Peter Ryborz

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ISBN: 9783749400775

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Inhaltsverzeichnis
Vorwort: Wiener Typen und das Interview als Anstich

Aus großen, weltberühmten Namen habe ich mir nicht allzuviel gemacht, als ich mich als freischaffender Feuilletonist im Auftrag kulturbetonter Blätter mit interessanten Zeitgenossen verabredete. Dem jungen Dirigenten Charles Alexander Joel fiel es angenehm auf, daß er endlich einmal nicht nach seinem Bruder Wilhelm gefragt wurde. Das lag einerseits daran, daß ich dessen Musik immer als sehr enervierend empfunden hatte, anderseits hätten solche Fragen aber gar nicht gepaßt, wie wir uns so unterhielten in einem Wiener Kaffeehaus. Ich muß auch sagen, daß ich großen, weltberühmten Persönlichkeiten nicht unbedingt den Respekt und die Unterwürfig- oder Sprachlosigkeit entgegenbringen würde, die sie gewohnt sind, und ich hätte ihnen vielleicht auch die falschen Fragen gestellt. Ausschlaggebend dafür, solche Berühmtheiten nicht zu treffen, war aber wohl, daß mir die dafür immer erforderliche Kriecherei in keinem gesunden Verhältnis zum möglichen Ertrag gestanden hätte, den man ohnedies in jedem Boulevardblatt nachlesen kann. Nur bei zwei Personen habe ich mich darum bemüht, bei Kate Winslet und Bob Dylan, und Ludwig Hirsch habe ich einst um ein Vorwort für ein Buch gebeten, aus meinen Ansinnen wurde jedoch nichts.

Es war nicht nur besser, sondern auch weitaus ergiebiger, den Blick gerade auf diejenigen zu richten, die ziemlich unprätentiös und unexaltiert ihren Obliegenheiten nachgehen und darüber nicht nur eine Menge zu sagen haben, sondern uns mit ihrem Tun durch den Alltag begleiten und in diesem Alltag beschäftigen. Weder haben sie es nötig, noch kommen sie auf die Idee, ihr Leben und Wirken in Legenden zu hüllen, und falls doch, kann man ihnen auf die Schliche kommen und hat gleich noch ein Thema mehr. Mir ging es, sofern es möglich war, um einen Blick auf den Menschen hinter dem jeweiligen sichtbaren Ausdruck seines Tuns. Das schätzten auch die Redaktionen, die solche teilweise auch sehr abgelegenen Personenportraits recht breit abdruckten.

Ich habe mich auf diese Gespräche so gut wie überhaupt nicht vorbereitet und hatte deshalb auch keinen konkreten Fragenkatalog dabei. Was ich gemacht habe, war, in hoffentlich entspannter Atmosphäre ein Gespräch zu beginnen und am Laufen zu halten. Ich habe den Gesprächspartner ein paar Mal angestochen, so daß er ins Erzählen kam, und konnte mir dann notieren, was mir wichtig erschien. Bei interessanten Punkten fragte ich nach. Blieb das Gespräch blaß, klopfte ich den Themenkreis auf Stellen ab, an denen man weitersprechen konnte. Das gab den Leuten die höchst willkommene Gelegenheit, über die Dinge zu sprechen, die sie selbst wichtig fanden. So entstanden Konturen von Persönlichkeiten auf der Grundlage ihrer eigenen Perspektive. Und es bedeutet nicht, daß meine Rückfragen etwa unkritisch gewesen wären.

Was das Gespräch selbst betraf, war das im Grunde alles, danach kam die Arbeit des Schreibens. Nun ging es darum, aus den Notizen alles zu verdichten, was mir mitteilenswert erschien. Einige Zeit später war’s gedruckt. Welch schönes Gefühl, als unbekannter Zugereister beim Kaffeetrinken von Andreas Steppan angesprochen zu werden. Wäre ich weiter in Wien geblieben und hätte ich diese Art der journalistischen Arbeit weitergepflegt, so hätte aus mir eine bekannte Adresse werden können, die man anspricht und von der man sich gute Presse erhofft. Zum Glück gerieten die Dinge anders, ich habe seit längerem mehr mit der dinglichen Welt zu tun als mit Persönlichkeiten. Leider ist auch mein Wirken für die Wiener Zeitung und für den Morgen, in denen die hier versammelten Portraits gedruckt wurden, seit einigen Jahren Vergangenheit.

Damals, als ich in Favoriten wohnte, wo ich als Einwanderer ja sehr gut hinpaßte, dämmerte ja kommunikationstechnisch noch nicht einmal der Morgen. Daß man sich eine ominöse „Black Box“ besorgen und mittels dieser und der Telephonleitung Nachrichten übertragen könne, erfuhr ich von Mariko Hegedüs, einer ungarischen Sammlerin von Poesiealben und Tagebüchern, die auf der Mariahilfer Straße hinter einem Sexshop wohnte und mich für ein Ausstellungsprojekt alte Texte übertragen ließ. Doch zuvor war ich schon im Passagen-Verlag in der Walfischgasse, wo ich als Praktikant unter anderem für Bananenbesorgungen zuständig war, des Emblems von Pegasus Mail ansichtig geworden. Auf meinem 386er-Computer, den mir eine befreundete Buchrestauratoin überlassen hatte, speicherte ich meine Kulturbeiträge auf Disketten und fuhr sie mit der U-Bahn in Wien aus – bei diesen Besuchen holte ich mir dann gleich neue Aufträge.

Mein erster Kunde dieser Zeit war Dr. Hermann Schlösser von der Wochenendbeilage „Extra“ der Wiener Zeitung. Er war zwölf Jahre zuvor von Worms nach Wien gegangen und für mich, der ich aus Wiesbaden stamme, eine Art Ankerpunkt bundesdeutscher Mentalität. Ich kannte Worms nur, weil es da ein Backfischfest gibt und weil eine Kollegin meiner Mutter von dort stammte und sich ihren schönen, eindringlichen Dialekt erhielt. Von Worms hatte ich also ein dürres, aber doch gefestigtes Bild, das nun durch den Habitus Schlössers arrondiert zu werden drohte. Der Figur nach so ein bißchen wie eine 8, verkörperte er das Motiv des Runden, auch geistig – er wirkte ungemein tiefenentspannt; zuweilen hatte ich den Eindruck, er schrecke aus einem Schläfchen hoch, wenn ich, anklopfend, in sein Büro in den alten Mauern des Zeitungshauses trat. Hinzu kam seine trockene, kreidige Stimme, der es sich verdankte, daß man ihm am Telephon ohne weiteres hundert oder mehr Jahre beimessen konnte. Schlösser hatte eine zweigeteilte Berufstätigkeit, er war auch von der Wiener Universität gebucht, wo er sich mit Gemanistik befaßte. Als dort irgendeine Universitätszeitung eine Redaktionssitzung einberief und wir eines Tages gemeinsam im Stuhlkreis saßen, bot irgendwer irgendwem das Du an und Schlösser meinte, zu mir gewandt, das könnten wir nun auch so halten und wandelte sich in diesem Moment zu Hermann.

Sein Kollege beim Extra machte solche Anstalten nicht. Er hieß Gerald Schmickl, und während sein deutscher Kollege mit seiner Weichheit und Rastigkeit seinem Vornamen, den ich aus früher Jugend als Bezeichnung für einen Verschenk-Teig kannte, alle Ehre machte (ungeachtet, daß es bei den Cheruskern einen höchst streitbaren Feldherrn gleichen Namens gab), gab Schmickl, der Österreicher, geradezu preußische Linie, Klarheit und Führung. Ich hatte mit ihm nicht sonderlich viel zu tun. In Erinnerung blieb mir jedoch, daß sich festangestellte Redakteure in der Regel nur um ihre eigenen Obliegenheiten und die ihres Dienstherren kümmern, also mit Erscheinungs- und Ertragswünschen freier Schreiber normalerweise nicht viel am Hut haben – und dies auch zeigen. Und mir blieb in Erinnerung, daß sich Loyalität bei diesen Menschen in der Regel nur nach oben äußert. Nachdem mir Schmickl mitgeteilt hatte, daß sich die von mir vorgeschlagenen Themen nicht fürs Extra eignen, Hermann aber nichts mehr bestellte, hatte ich keinen Grund mehr, die weder abgesprochene noch vergütete Zweitverwertung meiner Arbeiten, die von der Wiener Zeitung innerhalb eines opulenten „Lexikons“ auf ihrer Internetseite betrieben wurde, weiterhin zu dulden. Ich stellte sie in Rechnung und wurde von der Geschäftsleitung und einer „Mediatorin“, die jedoch jegliche Mediation unterließ, kalt abgeschmettert. Man verwies auf eine angebliche Rechtseinräumung, hielt es jedoch nicht für nötig, mir eine Kopie davon zu zeigen – wenn man als freier Autor ohne Rechtsschutzversicherung mit so einem Bluff konfrontiert wird, überlegt man es sich sehr gründlich, ob man prozessiert.

Die zweite Redaktion war der „Morgen/Kulturberichte aus Niederösterreich“, damals in genialer Weise verantwortet von Marion Mauthe, für mich eine Art „M“, wie man das aus James-Bond-Filmen kennt, zwar nicht mit der Härte und Schneidigkeit einer Judy Dench, wenn auch mit ähnlich weitreichendem Vertrauen. Wir pflegten das Hamburger Sie, also mit Vornamen. Marion brachte mir Wohlwollen entgegen, indem sie mir immer wieder höchst interessante Aufträge gab, außerdem briefte sie hervorragend, indem sie gleich dazusagte, worauf es bei dem jeweiligen Thema ankam und welche Aspekte man berücksichtigen oder kennen muß. Natürlich kritisierte sie auch, im Gegensatz übrigens zu Hermann, aber sie tat es in konstruktiver Weise und konnte dann die zweite Fassung gut verwenden. Nur meinen Bildbeiträgen maß sie nicht die Ambitionen oder das Talent bei, die ich in ihnen sah. Marion Mauthe war in dieser Zeit diejenige Auftraggeberin, von der ich am meisten lernte.

Eine dritte Redaktion ist hier unbedingt ebenfalls zu erwähnen, nämlich die des Wiener Journals, verkörpert von Dr. David Axmann. Er saß mit einer gereiften Sekretärin in einer hochdeckigen Altbauwohnung und räucherte sich in seinem literarisch-geistreichen Humor. Ich bin fest davon überzeugt, daß er sich für eine Art Karl Kraus hielt. Eigentlich drückte er sich permanent in Bonmots aus. Einer Kollegin, die ihm mit sehr schwachem Farbband geschrieben hatte, gab er zur Antwort: „Du bist so blaß, Luise“. Leute wie mich, noch kaum aus der Tür, titulierte er gegenüber seiner Sekretärin geringschätzig als „ambulante Textanbieter“. Seine Bemerkungen und Aufträge verrieten hohen Anspruch, ohne daß deutlich wurde, was genau er eigentlich wollte. Als er erfuhr, daß ich für eine Recherche zu einem Artikel über Friedrich Torberg in dessen Heimatkaff beliebige Leute auf der Straße angesprochen hatte, war er richtig entsetzt. Torbergs Nachlaß war so etwas wie der Gral, den er hütete. Ich will nicht sagen, er sei nicht darüber hinausgekommen, ich habe Axmann und seine Leistungen ja nie richtig kennengelernt. Aber ein bißchen seltsam fand ich diese Torberg-Vereinnahmung schon.

Für die von ihm verantwortete Überschrift „Geld für die Juden?“ setzte es Widerspruch. Vielleicht war sie unzeitgemäß, vielleicht glaubte Axmann sie sich leisten zu können – eines der vielen Rätsel, die er seiner Mitwelt aufgab. Aber mit dem Wiener Journal nahm es leider sowieso ein schlimmes Ende. Ich hielt dieses dünne, geistreiche Blatt immer für den entscheidenden Funken Kultur im Wiener Geistesleben, und ich bewunderte Axmanns gleichermaßen souveräne wie primadonnenhafte Art, mit Kultur umzugehen und sie zu vermitteln. Daß sich aber sowas kaum trägt, ist die andere Seite der Medaille. Das strauchelnde Wiener Journal wurde also der Wiener Zeitung einverleibt und wurde dort von einer zeitgeistmäßig höchst durchgestylten Blattmacherin auf Vordermann gebracht. Vorbei der Staubgeruch der Altbauwohnung, wo ein paar Bände der Edition Ateiler ausgestellt waren, verflogen Glanz und Herrlichkeit eines Axmann vor eigenen Gnaden, der schrieb und schreiben ließ, wie er’s richtig fand. So etwas gibt es heute gar nicht mehr, schon gar nicht auf diesem Niveau. Axmann wurde in die Redaktionsbelegschaft der Wiener Zeitung einsortiert.

Im Rückblick war dies eine finanziell nicht unbedingt lukrative, jedoch sehr inspirierende und gutmütige Zeit. Man kann sich das so in etwa vorstellen wie bei Tim und Struppi, nur ohne Struppi. Ein junger Reporter im Trenchcoat, mit Kamera und Notizzeug, man bekommt immer das Getränk bezahlt, und, naja, weder hatte ich eine Browning dabei noch wurde ich in Abenteuer verwickelt, wie das bei dem genannten belgischen Comichelden der Fall ist. Und dennoch war es immer spannend, die Leute hinter der Oberfläche kennenzulernen, sei es nun der „Selfman“ aus der Fernsehwerbung, der immer irgendetwas zusammenbaute, oder der resignierte „Matscho“, der im Kundenmagazin der Wiener Verkehrsbetriebe über seinen Durchschnittsalltag vom Leder zog. Wann und wo kann man schon miterleben, wie jemand die Saiten für die Wiener Kontragitarre herstellt oder mit einer Hasenpfote das eben geschlagene Blattgold in ein Heftchen legt. Hasenpfoten kannte ich bis dahin nur in dem Zusammenhang, daß der Playboy um 1976 kolportierte, Mick Jagger trage so etwas in seiner Hose. Damals war ich sieben.

Nicht jeder von ihnen wird in Wien Karriere gemacht haben, manche kamen und gingen wieder. Aber Wien bot und bietet jedem die Möglichkeit, sein Ding zu drehen und zu schauen, wie weit er es damit bringt. Das macht einen wesentlichen Teil der Offenheit dieser Stadt aus und ich blicke sehr dankbar darauf zurück, mit meinen Beobachtungen einiges von diesen Entwicklungen miterlebt zu haben. Die hier zusammengestellten Texte folgen jeweils der Autorenfassung, nicht dem Ergebnis redaktioneller Bearbeitung. Lediglich im Text über die Buchhandlung Prachner wurde ein sachlicher Fehler berichtigt.

Daß die hier neu veröffentlichten Portraits nicht in der redaktionell bearbeiteten Variante wiedergegeben sind, die stets dem Geschmack des Redakteurs, dabei aber auch der Blattlinie zu genügen hatte, sondern jeweils in der Fassung, in der ich sie abgegeben habe, gibt ihnen vielleicht jenes Stückchen Authentizität zurück, das bei den üblichen Redaktionsabläufen geopfert wird. Blätter wie die Wiener Zeitung müssen stets auch sehr genau darauf achten, daß alles, was sie bringen, der offiziellen Meinung der Regierung möglichst nahe kommt. Gerade diese Zeitung hat sich in den Jahrhunderten ihres Bestehens den Ruf eines nicht besonders aufregenden Hofberichterstatters erworben, und alle Versuche, sich neu zu erfinden, wirkten deshalb stets etwas bemüht. In unkritischen Bereichen hat diese Zeitung, insbesondere in ihrer Wochenendbeilage, aber viele Jahre lang einen besonders hochwertigen Journalismus gepflegt und ich habe es als besondere Referenz betrachtet, mit nahezu hundert ganzseitigen Beiträgen an diesem Werk ein bißchen mitgewoben zu haben.

Die Beiträge wurden außerdem nicht aktualisiert, sondern verblieben auf dem damaligen Stand. Wie Photographien verschweigen sie, was danach noch kommen würde: Günter Brödl ist bald nach unserem Interview jung verstorben, mit Peter Ryborz verbindet mich seit unserer ersten Begegnung eine lange Freundschaft. Auch der im Vorwort erwähnte David Axman hat leider sein Schreibgerät für immer aus der Hand gelegt, was noch bedauerlicher ist, wenn man sich vergegenwärtigt, daß mit ihm der letzte große Lektor gegangen ist. Die hier zusammengestellten Beiträge sind Momentaufnahmen, die zeigen, was die Menschen in dieser Zeit gerade beschäftigte. Sie können ergänzen, was man heute über diese Personen weiß. Es kann dabei gerade in Kenntnis späterer Entwicklungen interessant sein, mitzuverfolgen, wie die Menschen in dieser Zeit über ihre Absichten und Pläne dachten und sprachen. Zugleich können die Beiträge aber auch den weiteren Werdegang der beschriebenen Personen in dieser oder jener Hinsicht erhellen.

In diesem Band sind nicht die hochstehenden Kulturträger versammelt, sondern Menschen, deren Schaffen im kleineren Umfeld erfolgte und die keiner großen Bühnen bedurften, um sich ihres Können zu versichern. Manche Beispiele kreisen um persönliche Steckenpferde, andere beschreiben interessante Berufe oder Geschäftsideen. In allen hier portraitierten Personen trafen Neigung und Können zusammen – es waren jedesmal Leute, die das, womit sie sich beschäftigten, gerne taten und die daraus auch eine besondere Qualität ihrer Arbeit bezogen.

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