Dieser Roman erzählt die Geschichte von Tim Bodewig, der die Einsamkeit sucht. Er will sich selbst finden und über sein weiteres Leben nachdenken. Deshalb bricht er auf zu einer Motorradreise mit Zelt und Schlafsack in den Norden Europas. Die Fahrt verläuft allerdings ganz anders, als er sich vorgestellt hat. Unterwegs begegnet er immer wieder seiner Vergangenheit, gewinnt Heimat und verliert sie wieder, begegnet vielen Menschen und merkt allmählich, dass es eine Schicksalsfahrt ist, eine Reise, die ihn verändern wird und die um Haaresbreite einem tragischen Ende entgeht.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Er lebt mit seiner Frau als freier Schriftsteller seit 2014 in Reutlingen.

Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Die Welt meiner Schwestern (2014); Yûomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Haut (2015); My sweet Lord (2016); Holiday (2016); Am Ende des Regenbogens (2016); Scheherazade (2017); Die sechzigste Ansicht des Berges Fuji (2017); Der Sommer der Glühwürmchen (2017); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Albatros (2018); Nordkapp (2018); Mein Bruder mit den Schlehenaugen (2018); Der Teehändler (2019); Er sollte nicht ahnen (2019).

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© 2019 Rainer Gross
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
Layout und Umschlaggestaltung: Rainer Gross
Umschlagfoto: © Depositphoto.com /GoodMoodPhoto
Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9783749474271

Wenn du nicht weißt, wo du hingehst,
wird dich jede Straße dorthin bringen.

LEWIS CARROLL

Tausend Meilen

Tim Bodewig sucht die Einsamkeit. Sagt er. Er müsse mal wieder auf Reisen gehen, allein mit dem Motorrad, in den Norden. Um sich wiederzufinden. Um heraus zu finden, wer er ist. Er ist sich nämlich verloren gegangen und aufgebrochen, sich zu suchen, und er bittet jeden, ihm, falls er hier vorbei käme, zu sagen, er solle warten, bis er wieder zurück ist oder so ähnlich.

Es ist ihm durchaus ernst. Das Ende seines Studiums steht an, die Magisterprüfung, er hat zehn Jahre studiert, Literatur und Philosophie, ist Ende zwanzig, und jetzt hieße es, Nägel mit Köpfen zu machen. Er ist gerade in keiner Beziehung und die vergangene besteht weiter oder ist zuende gegangen oder er weiß selbst nicht, wo er steht.

Jetzt steht er da. Eine Stelle, sagt er, habe keinen Sinn, auch Ehe und Kinderkriegen und Häuslesbauen habe keinen Sinn, solange er nicht wisse, wer er sei.

Deshalb die Reise. Die Motorradfahrt in den Norden. Eine Zeit, in der er ganz mit sich allein ist. Eine Zeit, die niemand mit ihm teilt, von der keiner weiß, und er zitiert Freunden gegenüber Kleist, Amphitryon Akt eins Szene zwei: Was ich getan, da ich ganz einsam war / Was niemand hat gesehn, kann niemand wissen / Falls er nicht wirklich Ich ist, so wie ich.

Es geht ihm vielleicht darum, den Farren von dem Hirsch zu scheiden, ein Gott ist er nicht, das weiß er, und es wird Zeit, dass die Frauen – die in seinem Leben, vergangen wie gegenwärtig, und die noch künftigen – lernten, nicht zu viel von ihm zu erwarten und ihn um seinetwillen zu lieben und nicht um ihres Wahns von ihm.

Einsamkeit gibt es, das weiß er, im hohen Norden. Das sind aber rund dreitausend Kilometer bis dahin. Ob es so weit wird, weiß er nicht. Er will es Zufall und Laune überlassen. Er setzt auf Kontingenz oder das Schicksal, je nachdem, wie man es nennen will, und auf Reisen kann bekanntlich viel passieren. Sicher ist nur: Hamburg bei einem alten Freund; dann Dänemark, wo er Hermann und Gerda treffen wird auf ihrem Rückweg vom Urlaub; und dann übersetzen nach Norwegen.

Er war schon vier Mal in Skandinavien. In Norwegen, in Schweden, in Finnland, er war am Nordkapp und in den Einöden Lapplands, er badete im Inari, er war in den Astrid-Lindgren-Wäldern Smålands, in den Edda-Fjellen der Hardangervidda und den Gletscherfjorden des Sognelands. Er kennt sich aus mit dem Unterwegssein und dem hohen Norden. Das Zufällige der Reise diesmal lockt ihn: die Landschaften erkunden, Plätze und Orte entdecken, Bilderbuchwinkel und grandiose Ausblicke, Unterwegssein ohne Ziel und Zweck.

Tim glaubt zu wissen, was gut für ihn ist, wünscht sich aber manchmal Dinge, die ihm nicht gerecht werden. Er hat sich mehr naive Kindlichkeit bewahrt, als ihm lieb ist, und sieht doch die Welt als einen Ort, an dem man sich durchkämpfen muss.

Nichtsdestotrotz ist er an diesem Morgen, Montag, den fünften August 1991, guter Dinge. Eine tausend Meilen weite Reise, sagt Laotse, beginnt mit dem Schritt vor die Tür.

Vielleicht sollte man bedenken, dass das eine Zeit war, in der es noch keine Mobiltelephone gab, jedenfalls keine erschwinglichen, und kein Internet, die Krone etwa dreieinhalb zu eins zur D-Mark stand und Skandinavien noch als Geheimtipp unter Urlaubern galt. Das erklärt manche Beschwernis dieser Reise.

Er hat sich einen stillen und heimlichen Aufbruch gewünscht, aber sein Vater, der nach der kleinen Dachwohnung schaut, während er fort ist, ist gekommen und steht nun bei ihm an der voll bepackten Maschine, ratlos und irgendwie persönlich getroffen von seiner Abfahrt.

„Fahr vorsichtig, gell“, sagt er und legt ihm die Hand auf die Lederjackenschulter.

„Immer.“

„Weißt, im Moment würde ich am liebsten alles hinschmeißen“, sagt der Vater.

Von der Familie und den Arbeitssorgen und dem lädierten Kreuz seines Vaters will er aber gar nichts wissen. Er startet stattdessen den Motor, hebt die Hand und rollt los, über dreihundert Kilo unter der Herrschaft von fünfzig Pferdestärken.

Er fährt die Parkplatzausfahrt hinab und dreht unten auf der Straße noch einmal den Kopf. Da steht der Vater, verloren und einsam in seinem Leben, ihm werden die Augen nass, aber das will er ja alles zurücklassen.

Besser wird es erst, als er die Autobahn erreicht.

Bewölkung kommt auf. Es ist warm in der Sonne. Auf der Höhe von Kassel zieht ein Gewitter auf. Ein Scheibchen Traubenzucker, einen Schluck Saft aus der Trinkflasche. Die alte, zerbeulte von der Lappland-Fahrt vor zwei Jahren.

Das ist ein Ton, der Tim gefällt. Tourentagebuch. Er hat sich vorgenommen, unterwegs ein Tagebuch zu schreiben. Selbstgespräch nicht nur im Kopf. Beim Schreiben findet er sich selbst, manchmal auf überraschende Weise. Beim Schreiben ist er ein Anderer, und doch wieder er selbst. Färdeminne will er das Tagebuch nennen, ein schwedisches Wort. Er hat es aus einem Bilderbuch über Tomte, einen Troll; da sitzen sie im Winterheu der Scheune, und die Schwalbe erzählt zwitschernd von ihren Reisen in den Süden. Färdeminne. Fahrterinnerung, Reisegedenken. Besonders das Wort Minne gefällt ihm daran. Den Minnesang liebt er, liebendes Andenken, an Gedichten hat er sich auch schon versucht. Sie spielten in seinen Beziehungen unterschiedliche Rollen, als Beweis, als Zeugen, als anstößige Bedrängungen. Eine hat sogar angesichts eines Gedichtes schon geweint, allerdings nicht vor Rührung.

Der Motorradfahrer neben ihm am Rastplatz ist mit seiner Freundin an die Ostsee unterwegs, auf einer XT, voll bepackt mit den selbst gemachten Alukoffern. Weiter geht es gegen dreiviertel eins.

Halb drei. Verschnaufpause nach quälender Baustellenfahrt im Schritttempo, der Schweiß läuft ihm nur so. Ungefähr zweihundertsiebzig Kilometer bis Hamburg.

Am Tisch ist die Margarine gelb und weich, von den Büchsendeckeln läuft die Sülze, schreibt er ins Fahrtenbuch. Das hat er schon einmal geschrieben, auf seiner Fahrt vor zwei Jahren. Das Brausen des Verkehrs um mich her. Brot, Dosenwurst, ein hartgekochtes Ei. Was mache ich eigentlich hier? Er muss sich erst wieder ins Unterwegssein hinein finden. Unterwegs zu sein ist eine besondere Weise des Existierens, findet er, sie nimmt einen heraus aus den gewohnten und gesicherten Bezügen und setzt einen der Ungewissheit des Lebens aus. Er ist nicht bei sich. Oder genauer: Er ist nicht dort, wo er ist, oder das Dort, wo er ist, ändert nichts daran, wer er ist.

Ein Mädchen balanciert im engen Rock und Lackschuhen in den Wald. Ein Mann pinkelt ungeniert gegen einen Baum. Eine Frau schiebt ihrem Mann den Pappbecher zu, in den eine Wespe gefallen ist.

Halb fünf. Tanken Rasthof Hildesheimer Börde. Es ist immer noch zu heiß. Um die Maschine einmal richtig abkühlen zu lassen und um sich vor der letzten Etappe noch auszuruhen, macht Tim eine Pause.

Von der Sonne ist ihm ganz zittrig. Er erfrischt sich am Waschbecken auf dem Klo. Das Wasser verdunstet beim Hinausgehen auf der Haut. Er hat das T-Shirt ausgezogen und geht mit nacktem Oberkörper; unten steckt er in dickem Leder. An der Maschine dreht er sich mit dem kleinen Maschinchen eine Zigarette und raucht sie gierig, den Rauch wegblasend wie Siegesfahnen.

Auf dem Parkplatz hat gegenüber ein Reisebus gehalten. Klassenausflug. Junge Mädchen in Jeans, Kerls mit Coladosen in der Hand. Es gibt Augenblicke, da bin ich tatsächlich, wo ich bin. Es ist, als würde ich erwachen aus der eintönigen Abwesenheit während des Fahrens und wäre bei mir selbst. So klar und nüchtern wie selten.

Er schaut zu, wie einer der Jungs einem Mädchen ein Eis von der Tankstelle mitbringt. Das würde Tim auch gerne tun. Wie sie so vor dem abfahrbereiten Bus steht und auf den Zehen wippt. Dass sein Motorrad gerade da ist, wo er auch ist, kommt ihm staunenwert vor, wie eine körperliche oder technische Leistung. Ebensogut könnte sie zuhause in der Garage stehen und die halbe Woche nicht gefahren werden. Was wäre das für ein Gefühl: ohne seine Maschine in der Fremde?

Ein Scheibchen Traubenzucker, ein Schluck Wasser. Weiterfahrt gegen halb sechs.

Gegen sieben erreicht er die Vororte Hamburgs. Freihafen, Hafenbrücke, Heidenkampsweg. Dann die Straße mit der Bankfiliale und einbiegen in die Landwehr. Ankunft halb acht nach siebenhundert Kilometern.

Das Tor zur Welt

Mittwoch, siebter August. Er ist auf Reisen nicht auf Reisen – merkwürdiges Gefühl. Statt nordischer Einsamkeit Hafenstadt und Freundesbesuch. Er sitzt an der Pinnau auf Steinen im Schatten einer alten Kopfweide und blickt über die Marsch. Dort hinten, einen Kilometer den Deich entlang, sitzen sie im Haus von Georgs Bruder und tun Büroarbeit.

Am Abend der Ankunft hatte Lydia gerade eine Pizza im Ofen. Sie fragte nicht einmal, ob sie ihm helfen könne. So schleppte er allein die kiloschweren Gepäckstücke fünf Stockwerke hoch, dass ihm der Schweiß wieder aus den Stiefeln lief.

Georg ist sein bester Freund. Oder war es zumindest, als er noch zuhause lebte und nicht nach Hamburg gezogen war. Mit Lydia, dessen Frau, ist er noch nie klargekommen. Sie ist barsch und geradeheraus, eine pragmatische Frau, die ihn für einen weltfremden Sonderling hält. Dass Georg so eine Frau geheiratet hat!

Danach duschte Tim genüsslich. Georg kam spät von der Arbeit, sie saßen im Wohnzimmer bei Tee, und es war gar nicht verwunderlich, wieder hier zu sein. Die Gegenwart des Freundes war so vertraut, als hätten sie sich gestern getrennt.

Schon öfter ist Tim zu Besuch gekommen, ein paar Tage, in denen sie dann zu zweit Hamburg erkundeten. Georg konnte ihm Ecken und Winkel zeigen, führte ihn durch den Hafen, schleppte ihn in alte Buchläden, trank mit ihm Kaffee im Studentenviertel, ging mit ihm durch die Herbertstraße.

Die beiden, Georg und Lydia, sprachen über ihren Alltag, den sie hier in Hamburg haben. Das Leben geht hier einen anderen Gang, ahnte Tim. Er wollte daran teilhaben, selbst einen Hamburger Alltag haben irgendwann. Er kann sich ein Leben in Hamburg vorstellen, in der Nähe von Schiffen und Meer, ein Leben in der Großstadt, ein im Grunde literarisches Leben, wie es in Romanen vorkommt. Das Leben als Roman. Darauf sprang Georg an. Georg hat wie er Literatur studiert. Lydia sagte nichts und verzog sich.

An der Pinnau setzt die Ebbe ein. Zweige im Wasser treiben nun Richtung Meer; die Steinböschung kommt höher heraus mit einem dunklen, feuchten Rand. Ein leiser Zug geht über das Wasser. Kleine Wellenkämme glänzen im Licht. In den Weiden wispert es. Vom Deich herauf klingt das Gebäh der Schafe.

Gestern dann waren sie auf der Alster Boot gefahren. Tretboot. Sie spielten Amazonas und nahmen die hängenden Weidenzweige für Dschungel, bekämpften imaginäre Krokodile und erfrischten sich dann in einem Lokal am Fluss mit Alsterwasser. Sie waren ein wenig ermattet vom Ozon, wie es später die Nachrichten erklärten. Wir könnten uns nicht einmal beklagen, meinte Georg, wenn sie uns ein Glas trübe Jauche aus dem Fluss hinstellen würden! Lydia aß Rote Grütze mit Vanilleeis.

Ruhiger Gang durch die Vorortstraßen zur U-bahnstation. In der Wohnung dann packte Tim die geräucherten Würste seines Proviants aus der Plastikverpackung und wickelte sie in ein altes Abtrockentuch, das ihm Lydia gab. Er spülte die Trinkflasche gründlich aus und füllte sie neu mit Saft, stellte sie in den Kühlschrank. Er wusch seine Klamotten, die er am Tag zuvor getragen hatte, T-Shirt, Socken, Unterhose und die Sturmhaube, und hängte sie im Trockenraum unterm Dach auf. Dann las er in seinem Buch, das er mitgenommen hatte, Alfred Anderschs Wanderungen im Norden.

Nach dem Essen sahen sie zu dritt ein bisschen fern. Skandal um die Hai-Show auf dem Hamburger Dom. Dort fuhren sie gegen Abend hin.

Bunte Lichter, Bass-Rhythmen, schnarrende Stimmen aus den Lautsprechern. Imbissbuden hinter aufwendigen Kulissen, in denen es nicht nur Würste und Pommes gab. Monsterbahnen und schwingende Riesenhämmer entfesselten gigantische Kräfte, was für Kräfte, was für Maschinen, staunten sie, nur um Leuten ein Gefühl im Bauch zu geben! Dann fuhren er und Georg Riesenrad. Die Gondeln stiegen lautlos und ließen Lydia klein, kopffüßlerisch zwischen den Buden zurück. Sie standen still oben im Nachthimmel, die Musik war verstummt und der Wind ging, der Wind über der nächtlichen Stadt. Das Tor zur Welt. Lichter weithin bis zum Hafen. Die Kirchtürme. Die Hochhäuser. Der Fernsehturm. Tief unten die glitzernde Puppenwelt. Scheinwelt. Still war es dort oben, still und schwermütig. Als sie wieder unten waren, hatte sich etwas verändert.

Immer bedeutet Hamburg für mich einen Widerstreit der Gefühle und Bedürfnisse. Begeisterung und Lebenshunger einerseits, Verlorenheit und Ohnmacht, Draußenstehen andererseits. Wie soll ich das alles leben? Wie jemals dort ankommen, wohin ich will? Am Hafen, wo Georg und er an den Landungsbrücken ausstiegen, wusste er es nicht. Die Rickmer Rickmers lag still, lichterbehängt im schwarzen Wasser. Die Landungsbrücken schon dunkel, drüben der grelle Scheinwerfer auf der Werft. Wohin nur? Tim kamen die Tränen plötzlich aus einer heillosen Trauer. Ein Anruf von dort drüben, dem er verzweifelt schon seit Jahren zu genügen versuchte. Georg legte ihm die Hand auf die Schulter. Kommen dir auch die Tränen?, fragte Georg. Sie wussten beide nicht, weshalb.

Alles liegt vor ihm wie ein Panoptikum: die schlichte Wasserfläche hinüber zum anderen Ufer; das mähliche Ziehen des Deiches; das malerische Lagern der Schafe; die Silberweiden windgekämmt; dahinter das Land, Schwüle über der Marsch; Häuser, Straßen, Menschen, und zum Horizont hin groß die Zeit oder überhaupt der Horizont aus Zeit. Die Tage liegen dort bereit und warten auf ihn. Es ist alles Zufall oder Schicksal.

Am gestrigen Nachmittag, als Tim die beiden beim Einkaufen begleitete, dachte er: So willst du zu dieser Stadt gehören. Deinen Alltag haben. Andere Wurstsorten, andere Mineralwassermarken, Frauen, die Einkaufswagen schieben und für die Familie sorgen. Ein ganz anderer Zusammenhang als wenn er zu Besuch ist: hier seinen Lebensunterhalt besorgen! In der U-bahn sitzen auf dem Heimweg von der Arbeit. Die Vorortstraßen still, die Kneipe an der Ecke hat noch offen, der türkische Gemüseladen vergittert, Treppenaufgang, Haustürschlüssel, Flurlicht. Nirgends ergibt die Alltäglichkeit, dachte er, so viel Sinn wie in dieser Stadt. Zuhause bedeutet das Heimkommen oft Unglück und Niedergeschlagenheit. Hier wäre es ein Leben zwischen lauter Geschichten, vielerlei interessanter Geschichten, die zu leben oder Wirklichkeit werden zu lassen seine Aufgabe wäre.

Dösend, ohne Zeit. Über dem Hinterland bauen sich Haufenwolken auf. In den Pappeln an der Straße ruft eintönig eine Krähe. Im Weidenbaum über ihm das leise Zirpen einer Meise. Das Licht weiß, Glanz überm Wasser, lang ruhender Deich. Über die Niederung hinweg gleitet ein Reiher, das grauweiß gebänderte Schlangenkopfwesen, vertraute Chiffre. Eine Kuh beugt sich steifbeinig ans Wasser hinunter, um zu trinken. Der Pegel ist bereits um mehr als einen Meter gefallen. Die Sonne macht das Grasland hell zwischen den stählernen Gewässern. Unten an der Flussbiegung die Brücke, Dächer von Häusern, das Lichtsignal der Bahnlinie.

Er ist, wo er ist.

Zwischen den Fingern das steife Papier faltend, fällt ihm ein, wie er es zu falten hat. Erst zweimal auf Mitte, dann die Ecken einschlagen, dann die unteren Ränder hochlegen. Öffnen, spiegelverkehrt schließen und wieder öffnen, das hat er noch gewusst. Sein Papierschiffchen schwimmt zuerst am Rand, gerät dann in die Strömung. Gegen das Leuchten des Wassers ist es ein kleiner Schatten, deutlich und dann ungenau fern an der Biegung, im Wellenspiel vielleicht noch auszumachen. Wo es jetzt wohl sein mag? Schwimmt zur Elbe, zum Meer.

Die Schafe zeichnen scharfe Schatten auf die Deichlehne. Der Fluss, schlickbraun an der Steinböschung, steht nun zwei Meter tiefer. Im Strom, denkt er. Bleib im Strom! Der Strom zieht mit der Ebbe meerauswärts. Seine Zeit hier an der Pinnau – Zeit? aber keine Zeit! – geht zu Ende. Bald werden die beiden im Haus des Bruders fertig sein.

Bündnerfleisch

Donnerstag, achter August. Abfahrt gegen halb zwölf an einem grauen verregneten Tag. Kein Abschied. Georg ist schon bei der Arbeit. Tim zieht den Regenanzug an.

Tanken an der Autobahn nach Flensburg. Trotz des Regens schwitzt er in seinem Anzug. Erst als er von der Zapfsäule allein zum Zahlen geht, kommt das Abschiedsweh. So rächt es sich, denkt er, wenn man auf Reisen nicht auf Reisen ist.

Halb zwei Grenzübertritt nach Dänemark. Er hat vergessen, das dänische Geld aus dem Heckfach seiner Maschine zu holen und muss nun das ganze Gepäck abladen, um heran zu kommen.

Kurz nach drei in Vejle. Er hat die Autobahn verlassen und fährt durch die dänische Stadt mit Ampeln und Wegweisern, folgt der Reichsstraße 18 nach Holstebro. Er fährt und fährt.

Er ist unterwegs, die wechselnden Gegenden, durch die er kommt, sind ein Trost, ein Bildertrost, der von den Erinnerungen an Hamburg ablenkt.

Um halb vier in Jelling, wo neben der Straße jäh ein Grashang emporsteigt. Das ist einer der großen Grabhügel, die auf der Karte verzeichnet sind. Der Himmel bedeckt, hohe Wolkenschichten und darunter einzelne Schauerwolken, verquollen. Es ist sehr windig. Er fühlt sich hundeelend. Im Fahrtenbuch der vertraute Ton, wortkarg aus Verzweiflung.

Ein Imbiss aus reiner Gleichgültigkeit. Wurst, Käse, Brot, ein Ei, der fade Geschmack des Kinderbreis, den er aus dem Glas löffelt. Ihm fehlt die Gemeinschaft mit Georg. Die Geborgenheit in der kleinen Wohnung mitten in der Großstadt. Die Gespräche, die Wortspiele, das Einverständnis. Eigentlich sollte Hamburg nur der Auftakt sein zu seiner Reise, aber es bedeutet mehr. Es stellt sogar seine Fahrt in Frage.

Er kommt sich verlassen vor. Einsam, ja, aber auf falsche Weise. Er fragt sich, warum er eigentlich mutterseelenallein durch die Gegend kurven muss. Er wäre lieber ein paar Tage in Hamburg geblieben.

Das Unterwegssein macht ihm im Augenblick keinen Spaß. Er legt die vorgenommene Strecke zurück, kann sich kaum an der Landschaft freuen, isst, weil er essen muss, tankt, wird nach einem Nachtplatz suchen und zum ersten Mal das Zelt aufstellen, aber Sinn ergibt das keinen.

Halb sechs Tanken in Filskov. Ländliche Gegend mit Wäldern und Feldflur. Heimelig. Bauernhofhügelland mit reichlich Übernachtungsplätzen in der Natur. Er schwenkt jetzt ab nach Westen und hofft, dass das Wetter an der Küste so bleibt.

Er fährt und fährt. Er weiß nicht warum. Doch, er weiß es. Die Landschaft hat sich verändert, hier an der Küste. Die Möglichkeiten, wild zu zelten, sind rar geworden. Eine Dünenlandschaft mit Heide und Föhrengehölzen, eine grasige Steppe mit lauter Ferienhäusern, Kaufmannsläden und Campingplätzen. Er fährt und fährt, probiert zahllose Sandwege aus hinein in die Kiefernhaine, weil er zum Zeltaufbau gegen den steifen Wind Schutz braucht. Er fährt und fährt, und um dreiviertel sieben endlich eine Stichstraße zu einer Kirche und ein paar Meter heideeinwärts ein windgeschützter Platz hinter Nadelgestrüpp am Fuß eines Sandhügels. Er benötigt eine halbe Stunde zum Aufbau seines Kuppelzelts, bis er sich gänzlich eingerichtet hat, ist es acht.

Windhimmel, leuchtend. Fliegende Cumuli, die Sonne gelb und spät über der Heide. Hinter der Kirche – er hat nachgesehen – liegt fern und meerblau, schaumgezähnt, der Ringkøbingfjord. Tim befindet sich auf der Landzunge Holmsland Klit, weiß aber nicht, wo genau. Er muss erst auf der Karte nachschauen.

Umgezogen in leichterer Kleidung, sitzt er nun im Zelt und schreibt erst mal. Vierhundert gefahrene Kilometer seit Hamburg. Warum muss ich bei Dänemark immer an Hägar, den Schrecklichen denken? Georg und ich haben uns über die Hägar-Comics prächtig amüsiert. Es war ein schweres, zähes Loskommen von ihm, aber man kann ja nicht ständig zweite Kindheiten verlieren.

Diese Anspielung kann niemand verstehen außer ihm. Nur er kann wissen – und vielleicht noch Gerda, die dabei war –, wie sie damals auf seiner ersten Motorradfahrt nach Norden, gleich nach dem Abi, im Regen im Wald saßen mit einem undichten Zelt, irgendwo am Vättern, und er schließlich Hilfe holte bei einem Ferienhaus in der Nähe. So lernte er Bengt kennen, eine Freundschaft, zu der es einiges zu sagen gäbe. Aber darauf kommen wir später zurück.

Halb zehn. Kartoffelsuppe aus der Tüte, eingeschnittenes Bündner Fleisch, das in der Flüssigkeit aufquillt. Brot, Tee. Gespült und aufgeräumt. Neben ihm auf der Isomatte steht eine Flasche Bier, ein Bier wie das Land, aus dem Keller in der Hasselbrookstraße in Hamburg.

Auf dem Weg nach Norden, hat er in Georgs Gästebuch geschrieben, zwei Tage Aufenthalt am Tor zur Welt. Widerstreit der Gefühle, Aufbruch, Herausforderung und Landungsbrücken. Das hat er alles noch gar nicht begriffen und ist schon wieder, auf einmal, allein. Auf dem Motorrad unterwegs durch Dänemark, auf einmal die Notwendigkeit, abends das Zelt aufzuschlagen und sich sein Auskommen zu sichern – kein Wunder, denkt er, dass es mir so geht!

Draußen ist gut sein. Der Fahrweg führt zur Kirche von Hauvrig. Dahinter, in dem Streifen wilden Lands zwischen Dünen und Fjord, steht ein Bootshaus, Boote vertäut in kleinen Schilfkanälen, Zaunpfähle, eine Brettermole. In mannshohen Stößen liegt geschnittenes Schilf zum Trocknen. Er leuchtet durch ein Fenster ins Innere: Hier leben die Menschen vom Fischfang. Bis in den letzten Winkel, die kleinste Landungsstelle. Geräteschuppen würden in seiner Heimat die Landwirte sagen und darin das Zugzeug stehen haben; hier aber ist der Alltag maritim. Netze, Lampen, Blechdosen mit Firnis, Holzböcke, Bojen. Hinter dem Kirchhof steht ein Haus wie eine Holzschachtel, in dem sich die Toiletten befinden.

Ein Wohnmobil ist auf den Kiesplatz gefahren, Mann, Frau und Kinder übernachten ganz in seiner Nähe. Zuerst macht er einen Bogen um das Fahrzeug, um nach dem Kennzeichen zu sehen, wobei er misstrauisch beobachtet wird. Dann kann er auf Deutsch grüßen und ein Gespräch beginnen. In der Toilette ist es warm, sagt die Frau. Sie wollen hier übernachten und dann weiter nach Norden.

Er ist gar nicht allein, merkt er.

Im Norden ist es länger hell als zuhause. Um halb elf gibt die Landschaft im Dämmer noch ein körperhaftes Bild. Am jenseitigen Ufer des Fjords reihen sich einzelne Lichter, von Dörfern oder Gehöften; voraus, auf der Nehrung, das Feuer des Leuchtturms von Nørre Lyngvig.

Im sieben Kilometer entfernten Hvide Sande haben heute Abend die Kutter ihren Fang eingebracht, erzählt der Mann. Er soll gleich in der Fabrik eingelagert werden, damit er morgen früh auf den Markt kommen kann. Er habe sich den Fischmarkt angesehen. Beim Erzählen blickt der Mann immer wieder zu Boden und bewegt mit der Schuhspitze Steinchen, blickt auf und redet in die Nacht hinaus zum Fjord hinüber, der noch eine lichtlose Bläue hat. Er erzählt wie ein Junge von einer Entdeckung oder einem Abenteuer, ruhig, erwartungsvoll. Manchmal reden er und seine Frau gleichzeitig von verschiedenen Dingen, sodass Tim versucht, beiden zuzuhören und nacheinander Antwort zu geben.

In den Gehölzen bleibt der Wind draußen. Gerade mannshoch, sperrt das dichte tote Geäst und lässt nur Kriechgänge frei, am Boden, über einen Teppich aus braunen Nadeln. Wenn man still dort liegt, hört man den Wind fauchen. Durch die Säume und durch die Wipfel blickt die Nachthelle herein.

Es sei schon Herbst, sagt der Mann. Wenn man am Strand aus dem Wasser komme, sei es ganz schön kalt. Das Wasser nicht, das sei warm, aber der Wind. Der Wind, der an den Zeltwänden rüttelt. Es ist kurz nach elf.

Ich werde mir für morgen noch ein paar Zigaretten drehen. Lesen vielleicht. Ich habe ja noch ein wenig Zeit. Die vorbereiteten Kerzen für die Laterne habe ich zuhause vergessen. Nun muss ich morgen in einem Købmand neue kaufen, zusammen mit Milch und Saft.

Wenn er seine Schrift auf dem Papier sieht, muss er an den letzten Abend in Hamburg denken, als sie, von der Pinnau kommend, im Wohnzimmer saßen und Bier tranken und Lydia sich eine Zigarette ansteckte, weil Tim über ihre Schrift gutachten sollte. Er hat sich einmal mit Graphologie beschäftigt und die Grundzüge verstanden, nach denen die Deutung vorgeht. Er machte sich einen Spaß daraus, Lydia zu charakterisieren. Georg sagte, das Problem sei, dass sein Bruder eigentlich die Welt nicht verstehe und dessen Frau auch nicht, und mit Tims Bemerkung über deren Schrift hatte ja alles angefangen.

Eine heimatliche Erinnerung. Wie an zuhause. Aber es war tatsächlich eine Heimat gewesen inmitten der Fremde.

Zähneputzen unterm Sternenhimmel, windklar. Der Wind hat jetzt, kurz nach zwölf, zugenommen.

Seltsam, wie selbst ein Zelt Wohnerinnerungen bewahren kann. Während des Kochens erinnert er das Innenzelt noch als gästebergende Zuflucht in Lappland, auf der letzten Fahrt ans Nordkapp, wo er die Stirnseiten mit den Rentierfellen über den Schlafsackrollen ausgestattet hatte, sodass die beiden Rüdesheimer ihm bequem gegenüber sitzen und der Tee in der Mitte Platz finden konnte.

Der starke Wind wiederum, unter dem die Innenwände hin und her drücken, lässt ihn in der hellen Mitternacht auf dem Dovrefjell vor drei Jahren aufstehen und zusätzliche Spannleinen anbringen, jene Nacht, in denen seine Maschine umfiel und ihm übel war von den Würstchen.

Dieses Zelt, denke ich, hat viele Abende erlebt und viele Gegenden gesehen, gemeinsam mit mir. Und ich wohne nun wieder in ihm und erinnere mich.

Freitag, neunter August. Um acht wird Tim wach, noch ein bisschen dösen; waschen in der Toilette hinterm Kirchhof, die allerdings zu einer Wohnung gehört. Vielleicht haust der Küster dort.

Der Wind ist abgeflaut; eine hohe Schleierbewölkung zieht auf wie gestern, darunter wirres Wolkenzeug. Jetzt ist es halb zehn. Zeit zu packen.

Das Aufpacken gelingt ohne Schwierigkeiten. Um halb elf ist der Himmel völlig bedeckt, die Sonne glimmt nur noch trüb darin und gibt eine fahle, schattenlose Helle. Beim Aufpacken schwitzt Tim wieder, wie gestern beim Zeltaufbau. In dieser Lederhose schwitze ich nur noch, denkt er.

Das beständige Geschrei der Möwen. Auch in der Nacht und im Halbschlaf gegen Morgen. Die bergende Nähe des Meers. Zum Frühstück einen Apfel, zwei Feigen, Traubenzucker, kalten Tee. Den Wassersack füllt er in der Toilette hinter der Kirche. Heute wollen sie sich treffen, Hermann und Gerda, die auf der Rückfahrt sind von ihrem Campingurlaub in Tannisby, und er, am Gudumkloster zwischen drei und sieben. Das bevorstehende Treffen bestimmt den ganzen Tag. Abfahrt um halb zwölf.

Det var hyggelig

Unterwegs auf der Holmsland Klít. Linkerhand Dünen mit Ferienhäusern, im dräuenden Regen eine Wüste, rechterhand das Grasland am Ufer des Fjords. Wieder fährt er in Regenzeug. Zwischen Søndervig und Vedersø das bekannte Bauernland mit Wäldchen und weniger Wind. Dann die lange Gerade am Dünendeich entlang zwischen Meer und Nissumfjord, wo er vor fünf Jahren angehalten und ein Foto gemacht hat. Damals, mit Gerda hinten drauf.

Um dreiviertel eins hat er das Gudumkloster gefunden, ausgeschildert ist Gudum Kirke rechts an der Straße von Lemvig nach Struer.

Ein kühnes Unterfangen, sich vom Küchentisch zuhause aus mitten in Dänemark zu verabreden, ohne genauen Zeitpunkt, weil keiner weiß, wann er wo sein wird. Vielleicht geht es ja schief, und Tim wartet vergebens.

Er richtet sich auf eine lange Wartezeit ein. Aber es ist ein guter Ort dazu, ein großer Parkplatz von Bäumen umschlossen, unter denen er mit seiner Maschine halbwegs trocken steht. Gegenüber die Backsteinmauer des Kirchhofs, das schmiedeeiserne Portal, die Kirche ebenfalls aus Backstein.

Eine halbe Stunde wartet er in dem Holzhäuschen einer Bushaltestelle; es regnet sich ein. An der Wand wünscht jemand einer Ann-Kristin einen schönen Schultag. Dann entschließt er sich, die Straße abwärts ins Dorf zu gehen, um vielleicht einen Købmand zu finden und inzwischen einkaufen zu können. Als er schon wieder kehrt gemacht hat, weil ihm der Weg zu weit war, fährt der weiße Renault mit dem vertrauten Kennzeichen an ihm vorbei, HR wie Hermann, nicht zu verwechseln. Er winkt, aber sie sehen ihn nicht. Oben auf der Kuppe würden sie das Schild sehen und auf den Parkplatz einbiegen, hofft er. Er rennt, so schnell er es mit Regenschirm und Regenanzug kann, nimmt dann aber den Weg über das anliegende Gehöft, über den gepflasterten Hof und durch die Hinterpforte und knírscht gerade zwischen den Gräbern durch den Kies, als das Kirchenportal aufgeht und jemand seinen Namen ruft.

Eine braungebrannte Gerda steht dort und umarmt ihn.

Hermann begrüßt ihn gemessen und gutgelaunt. Im Vorraum der Kirche halten sie erst einmal ausgiebig Vesper, jeder lagert seinen Proviant auf den Sitzbänken an den Wänden.