Leute wie wir

Über Diana Evans

Foto: © Charlie Hopkinson

Diana Evans, geboren 1973 in London, hat als Tänzerin, Journalistin und Magazinredakteurin gearbeitet. Für ihren Debütroman erhielt sie den Orange Award for New Writers. Leute wie wir war ein großer Kritikererfolg in Großbritannien, wurde für den Women’s Prize for Fiction nominiert und mit dem South Bank Sky Award ausgezeichnet. Der Roman war Buch des Jahres im New Yorker, in der Financial Times und im New Statesman. Diana Evans lebt mit ihrer Familie in London.

 

 

Die Übersetzerin

Mayela Gerhardt, geboren in Mexiko, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf, Moderne Englische Literatur in London und Journalistisches Übersetzen in Sevilla. Sie hat u.a. Gary Shteyngart, Pilar Quintana und Kat Gordon ins Deutsche übertragen. Sie lebt und arbeitet in Barcelona.

In ungezählten Tagen.

Einst war ich stolz, nun wünschte ich

Man würde es zerschlagen.

 

Doch seine Pracht ist eine Last

Kein Nachbar wirft den Stein

Aus Mietshaus oder Glaspalast

In dem er weilt, allein.

 

Edward Thomas

M & M

Anlässlich Obamas Wahl zum Präsidenten veranstalteten die Brüder Wiley eine Party in ihrem Haus im Londoner Stadtteil Crystal Palace, um seinen Sieg zu feiern. Sie wohnten in der Nähe des gleichnamigen Parks, in dem ein Sendemast in den Himmel ragt wie eine kleinere Version des Eiffelturms, streng und stählern bei Tag, rot und leuchtend bei Nacht; er blickt auf die umliegenden Stadtbezirke und die Landkreise dahinter und beherbergt zu seinen Füßen die Überbleibsel des ehemaligen Kristallpalastes in der grünen Landschaft: den See, den Irrgarten, die ramponierten griechischen Statuen, die erodierten Steinlöwen und die nach dem einstigen Wissenschaftsstand rekonstruierten Dinosaurier.

Ursprünglich stammten die Wileys von der Nordseite des Flusses, doch der Süden hatte sie mit seiner kreativen Energie und dem Charme der Armut gelockt (sie waren sich ihrer Privilegien wohlbewusst und wollten sich als spirituell darüber erhaben darstellen). Bruce, der ältere der Brüder, war ein erfolgreicher Fotograf, sein Studio auf der Rückseite des Hauses ein Labyrinth aus Licht und Dunkelheit. Sein jüngerer Bruder, Gabriele, war Ökonom. Sie waren in jeder Hinsicht das komplette Gegenteil: Bruce war kräftig, Gabriele dünn, Bruce trank, Gabriele nicht, Bruce besaß keinen einzigen Anzug, Gabriele trug nichts anderes – doch Partys

Als Nächstes organisierten sie die drei wesentlichen Zutaten: Getränke, Speisen und Musik. Die Party war für den Samstag unmittelbar nach der Wahl angesetzt, also blieb ihnen nicht viel Zeit. Sie kauften Champagner, Macadamianüsse, Chickenwings und mit Paprikapaste gefüllte Oliven, während sie immer wieder die Highlights ihrer schlaflosen Dienstagnacht Revue passieren ließen, in der sie Zeuge geworden waren, wie die blauen Staaten die roten geschluckt hatten, wie Jesse Jackson im Grant Park die Tränen übers Gesicht gelaufen waren und wie die vier Obamas hinter einer schusssicheren Glaswand siegreich die Bühne betreten hatten. Und dann dieses Wetter am nachfolgenden Tag, so klar und blau, und das im November, und die Leute – Fremde – blickten sich offen an, lächelten und grüßten einander, in London! Als sie ihre Playlist für den DJ zusammenstellten, malten sie sich aus, wie die Klänge von Jill Scott, Al Green und Jay-Z aus dem Weißen Haus heraushallten. Zur Schalldämmung und zum Schutz der Möbel schoben sie im Wohnzimmer Spanplatten vor die Bücherregale aus Metall und bedeckten das Nussbaumparkett mit ausrangierten Teppichen. Das Chris-Ofili-Gemälde

Dann trafen die Gäste ein. Sie strömten von überall herbei, aus den Ortschaften jenseits der Themse und den Wohnblocks an der A205, aus den Außenbezirken und den umliegenden Straßen. Sie trugen Kunstfellmäntel zu Skinny Jeans, Glitzersandalen und auffällige Hemden vom Oxford Circus. Auch sie waren am Dienstagabend lange wach geblieben, um zu sehen, wie Blau Rot schluckte und wie die Obama-Töchter in ihren kurzen, maßgeschneiderten Kleidern und festlichen Schuhen die Bühne betraten, und ihr Anblick hatte bei vielen Zuschauern die Erinnerung an die vier kleinen Mädchen wachgerufen, die fünfundvierzig Jahre zuvor in einer Kirche in Alabama bei einem vom Ku-Klux-Klan verübten Bombenanschlag ums Leben gekommen waren. Vielleicht war das der Auslöser für Jesse Jacksons Tränen gewesen: dass Obamas Töchter in die brennenden Fußstapfen jener Mädchen traten – und es war unmöglich, diesen Fortschritt in der Geschichte mitzuerleben, ohne zugleich die alten, entsetzlichen Bilder vor Augen zu haben, weshalb die Feier zugleich eine große Wehklage war. In jener Nacht fanden in ganz London Partys statt, in Dalston, Kilburn, Brixton und Bow. Der Verkehr rauschte in beiden Richtungen über die Themse hinweg, und von oben betrachtet erschien der Fluss wie von schnellen Lichtstreifen durchzogene Schwärze. Afros wurden mit Gloss zum Glänzen gebracht und Kinnbärte getrimmt. Wolken aus Parfum und Haarspray hingen verloren unter den Zimmerdecken, als nach und nach die Gäste eintrafen, ihre Autos im Schatten des Sendeturms parkten, ihre Oyster Card vor die Ticket-Schranken der Haltestelle Crystal Palace hielten und, beladen

Ein Paar, Melissa und Michael, kam in einem roten Toyota Saloon vorgefahren. Sie kannten die Brüder aus dem Medienumfeld, Michael hatte Bruce beim Studium an der SOAS kennengelernt. Michael war groß und kräftig, hatte ein schmales, stoppliges Kinn und schöne Augen, sein von Natur aus dickes und glänzendes Haar, das er irgendeinem fernen indischen Vorfahren verdankte, war so knapp über dem Schädel geschoren, dass es fast verschwand. Er trug eine weite schwarze Jeans, ein elegantes graues Hemd und hippe Sneaker, deren weiße Sohlen beim federnden Gang immer wieder aufblitzten und verschwanden, dazu eine kastanienbraune Lederjacke. Melissa trug ein malvenfarbenes Seidenkleid mit schwingendem Boho-Saum, limettengrüne Riemchensandalen mit Keilabsatz und einen schwarzen Cordmantel mit Umschlagkragen. Sie hatte ihren Afro vorn zu schräg verlaufenden Cornrows geflochten, das übrige Haar trug sie offen, hatte es aber mit etwas S-Curl-Gel gebändigt. Ihre Frisur umrahmte ein kindlich anmutendes Gesicht mit einer hohen Stirn und Augen, die verschmitzt-verletzlich in die Welt blickten. Zusammen boten sie ein Bild vertrauter, vergänglicher Schönheit – sie waren ein Paar, nach dem sich die Köpfe umwandten, doch aus der Nähe betrachtet offenbarten ihre Gesichter Schatten, stumpfe, unebenmäßige Zähne und die ersten Falten. Sie

Jetzt mischten sie sich ins Wiley-Getümmel, wo Gabrieles schwangere Verlobte Helen ihnen die Mäntel abnahm, die von zwei jugendlichen Neffen in Hosen mit Bügelfalten in ein Zimmer im Obergeschoss weiterbefördert wurden. Die Obamas hatten das Handabklatschen salonfähig gemacht, und die Stimmung war entsprechend klatschfreudig. Schultern wurden geklopft, Wangen getätschelt und küsst, immer wieder wurde über den Dienstagabend gesprochen und über die Tage, die seitdem vergangen waren, wie anders die Welt jetzt war und dabei genau wie vorher. Währenddessen wummerte die Musik laut von der Tanzfläche herüber: »Love Like This« von Faith Evans, »Breathe and Stop« von Q-Tip. Der Erfolg einer Party lässt sich häufig an der Wirkung von Kris Kross’ »Jump« auf die Gäste ablesen – ob und wie lange sie während des Refrains mithüpfen. Auf dieser Party wurde alles gegeben, der DJ ermutigte die Leute zum Hüpfen, wenn im Song »jump« gerufen wurde, oder ihr Feuerzeug zu schwenken, wenn ein anderes Stück dazu aufforderte, und dazwischen rief er immer wieder »Obama!«, manchmal zum Takt der Musik. Daraus entwickelte sich ein Rede-und-Antwort-Spiel, die Menge wiederholte den Namen, sobald sie ihn hörte, und falls dem DJ danach war, wiederholte er ihn nochmals oder rief »Barack!«, woraufhin ihm von der Tanzfläche die entsprechende Antwort entgegenschallte. Bei alldem war eine subtile Stimmung der Ernüchterung spürbar, ein Kontrast zwischen dem glanzvollen Augenblick und den Problemen der Realität, denn dort draußen gab es junge Männer, die anderswo Obamas hätten sein können, sich hier aber

Die Hitze staute sich, während die Nacht voranschritt. Körper lehnten sich hilflos überhitzt aneinander, und das Einzige, was zu existieren schien, war die wogende Dunkelheit, die Musik. Ein Stück begann mit Mariah Careys Lachen und einer Diskussion mit Jay-Z darüber, an welcher Stelle eingesetzt werden sollte, ein anderes mit einem Gespräch zwischen Amy Winehouse und Mark Ronson, in dem sie sich für ihr Zuspätkommen entschuldigt. Dann folgte Michael Jackson, die schrillen Riffs in »Thriller«, seine honigsüßen Klänge in »P.Y.T.«, und an diesem Punkt ging der Tanz in einen synchronen Twostepp über, bei dem dreimal die Richtung gewechselt wurde, bevor man durch Anheben des linken Fußes zur Ursprungsposition zurückkehrte. Das war der Höhepunkt des Abends. Schließlich schaltete die Musik einen Gang herunter, wurde langsamer, die Menge dünnte sich aus, ermöglichte raumgreifenderes Tanzen oder versunkenes Wiegen zu inneren Rhythmen am Rand der Tanzfläche. Die Neffen liefen wieder die Treppen hinauf und hinunter und trugen die Mäntel in die andere Richtung. In einem langen nächtlichen Exodus kehrten die Leute in die Stadt zurück, die Stimme heiser gebrüllt, die Haut nass geschwitzt, die Ohren vom Bass betäubt. Nachdem sich das Haus geleert hätte, würde Bruce, wie gewöhnlich, mit dem Trinken fortfahren, bis er bei Morgengrauen das Bedürfnis verspürte, sich augenblicklich hinzulegen, und auf dem Küchenboden einschlief oder auf dem Sofa unter dem Ofili, und falls Gabriele frühmorgens die Treppe herunterkam, um ein Glas Wasser für Helen zu holen, schob er ihm ein Kissen unter den Kopf, deckte ihn zu, versetzte ihm einen kleinen Tritt und freute sich schon darauf, die Highlights ihrer Party mit ihm durchzugehen und zu überlegen, wer definitiv weiterhin auf ihrer Gästeliste stehen würde.

 

In demselben Auto hatten sie dieses Jahr im Frühling,

Rund einhundertsechsundfünfzig Jahre zuvor war, nicht in einem Auto, sondern mit einer Vielzahl von Pferdekutschen,

Michael hegte die Hoffnung, dass die heutige Nacht ähnlich verlaufen würde wie eine ihrer Nächte vor rund dreizehn Jahren, während ihrer ersten gemeinsamen Monate, nachdem sie von anderen Partys heimgekehrt waren und ungeachtet des neu anbrechenden Tages und des Bedürfnisses nach Schlaf in der sanften Stille der Bettlaken ihre eigene Musik erklingen ließen, während sich draußen der Frühnebel verflüchtigte, die Sonne aufging und die Vögel zwitscherten. Sie würden das leere Haus betreten. Sie würden sich die Mäntel und Schuhe abstreifen, vielleicht noch ein wenig plaudern, dann würden

An jenem Frühlingstag waren sie mit all ihren Habseligkeiten und dem tretenden Baby im Bauch dort entlanggefahren, während ein Blütenblatt der Friedenslilie Michaels Nase neckte. Am Hochzeitsladen vorbei, über den Kreisverkehr, die Station Approach entlang, zwischen einer Ansammlung weiterer Geschäfte hindurch, wo sie der Verkehr ständig zum Anhalten zwang. Auf der Hauptstraße gab es sechs Friseurläden, fünf Hähnchengrills, vier Ramschläden, fünf Wohltätigkeitsläden, drei indische Take-aways, zwei Pfandleiher, einen Tätowierer, einen nigerianischen Copyshop und ein paar schmuddelige Imbissbuden. Starbucks und Caffè Nero hatten hier noch nicht Einzug gehalten, und es würde vermutlich auch nie dazu kommen, obwohl ein Hauch von Aufbruchsstimmung in der Luft lag. So hatte eines der indischen Take-aways

THE TAJ

NEW YORK LONDON DELHI

auf seine verblichene Stoffmarkise gepinselt, in dem Bestreben, dank der Existenz jener fernen Niederlassungen in anderen Metropolen die Leute herbeizulocken, zu ihrem burgunderroten Tikka Masala und aufgewärmten Korma. Nahe dem Ende der Hauptstraße gab es eine Bibliothek, die immer noch an der veralteten Tradition festhielt, mittwochs Ruhetag zu machen, und nicht akzeptieren wollte, dass die Wörter ihren Schlaf zur Wochenmitte aufgegeben hatten. Daneben befand sich ein sirenenumdröhnter Kinderspielplatz

Das Glas wurde neu gekauft und traf in strohgepolsterten Holzkisten am neuen Standort ein. Dreihunderttausend Glasscheiben. Eine zweihundert Hektar große Fläche. Der Palast sollte dreimal so groß werden wie sein ursprüngliches Selbst. Das Gelände war im Osten abschüssig, daher wurde ein Sockelgeschoss hinzugefügt. Das zentrale Querschiff wurde erweitert und bedurfte zweier neuer Flügel, um die Stabilität zu gewährleisten. Es gab mehrere Ausstellungssäle, den byzantinischen, den ägyptischen, den Saal der Alhambra und den Renaissance-Saal. Das Felsengrab von Beni Hassan wurde im ägyptischen Saal aufgebaut. Die Löwenstatuen wurden im Saal der Alhambra angeordnet. Nach neunzigtägiger Überfahrt nahmen der Samt, der walisische Goldschmuck, die Fesseln und der Rhabarber-Sekt allesamt ihren Platz ein. In den Volieren flatterten Vögel, in den Gewächshäusern blühten Lilien. Die Dinosaurier-Skulpturen wurden auf den Grünflächen oberhalb des Sees platziert. Als alles fertig war, fegte man die breite Eingangstreppe, schaltete die Springbrunnen

Am Ende der Hauptstraße, ein paar Häuserblocks hinter der Bibliothek, bog Melissa links ab und parkte auf halber Höhe der Paradise Row auf der rechten Seite.

 

Das Haus war das dreizehnte in einer Reihe fast identischer Geschwister; die Häuser waren durchgehend nummeriert, gerade und ungerade Nummern nebeneinander. Es war ein schmales, weißes viktorianisches Haus mit einer schmächtigen Eingangstür und Doppelfenstern. Drinnen gab es oberhalb der engen Treppe ein Dachfenster, durch das in klaren Nächten ferne Sterne funkelten. Die Zimmer waren hell, aber klein und wirkten ein wenig schief. Ein sehr kurzer Weg führte zur Haustür. Der Flur war nicht breit genug, um zu zweit nebeneinanderher zu gehen.

Das Haus hatte zuvor einem mittlerweile geschiedenen Ehepaar mit einer kleinen Tochter gehört und war im Laufe der Jahre mehrfach renoviert und umgebaut worden, was zu einer eigenartigen Gebäudestruktur geführt hatte, besonders was die Türen betraf. Jemand hatte das Badezimmer ins Untergeschoss verlegt und hinter der Küche einen Anbau errichtet, über dem ein drittes Zimmer hinzugefügt werden konnte. Jemand anders hatte befunden, dass das vom Esszimmer getrennte Wohnzimmer einsam und eng sei, und – dem Trend zu durchgehenden Wohnflächen folgend – die Trennwand entfernt und nur einen breiten, sakralen Bogen unter der Zimmerdecke stehen lassen. Alan wiederum, der Exmann von Voreigentümerin Brigitte (bevor er ihr Exmann wurde), war zu dem Entschluss gekommen, dass eine Doppeltür so viel hübscher wäre als die kaputte Falttür, die er

»Lily«, sagte Brigitte zornig, »du solltest doch im Bett bleiben!«

»Ich bin aber nicht müde«, erwiderte das Mädchen.

»Jetzt mach schon, geh wieder in dein Zimmer. Ich komme gleich zu dir.«

Doch Lily rührte sich nicht vom Fleck. Brigitte schien sich daran zu erinnern, dass Melissa neben ihr stand, und wandte sich um. »Verzeihung … meine Tochter. Es geht ihr nicht so gut.«

»Nicht so gut«, sagte Lily im exakt gleichen Tonfall. Sie begann die Treppe hinunterzusteigen. Sie humpelte, und ihr Gesicht überzog ein leicht durchtriebenes, fast boshaftes Lächeln. Brigitte wich vor ihr zurück. Als Lily die fünfte Treppenstufe von oben erreicht hatte, setzte sie sich hin und fragte Melissa: »Bist du die Frau, die endlich das Haus kauft?«

Also entluden sie vier Monate später ihren Saloon, und auf dem neuen Fußboden des durchgehenden Wohn- und Essbereichs türmte sich ein wirrer Haufen aus allerlei Sachen. Das alte Laminat war durch einen buttrig glänzenden, lackierten Eichenholzboden ersetzt worden, gemasert von den dunklen Flecken aus dem Innern seiner Bäume. Die Wände waren aufs gründlichste mit Natron gereinigt worden, um die Spuren von Brigittes Katze zu entfernen. Weitere Katzen-Giftstoffe waren mit dem blauen Teppich auf den Stufen und Treppenabsätzen entfernt worden, den sie durch einen Teppich in einem warmen Paprikarot ersetzt hatten, passend zum Farbton der Fliesen in der Küche und im Badezimmer. Rias Zimmer, ihr Reich, in dem vorher Lily geschlafen hatte, wurde gelb gestrichen. In diesem Zimmer würde irgendwann

Melissa entstammte einer Familie von Frauen, die der Geburt eines Kindes mit warmem, wohlwollendem Gleichmut und natürlicher Stärke entgegentraten. Ihre Mutter hatte drei Mädchen und einen totgeborenen Jungen zur Welt gebracht, in den schreienden Zeiten vor dem inflationären Einsatz der PDA. Ihre Schwestern Carol und Adel hatten alles mit schlichten Schmerzmitteln durchgestanden, waren nicht gewillt gewesen, den Geburtskanal ihrer Babys mit unnötigen Medikamenten zu verschmutzen. Sie waren Erdenmütter. Das Kind war der Steuermann, der Körper das Schiff, der

Als sie am nächsten Morgen in dem kastenförmigen Hof stand, nach einem weiteren Phantomkrallen, rief sie sich alles in Erinnerung, was ihr die Erdenmütter geraten hatten, was auf ihrer VBAC-Hypnose-CD gesagt worden war, im Geburtsvorbereitungskurs, in dem Schwangerschaftsyoga-Buch, das Carol ihr geschenkt hatte, und ließ zu, dass die Empfindungen – nein, nicht Schmerzen, es waren Empfindungen – sie sanft geleiteten, zum Horrorhaus, das die Hypnose-CD ihr vergeblich als gütiges und entspanntes Meeresufer zu verkaufen versucht hatte, als einen netten … sanften Spaziergang … an der ruhigen … Küste entlang. Sie wiegte sich, summte und atmete angesichts der Schwere der ihr bevorstehenden

»Erinnere mich daran, nicht zu dir ins Auto zu steigen, wenn ich das nächste Mal in den Wehen liege!« Wie ein Betrunkener bretterte er über die Bremsschwellen. Er war hypernervös und hasste Autofahren, selbst wenn er nicht nervös war. Melissa lehnte sich auf dem Beifahrersitz weit zurück, während eine weitere Wehe durch sie hindurchfuhr. Sie klammerte sich am Fensterrahmen fest, sanfte Sommerluft rauschte vorbei, das nachmittägliche Sirenengeheul im Süden, weitab davon die fernen Türme. Sie parkten auf einer Seitenstraße in Camberwell, weil der Krankenhausparkplatz voll war, und sie watete, watschelte, von Michael gestützt, in das drohende Gebäude mit den Spiegelfenstern und Schiebetüren hinein, wo eine indische Ärztin mit traurigen Augen ihnen mitteilte, es sei an der Zeit, sich zum Entbindungszimmer zu begeben. Sie schickte sie per Aufzug in den dritten Stock, wo sie neben zwei anderen naturgewaltigen Frauen im Wartebereich Platz nahmen. Seltsam, dass Wartezimmer auch in einem solchen Moment nur Wartezimmer sind, ein Verkaufsautomat, Zeitschriften, Poster zum Thema häusliche Gewalt und Stillen, und dass Frauen unter derart extremen Umständen gemeinsam warten, in einem gewöhnlichen

»Ich will nach Hause«, sagte Melissa zu Michael.

»Melissa Pitt?«, rief eine Stimme.

Eine Frau mit blauer Stoffhaube und weißem Overall kam aus dem Flur, der zur Entbindungsstation führte. Sie schien einem Albtraum entstiegen zu sein – weiße Haare flatterten unter ihrer Haube hervor, das Gesicht rosarot und müde, ein Auge höher als das andere und ein harter Gang, ein gleichgültiges Stampfen, als hätte sie in ihren vielen Jahren als Hebamme jegliches Mitgefühl aufgebraucht und als verrichtete sie ihre Arbeit nur noch routinemäßig. »Kommen Sie mit durch«, sagte sie. Michael wurde angewiesen, im Wartezimmer zu bleiben, als hätte er mit alldem nichts zu tun, während Melissa widerstrebend mit der weißhaarigen Hexe mitging, die neben ihr über den Flur auf eine Station zustampfte und sie dort absetzte – hinter einem hellblauen Vorhang neben einer Liege, einem Aluminiumwaschbecken und einer Maschine mit vielen Kabeln. »Es kommt gleich jemand zu Ihnen«, sagte sie und verschwand.

»Gleich« waren fünf Minuten, dann zehn Minuten. Währenddessen wurden die Empfindungen stärker. Draußen auf dem Flur plauderten zwei übertrieben entspannte Frauen miteinander. »Kommt denn bald jemand?«, fragte Melissa sie. »Kommt jemand? Man hat mir gesagt, es würde gleich jemand kommen, aber bisher ist niemand aufgetaucht. Ich liege in den Wehen!«

Die beiden Verwaltungsangestellten der Entbindungsstation des nationalen Gesundheitsdienstes NHS waren derartiges Gemecker und Launenhaftigkeit gewohnt. Zu zweit versuchten sie herauszufinden, wer die Person war, die kommen sollte. Sie waren gelangweilte, miserabel bezahlte Frauen. Zähneknirschend führten sie die lang bestehende Verbindung

Also ging Melissa zurück in ihre Ecke und stellte fest, dass es weniger Empfindungen hervorrief, wenn sie sich über die Liege beugte und den Kopf in die Hände stützte, sobald die Wehen kamen. Sie waren jetzt stärker, schwieriger zu veratmen. Nach weiteren zehn Minuten zog eine Hand endlich behutsam den Vorhang auf, und dahinter kam eine hübsche Frau mit freundlichem Gesicht in einem blauen NHS-Kittel zum Vorschein.

»Hallo«, sagte sie sanft. »Ich bin Pamela. Wie geht es Ihnen?«

Die Frage wirkte absurd. Melissa wiederholte, sie wolle nach Hause. Pamela lächelte, zog die Maschine mit den vielen Kabeln vom Fuß der Liege heran und begann, sie zu entwirren. »Also«, sagte sie, »erst einmal müssen wir überprüfen, ob wir Sie guten Gewissens nach Hause schicken können.« Sie warf einen Blick auf ihre Unterlagen. »Oh. Sie sind eine VBAC. Ich glaube nicht, dass Sie als VBAC nach Hause dürfen. Das ist gefährlich.« Ihre Untersuchung ergab, dass sich der Muttermund erst eineinhalb Zentimeter geöffnet hatte. Also ist es wahr, dachte Melissa. Es würde ein weiterer Macduff werden. Ihr war zum Heulen zumute.

»Lehnen Sie sich einfach zurück«, sagte Pamela, hob die Kabelenden an und griff nach den Plastiksensoren, mit denen die Wehen gemessen wurden. Sich zurückzulehnen war das Schlimmste, flach auf dem Rücken zu liegen, während die Wehen auf und ab wüteten, doch Pamela bestand darauf, und Melissa ließ sich von ihr die Plastiksensoren auf den Bauch schnallen, als eine weitere Wehe einsetzte. Sie kamen jetzt immer schneller. Melissa konzentrierte sich darauf, eine Erdenmutter zu sein, aber das wurde zusehends unmöglich,

»Was tun Sie da?«

»Ich gehe nach Hause. Das war’s. Mir reicht’s. Das ist unerträglich.«

»Warum wollen Sie denn unbedingt nach Hause?«, fragte Pamela. »Bei den meisten Frauen ist es umgekehrt, wir können sie kaum überreden, nach Hause zu gehen, sie wollen lieber im Krankenhaus bleiben, weil sie sich dort sicher fühlen, aber Sie wollen unbedingt nach Hause. Warum?«

»Weil ich mich dort wohler fühle. Bitte machen Sie dieses Ding von mir los!«

Melissa riss an den Kabeln, schmiss fast den Wehenschreiber um. Eine weitere Empfindung setzte ein, und sie beugte sich stöhnend vor. Da war es mit Pamelas Geduld vorbei. Jetzt war sie nicht mehr sanft. Mit gerunzelter Stirn und matronenhafter Autorität wies sie Melissa zurecht.

»Hören Sie zu«, sagte sie, »ich erkläre Ihnen jetzt mal etwas, ja? Es ist gefährlich für Sie, jetzt zu gehen, weil Sie eine Ruptur erleiden und verbluten könnten. Verstehen Sie, was ich sage? Sollte es zu einem Notfall kommen, können wir Sie nicht retten. Letzte Woche hatten wir hier eine Frau, die im Wartezimmer eine Ruptur hatte. Wäre sie zu Hause gewesen, wäre sie vermutlich gestorben. Eine andere Frau hatte zu Hause eine Ruptur, und das Baby ist gestorben. Ja, wirklich.

Angesichts der neuen Sachlage willigte Melissa ein dazubleiben. Sie verabschiedete sich von dem Traum einer gemächlichen Öffnung des Muttermundes in dem kleinen schiefen Haus. Die Nacht verbrachte sie im Schummerlicht einer von Vorhängen abgetrennten Liege, mit tiefen Zügen an einer Lachgas-Sauerstoff-Flasche und mit kläglichem Festkrallen an Michaels Nacken. Wie sehr sie ihn in diesem Moment brauchte. Wie sehr sie ihn liebte. Er bedeutete Kraft, Rettung, mit seiner warmen Brust und seiner robusten Statur. Während sie den medizinischen Dunst inhalierte, sagte sie ihm ein ums andere Mal, dass sie ihn liebte, trunken, beharrlich, es war das Gefühl, das sie am deutlichsten wahrnahm. Um vier Uhr morgens hatte sie sich endgültig von der VBAC verabschiedet. Sie wollte aufgeschnitten werden. Der Höhepunkt war für sie nicht länger von Bedeutung, und später an jenem Morgen wurde sie auf einer Liege in den Operationssaal geschoben.

Michael ging in einem blauen Krankenhaus-Overall neben ihr her, umringt von einer Schar Krankenpfleger. Sie trugen grüne Hauben.

Im OP-Saal wurde ein Tuch zwischen der Fastmutter und ihrem Bauch aufgespannt, damit sie die Prozedur nicht mitbekam. Sie sah nur die spitzen Enden der chirurgischen Instrumente.

Das Geräusch von Messern, Scheren. Silberne Klingen blitzten im Licht und durchschnitten ihr Blickfeld.

Dann erschien ein Baby, wurde wie ein nasser Sack von einer plötzlich auftauchenden Hand hochgehoben.

»Ein Prachtbursche«, sagte jemand.

Michael brachte ihn Melissa ans Bett, damit sie ihn betrachten konnte. Ein winziges Gesicht in Weiß gewickelt.

An einem Sonntagmorgen brachten sie ihn nach Hause, der graue Tag dehnte sich tief und stumm über Camberwell aus. Wolkenfetzen lehnten sich gen Westen. Die Luft strich seidig über ihre Wangen, und Melissa weinte dort auf den breiten Stufen vor dem Krankenhaus, weil ihr bewusst wurde, dass dies das Leben war, das sie von nun an führen würde, mit diesem Mann, diesem Jungen, diesem Mädchen, es würde keine grundlegenden Veränderungen mehr geben, und sie weinte auch, weil sie diesen neuen Atem, dieses kleine Herz in diese große Unsicherheit brachte. Sie fuhren mit ihm zurück zu dem schmalen Haus in der Paradise Row. Im großen Schlafzimmer hängte sie ein kleines rotes Holzherz an die Wand über dem Babykorb, in dem er lag. Über den folgenden zwei Wochen lag jene einzigartige Magie, die ein Neugeborenes umgibt. Zwei jenseitige Wochen, in denen die Luft Wiegenlieder singt, während deren man jeden Winkel und jede Bewegung des kleinen Gesichts erforscht, sich gemeinsam um das schlafende Junge zusammenrollt, wie Kringel, wie Violinschlüssel. »Ich habe das Gefühl, dass ich in eine neue Lebensphase eingetreten bin«, sagte Melissa zu Michael, der am Fenster stand. »Ja, ich weiß«, sagte Michael. In der Woche

 

Bis zum Sonnenaufgang waren es nur noch wenige Stunden. Sie gingen durch das Eingangstor und betraten das Haus. Nach der opulenten Party wirkte es noch kleiner und schmaler als sonst. Melissa ging voran, über den Flur, der nicht breit genug war, um zu zweit nebeneinanderher zu gehen, und zog ihre limettengrünen Sandalen aus. Sie wollte schlafen. Sie hatte keine Lust, in der sanften Stille der Bettlaken ihre eigene Musik erklingen zu lassen, während draußen die Sonne aufging und die Vögel sangen. Doch sie spürte Michaels Verlangen, seine Entschlossenheit. Er glitt hinter ihr her, als sie in die Küche ging, um sich einen Tee zu machen. Kamille, damit sie besser schlafen konnte. »Willst du auch einen?«, fragte sie.

DERTAGGESTERNWARDIEHÖLLEUNDDERHEUTIGEISTESBEREITS