, stellten sich erst ans Geländer und anschließend ein halbes Stockwerk auf einen Balkon, um zuzuschauen, wie die junge Frau auf einer Trage hinausgebracht und in den Krankenwagen geschoben wurde.

»Ich schlage vor, dass Sie die Tür aufbrechen und hineingehen«, sagte Levin, nachdem der Krankenwagen verschwunden war. »Ich bin davon überzeugt, dass Gideon sich in der Wohnung verschanzt hat und sich überlegt, wie er aus dieser Situation wieder herauskommen soll.«

*

Petra Westman und Jamal Hamad waren beide wach, als das Telefon klingelte. Es war mittlerweile fast ein Jahr vergangen, seit sie einander in dem komplizierten Labyrinth gefunden hatten, das der Weg zu ihrem gemeinsamen Leben gewesen war – ein Gewirr aus Pfaden, die einander unzählige Male kreuzten, und jedes Mal, wenn sie sich für einen Weg entschieden hatten, hatte die Hoffnung auf eine Vereinigung sie nur weiter voneinander weggeführt. Bis sie zufälligerweise zur gleichen Zeit die Abzweigung gewählt hatten, die sie auf den richtigen Weg und einander direkt in die Arme führte. Warum und wie es nach all diesen Jahren passiert war, war ein Thema, auf das sie in ihren langen nächtlichen Unterhaltungen oft zu sprechen kamen, ohne dass sie wirklich eine Erklärung fanden. Aber ihre Gefühle waren gegenseitig, was beide zu Beginn ihrer Beziehung bezweifelt hatten. Ihre Liebe war darüber hinaus so leidenschaftlich, ja geradezu ekstatisch, dass es ihnen beinahe ein bisschen peinlich war. Beide hatten für Romantik nicht besonders viel übrig, außer auf der Kinoleinwand. Jeden Versuch, sie in die Wirklichkeit umzusetzen, hielten sie für pathetisch.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten sie gemeinsam eine Wohnung gekauft. Ein bescheidenes Zweizimmer-Apartment, 58 Quadratmeter groß, aber charmant und in einer besseren Lage als alles, was jeder von ihnen alleine von seinem bescheidenen Assistentengehalt hätte finanzieren können. Sie lag an der Katarina Bangata, mitten auf Södermalm zwischen dem Medborgarplatsen und dem Skanstull, und ganz in der Nähe ihres Stammlokals Lisas Café, wo sie mittlerweile nicht mehr nur häufig zu Mittag aßen, sondern immer öfter auch ihr Frühstück einnahmen. Und nicht zuletzt lag die neue Wohnung nur ein paar Fußminuten von der Polizeiwache Hammarby in der Östgötagatan 100 entfernt. Viel besser konnte es nicht sein.

Obwohl sie in den letzten zehn Monaten beinahe jede Nacht miteinander verbracht hatten, waren sie über das erste Stadium des Verliebtseins noch nicht hinaus: Sie liebten einander vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen oder wenn sie zwischendurch aufwachten, und manchmal auch alles in einer Nacht. Kurz gesagt, sie waren immer noch frisch verliebt.

Und so zog sich nicht nur Hamad – er hatte Bereitschaft – sondern auch Petra den Trainingsanzug über und machte sich kurz vor fünf auf den Weg in die Tjustgatan, als der Wachhabende anrief.

*

»Ich schlage vor, dass Sie die Tür aufbrechen und hineingehen«, sagte eine Männerstimme weiter oben im Treppenhaus. »Ich bin davon überzeugt, dass Gideon sich in der Wohnung verschanzt hat und sich überlegt, wie er aus dieser Situation wieder herauskommen soll.«

»Ich glaube, wir sollten uns erstmal ein bisschen beruhigen«, sagte eine andere Männerstimme. »Die Polizei bricht nicht einfach so bei Leuten ein, die nicht die Tür öffnen, wenn man anklopft. Außerdem haben wir keine Ahnung, was dem Mädchen zugestoßen ist.«

Hamad blieb mit Danilovic und Westman im Schlepptau im ersten Stock stehen und warf einen Blick auf die Namensschilder. Gideon, stand auf dem ersten. Er drückte mit dem Daumen auf die Klingel, während Westman in die Hocke ging und durch den Briefschlitz schaute. Drückte die Nase in die Öffnung und schnupperte, legte anschließend das Ohr an die Tür. Schließlich stand sie wieder auf und vermeldete mit einem Kopfschütteln, dass sie nichts gesehen, gerochen oder gehört hatte, das sich außerhalb des Normalen bewegte.

»Kennt jemand von Ihnen Gideon?«, fragte die Polizistenstimme oberhalb von ihnen. »Oder hat jemand diese Frau schon einmal gesehen?«

Keine Antwort. Hamad und Westman stiegen ins nächste Stockwerk hinauf, wo sie von einem Streifenpolizisten, der Hamad vage bekannt vorkam, und einer Versammlung von Menschen unterschiedlichen Alters in verschiedenfarbigen Morgenröcken empfangen wurden.

»Jansson«, sagte der Polizist und streckte die Hand aus. »Schutzpolizei.«

»Hamad, Kriminalpolizei Hammarby. Und das ist Westman.«

»Die Frau habe ich noch nie gesehen«, sagte eine ältere Dame mit Lockenwicklern unter einer Schutzhaube. »Aber Gideon und ich unterhalten uns manchmal. Das letzte Mal erst gestern Morgen. Ich weiß, dass er wegen der Arbeit häufiger verreisen muss, aber dieses Mal hat er nicht erwähnt, dass er verreisen würde. Aber ich kenne ihn auch nicht besonders gut.«

»Hat er auch erwähnt, dass er ein junges Mädchen vergewaltigen wollte?«, warf ein älterer Herr ein.

»Danke, das reicht jetzt«, sagte er und hob die Hand, um diese Art von Spekulationen zu unterbinden. »Wir werden mit jedem von Ihnen unter vier Augen sprechen, und ich möchte wissen, wie Sie heißen und in welchen Wohnungen Sie leben.«

Sie trugen alle Informationen zusammen, die sie brauchten und schickten anschließend sämtliche Bewohner nach Hause. Es war schließlich Samstagmorgen und immer noch unchristlich früh. Die vier Polizisten gingen auf die Straße hinaus, wo Jansson und Danilovic einen umfassenden Bericht über die Ereignisse des Morgens ablieferten. Der jungen Frau ging es nicht gut, aber sie wies auch keine sichtbaren Spuren ernsthafter körperlicher Misshandlungen auf. Da sie jedoch unbekleidet gewesen war, lag es nahe, dass sie Opfer irgendeiner Form von sexueller Gewalt geworden war. Man nahm das selbstverständlich ernst, würde aber deshalb in dieser frühen Phase noch keine Polizisten aus dem Wochenende in den Dienst zurückrufen. Zumal man noch nichts Genaues über den Tathergang und das Opfer wusste.

»Auf diesen Gideon scheinen einige Leute nicht besonders gut zu sprechen zu sein«, konstatierte Jansson.