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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2018 Hannelore Deinert

Herstellung und Verlag:

BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-7528-7497-6

Das „Alte Schulhaus“

Ich behaupte, dass, wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, mehr von Land und Leute mitbekommt, als mit irgendeinem anderen Verkehrsmittel. Man ist frank und frei, nur auf sich und seinen Drahtesel gestellt, fast wie ein Wandergeselle, erlebt die Natur und die sich stets wechselnden Gegebenheiten mit allen Sinnen und bleibt dabei körperlich fit. Die Speisen, Sitten, Gebräuche, Trachten und Baustile mögen sich regional ändern, das ist interessant und abwechslungsreich, aber die Menschen, das ist mein Eindruck, bleiben sich im Grunde gleich, überall gibt es solche und solche.

Aber ehe ich ins Schwärmen für das Fahrradfahren gerate, möchte ich lieber von einem Ereignis berichten, das sich während einer unserer Touren zugetragen hat. Bis dato habe ich noch keiner Menschenseele davon erzählt, schon gar nicht meinem Mann, er hätte mich, fürchte ich, glatt weg für verrückt erklärt.

Mein Name ist übrigens Angelika Altmeier, mein Mann Peter und ich bereiteten uns wieder einmal auf eine Fahrradtour vor, seit wir die sechziger überschritten haben, gönnen wir uns welche mit Rückenwind, den man nach Bedarf einstellen kann. Wir haben schon so manchen Flusslauf befahren und wissen, was in eine Satteltasche gehört, eine Luftpumpe natürlich und ein Flickzeug-Set für eventuelle Reparaturen, ein Desinfektionsmittel für Schürfwunden, etwas Verbandszeug, viel Sonnencreme und die Bereitschaft, so ziemlich mit allem zu rechnen und so manche Unannehmlichkeit in Kauf zu nehmen. Zuhause dann müssen sich Familie und Freunde eine Flut von Fotos anschauen, die von uns wortreich dokumentiert werden. Nicht alle bringen die nötige Geduld und das Interesse dafür auf.

Wie auch immer, bei unserer letzten Tour ereignete sich in einem kleinen, unscheinbaren Ort etwas, das ich schon ziemlich verdrängt und als zu abwegig abgehakt hatte, bis eben jener Brief ins Haus geflattert kam.

Aber fangen wir lieber von ganz vorne an.

Auch dieses Mal brachten wir unsere Räder auf Vordermann und verschickten sie per Paketdienst nach Cuxhaven, in ein Hotel nah am Hafen, dort sollte unsere Tour beginnen, dieses Mal wegen des sprichwörtlichen Nord- Südwindes also von der Elbmündung bis nach Magdeburg. Leider hält sich der Wind selten an Absprachen, er wechselt, wie man weiß nach Lust und Laune seine Richtung, was wir zeitweise zu spüren bekommen sollten. Ansonsten aber überließ Peter ungern etwas dem Zufall, er tüftelt auch dieses Mal im Vorfeld mittels eines Elbe-Bike-Tourenbuchs sorgfältig die anstehende Reiseroute aus, die täglich zu fahrenden Kilometer, die Orte und die Unterkünfte, in denen wir nächtigen würden, und die Sehenswürdigkeiten, die wir auf keinen Fall verpassen durften. Trotzdem, eine Tour auf eigene Faust ist immer mit Überraschungen und Risiken verbunden, aber das macht den Reiz derselben ja aus.

Da wir im Rhein-Main- Gebiet wohnen und eher selten so hoch in den Norden kommen, wollten wir uns bei der Gelegenheit Hamburg ansehen und danach ein paar Tage in Helgoland verbringen. Wir fuhren also mit dem ICE nach Hamburg Altona, wo Peter in einem Hotel für zwei Nächte ein Zimmer hatte reservieren lassen, bummelten durch Hamburgs Innenstadt, genossen das Flair des Hafens, aßen in kleinen Restaurants und ließen uns bei einer Hafenrundfahrt, auf Deck eines Raddampfers, die Speicherhäuser und die berühmte Elb-Philharmonie zeigen und erklären.

Am Morgen des dritten Tages bestiegen wir mit leichtem Gepäck einen Katamaran, ein Schnellboot, das uns in gut zwei Stunden durch die Elbe, das Delta und über die Nordsee zur Insel brachte.

In Helgoland wehte ein scharfer, kalter Wind, tiefliegende, dunkle Wolken kündigten baldigen, anhaltenden Regen an, was mich veranlasste, noch im Hafengebiet eine wetterfeste Jacke zu kaufen, es lohnte sich, das Wetter hielt, was es versprach. Das konnte uns aber wenig verdrießen, trotz des heftigen Nordwindes nicht, der über die Insel fegte, und des Regens, der auf die dicht liegenden Schieferdächer der Unterstadt und auf das Oberland prasselte, gelegentlich setzte sich auch die Sonne durch. Wir genossen die Hummerbuden im Unterland und die Wanderung über das Oberland zum Lummenfelsen mit den abertausenden Lummen und verliebten, ohrenbetäubend schnatternden Basstölpel. Wir bummelten gut verpackt durch die schmalen Gässchen, bewunderten die fantasievoll und witzig gestalteten Vorgärtchen und kehrten in die gemütlichen, originellen, immer überfüllten Lokale ein.

Nach zwei Tagen bestiegen wir einen Katamaran, wiederum ein Schnellboot, nahmen Abschied vom roten Felsen und düsten nach Cuxhaven.

In einem Hotel nah am Hafen hatte Peter für zwei Nächte ein Zimmer gebucht, dort warteten unsere e-Bikes auf uns. Wir hatten genug Zeit, um zur Elbmündung, der nördlichsten Spitze des Landes, zu radeln, dort durch das Watt zu wandern und die berühmte Kugelbake zu besichtigen, einen weithin sichtbaren Turm aus Holz, der in früheren Zeiten vor gefährlichen Untiefen und Sandbänken warnte oder an Flussmündungen die Hafeneinfahrt signalisierte. Dann bummelten wir durch die Straßen von Cuxhaven und bewunderten die hinter hübschen Mauern und Metallzäunen liegenden, meist herrschaftlich anmutenden Häuser. Auf einigen waren Tafeln angebracht, auf denen die Erbauer zu lesen waren, nämlich Kapitäne, die sich im vorigen Jahrhundert hier niedergelassen haben. Die unzähligen Kneipen und Fischlokale rund um den Hafen ließen die Vermutung zu, dass sich auch Matrosen und Schiffsbesatzungen hier wohlgefühlt haben mussten.

Wir besuchten das Auswanderer-Museum mit den Abfertigungs- und Wartehallen, auf endlos aufgereihten Informationstafeln wurden die Schicksale vieler Auswanderer und der sich rivalisierenden Reedereien anschaulich dargestellt. Ob es wohlhabende Emigranten waren, für die die Reise in die neue Welt ein abenteuerliches Vergnügen war, oder Menschen, die vor Not und Elend flüchteten, die mit Lederriemen gesicherten Schrankkoffer und die armseligen, übereinander gestapelten Köfferchen, die in der Eingangshalle ausgestellt waren, und die übergroßen Bildertafeln von Auswanderfamilien veranschaulichten die Hoffnung, die alle Auswanderer miteinander verband, die Hoffnung auf ein besseres Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Als wir am dritten Tag frühzeitig mit unseren Hightech Eseln aufbrachen, war es wolkig und leicht windig, aber in unseren Windjacken, die meine aus Helgoland, störte uns das wenig. Zuerst ging es durch zahllose Gatter, die wir wegen den auf den Deichen weidenden Schafsherden öffnen und wieder schließen mussten, auf der Elbe glitten auf Weidenhöhe, wie es uns schien, lautlos große Last- oder Ausflugsschiffe vorbei. Die romantischen Orte, durch die wir fuhren, und die reetgedeckten, ziegelgemauerte Bauernhäuser, an denen wir vorbeikamen, begeisterten uns.

Aber ich will nicht vom romantischen Hofgut erzählen, in dem wir unsere erste Nacht verbrachten, oder von den gemütlichen Raststätten, in denen wir einkehrten und beispielsweise leckere Kartoffelsuppe mit Ingwer serviert bekamen. Ich werde es mir auch verkneifen, von der einstmals reichen Hansestadt Stade, durch deren Plätze und verschwiegenen Gassen wir bummelten, oder vom Alten Land, seinen endlosen Obstgärten und saftgrünen Marschwiesen zu berichten, in denen wir uns verirrten und schließlich doch noch auf Umwegen den Hamburger Hafen erreichten. Es würde auch zu weit führen, von der abenteuerlichen Fahrt durch Hamburg zu erzählen, in der ausgerechnet an diesem Wochenende der G 20 Gipfel stattfand und einem Hexenkessel glich. Von den ausufernden Randalen wurde ja ausführlich berichtet.

Eines jedoch muss ich doch erwähnen, weil es für meinem Mann und mich so typisch ist.

Nach einer gemütlichen Nacht in einem Fährhaus standen wir vor der Wahl, entweder auf der Landstraße weiterzuradeln oder den Weg durch den Wald zu nehmen, er war als „Oberelbe-Fahrradweg“ beschildert, was für uns sehr vielversprechend klang. Natürlich bevorzugten wir den Weg durch Wald, aber bald schon schrumpfte der sogenannte Oberelbeweg zum Pfad und schließlich zum Schleichweg zusammen. Schon glaubten wir, uns wieder einmal verheddert zu haben und wollten umkehren, da sahen wir auf einem mannshohen, halbierten Baumstamm, der in den Waldboden gerammt war, unseren typischen Elbe-Fahrrad-Wegweiser, ein geschwungenes blaues e und ein grünes Fahrrad, der Pfeil darauf wies eindeutig einen steilen, meterhohen, rutschigen Hang hinauf. Na, toll, da sollten wir also nun mit unseren schweres eBike-Eseln mitsamt Satteltaschen hinauf, für mich schlichtweg unmöglich, ich hätte Kopf und Kragen riskiert. Peter verspürte keine große Lust umzukehren, mir war auch nicht danach, also schaute ich mit angehaltenem Atem zu, wie er heftig radelnd Anlauf nahm und dann versuchte hinaufzukommen, er schaffte es mit Müh und Not. Oben stellte er keuchend sein Rad ab und schaute zurück, und weil ich keine Anstalten machte nachzukommen, schließlich kenne ich meine Grenzen, kam er zurück, um es auch mit meinem Fahrrad zu versuchen. Wiederum stockte mir der Atem, als ich zusah, wie er, heftig in die Pedale tretend, sich hinauf plagte, dann kletterte ich ihm nach, klar, dass ich meinen mutigen Mann in diesem Moment im Stillen unglaublich bewunderte. Danach erwies sich der Oberelbeweg durch den Wald zwar als herausfordernd, urwüchsig und abenteuerlich, aber wunderschön und abwechslungsreich. Die gelegentlichen Ausblicke durch die Bäume hinunter auf die Elbe machten jede Mühe wett.

Die Elbmarschlandschaften mit den kleinen Seen, auf denen sich unzählige Schwäne und Enten aufhalten, die romantischen Mühlen, in einer davon haben wir sogar genächtigt, die alten, bezaubernden Städtchen oder die Brücke, die einen halben Kilometer weit in die Marschlandschaft hinein gebaut ist und im Nirgendwo endet, sind allemal eine Radwanderung wert. Auch die vielen netten Begegnungen, zum Beispiel