Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Camp Jupiter ist gerettet, die grausamen Herrscher Caligula und Commodus sind zurückgeschlagen und eine ganze Zombiarmee ist besiegt. Doch Lester (zu anderen Zeiten auch bekannt als der Gott Apollo) und seine Freundin Meg haben noch eine große Aufgabe vor sich: Sie müssen das mächtige Orakel von Delphi aus den Fängen des magischen Python befreien. Zum Glück hilft ihnen eine alte Weissagung, die die Harpyie Ella ihnen enthüllt. Die Hinweise führen sie nach New York zum Turm des Nero – und weiter bis nach Griechenland …
Der letzte Band aus Rick Riordans Welt der griechischen und römischen Mythologie!
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Glossar
Viten
Für Becky,
jede Reise führt mich zu dir nach Hause.
Doppelkopfschlange
Versaut mir die schöne Fahrt.
Und Megs Schuh’ stinken.
Auf einer Fahrt durch Washington, D. C., rechnet man ja damit, ein paar Schlangen in menschlicher Bekleidung zu sehen. Aber als an der Union Station eine zweiköpfige Boa constrictor in unseren Zug einstieg, wurde ich doch nervös.
Diese Kreatur hatte sich in einen eleganten blauen Anzug gewunden und ihren Körper durch Ärmel und Hosenbeine geschlängelt, sodass er menschlichen Gliedern ähnelte. Zwei Köpfe ragten aus dem Kragen ihres Oberhemdes wie ein Doppelperiskop. Angesichts der Tatsache, dass das Wesen im Grunde doch nur ein überdimensionales Luftballontier war, bewegte es sich mit überraschender Eleganz. Es suchte sich einen Platz am anderen Ende des Wagens und schaute in unsere Richtung.
Die anderen Fahrgäste achteten nicht darauf. Zweifellos verzerrte der Nebel ihre Wahrnehmung und ließ sie einfach einen weiteren Pendler sehen. Die Schlange tat nichts Bedrohliches. Sie sah uns nicht einmal an. Es konnte sich also durchaus um ein feierabendmüdes Monster auf dem Weg nach Hause handeln.
Und doch durfte ich nicht davon ausgehen …
Ich flüsterte Meg zu: »Ich will dich ja nicht beunruhigen …«
»Pssst«, sagte sie.
Meg nahm die Vorschriften, die im Ruhebereich galten, sehr ernst. Seit wir eingestiegen waren, war fast aller Lärm im Wagen dadurch entstanden, dass Meg mich zischend zum Schweigen brachte, wann immer ich etwas sagte, nieste oder mich räusperte.
»Aber da ist ein Monster.« Ich ließ nicht locker.
Sie schaute von dem im Wagen ausliegenden Zugmagazin auf und hob eine Augenbraue über ihre mit Strass besetzte Schmetterlingsbrille. Wo?
Ich bewegte mein Kinn in Richtung des Schlangenwesens. Als unser Zug aus dem Bahnhof fuhr, starrte sein linker Kopf gedankenverloren aus dem Fenster. Der rechte ließ seine gespaltene Zunge in eine Wasserflasche schnellen, die statt von einer Hand von einer Schlinge gehalten wurde.
»Das ist eine Amphisbaena«, flüsterte ich und fügte dann hilfsbereit hinzu: »Eine Schlange mit einem Kopf an jedem Ende.«
Meg runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern, was ich als Für mich sieht die aber friedlich aus interpretierte. Danach vertiefte sie sich wieder in ihre Zeitschrift.
Ich unterdrückte meinen Drang, ihr zu widersprechen. Vor allem, weil ich nicht schon wieder zum Schweigen gebracht werden wollte.
Ich konnte Meg keinen Vorwurf machen, dass sie eine ruhige Fahrt wollte. In der vergangenen Woche hatten wir uns durch eine Meute von wilden Zentauren in Kansas hindurchgeschlagen, hatten in Springfield, Missouri, einem wütenden Hungergeist gegenübergestanden (ich konnte in der Eile kein Selfie machen) und waren einem Paar blauer Kentucky-Drachen entronnen, die uns mehrere Male um die Pferderennbahn in Louisville gejagt hatten. Nach diesen Erlebnissen war eine zweiköpfige Schlange in Schlips und Kragen vielleicht kein Grund zur Beunruhigung. Und im Moment belästigte der Amphisbaen uns ja auch nicht weiter.
Ich versuchte, mich zu entspannen.
Meg vergrub ihr Gesicht in ihrer Zeitschrift, total absorbiert von einem Artikel über Urban Gardening. Meine junge Begleiterin war in den Monaten, in denen ich sie nun kannte, gewachsen, aber sie war noch immer klein genug, um bequem ihre roten Schaftturnschuhe gegen den Rücken des Sitzes vor ihr zu stemmen. Bequem für sie, aber nicht für mich oder die anderen Fahrgäste. Meg hatte seit unserem Lauf um die Rennbahn in Kentucky ihre Schuhe nicht gewechselt, und sie rochen und sahen aus wie das Hinterteil eines Pferdes.
Wenigstens hatte sie ihr zerfetztes grünes Kleid gegen Jeans aus einem Billigladen und ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift UNICORNES IMPERANT eingetauscht, das sie im Andenkenladen von Camp Jupiter gekauft hatte. Mit ihrem Pagenschnitt, der langsam zu lang wurde, und einem wütenden roten Pickel, der auf ihrer Wange zu bersten drohte, sah sie nicht mehr aus wie eine Vorschülerin. Sie sah fast so alt aus, wie sie war: eine Sechstklässlerin kurz vor dem Eintritt in den Kreis der Hölle, der Pubertät genannt wird.
Ich hatte diese Beobachtungen Meg gegenüber für mich behalten. Erstens konnte ich mir über meine eigene Akne genug den Kopf zerbrechen, und zweitens könnte Meg mir als meine Herrin befehlen, mich aus dem Zugfenster zu stürzen, und ich würde ihr gehorchen müssen.
Der Zug fuhr durch die Vororte von Washington. Die späte Nachmittagssonne flackerte zwischen den Gebäuden auf wie die Lampe eines alten Filmprojektors. Es war eine wunderbare Tageszeit, zu der ein Sonnengott eigentlich Feierabend machen, sich zu den Stallungen begeben, seinen Wagen abstellen und es sich dann in seinem Palast gemütlich machen sollte – mit einem Kelch Nektar, ein paar Dutzend ihn anbetenden Nymphen und einer neuen Staffel von Die wahren Göttinnen des Olymp.
Aber mir war das alles verwehrt. Für mich gab es nur einen knirschenden Sitz in einem Amtrak-Zug, von dem aus ich stundenlang Megs stinkende Schuhe anstarren konnte.
Am anderen Ende des Wagens machte der Amphisbaen noch immer nichts Bedrohliches … sofern man das Trinken von Wasser aus einer Einwegflasche nicht für einen Akt der Aggression hält.
Warum also sträubten sich mir die Haare im Nacken?
Ich hatte meinen Atem nicht mehr unter Kontrolle. Ich fühlte mich auf meinem Fenstersitz gefangen.
Vielleicht war ich einfach nervös, weil uns in New York so einiges erwartete. Nach sechs Monaten in diesem elenden sterblichen Leib näherte ich mich jetzt meinem Endspiel.
Meg und ich waren einmal quer durch die Vereinigten Staaten und zurück gestolpert. Wir hatten uralte Orakel befreit, Legionen von Monstern besiegt und die unbeschreiblichen Schrecken des amerikanischen öffentlichen Verkehrssystems erlitten. Endlich, nach vielen Tragödien, hatten wir in Camp Jupiter zwei der abgrundtief bösen Kaiser des Triumvirats bezwungen: Commodus und Caligula.
Aber das Schlimmste stand uns noch bevor.
Wir kehrten dorthin zurück, wo unsere Probleme ihren Anfang genommen hatten – nach Manhattan, zum Hauptquartier des Nero Claudius Caesar, Megs grausamer Stiefvater und der Geiger, den ich am allerwenigsten leiden konnte. Selbst, wenn es uns auf irgendeine Weise gelänge, ihn zu besiegen, lauerte im Hintergrund eine noch mächtigere Bedrohung; meine Nemesis, mein Erzfeind Python, der sich im mir geweihten Orakel von Delphi niedergelassen hatte wie in einer Airbnb-Unterkunft zum Sonderpreis.
In den nächsten Tagen würde ich entweder diese beiden Feinde besiegen und wieder zum Gott Apollo werden (falls mein Vater Zeus das gestattete) oder ich würde bei dem Versuch mein Leben verlieren. So oder so ging meine Zeit als Lester Papadopoulos ihrem Ende entgegen.
Vielleicht war es ja doch kein Mysterium, dass ich so nervös war …
Ich versuchte, mich auf den prachtvollen Sonnenuntergang zu konzentrieren und nicht ständig an meine unmögliche Aufgabenliste oder die zweiköpfige Schlange in Reihe sechzehn zu denken.
Ich schaffte es bis Philadelphia, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Aber als wir aus dem Bahnhof fuhren, gingen mir zwei Dinge auf: 1.) der Amphisbaen saß noch immer im Zug, was bedeutete, dass er wohl doch kein täglicher Bahnpendler war, und 2.) mein Gefahrenradar piepte heftiger denn je.
Ich kam mir gestalkt vor. Ich hatte dieses Gefühl von Ameisen auf der Haut, wie früher, wenn ich mit Artemis und ihren Jägerinnen im Wald Verstecken gespielt hatte, eine Sekunde ehe sie aus dem Unterholz hervorsprangen und mich mit Pfeilen durchsiebten.
Ich wagte einen Blick auf den Amphisbaen und wäre fast aus meinen Jeans gesprungen. Das Monster starrte mich jetzt an, seine vier gelben Augen blinzelten nicht und … fingen die jetzt etwa an zu glühen? Oh nein, nein, nein. Glühende Augen sind nie ein gutes Zeichen.
»Ich muss hier raus«, sagte ich zu Meg.
»Psssst.«
»Aber diese Kreatur. Ich muss mir den Typen mal genauer ansehen. Seine Augen glühen.«
Meg musterte Mr Schlange aus zusammengekniffenen Augen. »Nein, tun sie nicht. Sie leuchten. Und er sitzt doch einfach nur da.«
»Er sitzt verdächtig da!«
Die Fahrgäste hinter uns flüsterten: »Psst!«
Meg hob die Augenbrauen und sah mich an. Meine Rede!
Ich wies auf den Mittelgang und machte ein Schmollgesicht.
Meg verdrehte die Augen, befreite sich aus ihrer Hängemattenposition und ließ mich durch. »Fang ja keinen Streit an«, befahl sie.
Super. Jetzt würde ich warten müssen, bis das Monster mich angriff, ehe ich mich verteidigen konnte.
Ich blieb im Mittelgang stehen und wartete darauf, dass das Blut in meine gefühllosen Beine zurückkehrte. Wer auch immer den menschlichen Blutkreislauf erfunden hatte, hatte lausige Arbeit geleistet.
Der Amphisbaen hatte sich nicht bewegt. Seine Augen waren noch immer auf mich gerichtet. Er schien sich in irgendeiner Art von Trance zu befinden. Vielleicht sammelte er seine Energie für einen gewaltigen Angriff. Machten Amphisbaenen so was?
Ich durchwühlte meine Erinnerung nach Kenntnissen über diese Wesen, aber die Ausbeute war mager. Der römische Autor Plinius behauptete, es sorge für eine komplikationslose Schwangerschaft, sich ein lebendiges Amphisbaenenbaby um den Hals zu wickeln (das half mir nicht weiter). Sich in eine Amphisbaenenhaut zu wickeln, mache attraktiv für mögliche Partnerinnen und Partner. (Hm. Nein, das half mir auch nicht weiter.) Die Amphisbaenenköpfe konnten Gift speien. Aha! Das musste es sein. Das Monster bereitete sich auf eine doppelmündige Giftkotzespülung des ganzen Zugwaggons vor!
Was tun …?
Trotz meiner gelegentlichen Ausbrüche von göttlicher Kraft und Geschicklichkeit konnte ich mich nicht darauf verlassen, dass einer kam, wenn ich ihn brauchte. Meistens war ich weiterhin nur ein jämmerlicher Siebzehnjähriger.
Ich könnte meinen Bogen und meinen Köcher aus der Gepäckablage über uns nehmen. Bewaffnet zu sein wäre nett. Aber das würde meine feindseligen Absichten signalisieren. Meg würde mich vermutlich zusammenstauchen, weil ich die Sache übertrieb. (Tut mir leid, Meg, aber diese Augen haben geglüht, nicht geleuchtet.)
Wenn ich doch nur eine kleinere Waffe unter meinem Hemd versteckt hätte, einen Dolch vielleicht. Warum war ich nicht der Gott der Dolche?
Ich beschloss, durch den Mittelgang zu schlendern, als ob ich einfach nur zur Toilette wollte. Wenn der Amphisbaen mich dabei angriff, würde ich schreien. Hoffentlich würde Meg ihre Zeitschrift dann lange genug sinken lassen, um mich zu retten. Dann hätte ich wenigstens die unvermeidliche Konfrontation erzwungen. Wenn die Schlange nicht reagierte, war sie ja vielleicht doch harmlos. Dann würde ich zur Toilette weitergehen, weil ich tatsächlich dringend musste.
Ich stolperte auf meinen prickelnden Beinen weiter, was beim »lässigen Auftritt« nicht gerade half. Ich spielte mit dem Gedanken, eine unbeschwerte kleine Melodie zu pfeifen, aber dann fiel mir die Sache mit dem Ruhebereich wieder ein.
Vier Reihen bis zum Monster. Mein Herz hämmerte. Diese Augen glühten eindeutig, und sie waren eindeutig auf mich gerichtet. Das Monster saß unnatürlich bewegungslos da, sogar für ein Reptil.
Noch zwei Reihen. Der Anzug des Amphisbaen sah teuer und maßgeschneidert aus. Als Riesenschlage konnte er seine Kleidung vermutlich nicht von der Stange kaufen. Seine schimmernde, braungelb gemusterte Haut schien mir nicht geeignet, um auf einer Dating-App attraktiver zu wirken, es sei denn, man wollte Boa constrictors daten.
Als der Amphisbaen zuschlug, glaubte ich, darauf vorbereitet zu sein.
Das war ich nicht. Er schleuderte sich mit unvorstellbarem Tempo vorwärts und fing mein Handgelenk mit einer Schlinge aus seinem falschen linken Arm ein, wie mit einem Lasso. Ich war zu überrascht, um auch nur zu wimmern. Wenn er mich hätte töten wollen, wäre ich tot gewesen.
Stattdessen festigte er seinen Griff nur, brachte mich zum Stehen und klammerte sich an mich wie ein Ertrinkender.
Dann sprach er mit einem leisen, doppelten Zischen, das in meinem Knochenmark widerhallte:
»Der Sohn des Hades wird zum Höhlenläufergesellen,
den geheimen Weg zum Thron sie dir zeigen,
für euer Leben musst du Neros eigen fällen.«
So plötzlich, wie er mich gepackt hatte, ließ er mich auch wieder los. Muskelkontraktionen liefen wie Wellen seinen Körper entlang, als ob er sich langsam dem Siedepunkt näherte. Er setzte sich gerade hin und reckte die Hälse, bis er fast Nase an Nase mit mir war. Das Glühen verschwand aus seinen Augen.
»Was mach ich hier …?« Sein linker Kopf sah den rechten an. »Wie …?«
Der rechte Kopf wirkte genauso verwirrt. Er sah mich an. »Wer sind …? Moment, hab ich die Haltestelle Baltimore verpasst? Meine Frau bringt mich um!«
Ich war zu geschockt, um etwas zu erwidern.
Was er da gesagt hatte … ich hatte das Versmaß erkannt. Dieser Amphisbaen hatte eine poetische Botschaft überbracht. Mir ging auf, dass dieses Monster vielleicht wirklich nur ein gewöhnlicher Pendler war, der von den Launen des Schicksals besessen und benutzt worden war, weil … Natürlich. Er war eine Schlange. Seit uralten Zeiten hatten Schlangen die Weisheit der Erde weitergeleitet, weil sie am Boden lebten. Eine Riesenschlange musste für Orakelstimmen besonders aufnahmefähig sein.
Ich wusste nicht so recht, was ich machen sollte. Sollte ich ihn für die Unannehmlichkeiten um Entschuldigung bitten? Sollte ich ihm ein Trinkgeld geben? Und wenn nicht er die Bedrohung war, die meinen Gefahrenradar aktiviert hatte, wer war es dann?
Mir wurde diese peinliche Unterredung erspart, und dem Amphisbaen wurde es erspart, von seiner Frau umgebracht zu werden, da zwei Armbrustbolzen durch den Wagen jagten und ihn ihrerseits umbrachten, indem sie die Hälse der armen Schlange an die Rückwand nagelten.
Ich kreischte los. Mehrere in der Nähe sitzende Fahrgäste machten ärgerlich »pst!«.
Der Amphisbaen zerfiel zu gelbem Staub und hinterließ nur einen maßgeschneiderten Anzug.
Ich hob langsam die Hände und drehte mich um mich selbst, als ob ich auf einer Landmine stünde. Ich rechnete fast damit, dass ein weiterer Armbrustbolzen meine Brust durchbohren würde. Nie im Leben würde ich dem Geschoss eines so zielsicheren Schützen ausweichen können. Das Einzige, was ich tun konnte, war, nicht auszusehen wie eine Bedrohung. Darin war ich gut.
Am gegenüberliegenden Ende des Wagens standen zwei gewaltige Gestalten. Die eine war ein Germane, wenn ich von seinem Bart und den schlampig geflochtenen Haaren, der Lederrüstung, den Beinschienen und seinem Brustpanzer aus Kaiserlichem Gold ausgehen konnte. Ich kannte diesen Germanen nicht, aber in letzter Zeit waren mir zu viele seiner Art begegnet. Ich hatte keine Zweifel daran, für wen er arbeitete. Neros Leute hatten uns gefunden.
Meg saß noch immer, sie hielt ihre magischen goldenen Zwillings-Sicae in der Hand, aber der Germane drückte die Schneide seines Breitschwertes an ihren Hals und ermunterte sie dadurch, sich still zu verhalten.
Seine Gefährtin war die Armbrustschützin. Sie war noch größer und schwerer als er, und sie trug eine Schaffner-Uniform der Amtrak, die aber niemanden täuschen konnte – abgesehen offenbar von allen Sterblichen im Wagen, die die Neuankömmlinge keines Blickes würdigten. Der Schädel der Schützin war unter ihrer Schaffnermütze auf den Seiten rasiert, und die glänzende braune Mähne in der Mitte ringelte sich als geflochtener Zopf über ihre Schulter. Ihr kurzärmliges Hemd spannte dermaßen an ihren muskulösen Schultern, dass ich dachte, die Schulterklappen und ihr Namensschild würden abplatzen. Ihre Arme waren bedeckt von verschlungenen Tätowierungen und um den Hals trug sie einen dicken goldenen, vorne offenen Reif – eine Torque.
So ein Ding hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Diese Frau war eine Gallierin! Bei dieser Erkenntnis erstarrte mein Magen zu Eis. In den alten Tagen der Römischen Republik waren Gallier noch gefürchteter gewesen als Germanen.
Sie hatte ihre Doppelarmbrust bereits wieder geladen und zielte damit auf meinen Kopf. An ihrem Gürtel hing eine Vielzahl von anderen Waffen: ein Gladius, eine Keule und ein Dolch. Na toll, sie hatte einen Dolch!
Sie starrte mich weiterhin an und riss ihr Kinn zu ihrer Schulter herum, das universale Signal für komm her, sonst knall ich dich ab.
Ich berechnete meine Chancen, durch den Mittelgang zu rennen und unsere Feinde anzugreifen, ehe sie Meg und mich umbrachten. Null. Meine Chance, mich vor Angst hinter einem Sitz zusammenzukauern, während Meg sich um die beiden kümmerte, war etwas besser, aber noch immer nicht umwerfend.
Ich ging mit wackligen Knien den Mittelgang entlang. Die sterblichen Fahrgäste runzelten die Stirn, als ich vorbeikam. Wenn ich das richtig verstanden hatte, hielten sie meinen Entsetzensschrei für eine Störung, die sich in einem Ruhebereich einfach nicht gehörte, weshalb ich nun von der Zugbegleiterin hinausgeführt wurde. Die Tatsache, dass die Zugbegleiterin eine Armbrust schwenkte und soeben eine zweiköpfige Pendlerschlange getötet hatte, schien bei ihnen nicht angekommen zu sein.
Ich erreichte meinen Sitz und warf einen Blick auf Meg, um mich davon zu überzeugen, dass sie unversehrt war – und außerdem, weil ich wissen wollte, warum sie sich nicht wehrte. Meg ein Schwert an die Kehle zu halten, reichte normalerweise nicht aus, um sie zu entmutigen.
Meg starrte die Gallierin schockiert an. »Luguselwa!«
Die Frau nickte kurz, was mir zwei entsetzliche Dinge verriet: Erstens, Meg kannte sie. Zweitens, sie hieß Luguselwa. Als sie Meg ansah, flaute die Wut in den Augen der Gallierin etwas ab, von jetzt bring ich alle um zu bald bring ich alle um.
»Ja, Setzling«, sagte die Gallierin. »Und jetzt leg deine Waffen weg, ehe Gunther dir den Kopf abhacken muss.«
Wer will ein Croissant?
Dir bekommt das nicht, Lester.
Muss pissen. Bis dann.
Der Schwertschwenker sah begeistert aus. »Kopf abhacken?«
Sein Name, GUNTHER, stand auf einem Amtrak-Namensschild, das er an seiner Rüstung trug – sein einziges Zugeständnis an die Tatsache, dass er hier verkleidet auftreten musste.
»Noch nicht.« Luguselwa ließ uns nicht aus den Augen. »Wie ihr seht, hackt Gunther Leuten nur zu gern den Kopf ab, also seid schön folgsam. Mitkommen.«
»Lu«, sagte Meg. »Warum?«
Wenn es darum ging, Verletzungen zum Ausdruck zu bringen, war Megs Stimme ein fein regulierbares Instrument. Ich hatte gehört, wie sie den Tod unserer Freunde beklagte. Ich hatte gehört, wie sie den Mord an ihrem Vater beschrieb. Ich hatte sie gegen Nero wüten gehört, der ihren Dad umgebracht und Meg durch Jahre des psychischen Missbrauchs verstört hatte.
Aber als sie nun mit Luguselwa sprach, klang Megs Stimme ganz anders. Sie hörte sich an, als ob ihre beste Freundin ohne Grund oder Vorwarnung ihre Lieblingspuppe zerlegt hätte. Sie klang verletzt, verwirrt, ungläubig – als ob in einem Leben voller Erniedrigungen dies hier die eine Verletzung wäre, mit der sie nie und nimmer gerechnet hätte.
Lus Wangenmuskeln spannten sich an. An ihren Schläfen traten die Adern hervor. Ich war nicht sicher, ob sie wütend war, sich schuldig fühlte oder uns ihre warmherzige Seite zeigte.
»Weißt du noch, was ich dir über Pflicht beigebracht habe, Setzling?«
Meg würgte ein Schluchzen hinunter.
»Weißt du das noch?«, wiederholte Lu, jetzt mit schärferer Stimme.
»Ja«, flüsterte Meg.
»Dann hol deine Sachen und komm mit.« Lu drückte Gunthers Schwert von Megs Hals weg.
Der große Kerl machte »hmpf«. Ich nahm an, das war Germanisch und bedeutete »nie darf ich meinen Spaß haben«.
Meg erhob sich mit verwirrtem Gesichtsausdruck und öffnete das Gepäckfach über ihr. Ich konnte nicht begreifen, warum sie sich Luguselwas Befehlen so widerspruchslos fügte. Wir hatten schon in viel schlechteren Ausgangssituationen gekämpft. Wer war diese Gallierin bloß?
»Das wars?«, flüsterte ich, als Meg mir meinen Rucksack reichte. »Wir geben auf?«
»Lester«, murmelte Meg. »Tu einfach, was ich dir sage.«
Ich schulterte meinen Rucksack, Köcher und Bogen. Lu und Gunther schien es nichts auszumachen, dass ich jetzt mit Pfeilen bewaffnet war und Meg über eine reiche Auswahl an Saatgut-Raritäten verfügte. Während wir uns aufbruchbereit machten, warfen die sterblichen Fahrgäste uns gereizte Blicke zu, aber niemand sagte »pst«; vermutlich, weil sie sich nicht mit den beiden riesigen Zugbegleitern anlegen wollten, die uns hinausführten.
»Da lang.« Lu zeigte mit ihrer Armbrust auf den Ausgang hinter ihr. »Die anderen warten.«
Die anderen?
Ich wollte keine weiteren Gallier oder Gunther treffen, aber Meg folgte Lu brav durch die automatische Doppeltür aus Plexiglas. Ich ging hinterher, und Gunther hielt sich dicht hinter mir und dachte vermutlich darüber nach, wie leicht es wäre, meinen Kopf von meinem Körper zu trennen.
Ein lärmender, schlingernder Durchgang verband unseren Wagen mit dem nächsten, mit automatischen Türen an jedem Ende, einer besenkammergroßen Toilette und an Backbord und Steuerbord Türen zum Aussteigen. Ich spielte mit dem Gedanken, mich aus einem dieser Ausgänge zu stürzen und aufs Beste zu hoffen, fürchtete aber, »das Beste« wäre dann, beim Aufprall auf den Boden ums Leben zu kommen. Nach dem Dröhnen des rostigen Stahls unter meinen Füßen zu urteilen, fuhr unser Zug über hundertfünfzig Stundenkilometer.
Durch die Plexiglastüren auf der anderen Seite konnte ich den Bistrowagen sehen: ein hässlicher Verkaufstresen, eine Reihe von Nischen zum Sitzen und ein halbes Dutzend kräftiger Kerle, die dort herumlungerten – weitere Germanen. In dem Bistro wartete nichts Gutes auf uns. Wenn Meg und ich einen Fluchtversuch machen wollten, dann wäre jetzt die Gelegenheit.
Ehe ich irgendeine Verzweiflungstat begehen konnte, blieb Luguselwa plötzlich vor der Tür zum Bistrowagen stehen und drehte sich zu uns um.
»Gunther«, fauchte sie. »Durchsuch die Toilette nach Infiltratoren.«
Das schien Gunther ebenso zu verwirren wie mich, entweder weil er nicht begriff, wozu das gut sein sollte, oder weil er keine Ahnung hatte, was ein Infiltrator war.
Ich fragte mich, warum sich Luguselwa so paranoid verhielt. Befürchtete sie, dass wir in der Toilette eine Legion von Halbgöttern zwischengeparkt hatten, die nur darauf warteten, hervorzuspringen und uns zu retten? Oder hatte sie (so wie ich) schon mal einen Zyklopen auf dem Porzellanthron überrascht und misstraute nun allen öffentlichen Toiletten?
Nach einem kurzen, intensiven Blickwechsel machte Gunther »hmpf« und tat, wie ihm geheißen.
Sowie er seinen Kopf ins Klo gesteckt hatte (in die Klokammer, nicht ins Klo an sich), starrte Lu uns durchdringend an. »Wenn wir durch den Tunnel nach New York reinfahren«, sagte sie, »werdet ihr beide darum bitten, die Toilette benutzen zu dürfen.«
Ich hatte mir ja schon eine Menge blödsinniger Befehle erteilen lassen, meistens von Meg, aber das hier war ein neuer Tiefpunkt.
»Eigentlich muss ich jetzt schon«, sagte ich.
»Reiß dich zusammen«, sagte Lu.
Ich schaute zu Meg hinüber, um zu sehen, ob das für sie irgendeinen Sinn ergab, aber sie starrte düster den Boden an.
Gunther kam von seiner Pisspottpatrouille zurück. »Niemand.«
Armer Kerl. Wenn man schon auf einer Zugtoilette nach Infiltratoren suchen muss, hofft man ja wenigstens auf Erfolg, damit man sie umbringen kann.
»Na gut«, sagte Lu. »Dann weiter.«
Sie führte uns in den Bistrowagen. Sechs Germanen fuhren herum und starrten uns an. Sie hatten Croissants und Kaffeetassen in der Hand. Barbaren! Wer sonst isst abends wohl Frühstücksgebäck? Die Krieger waren wie Gunther in Felle und goldene Rüstungen gekleidet, die sie mit Amtrak-Namensschildern getarnt hatten. Einer der Männer, AEDELBEORT (der beliebteste germanische Jungenname im Jahr 162 Allgemeiner Zeitrechnung), bellte eine an Lu gerichtete Frage in einer Sprache, die ich nicht erkannte. Lu antwortete. Ihre Antwort schien die Krieger zufriedenzustellen und sie widmeten sich wieder Kaffee und Gebäck. Gunther gesellte sich zu ihnen und knurrte, wie schwer es doch sei, gute Feinde zum Enthaupten aufzutreiben.
»Dahin«, sagte Lu zu uns und wies auf einen Fenstertisch.
Meg glitt mit düsterer Miene auf einen Sitz, ich nahm ihr gegenüber Platz und packte meinen Bogen, meinen Rucksack und meinen Köcher neben mich. Lu blieb in Hörweite stehen, für den Fall, dass wir über einen Fluchtplan diskutierten. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen: Meg wich meinem Blick noch immer aus.
Wieder fragte ich mich, wer diese Luguselwa sein mochte und was sie für Meg bedeutete. Auf unserer monatelangen Reise hatte Meg sie kein einziges Mal erwähnt. Diese Tatsache beunruhigte mich. Ich hatte langsam den Verdacht, dass sie von sehr großer Bedeutung war.
Und warum eine Gallierin? In Neros Rom hatte es nicht viele Gallier gegeben. Als er zum Kaiser geworden war, waren die meisten von ihnen besiegt und zwangsweise »zivilisiert« worden. Die, die noch tätowiert waren, Torques trugen und ihre alten Sitten beibehielten, waren in die Bretagne oder auf die Britischen Inseln vertrieben worden. Der Name Luguselwa … Gallisch war noch nie meine Stärke gewesen, aber ich glaubte, es bedeutete, vom Gott Lugus geliebt. Mir schauderte. Diese keltischen Gottheiten waren eine seltsame, wilde Bande.
Meine Gedanken waren zu durcheinander, um das Rätsel der Lu zu lösen. Ich musste immer wieder an den armen Amphisbaen denken, den sie getötet hatte – ein harmloses Pendlermonster, das nie wieder zu seiner Frau nach Hause kommen würde, und das nur, weil eine Weissagung ihn zur Spielfigur gemacht hatte.
Seine Botschaft hatte mich erschüttert – ein Vers in Terza Rima wie der, den wir in Camp Jupiter gehört hatten.
Oh Sohn des Zeus, nun kommt der letzte Schritt,
allein zu zweit sollst dich dem Turm des Nero stellen,
und dann die Bestie vom angestammten Platze tritt.
Ja, ich hatte diesen verfluchten Vers auswendig gelernt.
Jetzt hatten wir unsere zweite Portion an Instruktionen, die deutlich mit der ersten verbunden war, da sich die erste und die dritte Zeile auf »stellen« reimten. Der blöde Dante und seine blöde Idee für eine niemals endende Reimstruktur:
Der Sohn des Hades wird zum Höhlenläufergesellen,
den geheimen Weg zum Thron sie dir zeigen,
für euer Leben musst du Neros eigen fällen.
Ich kannte einen Sohn des Hades: Nico di Angelo. Er hielt sich vermutlich noch in Camp Half-Blood auf Long Island auf. Vielleicht kannte er einen geheimen Weg zu Neros Thron. Aber er würde ihn uns niemals zeigen können, wenn wir nicht aus diesem Zug entkamen. Ich hatte allerdings keine Ahnung, was Nico mit irgendwelchen »Höhlenläufern« zu tun haben sollte.
Die letzte Zeile der neuen Strophe war einfach grausam. Wir waren schließlich gerade umgeben von »Neros eigen«, und natürlich hing unser Leben von ihnen ab. Ich wollte glauben, dass diese Zeile noch eine andere Bedeutung hatte, eine positive … die vielleicht irgendwie damit zusammenhing, dass Lu uns zur Toilette schicken wollte, wenn wir in den Tunnel nach New York eingefahren waren. Aber angesichts von Lus feindseliger Miene und der Anwesenheit ihrer sieben schwer koffeinisierten und von Zucker aufgeputschten germanischen Freunde war ich nicht gerade optimistisch.
Ich rutschte auf meinem Sitz hin und her. Oh, warum nur hatte ich an die Toilette gedacht? Ich musste jetzt wirklich dringend!
Draußen jagten die beleuchteten Reklametafeln von New Jersey vorüber: Werbung für Autohändler, bei denen man einen unpraktischen Rennwagen erstehen konnte, Rechtsanwälte, die man anheuern konnte, um die Schuld den anderen Fahrern zuzuschieben, wenn man den Wagen zu Schrott gefahren hatte, Casinos, wo man den vor Gericht erstrittenen Schadensersatz verzocken konnte. Der große Kreislauf des Lebens.
Die Haltestelle Newark Airport kam und ging. Bei allen Göttern, ich war so verzweifelt, dass ich mit dem Gedanken an einen Fluchtversuch spielte. In Newark.
Meg blieb sitzen, also tat ich das auch.
Bald würden wir den Tunnel nach New York erreichen. Vielleicht könnten wir, statt zur Toilette zu gehen, einen Angriff auf unsere Gefangenenwärter starten …
Lu schien meine Gedanken gelesen zu haben. »Gut, dass ihr euch ergeben habt. Nero hat allein in diesem Zug noch drei solche Teams. Jeder Zugang nach Manhattan – jeder Zug, Bus und Flug – wird überwacht. Nero hat das Orakel von Delphi auf seiner Seite. Er wusste, dass ihr heute Abend kommen würdet. Ihr hättet es nie bis in die Stadt geschafft, ohne gefangen zu werden.«
Nette Art, meine Hoffnungen zu zerschmettern, Luguselwa. Mir zu erzählen, dass Nero seinen Kumpel Python für sich in die Zukunft linsen ließ und damit mein geheiligtes Orakel gegen mich verwandte … echt krass.
Meg dagegen schien plötzlich aufzuleben, als ob Lus Worte ihr auf irgendeine Weise Hoffnung gemacht hätten. »Und wieso hast ausgerechnet du uns gefunden, Lu? Pures Glück?«
Lus Tätowierungen wogten, als sie die Muskeln an ihren Armen spielen ließ, und von den wirbelnden keltischen Schnörkeln wurde ich seekrank.
»Ich kenne dich eben, Setzling«, sagte sie. »Ich weiß, wie ich dich ausfindig mache. Es gibt kein Glück.«
Ich könnte ihr mehrere Gottheiten des Glücks nennen, die das anders sehen würden, aber ich widersprach nicht. Die Gefangenschaft hatte mein Verlangen nach Small Talk gedämpft.
Lu drehte sich zu ihren Gefährten um. »Sowie wir in der Penn Station angekommen sind, übergeben wir unsere Gefangenen dem Begleitteam. Ich will keine Fehler. Niemand bringt das Mädchen oder den Gott um, solange das nicht unbedingt nötig ist.«
»Ist es jetzt nötig?«, fragte Gunther.
»Nein«, sagte Lu. »Der Princeps hat Pläne für sie. Er will sie lebend.«
Der Princeps. Der Geschmack in meinem Mund war bitterer als der bitterste Amtrak-Kaffee. Durch Neros Eingangstür geführt zu werden war nicht die Art, auf die ich ihm gegenübertreten wollte.
Im einen Augenblick ratterten wir noch durch eine Wildnis von Lagerhäusern und Werften in New Jersey und schon im nächsten tauchten wir in den dunklen Tunnel, der uns unter dem Hudson durchführen würde. Über Lautsprecher kündigte eine verzerrte Stimme als nächsten Halt die Penn Station an.
»Ich muss pissen«, erklärte Meg.
Ich starrte sie sprachlos an. Wollte sie wirklich Lus seltsamen Befehl befolgen? Die Gallierin hatte uns gefangen genommen und eine unschuldige zweiköpfige Schlange getötet. Warum sollte Meg ihr vertrauen?
Meg trat mir energisch auf den Fuß.
»Ja«, quietschte ich. »Ich muss auch pissen.« Bei mir war das immerhin eine schmerzliche Wahrheit.
»Zusammenreißen!«, knurrte Gunther.
»Ich muss aber wirklich pissen!« Meg hüpfte auf ihrem Platz auf und ab.
Lu seufzte genervt. Ihre Verärgerung klang ungeheuer echt. »Na gut.« Sie drehte sich zu ihrem Team um. »Ich geh mit. Ihr bleibt hier und bereitet euch aufs Aussteigen vor.«
Keiner der Germanen wagte einen Widerspruch. Sie hatten von Gunther vermutlich genug Klagen über die Pisspottpatrouille gehört. Sie fingen an, sich den Mund mit ein paar letzten Croissants vollzustopfen und ihre Ausrüstung zusammenzusuchen, während Meg und ich uns aus unserer Sitznische herauswanden.
»Eure Sachen«, mahnte mich Lu.
Ich blinzelte. Klar doch. Wer geht schon ohne Bogen und Köcher aufs Klo? Das wäre ja total unsinnig. Ich schnappte mir meine Sachen.
Lu trieb uns zurück in den Durchgang. Sowie sich die Doppeltüren hinter uns geschlossen hatten, murmelte sie: »Jetzt!«
Meg rannte in Richtung Ruhewagen los.
»He!« Lu schob mich beiseite und hielt lange genug inne, um zu murmeln: »Die Türen blockieren. Und die Wagen auseinanderkoppeln!«, dann stürzte sie hinter Meg her.
Was sollte ich tun?
In Lus Händen blitzten zwei Krummschwerter auf. Moment – hatte sie Megs? Nein. Unmittelbar vor Ende des Durchgangs drehte sich Meg zu ihr um, rief ihre eigenen Klingen herbei und die beiden gingen wie die Dämoninnen aufeinander los. Waren sie etwa beide Dimachaeren, die seltenste Art von Gladiator? Das bedeutete – ich hatte keine Zeit, mir zu überlegen, was das bedeutete.
Hinter mir brüllten die Germanen. Sie würden jeden Moment durch die Türen kommen.
Ich begriff nicht genau, was hier gerade passierte, aber mein stumpfsinniges sterbliches Gehirn kam auf den Gedanken, dass Lu vielleicht, ganz vielleicht, versuchte, uns zu helfen. Wenn ich nicht die Türen blockierte, wie sie gesagt hatte, würden wir von sieben wütenden Barbaren mit klebrigen Fingern überrannt werden.
Ich stemmte meinen Fuß gegen den unteren Teil der Doppeltür. Es gab keine Griffe. Ich musste meine Handflächen gegen die Türen drücken und sie zusammenpressen, damit sie geschlossen blieben.
Gunther warf sich in vollem Tempo gegen die Türen und der Aufprall hätte mir fast den Kiefer ausgerenkt. Die anderen Germanen drängten sich hinter ihm zusammen. Meine einzigen Vorteile waren der enge Raum, in dem sie sich befanden, und die Dummheit der Germanen. Statt zusammenzuarbeiten, um die Türen auseinanderzudrücken, stießen und schoben sie sich einfach gegenseitig und benutzten Gunthers Gesicht als Rammbolzen.
Hinter mir fochten Lu und Meg, und ihre Krummschwerter klirrten wütend gegeneinander.
»Gut, Setzling«, sagte Lu ganz leise. »Du hast dein Training nicht vergessen.« Dann lauter, für unser Publikum bestimmt: »Dumme Göre, ich bring dich um!«
Ich stellte mir vor, wie dieser Anblick auf die Germanen auf der anderen Seite des Plexiglases wirken musste: ihre Gefährtin Lu im Kampf gegen eine entlaufene Gefangene, während ich versuchte, die Germanen aufzuhalten. Meine Hände verloren jegliches Gefühl. Meine Arm- und Brustmuskeln taten weh. Ich hielt verzweifelt Ausschau nach einem Türverschluss für Notfälle, es gab aber nur einen Notfall-Türöffner. Wozu sollte das denn gut sein?
Der Zug dröhnte weiter durch den Tunnel. Ich schätzte, dass uns nur noch wenige Minuten bis zur Penn Station blieben, wo Neros »Begleitteam« uns erwartete. Ich wollte nicht begleitet werden.
Die Wagen auseinanderkoppeln, hatte Lu mir befohlen.
Wie sollte ich das denn schaffen, zumal ich doch die Türen des Durchgangs verschlossen halten musste? Ich war schließlich kein Eisenbahningenieur. Eisenbahnen waren ja wohl eher was für Hephaistos.
Ich schaute mich über die Schulter um und suchte den Durchgang ab. Zu meiner Empörung gab es keinen deutlich beschrifteten Schalter, mit dem ein Fahrgast den Zug auseinanderkoppeln konnte. Was dachten die sich eigentlich bei Amtrak?
Da! Auf dem Boden entdeckte ich eine Serie aus Metallklappen, die eine sichere Fläche bildeten, über die Fahrgäste auch dann gehen konnten, wenn der Zug wackelte und schlingerte. Eine dieser Klappen war mit einem Tritt geöffnet worden, vielleicht von Lu, und darunter war die Kupplung zu sehen.
Selbst, wenn ich von der Stelle, wo ich stand, hätte hinreichen können (was ich nicht konnte), hätte ich wohl kaum die Kraft und die Geschicklichkeit besessen, meinen Arm in die Lücke zu schieben, die Kabel zu durchtrennen und die Verklammerung zu öffnen. Der Spalt zwischen den Bodenklappen war zu eng, die Kupplung zu tief unten. Und um sie von hier aus zu treffen, hätte ich der größte Bogenschütze aller Zeiten sein müssen.
Oh. Moment …
Die Türen an meiner Brust drohten, unter dem Gewicht von sieben Barbaren nachzugeben. Eine Axtschneide bohrte sich neben meinem Ohr durch den mit Gummi beklebten Rand. Mich umzudrehen, um einen Pfeil abzuschießen, wäre Wahnsinn.
Genau, dachte ich hysterisch. Dann wolln wir mal!
Ich erkaufte mir eine Sekunde, indem ich einen Pfeil aus dem Köcher riss und ihn durch den Spalt in der Tür zwischen die Germanen rammte. Gunther heulte auf. Der Druck ließ kurz nach, als sich der Germanenklumpen neu zusammenfügte. Ich fuhr herum und presste meinen Rücken gegen das Plexiglas, mein einer Absatz war unten gegen die Türen gedrückt. Dann machte ich mich an meinem Bogen zu schaffen und konnte einen Pfeil anlegen.
Mein neuer Bogen war eine Waffe von göttlicher Qualität aus den Schatzkammern von Camp Jupiter. Meine Schützenfähigkeiten hatten sich in den vergangenen sechs Monaten gewaltig verbessert. Aber es war trotzdem eine grottenschlechte Idee. Es war unmöglich, sicher zu schießen, während ich meinen Rücken gegen eine harte Oberfläche presste. Ich konnte die Bogensehne einfach nicht weit genug spannen.
Trotzdem schoss ich. Der Pfeil verschwand im Spalt im Boden und verfehlte die Kupplung total.
»In einer Minute erreichen wir die Penn Station«, sagte eine Lautsprecherstimme. »Ausstieg links.«
»Wir haben keine Zeit mehr!«, brüllte Lu. Sie schlug nach Megs Kopf. Meg stach weiter unten zurück und hätte fast den Oberschenkel der Gallierin durchbohrt.
Ich gab noch einen Pfeil ab. Diesmal ließ die Spitze an der Kupplung Funken sprühen, aber die Wagen hingen weiterhin starrköpfig aneinander.
Die Germanen hämmerten gegen die Türen. Eine der Plexiglasscheiben sprang aus ihrem Rahmen. Eine Faust schob sich hindurch und packte mein Hemd.
Mit einem Verzweiflungsschrei sprang ich von den Türen weg und schoss ein letztes Mal, diesmal mit weit gespannter Bogensehne. Der Pfeil durchschlitzte die Kabel und bohrte sich in die Kupplung. Die gab mit einem Schütteln und einem Stöhnen nach.
Germanen strömten in den Durchgang, als ich über die breiter werdende Öffnung zwischen den Wagen sprang. Ich wäre fast von Megs und Lus Krummschwertern aufgespießt worden, aber irgendwie konnte ich das Gleichgewicht wiederfinden.
Ich drehte mich um. Der restliche Zug vor uns jagte mit über hundert Stundenkilometern in die Dunkelheit, während sieben Germanen ungläubig zu uns zurückstarrten und Beleidigungen schrien, die ich hier nicht wiederholen werde.
Unser abgekoppelter Zugteil rollte durch den eigenen Schwung noch einige Dutzend Meter weiter, dann kam er langsam zum Stillstand.
Meg und Lu ließen ihre Waffen sinken. Eine mutige Passagierin aus dem Ruheraum wagte es, herauszuschauen und zu fragen, was denn los sei.
»Pst«, gab ich zurück.
Lu sah mich wütend an. »Hast ja ganz schön lange gebraucht, Lester. Und jetzt los, ehe meine Männer zurückkommen. Ihr zwei seid gerade von Bitte lebend fangen zu Beweis des Todes genügt avanciert.«