image1
Logo

Der Autor

Prof. Dr. med. habil. Michael Ermann ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker in Berlin, wo er vor allem als Berater, Supervisor sowie als Autor und Ausbildungspsychoanalytiker tätig ist. Er ist habilitiert für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse an der Universität Heidelberg und emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort hat er 25 Jahre lang eine psychosomatische Abteilung geleitet. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift »Forum der Psychoanalyse« und der »Lindauer Beiträge«, in denen auch der vorliegende Band erscheint. Als Mitglied und Funktionsträger in wissenschaftlichen und berufspolitischen Gremien hat er die psychoanalytisch begründete Psychotherapie und Psychosomatik in den letzten Jahrzehnten mitgestaltet.

Michael Ermann

Narzissmus

Vom Mythos zur Psychoanalyse des Selbst

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Pharmakologische Daten verändern sich ständig. Verlag und Autoren tragen dafür Sorge, dass alle gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung hierfür kann jedoch nicht übernommen werden. Es empfiehlt sich, die Angaben anhand des Beipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

 

1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036282-6

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-036283-3

epub:    ISBN 978-3-17-036284-0

mobi:    ISBN 978-3-17-036285-7

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

  1. Vorwort
  2. 1. Vorlesung Narzissmus als Thema unserer Kultur
  3. Einleitung: Was ist Narzissmus?
  4. Der Mythos des Narziss
  5. Interpretationen
  6. Narziss im Spiegel der Kultur
  7. 2. Vorlesung Von der Autoerotik zur Objektbeziehung
  8. Wie der Narzissmus in die Psychoanalyse kam
  9. Sigmund Freud: »Zur Einführung des Narzißmus«
  10. Stand der Theorie um 1910
  11. Freuds Narzissmuskonzept
  12. Weitere Entwicklungen des Narzissmuskonzepts
  13. Narzissmus als Sehnsucht nach dem Paradies: Sándor Ferenczi und Béla Grunberger
  14. Der Beitrag der Ichpsychologie: Heinz Hartmann
  15. Narzissmus in der Objektbeziehungstheorie
  16. Narzissmus als Persönlichkeitsstörung: Otto F. Kernberg
  17. Das Doppelgesicht des Selbst bei Jaques Lacan
  18. 3. Vorlesung Vom Selbst zur Intersubjektivität
  19. Von der Metapsychologie zur Soziogenese des Selbst
  20. Beiträge der empirischen Entwicklungsforschung
  21. Narzissmus als Störung der Entwicklung des Selbst: Heinz Kohut
  22. Die Entwicklung des Selbst
  23. Entwicklung des Narzissmus
  24. Narzisstische Störungen
  25. Von der Selbstpsychologie zum Intersubjektivismus
  26. Die intersubjektive Wende: Stolorow und Atwood
  27. Die Feldtheorie und der intersubjektive Ansatz
  28. Entwicklungspsychologischer Intersubjektivismus: Daniel Stern
  29. Narzissmus aus intersubjektiver Sicht
  30. 4. Vorlesung Pathologischer Narzissmus
  31. Die vielen Gesichter des pathologischen Narzissmus
  32. Erscheinungen des pathologischen Narzissmus
  33. Identitätsdiffusion
  34. Das bipolare Selbst
  35. Pathologischer Neid
  36. Objektverwendung und narzisstische Kollusion
  37. Narzisstische Krisen
  38. Narzissmus und Strukturniveau
  39. Narzissmus auf niederem Strukturniveau
  40. Identitätsdiffusion, das grandiose und das inferiore Selbst
  41. Komorbidität
  42. Maligner und antisozialer Narzissmus
  43. Entstehung und Disposition
  44. Präödipaler Narzissmus auf mittlerem Strukturniveau
  45. Entwicklungspathologie
  46. Konfliktpathologie
  47. »Narzisstische Neurosen«
  48. Präödipale narzisstische Persönlichkeitsstörungen
  49. Die Struktur des präödipalen Narzissmus
  50. Entwicklungshintergrund
  51. 5. Vorlesung Konzepte zur Behandlung narzisstischer Störungen
  52. Der Freud’sche Ansatz
  53. Der Ansatz der »britischen Schule«
  54. Balint
  55. Winnicott
  56. Kernbergs Behandlungskonzept des Narzissmus
  57. Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP)
  58. Weitere neuere Ansätze
  59. Der selbstpsychologische Behandlungsansatz
  60. Narzisstische Übertragungen
  61. Behandlungsstrategie
  62. Die Kohut-Kernberg-Kontroverse
  63. Erweiterungen durch den intersubjektiven Ansatz
  64. Schlussfolgerungen
  65. Literatur
  66. Personenverzeichnis
  67. Stichwortverzeichnis

Für Jacob

Vorwort

 

 

 

Dieses Buch handelt von der Beziehung des Selbst zu sich selbst. Wir nennen die Selbstbeziehung »Narzissmus« nach der Geschichte, die uns aus der griechischen Mythologie überliefert ist: Die Geschichte des schönen Jünglings Narziss, der sich in sein Selbstbild verliebte und darin verharrte, bis ihm sein Irrtum bewusst wurde und er begriff, dass es Selbstliebe ist, der er verfallen war. Diese Geschichte hat unseren Kulturprozess begleitet und ganz unterschiedliche Auslegungen erfahren. In ihnen spiegelt sich der Geist der Zeit, in der sie entstanden sind.

Unsere heutige Zeit ist für ein breites Spektrum von Auffassungen offen. Es reicht von der Idee eines positiven Narzissmus als Quelle von Schaffenskraft und Lebensfreude zu einem Narzissmus als pathologische Persönlichkeitsorganisation, welche insbesondere die Psychotherapie beschäftigt. Aber der pathologische Narzissmus betrifft unsere Zivilisation weit darüber hinaus als Quelle der zerstörerischen Kräfte, die unser Zusammenleben und unsere Umwelt zutiefst bedrohen.

Grund genug also, sich mit dem Narzissmus zu beschäftigen. 100 Jahre nach dem Erscheinen der Schrift »Zur Einführung des Narzißmus«, mit der Sigmund Freud 1914 den psychoanalytischen Diskurs über das Thema eröffnete, hatte ich dazu bei den Lindauer Psychotherapiewochen Gelegenheit mit einer Vorlesungsreihe, auf die dieses Buch zurückgeht. Ich habe versucht, den Bogen zu spannen von der Kulturgeschichte des Narzissmus über die Geschichte seiner Psychodynamik zur Psychopathologie. Dabei habe ich mich auf die Aspekte und Konzepte beschränkt, die mir vorrangig erscheinen. So ist ein Band entstanden, der sich als Einführung an Interessenten und Anfänger im Beruf wendet, aber auch denen Anregungen geben will, die sich noch einmal mit Bekanntem beschäftigen wollen. Im Übrigen verweise ich auf die vielen, z. T. umfangreichen Darstellungen, die zum Narzissmusthema in den letzten Jahren erschienen sind, insbesondere auf die beiden Sammelbände von Dammann u. a. (2012) und von Kernberg u. a. (2006) sowie auf das Lehrbuch der Selbstpsychologie von Milch (2001) und die weiterführende Darstellung von Altmeyer (2000). Allen verdanke ich wichtige Anregungen.

Wie bei meinen früheren Bänden, die in der »Lindauer Reihe« erschienen sind, danke ich dem Verlag und insbesondere meiner Lektorin, Frau Annika Grupp, für die sorgfältige Betreuung des Projektes. Ebenso danke ich meinem Begleiter und Mitarbeiter, Herrn Dr. J. Werner Stauten, für die tatkräftige Unterstützung.

 

Berlin, im Januar 2020

Michael Ermann

1. Vorlesung
Narzissmus als Thema unserer Kultur

 

 

 

Einleitung: Was ist Narzissmus?

»Was ist Narzissmus?« Ich habe einmal in der Psychosomatik-Vorlesung meine Studenten gefragt, was ihnen zu »Narzissmus« einfällt. Die Antworten waren ziemlich einhellig: Narzissmus sei krankhafte Selbstliebe, rücksichtsloser Egoismus, Selbstdarstellung und Geltungssucht, Selbstbezogenheit und Selbstsucht. Das hat meine Erwartung bestätigt, dass Narzissmus im Allgemeinen negativ bewertet wird.

Auch in der Psychotherapie hat Narzissmus zumeist eine negative Konnotation und wird im Zusammenhang mit Fehlentwicklungen gesehen. Das mag daran liegen, dass wir als Psychotherapeuten vor allem mit dem Narzissmus zu tun haben, wenn er Leid hervorruft und Krankheit erzeugt.

Dabei wird meistens nicht bedacht, dass der Narzissmus im Sinne von Selbstliebe und Selbstwert auch eine ganz normale Seite der menschlichen Psyche ist, nämlich ein Aspekt der Entwicklung und eine Grundlage des Erlebens und Verhaltens. Wenn er »gezähmt« wird und die bizarren Extreme des narzisstischen Erlebens und Verhaltens gemäßigt werden, trägt er unser Selbstwertgefühl. Er wird dann zu einer Quelle der Kreativität und bereichert unsere Beziehungen und die Kultur. Um beziehungsfähig zu sein, brauchen wir ein gesundes narzisstisches Gleichgewicht. Macht und Einfluss, Erfolg und Geltung beruhen oftmals auf einer positiven narzisstischen Grundhaltung. Wer in unserer Gesellschaft vorankommen will, braucht ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein, er braucht einen gesunden Narzissmus.

Narzissmus ist die Art und Weise des Selbstbezugs. Er wird in den frühen Beziehungen geformt. Das Grundmuster wird in der kindlichen Entwicklung angelegt und das ganze Leben lang als Ergebnis von Erfahrungen mit sich selbst und anderen neu gestaltet. Er bildet die Grundlage für völlig verschiedene alltägliche und klinische Phänomene (image Kasten 1.1). Als normaler Narzissmus ist er ein bedeutsames Merkmal unserer Individualität, eine Dimension unserer Beziehung zu anderen, ein Motivator unseres Schaffens und unserer Lebenskraft. Als pathologischer Narzissmus bildet er die Grundlage für vielfältige Formen psychischer Störungen.

Kasten 1.1: Alltägliche und klinische narzisstische Phänomene

•  Narzisstische Eigenschaften: Selbstbezogenheit, Selbstdarstellung, Selbstverliebtheit

•  Persönlichkeitsstrukturen: narzisstische Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung

•  Beziehungsformen: narzisstische Objektbeziehung, narzisstische Objektwahl, narzisstische Kollusion

•  Psychische Störungen: narzisstische Neurosen, narzisstische Persönlichkeitsstörungen

•  Entwicklungspsychologische Positionen: narzisstisches Grundkonflikt, phallisch-narzisstische Phase

•  Ätiologische Konzepte: narzisstische Entwicklung, Störung der Selbst-Entwicklung

•  Psychodynamische Prozesse: Libidobesetzung des Ich, Rückzug der Libido auf das Ich/das Selbst

•  Soziokulturelle Entwicklungen: narzisstischer Sozialisationstyp, Zeitalter des Narzissmus

Man kann den Narzissmus auch als Persönlichkeitsakzentuierung beschreiben, die durch ein geringes Selbstwertgefühl bei gleichzeitiger Selbstüberschätzung ausgezeichnet ist. Sie umfasst verschiedene Grade der Selbstbezogenheit als Gegenstück zur Fremdbezogenheit, der Objektliebe. Dabei schließen Selbstliebe und Objektliebe sich nicht aus. Jeder Mensch hat beide Anteile in sich.

Gesunder (»positiver«) Narzissmus bewegt sich im Zwischenbereich zwischen beiden Polen; das Gewicht des einen gegenüber dem anderen Pol wird in Beziehungen zwischen den Beteiligten unbewusst ausgehandelt. Es kann sich, je nach Situation und Kontext, auch verschieben.

Pathologischer Narzissmus ist die Folge einer Fehlentwicklung, die auf das Selbst bezogen ist. In Kurzform kann man auch sagen: Pathologischer Narzissmus ist eine Störung im Selbst. Dabei handelt es sich um Formen der Selbstbezogenheit, bei denen starre narzisstische Haltungen vorherrschen und rigide narzisstische Verarbeitungsmuster die inneren Prozesse beherrschen. Wenn jemand völlig auf sich selbst bezogen ist, sodass er für andere nur dann Interesse hat, wenn er seinem Selbst dient, kann man von einer krankhaften Selbstliebe sprechen. Diese Einstellung ist der Kern des pathologischen Narzissmus. Er ist ein Krankheitsrisiko und kann verschiedene Formen klinischer Syndrome hervorbringen, oder er kann sich zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung weiterentwickeln (image 4. Vorlesung).

Beim pathologischen Narzissmus handelt es sich, grob betrachtet, um zwei Gruppen von Patienten:

•  Patienten mit psychischen und körperlichen Symptomen, denen eine Persönlichkeit und narzisstische Psychodynamik zugrunde liegt. Dazu gehören viele depressive, Angst- und somatoforme Störungen;

•  Patienten mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen in verschiedener Schwere und Ausprägung; häufig steht bei ihnen die Charakterpathologie mit Selbstwert- und Beziehungsproblemen, Lern- und Arbeitsstörungen im Vordergrund, oft kommen auch Verhaltensstörungen wie Essstörungen und Suchtverhalten hinzu.

Narzisstische Störungen haben heute einen großen Anteil an der Alltagsarbeit in der dynamischen, psychoanalytisch begründeten Psychotherapie. Damit hat sich das Arbeitsprofil der Therapeuten gegenüber den Anfängen der Psychotherapie grundsätzlich verändert. Denn Sigmund Freud, der sich auf der Grundlage der Triebpsychologie hauptsächlich mit »klassischen« Neurosen befasst hatte, hat narzisstische Patienten für unbehandelbar gehalten.1 Er konstatierte bei ihnen eine besondere Art der Bindung und Fixierung der Libido an die eigene Person. Sie bewirke, so dachte er, dass diese Patienten in der Selbstliebe verhaftet bleiben. Deshalb könnten sie keine Liebe aus ihrer Kindheit auf die psychoanalytische Behandlung übertragen. Da er die Analyse der Übertragung damals aber als den Kern seiner Therapie betrachtete, kam er zu dem Schluss, dass der Narzissmus mit den Mitteln der Psychoanalyse nicht zu behandeln sei. Diese Auffassung ist von ihm nie revidiert worden2 und wurde von der Generation seiner Schüler übernommen.

Inzwischen hat sich die Einstellung gegenüber dem Narzissmus grundlegend gewandelt. Dazu haben die Erfahrungen aus der Behandlung von Psychotikern ab 1940, vor allem in den USA, die Entwicklung der Ich- und Objektbeziehungspsychologie sowie die Ausweitung des Behandlungsspektrums Mitte des vorigen Jahrhunderts maßgeblich beigetragen. Die Selbstpsychologie und ihre innovative Narzissmustheorie in den Folgejahren prägen unser heutiges Verständnis. Wegweisend war dabei die Auffassung, dass das Selbst eine eigenständige, von der bis dahin gültigen analytischen Entwicklungstheorie nicht erfasste Entwicklung nimmt. Damit wurden ganz neue Perspektiven für die Behandlung narzisstischer Störungen entwickelt. Heinz Kohuts Heilung des Selbst3 ist dafür ein bedeutsamer Markstein (image 3. Vorlesung und image 5. Vorlesung).

Die Anzahl der Patienten mit narzisstischen Störungen in der psychotherapeutischen Praxis und Klinik steigt seit Jahren an. Das differenzierte psychoanalytische Verständnis für die Entwicklung des Selbst und für narzisstische Beziehungen und Übertragungen machen die Arbeit mit diesen Patienten heute zur speziellen Domäne der analytischen Psychotherapie.

Der Mythos des Narziss

Im Zentrum dieser klinischen Vorlesung steht die narzisstische Psychopathologie in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, ihren Ursachen, ihren Folgen und ihrer Behandlung. Aber man kann das Thema nicht würdigen ohne die vielfältige Rezeptionsgeschichte des Mythos des Narziss zu betrachten, in welcher der Wandel der Einstellung zum Narzissmus Niederschlag gefunden hat. Diese werde ich in der ersten Vorlesung in groben Zügen nachzeichnen. Das Ergebnis wird sein, dass es sich beim Narzissmus nicht um ein spezielles Thema der Psychologie oder gar der Psychoanalyse handelt, sondern um ein Thema der Menschheit. In ihm sind Fragen und Probleme aufgehoben, die um die Existenz des Menschen, die Beziehung zwischen dem Selbst und anderen kreisen und von Selbsterkenntnis und Identität handeln, Themen, die jeden betreffen und die die Menschheit von jeher beschäftigt haben. Wir werden sehen, dass der Mythos des Narziss eine variantenreiche Tradition in unserer Kultur durchlaufen hatte, bevor er als Metapher für eine spezifische Psychopathologie in die psychoanalytische Theorie und therapeutische Praxis Eingang fand.

Der Mythos von Narziss gehört zum alten Kulturgut der griechisch-römischen Welt. Der Name Narkissos (griechisch) oder Narcissus (lateinisch) verweist auf das Wort narcosis, zu Deutsch: Betäubung. So handelt der Mythos von der Betäubung, die entsteht, wenn man sich in sich selbst verliert. Er war in verschiedenen Versionen lange bekannt, bevor der römische Dichter Ovid (43 v.–17 n. Chr.) ihn um die Zeitwende in das III. Buch seines großen Epos’ Metamorphosen aufnahm. Auf diesen Text beziehen sich die meisten der späteren Versionen und Verarbeitungen und auch Sigmund Freud in seiner Abhandlung Zur Einführung des Narzißmus von 19144.

Als historische Person ist Narziss nicht nachweisbar. Die Überlieferung siedelt ihn in der Landschaft Böotein in Mittelgriechenland an. Nach Ovid war er der Sohn der Quellnymphe Liriope (oder Leiriope) und des nie alternden Flussgottes Cephisos, ihrem Vater. Narziss war also aus einem Inzest entstanden – und zwar bei einer Vergewaltigung gezeugt. Er war unter der Vorhersage des blinden Sehers Teiresias geboren, der voraussah, dass er nur dann ein hohes Alter erreichen würde, wenn er sich nicht selbst erkennen würde. Darin, so können wir vermuten, war die Andeutung verborgen, dass jede Beziehung die Gefahr in sich birgt, sich im anderen zu begegnen und sich selbst zu erkennen. Von seiner Mutter, die ihn festhielt und aus Angst vor dem Orakel mit Liebe überschüttete, konnte er sich nicht lösen. Von allen geliebt und umworben, konnte er Liebe nicht erwidern und wies sie alle zurück.

Auch die Bergnymphe Echo, die durch einen Fluch der Göttin Hera stumm geworden war und nur die letzten Worte von dem, was sie gerade gehört hatte, wiederholen konnte, wurde von ihm nicht erhört (image Abb. 1.1). Aber Echo war in Liebe zu ihm entbrannt und folgte ihm, bis er sie zurückstieß. Darauf zog sie in die Wälder, darbte und zerbrach schließlich an der unerfüllten Liebe. Seinem Verehrer Ameinios erging es ebenso. Ihm gab Narziss ein Schwert, mit dem dieser sich tötete, nachdem er die Götter angerufen hatte, ihn zu rächen: »So mag er selbst lieben, so soll er das, was er liebt, nicht erlangen«.5 Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, erhörte Ameinios und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe.

Als Narziss sich in die Idylle zurückzog, wo die Wasser entspringen, entdeckte er im Spiegel einer Quelle sein Ebenbild und verliebte sich darin, ohne allerdings zu bemerken, dass das, was er sah, ein Spiegel seines Selbst war. In bewegenden Worten und Szenen schildert Ovid dann die unsterbliche Liebe des schönen Knaben, die sein Spiegelbild in ihm entfachte – ein Kampf der Vergeblichkeit und ein Ringen um Liebe. Es fand schließlich Erlösung in der Erkenntnis, dass er der Selbstliebe verfallen war, und er starb: »Iste ego sum – ich bin es selbst«. So erfüllte sich die Weissagung des Teiresias.

»Dieser da bin ich! Ich habe verstanden; und mich täuscht mein Abbild nicht: Ich werde verzehrt von der Liebe zu mir, und die Flammen errege und erleide ich.

Was soll ich tun? Soll ich mich bitten lassen, oder soll ich bitten? Was werde ich bitten?

Was ich begehre, ist bei mir: der Überfluss hat mich arm gemacht.

Oh, wenn ich mich doch von meinem Körper trennen könnte!

Ein ungewöhnlicher Wunsch in einem Liebenden: ich wollte, dass fern wäre, was ich liebe!

Und schon nimmt der Schmerz mir die Kräfte, und keine lange Zeit meines Lebens bleibt noch, und im noch jungen Alter gehe ich zugrunde.

Und der Tod ist für mich nicht schwer zu ertragen, da ich im Tod meine Schmerzen ablegen werde.«6

Images

Abb. 1.1: Echo und Narziss von John William Waterhouse (1903), Walker Art Gallery, Liverpool.

Als die Dryaden, die Nymphen der Bäume, seinen Leib verbrennen wollten, fanden sie ihn nicht. Stattdessen fanden sie die safrangelbe Blume, die Blume der Unfruchtbarkeit, die seither den Namen Narzisse trägt7.

Interpretationen

Wenn wir heute von Narziss und dem Narzissmus sprechen, denken wir zumeist an das Spiegelmotiv als Metapher für autoerotische Selbstverliebtheit und eine Selbstliebe, die den Anderen negiert, herabsetzt, verachtet. Diese Sichtweise ist seit Jahrhunderten üblich und vor allem durch die Rezeption im 19. Jahrhundert geprägt. Aber bei Ovid kommt eine pathologische Selbstliebe gar nicht vor. Ovid beschreibt vielmehr einen Irrtum, dem Narziss in seiner Sehnsucht nach einem Liebesobjekt verfällt.

Das eigentliche Anliegen von Ovid war ein ganz anderes. Er reiht Narziss in seinen Metamorphosen ein in eine Reihe mit Pyramus und Thisbe, Apollo und Daphne, Daedalus und Icarus sowie Philemon und Baucis als Beispiele dafür, dass man sich seinem unabwendbaren Schicksal nicht entziehen und widersetzen kann. Bei Narziss ist das Schicksal durch den Spruch des Sehers vorgegeben: Nur wenn er sich selbst nicht erkannt haben wird, könne er das hohe Alter erreichen.

Insofern ist der Mythos von Narziss in der Version von Ovid vor allem eine Betrachtung über die Macht des Schicksals über den Menschen und nicht eine Metapher für bestimmte menschliche Eigenheiten, wie die Psychoanalyse es später verstand. Hier zeigt sich ein bedeutender Unterschied zu unserer heutigen Auffassung.

Im Übrigen ist die Gleichsetzung Narziss gleich (verwerfliche) Selbstliebe vereinfachend. Sie ist in dieser Form auch in keiner Version des Mythos enthalten und wahrscheinlich erst durch die Überlagerung mit christlichen Werten im Mittelalter entstanden. Es geht hier nicht um Selbstliebe, sondern um die Projektion von Selbstaspekten auf den vermeintlichen Anderen, um eine Beziehungsform, die wir heute als Beziehung nach dem Typus der narzisstischen Objektwahl bezeichnen. In ihr zeigt sich die Sehnsucht nach einer Beziehung mit größtmöglicher Übereinstimmung mit dem Subjekt.

Die Verkürzung Narzissmus gleich Selbstliebe lässt auch die Vielfalt von Motiven und Anspielungen außer Acht, die dem Mythos eine tiefere Bedeutung geben. In dieser Vielfalt liegt die Quelle für die Fülle von Bearbeitungen und unterschiedlichen Rezeptionen, die Literatur und Philosophie, gestaltende Kunst und schließlich die Psychologie im Verlauf der Jahrhunderte hervorgebracht haben.8