1. Auflage

© 2021 Lilly C. Zwetsch

Herstellung und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 9783754391419

Für alle, die fähig sind, das Gute zu sehen.

Selbst im Teufel.

Inhaltsverzeichnis

Es war einmal…

Es war einmal ein Müller, der war in Armut geraten und besaß nichts als seine Mühle und den Apfelbaum dahinter.

Eines Tages ging er in den Wald, um Holz zu hacken, und traf dort auf einen alten Mann, den er noch nie zuvor gesehen. Der sprach den Müller an und sagte: „Was quälst du dich, mit dem Holz hacken? Einen reichen Mann will ich aus dir machen, wenn du mir gibst, was hinter deiner Mühle steht.“

Der Müller dachte: „Was anderes kann das sein, als mein Apfelbaum?“ Und so willigte er ein.

Der Fremde aber lachte nur und sagte: „In drei Jahren will kommen und holen, was mein ist.“

Als der Müller heimkehrte, empfing ihn seine Frau und fragte: „Mann, woher kommt dieser Reichtum in unserem Hause? Alle Kisten und Kasten sind voll und niemand trug es herein.“

Der Müller sprach: „Sorge dich nicht, mein Weib. Ich traf im Wald auf einen alten Mann, der versprach mir Reichtum, wenn ich ihm gäbe, was hinter der Mühle steht. Für all das Gold und die Geschmeide werden wir den Apfelbaum wohl geben können.“

„Ach, mein Mann, der Narr“, rief da die Müllerin. „Das war der Teufel, der dich verführt. Den Baum hat er nicht gewollt, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle und kehrte den Hof.“

Heilende Hände

Als ich erwachte war der Schmerz das erste, was mich begrüßte. Er war zu einem dumpfen Pochen abgeklungen und doch allgegenwärtig. Selbst die schwere Dunkelheit des Schlafs hatte er durchdrungen.

Es kostete mich einige Anstrengung, die Augen zu öffnen. Etwas hielt sie zu, als hätte mir eine Spinne die Wimpern zusammengewebt.

„Ruhig, mein Kind“, sagte eine Stimme so rau wie Reibeisen. „Lass mich dir helfen.“ Etwas Feuchtes fuhr mir über Stirn und Lider. Vorsichtig entfernte es die klebrigen Überreste meiner Tränen aus den Wimpern. Erst dann konnte ich die Augen öffnen.

Über mir hing das löcherige Dach einer alten Hütte. Von den wenigen Balken baumelten Kräuterbündel und verschiedene Gegenstände aus Zweigen, Moos und Haaren, die ich nur als Talismane bezeichnen konnte. Als ich den Kopf drehte, fuhr ein Schmerz durch meinen Nacken. Ich stöhnte.

„Vorsicht, Liebes. Du bist ziemlich mitgenommen und hast viel Blut verloren.“

Ich folgte der Stimme und sah eine gekrümmte Gestalt, die mit dem Rücken zu mir an einem Kamin stand und mit irgendetwas herumhantierte. Ich wäre gern aufgestanden, doch bei jeder kleinen Bewegung schoss ein grausiger Schmerz durch meine Glieder, ausgehend von meinen Handgelenken.

„Willst du mir erzählen, was geschehen ist, Kind?“ Die Gestalt am Feuer drehte sich um und offenbarte mir ihr freundliches, von unzähligen Runzeln bedecktes Gesicht. Die alte Frau stützte sich schwer auf einen Stock und hatte sichtlich Mühe, den kleinen Raum zu durchqueren. In der freien Hand hielt sie eine dampfende Schale und einen Löffel. Beides stellte sie auf einem kleinen Tisch direkt neben mir ab und ließ sich dann auf der Bettkante nieder.

„Versuch, dich aufzusetzen, Liebes. Du wirst dich noch verschlucken.“ Sie griff nach meiner Schulter und zog mich in eine aufrechte Position. Für ihr Alter war sie erstaunlich kräftig. Ich unterdrückte ein Ächzen, musste aber kurz die Augen schließen, als der Schmerz durch meinen Kopf rollte und Schwindel mit sich brachte.

„Wo bin ich?“, fragte ich dann. Die Alte schob die Kissen zurecht, sodass ich mich anlehnen konnte. Meine Arme lagen nutzlos in meinem Schoß. Ich hatte noch nicht gewagt, hinzusehen.

„Das ist mein Zuhause, Liebes.“ Die alte Frau deutete in den Raum hinter sich, der bis in die hinterste Ecke vollgestopft war mit irgendwelchem Zeug – Möbel, Teppiche, Felle, eine Spindel, Vorratsgläser, Fässer, und anderer Krimskrams. Und natürlich den allgegenwärtigen Kräuterbündeln, die die gesamte Hütte mit ihrem würzigen Duft erfüllten.

„Und wer seid Ihr?“ Meine eigene Stimme klang kratzig, als wäre sie länger nicht mehr gebraucht worden.

„Mein Name ist Malefiz.“ Die Alte kicherte, als ich das Gesicht verzog. „Ich weiß, kein besonders vorteilhafter Name, nicht? Mein Vater gab ihn mir.“ Sie griff nach der Schale und tunkte den Löffel in die klare Brühe darin. „Iss, mein Kind. Das wird dich stark machen und die Heilung beschleunigen.“ Einmal pustete sie auf den Löffel, dann führte sie ihn an meinen Mund.

Es war viele Jahre her, dass mich zuletzt jemand gefüttert hatte. So viele, dass ich mich kaum mehr daran erinnerte. Aber es musste wohl meine Mutter gewesen sein. Dieselbe Frau, die wortlos dabeigestanden hatte, als…

Ich schob den Gedanken beiseite und öffnete die Lippen. Dies würde sich ab jetzt wohl nicht mehr vermeiden lassen. Mein Magen zog sich in Erwartung der Mahlzeit freudig zusammen und ich fragte mich unwillkürlich, wann ich zuletzt etwas gegessen oder getrunken hatte. Die Brühe war heiß und würzig. Ich kannte die Kräuter nicht, die darin schwammen, aber es schmeckte himmlisch.

Die Alte, Malefiz, wartete, bis ich die Schale geleert hatte, dann fragte sie: „Möchtest du mir erzählen, was dir zugestoßen ist?“

„Nein.“

Sie nickte. „In Ordnung. Trotzdem muss ich mir jetzt die Wunden ansehen.“

Zum ersten Mal wagte ich einen Blick in meinen Schoß. Dort lagen sie, eingewickelt in dicke Umschläge.

„Die Aderpressen haben dir das Leben gerettet“, erklärte die alte Frau, während sie an einem herabbaumelden Kräuterbündel nestelte. „Ohne sie wärst du Stunden bevor ich dich fand verblutet.“

Ich erinnerte mich dunkel an zwei schlanke Hände, die zierliche Gürtel um meine Handgelenke banden und sie so festzogen, dass mir schwarz vor Augen wurde. „Vielleicht wäre das besser gewesen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst, als zu meiner unbekannten Retterin, aber sie schien trotz ihres Alters Ohren wie ein Luchs zu haben. Mit gerunzelter Stirn drehte sie sich zu mir herum.

„Sag sowas nicht, mein Kind. Du bist eine Bereicherung für diese Welt. Und für jeden, der deinen Weg kreuzt.“

„Euch scheine ich doch nur Mühe zu bereiten“, sagte ich beschämt.

„Keinesfalls“, verkündete die Alte und kam zu mir herüber, um vorsichtig die Umschläge von meinen Armen zu lösen. Unter dem Stoff kam eine dicke Paste aus Kräutern und Blüten zutage. „Ich hatte schon lange keinen Besuch mehr. Es ist einsam.“

Ich hörte ihr kaum richtig zu. Mein Blick war gebannt von dem, was die letzte Stoffschicht offenbarte. Dort wo einmal schlanke Hände mit langen Fingern gewesen waren, gab es nur noch zwei stumpfe, mit Salbe bestrichene Enden.

Vor meinem inneren Auge sah ich erneut das Funkeln des Sonnenlichts auf der frisch geschärften Klinge des Beils. Ich hörte das Reißen und Krachen und den dumpfen Aufschlag, als sie sich ins Holz des Richtblocks grub.

Mit einem Kopfschütteln verscheuchte ich die Schreckensbilder. Nicht, dass es wirklich gelang. Sie schwirrten noch immer irgendwo in meinem Hinterkopf herum wie lauernde Schatten, aber so konnte ich sie wenigstens eine Weile lang ignorieren.

Malefiz arbeitete schnell. Bald verschwanden die Stümpfe wieder unter Kräutern und Leinen. Sofort setzte Linderung ein und eine seltsame Kühle breitete sich in meinen Unterarmen aus.

„Das wird die Schwellung zurückdrängen und die Heilung beschleunigen, aber ich sage dir eins, Kind: es wird dauern. Hier, trink das.“ Sie hielt mir einen Becher mit irgendeinem Kräutertee darin an die Lippen. Ich trank ihn in einem Zug leer.

„Wie lange bin ich schon hier?“, fragte ich und ließ mich zurück in die Kissen sinken.

„Vier Tage“, antwortete die Alte schulterzuckend. „Du hast vier Tage geschlafen und du wirst noch länger ruhen, bis ich dir gestatten kann, aufzustehen.“

Ich spürte bereits, wie die Müdigkeit in meine Knochen kroch. Ich wehrte mich nicht dagegen. Das Leben hatte im Augenblick ohnehin nicht viel für mich zu bieten.

Teufel

Der Müller kroch vor mir im Staub.

„Bitte“, winselte er, die Hände wie zum Schutz gegen mich erhoben. Als würde ihm das etwas nützen. „Bitte, ich tue alles, was Ihr wollt.“

Es tat gut, ihn betteln zu sehen. Das Blut seiner Tochter tropfte noch immer vom Richtblock. Apfelblüten hatten sich darin verfangen und ließen die Szenerie noch morbider erscheinen, als ihre unberührte Reinheit auf das gewalttätig vergossene Blut traf.

„Ich gebe dir ein Jahr Zeit, Müller“, sagte ich. „Ein Jahr, sie zu finden und zu mir zu bringen. Wenn dir das gelingt, lasse ich dir deinen Reichtum. Wenn nicht…“ Ich ließ den Satz unvollendet. Das zeigte zumeist mehr Wirkung, als die schrecklichste Drohung. So auch dieses Mal.

„Danke.“ Der Müller weinte jetzt. Sein fetter Wanst schleifte über den Boden, durch das grellrote Blut im Gras. Er hatte es sich in den vergangenen drei Jahren gutgehen lassen. „Ich danke Euch, Herr. Niemals werde ich Eure Güte vergessen.“

Und ich würde den heutigen Tag niemals vergessen.

Ohne ihn auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte ich mich ab. Die Hölle erwartete mich.

aus eigener Kraft

Malefiz erlaubte mir heute zum ersten Mal, aufzustehen und die Hütte zu verlassen.

Wie sie gesagt hatte, waren wir tatsächlich tief im Wald - weit abseits der Wege. Ich fragte mich, ob überhaupt jemals jemand seinen Weg hierher fand.

Die alte Frau hatte rund um die Hütte Kräuter- und Gemüsebeete angelegt, in denen allerhand wuchs und gedieh. Trotz ihres krummen Rückens und der Gicht, die ihr an den meisten Tagen Schwierigkeiten bereitete, kniete Malefiz im Schmutz und wühlte mit bloßen Händen im Erdreich.

Es tat gut, an der frischen Luft zu sein und sich zu bewegen, nachdem ich die letzten zwei Wochen nur aus dem Bett aufgestanden war, um mein Geschäft zu erledigen und mich notdürftig zu waschen.

Die Sonnenstrahlen liebkosten mein Gesicht und warfen tanzende Schatten durch das Blätterdach. Der Wind schickte ein Rauschen durch den ganzen Wald und trug das Zwitschern der Vögel an meine Ohren. Ich atmete tief ein, sog meine Lungen voll mit dem Duft nach Holz, Moos und den Kräutern und Blumen aus Malefiz‘ Garten. Wenn es wirklich ihr Vater gewesen war, der ihr diesen Namen gegeben hatte, dann hatte er seine Tochter wahrscheinlich nie gekannt. Die alte Frau hatte einen grünen Daumen und war liebevoll zu Pflanzen und Tieren. Nein, sie hatte wahrhaftig nichts gemein mit dem Teufel.

„Zwei Minuten in diese Richtung ist ein kleiner Bach“, teilte sie mir mit und deutete entsprechend mit dem dreckverschmierten Finger. „Dort kannst du dich gründlich waschen. Er sammelt sich in einem kleinen Becken, ehe er seinen Weg fortsetzt. Da in dem Korb neben der Tür sind frische Kleider. Ruf mich, wenn du Hilfe brauchst.“

Ich sah mich um und tatsächlich; dort neben der Tür stand ein geflochtener Weidenkorb mit einem einfachen Leinenkleid darin, ungefärbt und formlos. Nichts im Vergleich zu den seidenen, farbenfrohen Roben, die ich in den letzten Jahren getragen hatte. Und bei deren Schnürung mir eine Dienstmagd hatte zur Hand gehen müssen.

„Oder möchtest du, dass ich jetzt gleich mit dir komme?“ Malefiz hatte mein Zögern wohl bemerkt.

„Nein“, wehrte ich ab. „Ich schaffe das schon.“ Ich bückte mich, schob den linken Stumpf durch den Henkel des Korbes und machte mich auf den Weg.

Malefiz hatte die letzten vierzehn Tage genutzt, um mir in meinen Wachzeiten zu zeigen, wie ich mich auch ohne Hilfe erleichtern, waschen und anziehen konnte. Nur mit der glitschigen Seife musste sie mir noch helfen, aber es ging auch ohne.

Ich fand die Stelle, die sie gemeint hatte, auf Anhieb, wand mich mühevoll aus meinem Nachthemd und warf es gleich mit ins Wasser, als ich hineinstieg.

Es war noch immer schwierig für mich, auf schlüpfrigem Untergrund wie der schlammigen Böschung und den glatten Steinen im Bachbett das Gleichgewicht zu halten. Manchmal wollte ich mich dann mit einer Hand abstützen und vergaß, dass ich nur noch die Stümpfe hatte. Mehr als einmal waren die Wunden wieder aufgebrochen, aber Malefiz hatte nicht geschimpft, sondern einfach schweigend eine neue Naht gesetzt, eine dicke Schicht Salbe aufgetragen und einen sauberen Verband angelegt. Die Wunden waren noch immer empfindlich und durften auch jetzt beim Baden nicht nass werden. Malefiz hatte gesagt, dann würde sich die Kruste auflösen und das Blut wieder fließen. Also reckte ich beide Unterarme in die Höhe, während ich mich in das angenehm kühle Wasser gleiten ließ.

Der Sommer hatte gerade erst begonnen, aber die Tage waren schon jetzt heiß und sonnig. In der Hütte war es entsetzlich stickig und Malefiz entzündete darüber hinaus noch immer ein Feuer. Sie sagte, das helfe bei ihrer Gicht. Ich fühlte mich schrecklich, dass ich in ihrem Bett schlief und die alte Frau mit dem Schaukelstuhl Vorlieb nehmen musste, aber wenn ich ihr anbot, zu tauschen, wollte sie davon nichts hören. „Du bist jung“, sagte sie dann immer. „Dein Körper heilt nur noch schneller, wenn du es des Nachts bequem hast.“

Ich wusste nicht, wie ich ihr ihre Freundlichkeit und ihre Hilfe jemals würde vergelten können. Aber auch davon wollte sie nichts hören.

Seufzend breitete ich die Arme ein wenig aus, damit das Wasser auch meine Achselhöhlen durchspülen konnte, dann lehnte ich mich vorsichtig zurück, bis meine langen blonden Haare in der Strömung trieben. Die Kälte tat meiner Kopfhaut gut und so saß ich eine Weile lang da, bis meine Bauchmuskeln so sehr zitterten, dass ich die angespannte Haltung nicht länger aufrechterhalten konnte.

Trotz Malefiz‘ stärkenden Suppen musste sich mein Körper noch daran gewöhnen, die fehlenden Hände auszugleichen. Es war wie mit allem: sobald man es nicht mehr hatte, erkannte man erst seinen Wert. Würde es meinem Vater genauso gehen, jetzt, da sein Reichtum wieder vergangen war? Er hatte seinen Teil der Abmachung mit dem Teufel nicht einhalten können. Hasste er mich, die ich ihm das eingebrockt hatte? Und Mutter? Ob sie sich wohl Sorgen um mich machte?

Es hatte keinen Zweck, darüber nachzudenken. Zurück konnte ich doch nicht mehr. Nicht nach den Schrecken, die ich an diesem Ort hatte durchleben müssen.

Ich zwang mich, die Überlegungen aufzugeben, so wie jedes Mal, wenn ich an die Zukunft dachte. Mir war schon klar, dass ich nicht ewig bei Malefiz würde bleiben können, aber es widerstrebte mir zutiefst, meine Möglichkeiten auszuloten. Sie waren nicht gerade rosig, jetzt, da…

Da ich keine Hände mehr habe, denk es ruhig zu Ende, ermahnte ich mich selbst. Sie würden schließlich nicht auf magische Weise wieder zurückkommen. Nie wieder.

Ich hatte einen Fehler gemacht. Das wurde mir in dem Moment klar, in dem ich aufstehen wollte. Einen Anfängerfehler. Ich hatte mich auf den Hintern gesetzt. Und jetzt musste ich irgendwie wieder auf die Füße kommen, ohne dabei auf den glatten Steinen auszurutschen oder die Stümpfe ins Wasser zu tauchen.

Ich war wirklich dankbar dafür, dass niemand meine erbärmlichen Versuche beobachtete. Als es mir endlich gelang, war ich unglaublich erschöpft und der Gedanke, Malefiz zu rufen, damit sie mir beim Anziehen half, war verlockend. Ich biss mir selbst auf die Wange, um der Versuchung nicht zu erliegen und kämpfte mich in mein Kleid. Dass es am Ende falsch herum war, kümmerte mich wenig.

Malefiz erwartete mich schon, als ich zur Hütte zurückkehrte. Sie saß auf der Bank neben der Haustür und schnürte getrocknete Kräuter zu Bündeln zusammen.

„Setz dich“, sagte sie und deutete neben sich. „Ich will dir zeigen, wie du aus diesen Kräutern die Salbe herstellen kannst, die ich für deine Wunden benutze.“

Es folgten Tage des Unterrichts, in denen sie mir nicht nur die verschiedensten Kräuter und deren Wirkung aufzählte, sondern auch zeigte, wie sie zu trocknen, zu kombinieren und zu verarbeiten waren. Manche waren für Tee besser geeignet, andere für Salben, wieder andere für Breiumschläge oder zum Kauen. Natürlich konnte ich keine einzige Pflanze selbst mit dem Stößel zerkleinern, oder auch nur die Stängel mit einem Bindfaden zusammenknoten. Aber das theoretische Wissen war dennoch ungemein wertvoll. Ich würde vermutlich mein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein, wie Malefiz nicht müde wurde zu betonen.

„Aber da ist es doch zumindest nett, deine Umgebung ein bisschen rumzukommandieren, meinst du nicht auch?“, fragte sie mit ihrem Reibeisen-Kichern.

Ich wusste, dass sie es nur gut mit mir meinte, aber die Wahrheit war, dass ich noch nicht soweit war, über diese Angelegenheit lachen zu können. Und vielleicht würde ich es auch nie sein. Wann war man schon darüber hinweg, dass einem plötzlich beide Hände fehlten? Es war ja schließlich nicht so, als wären sie mir einfach aus der Tasche gefallen und ich würde sie irgendwann am Straßenrand wiederfinden und über meine Schusseligkeit lachen. Nie wieder, waren die beiden von mir am häufigsten gedachten Worte derzeit. Sie galten als Erinnerung und als Mahnung. Und irgendwie verleiteten sie mich auch dazu, nach vorn zu blicken.

Je mehr Lektionen Malefiz mir erteilte, desto klarer wurde mir, dass ich trotz meiner Einschränkungen nicht nutzlos war. Und ich schämte mich für meine bitteren Gedanken vom Anfang; als ich hatte sterben wollen. Das Leben war ein Geschenk Gottes und ich hätte es beinahe aufgegeben. Eine der schlimmsten Sünden überhaupt. Malefiz erinnerte mich jeden Tag daran, wie wertvoll dieses Geschenk war.

Drei Wochen nach meinem ersten Erwachen in ihrer Hütte, schälte Malefiz die Verbände von meinen Armen und inspizierte die Wunden. Sie grummelte vor sich hin, betastete die Wundränder und das umgebende Fleisch. „Tut es weh?“

Ich nickte. „Aber nicht mehr so wie am Anfang.“

Sie bewegte zustimmend den Kopf. „Die Narbe mag aussehen, als wäre sie verheilt, aber das Gewebe darunter befindet sich noch in der Regeneration. Ich denke, es wird noch einige Wochen dauern, bis der Schmerz abklingt.“

Ich schluckte.

„Mach dir keine Gedanken, mein Mädchen“, sagte Malefiz und tätschelte mir in Altfrauen-Manier das Knie. „Es wird verheilen. Vollständig.“

„Ich spüre sie manchmal“, gestand ich leise. Bisher hatte ich nicht gewagt, ihr davon zu erzählen, aus Angst, sie könne mich für verrückt halten. Doch jetzt konnte ich einfach nicht anders. „Es fühlt sich manchmal so an, als wären sie noch da. Und sie tun weh. Wie kann etwas wehtun, das nicht mehr da ist?“

Ein warmer Ausdruck trat in Malefiz hellblaue Augen. Am Anfang hatte mich der helle Farbton in diesem braungebrannten, faltigen Gesicht irritiert und ich hatte nie länger als ein paar Herzschläge lang hineinschauen können. Noch nach all diesen Tagen auf engstem Raum mit ihr, erkannte ich nun jede Regung darin.

„Das sind die Mysterien des Menschseins, die wir vermutlich niemals aufdecken werden. Wie kann ein gesundes Herz brechen, nur weil ein lieber Mensch fortgeht?“

„Hattest du einen solchen Menschen, Malefiz?“, fragte ich vorsichtig. Sie hatte mir noch nie etwas über ihr Leben erzählt. Nur, dass sie ihr Wissen über Pflanzen von ihrer Mutter erlangt hatte. Und ihren gotteslästerlichen Namen von ihrem Vater.

Ein bedauernder Zug lag jetzt um ihren faltigen Mund. „Nein, mein Mädchen. Man hat mich schon früh von zuhause fortgejagt und von da an wollte niemand mich haben.“

Jetzt war ich es, die tröstend über ihre Hand strich. Mit dem Unterarm zwar, aber sie lächelte, als wäre an dieser Berührung nichts ungewöhnlich oder gar abstoßend.

„Auch du wirst in deinem Leben noch viele unangenehme Erfahrungen machen, Liebes. Aber du darfst darüber nie den Glauben an dich selbst verlieren, hörst du?“

Ich schüttelte den Kopf. „Das werde ich nie wieder, Malefiz. Ich verspreche es.“

„Gut. Dann lass uns jetzt zu Abend essen.“

Es vergingen weitere drei Wochen, in denen ich mich von Malefiz in Kräuterkunde und den Grundzügen der Heilkunst unterweisen ließ. Meine Narben sahen von Tag zu Tag besser aus und wechselten jetzt nur noch kaum merklich die Farbe. Malefiz förderte die Durchblutung des wachsenden Muskelgewebes und der Haut, indem sie mit einer besonders weichen Pferdehaarbürste darüber massierte. Dadurch wurden auch die Schmerzen langsam weniger. Bis die Stümpfe vollständig verheilt sein würden, so erklärte Malefiz, würde noch über ein ganzes Jahr vergehen.

Dennoch fühlte ich mich schon sehr viel sicherer im Umgang mit meiner neuen Einschränkung und es gelang mir mittlerweile problemlos, zu baden und mich anzukleiden, Dinge zu transportieren und sogar, die Seife zu halten. Ich half Malefiz im Garten, benannte dabei zur Übung jede einzelne Pflanze und deren heilsame oder nicht heilsame Wirkung und unternahm mit der alten Frau am Arm Waldspaziergänge. Die Bewegung schien auch Malefiz gut zu tun, die ihren Stock zunehmend in der Hütte zurückließ.

Die Tage flossen nur so dahin und ich stellte fest, dass ich glücklicher war als in vielen Momenten davor. Dennoch ertappte ich meine Gedanken immer wieder, wie sie zu meinen Eltern wanderten.

Ich wusste, dass die ehemalige Mühle nicht allzu weit entfernt lag. Blutend und vor Schmerz vollkommen neben mir, war ich nur ein Stück in den Wald hineingelaufen, wo Malefiz mich dann gefunden hatte. Aber ich verspürte trotz der Sehnsucht nach dem elterlichen Schutz kein Bedürfnis, dorthin zurückzukehren. Gleichzeitig war mir klar, dass sie nach mir suchen würden. Bis jetzt mochte das Versteckspiel gleich hier unter ihren Nasen gefruchtet haben, aber wie lange noch? Ich wollte Malefiz nicht in Gefahr bringen und doch konnte ich auch nicht zurück nach Hause.

„Du wirkst rastlos, mein Kind“, stellte die alte Frau eines Abends fest. Trotz ihrer trüber werdenden Augen, bemerkte sie eine ganze Menge.

„Ich habe dir nie erzählt, weswegen du mich derart verletzt im Wald gefunden hast“, sagte ich.

„Und willst du es jetzt?“

„Nein“, gestand ich. Ich war dankbar für alles, was sie für mich getan hatte, aber ich konnte einfach nicht darüber sprechen. „Aber ich denke, dass ich dich mit meiner Anwesenheit hier in Gefahr bringe.“

„Denk nicht so viel darüber nach, Kind. Ich bin eine alte Frau, wer sollte mir etwas antun wollen?“

„Der Teufel“, entfleuchte es mir. Ein eisiger Schauer schüttelte mich, da half auch Malefiz‘ Brühe nichts.

Sie war mir gegenüber am Tisch ganz ruhig geworden, musterte mich aufmerksam aus diesen blauen Augen. „Fürchtest du den Teufel? Ist er es, der hinter dir her ist?“

Ich nickte.

„Was macht dich so sicher, dass er dir Böses will?“

Ich schnaubte unfein. „Er ist der Teufel. Was könnte er sonst wollen?“

„Hat er dir das angetan?“, sie nickte in Richtung der Stümpfe.

„In gewisser Weise, ja.“

Ein seltsamer Ausdruck huschte über Malefiz‘ Gesicht. Hielt sie mich womöglich für verrückt? Wer würde das nicht, wenn jemand daherkam und ihm solch eine Geschichte auftischte? Noch dazu, ohne alle Hintergründe zu erläutern. Aber ich konnte diese gutherzige Frau mit dem verteufelten Namen nicht noch ärger in meine Probleme einspinnen.

„Vergiss, was ich gesagt habe. Ich bin nur… müde. Ich lege mich hin“, sagte ich deshalb und ging tatsächlich zu Bett. Doch ich schlief nicht.

Am nächsten Morgen schickte Malefiz mich noch vor dem Frühstück an den Bach, um mich zu waschen und ein bisschen Wasser für die allabendliche Brühe mitzubringen.

Als ich in die Hütte zurückkehrte, sah ich zwei Schüsseln auf dem Tisch stehen. Darin der Haferbrei mit Beerengrütze, den sie morgens warm servierte. Der Duft lag beinahe berauschend in der Luft. Mein Magen knurrte und ich sah mich nach meiner Wohltäterin um, konnte sie aber nirgends entdecken. Ich rief ihren Namen, erhielt jedoch keine Antwort. Da sah ich hinter dem Stuhlbein einen Fuß hervorlugen. Alarmiert stellte ich den Wassereimer ab und lief hinüber.

Da lag sie, seitlich zusammengebrochen mit geschlossenen Augen. Ich verfluchte meine Stümpfe, als ich mich abmühte, Malefiz auf den Rücken zu drehen. Sie wirkte beinahe friedlich, wie sie so dalag, das dünne weiße Haar wie eine Wolke auf dem Boden ausgebreitet. Aber ich sah sofort, dass sich ihre Brust nicht mehr bewegte. Ich legte mein Ohr darauf und horchte. Mein eigenes Herz pochte so laut, dass ich es zunächst gar nicht bemerkte. Doch dann begriff ich: Malefiz war tot.

Ein kleiner Schluchzer entrang sich meiner Kehle. Früher hätte ich eine Hand auf den Mund gepresst. Malefiz war eine alte Frau gewesen, ja. Aber noch vorhin hatte sie so lebendig und agil gewirkt wie immer. Sie jetzt so daliegen zu sehen, brach mir schier das Herz. Ich hatte es nicht erwartet. Vielleicht hätte ich es tun sollen.

Auf der Suche nach einem Tuch, das ich über sie breiten konnte, ehe ich ins Dorf gehen und den Priester holen würde, erhob ich mich. Und dann wurde mir klar, was die ganze Zeit schon an den Rändern meines Unterbewusstseins genagt hatte. Noch einmal beugte ich mich zu Malefiz hinab und schnupperte an ihren Lippen: belladonna.

Oder auch Tollkirsche.

Malefiz hatte mir einiges über diese Pflanze zu berichten gewusst. Manchmal als Heilpflanze zur äußeren Anwendung genutzt, hatte sie doch traurige Berühmtheit als Hauptingredienz der tödlichsten Gifte überhaupt erlangt. Die Blätter allein sorgten bei einem erwachsenen Menschen schon für Vergiftungserscheinungen, was aber weniger bekannt war als die bisweilen tödliche Wirkung der verlockend aussehenden Beere. Die Tollkirsche hieß deshalb so, weil sie tatsächlich Ähnlichkeit mit einer gewöhnlichen Kirsche hatte und darüber hinaus noch süßlich-bitter schmeckte. Ihr Inneres ähnelte dagegen eher einer Tomate. Bei einem ausgewachsenen, durchschnittlichen Mann, genügten ein Dutzend Beeren, um ihn zu vergiften. Erfolgte innerhalb der ersten Stunde keine Behandlung in Form von Erbrechen oder der Einnahme von Kohle, führte die Tollkirsche zum Tod.

Aber Malefiz hatte all das gewusst. Warum hatte sie es nicht gemerkt, als sie von der giftigen Frucht aß? Ich schnupperte an der Beerengrütze, konnte aber keine ungewöhnliche Duftnote feststellen. Unter den anderen Beeren und natürlich auch Kirschen, mochte der beigemischte Geschmack untergegangen… Augenblick. Beigemischt? Malefiz hätte sich niemals selbst vergiftet. Zumal die Tollkirsche nicht eben angenehm mit ihren Opfern umging.

„Guten Morgen, Tochter.“

Beim Klang dieser Stimme zuckte ich zusammen. Ich wandte mich um und da, direkt auf der Türschwelle, stand mein Vater.

Sein Haar wurde an den Schläfen schon grau und wich von seiner Stirn zurück. Er hatte es im Nacken zu einem Zopf gebunden und wirkte so adrett und gepflegt, dass es mir in Malefiz‘ Hütte schon unnatürlich vorkam. Genauso wie seine feine Aufmachung: ein Anzug aus hellgrauem Stoff, polierte Stiefel, ein gestärktes, weißes Hemd. Die Jacke trug er offen, wohl, weil sein Bauch nicht mehr hineinpasste. Aus dem breitschultrigen, schlanken Müller mit den schwieligen Händen war ein weicher Mann geworden.

„Vater?“, fragte ich überrascht.

„Hallo, mein Kind“, sagte er mit warmer Stimme. „Hier warst du also all diese Wochen. Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht.“

Ich lief auf ihn zu und warf mich in seine wartenden Arme. „Ach Vater“, schluchzte ich. „Ihr habt mir so gefehlt, Mutter und du.“

„Jetzt ist ja alles wieder gut“, sagte er und rieb mir beruhigend über den Rücken. „Jetzt bin ich ja da und bringe dich nach Hause.“

Ich machte mich von ihm los. „Erst müssen wir ins Dorf, Vater. Meine Freundin wurde vergiftet und…“ Ich stockte. Aber Vater riss erschrocken die Augen auf.

„Was sagst du da? Vergiftet?“

Ich nickte zögernd. „Mit Tollkirsche.“

„Des Teufels Kraut“, murmelte Vater so leise, dass ich es wahrscheinlich gar nicht hätte hören sollen. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Der Teufel. Er musste hier gewesen sein, während ich gebadet hatte. Er musste… Ja, das würde zum ihm passen, eine alte Frau gemein zu vergiften.

Vater griff nach meiner Hand und… fasste an den Stumpf. Noch ehe ich recht realisiert hatte, was geschehen war, war er auch schon zurückgezuckt und hatte einen angewiderten Blick auf meine Verletzung geworfen. Die Verletzung, die er selbst mir zugefügt hatte. Um seinen Pakt mit dem Teufel einhalten zu können.

Ich wich vor ihm zurück. „Du warst das“, hauchte ich entsetzt.

Er lächelte mitleidig. „Du sprichst in Trauer, meine Tochter. Ich würde niemals jemandem etwas zuleide tun.“

Ich wartete gar nicht länger, wollte seine Lügen nicht mehr hören. Ich wirbelte herum, sprang über Malefiz‘ Leichnam und hechtete zur Hintertür. Vater rief mir nach, doch ich rannte einfach weiter, hetzte durch den Wald wie gejagtes Wild. Und nicht mehr war ich auch tatsächlich.

Ich lief und lief, fiel hin, stand wieder auf und lief weiter, während Tränen mir die Sicht verschleierten. Und ich dankte Malefiz im Stillen, dass sie mich zu Spaziergängen ermuntert hatte. Ich kannte jeden Baum und jedes Blatt an diesem Ort. Und ich wusste, wie ich mich von den Wegen fernhalten musste. Vater würde mir nicht hinterherrennen. Er würde die Kutsche nehmen. Ein dringlicheres Bedenken galt meinem in Mitleidenschaft gezogenen Gleichgewichtssinn, der mich täuschte und andauernd stolpern ließ.

Erst, als meine Beine unter mir zusammenzubrechen drohten und meine Lungen so weh taten, dass sie mich sogar das Pochen in meinen Stümpfen vergessen ließen, wurde ich langsamer. Ich blieb nicht stehen, sondern zwang mich, langsam weiter zu gehen.

Besorgt sah ich auf die Stümpfe. Sie pochten im Takt meines Herzens. Langsam kehrte der Schmerz zurück, aber sie schienen nicht anzuschwellen. Mit etwas Glück würden sie sich vielleicht nicht entzünden. Ich wünschte nur, in meiner Hast nicht Malefiz‘ Kräutervorrat zurückgelassen zu haben. Aber jetzt war es zu spät, umzukehren.

Irgendwann gelangte ich an einen Weg, der mir sicher genug schien, ihm zu folgen. Aber ich blieb dicht am Rand; falls ich Geräusche vernehmen sollte, konnte ich so immer noch schnell hinter einem Baum Deckung suchen. Doch das war gar nicht nötig. Alles blieb ruhig und unbewegt. Bis ich an eine Wegkreuzung mit einer Kapelle kam und auf einen Priester traf.

Die Beichte

Der Priester fummelte an dem kleinen Holzkreuz herum, das an der Außenwand der Kapelle angebracht war. Das Bauwerk war für Reisende gleich am Straßenrand errichtet worden und kaum größer als eine Kutsche. Im Innern prangte das Kreuz mit der kleinen Figur daran, direkt über einer Betbank. Das Nötigste.

Als der Mann mich bemerkte, zuckte er vor Schreck heftig zusammen. Er trug die Soutane mit Kollar und sah aus, als könnte er jeden Moment eine Predigt beginnen. Was ich nicht schlecht gefunden hätte. Es war sechs Wochen her, dass ich zuletzt am Gottesdienst hatte teilnehmen können. Dennoch fürchtete ich mich auch ein bisschen davor. Immerhin war ich mit dem Teufel in Kontakt gekommen. Hieß das jetzt, dass ich auf geheiligtem Boden nicht länger erwünscht war?

Der Mann strich sich das mausbraune Haar aus der Stirn und lächelte. Er schien seinen Schreck überwunden zu haben.

„Guten Tag, Gnädiges Fräulein“, grüßte er, obwohl man mir deutlich ansehen musste, dass ich kein Gnädiges Fräulein war. „Kann ich Euch irgendwie behilflich sein?“

Ich kaute auf meiner Unterlippe und überlegte. Aber er würde es doch sicher wissen, wenn ich unrein sein sollte, oder? „Darf ich bei Euch die Beichte ablegen?“, erkundigte ich mich vorsichtig.

„Aber selbstverständlich, meine Tochter. Kommt, setzt Euch und erzählt mir.“ Er machte Anstalten, sich auf den Stufen vor der Kapelle niederzulassen. Dabei gab er die Sicht auf das Kreuz frei, an dem er eben herumgefuhrwerkt hatte und ich holte entsetzt Luft.

Er erstarrte, folgte meinem Blick und lachte dann. „Ja, nicht wahr. Eine blöde Sache das. Der Nagel scheint herausgefallen zu sein. Jetzt hält es einfach nicht mehr so, wie es soll.“

Das Kreuz hing falsch herum. Auf dem Kopf. Das Zeichen für den Teufel. Und er nannte das eine blöde Sache? Ich zwang mich zur Ruhe, warf einen nervösen Blick über meine Schulter. Unrein oder nicht, Vater rückte womöglich gerade immer näher. Ich sollte von der Straße herunter. Aber ich konnte mich nicht überwinden. Dies war die erste Gelegenheit mit einem Geistlichen über die Vorfälle jenes Tages zu sprechen. Die wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.

„Macht es Euch etwas aus, ein Stück mit mir zu gehen?“, fragte ich deshalb vorsichtig.

„Aber nein. Geht nur voran, ich begleite Euch.“

Eine Weile lang gingen wir schweigend nebeneinander her. Ich sah immer wieder über die Schulter zurück, versuchte, auf Geräusche zu achten, aber der Priester pfiff vergnügt ein Wanderlied.

Also gab ich mir endlich einen Ruck: „Ich bin dem Teufel begegnet.“

„Tatsächlich?“, der Priester sah mich mit gehobener Braue an. Ich nickte. „Nun, da scheint mir Euer Redebedarf nur gerechtfertigt, junge Dame.“

Ich atmete erleichtert auf. Die Gedanken in die richtige Reihenfolge zu bringen dauerte eine Weile, aber dann begann ich zu erzählen: „Mein Name ist Maeva. Mein Vater ist, nein, er war, Müller. Jetzt ist er der reichste Mann in der Region.“

„Wie kommt denn das?“, fragte der Priester erstaunt. „Oder ist das jetzt schon der Part mit dem Teufel?“

Er schien mir recht unbekümmert, aber ich beschloss, mich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Ja“, sagte ich deshalb. „Mein Vater begegnete vor drei Jahren einem alten Mann im Wald. Der versprach ihm Reichtum im Gegenzug für das, was hinter Vaters Mühle stand. Dort steht schon seit Jahrhunderten ein Apfelbaum, müsst Ihr wissen. Und Vater dachte natürlich, der alte Mann meine diesen und willigte freudig in die Abmachung ein. Was er nicht wusste war, dass ich zu jenem Zeitpunkt hinter der Mühle den Hof fegte. Ich war damals sechzehn und ich erinnere mich noch genau daran, wie die ganze baufällige Mühle plötzlich vor Gold und Geschmeide aus allen Nähten zu platzen schien. Als Vater nach Hause kam, war er natürlich bestürzt zu hören, dass es der Teufel war, mit dem er Geschäfte gemacht, dem er mich versprochen hatte. Aber wir hatten schon so lange nichts mehr gegessen und Mutters Kleid war so fadenscheinig, da hat er den Teufel Teufel sein lassen und das ganze Gold behalten. Er ließ die Mühle abreißen und stattdessen ein großes Herrenhaus aus Stein an die Stelle bauen.“

Der Priester pfiff durch die Zähne. „Ganz aus Stein?“, fragte er dann.

Ich nickte. „Ja. Und er stellte Bedienstete ein, damit Mutter nicht mehr kochen musste und er kaufte uns Kleider und Schmuck und Pferde und eine Kutsche. Über alldem vergaß er ganz die Abmachung mit dem Teufel. Und erst als der dritte Jahrestag seines Abkommens heranrückte, erinnerte er sich. Und er bat mich unter Tränen, dem Teufel gegenüberzutreten. Am Jahrestag also wusch ich mir die Hände in unserer kleinen Kapelle, sprach meine Morgenandacht und trat unter den Apfelbaum, um dem Teufel ins Antlitz zu schauen. Er tauchte in der Gestalt eines alten Mannes auf und wollte nach meiner Hand greifen, um mich mit sich in die Hölle zu nehmen, da bemerkte er das Weihwasser an meinen Fingern und sagte, so könne er mich nicht mitnehmen. Er wolle am nächsten Tag wiederkommen und wenn ich mir dann ebenfalls die Hände reingewaschen hätte, dann würde er meinen Vater bestrafen. Und er kam auch tatsächlich wieder. Diesmal stand ich ihm ohne Gottes Schutz gegenüber und ich musste so heftig weinen, dass meine Tränen auf meine Hände fielen und der Teufel sagte, er könne mich wieder nicht mitnehmen und wenn er am nächsten Tag käme, um mich zu holen, und ich meine Hände wieder reingewaschen hätte, dann nähme er Vaters Reichtum wieder zurück. Also brachte mich mein Vater am nächsten Morgen selbst zu dem Apfelbaum und er…“, bisher hatte ich nahtlos gesprochen und war dabei sogar immer schneller geworden, bis die Worte miteinander zu verschmelzen schienen. Doch jetzt stoppte ich. Dies war der schlimmste Moment meines Lebens gewesen und ich hatte nicht einmal mit Malefiz darüber gesprochen, obwohl ich sie doch so lange gekannt hatte. Aber dieser Mann hier war ein Priester des Herrn. Ihm musste ich die Wahrheit sagen, um mich von der Gegenwart des Teufels reinzuwaschen.

„Er nahm ein Beil“, fuhr ich also fort, „und hackte mir beide Hände ab. Und als der Teufel kam, da band meine Mutter mir gerade je einen Gürtel um die Unterarme, um das Blut zu stoppen und Tränen des Schmerzes flossen aus meinen Augen direkt auf die Stümpfe. Ich erinnere mich noch genau daran, wie schrecklich das Salz in den Wunden gebrannt hat. Und als der Teufel das sah, da sagte er, er könne mich auch dieses Mal nicht mitnehmen. Vater sank vor ihm auf die Knie und versprach ihm alles, solange er nur seinen Reichtum behalten dürfe. Sie bemerkten gar nicht, wie ich, geschwächt vom Blutverlust, davonlief, bis hinein in diesen Wald. Und da fand mich dann… eine Freundin.“ Es schien mir falsch, Malefiz‘ frevlerischen Namen gegenüber dem Priester zu erwähnen.

„Und diese Freundin pflegte Euch gesund?“, erkundigte er sich. Er war während meiner Erzählung immer ruhiger geworden, hatte die Hand nachdenklich ans Kinn gelegt und die Stirn gefurcht.

„Ja“, sagte ich. „Doch dann wurde sie vergiftet“, setzte ich dann hinzu, weil mir wieder einfiel, was das eigentliche Problem war. „Und sie starb und jetzt liegt sie da in ihrer Hütte und ich konnte sie nicht begraben. Bitte, Vater, Ihr müsst sie holen und auf geheiligtem Boden beisetzen lassen. Versprecht Ihr mir das?“

Der Priester nickte. „Selbstverständlich. Ich werde sogleich alles in die Wege leiten, wenn ich im Dorf ankomme. Aber was ist mit dir, mein Kind?“

„Mit mir?“, fragte ich verwundert.

„Nun, du hast mir all dein Leid geklagt, doch zu welchem Zwecke?“

Ich spürte, wie ich rot wurde. Früher hätten meine Hände jetzt mit dem Rock meines Kleides gespielt. So jedoch starrte ich einfach nur verlegen auf meine Fußspitzen. „Ich frage mich… ich dachte nur…“

„Sprich“, ermunterte er mich.

„Ich dachte, vielleicht könnt Ihr mir sagen, was ich tun kann, um mich von der Gegenwart des Teufels reinzuwaschen.“

„Da fragt Ihr wahrlich den Falschen, mein Fräulein“, sagte er.

Überrascht zog ich die Brauen hoch. „Aber wenn Ihr es nicht wisst, wer dann?“

Er lächelte mich von der Seite her an. „Ihr selbst seid es, die Ihr fragen müsst. Ihr kennt die Antwort bereits. Sie wohnt in Eurem Herzen.“

„Wie Gott, meint Ihr? Hat er mir die Antwort schon eingegeben?“ Ich machte große Augen.

Das Auge des Priesters zuckte leicht, als er wieder zustimmend lächelte. „Vielleicht entdeckst du in deinem Innern ja auch noch andere Wahrheiten.“

„Welche zum Beispiel?“, erkundigte ich mich interessiert. Vater und meine Flucht waren mit einem Mal vollkommen vergessen.

„Zum Beispiel, was uns zu dem macht, was wir sind, wer wir sind.“

„Sprecht Ihr von meinen Eltern?“

Er nickte beifällig. „Von ihnen und auch vom Teufel selbst. Vielleicht sind sie alle nur Spielbälle in den Händen Größerer.“

Ich schnaubte. „Verzeiht, Vater, aber das wage ich doch stark zu bezweifeln. Der Teufel lässt nicht mit sich spielen. Er spielt bloß mit anderen, Schwächeren. Er nutzt sie aus und verdammt sie zu einem Höllendasein. Er ist böse, nichts weiter. Und gerade ein Kirchenmann wie Ihr es seid, sollte das doch wohl so sehen, oder etwa nicht?“

„Natürlich“, lenkte er ein. „Dennoch möchte ich Euch dazu anhalten, über die Dinge nachzudenken, die Ihr als gegeben voraussetzt. Das ist alles, meine Teure.“ Er blieb plötzlich stehen. „Hier trennen sich unsere Wege, mein Fräulein. Ich hoffe, ich konnte Euch helfen und wünsche Euch noch eine gute Reise, wohin auch immer Euer Weg Euch führt.“

„Ich danke Euch, Vater“, erwiderte ich, doch da hatte er sich bereits abgewandt und ging davon. „Komischer Kerl“, murmelte ich. Dann machte ich mich daran, den Weg zu verlassen, ehe mein Verfolger mich doch noch fand.

Es war bereits Mittag; mein Gespräch mit dem Priester hatte über eine Stunde gedauert und ich wusste, ich sollte mich langsam auf die Suche nach einem Versteck für die Nacht und vielleicht nach ein paar Beeren oder Ähnlichem machen, die ich einfach mit dem Mund vom Strauch pflücken konnte.

Meine Schritte trugen mich immer tiefer hinein in den Wald, sodass es schon am späten Nachmittag dämmerig wurde. Einen Himbeerstrauch hatte ich entdeckt, an einem kleinen Bachlauf meinen Durst gestillt und einige Blätter gefunden, die ich kauen konnte, um die zunehmenden Schmerzen in meinen Stümpfen zu besänftigen.

Mittlerweile befand ich mich längst in einem Gebiet, das ich nicht mehr kannte und ich versuchte verzweifelt, mich am Stand der Sonne zu orientieren. Am Ende des Tages gelangte ich an denselben Bachlauf, an dem ich zuvor schon getrunken hatte. Ich war offensichtlich im Kreis gelaufen.

Müde und enttäuscht von mir selbst ließ ich mich auf einem größeren Stein nieder und streifte die einfachen Halbschuhe ab, um meine Füße ins Wasser zu stecken. Da hörte ich ein Knarzen in meinem Rücken. Blitzschnell drehte ich mich um, wobei ich fast von meinem Stein gefallen wäre.

Hinter mir stand ein Mann Anfang dreißig mit hellbraunem Haar und grünen Augen, der einen Bogen gespannt hatte und mit dem eingelegten Pfeil direkt auf mich zielte. Als er mein Gesicht sah, senkte er die Waffe sogleich.

„Verdammt, Mädchen, was suchst du denn hier ganz allein im Wald?“, fragte er und kam näher.

Ich schoss von dem Stein hoch und wich zurück, wobei ich tiefer in den Bach vordrang. Meine Schuhe lagen am Ufer, unerreichbar für mich.

Der Mann musste meinen Blick bemerkt haben, denn er hob in einer beruhigenden Geste die Hände und sagte: „Ich tue dir nichts, versprochen. Nimm wenigstens deine Schuhe mit, wenn du vor mir Reißaus nehmen…“ Seine Worte erstarben. Dann fluchte er derbe. Er war meiner Armstümpfe ansichtig geworden. „In Ordnung, Kleine. Ich schwöre feierlich, ich werde dir nichts tun. Komm zurück. Du brauchst offensichtlich Hilfe. Du siehst hungrig aus. Ich lade dich an mein Feuer ein und fange dir einen Hasen. Na, wie hört sich das an?“

Wie zur Antwort knurrte mein Magen.

Der Mann grinste und streckte mir die Hand entgegen, um mich am Unterarm zu packen und die Böschung wieder hinaufzuziehen. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als er mich berührte. So als würde ihn meine Missbildung überhaupt nicht stören. „Dann zieh dich mal wieder an und komm, wir wollen nicht so nah am Wasser bleiben, da wimmelt es vor Mücken.“

Er entfernte sich ein Stück, damit ich in Ruhe meine Schuhe anziehen konnte. Er selbst trug eine Art Jäger-Kluft: braune Wildlederstiefel mit einer braunen Hose, einem grünen Wildlederwams über einem ungefärbten Leinenhemd und dazu ein Ledergeschirr mit einem Köcher und bestimmt zwei Dutzend Pfeilen darin. Über der Schulter lag außerdem sein Bogen. Und an seiner Hüfte hing ein Dolch.

„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben“, versicherte er mir noch einmal. Dabei erhellte ein breites Grinsen sein Gesicht, das die grünen Augen noch mehr strahlen ließ. Er hatte bronzene, von der Sonne gebräunte Haut, einen weiten Mund und eine schmale, leicht schiefe Nase. Die Augen wurden von hellbraunen Wimpern eingerahmt und von dichten Brauen beschattet. Er sah im allgemeinen Sinne gut aus. Aber in der Hauptsache verströmte er eine warme, sonnige Freundlichkeit, die mich ihn gleich ins Herz schließen ließ.

„Ich heiße übrigens Beel.“

Der Jäger

Das Kaninchenfleisch fiel fast vom Knochen, wenn man es nur ansah, so zart war es gebraten.

Beel schnitt einige mundgerechte Stücke ab und spießte sie auf einen schmalen Zweig, den ich zwischen meinen Stümpfen halten konnte. Fett, Salz und Kräuter liefen mein Kinn hinab, als ich herzhaft zulangte. Der Jäger beobachtete mich über das Feuer hinweg. Er schien zufrieden mit sich.

„Was macht ein Mädchen wie du hier draußen im Wald?“, fragte er, als das Kaninchen verputzt und unsere Mägen gefüllt waren.

Der erfahrene Jäger hatte uns einen Lagerplatz auf einer erhöhten Stelle im Wald gesucht, wo uns die Mücken nicht finden konnten. Ohne Zögern hatte er mir seine Bettrolle überlassen und so ausgelegt, dass ich mich, erschöpft wie ich war, nur noch darauf niederlassen musste. Seine Nähe, so ungewohnt sie auch war, war mir nicht unangenehm. Er hatte eine ganz besondere Ausstrahlung.

Schon in den ersten Minuten, als er vor mir her durch den Wald spaziert war, den Bogen über der Schulter, war mir sein sonniges Gemüt aufgefallen, die Leichtigkeit, mit der er plauderte und lachte. Und doch war er auch wachsam. Während er Holz für das Feuer zusammengesucht hatte und später beim Errichten des Lagers, hatte er immer wieder aufmerksam die Umgebung gemustert. Kein Knacken, kein Knistern war ihm entgangen. Ob er auf Gefahren oder Beute lauerte, konnte ich aber nicht mit Sicherheit bestimmen. Jedenfalls schien es ihn nur wenig Mühe gekostet zu haben, das dicke Kaninchen zu schießen. Er war nur wenige Minuten fort gewesen, in denen ich am Feuer gesessen und mich gefragt hatte, ob ich ihm wirklich trauen konnte.

Doch jetzt, müde und satt, stellte ich mir diese Frage längst nicht mehr. „Ich bin von Zuhause weggerannt“, sagte ich. „Mein Vater er hat… Er hat das hier getan“, gestand ich und zeigte ihm meine Stümpfe.

Beel fluchte, dass mir das Blut in die Wangen schoss. „Dieser Bastard. Was für ein Mann tut seiner eigenen Tochter denn sowas an?“

„Ein Mann, der verzweifelt ist.“ Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Zum zweiten Mal an diesem Tag durchlebte ich meine Erinnerungen aufs Neue. Aber schon jetzt fühlte es sich nicht mehr so schlimm an. Als würde das Aussprechen helfen, den Schrecken zu vertreiben. Vielleicht war es aber auch nur der ruhige Ernst, mit dem der sonst so fröhliche Mann mir lauschte. Er verurteilte mich nicht, stellte meine Handlungen nicht in Frage. Er akzeptierte sie einfach. Er nahm mich, wie ich war.

Als ich geendet hatte, die Wangen nass von meinen Tränen um Malefiz, musterte er mich eine Weile lang schweigend. Dann beugte er sich vor, um ein weiteres Stück Holz aufs Feuer zu legen.

„Möchtest du mich ein Stück auf meinem Weg begleiten?“, fragte er beiläufig.

„Wäre das nicht furchtbar umständlich für dich?“, fragte ich schüchtern.

Er winkte ab. Das altbekannte breite Grinsen erhellte sein Gesicht. „Unsinn. Du isst wie ein Spatz und es ist schön, mal jemanden zu haben, der meinem Gelaber zuhört. Außerdem glaube ich, dass wir beide viel voneinander lernen können. Diese Kräutermischung, die du mich über das Fleisch hast gießen lassen? Fantastisch. So gut habe ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gegessen.“ Er zwinkerte und ich ließ mich von seiner Stimmung anstecken.

„Also gut“, sagte ich. „Dann würde ich wirklich sehr gern mit dir gehen. Wohin führt dich denn dein Weg?“

Er zuckte die Achseln. „Wohin der Wind mich trägt.“

„Hast du denn kein Zuhause? Keine Familie?“

Beel breitete die Arme aus. „Sieh dich um. Dies ist mein Zuhause. Und die Tiere sind meine Familie. Mehr braucht kein Mensch.“ Tatsächlich sah er mehr als zufrieden aus. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, mein Leben lang bei ihm zu bleiben, mit ihm durch die Wälder zu streifen und Orte zu sehen, an denen ich noch nie gewesen war. Und es gefiel mir.

Zufrieden und satt schlummerte ich ein.

Mit Beel an meiner Seite machte das Leben spaß.

Besser kann man die folgenden Tage und Wochen eigentlich gar nicht beschreiben. Seine natürliche Fröhlichkeit und die Leichtigkeit, mit der er alles nahm, was da kommen möge, waren ansteckend.

Bald erzählten wir einander Anekdoten aus unserer Kindheit und krümmten uns vor Lachen. Ich lernte über ein Dutzend schmutziger Witze von ihm, die mir die Hitze in die Wangen trieben, in den Wirtshäusern und Schenken, in denen wir bisweilen abstiegen, aber immer gut ankamen und zu der einen oder anderen Runde Freibier führten.

Beel hatte auch einen Weg gefunden, wie ich mich in der Gesellschaft Fremder nicht länger unwohl fühlte. Er hatte einer Schankmagd ein Paar Handschuhe abgekauft und diese mit Moos ausgestopft. Mit einer dünnen Lederschnur befestigte er dieses Konstrukt an meinen Stümpfen, wenn wir unter Leute gingen.

So erntete ich weder mitleidige, noch angewiderte Blicke und traute mich manchmal sogar, mich ins Gespräch einzubringen. In diesen Momenten leuchteten Beels waldgrüne Augen immer besonders hell auf und seine Zufriedenheit war beinahe mit Händen greifbar.

Er gab mir aber noch weit mehr als das. Tagsüber lehrte er mich die Namen der Bäume und Pflanzen im Wald. Er zeigte mir, woran man einen Wildwechsel erkannte und bestimmte, wann zuletzt ein Tier vorbeigekommen war.