Die Autorin

Sarah Glicker – Foto © privat

Sarah Glicker, geboren 1988, lebt zusammen mit ihrer Familie im schönen Münsterland. Für die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte gehörten Bücher von Kindesbeinen an zum Leben. Bereits in der Grundschule hat sie Geschichten geschrieben. Als Frau eines Kampfsportlers liebt sie es, Geschichten über attraktive Bad Boys zu schreiben.

Das Buch

Band 2 der Romance-Serie von Erfolgsautorin Sarah Glicker

Emma lebt in einem kleinen Apartment und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Sie versucht möglichst unerkannt zu bleiben, denn ihr Vater ist ein hochrangiger Politiker. Deshalb hat Emma immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. Bis sie Chris über den Weg läuft. Als Polizist kennt er sich aus mit Klischees und sieht Emma nicht nur als Tochter ihres Vaters, sondern als die selbstständige Frau, die sie ist. Doch Chris hat ein Geheimnis, was Emmas ohnehin schon kompliziertes Leben bis ins Mark erschüttern könnte …

Von Sarah Glicker sind bei Forever by Ullstein erschienen:
Second Chance for Love (Las-Vegas-Reihe 1)
Love at Third Sight (Las-Vegas-Reihe 2)
Melody & Scott – L.A. Love Story (Pink Sisters Band 1)
Haley & Travis – L.A. Love Story (Pink Sisters Band 2)
Brooke & Luke – L.A. Love Story (Pink Sisters Band 3)
L.A. Love Storys Band 1-3: 3 Romane in einem Bundle
Craving You. Henry & Lauren (A Biker Romance 1)
Breaking You. Jenny & Dean (A Biker Romance 2)
Releasing You. Lukas & Abby (A Biker Romance 3)
Secret Kisses (Law and Justice 1)
Secret Hearts (Law and Justice 2)
Secret Promises (Law and Justice 3)

Sarah Glicker

Secret Hearts

Emma & Chris

Roman

Forever by Ullstein
forever.ullstein.de

Originalausgabe bei Forever
Forever ist ein Verlag
der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Juli 2019 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019
Umschlaggestaltung:
zero-media.net, München
Titelabbildung: © FinePic®
Autorenfoto: © privat
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ISBN 978-3-95818-329-2

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1

Emma


»Oh mein Gott«, ruft Natalie, als sie in die Küche stürmt. Erschrocken drehe ich mich in ihre Richtung. Beinahe verschütte ich den heißen Kaffee, den ich mir gerade noch in den Becher gegossen habe. Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie mich an, während ich versuche, meinen Herzschlag wieder in den Griff zu bekommen. »Hast du das schon gelesen?«

Sie hält mir einen Zeitungsartikel unter die Nase, den sie rausgerissen hat. Doch ich beachte ihn nicht sofort. Stattdessen klebt mein Blick an meiner Freundin fest. Es passiert selten, dass ich sie so aufgelöst erlebe. Und obwohl ich weiß, dass wirklich etwas passiert sein muss, kann ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

»Was habe ich schon gehört?«, erkundige ich mich. Ich ziehe meine Augenbrauen ein Stück nach oben, um ihr so zu signalisieren, dass ich keine Ahnung habe, wovon sie eigentlich spricht.

»Du hast doch sicher mitbekommen, dass die Waffengesetze verschärft werden sollen, oder?«, fragt sie mich.

Ich weiß nicht, ob ich nicken oder lieber den Kopf schütteln soll. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Bauch breit. Deswegen schaue ich sie nachdenklich an, bevor ich mich für die Wahrheit entscheide. Doch auch dabei sind meine Bewegungen noch immer zögerlich.

»Was soll ich sagen? Dein Vater hat es mal wieder in die Schlagzeilen geschafft.« Mit diesen Worten drückt Natalie mir den Artikel in die Hand. Als Nächstes verschränkt sie die Arme vor der Brust und lehnt sich an einem Schrank an.

Ich zucke zusammen, als sie meinen Vater erwähnt. Das liegt allerdings nicht daran, dass er auf der Titelseite steht. Das schafft er mühelos und in den letzten Jahren habe ich mich schon daran gewöhnt. Seine Devise ist schließlich, dass man nicht mit dem Strom schwimmen soll.

Es ist viel eher die Tatsache, dass ich keine Ahnung habe, was mich nun wieder erwartet.

Aber was es auch ist, es kann nichts Gutes sein, denke ich. Dabei bekomme ich Magenschmerzen. Ich schließe meine Augen und atme mehrmals tief durch. Auf diese Weise versuche ich, meine Nerven wenigstens einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Allerdings ist das nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass es hierbei um meinen Vater geht. Jedes Mal, wenn es gerade etwas ruhiger um ihn geworden ist, kommt er mit dem nächsten Angriff um die Ecke.

»Was ist es jetzt schon wieder?«, erkundige ich mich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort darauf überhaupt hören will.

Und auch Natalie macht den Eindruck auf mich, als würde sie nicht wissen, ob sie es mir sagen kann. Schließlich weiß sie, dass ich nicht gerade der größte Fan meines Dads bin.

»Na ja, was soll ich sagen? Dein Dad hat sich ganz offiziell mit der gesamten Waffenlobby angelegt.« Entschuldigend zuckt sie mit den Schultern. Allerdings dauert es noch etwas, bis ihre Worte auch wirklich bei mir angekommen sind.

Eigentlich wollte ich den Deckel auf den Becher drehen, doch nun halte ich mitten in der Bewegung inne. Langsam wende ich mich wieder in ihre Richtung und schaue sie überrascht an.

»Er macht was?« Die Frage kommt mir viel zu laut über die Lippen. Vor allem lauter, als ich es beabsichtigt habe. Doch ihre Nachricht sorgt dafür, dass ich kurz nicht weiß, wie ich reagieren soll. »Ist das dein Ernst?«

»Es steht in allen Zeitungen und läuft auf sämtlichen Nachrichtensendern. Er hat sogar schon erste Drohbriefe bekommen.«

Geschockt reiße ich meine Augen auf. »Es hört sich nicht so an, als würde er sich zurückziehen wollen.« Ihre Stimme ist so leise, dass ich ihre Worte kaum verstehen kann. Dennoch bin ich mir sicher, dass sie genau das gesagt hat.

Erneut zuckt meine Freundin entschuldigend mit den Schultern und verzieht ein wenig das Gesicht. Ich sehe ihr an, dass ihr nicht wohl dabei ist, mir diese Nachrichten zu überbringen, doch sie kann nichts dafür. Ich bin sogar froh, dass ich es von ihr erfahre und nicht durch Zufall, weil überall darüber gesprochen wird.

Kurz lächle ich sie an, ehe ich den Artikel durchlese. Doch je mehr ich lese, umso mehr kommt es mir vor, als würde ich mich in einem Albtraum befinden.

Mein Vater nimmt es in Kauf, dass Mom oder meinen Geschwistern etwas passiert, denke ich. Ich werde sauer. Um mich selbst mache ich mir keine Sorgen. Schließlich habe ich mich in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal an seiner Seite ablichten lassen. Mich wird man nicht erkennen. Doch der Rest der Familie hat sich leider nicht so sehr zurückgehalten.

»Wie ist er nur auf diese schwachsinnige Idee gekommen?«, frage ich mich leise und schüttle den Kopf. Abwesend schaue ich an Natalie vorbei. Ohne Unterbrechung geht mir diese Frage durch den Kopf. Selbst ihm müsste klar sein, dass diese Drohungen durchaus ernst sind. »Er legt sich doch sonst nicht mit Waffenhändlern und der Mafia an.« Während ich spreche, konzentriere ich mich wieder auf meine Freundin. Ich habe die Hoffnung, dass ich so wieder klarer denken kann, allerdings ist das nur ein Wunsch, der sich nicht erfüllt.

»Das solltest du ihn vielleicht besser fragen. Aber ich kann schon verstehen, wieso du kaum noch Kontakt zu deinen Eltern oder Geschwistern hast. Ich würde auch andere nicht auf mich aufmerksam machen wollen.«

Dies ist wieder einer der Momente, in denen ich froh bin, dass ich mich vor Jahren so entschieden habe. Es bedeutet zwar, dass ich mich einschränken muss und mir nicht einmal einen richtigen Job suchen kann. Doch das nehme ich gerne in Kauf. Auf diese Weise kann ich wenigstens sichergehen, dass mich niemand mit meinem Vater und seinen verrückten Aktionen in Verbindung bringt.

Ich liebe meine Eltern. Aber irgendwann war der Punkt gekommen, an dem ich mich gefragt habe, was ich von meinem Leben will, wie ich es führen will. Und ich war mir von Anfang an sicher, dass ich nicht in der Öffentlichkeit stehen will, so wie mein Dad oder der Rest meiner Familie.

Nein, ich wollte ein ruhiges Leben und das will ich noch immer.

»Ich werde unterwegs bei meinen Eltern anrufen und mich erkundigen. Vielleicht habe ich ja Glück und mein Dad ist gerade zu Hause. Auch, wenn ich das weniger glaube.«

»Sonst kannst du wenigstens deiner Mom ins Gewissen reden. Ich weiß, dein Vater kann wirklich sehr stur sein. Aber seine Familie in Gefahr zu bringen, weil man seinen Willen durchsetzen will, ist nicht unbedingt schlau.« Natalie schaut mich beschwörend an. Mir ist klar, dass sie es nur gut meint, dennoch kann ich nichts erwidern. Bis jetzt hat sie meinen Dad zweimal getroffen, doch das hat gereicht, sich einen Eindruck von ihm zu verschaffen. Und deswegen weiß sie auch, dass man diesen Mann unmöglich unter Kontrolle haben kann.

»Ich werde mich jetzt auf den Weg machen. Sonst komme ich noch zu spät«, sage ich und gehe dabei an ihr vorbei.

»Mir ist klar, dass es wahrscheinlich nicht der beste Zeitpunkt ist, um wieder damit anzufangen, aber willst du dir nicht endlich einen richtigen Job suchen?«, fragt Natalie und geht hinter mir her in den Flur.

»Nein, das ist es wahrscheinlich wirklich nicht. Dabei würde ich nämlich Gefahr laufen, dass jemand meinen Nachnamen mit ihm in Verbindung bringt. Und das kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.« Ausdruckslos schaue ich sie an, während ich nach meiner Tasche greife. »Und aufgrund dieser Schlagzeilen wird er nun wieder eine Weile in den Nachrichten sein. Diese Möglichkeit ist also wieder ein Stück außer Reichweite gerutscht. Außerdem will ich es selbst schaffen. Und nicht aufgrund meines Nachnamens.«

Ich versuche meine Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen. Natalie soll nicht merken, wie nah mir diese Geschichte wirklich geht. Allerdings brauche ich nur einen Blick in ihr Gesicht zu werfen, um zu wissen, dass sie es bemerkt hat. Um sie von dem Gedanken abzubringen, zwinkere ich ihr zu und drehe mich dann um.

»Ich will doch nur, dass du dir nicht ewig dein Leben davon diktieren lässt. Schließlich wird dein alter Herr noch eine ganze Weile so einen Mist verzapfen. Da bin ich mir sicher.«

»Ich lasse mein Leben davon nicht bestimmen. Auf jeden Fall nicht so, wie es vielleicht den Anschein macht«, füge ich noch hinzu. »Irgendwann werde ich meine Träume verwirklichen.« Mit diesen Worten umarme ich sie ein letztes Mal und verschwinde dann aus der Haustür, bevor sie noch etwas sagen kann.

Ich bin Natalie nicht böse, dass sie immer wieder mit diesem Thema anfängt. An ihrer Stelle würde ich mir auch Sorgen machen. Doch das ändert nichts daran, dass sie das nicht braucht. Ich habe einen College-Abschluss und wenn es so weit ist, dann werde ich bestimmt schnell einen vernünftigen Job finden.

Mir gefällt es überhaupt nicht, dass ich es schon wieder hintenanstehen muss, nur weil mein Vater seine große Klappe nicht ein einziges Mal zügeln kann.

Dabei würde ich gerne vorankommen, denke ich, während ich in meinen Wagen steige. Doch ich fahre nicht sofort los. Stattdessen atme ich aus und hole dann mein Handy aus der Tasche heraus. Schnell schließe ich es an der Freisprecheinrichtung an und wähle die Nummer meiner Eltern.

Ich bin nervös. Nicht einmal ansatzweise kann ich sagen, wie sie darauf reagieren werden, dass ich anrufe. Schließlich ist es schon drei Monate her, dass ich das letzte Mal mit ihnen gesprochen habe. Obwohl ich sagen muss, dass meine Eltern auch nicht besser sind. Sie haben mir zum Geburtstag nur einen Strauß Blumen und eine Karte geschickt. Woraufhin ich ihnen auch nur eine Nachricht geschrieben habe.

Und auch jetzt habe ich keine sehr große Lust, doch das hier ist zu wichtig, als dass ich es vor mir herschieben könnte.

Gespannt halte ich die Luft an, während das Tuten der freien Leitung an meine Ohren dringt. Es erscheint mir beinahe so, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis sich endlich jemand meldet. Dabei bin ich mir sicher, dass es nur wenige Sekunden sind.

»Ja?«, fragt meine Mom, nachdem sie den Hörer abgenommen hat.

»Ist Dad da?«, erkundige ich mich sofort, ohne mich groß mit irgendwelchen Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten.

»Emma? Bist du das?« Ich erkenne an ihrer Stimme, wie irritiert sie ist. Es versetzt mir einen Stich, dass sie nicht damit gerechnet hat, dass ich anrufe. Doch ich beschließe, dass es besser für mich ist, wenn ich mich nicht damit auseinandersetze.

»Ja, Mom. Ich bin das. Ist Dad da?«

»Nein, wieso? Du weißt doch, dass er tagsüber immer im Büro ist.« Ich kann den anklagenden Ton genau hören. »Ist etwas passiert?« Plötzlich hört sie sich besorgt an. Doch darauf werde ich nicht eingehen. Ich weiß nämlich, dass es nur eines gibt, um das meine Eltern sich Sorgen machen. Und das ist ihr Ansehen. Noch ein Grund, aus dem ich nicht verstehen kann, wieso mein Vater immer so auf Ärger aus ist.

»Das wollte ich eigentlich ihn fragen. Spinnt er nun total? Das Waffengesetz? Welcher Teufel hat ihn da denn geritten?« Ich schreie beinahe. Aber eigentlich ist es mir auch egal. Ich bin sauer. Und das können sie ruhig wissen. Die beiden brauchen erst gar nicht denken, dass ich dieses Verhalten gut finde.

»Davon redest du«, murmelt sie leise vor sich her. Am liebsten würde ich sie anschreien und schütteln, nur damit sie endlich wach wird.

Ich bin mir sicher, dass eine meiner Schwestern gerade neben ihr sitzt und uns belauscht.

Ich verdrehe genervt die Augen. »Ja genau, davon rede ich. Wie kommt er auf solche Ideen?«

Grandpa würde sich im Grab umdrehen, denke ich, bin jedoch schlau genug, die Worte für mich zu behalten. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, was er davon hält.

»Du kennst doch deinen Vater«, versucht sie mich zu beruhigen. Doch mit diesen Worten schafft sie eher das Gegenteil. Meine Muskeln spannen sich an und meine Lippen pressen sich zu einer dünnen Linie aufeinander. »Rede mit ihm. Er soll diese schwachsinnige Idee aus seinem Kopf verbannen. Ihr habt bereits Drohbriefe bekommen, die ernst zu nehmen sind. Das wird mächtigen Ärger geben, das kann ich dir jetzt schon sagen. Vielleicht nicht heute und auch nicht nächste Woche. Aber es wird etwas passieren. Und das weißt du genauso gut wie ich.«

Ich lasse nicht den kleinsten Zweifel daran, dass ich jedes Wort so meine, wie ich es gesagt habe. Und eigentlich müsste meine Familie das auch wissen. Schließlich war es bisher immer so gewesen.

»Nein, Schatz. Das kann ich mir nicht vorstellen. Sicher regen sich nur wieder ein paar Leute auf.«

Am liebsten würde sich sie daran erinnern, was das letzte Mal geschehen ist, als sich ein paar Leute aufgeregt haben. Da wurde ihr Auto unter anderem mit einem Baseballschläger bearbeitet. Dabei ging es nicht einmal ansatzweise um so ein brisantes Thema wie jetzt.

»Rede mit ihm. Meine Güte, du bist mit ihm verheiratet. Da muss es dich doch interessieren, was für eine Scheiße er macht.«

Da ich weiß, dass ich nur die Beherrschung verlieren würde, die ich noch übrighabe, wenn ich mit ihr weiter darüber spreche, warte ich nicht darauf, dass sie etwas erwidert. Ich lege einfach auf. Es ist besser, als ihr irgendwelche Wörter an den Kopf zu knallen, von denen ich weiß, dass ich sie früher oder später bereuen würde.

Schweigend fahre ich weiter durch den dichten Stadtverkehr, während mir die unterschiedlichsten Sätze durch den Kopf gehen, die ich meiner Mutter zu gerne gesagt hätte. Doch auch als ich mein Ziel erreicht habe, geht es mir nicht besser.

Mit großen Schritten durchquere ich den Gastraum. Eigentlich ist dieser Job gar nicht so schlecht, überlege ich, während ich mich fertig mache. Ich verdiene genug und auch das Trinkgeld ist nicht gerade das Schlechteste. Dennoch ist es nicht das, was ich mir immer gewünscht habe.

Mein eigentlicher Berufswunsch ist es, Fitnesscouch zu sein. Doch je mehr Scheiße mein Dad verzapft, umso mehr rückt dieser Traum in weite Ferne.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, schnappe ich mir meine Arbeitssachen und beginne meine Schicht. Auch wenn es mir so vorkommt, als würden alle wissen, was in meinem Kopf vor sich geht, so ist es doch besser, als mich mit diesem Mist auseinanderzusetzen.

Die nächsten zwei Stunden vergehen ruhig. Ich bin froh, dass ich genug zu tun habe, sodass ich mir keine Gedanken um meinen Vater oder seine irren Ideen machen kann.

»Emma«, ruft mich meine Kollegin, als ich mich gerade auf einen Stuhl in der Küche gesetzt habe. Neugierig drehe ich meinen Kopf in ihre Richtung und schaue sie an.

»Ist etwas passiert?«

»Kannst du Tisch fünf bedienen?« Mit einem bittenden Blick sieht sie mich an. Ich weiß, dass es ihr schwerfällt zu fragen. In dieser Hinsicht sind wir uns ähnlich. Sie ist genauso selbstständig wie ich.

Bevor ich den Kopf schütteln kann, rufe ich mir in Erinnerung, dass es mich von meinem Problem ablenkt. Auch wenn es eigentlich gar nicht mein Problem ist, denke ich zerknirscht. Es ist das meines Vaters, was allerdings ganz schnell zu meinem werden kann.

»Sicher, ich komme sofort«, sage ich also und nehme noch einen großen Schluck aus meiner Wasserflasche.

Mit langen Schritten gehe ich auf den Tisch zu, der sich in der Ecke direkt neben der Eingangstür befindet. Doch bevor ich auch nur in seine Nähe kommen kann, bleibe ich ruckartig stehen.

Mein Blick bleibt an dem Typen hängen, der dort mit zwei weiteren Männern und einer Frau sitzt. Auch wenn ich seine volle Größe nicht erkennen kann, so bin ich mir doch sicher, dass er mindestens zwei Köpfe größer ist als ich. Er hat kurze blonde Haare und breite Schultern. Aus seinem Hemd ragt ein Tattoo heraus.

Ich kann nur ein paar Striche davon erkennen, sodass ich nicht weiß, was es ist. Doch das wenige reicht aus, um mich neugierig zu machen.

Mein Mund wird trocken. Mein Herz beginnt zu rasen, als würde es sich aus meiner Brust befreien wollen.

Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass er zu den Männern gehört, um die man am besten einen riesigen Bogen macht. Sein Erscheinungsbild schreit förmlich, dass er gefährlich ist. Doch auch das hilft mir nicht, um meine Reaktion auf diesen Mann abzuschwächen. Es kommt mir sogar so vor, als würde es nur noch schlimmer werden.

»Scheiße«, raune ich so leise, dass mich niemand hört. Trotzdem werde ich das zweite Mal an diesem Tag das Gefühl nicht los, als würden alle um mich herum wissen, was in meinem Kopf vor sich geht.

Aus diesem Grund straffe ich meine Schultern und gehe die letzten Schritte auf den Tisch zu, auch wenn es mir alles andere als leichtfällt.

2

Chris


»Dann steht ja nun nichts mehr im Weg und ich kann endlich Onkel werden«, verkünde ich mit guter Laune und grinse dabei breit.

Mir ist klar, dass Roy und July es mittlerweile wohl nicht mehr hören können. Doch gerade deshalb macht es so viel Spaß, die beiden damit aufzuziehen.

Noch bevor ich überhaupt ausgesprochen habe, kann ich beobachten, wie mein ältester Bruder mich genervt ansieht. Mir ist klar, dass ihm ein paar Worte auf der Zunge liegen, doch er verkneift sie sich. Das liegt natürlich nur an July.

Josh beugt sich ein Stück nach vorne und legt dabei die Hände auf der Tischplatte ab. Auch er grinst übers ganze Gesicht, allerdings bestimmt aus einem anderen Grund.

Ich lasse July nicht aus den Augen. Auch wenn sie in den letzten Monaten eindeutig lockerer geworden ist, so mag sie es noch immer nicht im Mittelpunkt zu stehen. Doch daran wird sie sich schon noch gewöhnen. Ihr bleiben ja auch nur sechs Monate dafür, denn dann wird die Hochzeit der beiden stattfinden.

»Mir tut es übrigens leid. Ich weiß, ich hätte euch das schon viel eher sagen sollen, doch hiermit habe ich das jetzt getan«, murmelt sie ein wenig verlegen und weicht jedem von uns dabei aus.

»Was tut dir leid?«, erkundigt sich Josh. Er zieht die Augenbrauen ein Stück nach oben.

»Dass ihr diesen ganzen Kram nun alleine machen müsst«, erwidert July. Dabei hört sie sich ein wenig unsicher an.

Ich will gerade den Mund öffnen, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie die Kellnerin an unseren Tisch tritt. Um meine Aufmerksamkeit auf die Frau zu richten, die neben mir steht, drehe ich mich zu ihr um und betrachte sie unauffällig.

Die roten Haare sind das Erste an ihr, was mir ins Auge fällt. Ihre helle Haut unterstreicht den auffälligen Farbton noch. Aber vor allem sorgt er dafür, dass sie zerbrechlich wirkt. Beinahe wie eine Porzellanpuppe. Aber das ist nicht der einzige Grund, wieso ich meine Augen nicht von ihr nehmen kann. Auch wenn ich das wahrscheinlich besser machen sollte.

Mein Blick gleitet über ihren Körper. Sie hat Kurven an den richtigen Stellen, die dafür sorgen, dass ich am liebsten seufzen würde. Vor allem bleiben meine Augen an ihren Hüften und ihrem Hintern hängen, auch wenn ich noch nie ein Mann war, der auf so etwas geachtet hat oder für den es wichtig ist. Doch bei ihr kann ich mich nicht davon abwenden.

Dabei habe ich im Hinterkopf, dass ich genau das machen sollte. Mich von ihr abwenden. Schließlich bin ich mit meinen Brüdern und meiner zukünftigen Schwägerin unterwegs. Das ist wohl nicht der beste Zeitpunkt, um einen Ständer zu bekommen.

Vor allem dann nicht, wenn ich nicht von ihnen aufgezogen werden will. Doch ich kann nichts dagegen unternehmen. Sie sorgt dafür, dass noch etwas anderes in mir wach wird. Etwas, das ich nicht zuordnen kann. Von dem ich mir aber sicher bin, dass es da ist.

Und das wirft mich ein wenig aus der Bahn.

»Hi«, begrüßt sie uns mit süßlicher Stimme. Während sie spricht, sieht sie jeden an, der sich mit am Tisch befindet. Nur mich scheint sich nicht zu beachten.

Zumindest kommt es mir so vor.

In letzter Sekunde kann ich es mir verkneifen, deswegen zu grinsen, auch wenn es mir schwerfällt. Ich kenne ihre Reaktion genau und weiß, was sie bedeutet. Deswegen nehme ich mir vor, dass ich ihr genauso antworten werde.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren verteilt sie die Speisekarten an uns. Auch dabei passt sie auf, dass sie mich nicht ansieht, auf jeden Fall nicht direkt. Innerlich grinse ich. Doch mein Gesicht bleibt ausdruckslos, während ich mich nicht von ihr abwende.

»Möchten Sie schon etwas trinken?«, fragt sie in die Runde. Ihre Stimme klingt ein wenig zu hoch, was sie allerdings sofort durch ein leises Räuspern zu korrigieren versucht.

Gerade konnte ich es mir noch verkneifen zu grinsen. Nun muss ich mich allerdings zusammenreißen, damit ich sie nicht anstarre. Und das nur, weil der Klang ihrer Stimme sich in meinem Kopf festsetzt. Noch nie ging es mir so.

»Drei Bier, für die Dame einen Weißwein und eine Flasche Champagner für uns alle«, sage ich also, noch bevor einer meiner Brüder den Mund aufmachen kann.

Ich drehe mich noch ein Stückchen zu ihr hin, sodass ich sie besser ansehen kann. Deswegen kann ich genau erkennen, wie sie zusammenzuckt. Das habe ich schon unzählige Male bemerkt, sodass ich es gar nicht falsch deuten kann. Auch wenn ich sagen muss, dass es noch nie so extrem war.

Aber sie reagiert auf mich.

Normalerweise ist mir so etwas egal. Doch diesmal fühle ich mich zufrieden.

Es dauert etwas, doch schließlich dreht sie ihren Kopf zu mir. Sofort erkenne ich die Unsicherheit in ihren wunderschönen Augen. Mir liegen die Worte auf den Lippen, dass es keinen Grund gibt, unsicher zu sein. Doch ich kann es mir gerade noch verkneifen, sie auszusprechen.

Sie betrachtet mich genauso, wie auch ich sie nicht aus den Augen lasse. Sie sieht so aus, als würde sie etwas sagen wollen. Und das will ich auch. Ein winziger Teil meines Körpers will noch einmal ihre Stimme hören. Allerdings nickt sie nur, ehe sie sich umdreht und genauso schnell wieder verschwindet, wie sie gekommen ist.

Mir ist klar, dass es ein Fehler ist, doch ich kann nicht anders, als ihr nachzuschauen. Das mache ich so lange, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden ist. Doch auch dann kann ich mich noch immer nicht wieder zu meinem Bruder und July drehen.

»Ich glaube, Chris hat sein heutiges Date gefunden«, stellt Josh neben mir sachlich fest.

Es dauert einen Moment, bis seine Worte bei mir ankommen. Doch dann kneife ich meine Augen ein wenig zusammen.

»Nein«, gebe ich mit fester Stimme zurück. Ich gebe zwar zu, dass ich daran gedacht habe. Aber auf eine merkwürdige Art und Weise will ich mit ihr etwas anderes. Doch ich bin schlau genug, das nicht vor den Jungs oder July zu sagen.

»Lebst du seit Neustem enthaltsam?«, fragt July und verpasst mir damit den nächsten Schlag. Ihre Augen blitzen belustigt. So toll ich es auch finde, dass wir nun eine Frau bei uns haben, die uns allen die Stirn bieten kann, es hat definitiv auch seine Nachteile.

»Nein, ich lebe nicht enthaltsam. Und falls ihr euch als Nächstes Sorgen um mein bestes Stück machen solltet, dem geht es wirklich blendend«, murmle ich vor mich hin. Dabei bin ich mir jedoch nicht so sicher. Denn es ist das erste Mal, dass ich nicht nur an einer Bettgeschichte Interesse habe. Dabei kenne ich die Frau nicht einmal.

Wahrscheinlich gehört sie eh nicht zu den Frauen, die sich darauf einlassen würden.

»So genau wollte ich das gar nicht wissen.« Während July spricht, hält sie sich die Ohren zu.

Ich lache leise.

»Und was ist es dann?«, fragt nun auch Roy. Dabei lehnt er sich ein Stück nach vorne, damit ihm auch ja nichts entgeht.

Ich bereue es, dass ich mich nicht besser im Griff habe. Obwohl das normalerweise kein Problem ist.

»Nichts«, antworte ich nur und verpasse ihnen innerlich einen Tritt in den Arsch. Allerdings nur meinen Brüdern. July befindet sich irgendwie noch im Welpenschutz.

Meine Lust, mich mit ihnen über irgendwelche Frauengeschichten zu unterhalten, ist gerade nicht sehr groß. Dabei weiß ich, dass Josh auch welche hat, und zwar mehr als genug. Und mir ist durchaus bewusst, dass auch mein ältester Bruder kein unbeschriebenes Blatt ist. Und ich denke, dass das auch July weiß.

Doch die Gefahr, dass die Kellnerin gleich wieder neben mir steht und irgendetwas von dem mitbekommt, was ich sage, ist einfach zu hoch.

»Jetzt sei doch nicht so schlecht gelaunt. Wir sind unterwegs, weil wir uns einen schönen Abend machen wollen, und nicht um ein Gesicht zu ziehen, als wäre ein Unglück passiert. Wo hast du denn plötzlich deinen Sinn für Humor gelassen?« Josh zieht eine Augenbraue etwas nach oben und betrachtet mich.

Nur zu gerne würde ich ihm sagen, dass ich ihn definitiv nicht verloren habe. Doch das wäre gelogen. Gerade weiß ich selbst nämlich nicht so genau, wo er abgeblieben ist.

Doch das werde ich ihnen bestimmt nicht auf die Nase binden. Sie würden es mir nur ewig vorhalten, dass ich mich von einer Frau so sehr aus der Bahn werfen lasse. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir kaum eine richtige Unterhaltung miteinander geführt haben.

Okay, vielleicht würden das nicht beide machen, denke ich und werfe Roy dabei einen Blick zu. Obwohl ich das nicht so genau sagen kann. Schließlich habe ich ihn auch mehr als einmal mit July aufgezogen und das mache ich noch immer. Ich bin auch der Erste gewesen, der mit der Babysache angefangen hat.

Allerdings geht es die beiden nichts an.

»Macht euch ruhig lustig über mich«, murmle ich, bin jedoch nicht wirklich sauer auf meine Brüder oder auf July. So ist das halt bei uns. Wir ziehen uns gegenseitig auf und halten doch fest zusammen. So war das schon immer und das wird sich auch nicht ändern.

Während wir uns ein wenig über die Hochzeit unterhalten, schaue ich mich immer wieder um. Ich versuche es so unauffällig wie möglich zu machen. Doch so wirklich gelingt mir das nicht und das merken anscheinend auch meine Brüder, die mich immer wieder belustigt betrachten.

Auch July lässt mich nicht aus den Augen. Und so geht das die nächsten zwei Stunden. Die meiste Zeit kommt einer ihrer Kollegen an unseren Tisch. Ich habe eine kleine Vermutung, woran das liegen könnte.

»Ich bin gleich wieder da. Wehe, ihr fahrt ohne mich«, weise ich die drei an, während ich bereits aufstehe. Ich warte nicht darauf, dass einer etwas erwidert, sondern lasse sie einfach sitzen.

Vor meinem inneren Auge kann ich sehen, wie meine Brüder sich einen Spaß daraus machen.

»Idioten«, grummle ich deswegen leise vor mich hin.

Während ich mir einen Weg an den anderen Tischen vorbei suche, halte ich Ausschau nach ihr. Doch weit und breit kann ich sie nirgends entdecken.

Als ich den Flur zu den Toiletten erreicht habe, schaue ich mich um. Er ist nicht so geräumig, als dass einem hier großartig etwas entgehen könnte. Auf der rechten Seite befinden sich die Türen zu den Damen- und Herrentoiletten. Auf der linken Seite ist ebenfalls eine Tür. Ich gehe davon aus, dass sich dahinter die Küche befindet. Und am Ende kann ich noch eine weitere erkennen. Sie liegt ein wenig im Dunkeln, sodass man sie nicht sofort sieht.

Kurz überlege ich, ob ich das wirklich machen kann. Schließlich ist das doch schon etwas schräg, was ich da vorhabe. Und als Polizist sollte ich das wahrscheinlich nicht tun. Da muss ich mich schließlich an Regeln halten. Doch in meinem Privatleben habe ich das noch nie gerne gemacht und meistens sogar meine eigenen aufgestellt. Meinem Hobby sollte ich als Polizist wahrscheinlich auch nicht nachgehen.

Noch ein Beispiel dafür, dass ich nicht immer das mache, was ich sollte.

Aber bei ihr kann ich mich nicht zurückhalten.

Ich kann nur dann gewinnen, wenn ich vorher ein Risiko eingegangen bin. Das habe ich mir in den letzten Jahren zu meinem Leitsatz gemacht. Und irgendwie kann man sagen, dass es dieses Mal auch so ist. Ich muss mich dieser Frau nähern und sie zu einem Date überreden.

Aus diesem Grund setze ich mich in Bewegung und gehe leise auf die Tür zu. Da ich sie sonst nirgends ausfindig machen konnte, kann sie nur dahinter sein. Zumindest hoffe ich das.

Im selben Moment, in dem ich die Tür erreiche, erspähe ich sie. Sie sitzt an einem großen Tisch, sodass ich sie von der Seite begutachten kann. Allerdings erkenne ich sofort, dass sie mit ihren Gedanken anscheinend ganz woanders ist.

Ich kann nicht sagen, woher ich diese Gewissheit nehme, doch es kommt mir so vor, als würde sie über irgendwelche Probleme nachdenken.

Ich betrachte sie eingehend. Verloren sitzt sie da und starrt abwesend auf ihr Handy, das sie in der Hand hält.

Gerne würde ich sagen, dass es mir egal ist. Wenn ich mich schließlich mit allen Problemen auseinandersetze, dann mache ich bald nichts anderes mehr. Doch an ihr gefällt es mir überhaupt nicht.

»Hi«, sage ich und unterbreche so die Ruhe im Raum. Dabei mache ich ein paar Schritte auf sie zu.

Kaum habe ich ausgesprochen, hebt sie erschrocken ihren Kopf. Ruckartig dreht sie ihn in meine Richtung. Ihre Augen sind weit aufgerissen, als würde sie erwarten, dass ich ein Angreifer bin.

Um ihr zu zeigen, dass von mir keine Gefahr ausgeht, hebe ich meine Hände und lächle sie entschuldigend an. »Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.«

»Kein Problem, haben Sie nicht«, antwortet sie. Dabei hört sie sich wieder normal an. Beinahe erscheint es mir so, als wäre nie etwas gewesen.

»Fehlt Ihnen etwas?«, fragt sie mich und richtet sich dabei auf. Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.

»Ja, um ehrlich zu sein, fehlst du mir.«

Um gar nicht erst falsche Vermutungen in ihr aufkommen zu lassen, ziehe ich es vor, ihr direkt zu sagen, was ich will. Auch wenn es vielleicht etwas überspitzt ist.

»Ich?«, fragt sie mit viel zu hoher Stimme. Überrascht schaut sie mich an. Sie macht den Eindruck auf mich, als würde sie davon ausgehen, dass ich sie verarsche.

»Ja, du«, erwidere ich. Mehr sage ich nicht, sondern mache einen Schritt auf sie zu.

Ihr zarter Mund öffnet sich ein wenig. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das passiert, weil ich sie nervös mache, oder weil sie etwas erwidern will. Und das gefällt mir gar nicht. In so einer Situation ziehe ich es nämlich vor zu wissen, was die Frau denkt.

Doch das lasse ich mir nicht anmerken. Und eine leise Stimme sagt mir, dass sie das genauso wahnsinnig macht. Irgendwie kommt sie mir nämlich so vor, als würde sie gerne alles im Griff haben. Zwei Schritte entfernt von ihr bleibe ich stehen. Noch immer betrachtet sie mich, als würde sie etwas sagen wollen. Doch kein Wort dringt über ihre Lippen. Ihre Brust hebt und senkt sich schwer.

»Ich bin Chris«, stelle ich mich vor und strecke meine Hand nach ihr aus.

Schließlich ergreift sie sie. Dennoch sieht sie so aus, als würde sie nicht wissen, was sie machen soll.

»Emma.« Vor einer Minute war ihre Stimme noch laut und vielleicht ein wenig skeptisch. Doch all das ist nun verschwunden. Sie klingt leise. So leise, dass ich sie kaum richtig verstehen kann.

»Wie wäre es, wenn wir uns mal treffen?« Während ich spreche, lasse ich sie nicht los. Ich hoffe, dass unser Körperkontakt dafür sorgt, dass es ihr schwerfällt, vernünftig zu denken. Und ich lege es darauf an.

»Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist«, gibt Emma schließlich von sich, als ich schon die Befürchtung habe, dass es ihr die Sprache verschlagen hat. Ihre Augen funkeln frech, während sich in ihrem Gesicht kein Muskel regt.

»Und wieso?«, hake ich nach und lehne mich dabei etwas nach vorne. Ich will ihr klarmachen, dass sie mir gerade nicht entkommen kann. Ich spreche absichtlich leise.

Sie zieht scharf die Luft ein, während sie anscheinend überlegt, was sie darauf antworten soll. Und das ist Zeichen genug für mich, dass ich mich für den richtigen Weg entschieden habe.

Emma will gerade etwas sagen, als ich höre, wie jemand hinter mir den Raum betritt. Ich kann gerade noch verhindern, dass ich denjenigen anweise, wieder zu verschwinden.

»Emma?«, fragt nun eine weibliche Stimme. »Kommst du?«

Langsam drehe ich mich in die Richtung ihrer Kollegin. Unsicher betrachtet sie uns. Sie scheint nicht zu wissen, was sie machen soll.

»Ja, ich bin sofort da«, gibt diese zurück.

Kurz bleibt ihre Kollegin noch stehen, ehe sie sich umdreht und verschwindet. Das macht sie jedoch betont langsam.

»Ich muss mich wieder an die Arbeit machen«, wispert Emma. Dabei schaut sie an mir vorbei.

Noch bevor ich in der Lage bin, etwas zu erwidern, geht sie an mir vorbei und ist sofort aus meinem Sichtfeld verschwunden.

Ich kann mir zum ersten Mal vorstellen, wie Roy sich gefühlt haben muss, als July ihn immer wieder abgewiesen hat. Doch ihre Zurückhaltung steigert nur meinen Jagdinstinkt.