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Deutschsprachige Erstausgabe November 2018

Copyright © 2018 Keff Vidala

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet

Covergestaltung und Satz: Wolkenart - Marie-Katharina Wölk,

www.wolkenart.com

Fotos: Instagram: Blackskin_Photo, Kerime Ölcek, Hagen –

Instagram: Kreamy.graphy

Make Up: Whinny Wonder Instagram:iamwhinny

Korrektorat, Lektorat: Cindy Thomas www.schreibservice-thomas.de

Druck und Verlag: BoD-Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-748160-75-5

1. Auflage

Keff Vidala

Kerfala Vidala wurde in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) geboren.

Mit neun Jahren zog er nach Deutschland und ging dort ein Jahr lang in die Vorschule, um die deutsche Sprache zu erlernen. Nachdem er die Grundschule trotz einiger Schwierigkeiten bewältigte, besuchte er die Theodor-Heuss-Hauptschule in Herten und erwarb erfolgreich seinen Abschluss. Sein Weg führte ihn weiter auf die Kuniberg Berufsschule für Wirtschaft und Verwaltung in Recklinghausen, in der er seinen Realschulabschluss errang, und anschließend auf die Paul-Spiegel-Berufskolleg in Dorsten, um sein Fachabitur im Bereich Betriebswirtschaft zu absolvieren. Jedoch trieben ihn seine Träume und außerschulischen Interessen immer wieder in eine andere Richtung, sodass er nach drei Jahren des Probierens das Fachabitur abbrach und nach Essen zog.

Da hielt er sich mit mehreren Jobs über Wasser, arbeitete u. a. als Verkäufer in einem Mobilfunk-Geschäft, danach bei einem Möbelhersteller, bis ihn der Ehrgeiz bewog, sein Abitur auf der Ruhr-Kolleg nachzuholen, was er jedoch nicht zum Abschluss brachte. Während dieser Zeit lernte er Aaliyah kennen, die ihn dazu inspirierte, sein erstes Buch über sein Leben zu schreiben. Für seine ehemaligen Freunde schien dieses Vorhaben undenkbar, sodass sie ihn fortan als Träumer abstempelten. Doch Keff hielt an seiner Vision fest, trennte sich von seinem alten Leben und siedelte für einen Neuanfang nach Stuttgart über.

Dort leistete er erfolgreich eine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel ab und schrieb parallel dazu sein erstes Buch mit dem Titel „Bis die Liebe uns findet“, das er 2016 aus eigener Kraft verlegt und finanziert hat, nachdem ihm 36 Verlage eine Absage erteilten. Dennoch wurde das Buch für ihn ein Erfolg und verkaufte sich bis zum heutigen Datum 20.500 Mal.

Im August 2017 legte er mit seiner neuen Lektüre „Bis die Liebe uns findet – Teil 2“ nach und plante schon damals Teil 3, sein viertes und – wie er selbst sagt – letztes Werk. Er beabsichtigt 2019/20, seine Bücher auch in englischer Sprache zu veröffentlichen, möchte aber erst mal eine Pause vom Schreiben nehmen und sich anderen Träumen und Visionen widmen.

Derzeit arbeitet Keff als Filialeiter in Mannheim.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

Willkommen zum abschließenden Teil. Ich bedanke mich, dass du mir nach Teil 1 und Teil 2 nun ein letztes Mal dein Vertrauen schenkst.

Ich will dich auf gar keinen Fall zu lange mit diesem Vorwort quälen und gleich mit der Geschichte anfangen, denn du hast lange genug gewartet. Aber bevor ich das tue, gibt es noch einige wichtige Infos, die du vorher erfahren solltest.

Ehe ich die ersten Buchstaben tippen konnte, stand ich vor schweren Entscheidungen, denn das letzte Buch sollte viele offene Fragen beantworten und einige große Geheimnisse preisgeben. Diese Geschichte wird die anderen Teile in ein ganz ungewöhnliches Licht stellen. Es werden viele Themen und Geschehnisse angesprochen, die ich im ersten und zweiten Teil aus rechtlichen Gründen nicht schreiben durfte und wollte, aber auch aus Sorge, da eine Vielzahl von Menschen eine besondere Rolle in dieser Geschichte spielen werden. Die Reaktionen hätten von Klagen über anwaltliche Abmahnungen bis hin zu Racheaktionen reichen können.

Am Anfang wollte ich Teil 3 aus der Sicht von Aaliyah schreiben, denn so haben es sich viele Leser gewünscht. Aber nach einem Kapitel verwarf ich die Idee wieder. Ich fand es erstens seltsam, mit Aaliyahs Stimme zu schreiben, fast schon unheimlich. Zweitens konnte ich auf diese Weise die Geschichte der anderen Menschen, die in Aaliyahs und in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, nicht so verfeinert darstellen. Ich wäre ihr, der Story und all dem, was die anderen Personen fühlten, nicht gerecht geworden.

Das Besondere an Teil 3 ist, dass ich nur eine Nebenrolle spielen werde, denn meine Vergangenheit wurde schon erzählt. Im dritten Teil wird es Zeit, die Geschichte von Aaliyah, ihrer Familie, Leyla und Amirah zu erzählen. Es war keine einfache Aufgabe, denn vieles, was ihr lesen werdet, habe ich von Leyla, Aaliyah, Melissa und Hakima persönlich erfahren, gewisse Dinge wiederum durch Hörensagen herausgefunden und manches habe ich frei interpretiert in der Hoffnung, so könnte es passiert sein.

Mein Wunsch war, dass ihr Teil 3 wie eine Serie betrachtet, in der es mit jeder Folge immer spannender wird und sich diverse Geheimnisse immer mehr offenbaren. Ich hoffe, ich werde meinem eigenen Anspruch gerecht. Aber noch viel wichtiger ist, dass diese Erzählung dich aus deinem Alltag heraus in die Welt von „Bis die Liebe uns findet“ entführt. Ich möchte, dass du diese Story einfach genießt, denn es ist eine wunderbare und besondere Geschichte, in der sich Kulturen, Religionen und Rassen in schicksalhaften, dramatischen, glücklichen und traurigen Momenten treffen und wieder trennen.

Ich glaube, du bist bereit für Teil 3, oder? Dann wünsche ich dir viel Freude beim Lesen!

Dein Keff Vidala

KAPITEL 1

Liebe oder Hass?

***

Aaliyah, ich bin bereit, deine wahre Identität

preiszugeben.

Ich bringe dich heute nach Hause ...

***

Türkei, Istanbul

Jahr 2015

Issa wartete ungeduldig am Ankunftsbereich des Istanbul-Atatürk-Flughafens, dem größten internationalen Flughafen der Türkei. Kantige Gesichtszüge und ein Drei-Tage-Bart formten sein Gesicht. Seine markanten Augenbrauen und die grüne Augenfarbe waren sein Markenzeichen. Letztere hatte er seinem Sohn Bilal weitervererbt, der inzwischen 9 Jahre alt war. Issa erreichte bald die 50, war athletisch gebaut und 1,88 m groß, was eine normale Größe wäre, würde der Rest der Familie sich nicht bei 1,80 m einpendeln. Deshalb wurde er in der Familie und vor allem von seinem großen Bruder des Öfteren als „der kleine Große“ betitelt. Er war der Jüngste von drei Brüdern.

Für das Wiedersehen hatte er sich extra neue Klamotten geholt. Issa musterte sich selbst nochmal, ob er nicht irgendein Etikett am weißen Hemd, an der schwarzen Hose oder dem dunkelroten Sakko übersehen hatte, denn darin war er ein Meister. Die hektischen Bewegungen der Touristen und Einheimischen machten ihn noch nervöser als er ohnehin schon war. Seine zwei muskelbepackten Begleiter, komplett in schwarz gekleidet, hielten einen gesunden Abstand zu ihm. Um ihn herum viele angespannte Gesichter mit einem Hauch Glückseligkeit, die es kaum erwarten konnten, ihre Verwandten und Freunde wiederzusehen. Einige der Menschen erkannten ihn und grüßten freundlich, denn inzwischen war er ein angesehener Mann in Istanbul. Plötzlich liefen einige Kinder an ihm vorbei, die Fangspiele veranstalteten.

Er schaute minütlich auf seine Armbanduhr. Sie müsste jede Sekunde durch den Ausgang kommen. Er spürte deutlich, wie sein Herzschlag an Schnelligkeit und Stärke gewann. Wie sie jetzt wohl aussehen mag, fragte er sich und diese Frage erzeugte einen kalten, schmerzlichen Schauer, der über sein Herz hinweg fegte. Auch er hatte die schreckliche Nachricht gehört. Alle haben es gehört und doch wollte es niemand so richtig wahrhaben, vor allem er nicht. Für ihn glich es einem Alptraum, etwas, was man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschen würde. Und wie makaber es auch klingen mochte, sogar jetzt, wo er sie gleich sehen würde, hoffte er immer noch, dass es sich nur um einen dummen Irrtum handeln würde.

Und dann waren da noch die starken Schuldgefühle. Sie ließen ihn seit Jahren nicht mehr los. Es war seine Schuld. Die Vergewaltigung, der Selbstmordversuch, all die schlimmen Dinge, die ihr passiert waren, für all diese Qualen gab er sich die Schuld. Die Worte, die ihr Vater immer wieder am Telefon geschrien hatte, waren wie Schläge in seinen Magen und genau jetzt, wo er sie gleich sehen wird, schossen sie wie Blitze in seinen Kopf.

„Es ist alles deine Schuld, Issa! Du verdammter Hund! Du hast das Leben meiner Tochter zerstört!“

Diese Worte brachen ihm immer wieder das Herz, es schmerzte ihn tief in der Seele. Diese Sorge, vor ihr zu stehen und ihr in die Augen schauen zu müssen, fühlte sich wie ein Hieb in den Magen an. Wie sollte er sie begrüßen? Was sollte er zu ihr sagen? Ein „Es tut mir leid“? Tröstende Worte? Eine Mutrede? Was wäre die richtige Taktik? Je länger er überlegte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich keine richtigen Worte für all das, was passiert war, gab.

Bevor er seine Gedanken zu Ende fassen konnte, öffneten sich die Türen des Ausgangs und die Passagiere, die endlich den Zoll passieren konnten, kamen in Strömen heraus. Zwischen den Familien, die sich herzlich umarmten, sah er sie. Wie das Licht der Sonne, die morgens ihre volle Schönheit präsentierte, stach sie aus der Menge hervor. Er atmete tief durch.

„Aaliyah!“, rief er ihr zu.

Sie hörte ihn nicht.

„Aaliyah, ich bin hier!“ Issa winkte hektisch mit den Händen.

Nach einigen Sekunden trafen sich endlich ihre Blicke. Sie lächelte und lief geschmeidigen Schritts zu ihm. Und dann standen sie beide voreinander. Sie hatte ein schönes weißes Kleid an und einen Turban mit Blumenmuster auf dem Kopf. Issas Hände begannen leicht zu zittern, er suchte panisch nach dem richtigen Satz.

„Umarme mich doch einfach“, bot Aaliyah ihm lächelnd an.

Ihre Stimme klang fremd, sie hatte irgendwie ein Stückchen Leben verloren, stellte er überrascht fest. Er breitete seine Arme aus und sie umarmten sich herzlich. Bei der Berührung spürte er deutlich, wie schwach sich ihr Körper anfühlte. Sie hatte extrem viel abgenommen. Als er ihr Gesicht genauer betrachtete, zweifelte er nicht mehr. Sie ist wirklich an Krebs erkrankt. Bei dem Anblick konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Was immer du brauchst, sage es mir. Mein Zuhause ist dein Zuhause, verstanden?“, sprach er mit leicht zittriger Stimme und dem Weinen nahe. Er hielt ihre Hände und fuhr fort: „Melek hat dir dein Lieblingsessen gekocht – gebackenes Fladenbrot, darüber Tomatensoße mit Lammfleisch – und Bilal freut sich sehr auf dich.“

„Ich esse doch kein Fleisch mehr“, seufzte Aaliyah.

Er wischte seine Tränen kurz weg. „Oh, du bist auch eine dieser hippen Frauen geworden?“ Er grinste verlegen, da er nicht wusste, ob der Spruch ankommen würde, und ergänzte schnell: „Natürlich bekommst du den Teil ohne Fleisch. Mehr für mich.“ Er lachte, um seine Nervosität zu überspielen.

Aaliyah erkannte die Situation schnell. Sie küsste Issa auf die Wange.

Issa nahm die große Tasche und Aaliyahs Rollkoffer an sich.

„Das Schieben schaffe ich ja wohl noch selbst“, murmelte sie und versuchte nach dem Rollkoffer zu greifen.

Issa machte mit der Hand eine Stoppbewegung. „Es gehört sich nicht für einen Gentleman, eine Frau etwas Schweres tragen zu lassen.“

Aaliyah ließ ihn heute ausnahmsweise mal Gentleman sein.

Die zwei Leibwächter liefen wie auf Befehl in zehn Metern Abstand hinter ihnen her.

„Was sind das für Typen?“, flüsterte Aaliyah an sein Ohr, als sie die Männer bemerkte.

„Oh, tut mir leid, ich habe vergessen zu erwähnen, dass das meine Leute sind. Sie sind für unseren Schutz zuständig.“

„Schutz? Wozu Schutz?“, fragte Aaliyah.

„Na ja, es ist viel passiert, seit ihr nach Deutschland gezogen seid. Unsere Familie wird ab und zu bedroht, aber ich habe alles unter Kontrolle.“

„Ist es wegen der Sache, die vor ein paar Jahren passierte?“

Issa zuckte mit den Schultern „Bestimmt hat es auch damit zu tun.“

Aaliyah verstand diese Vorsicht, aber es war ihr trotzdem etwas unheimlich. „Hast du noch das Lokal?“, fragte sie.

„Meinst du das ‚Miryam‘?“

Aaliyah nickte.

„Hat dir dein Vater das nicht erzählt? Ich habe es verkauft und in der Nähe des Taksim-Platzes ein neues eröffnet.“

Aaliyah war betrübt über diese Nachricht. Tatsächlich wusste sie das nicht, entschied sich aber, nicht darüber zu sprechen.

Als sie draußen auf dem Parkplatz standen, roch die Luft in Istanbul nach arabischen Gewürzen. Der blaue Himmel erstreckte sich wie eine Decke über den Atatürk-Flughafen. Issa packte die Tasche und den Rollkoffer in den Kofferraum. Sie stiegen in den alten Mercedes S-Klasse ein. Die zwei schwarzen Männer setzten sich in einen gelben Geländewagen, der neben ihnen parkte.

Nicht gerade unauffällig, dachte sich Aaliyah, als sie den Wagen sah. Sie war erstaunt, dass Issa den Mercedes immer noch besaß. Diesen kannte sie noch aus ihrer Kindheit. Damals gehörte der Wagen ihrem Vater. Das Auto sah nach fast 15 Jahren immer noch wie neu aus, die Felgen glänzten und der Lack wies keinen einzigen Kratzer auf. So war Issa, dachte Aaliyah, als sie auf dem Rücksitz Platz nahm. Er schätzte Geschenke sehr, pflegte sie und passte auf, dass nichts beschädigt wurde, wie auf ein Baby, das man ihm überließ.

Issa startete derweil den Motor. Er lotste den Wagen aus dem Parkplatz, raus aus dem Airport in Richtung Autobahn. Vor ihnen lag eine fünfzigminütige Autofahrt.

Aaliyah schaute aus dem Fenster. In der Ferne erstreckte sich eine Metropole mit vielen Hochhäusern. Dieser Anblick überraschte sie. Vor Jahren, als ihre Eltern Istanbul verließen, lebten die meisten Menschen in Karaköy-Galata wie Bauern. Viele hatten nicht mal Strom oder fließendes Wasser. Vor allem die armen Kinder taten Aaliyah immer am meisten leid. Und so wirkte der ferne Anblick der Metropole ähnlich einem Orchester, das mit den Tönen seine Spannung stets steigerte, je näher sie dem Zentrum kamen.

„Wo wohnst du eigentlich jetzt?“, fragte Aaliyah, während Issa die Geschwindigkeit erhöhte.

„Immer noch in Karaköy. Das Haus habe ich nicht verkauft“, erwiderte er grinsend in dem Wissen, dass es Aaliyah sehr freuen wird, wieder in ihren Geburtsort zurückzukehren. Durch die Krankheit und den langen Flug plagte sie die Erschöpfung und sie schlief immer wieder im Auto ein.

Nach einer halben Stunde zogen sich die Wolken zusammen, es schien, als würde es bald regnen. Als Issa einige Blicke in den Rückspiegel warf, war Aaliyah wieder wach. Sie wirkte sehr nachdenklich. Er überlegte kurz, ob er das Thema aufmachen sollte, das ihn belastete, doch dann kam ihm etwas anderes in den Sinn. „Hast du eigentlich alles geschafft, was du schaffen wolltest?“, hakte er vorsichtig nach.

Diese Frage erzeugte einen Stich in Aaliyahs Brust. Sie seufzte. „Ich weiß nicht, ob mein Plan aufgehen wird. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt.“

„Was ist mit diesem Kerfala? Konntest du dich noch verabschieden?“

Aaliyah hielt für einige Sekunden inne. Sie versuchte, ihre Stimme zu kontrollieren, um den darin befindlichen Schmerz zu verbergen. „Ich befürchte, dass ich ihm nicht genug Kraft gegeben habe. Ich hätte ihm, glaube ich, die komplette Wahrheit erzählen müssen. Aber das wäre alles zu viel gewesen.“ Aaliyah atmete ein und wieder aus, doch sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Mit weinerlicher Stimme fuhr sie fort: „Ich habe einen gebrochenen Mann getroffen. So hätte ich ihn niemals alleine lassen sollen.“ Sie wischte sich mit der rechten Hand die Tränen von den Wangen. „Am meisten tut mir Leyla leid. Wenn der Plan nicht aufgeht, will ich mir gar nicht ausmalen, was passieren wird.“ Nach dem Satz liefen ihr noch mehr Tränen über das Gesicht.

Issa, der die Autobahn verließ und über die Galata-Brücke fuhr, bedauerte das sehr. Natürlich hatte er sie schon oft weinend oder verletzt gesehen, aber das hier war viel mehr als das. Das waren Schuldgefühle und innerlicher Schmerz, der sehr stark brannte. Und dann erinnerte er sich blitzartig an seine eigenen Schuldgefühle, an die Vergewaltigung. Wie sollte er Aaliyah erklären, dass sie wegen ihm missbraucht wurde? In seinem Kopf drehte es sich langsam. Um die Konzentration beim Autofahren nicht zu verlieren, zwang er sich, klare Gedanken zu fassen. Er schaute wieder in den Rückspiegel und sagte in überzeugender Stimmlage: „Du hast dein Bestes getan. Alles liegt jetzt in Gottes Macht.“

Nach diesem Satz fing es plötzlich an zu donnern. Augenblicke danach fielen die ersten Regentropfen und streichelten die Windschutzscheibe des Wagens.

„Ich hoffe so sehr, dass alles nach Plan laufen wird. Ich bete täglich dafür“, erwiderte Aaliyah.

„In sha Allah, wenn Gott will, wird es das, Aaliyah. Er wird nach der Wahrheit suchen. Es wird Zeit, dass du dich jetzt um dich kümmerst. Du bist wieder zu Hause, vergiss das nicht.“

Sie lehnte ihren Kopf seitlich gegen das Kopfkissen und beobachtete die Tropfen, die immer stärker gegen die Scheibe prasselten. Sie dachte an das Galata-Ufer, wo sie als kleines Mädchen regelmäßig mit ihrer Oma Fisch gekauft hatte. Dann verwischten die Gedanken und sie dachte an Amirah, danach an Leylas Wutrede und wieder an Amirah, wie sie ihr von ihrer kleinen Schwester Aisha erzählte.

Sie verließen jetzt die Galata-Brücke und befanden sich in Karaköy. Aaliyah hob gespannt ihren Kopf und beobachtete die Menschen, die an den Ampeln warteten. Es regnete immer noch. Dabei dachte sie an Keffs Worte, die er einst an sie richtete. Wenn du den Regen sehen oder hören kannst, werden in diesem Moment die Seelen der gebrochenen Menschen gereinigt. Noch vor ein paar Jahren hätte sie niemals gedacht, dass sich ihr Leben so radikal ändern würde. Was für eine Ironie, dass ihre Familie damals Istanbul verließ, um ein besseres Leben führen zu können. Heute kommt sie zurück, um besser sterben zu können ...

***

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich endlich glücklich bin, seit ich meine Geschichte erzählt habe. Ich nahm immer an, dass der, der die Liebe als Symbol der Stärke verkörpert, vom Leben beschenkt wird.

Ich lag falsch, Aaliyah. Während ich endlich bereit bin, die komplette Wahrheit aufzuschreiben (deine Wahrheit), bin ich gerade auf dem Weg. Ich gehe dahin, wohin ich schon längst hätte gehen sollen ...

***

Türkei, Istanbul

Jahr 1987

Es war an einem Montagmorgen, als der mechanische Wecker Sivan aus seinem Tiefschlaf riss. Geräusche von hupenden Autos und brummenden Motoren durchfluteten sein Hotelzimmer. Er spielte kurz mit dem Gedanken, die heutigen Geschäftstermine abzusagen und weiterzuschlafen, aber der Geruch nach frischem Kaffee, der seine Nase verführte, war eine große Hilfe, um sich doch für das Aufstehen zu entscheiden.

Er erhob sich mit aller Kraft aus seinem Bett und schaute auf die Uhr. 7:30 Uhr. Eindeutig zu früh für seinen Körper, dachte er sich. Er ging einige Schritte ans Fenster und warf seine Blicke ziellos nach draußen auf die Stadt Karaköy in Beyoglu-Istanbul. Als er einen Fensterflügel öffnete, roch die Luft nach Geschichte. So viele Religionen, Kulturen und Rassen formten die Metropole, die früher noch Konstantinopel hieß, zu dem, was es heute ist: Istanbul.

Er konnte von seinem Fenster aus das Wasser des Bosporus sehen. Viele kleine Schiffe kreuzten seinen Blick. Die Angler arbeiteten auf Hochtouren, um die Fische zu fangen, die im Herbst vom Schwarzen Meer aus durch den Bosporus zogen. Auf der anderen Seite erkannte er in der Ferne Menschen im Wasser, die ihre morgendlichen Bahnen schwammen. Das war sozusagen der türkische Frühsport.

Als er und sein Bruder zum ersten Mal hier waren, besuchten sie den Galata-Turm. Ihr Vater hatte ihnen immer von dem Turm erzählt, verpackt in spannende Geschichten und dass er in der Türkei ein echtes Wahrzeichen wäre. Sie selber kamen aus Beşiktaş, genauer gesagt aus Ortaköy.

Istanbul schlief nie, vor allem nicht, wenn es Abend wurde. Er und sein Bruder hielten sich meistens in schicken Restaurants auf und verwöhnten sich mit türkischen Spezialitäten. Vor allem der Fisch hier war ein Genuss für die Sinne. Alle Zutaten wurden auf einem kleinen Markt am Galata-Ufer gehandelt und nur wenige Meter weiter in den Restaurants in köstliche Gerichte verwandelt. Immer, wenn sie in einer dieser Gaststätten waren, wurde ihnen zuerst eine Mezze-Tafel eingerichtet, dazu viel Fladenbrot, was sein kleiner Bruder sehr mochte. Sivan machte oft Spaziergänge am Goldenen Horn. Die Kulisse, die ihm dort geboten wurde, war unbezahlbar.

Er drehte sich weg vom Fenster und hin zum Inneren des Zimmers. Seine Blicke wanderten zum uralten Wandspiegel. Er ging einige Schritte darauf zu. Der Spiegel sah aus, als würde er schon 200 Jahre da hängen. Die Ränder trugen Rost und man konnte an etlichen Stellen auf der Oberfläche das Gesicht nicht mehr erkennen. Das Hotel ließ ihn mit der Begründung dran, dass es einen historischen Wert hätte und man Vergangenheit nie wegwerfen sollte, aber Sivan hatte das Gefühl, dass es nur eine Ausrede war, um nichts austauschen zu müssen. Schließlich gab es jede Menge alte Geschichte im Zimmer.

Sivan begutachtete sein Gesicht im Wandspiegel. Die Müdigkeit hatte ihn deutlich gezeichnet. Er besaß sehr weiche Gesichtszüge, was man heute als „Baby-Face“ bezeichnen würde, hellbraune Augen, die sofort auffielen, und seine Haare trug er gerne etwas länger und kämmte sie nach hinten. Er besaß keinen Bart und rasierte sich strikt an jedem dritten Tag. Wegen seines Aussehens verwechselten ihn viele mit einem Italiener oder Spanier, was ihm aber eher schmeichelte, statt ihn zu beleidigen. Deshalb kleidete er sich gerne wie die Männer aus den westlichen Ländern. Italienische Anzüge aus feiner Schurwolle, Kaschmir-Qualität, edle Baumwoll-Hemden, stylische Budapester und Penny Loafer dominierten seinen Kleiderschrank. Deshalb durften auch auf dieser Reise seine Maßanzüge nicht fehlen.

Er und sein kleiner Bruder hatten sich in Karaköy die beste Pension reserviert. (Wenn das aber das beste Hotel war, wollte er sich nicht das schlechteste ansehen.) Der Vorteil bestand darin, dass ihr Vater den Direktor der Pension kannte. So bezahlten sie nur den halben Preis und bekamen das (angeblich) beste Zimmer des Hotels, das nur sehr reiche Bürger oder hohe Politiker für sich beanspruchen durften.

Als Sivan sich eine Hose und ein Shirt angezogen hatte, ging er um die Ecke des Wohnbereichs. Sein kleiner Bruder, der immer schon früh auf den Beinen war, hatte Frühstück ins Zimmer bestellt. Eine königliche erste Mahlzeit des Tages stand auf dem Esstisch bereit. Wenigstens konnte er sich auf das Essen verlassen.

„Assalamu Alaikum, Friede sei mit dir! Gut geschlafen?“, fragte ihn sein kleiner Bruder, der morgens immer gut gelaunt war.

„Alaikum Salam. Sehr gut“, begrüßte ihn Sivan mit müder Stimme. „Heute haben wir einen sehr anstrengenden Tag, Issa“, fuhr er fort und nahm einen Schluck von dem arabischen Kaffee, den er so sehr liebte.

Issa nickte und biss in sein Fladenbrot, das mit Rührei gefüllt war.

„Wäre nur Mustafa hier, dann wäre alles viel leichter, aber der lässt es sich lieber mit Partys und Frauen gut gehen als für seine Familie da zu sein“, seufzte Sivan und nahm nachdenklich einen weiteren Schluck Kaffee aus seiner Tasse.

„Er wird den Weg des Islams noch gehen, in sha Allah“, erwiderte Issa.

„Den kann keiner mehr retten, glaube mir. Ich hasse ihn jetzt schon“, antwortete Sivan kühl. Nachdem er auch einige Bisse von seinem Fladenbrot mit Rührei und anschließend einen Apfel gegessen hatte, ging er direkt ins Badezimmer und machte sich frisch für den heutigen Tag.

Als nun auch Issa bereit war, zogen beide ihre besten Anzüge an. Sivan entschied sich für ein gestreiftes Kostüm mit weißem Hemd und schwarzen Lederschuhen, Issa hingegen für einen hellgrauen Anzug mit breitem Revier. Sein Aussehen rundete er mit braunen Lederschuhen ab. Beide nahmen ihre Sonnenbrillen und die Aktenkoffer. Der Look hätte den Eindruck erzeugen können, es handele sich hier um zwei Geheimagenten auf einer sehr wichtigen Mission.

Draußen auf dem Hof roch die Luft nach Leben, während sie in ihrem Heimatort allmählich durch die Autos verseucht wurde. Hier konnte man einen Eindruck davon erhalten, was saubere Luft hieß. Das Wetter zeigte sich heute viel erträglicher als gestern. Es waren kuschelige 21 Grad bei klarem, blauem Himmel, was im Gegenteil zu den letzten heißen Tagen Luxus bedeutete. Besonders Sivan machte das Klima echt zu schaffen. Er war einer dieser Personen, die schnell schwitzte, sobald die Temperatur über 25 Grad erreichte. Dann triefte sein gesamtes Hemd vor Nässe. Aber heute waren perfekte Bedingungen, um entspannt durch den Tag zu kommen.

Die Stadt hatte einen schönen Charme. Sie erinnerte Sivan an einen Marathon-Läufer, der sich den Fuß gebrochen, sich aber mit der Situation abgefunden hatte und das Beste daraus machte. Und genau hierhin hatte sein Vater ihn und seine Brüder geschickt, um neue Geschäftspartner für ihr Pharmaunternehmen zu finden, an dem der Senior 12 % Anteile besaß.

Während er und Issa in vielen Teilen der Stadt fleißig waren, machte sich Mustafa in den Partygegenden ein schönes Leben. Er hatte sich, nachdem sie angekommen waren, sofort abgekapselt und machte beiden deutlich klar, dass er auf den ganzen Mist gar keine Lust hatte. Wo er sich jetzt gerade befand, wussten sie nicht. An manchen Tagen kam er sehr spät und an anderen überhaupt nicht nach Hause.

Der Vater, ein 55-jähriger, kurdischer Geschäftsmann, der mit einer bekannten türkischen Schauspielerin verheiratet war, schickte ihm immer wieder Geld, weil Mustafa irgendwelche Märchengeschichten aus der Tasche zauberte.

Beide Brüder wussten ganz genau, dass an seinen Erzählungen nichts dran war. Es ging ihm nur um das Geld. Und wenn Sivan ihn im Hotelzimmer darauf ansprach, wurde er auf das Übelste beschimpft. Das konnte er sich als ältester Bruder nicht gefallen lassen und so endete es jedes Mal in gegenseitigen wüsten Beschimpfungen.

Sowohl Sivan als auch Mustafa waren sehr temperamentvoll und Issa musste immer den Schiedsrichter spielen. Er war mit 19 Jahren der Jüngste und der Ruhigste in der Familie. Issa gehörte zu den Menschen, die nur etwas sagten, wenn es wirklich nötig war. Mustafa, der mittlere Bruder, wirkte dagegen wie ein Rebell, der sehr gerne und sehr oft die Regeln der Familie brach. Schon mit 16 Jahren nahm er öfter, wenn die Eltern außer Haus waren, Mädchen nach Hause, obwohl sein Vater es strengstens verboten hatte. Während Issa aus Loyalität seinen Mund hielt, verpetzte Sivan ihn im Zuge eines Streits bei den Eltern. Mustafa handelte sich eine Tracht Prügel ein und bekam sechs Monate Hausarrest, was sich für ihn wie 15 Jahre Haft anfühlte. Diesen großen Verrat konnte Mustafa Sivan nie so richtig verzeihen. Er versuchte deshalb immer wieder, Issa für sich zu gewinnen, als er aber merkte, dass Issa sich nicht auf eine Seite schlagen wollte, wandte er sich auch von ihm ab. Diese Sache belastete Issa bis heute. Auch wenn er sich viel besser mit Sivan verstand, liebte er beide Brüder sehr und würde sich niemals für eine Seite entscheiden wollen. Der Gedanke, dass sich zwei geliebte Menschen vor seinen Augen prügeln wollten, tat weh.

Sivan und Issa erreichten das Auto, das auf dem Hof stand. Es handelte sich um einen nagelneuen Mercedes-Benz S-Klasse von ihrem Vater. Das Auto verkörperte ein Stück Zukunft in dem verstaubten Dorf.

„Issa, du hast noch das Etikett am Sakko“, meckerte Sivan und schüttelte den Kopf.

Issa riss es peinlich berührt von seinem Jackett ab.

Beide stiegen ins Auto und Issa startete den Motor. Der Sand knirschte unter den Rädern, als sie sich vom Hof wegbewegten. Die zwei Brüder genossen die Autofahrt. Issa kurbelte die Fensterscheiben herunter und stützte seinen Arm auf die Fensterkante. Er liebte die Windströme auf seinem Gesicht.

Sivan war vor knapp zwei Wochen 24 Jahre alt geworden. Er war wortgewandt und sammelte auf Anhieb bei den Menschen Sympathiepunkte. Er besaß die schöne Fähigkeit, Geschichten so zu erzählen, dass alle gebannt zuhörten. Deshalb schickte sein Vater ihn gerne zu Verhandlungen. Oft spürte Sivan, wie Familie und Freunde einen Kreis um ihn bildeten und neugierig lauschten, wenn er sprach. Das Geheimnis lag in seiner Stimme: weich, nicht zu tief, nicht zu hoch; wie ein unsichtbarer Magnet zog sie Menschen näher zu sich heran. Als Geschäftsmann war er eine echte Geheimwaffe. Er konnte einen Sack Reis so verkaufen, als wäre es das Wertvollste, was es gab.

Diese Fähigkeit hätte Issa, der in der Familie als sehr zurückhaltend und schüchtern galt, gern besessen.

„Halte hier an, Issa. Ich will mir was zu trinken kaufen.“

Issa lenkte das Auto auf einen kleinen Parkplatz am Galata-Ufer. Sie stiegen aus und bewegten sich in Richtung eines Cafés, das ihnen als Erstes in die Augen stach.

Miryam, ein junges Mädchen in Inneren des Lokals hinter der Theke, wollte gerade einige Getränke nachfüllen, als sie das Auto parken sah. Sie war etwas überrascht, da solche Autos sehr selten in ihrem Dorf herumfuhren. Sie beobachtete, wie zwei Männer aus dem Wagen stiegen, einer schlank und groß, der andere in normaler Größe und mit einer etwas sportlicheren Statur. Ihre Aufmerksamkeit lag auf Sivan.

Als die Brüder kurz davor waren, die Tür des Cafés zu öffnen, verschwand sie rasch im Keller, um nicht gesehen zu werden. Das tat sie nicht, weil sie sich schämte, doch ihr war bewusst, dass die Männer nicht von hier kamen und ihr momentaner Anblick ließ keinen Mann von Hocker fallen. Überall klebte noch Mehl im Gesicht und ihre Haare sahen schrecklich aus. Sie nutzte die Möglichkeit, um sich auf der Toilette frisch zu machen.

Als Sivan und Issa die Tür öffneten, umarmte sie ein Duft nach frischem Kaffee. Das Lokal überzeugte sie durch seine Sauberkeit. Die Wände des Cafés waren in einem kräftigen Orange gefärbt und jede Ecke war liebevoll mit Blumen und Wandbildern dekoriert. In dem kleinen Ladenlokal befanden sich vier Tische. An einem saß ein altes Ehepaar, das entspannt seinen Tee genoss. Die Bilder von Kenan Evren und Atatürk an der Wand durften selbstverständlich nicht fehlen.

Als sie an die Theke kamen, erwarteten sie frisch gepresste Fruchtsäfte sowie eine Vielzahl an Kaffee- und Teeangeboten. Die Kuchenstücke waren doppelt so groß wie die aus ihrer Stadt. Sie sahen sich um, doch es war niemand hinter der Theke zu sehen. Etwas weiter entfernt bemerkten sie jedoch eine Dame mit dunklem Teint, die sie eingehend begutachtete.

„Wie oft soll ich es noch sagen? Das Lokal steht nicht zum Verkauf!“, schimpfte sie.

Sivan und Issa schauten sich überrascht an. Sivan zog seine Sonnenbrille ab, lächelte die Dame an und sagte: „Wir wollten eigentlich nur was zu essen kaufen.“

„Oh, tut mir leid! Ich dachte, Sie gehören auch zu diesen Investoren. Die kommen inzwischen wöchentlich mit irgendwelchen Angeboten. Meine Tochter wird Sie sofort bedienen.“

Sivan nickte.

„Miryam, die Gäste warten, beeil dich!“, schrie die Dame schrill in Richtung Keller.

„Ich komme ja schon!“, rief diese zurück. Sie beeilte sich, da sie wusste, dass es böse enden konnte, ihre Mutter warten zu lassen. Dann erschien Miryam hinter der Theke, ein charmantes Lächeln zierte ihr Gesicht. „Hallo! Willkommen bei ‚Miryam‘! Was kann ich für Sie tun?“

Ihr Gesicht war schmal mit hohen Wangenknochen. Sie hatte eine zierliche Nase und volle Lippen. Ihre Haut war etwas dunkler als die der meisten Frauen in Istanbul, aber fein und zart. Sie besaß helle, braune Augen, die von schweren, langen Wimpern umrahmt wurden.

„Marshallah“, murmelte Issa geschockt in Sivans Richtung.

Sivans Blick erstarrte. Sein Herz fing an, schneller und schwerer zu schlagen. Hinter der verglasten Theke konnte er ihr langes, schwarzes Kleid erkennen. Unter dem Kleid zeichneten sich die geschmeidigen Kurven ihrer Figur ab. Ihr Erscheinungsbild verkörperte Sinnlichkeit und Unschuld. Das Blut schoss durch Sivans gesamten Körper und ein Kribbeln überkam ihn. Das Parfüm, das Miryam trug, schwebte über den Tresen und vernebelte seine Sinne. Dann hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.

„Nun bestellen Sie doch, junger Mann!“ Die alte Dame mit den grauen Haaren, die eben noch mit ihrem Mann am Tisch saß und jetzt hinter ihnen stand, schaute ungeduldig in ihre Richtung.

Issa grinste Sivan an und klopfte ihm sanft mit der Hand auf die Schulter. „Liebe auf den ersten Blick?“

Sivan erwachte wieder aus seiner Hypnose. Erst jetzt wurde sein Kopf klarer und er errötete.

Miryam verstand die ganze Situation nicht und fragte nochmals nach: „Was kann ich für Sie tun?“

Issa übernahm das Ruder: „Wir hätten gerne viermal von dem Börek und zweimal Cola zum Mitnehmen, bitte.“

Miryam überreichte Issa das Gebäck und die Cola-Flaschen. Beim Verabschieden schenkte Sivan ihr ein so schiefes, krummes Lächeln, dass es ihr etwas unheimlich vorkam.

Am Ausgang überreichte ihm Issa die Cola und Sivan nahm erst mal einen kräftigen Schluck daraus.

„Du hast dich verliebt, hm?“

„Quatsch, alles gut.“

Issa lachte laut. „Man, schäme dich doch nicht. Ich habe gesehen, wie rot du geworden bist. Wie eine Tomate! Aber wer kann dir das verübeln? Sie ist echt hübsch.“

Sivan gefiel nicht, dass man sehen konnte, was er in diesem Moment empfand, aber so etwas passierte ihm zum ersten Mal. Noch nie hatte eine Frau den selbstbewussten, wortgewandten Sivan so aus dem Konzept gebracht wie diese Kellnerin. Es fühlte sich magisch an, als wäre sie nicht von dieser Welt.

Als beide im Wagen saßen, drehte er seinen Kopf zu Issa. Mit ernster Miene sagte er zu ihm: „Du wirst alles über sie herausfinden – ihren Namen, ihr Alter, Familie, Geschwister. Ich will alles von ihr wissen – ihr Lieblingsessen, ihren Lieblingsfilm. Hast du mich verstanden?“

Issa war sich nicht sicher, ob das eine Bitte oder eine Drohung war, aber er nickte. „Ich werde mein Bestes tun.“

Sivan war fest entschlossen, Sämtliches zu tun, um dieses Mädchen zu haben ... wirklich alles.

KAPITEL 2

Miryam, das Mädchen aus Istanbul

„Sivan, wach auf!“, forderte Issa den Bruder, vor dessen Bett er stand, energisch auf.

Sivan war dem Schlaf verfallen.

Issa setzte sich auf das Bett, legte beide Hände auf Sivans Schultern und schüttelte ihn kräftig. „Wach auf!“, wiederholte er in erhöhter Tonlage.

„Langsam, langsam! Was ist denn los?“, murmelte Sivan verpennt in Issas Richtung.

„Ich habe Infos über Miryam.“

Wie von den Toten auferstanden, war er plötzlich hellwach. Er beugte sich zu Issa herüber. „Los, erzähl schon!“, forderte er ihn auf.

„Ja, warte.“ Issa holte tief Luft und machte ein Gesicht, als hätte er das Heilmittel gegen AIDS entdeckt. „Sie ist 19 Jahre alt. Ihr Vater ist Türke, aber er starb, als sie 5 war, bei einem Bootsunfall. Jetzt kommt der Hammer: Rate, woher die Mutter stammt.“

Issa hatte es geschafft, Sivans Neugier ins Grenzenlose zu steigern. Seine Ohren waren gespitzt und er sah Issa erwartungsvoll an.

„Die Mutter ist eine Halb-Türkin. Der Vater stammt aus Ghana und ist in die Türkei ausgewandert, um mit dem Fischhandel Geld zu verdienen.“

„Deshalb der dunkle Teint“, sagte Sivan nachdenklich.

Issa nickte und fuhr fort. „Sie hat keine Brüder oder Schwestern und lebt mit ihrer Mutter in einer Wohnung neben dem Café. Das Lokal war früher ein Fischladen und wurde danach zu einem Café umgestaltet, da die Mutter nichts von der Fischerei verstand, aber das Ladenlokal nicht verkaufen wollte. Ihre Mutter ist angesehen und ein echtes Vorbild für die Frauen hier, denn sie war die erste Frau, die ohne Mann einen Laden führte.“

„Und?“, fragte Sivan.

„Was ‚und‘?“ Issa war verwirrt.

„Ist sie oder ist sie nicht?“

Jetzt verstand Issa seine Frage. „Was denkst du?“, grinste er.

„Issa, hör auf mit den Spielchen und sag schon!“, erwiderte er scharf.

Issa schüttelte den Kopf.

„Ja, was heißt das denn jetzt? Ist sie versprochen oder nicht?“

„Nein, Bruder, sie ist frei wie ein Vogel.“ Dabei machte er eine schwingende Armbewegung, um einen Flügelschlag zu imitieren.

Glückseligkeit durchflutete Sivan am ganzen Körper derart intensiv, wie er es schon lange nicht mehr verspürte. Er sprang im Bett auf die Füße, nur mit Boxershorts bekleidet.

Issa schaute verlegen weg und legte eine Hand auf die rechte Brust.

„Wir werden heute alle Termine absagen, Issa. Wir fahren ins Café. Ich muss um ihre Hand anhalten.“

Issa schaute ihn mit großen Augen an. „Hand anhalten? Du weißt nicht mal, ob sie dich mag!“

„Mache dir mal keine Sorgen, kleiner großer Bruder.“ Bei dem Satz strich er sich durch das Haar. „Ich weiß, wie man mit solchen Frauen reden muss.“ Dann stand er auf und ging entspannt unter die Dusche.

Während Issa einige Telefonate führte, um die heutigen Termine abzusagen, hörte er, wie Sivan im Bad ein türkisches Liebeslied namens „Seni Sevmeyen Ölsun“ von Ceylan Avcý nachsang. Er bewunderte Sivan für solche Entscheidungen. Während er für die Frauen unsichtbar zu sein schien, waren Sivan und Mustafa hingegen echte Frauenmagneten. Sivan triumphierte mit seiner Redegewandtheit und dem modernen westlichen Kleidungstil. Damit hob er sich deutlich von den einheimischen Türken ab und das gefiel den Frauen sehr. Mustafa hingegen zog mit seinem Bad-Boy-Image die Frauen nur so an sich. Und wenn mal ein Mädchen mit Issa reden wollte, dann nur, um etwas über Mustafa oder Sivan in Erfahrung zu bringen. Schon mit 16 Jahren bekam Sivan jede Menge Willst-du-mich-heiraten-Angebote von den Mädels. Sie kritzelten es auf ein Blatt Papier, drückten es ihm in die Hand und liefen peinlich berührt wieder weg. Während Sivan alle Angebote mit einem Schulterzucken ablehnte und auch in den späteren Jahren ruhig und entspannt blieb, nahm Mustafa dagegen alles, was nicht bei Drei auf dem Baum war, mit. Es ging sogar so weit, dass sich einige der jungen Mädchen um ihn schlugen und er nur grinsend daneben stand, den Arm auf Issas Schulter. Es gefiel ihm sehr. Er liebte es, gemocht und bewundert zu werden.

Dann gab es da ein Mädchen, in das Issa heimlich verliebt war. Ihr Name lautete Sibel. Sie gingen auf dieselbe Schule. Er bekam eines Tages ein Gespräch zwischen Sibel und ihren Freundinnen mit, in dem sie von Mustafa schwärmte. Mit Tränen in den Augen erzählte er es seinen Brüdern. Als Erstes lachte Mustafa und meinte, dass es genug Frauen gäbe, er sollte auf sie scheißen. Sivan verhielt sich dagegen anders. Am nächsten Tag auf dem Pausenhof rief er alle Schüler zusammen. Er stellte sich auf einen kleinen Hügel und sah sich die ungefähr 50 Schüler und Schülerinnen an, die in der heißen Sonne gebannt zu ihm hoch schauten. Issa konnte sich nicht mehr an die ganze Rede erinnern, aber so ging es wahrscheinlich auch den meisten Schülern. Sätze wie: „Das Herz eines Mannes ist wertvoller als das Aussehen“, oder: „Ihr solltet genauso ein gutes Herz haben wie mein Bruder Issa“, und noch einige Koran-Verse, die gar nicht mit der Rede in Zusammenhang standen, wurden hin und her geworfen. Am Ende wusste keiner, was Sivan genau sagen wollte, doch mit dem allerletzten Satz überraschte er sogar Issa. Er sagte:

„Ihr Frauen meidet meinen kleinen Bruder, macht ihn schlecht und lacht ihn aus. Aber wer von euch noch nie schlecht behandelt oder beleidigt wurde oder noch nie was Falsches getan oder gesagt hat, der solle die Hand heben und ihr werdet sehen, wir alle haben denselben Schmerz.“

Natürlich blieben alle Hände unten, aber Issa fand diesen Satz genial, ein Meisterwerk, bis er Jahre später herausfand, dass er geklaut war. Diese Erkenntnis schmälerte seinen Respekt vor Sivan aber nicht, im Gegenteil. Sivan nahm sich etwas und machte daraus etwas Eigenes, ohne dass jemand es bemerkte. Er war ein kleiner Genie (und ein Schwindler). Danach fingen die Mädels plötzlich an, Issa zu grüßen. Selbst Sibel grüßte ihn. Er bekam demzufolge mehrmals die große Chance, sie anzusprechen, um sie wenigstens heimlich zum Eisessen einzuladen. Aber die streng islamischen Regeln, die er befolgte, oder vielmehr Sibels drei große Brüder, die laut Mustafa bekannte Schläger waren, verhinderten, dass er sie ansprechen konnte. Issa leugnete zwar, dass die Brüder der wahre Grund sind, doch insgeheim wusste er ganz genau, dass es stimmte. Er gehörte nicht zu den Leuten, die Konfrontation suchten. Issa ging lieber den friedlichen Weg und wenn das leider heißen musste, die Frau seines Lebens zu verpassen, dann war es eben so.

Plötzlich hörte Issa dumpfe Schläge an der Tür, die ihn aus seinen Gedanken rissen. Er schreckte auf. Sie erwarteten keinen Besuch. Vielleicht war es Ahmed, der Direktor, der wieder mal fragen wollte, ob alles in Ordnung sei. Er ging zur Tür und legte sein Ohr an die Oberfläche, um ein verdächtiges Geräusch zu erhaschen, als es plötzlich erneut hämmerte, sodass er erschrocken einige Schritte zurückging.

„Ich bin’s, Mustafa! Mach die verdammte Tür auf!“, brüllte er von draußen.

Issa wusste nicht, ob er sich freuen oder Angst haben sollte, immerhin blieb er drei Tage ohne eine Nachricht verschwunden. Allerdings war er sein Bruder und so viel Respekt musste er für ihn schon aufbringen. Er öffnete langsam die Tür.

Mustafa stürmte wie die Polizei ins Zimmer herein.

„Wie siehst du denn aus?“, fragte Issa geschockt.

Sein Bruder war ein kräftig gebauter Mann mit breiten Schultern. Er hatte genau wie Issa kantige Gesichtszüge und trug einen vollen Bart, der ihn älter aussehen ließ als er wirklich war. Mustafas Anblick war eine einzige Katastrophe. Sein Haar hatte weder Struktur noch eine klare Linie. Seine Augen waren rot vor Müdigkeit. Tiefe Augenringe, die Kratern ähnelten, machten deutlich, dass es eine harte Nacht gewesen sein musste. Außerdem roch er stark nach Alkohol und Zigaretten.

Issa verzog das Gesicht.

„Ich bin müde“, sagte Mustafa mit kratziger Stimme. Er legte sich auf die schwarze Couch und streckte seine Beine und Hände aus. „Oh, du hast Frühstück gemacht.“ Die bestellte Mahlzeit stand noch unberührt auf dem Esstisch. „An mich denkt wohl keiner, was?“

Issa war erstaunt über diese dreiste Frage. Immerhin war er es, der einfach kam und ging, wann er wollte, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. „Wie auch? Wenn du verschwindest, um gottlose Dinge zu machen, können wir dich nicht aufhalten“, erinnerte er ihn.

„Werde bloß nicht frech“, ermahnte ihn Mustafa.

„Ich meine es nur gut. Warum tust du das alles? Bleib doch bei uns.“

„Weil ich das tun will, ganz einfach. Solltest du auch mal, anstatt wie ein Hund Sitz zu machen, wenn man es dir befiehlt. Es ist an der Zeit, mal das zu tun, worauf du Lust hast, meinst du nicht?“

„Verschone ihn mit deinen dummen Gedanken.“

Mustafa registrierte, dass das nicht Issas Stimme war, und neigte seinen Kopf in die Richtung, aus der sie kam. Sivan stand mitten im Wohnzimmer, sein nackter Körper war mit einem weißen Bademantel bedeckt.

„War ja klar, der Prophet der Familie“, konterte Mustafa zurück.

Als Issa die Wut in Sivans Gesichtszügen entdeckte, versuchte er, die Situation zu entspannen. „ Ich glaube, wir sollten lieber unsere Mägen füllen, statt die Wut zu nähren.“

Am Esstisch herrschte eine angespannte Atmosphäre. Issa hielt seine Tasse in der Hand und schaute nervös und in kurzen Abständen von einem Bruder zum anderen. „Und was hast du so die Tage gemacht?“, fragte er Mustafa mit unruhiger Stimme.

„Gefickt“, erwiderte Mustafa trocken.

Issa rutschte bei der Antwort fast die Tasse aus der Hand.

„Hast bestimmt mehrere Kinder in Istanbul gezeugt, was?“, erkundigte sich Sivan provokant.

Mustafa wollte gerade ausholen, als Issa reingrätschte. „Will jemand noch Kaffee oder Kuchen oder soll ich noch was bestellen?“ Er lächelte peinlich berührt in die Runde.

Sivan stand plötzlich auf und ging mit entspannten Schritten in Richtung seines Bettes. Issa schaute verwundert hinterher. Dort angekommen öffnete er die Tür der Kommode, die neben seinem Bett stand, und holte einen schwarzen Plastikbeutel heraus. Anschließend kehrte er seelenruhig zum Esstisch zurück und warf die Tüte schwungvoll darauf. Sie kam direkt vor Mustafa zum Liegen.

„Kannst du mir das erklären?“, fragte Sivan.

Mustafa griff nach der Tüte und öffnete sie. Ein Duft nach Marihuana beseelte den Raum. Issa schaute geschockt zu seinem großen Bruder, der seinen Blick für eine Sekunde erwiderte und ihn anschließend wieder auf Sivan richtete. „Das ist Marihuana, schätze mal so zehn Gramm. Hätte nicht gedacht, dass du es findest“, antwortete er kühl.

Sivan wurde wütend. Mehr noch, er kochte regelrecht vor Wut.

Als Issa bemerkte, wie Sivans Hände zu zittern begannen, war es schon zu spät. Wie eine Bombe, bei der man das falsche Kabel rausgezogen hatte, explodierte er mit einer Ladung aus Beschimpfungen und Flüchen. Zuerst beleidigte er ihn mit allen Tiernamen, angefangen bei dem Schwein. Er warf ihm vor, faul zu sein und auf die Familie zu scheißen. Er wäre eine Schande für die Verwandtschaft. Dann brüllte er ihn an, er solle sich verpissen und sich nie wieder melden. Besser noch, er solle gleich sterben, hier und jetzt.

Mustafa griff zornig nach dem Brotmesser, das auf dem Tisch lag, und stand auf. Die Situation eskalierte. „So redest du nicht mit mir!“ Er knirschte mit den Zähnen wie ein hungriger Hund.

Issa stand panisch mit auf. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah.

„Mach schon, stich mich ab, wenn du dich traust, du feiges Arschloch!“, brüllte Sivan, der inzwischen auch aufgestanden war und die Fäuste ballte.

Issa ging einige Schritte zurück, einerseits, weil er nicht die Courage besaß, dazwischenzugehen, aber auch aus Angst, sich entscheiden zu müssen, wen er bei einem Angriff beschützen würde.

Beide schauten sich immer noch hitzköpfig an, während Mustafa das Brotmesser fest in der Hand hielt.

„Du willst deinen eigenen Bruder angreifen? Los, tue es, damit Vater endlich sehen kann, was für ein bösartiger Mensch du bist!“, provozierte Sivan weiter.

Issas Augen waren weit geöffnet.

Plötzlich ließ Mustafa das Messer fallen. Die Lippen zusammengepresst, ging er mit schnellen Schritten zu seinem Sakko, griff danach, lief zur Tür und knallte sie hinter sich zu.

„Komm nie wieder zurück!“, brüllte Sivan ihm hinterher.

Issa blickte deutlich ergriffen von der Situation ins Leere. Er versuchte, seine Angst zu unterdrücken, indem er instinktiv anfing, seinen Nacken zu massieren.

***

Issa, Jahre später saßt du weinend im Badezimmer, weil du etwas getan hat, was du dir bis heute nicht verzeihen kannst – etwas, was Aaliyahs Leben fast zerstört hätte. Du hast am ganzen Körper gezittert, Issa. Und heute, ja, heute habe ich keine Angst mehr. Heute wird die komplette Wahrheit ans Licht kommen ...

***

Sivan nahm schweigend im Café „Miryam“ an einem der Tische Platz, Issa, immer noch ergriffen vom heutigen Vorfall, setzte sich ihm gegenüber. Von Miryam war weit und breit nichts zu sehen. Sivan zog die Mundwinkel nach unten, betrachtete angespannt sein weißes Hemd und das schwarze Sakko, ob auch alles korrekt saß, während Issa gründlich überprüfte, dass keine Etiketten mehr an seinem Anzug hingen.

Einige Sekunden später kam eine Dame mittleren Alters zu ihnen. Nach Sivans Auffassung konnte sie Miryams Mutter sein. Sie war eine etwas rundliche Frau mit dunkler Hautfarbe und extrem gelockten Haaren. Freundlich begrüßte sie Issa und Sivan.

„Sie sind doch die zwei, die vor ein paar Tagen schon mal hier waren, oder?“, fragte sie.

Sivan nickte und schenkte ihr ein Lächeln.

Die Mutter musterte beide für einige Sekunden. „Woher kommen die zwei Herren? Die jungen Männer von hier ziehen sich nicht so an.“

„Wir kommen aus Beşiktaş.“

„Ah, da, wo die Hochnäsigen wohnen“, grinste sie.

Issa musste schmunzeln.

Als Sivan darauf antworten wollte, rief eine alte, grauhaarige Dame, die immer ihren Tee im „Miryam“ genoss: „Der hat es auf dein Töchterchen abgesehen, ich fühle es.“

Miryams Mutter zog die Augenbrauen zusammen und ihre Augen wurden schmal. „Meine Tochter ist nicht zu haben!“, erklärte sie laut und deutlich.

Der Ehemann der älteren Dame versuchte seine Frau zur Vernunft zu bringen. „Maria, halte doch mal deinen Mund. Vielleicht ist das ein guter Junge.“

„Was weißt du schon!“, gab sie schroff zurück.

Als Sivan die ganze Situation erklären wollte, erschien Miryam mit einer Tüte in beiden Händen vor der verglasten Theke. Sivan nahm reflexartig eine gerade Sitzposition ein. Miryam ging zu ihrer Mutter, ohne die zwei Herren wahrzunehmen. Als sie ihrer Mutter den Beutel überreichen wollte, trafen sich Sivans und ihr Blick. Sie erstarrte förmlich neben ihrer Mama.

Die Mutter erkannte die Situation schnell und zog ihre Tochter hinter sich, die ein „Aua“ ausstieß.

Issa runzelte die Stirn, beugte sich zu seinem Bruder herüber und flüsterte ihm zu: „Sivan, lass uns lieber gehen.“

Sivans Blicke wurden kühl. Er wusste, würde er jetzt einen Rückzieher machen, hielte die Mutter ihn sicher