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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.
ISBN: 978-3-74097-109-0
Herbstnebel lag über München. Der frühe Abend schimmerte nur matt durch die grauen Schleier, hinter der die Welt einmal mehr verschwamm, unscharf wurde, nicht zu greifen, viel weniger zu verstehen. So empfand Ann-Christine Baumgarten es jedenfalls, während sie durch die breite Fensterscheibe ihrer Hotelsuite sinnend nach draußen schaute.
Die schöne Operndiva mit den traurigen Augen, wie sie vor Jahren mal ein Zeitungsschreiber getauft hatte. Dieser melancholische, vergeistigte Blick aus tiefblauen Augen bezauberte Publikum und Kritiker in gleichem Maße wie ihr voller, seelenvoller Alt, dessen warme Tiefe unerreicht schien.
Ann-Christine hatte alle großen Rollen gesungen, war mit Anfang Dreißig bereits auf allen Bühnen der Welt zu Gast gewesen, hatte mit Brahms’ Wiegenliedern die Carnegie-Hall verzaubert, auf dem grünen Hügel die Walküren das Fürchten gelehrt und an der Mailänder Scala mit leichter Hand in Verdis Tonkaskaden brilliert.
Die schlanke Blondine mit den klassischen Zügen war ein wahrer Star der Musikwelt, gefeiert, verehrt, ja, vergöttert.
Selten nur sah man Paul Schlei, ihren Manager und seit zehn Jahren auch ihr Ehemann, an ihrer Seite. Er blieb lieber im Hintergrund, wo er die Fäden zog, Verträge abschloss, Gagen aushandelte. Dinge, die er Ann-Christine abnahm, angeblich um ihre künstlerische Arbeit nicht mit Nichtigkeiten zu belasten. Doch war es wirklich so? Hatte Paul sich nicht vielmehr angemaßt, ihr Leben zu verplanen, den Preis ihrer Arbeit festzulegen? Und verdiente er selbst nicht kräftig daran? Bittere Gedanken, die sich nicht immer unterdrücken ließen. An einem Abend wie diesem, in einer fremden Stadt, einem fremden Hotelzimmer kamen sie ungebeten aber hartnäckig, ließen sich auch nicht mit einer bunten Mischung aus der Reiseapotheke zum Schweigen bringen. Ann-Christine konnte sich kaum noch an die Zeit erinnern, als sie ohne Uppers und Downers, Schlaftabletten und allerlei andere Wunder aus der Welt der Psychopharmazie gelebt hatte. Es war noch nicht lange her, ein paar Jahre erst. Doch dann hatten Stress und ständige Anspannung ihren Tribut gefordert. Und Paul hatte begonnen, sie skrupellos mit den Glückspillen zu füttern, bis sie lächelte, bis sie funktionierte. Er fragte nicht nach den Folgen, er fragte nicht danach, was in zehn Jahren sein würde. Es schien ihm einerlei zu sein. Seine angebliche Liebe zu ihr – so sie nicht nur ihrem Bankkonto gegolten hatte – war längst erloschen, ihre Ehe zur Zweckgemeinschaft verkommen.
Wo war Paul nun? Angeblich hatte er geschäftlich noch etwas zu erledigen. Ann-Christine fragte sich, ob dieses ›Geschäft‹ wohl blond oder dunkelhaarig war, oder vielleicht zur Abwechslung rot? Ein bitteres Lächeln legt sich um ihren schön geschwungenen Mund. Was war nur los mit ihr an diesem Abend?
Alles war wie immer, kein Grund, sich zu beklagen. Und doch kam sie nicht zur Ruhe, unfähig, ihr Gedankenkarussell zum Stehen zu bringen.
Lag es an ihr, steigerte sie sich in etwas hinein? Oder war es nicht doch die Stadt, dieser besondere Ort, den sie seit Jahren gemieden hatte und nun zum ersten Mal wieder besuchte?
Es musste München sein. Die Erinnerungen, die in der Isar-Metropole unaufhaltsam wieder lebendig wurden, wühlten tief in Ann-Christines Innerem, pressten ihr das Herzblut ab, zerfledderten ihre Seele, ließen sie halb betäubt und wehrlos zurück, dem preisgegeben, was sie so lange hinter einem bunten Vorhang aus Kapseln, Pillen und Alkohol versteckt hatte. Hier aber hatte das Versteckspiel ein Ende, das spürte sie mit schmerzhafter Deutlichkeit. Warum hatte sie nicht darauf bestanden, München bei ihrer Tournee auszulassen? Warum hatte sie sich nicht einmal wenigstens gegen Paul durchgesetzt?
Mit einem schweren, gequälten Seufzer sank sie auf das tiefe, weiche Sofa, vergrub das Gesicht in den schlanken Händen und weinte bitterlich. Sie wollte nicht mehr an das denken, was vor zwölf Jahren hier geschehen war und was ihr Leben für immer verändert hatte. Sie wollte sich nicht einmal mehr diesem beißenden Schmerz aussetzen, der ihr Herz und Seele zerriss, bis nichts mehr von ihr übrig zu sein schien als ein Häuflein Elend und Verzweiflung. Doch es gab kein Entrinnen. Die Bilder stiegen vor ihrem inneren Auge auf und ließen sich nicht stoppen …
Damals, mit eben einundzwanzig Jahren, hatte Ann-Christine ganz am Anfang ihrer Karriere gestanden. Paul Schlei hatte sie bei einem Konzert der Abschlussklassen eines renommierten Münchner Konservatoriums gehört und sie sogleich unter Vertrag genommen. Er hatte ihr Talent im ersten Moment erkannt und alles dazu getan, dass ihre Karriere in Schwung kam.
Privat hatte sich zwischen der schönen, blutjungen Künstlerin und dem zehn Jahre älteren, unscheinbaren Manager nichts abgespielt. Beruflich waren sie von Anfang an ein gut funktionierendes Team gewesen.
Ann-Christine konnte die Fachwelt rasch für sich begeistern, und es dauerte nicht lange, bis die Musikkritiker sich einig waren, dass man hier einen neuen Stern am Klassikhimmel aufgehen sah. Bei einem Liederabend lernte sie dann den angehenden Diplomaten Alexander Hoffmann kennen und verliebte sich auf den ersten Blick in den attraktiven jungen Mann.
Paul Schlei war die stürmische Romanze, die sich rasch entwickelte, ein Dorn im Auge. Er mahnte seinen Schützling, sich auf die Karriere zu konzentrieren, das Private zurückzustellen. Doch er stieß bei der verliebten jungen Frau, die von einer Hochzeit in Weiß träumte, von einem gemeinsamen Leben mit Alexander, einer Familie, auf taube Ohren.
Ann-Christine nahm Pauls Einmischung nicht übel. Sie meinte, dass er eben an ihren Erfolg dachte, ohne zu ahnen, was ihn tatsächlich bewegte. Paul war schon lange heimlich in sie verliebt, brennend eifersüchtig auf den blendend aussehenden jungen Mann aus guten Hause, der alles zu bieten hatte, was ihm fehlte. Und dann war Alexander plötzlich fort, von jetzt auf gleich, ohne Abschied, ohne ein Wort. Ann-Christine wusste nichts von dem eilig geschriebenen Abschiedsbrief, in dem er über seine überraschende erste Berufung ans Konsulat in Südafrika berichtete und sie bat, auf ihn zu warten. Er musste sich dort einrichten, dann wollte er sie nachholen.
Der Brief verschwand auf Nimmerwiedersehen, ebenso wie sein Verfasser. Paul redete Ann-Christine ein, dass sie sich in Alexander getäuscht hatte, dass er nur auf eine kurze Affäre aus gewesen sei, dass er sie bereits vergessen habe.
Todunglücklich klammerte sie sich an diese Lügen wie an einen letzten Rettungsanker, arbeitete bis zum Umfallen, tat alles, was Paul ihr riet, nur um endlich zu vergessen, den grausamen Schmerz in ihrem Herzen zum Schweigen zu bringen.
Und dann hatte Ann-Christine festgestellt, dass sie schwanger war. Ein Orkan gegensätzlicher Empfindungen war in ihrem Herzen ausgebrochen, zwischen Freude und Verzweiflung, andächtiger Neugierde und der Angst vor dem, was werden sollte, war sie ratlos, hilflos gewesen. Da hatte Pauls Stunde geschlagen. Er hatte ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden, sie in allem unterstützt, sich zu ihrem Halt und dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben entwickelt. Dass sie das Baby nicht behalten konnte, machte er ihr behutsam, aber mit unerbittlichem Nachdruck klar. Er war einverstanden, dass sie das Kind in einer großen Klinik anonym zur Welt brachte, danach aber sofort zur Adoption frei gab. Diesen Weg, den Ann-Christine im tiefsten Herzen fürchtete und als falsch ansah, ging er mit ihr, arrangierte alles so, dass kein Schatten auf ihre Karriere, kein Makel auf ihr Image fiel. Sie fügte sich, obwohl ihr vor dem Moment graute, wenn das Kind fort war, eben noch ein Teil ihrer selbst, dann plötzlich verloren, als hätte es nie existiert. Sie bat, flehte Paul an, mit der Adoption zu warten, sie wollte sich nach der Geburt noch einmal alles in Ruhe überlegen. Er war zum Schein darauf eingegangen, aber dann war alles ganz anders gekommen. Es gab Komplikationen bei der Geburt, Ann-Christine ging es wochenlang schlecht. Und als sie sich endlich zu erholen begann und nach dem Kind fragte, war die Adoption bereits über die Bühne gegangen, reibungslos durchgeführt wie ein x-beliebiges Geschäft. Paul hatte sie getröstet, sich liebevoll und sehr fürsorglich um sie gekümmert und schließlich ihr Herz gewonnen.
Zwei Jahre nach der Geburt war Ann-Christine seine Frau geworden, hatte gehofft, nun in einem sicheren Hafen das private Glück genießen zu können, das ihr Halt und Kraft für ihr künstlerisches Schaffen gab. Doch sie hatte sich getäuscht.
Pauls Gefühle für sie waren längst erloschen, er war wechselhaft, brauchte immer neue Reize, die Jagd lockte ihn mehr als die Beute. Ihre Ehe verkam zur Zweckgemeinschaft.
Er ließ sie allein mit ihren Schuldgefühlen, mit der offenen Wunde auf der Seele, die nicht heilen wollte ohne Antworten auf all die Fragen, die ein kleines Leben ohne Spuren zu hinterlassen in ihr aufwarf. Irgendwann hatte sie angefangen, die Medikamente zu nehmen, die Paul ihr mit angeblich guten Absichten zuhauf verschreiben ließ, hatte sich geflüchtet in diese Scheinwelt aus Watte und rosa Wolken, in der es kein Gestern und kein Morgen gab. Und nun, zurück in München nach zwölf rastlosen Jahren, holte die Vergangenheit Ann-Christine doch wieder ein.
Wo mochte es sein, das Kind, nun nicht mehr so klein, schon eine Persönlichkeit nach den ersten Schritten, den ersten Worten, nach aufgeschürften Knien, Schulzeugnissen und Tagen und Nächten, angefüllt von Leben, Wachsen, von Träumen und all dem Neuen, das die Welt einem Menschen zu bieten hatte, für den das alles gerade erst begonnen hatte.
Das Kind, das neun Monate ein Teil von ihr gewesen war, und nun schon Jahr für Jahr ohne sie gelebt hatte, sie nicht kannte und nie kennenlernen würde.
Ann-Christine rollte sich auf dem Sofa zusammen und schloss die Augen. Sie wollte schlafen, nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Innerlich ganz leer, drehte sich das Gedankenkarussell in ihrem Kopf unaufhörlich weiter, machte sie schwindlig und verzweifelt. Der Schlaf kam nicht, nicht ohne Hilfe. Erst nach einem Griff in die mobile Hausapotheke, die einzige Konstante in ihrem Nomadenleben, fiel sie schließlich in ein tiefes, schwarzes Nichts.
Es war keine Erlösung, nur Betäubung, doch alles, was ihr blieb. Und besser als nichts.
*
Dr. Daniel Norden hatte die Visite für diesen Tag gerade beendet und war in sein Büro zurückgekehrt, als seine Frau anklopfte. Felicitas, genannt Fee, die bildhübsche Blondine, Chefin der Pädiatrie in der Münchner Behnisch-Klinik, die Daniel leitete, schaute ihn mit ihren erstaunlich blauen Augen fragend an. Er wusste, worum es ging, was ihr Besuch zu bedeuten hatte. Nach vielen gemeinsamen Ehejahren und fünf mittlerweile erwachsenen Kindern verband sie so viel, dass er manchmal das Gefühl hatte, als seien sie beide ein Mensch. Oder doch zwei Hälften des Gleichen, die sich nicht nur ergänzten, sondern zusammen erst vollständig waren. Ein Gefühl, das ihm zugleich schön und auch ein wenig beängstigend erschien.
»Ich habe mit Frank telefoniert«, ließ er seine Frau nun wissen. »Er sieht keine Probleme, was den Eingriff angeht. Außerdem könnte Nikita drüben auch wegen der Schwerhörigkeit behandelt werden. Die arbeiten da mit einem innovativen Verfahren, basierend auf Gentherapie und Gaben von hoch dosierten Vitaminen, das sehr erfolgreich ist.«
Fee seufzte. »Und sehr teuer, nehme ich an.«
»Leider. Das Boston Memorial Hospital finanziert sich durch einen Trägerverein und hauptsächlich über private Spenden. Die Leute, die dort investieren, sehen es nicht gern, wenn eine solche Behandlung nicht bis auf den letzten Penny bezahlt wird.«
»Die Hartmanns können solche Summen nicht stemmen. Caro kennt die Leute gut, sie behandelt Nikita ja schon seit sechs Jahren. Sie lieben das Mädchen wie ihr eigenes Kind und würden alles für Nikita tun. Aber Jan Hartmann ist Busfahrer, seine Frau arbeitet in einem Blumenladen. Finanziell sind sie nicht unbedingt auf Rosen gebettet.«
»Wir sollten etwas organisieren, Spenden sammeln.«