Aristophanes

Aristophanes: Die Vögel

 
 
 
 
 
 
Musaicum_Logo
Books
- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
musaicumbooks@okpublishing.info
 
2017 OK Publishing

 
ISBN 978-80-272-2822-5

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Hochgelegene Wald- und Felsgegend

Pisthetairos und Euelpides, durch ihr Gepäck als Auswanderer kenntlich, jeder mit einem Vogel auf der Hand, treten auf

Euelpides zu der Dohle, die er auf der Hand trägt:
Gradaus, dort nach dem Baum zu weist du mich?

Pisthetairos zu seiner Krähe:
Ei, berste du! – Die krächzt uns nun zurück.

Euelpides: Verdammt! Da stolpern wir nun auf und ab
Und laufen kreuz und quer hinein ins Blaue!

Pisthetairos: Ich Tor! – zu folgen einer Kräh', und mehr
Als tausend Stadien Wegs herumzuirren!

Euelpides: Ich Narr! – zu folgen einer Dohl', und mir
Die Nägel an den Zehen abzulaufen!

Pisthetairos: Wo mögen wir in aller Welt nur sein?

Euelpides: Du – fändest du von hier die Vaterstadt?

Pisthetairos: Unmöglich – selbst für Exekestides!

Euelpides stolpernd:
Au weh!

Pisthetairos: So geh doch diesen Weg, Kam'rad!

Euelpides: Der Vogelhändler hat uns schön geprellt,
Philokrates, der hirnverbrannte Krämer,
Der log: die beiden führten uns zum Tereus,
Dem Wiedehopf, nunmehrigem Vollblutvogel.
Die Dohle – Tharrheleides' Kind – verkauft' er
Uns für 'nen Obolos, und hier die Krähe
Für drei! und beide können nichts als beißen!
Die Dohle pickt nach ihm
Was schnappst du wieder? Willst du uns die Felsen
Hinabspedieren? – Hier ist weit und breit
Kein Weg!

Pisthetairos: Beim Zeus, auch nicht der schmälste Fußpfad!

Euelpides: Sagt deine Krähe dir denn nichts vom Weg?

Pisthetairos: Ach nein! die kreischt das alte Lied mir vor.

Euelpides: Was sagt sie denn vom Weg?

Pisthetairos: Was wird sie sagen?
Weghacken wolle sie mir noch die Finger!

Euelpides gegen die Zuschauer:
Ist das nicht arg, daß wir, die doch zum Geier
Zu gehn parat und voll Verlangen sind,
Nun erst den Weg dahin nicht finden können?
Denn wißt, ihr Herrn Zuschauer, unsre Krankheit
Ist just das Widerspiel von der des Sakas:
Der, Nichtstadtbürger, drängt sich ein, doch wir,
Von Stamm und Zunft und Haus aus makellos,
Vollbürger, nicht verjagt, aus eignem Antrieb
Entflogen spornstreichs wir der Heimat; – nicht
Als wär' uns diese Stadt verhaßt und wäre
Nicht herrlich, groß und weit und allen offen,
Die drin ihr Geld verprozessieren wollen!
Denn einen Monat oder zwei nur zirpen
Im Laub die Grillen: doch ihr ganzes Leben
Verzirpen im Gerichtshof die Athener.
Dies ist der Grund, warum wir hier marschieren
Mit Korb und Topf und Myrtenreis; wir streifen
Herum und suchen einen Friedensort,
Um allda unsre Wohnung aufzuschlagen.
Gerad zu Tereus geht jetzt unsre Fahrt,
Zum Wiedhopf, um zu fragen, ob er als
Gereister Vogel so 'ne Stadt gesehn.

Pisthetairos: Du?

Euelpides: Was?

Pisthetairos: Die Krähe winkt mir immer dort
Hinauf.

Euelpides: Und meine Dohle reckt den Schnabel
Weit offen in die Höh', mir was zu zeigen.
Kein Zweifel mehr, hier müssen Vögel sein:
Wir schlagen Lärm, da sind wir gleich im klaren.

Pisthetairos: Hör, stoß doch mit dem Fuß hier an den Felsen!

Euelpides: Stoß du doch mit dem Kopf, dann klopft es doppelt.

Pisthetairos: So poch mit einem Stein!

Euelpides: Wie du befiehlst!
He, Bursch!

Pisthetairos: Was rufst du? Nennst den Wiedhopf Bursch?
Nicht Bursch, du mußt Huphup dem Wiedhopf rufen

Euelpides: Huphup! Wie lange muß ich denn noch klopfen?
Huphup!

Zaunschlupfer mit langem, weitoffenem Schnabel tritt heraus; Pisthetairos und Euelpides fahren zurück; Dohle und Krähe fliegen fort

Zaunschlupfer: Wer klopft? Wer ruft hier meinem Herrn?

Euelpides: Apollon, sei uns gnädig! Welch ein Schlund!

Zaunschlupfer: Ich Unglücksel'ger, weh, zwei Vogelsteller!

Euelpides in höchster Not:
Weh, was passiert mir? Unaussprechliches!

Zaunschlupfer: Hol' euch –

Euelpides: Für Menschen hältst du uns?

Zaunschlupfer: Was sonst?

Euelpides: Ich bin der Vogel Graus aus Afrika.

Zaunschlupfer: Du lügst!

Euelpides: Da frag die Sauce an meinen Beinen!

Zaunschlupfer zu Pisthetairos:
Und welch ein Vogel bist denn du? sag an!

Pisthetairos: 'Ne Art von Goldfasan – der Diarrhöling.

Euelpides zum Zaunschlupfer:
Was bist denn du nun aber für ein Tier!

Zaunschlupfer: Ein Vogelsklave!

Euelpides: Welche Demut! – Hat
Ein Kampfhahn dich besiegt?

Zaunschlupfer: O nein! Doch als
Mein Herr zum Wiedhopf wurde, bat er mich,
Als Vogel mitzugehn und ihm zu dienen.

Euelpides: Braucht denn ein Vogel auch noch Dienerschaft?

Zaunschlupfer: Er wohl! vermutlich, weil er Mensch einst war;
Bald hätt' er gern phalerische Sardellen,
Gleich schlupf ich mit dem Töpfchen fort und hole;
Dann will er Mus – nach Quirl und Pfanne schlupf ich
Durch Heck' und Zaun –

Euelpides: Nun kenn' ich dich: Zaunschlupfer!
Hör, weißt du was, Zaunschlupfer, schlupf hinein
Und ruf uns deinen Herrn!

Zaunschlupfer: Der macht sein Schläfchen!
Denn Schnaken aß er just und Myrtenbeeren.

Euelpides: Geh nur und wecke ihn!

Zaunschlupfer: Ach nein, ich weiß
Gewiß, er brummt. – Nun, euch zulieb', ich weck' ihn! Ab

Pisthetairos ihm nachrufend:
Daß du krepierst! Mich so halbtot zu ängsten!

Euelpides: O weh, auch mir entflogen ist vor Angst
Die Dohle!

Pisthetairos: Feiges Tier, du hast vor Angst
Die Dohle fliegen lassen?

Euelpides: Hast denn du
Beim Fallen nicht die Krähe fahren lassen?

Pisthetairos: Ich nicht, bei Zeus!

Euelpides: Wo ist sie denn?

Pisthetairos: Entwischt!

Euelpides: Und du, du hieltst sie nicht, du tapfrer Held?

Wiedehopf hinter der Szene:
Tu auf den Wald, daß ich mich offenbare!
Tritt heraus

Euelpides: Welch Wundertier! Herakles, welch Gefieder!
Und auf dem Kopf drei Büsche! – Neue Mode!

Wiedehopf: Wer wünscht zu sehn mein Antlitz?

Euelpides: Die zwölf Götter –
Gegen das Publikum
Traktierten, scheint's, dich schlecht!

Wiedehopf: Ihr spottet mein
Und meiner Schwingen? Fremdlinge, ich war
Einst Mensch –

Euelpides: Wir lachen dich nicht aus –

Wiedehopf: Wen denn?

Pisthetairos: Dein krummer Schnabel nur erschien uns spaßhaft.

Wiedehopf: So hat der Sophokles mich zugerichtet
In seinem Trauerspiel, ja mich, den Tereus!

Euelpides: Du bist der Tereus? Hahn wohl oder Pfau?

Wiedehopf: Ein Vogel doch!

Euelpides: Wo sind denn deine Federn?

Wiedehopf: Mir ausgefallen –

Euelpides: Wohl in einer Krankheit?

Wiedehopf: Nein, alle Vögel mausern sich im Winter,
Es wachsen dann uns neue nach! – Allein
Wer seid denn ihr?

Euelpides: Wir beide? Menschenkinder!

Wiedehopf: Woher?

Euelpides: Woher die stolze Flotte stammt.

Wiedehopf: So? Heliasten? –

Euelpides: Antiheliasten,
Grad' umgekehrt!

Wiedehopf: Gedeiht denn solches Korn
Dort auch?

Euelpides: Gar dünn gesät ist's auf dem Land.

Wiedehopf: Was habt ihr vor? »Was führt euch denn hierher?«

Euelpides: Dich sprechen wollen wir!

Wiedehopf: Worüber denn?

Euelpides: Einmal: du warst ein Mensch einst, so wie wir,
Und hattest wohl auch Schulden, so wie wir;
Und zahltest sie nicht gerne, so wie wir;
Zum zweiten hast, zum Vogel umgestaltet,
Du Erd' und Meer umflogen, und so weißt
Du, was ein Mensch und was ein Vogel weiß.
Drum nah'n wir uns in Demut dir und bitten,
Ob du vielleicht uns eine Stadt kannst nennen,
Wo weich und warm man in der Wolle sitzt?

Wiedehopf: Und größer als die Stadt der Kranaer?

Euelpides: Nicht größer, aber dienlicher für uns.

Wiedehopf: Haha, du denkst aristokratisch?

Euelpides: Ich?
Mit nichten, Skellios' Sohn ist mir ein Greuel!

Wiedehopf: In welcher Stadt denn wohntet ihr am liebsten?

Euelpides: Wo dies die wichtigsten Geschäfte wären: –
Früh kam' an meine Tür ein guter Freund
Und spräche: ›Beim olymp'schen Zeus, du kommst
Doch ja zu mir mit deinen Kindern, wenn
Sie morgens frisch gewaschen sind: wir haben
Ein Hochzeitsmahl: und fehl mir ja nicht, sonst
Bleib mir auch weg, wenn's einmal schmal mir geht!‹

Wiedehopf: Bei Zeus, du liebst beschwerliche Geschäfte!
Zu Pisthetairos
Und du?

Pisthetairos: Dergleichen lieb' auch ich!

Wiedehopf: Zum Beispiel?

Pisthetairos: Wenn einer schwerbeleidigt sich bei mir
Beklagt', ein Vater eines hübschen Knaben:
›So, schön von dir, Stilbonides! Mein Söhnchen,
Das frischgebadet du beim Ringhof trafst,
Mir nicht zu grüßen, küssen, mitzunehmen –
Und auszugreifen – Du, mein alter Freund?!‹ –

Wiedehopf: Du armer Mann, du liebst vertrackte Dinge!
Nun, in der Tat, solch eine Stadt der Wonne
Liegt fern am Roten Meer –

Euelpides: Um Gottes willen,
Nur nicht am Meer! – daß eines Morgens – schrecklich! –
Die Salaminia auftaucht, uns zu holen?
Kannst du uns keine Stadt in Hellas nennen?

Wiedehopf: Laßt euch zu Lepreos in Elis nieder!

Euelpides: Zu Lepreos, dem Krätznest? Pfui, das hass' ich,
Eh' ich's gesehn, schon von Melanthios her!

Wiedehopf: So siedelt euch bei den Opuntiern an
In Lokris!

Euelpides: Was, in Lokris? Lockrer Lump!
Das würd' ich nicht um eine Tonne Golds! –
Wie ist denn bei euch Vögeln hier das Leben?
Du kennst es ja!

Wiedehopf: Kein übler Aufenthalt!
Man braucht hier, um zu leben, keinen Beutel!

Euelpides: Da gibt's auch keine Beutelschneiderei!

Wiedehopf: Wir picken in den Gärten weißen Sesam,
Mohnkörner, Myrtenbeeren, Wasserminze.

Euelpides: Da führt ihr ja ein wahres Hochzeitleben!

Pisthetairos: Ha! Hört!
Zu großen Dingen, seh' ich, ist bestimmt
Das Vögelvolk – wenn ihr mir folgen wollt!

Wiedehopf: Dir folgen? Wie?

Pisthetairos: Vor allem flattert nicht
Mit offnen Schnäbeln in der Welt herum,
Das schickt sich nicht für euch! Wenn dort bei uns
Man fragt nach solchen flatterhaften Burschen: