SR_Karten_des_Schicksals_ebook_cover.jpg

SHADOWRUN:

Karten des Schicksals

ANTHOLOGIE

Pegasus Press

35006G

Übersetzung aus dem Amerikanischen:

Christina Brombach und Carsten Brombach

Redaktion:

Tobias Hamelmann

Umschlagillustration:

Echo Chernik

Umschlaggestaltung und Satz:

Ralf Berszuck

Lektorat und Korrektorat:

Lars Schiele

Umsetzung eBook:

SiMa Design

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

»Drawing Destiny« bei Catalyst Game Labs.

© 2016 Topps, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Shadowrun ist eine eingetragene Marke von Topps, Inc.

in Deutschland und anderen Staaten.

© der deutschen Ausgabe 2017 bei Pegasus Spiele.

© der deutschen Ausgabe 2021 bei Pegasus Spiele.

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Pegasus Spiele GmbH, Am Straßbach 3, 61169 Friedberg (Deutschland)

Druck via GrafikMediaProduktion.

ISBN 978-3-95789-185-3

Besuchen Sie uns im Internet: www.pegasus.de

VORWORT

JOHN HELFERS

Herzlich willkommen zu Karten des Schicksals, der dritten Anthologie mit neuen Shadowrun-Kurzgeschichten. Diesmal dreht sich alles um eine der größten Umwälzungen des Shadowrun-Universums seit der Ermordung Dunkelzahns (okay, vielleicht nicht ganz so groß, aber schon ziemlich bedeutend).

Das Tarot der Sechsten Welt fiel dem genialen Loren Coleman auf dem Gen Con 2014 ein. Als er mir erzählte, was er für das und mit dem Tarot plante, war mir sofort klar, dass wir um dieses Kartenspiel herum eine Sammlung von Kurzgeschichten bringen mussten. Ein lebendiger magischer und metaphysischer Gegenstand mit der Macht, die Realität zu verändern, um die eigenen Wünsche oder die seines Benutzers zu erfüllen (oder auch nicht) – gibt es überhaupt etwas, das besser zu Shadowrun passt als das?

Natürlich gehört zu einem Shadowrun-Artefakt auch eine gewisse, nun ja, Anpassung an die Gegebenheiten der Sechsten Welt. Mit den fantastischen, von Echo Chernick speziell geschaffenen Illustrationen ist das erwachte Tarot einem herkömmlichen Satz Tarotkarten einerseits sehr ähnlich, andererseits auch wieder nicht. Die Identitäten und Aspekte einiger Karten wurden verändert, damit sie besser zu der gefährlichen, dystopischen Welt von Shadowrun passen. Außerdem weist der Begriff »lebendig« auf einen besonderen Aspekt hin: Im Laufe der Zeit werden sich manche Karten ändern, weil nicht nur das Deck das Geschehen in der Welt von Shadowrun verändert, sondern auch umgekehrt.

Als ich den Aufruf für Geschichten rund um das erwachte Tarot startete, waren die Reaktionen buchstäblich überwältigend, nicht nur in Bezug auf die Menge der eingesandten Storys, sondern auch, was deren Qualität angeht. Die Geschichten decken ein Spektrum an Themen und Figuren ab, das ebenso vielfältig ist wie das Tarot der Sechsten Welt selbst. Manche schildern ganz geradlinig (zumindest für Shadowrun-Erzählungen), was die Begegnung mit einer Tarotkarte einer Person einbringtoder einbrockt. Andere befassen sich mit Aspekten einer bestimmten Karte und deren Auswirkungen auf die Handlungen einer Figur oder die Mission eines Teams. Darüber hinaus gibt es eher esoterische Geschichten, die tiefer in das außerordentlich komplexe Wesen des Tarots selbst und die Pläne und Intrigen eintauchen, die auf der Sechsten Welt geschmiedet und verfolgt werden. Wenn Ersteres und Letztere aufeinanderprallen, kann es ziemlich spektakulär zugehenoder auch ganz ruhig. So oder so: Die Nach­wirkungen eines solchen Zusammenstoßes werden früher oder später zu spüren sein.

In dieser Anthologie finden sich viele aus früheren Sammlungen bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter Michael A. Stackpole, Jennifer Brozek, Chris A. Jackson, Kai OConnal, Aaron Rosenberg, Steven S. Long, R. L. King, Malik Toms, Russell Zimmerman und Jason M. Hardy. Es ist mir aber eine besondere Freude, auch neue Autorinnen und Autoren in der düsteren Welt der Shadowrun-Anthologien willkommen zu heißen. Manche davon, z. B. CZ Wright und Scott Schletz, haben schon ausgezeichnete Kurzgeschichten für das Rollenspiel geschrieben; für andere, darunter Lucy A. Snyder, Josh Vogt, Jaym Gates, David Ellenberger, Monica Valentinelli, Devon Oratz, R. J. Thomas, O. C. Presley, Bill Aguiar und Jeffrey Halket, ist es der erste Vorstoß auf die erzählerische Seite des Shadowrun-Universums.

Ich bin sehr froh, all diese Personen und Geschichten hier vorstellen zu können, und wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, genauso viel Spaß bei der Lektüre, wie ich beim Zusammenstellen hatte. Also blättern Sie um und tauchen Sie ein in diese Sammlung von Storys, in denen auf die eine oder andere Art alles davon abhängt, welche Karte aufgedeckt wird.

... und raus bist Du: EINE »WOLF UND RABE«-STORY

(DIE MATRIX)

MICHAEL A. STACKPOLE

»Vergiss ihre Rolle bei der Sache, Langzahn! Dein Plan ist unzulänglich«, grummelte der Alte tief unten in meiner Seele. »Du bist ein Jäger, kein Fallensteller

Der Alte ist ein Teil des Wolfsgeistes, der in mir lebt, und hat zu allem eine Meinunggenauer gesagt: Er hat an allem was zu meckern. Seine Lösung für Probleme jedweder Art ist normalerweise der Einsatz scharfer Reißzähne gegen weiches Halsgewebe. In diesem speziellen Fall konnte ich ihn sogar verstehen, aber er kannte eben nicht die ganze Geschichte. ›Erst töten, dann fragenwar diesmal einfach keine Option und würde auch keine werden, egal wie ausdauernd er protestierte.

»Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde«, verkniff ich mir zu antworten, denn der Alte ist kein großer Bibelfan. Ist auch nachvollziehbar: Die Geschichten handeln vor allem von Schafhirten, und er behauptet, älter zu sein als die Gottheit, um die sich darin alles dreht. Bestenfalls würde er mich süffisant daran erinnern, dass es gleich im nächsten Vers heißt: »Sterben hat seine Zeit«.

»Du willst einfach nicht in einem Canyon aus Beton eingesperrt sein, in dem es nach Mensch müffelt

»Lieber eine ganze Stadt voller Mähnenaffen als das, was du vorhast

»Ich sage ja gar nicht, dass du falsch liegst, aber wir haben keine WahlIch strich über den silbernen Wolfskopf-Anhänger, den ich um den Hals trug, und gönnte mir einen Moment, um diese letzte echte Sinneswahrnehmung zu genießen, die mir deutlich lieber war als der Druck des Elektrodennetzes auf meinem Kopf. Dann glitt meine Hand hinunter zum Startknopf des Decks. Kurz verharrte ich.

»Aller guten Dinge sind drei

Ich drückte den Knopf und klinkte mich in die Matrix ein. Lichtblitze zucktennicht vor meinen Augen, sondern dahinter, in meinem Geist. In der Welt des Fleischs war ich jetzt ein Zombie, eingestöpselt in sein Deck in einer Ecke der Bar. Meine Augen nahmen weder die von der Decke hängenden Puppenköpfe wahr, noch die Neonschilder, deren Blinken verriet, dass es mit ihnen zu Ende ging. Ich roch auch nichts, was in der Wurzel allerdings ein Segen war. Andere Körper rempelten gegen meinen, die Musik ließ meine Ohren bluten, aber ich war nicht da.

Stattdessen befand ich mich in der Matrixversion der Wurzel, die von hellem Licht und beruhigenden Geräuschen erfüllt war. Kein verbeultes Metall, keine bräunlichen Blutflecken, und die Luft gesalbt mit einem künstlich hergestellten Duft, der als »Antiseptisches Ambrosia« verkauft wurde. Der Besitzer der Wurzel hatte nicht besonders viele Nuyen in das virtuelle Gegenstück der Spelunke investiert. Trotzdem konnte ich mir hier vorstellen, ein kaltes Bier zu bestellen und es dann auch wirklich zu kriegen, und zwar ohne eine Dosis Hepatitis J als kostenloses Extra. Besonders gefiel mir, dass der virtuelle Barkeeper mehr Zähne in seinem lächelnden Mund hatte als die gesamte Nachtschicht der Kneipe in der realen Welt.

Schönheit ist in der Matrix mehr als nur bloßer Schein, sie drückt dein Innerstes aus, bis in die Tiefen deines Kreditlimits. Niemand war das, was er oder sie zu sein schien. Nur als Beispiel: Ich selbst trat hier als blonder Knabe auf, kostümiert als wollte ich in einer Schultheateraufführung von Ivanhoe den Robin Hood spielen.

Der Alte heulte angewidert auf. Seiner Meinung nach hätte ich als Welpe gehen sollen.

Als ich mich vor Jahrzehnten zum ersten Mal in die Matrix einklinkte, war ich ein Kindnicht viel älter, als ich jetzt wirkte. Damals hatten die Lichtblitze sich zu einem Zimmer verdichtet, das nicht viel größer war als ein Sicherheitsraum, aber eingerichtet wie das Schlafzimmer eines kleinen Jungen: blaue Tapete, ein Poster der Seattle Seadogs an der Wand, darunter verblasste Poster von Triceratops und Tyrannosaurus. Ein paar Spielzeug-Dinos, ein Baseballhandschuh, Teddybären auf der Bettwäschebloß nichts allzu Stimulierendes. Die Leute vom Waisenhaus wollten, dass wir uns sicher fühlten, aber wir sollten uns nicht so aufregen, dass sie uns tranqen mussten. Also bekamen wir ganz normale Zimmer, damit wir uns als ganz normale Kinder fühltenso normal, wie man sich halt fühlen kann, wenn man in einem feuchtkalten Schlafsaal für unerwünschten Nachwuchs lebt.

Dieser Vorraum hatte ein Fenster, durch das man die Matrix sehen konnte, schemenhaft wie eine Skyline am Horizont bei Nacht. Unter dem Fenster und rechts wie links davon standen Regale voller Bücher verschiedenster Größe mit unterschiedlichen Einbänden. Das hatte nichts mit Tradition zu tundie Software des Waisenhauses hinkte dem Rest der Welt einfach um etwa zehn Versionen hinterher. Wenn ich irgendwas über irgendwas wissen wollte, musste ich nur das richtige Buch finden.

Was sollte schon schiefgehen? Es war alles ganz sicher, veraltete Software hin oder her. Das Waisenhaus beherbergte schließlich nichts von Wert. Nicht mal uns Kinder. Wenn wir irgendeinen Wert gehabt hätten, wären wir nicht dort gelandet. Die Schleuse war mehr als sicher genug. Ich glaube, das haben sie sogar in einer Studie nachgewiesen.

Die Monster draußen in der Matrix waren da allerdings anderer Ansicht, und wahrscheinlich hatten sie die Statistiken der Studie gehackt, um sicherzustellen, dass niemand die Dinge aus ihrer Sicht betrachten würde. Sie blickten auf den Sicherheitsraum wie der Fuchs auf einen Hühnerstall. Einen mit einer um zehn Updates veralteten Software. Wir Kids waren auch für sie wertlose Wegwerfware, aber sie wollten uns zunächst benutzen, bevor sie sich unserer entledigten.

Einige betrieben sogar richtiges Recycling.

Ich schaffte es irgendwie, nicht zu einer Ziffer in der Opferstatistik solcher Studien zu werden, sondern machte eine nette Karriere als Monsterjäger im Team von Doktor Raven und seinen Mitarbeitern. Das ließ mir nicht viel Zeit für Ausflüge in die Matrix, und wenn, dann meistens als Beifahrer einer echten Deckerin. Valerie Valkyrie, Doc Ravens persönliche IT-Göttin, saß gern am Steuer, und die Monster hielten so viel Abstand zu ihr wie möglich.

Los jetzt, es wird Zeit! Ich verließ die binäre Kopie der Wurzel. Sobald ich einen Schritt aus der Tür gemacht hatte, umhüllte mich ein grüner Kapuzenumhang. Ein Monster hatte ihn mir geschenkt, maßprogrammiert für den Jungen, der ich zu sein schien. Val hatte mir erklärt, dass es letztlich nur ein Stück Software war, das Variablen bestimmte Werte zuwies und Nachrichten an wartende Codepäckchen verschickte. Diese Programme brachten ihrerseits Nachrichten auf den Weg und zerstörten sich dann selbst, sodass der Mantel nicht mit seinem Hersteller in Verbindung zu bringen war.

Ich hatte nur einen Teil verstanden, aber der Alte hatte es auf Begriffe gebracht, mit denen ich etwas anfangen konnte. Diese Welt hat deine Witterung aufgenommen, und der Wind treibt sie dem Monster in die Nase. Wegen des Mantels und wegen seiner komplexen Intrigen nannte ich das Monster den Weber. Ich wollte ihn eigentlich den Weberknecht nennen, aber der Alte warnte mich davor, ihn zu unterschätzen. Außerdem war das seiner Meinung nach eine Beleidigung für Weberknechte.

Vor der Wurzel erstreckte sich das Seattle der Matrix. Die virtuelle Ausgabe der Stadt sah nicht viel einladender aus als die echte Version der Bar. Alte Software, alte Server und Rationalisierungsmaßnahmen beim Wartungsbudget führten dazu, dass die Landschaft im Dunkeln lag, um Zettabytes an Grafikspeicher zu sparen. Wie im Fall der Wurzel selbst investierten die meisten Geschäftsleute ihr Geld lieber in Innen­einrichtung als in Fassaden, schließlich sollten die Kunden ihre Zeit ja drinnen verbringen und nicht draußen in der Dunkelheit herumspazieren.

Ich ging eine Straße entlang und wartete darauf, dass die Gebäude sich verwandelten. Ein Schritt, dann noch einer, und die Gegend blühte regelrecht auf. Die großen Konzerne projizierten Bilder in die Luft, um ihre Marken zu bewerben. Stärke. Sicherheit. Intelligenz. Zauberer der Matrix wandten endlose Stunden und fantastische Summen auf, um diese Projektionen herzustellen, die das persönliche Erleben beherrschten, sobald man ihren Wirkungsbereich betrat. Sumitomo. Lone Star. Die großen Firmennamen wurden zu Leuchttürmen in der FinsternisStadterneuerung in Nanosekunden. Sie brachten strahlendes Leuchten und Ordnung in diese virtuelle Welt aus Dunkelheit und schäbigem Chaos, um uns glauben zu machen, dasselbe täten sie auch in der realen Welt.

Aber die Konzerndecker waren nicht die Einzigen, die die Matrix nach ihren Vorstellungen gestalten konnten; fast alle Decker lernten früher oder später ein paar Tricks in diese Richtung. Kleinigkeiten hier und daein bisschen Graffiti, um der Welt zu zeigen, dass man existierte. Vielleicht auch etwas mehr, als Teil einer Guerrilla-Marketingkampagne: ein paar beruhigende Klänge in einen öffentlichen Raum einspeisen oder die Matrix mit zufällig generierten Animationen ein bisschen schräger machen. Manchmal nahmen sie auch Geld dafür, dass genau diese Dinge nicht geschahen, sozusagen als Schutzgelderpresser in Sachen Grafik. Hübscher Matrixauftritt, den du hier hast. Wär doch jammerschade, wenn den wer verunstalten würde.

Der Weber konnte allerdings mehr. Viel mehr. Wie viel mehr, wusste ich selbst nicht; Val hatte sich nicht mal getraut, einen Tipp abzugeben. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung von der Existenz des Webers gehabt, bis er auf Doc Ravens Radar auftauchte. Das hatte ihr mehr Angst gemacht, als ich sonst je bei ihr gesehen hatte. Aber der Doc hatte gesagt, wir würden uns um den Weber kümmern, und das war okay für mich.

Raven ist ein wandelndes Paradox in einem Körper, den man für indianisch hält, bis einem auffällt, dass er außerdem ein Elf ist. Er ist Magier und Wissenschaftler zugleich. Er löst die Probleme von Leuten, die ihm das nie zurückzahlen können, auf Kosten derer, die meinen, Dinge wie Gerechtigkeit und Mitgefühl seien nur was für Normal­sterbliche.

Der Weber war eines dieser Probleme. Er lauerte außerhalb der Sicherheitsräume auf gelangweilte Kinder, deren Eltern ihnen alles gaben, was sie wolltenwomit sie nur erreichten, dass die Kids mit all dem nichts anfangen konnten. Der Weber studierte sie und fand heraus, worum es ihnen wirklich ging. Nicht unbedingt um Verbotenes, obwohl das natürlich seinen Reiz hatte. Seine Opfer wollten vor allem etwas Neues erleben. Und sie wollten eine Bezugsperson: jemanden, der ihnen Aufmerksamkeit widmete, auf ihrer Seite war und sich dafür interessierte, was ihnen Spaß machte.

Sobald diese Kids sich irgendwann aus den Sicherheitsräumen schlichen, schlug der Weber zu. Er lud sie ein, mit ihm durch die Matrix zu ziehen, und versprach ihnen spannende Abenteuer. Er teilte großzügig seine Geheimnisse mit ihnen. Er war geduldig und wohlwollend, ein Lehrer und Mentor. Er versprach nur, was er auch hielt, und erwarb sich ihr Vertrauen, um später ihre Unschuld ernten zu können.

Ich wandte mich nach links und betrat das Fujiwara Center, den öffentlich zugänglichen Bereich von Fujiwaras Matrixpräsenz. Auch wenn die meisten Leute hier ordentliche Businesskleidung trugen, fiel ich nicht besonders auf. Genauer gesagt: Niemand achtete auch nur im Geringsten auf mich. Das hier war der grundlegendste Zugangslevel des Centers, auf dem Dienstleistungen für die ganze Bandbreite von Fujiwaras Industrie- und Unterhaltungsmarken angeboten und beworben wurden. Jeder Besucher war ein potenzieller Kunde, den die Angestellten auf keinen Fall beleidigen wollten. Der Kunde hat immer recht, egal wie er angezogen ist.

Man fühlte sich mehr oder weniger wie in einem Einkaufszentrum, außer dass im Sekundentakt Leute aus dem Nichts auftauchten und verschwanden. Man konnte atemberaubende Zugriffsgeschwindigkeiten erreichen, sofern man genug in Deck und Software investierteund in Sachen Decking ein bisschen was draufhatte. Manche Besucher waren nur schemenhaft zu erkennen. Mit ziemlicher Sicherheit waren einige auch völlig unsichtbar unterwegs. Denen erschienen dann wir anderen als träge Geister.

Der Alte knurrte. »Das ist abscheulich, Langzahn Wie real die Sinneseindrücke auch wirken mochten: Alles hier war Illusion. Der Alte konnte seinen Sinnen nicht trauennicht nur, weil er aus einer lauen Brise mehr Informationen herausholen konnte als aus allem, was er hier wahrnahm, sondern auch, weil die Illusion sich in Nanosekundenschnelle verändern konnte und mit der Realität nur über ein dünnes Kabel verbunden war, das zu einem Deck führte.

Im Inneren des Centers, durch die ICE-Schichten über und unter uns, arbeiteten Decker daran, in die Mainframes von Fujiwara einzudringen, während die Sicherheitskräfte des Konzerns sich bemühten, diese Angriffe abzuwehren. Wegen dieser ständigen verdeckten Kriegsführung hatte Valerie mich angewiesen, bei jedem meiner Ausflüge mindestens einen der größeren Mainframes aufzusuchen. Der Code des Webers löschte sich ziemlich schnell und gründlich selbst, aber da in einem Center so viel passierte, machte die Chance, dass irgendwo ein Stückchen seiner binären Magie das allgemeine Chaos überlebt hatte, den Umweg wert.

Ich beendete meinen Abstecher in die Welt der Großkonzerne. Meine eigentliche Reise begann wie erwartet. Rechts von mir steckte eine kleine Grünfrau den Kopf aus dem Eingang einer Gasse. Sie schien ein Sprite zu sein, etwa einen halben Meter groß, mit hölzerner Haut und einer üppigen, laubgrünen Mähne.

Sie sah aus, als sei sie einem der Fantasyromane der Wysteria-Reihe entsprungen: gleichzeitig vertraut und auf exotische Weise anders. Verspielt zwinkerte sie mir zu, lockte mich mit einer neckischen Geste und verschwand dann wieder in den Schatten.

Mein wehender Umhang machte ein knisterndes Geräusch, als ich ihr nachrannteVariablen, denen Werte zugewiesen wurden. In die Gasse, durch die Gasse hindurch, während die Umgebung sich nach den Anweisungen eines unbekannten Deckers langsam, fast unmerklich veränderte. Der nasse Beton der Gasse wich dem Geröll eines Pfades, der in einen Wald führte. Aus Wolkenkratzern wurden Bäume, aus Bodegas Büsche. Als ich mich umwandte, war die Gasse zu einem Tunnel geworden, und hinter mir lag ebenfalls Wald. Von der menschengemachten Landschaft war nichts mehr zu sehen. Der Alte müsste jetzt jubeln.

»Das ist eine Falle, Langzahn

Aber was für eine wunderschöne Falle. Über mir teilte sich die Wolkendecke, sodass einzelne goldene Sonnenstrahlen hindurchdrangen. Der Garten, in den ich gerannt war, verschwand und machte einer Waldlichtung Platz. Rote, blaue und gelbe Wildblumen blühten in einer regelrechten Farbexplosion auf. Eine sanfte Brise ließ das lange, saftige Gras tanzen. Der Kuss der Sonne wärmte mich. Mein virtuelles Gesicht lächelte unwillkürlich. In der wirklichen Welt wäre dieses paradiesische Stück Natur für mich eine tödliche Falle gewesen, wie aus meinem Profil und den Aufzeichnungen über mich hervorging: Mein grauenhaftes Asthma hätte mich an den Pollen hier ersticken lassen.

Aber der Weber hatte dafür gesorgt, dass ich mich sicher fühlte. Er hatte mir diesen Ort gezeigt und mir versprochen, mir würde nichts passieren. Wie gesagt: Vertrauen aufbauen, nach und nach.

Ich hatte keine Ahnung, wie die anderen Fallen ausgesehen hatten oder wie viele andere Kids hineingetappt waren. Keiner von uns würde das je herausfinden. Der Weber verwandte große Mühe darauf, dafür zu sorgen, dass seine verschlungenen Pläne schwer zu entwirren waren. Er hatte sogar einen Weg gefunden, das Stillschweigen der Eltern sicherzustellen, deren Kinder er entführte, benutzte und dann entsorgte.

Während seine jungen Freunde ihm genug über sich erzählten, dass der Weber sie vollständig umgarnen konnte, lieferten sie ihm damit zugleich Zugang zu den dunkelsten und verborgensten Geheimnissen ihrer Eltern. Er löschte alle Spuren der Existenz eines Kindes, sobald er es entführt hatte; dann ließ er die Eltern wissen, dass er ihre Geheimnisse an die Öffentlichkeit bringen würde, wenn sie es wagen sollten, die Behörden einzuschalten. Die Unschuld der Kinder bezahlte für die Sünden der Eltern, und die Seelen aller an diesem erpresserischen Handel Beteiligten wurden dabei unheilbar vergiftet.

Er versprach den Eltern sogar, dafür zu sorgen, dass niemand ihren anderen Kindern etwas antat, und gab sich dabei großzügig: als lindere er damit ihre Trauer.

Hätte der Weber nicht so ein übergroßes Ego gehabt, wäre seinen Verbrechen wahrscheinlich Zeit seines Lebens niemand auf die Spur gekommen. Aber als Raven von einem Kind erfuhr, das auf unerklärliche Weise verschwunden war, fand er Mittel und Wege, sich DNA-Proben der Angehörigen zu verschaffen. Keiner der unidentifizierten Toten im Leichenschauhaus von Seattle wies Übereinstimmungen mit diesen DNA-Proben auf. Val vermutete, dass die Datenbank der Gerichtsmedizin gehackt worden war, also entschlüsselte sie die Einträge der letzten zwanzig Monate und fand eine Übereinstimmung mit dem Erbgut des vermissten Kindes.

Außerdem fand sie andere Proben, die mit demselben Code verschlüsselt waren. Und als sie weitere Schlüssel ausprobierte, stieß sie auf insgesamt siebzehn Übereinstimmungen, die fünf Jahre zurückreichten. Doc folgerte, dass der Weber immer mehrere Opfer gleichzeitig vorbereitete und sich dann aussuchte, welches er verschwinden ließ, wenn es reif war. Er schnappte sich die Kinder, kümmerte sich um die Eltern und falls ihre Leichen je gefunden wurden, verschlüsselte er die DNA-Analysen.

Diese verschlüsselten Proben in der Datenbank waren die Trophäensammlung des Webers, gut versteckt am denkbar offensichtlichsten Ort. Er hinterließ Beweise für seine Verbrechen für die, die wussten, wo sie suchen mussten, damit irgendwann, lange nach seinem Tod, seine ganze grauenvolle Pracht ans Tageslicht kommen konnte. Er konnte seinen Neigungen zwar nur nachgehen, solange niemand wusste, dass es ihn gab, aber zugleich ertrug er den Gedanken nicht, dass seine Gräueltaten in Vergessenheit geraten würden, wenn sein Körper verweste.

Die Brise frischte kurz auf, kitzelte mich in der Nase und brachte die Blumen zum Tanzen. Für einen Moment lenkte ihr Anblick mich ab, wie die überschwänglichen Gesten eines guten Zauberkünstlers. Als ich wieder aufsah, stand auf einem Hügel vor mir die Burg. Von den Flaggen, die über den weißen Granitmauern wehten, blickten Wolfsköpfe auf mich herab.

Die Burg entstammte eins zu eins der Fantasywelt von L. C. Ingolds Wysteria-Bestsellern, von denen mein SwellReads®-Profil behauptete, dass ich total auf sie stand. Ich mochte die Storys tatsächlich, es war die Art von Geschichten, die man als Vater gerne seinem Sohn vorliest. Deshalb kannte ich die Bücher ganz gut und hatte mir auch ein paar Video-Umsetzungen angesehen, um diesen Teil meiner Rolle besser spielen zu können.

»Er ist hier, Langzahn

»Ich weiß

Wie auf früheren Ausflügen sprang ich auf und rannte in den Wald, dem Gelächter der Grünfrau hinterher. Die Kronen der hohen Eichen bildeten ein grünes Dach, durch das einzelne Sonnenstrahlen wie Sterne funkelten. Der Weber hatte die Illusion des Waldes so detailliert gestaltet, dass sogar der Boden unter meinen Füßen sich lehmig und weich anfühlte. Obwohl es nur mein Avatar war, der durch einen Wald aus Einsen und Nullen rannte, hätte ich problemlos glauben können, ich wäre in einem Wald außerhalb Seattles und würde dem Alten etwas Auslauf gönnen.

Ich rannte weiter auf Burg Wolfsbann zu. In den Geschichten gehörte sie Brendan Rake, dem schwermütigen Ritter des Mondes. Ein Fluch hatte ihn dazu verdammt, sein Leben als Wolfsmensch zu fristen. Er erlebte aufregende Abenteuer im Kampf gegen Übeltäter wie den grimmigen König und die boshafte Lady, in denen sich die Bösewichter regelmäßig in den Fallstricken ihrer eigenen Machenschaften verfingen. Ein jugendlicher Knappe stand Rake bei seinen heldenhaften und edlen Taten zur Seite, und wenn die beiden nicht gerade auszogen, um böse Kreaturen zu erschlagen, oder Rake den Jungen zum Ritter ausbildete, dann aßen sie Honigkuchen.

Die Storys waren kaum mehr als leicht aufgepeppte Kopien von Die Schöne und das Biest, aber die Zielgruppe gab sich damit zufrieden. Ein tragischer, aber edler und allzeit getreuer Ritter, der die weibliche Hauptfigur offensichtlich liebte, das aber wegen des schrecklichen Fluchs, unter dem er stand, niemals zugeben konnte.

Der Weber spielte die Rolle des Sir Brendan mehr als gekonnt. Immer höflich und dankbar, ein wenig schüchtern und ein winziges bisschen griesgrämig. Wenn Decker in seine Fantasywelt eindrangen, entledigte er sich der Bedrohung schnell und gewissenhaft, und in den spektakulären Abenteuern, in die er seine Begleiter führte, spielten diese immer eine entsprechend heroische Rolle. Eine kleine Rolle, natürlich, aber doch eine entscheidende, für die Sir Brendan überaus dankbar war.

Er sagte dann so etwas, wie: »Ich wünschte ...«, unterbrach sich aber sofort wieder. Hakte man nach, erklärte er, er würde seinem Begleiter gerne seinen Dank angemessen erweisen. Natürlich sei alles nur ein Spiel, »zumindest hat es so angefangen ... aber jetzt ... na ja«. Er würde so gerne ..., »aber nein, das geht nicht. Es wäre ein VertrauensbruchSir Brendan hätte da dieses kleine Andenken gefunden, das dem Freund sicher gefallen würde, aber er konnte es ihm nicht zukommen lassen, außer vielleicht ... kannte sein Freund zufällig jemand Vertrauenswürdigen, an den er das Geschenk schicken könnte? Der Freund könnte dann das Päckchen nachverfolgenaber es müsse ihr Geheimnis bleiben.

Mit diesem Versprechen eines Geschenks benutzte der Weber die Kinder als Zugang zu ihren Eltern.

Er hielt seine Versprechen, und natürlich schickte er das Geschenk. Bei mir war es die wunderschöne, handbemalte Figur eines mittelalterlichen Ritters, ein Spielzeugsoldat aus St. Petersburgdem in Europa. Eine sehr gute Wahl. Der Ritter passte nicht nur hervorragend nach Wysteria, sondern das reich verzierte Wappen enthielt sogar Anspielungen auf unsere gemeinsamen Abenteuer.

Dabei ging es dem Weber gar nicht um das Geschenk an sich, sondern nur um die Software, mit der man die Sendung nachverfolgte. Sobald das Opfer sich dort eingeloggt hatte, um zu sehen, wann das Päckchen ankommen würde, bahnten sich eine ganze Reihe von Viren ihren Weg durch die Schutzmaßnahmen von dessen Elternhaus. Sie fraßen sich durch das ICE und in die Systeme vor Ort; manchmal gelangten sie sogar über Remote-Zugriffsportale in die Mainframes der Firmen, bei denen die Eltern arbeiteten. Valerie hatte es einmal so beschrieben: Der einzige Unterschied zwischen dem Virencode des Webers und Krebs war, dass man Krebs heilen konnte.

Ich rannte aus dem Tunnel heraus und stand vor Sir Brendan. Der hochgewachsene Mann in schwarzer Rüstung, auf dessen Brustpanzer der Wolfskopf prangte, lehnte sich auf seinen Zweihänder und starrte mich aus roten Augen an.

Ich winkte.

Er schüttelte den Kopf.

Ich stolperte, fiel um und landete in einer Mulde, die vor einer Millisekunde noch nicht dort gewesen war. Aus dem verfilzten Gras schossen Ranken hervor und wanden sich wie Würgeschlangen um meinen Körper, bis ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich versuchte mich loszureißen, aber selbst für das Kind, das ich darstellte, war ich ungewöhnlich kraftlos.

Der schwermütige Ritter baute sich vor meinen Füßen auf. »Sie waren clever, Mr. Kies, aber dann doch nicht clever genug

Wütend funkelte ich ihn an, gefangen im Körper eines kleinen Jungen. »Der Code wars nicht, der mich verraten hat

»Nein, gar nicht. Der passte sehr gut zu dem Kind, das Sie angeblich warenDer Weber strich über das Fell in seinem Nacken. »Um genau zu sein: Ihre infantile Unerfahrenheit in Sachen Matrix funktionierte überraschend gut als Untermauerung Ihres vorgeblichen Alters. Ihr Vokabular und Verständnis ließen auf mangelnde Erziehung schließen, und Ihr Entzücken angesichts von Ingolds miserablen Machwerken deutete auf emotionale Retardierung. Nach einer Reihe selbst entwickelter Turing-Tests war ich sicher, dass Sie wirklich ein Mensch waren. Ein ziemlich stumpfsinniger Mensch zwar, aber zumindest ein Mensch

Ich zuckte die Achseln, so gut ich konnte. »Ich fasse das mal so auf, wie es bei mir ankommt, nicht so, wie Sie es wahrscheinlich gemeint haben

»Und bestätigen damit meine Analyse einmal mehrEr stützte sich auf die Parierstange des Schwerts und beugte sich zu mir vor.

»Wäre das hier eine dieser unsäglichen Wysteria-Geschichten, würde ich Ihnen an dieser Stelle in allen Einzelheiten meinen Plan erklären. Anschließend würden Sie meinen Klauen entrinnen und mich irgendwie besiegen

»Ich wette, Sie sehen sich gar nicht wirklich als den Bösewicht in dieser Geschichte

»Tut mir leid, wenn ich Sie enttäusche. Nein, das tue ich nichtDer letzte Satz hing einen Moment lang in der Luftbuchstäblich, in blauroten Flammen, die sich in öligen, schwarzen Rauch auflösten. »Inzwischen dürften Sie bemerkt haben, dass Ihre Lähmung physische Ursachen hat. Trotz Ihrer Anonymisierungssoftware habe ich den ... Ortgefunden, von dem aus Sie sich eingeklinkt haben. Die Brise, die Sie gespürt haben, kurz bevor die Burg erschien, war das Ket-7, das ich Ihnen eingeblasen habe. Die Dosis ist hoch genug, dass Sie bald anfangen dürften, sich benommen zu fühlen. Und in absehbarer Zeit werden Sie ersticken

»Ket-7, so, so. Alte Schule, was

»Ja, ich bin altmodisch. Außerdem ist es als Partydroge so beliebt und verbreitet, dass es nicht zurückzuverfolgen ist

Der schwermütige Ritter machte einen schnellen Schritt nach vorn und hockte sich auf meine Brust. Ich wusste, dass er nicht wirklich da war, also konnte mir sein Gewicht auch nicht die Luft aus den Lungen treiben, aber weil ich kaum atmen konnte, fühlte es sich an, als wäre genau das der Fall. In der Finsternis tief in meinem Innersten fing der Alte an zu keuchen.

»Aber ich bin kein Sadist. Ich habe eine Spritze Adrenalin bei mir, die ich Ihnen als Gegenmittel verabreichen werde. Sofern Siekooperativ sind

Ich versuchte, genug Luft für meine Antwort zu holen. »Definieren Sie kooperativ

»Ich werde Ihnen höflich einige Fragen stellen, die Sie bitte knapp, aber wahrheitsgemäß beantwortenEr fletschte die Zähne. »Bedenken Sie dabei, dass es für mich leichter ist, Ihnen eine Überdosis zu geben, als Sie wirklich zu retten

»Kooperativ ist mein zweiter Vorname

»Nun gutDer böse Wolf erhob sich und lief im Kreis um mich herum.

»Zunächst einmal ...«

»Ich muss mit meinem Atem sparsam umgehen. Sie wollen wissen, wie wir Ihnen auf die Spur gekommen sind

»Sprechen Sie weiter

»Wir fanden siebzehn Opfer, deren Verschwinden fünf Jahre weit zurückreichte. Alle in ähnlichem Alter und aus wohlhabenden, aber nicht besonders innig verbundenen Familien. Keine Opfer außerhalb dieses Profils und keine Patzer

Ich holte Luft. »Doc Raven geht davon aus, dass Sie dasselbe Vorgehen schon mal woanders durchgezogen und Ihre Methode dabei perfektioniert haben, bevor Sie hierhergekommen sind. Niemand sucht hier nach Ihnen, also ist Ihnen bisher der Boden nicht zu heiß geworden. Deshalb sind Sie noch nicht weg

Der Wolf starrte auf mich herab. »Und

»Wir haben die Opfer entdeckt, weil wir Ihre Verschlüsselung der DNA-Profile unidentifizierter Leichen geknackt haben. Ich gehe davon aus, dass es weitere gibt

»Könnte seinDie Zähne des Wolfs blitzten auf; ich war nicht sicher, ob es ein stolzes Lächeln oder eine verärgerte Grimasse war. Er machte eine unbestimmte Handbewegung. »Interessante Methodik, aber das verrät mir noch nicht, wie Sie überhaupt herausgefunden haben, dass ich existiere

»Die Eltern der Kinder haben Sie nie angezeigt. Sie haben alle riesige Angst vor Ihnen, und außerdem wissen sie sowieso nichts KonkretesMeine Muskeln begannen zu kribbeln. »Aber Ihnen geht es darum, wie viel wir über Sie wissen, stimmts

Wieder fletschte der Wolf die Zähne. »Je mehr Sie das hier in die Länge ziehen, desto geringer werden Ihre Aussichten, dass ich Sie rette

Ich hätte milde gelächelt, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre. Der Zug des Gerettet-Werdens war mit Sicherheit längst abgefahren. »Abgesehen davon, dass Sie ein mörderisches, narzisstisches, soziopathisches Monster sind, dem es Befriedigung bereitet, kleine Jungs umzubringen, und ein ziemlich begabter Decker, der sich für den schlausten Mann der Matrix hält? Nicht besonders viel, ehrlich gesagt

Ich erwartete Wut, aber er überraschte mich. Der Weber verschränkte gemächlich die Arme vor der Brust. »Warum sind Sie so sicher, dass ich ein Mann bin

»Sie sagen zu oftIch‹. Ihre Nachrichten, unsere Unterhaltungen. Alles zusammen ergibt einen großen Fußabdruck im Schlamm, aus dem man eine Menge herauslesen kann

Die Augen des Wolfs verengten sich. »Ich nehme an, zu diesem Schluss ist Doktor Raven gekommen, nicht Sie

»Es war eher eine MehrheitsentscheidungIch hustete, als die virtuellen Ranken sich enger um meine Brust schnürten. »Wenn es nicht der Code war, wie sind Sie mir dann auf die Schliche gekommen

»Eine berechtigte FrageEr breitete die Arme aus. «Unsere Abenteuer hier waren aufregend und Furcht einflößend. Sie haben äußerlich immer angemessen reagiert, aber Ihr Pulsschlag und Ihre Atmung haben Sie verraten. Ihr Code hat zwar die wirklichen Werte verschleiert, aber die Verzögerung von acht Nanosekunden nach jedem erschreckenden Erlebnis war ein Hinweis auf die Maskerade. Von da an kam eines zum anderen. Das hier ist übrigens schon das dritte Mal, dass ich Sie während eines unserer Abenteuer treffevon Angesicht zu Angesicht, meine ich

Ich wünschte, ich hätte nicken können. »Sie lassen den Einstieg in unsere Abenteuer automatisiert ablaufen, damit ich beschäftigt bin und Sie Zeit haben, sich in der realen Welt zu bewegen, ohne überhaupt eingeklinkt zu sein

»Genau. Weniger Zeit in der Matrix bedeutet weniger DatenspurenDer Wolf kicherte. »Es ist schon amüsant. Sie haben offensichtlich nie geahnt, dass ich Ihr Täuschungsmanöver durchschaut hatte

»Sie haben es bei unserem sechsten Treffen herausgefunden, stimmts

Der Wolf wiegte den Kopf.

»Die ersten fünf Mal betrug die Verzögerung nämlich nur vier Nanosekunden

»Das kann nicht sein

»Überprüfen Sie Ihre Daten

Einen Moment lang glühten die Augen des schwermütigen Ritters rot aufeinen neun Nanosekunden langen Moment, um genau zu sein. »Es waren wirklich vier. Aber wenn Sie Bescheid wussten, ...«

Ich griff in die Finsternis tief in meinem Innersten. »Jetzt, wenn es dir recht ist

Der Alte heulte freudig auf. »Gib ihm eine Überdosis Realität, Langzahn

Er existiert natürlich nicht wirklich, sondern ist ein Produkt meiner Einbildung, das mich auf die Magie zugreifen lässt. Er hindert mich auch daran, zu viel Magie zu nutzen. Ich wollte Schnelligkeit und genug Kraft, um einen Mann in Stücke zu reißen, aber ich bekam nur das, was ich wirklich brauchte.

Jetzt gerade brauchte ich Adrenalin in meinem Kreislauf. Das Ket-7 hatte mich zemlich heruntergefahren, aber der Alte pumpte literweise Kraft in mich hinein. Ich sog gierig den Atem ein und stieß ihn brüllend wieder aus.

Oder heulend. Ja, heulend trifft es besser.

Ich riss mir mit der rechten Hand die Troden vom Kopf und ließ die grobkörnige Wirklichkeit in mein Bewusstsein fluten. Mit der Linken versetzte ich dem neben mir sitzenden Decker einen Hieb vor die Brust. Er taumelte rückwärts, brachte ein paar andere Leute ins Stolpern und schlug mit dem Kopf gegen ein Cyberterminal.

Ich stürzte mich auf ihn und ließ mein gesamtes Gewicht auf seinen Brustkorb prallen. Ich meinte, ein deutliches Knacken zu hören. Vielleicht auch zwei.

Der Weber hatte mit dem schwermütigen Ritter ungefähr so viel gemeinsam, wie die Wurzel mit einem guten Lokal. Schmalbrüstig, Aknenarben, dünnes Haar. Ich vermutete, dass er an Krätze litt. Von einer Buchse hinter einem Ohr lief ein Kabel zu der Konsole, an der er gesessen hatte. Ich riss heftig daran. Welches Ende sich löste oder was für Teile mit herausfielen, war mir egal.

Zitternd lag er unter mir. »Sie wollten, dass ich es herausfinde ...«

»Du hast enttäuschend lange gebrauchtIch wandte den Kopf zu der Konsole, in die er eingeklinkt war. »Aber du warst so froh, mich durchschaut zu haben, dass du nachlässig geworden bist. Du hast nicht gemerkt, dass die Konsole hier zwar äußerlich eine abgewrackte Schnecke ist, dass aber etwas ganz Besonderes darin steckt

Ihn zu schnappen war nicht das Problem gewesendas hätte Kid Stealth auf seinem letzten Run nebenbei erledigen können. Aber nachdem Raven davon ausging, dass er immer mehrere Opfer gleichzeitig vorbereitete, mussten wir herausfinden, wer sie waren und wo er sie möglicherweise versteckt hielt. In dem Moment, als der Weber die Daten zu meiner Reaktionszeit überprüfte, öffnete er einen Zugang zu seinem eigenen System. Valerie grub sich durch die Konsole hinein und holte alle Informationen raus, die wir brauchten.

Der Weber blinzelte mehrmals hektisch. »Aber ... wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, nach mir zu suchen? Niemand hat sich je um diese Kinder gekümmert, und die Eltern hätten es nie gewagt, mich zu verraten

»Len, der Junge, den du letzten Sommer umgebracht hast, hat die Wysteria-Bücher geliebt. Er war ein ziemlich begabter kleiner Künstler. Du hast ihn wahrscheinlich noch darin bestätigt, oder

Der kleine Mann lächelte überheblich. »Sein Stolz war seine Schwäche. Ich habe ihm gesagt, dass mir die Bilder gefallen, die er hochgeladen hat

»Deine Ermunterungen haben ihn inspiriert, ein Bild von Sir Brendan zu zeichnen. Er hat es über den Verlag an die Schöpferin der Wysteria-Reihe geschickt. Als der Verlag das Bild weitergeleitet hatte und die Autorin sich bei Len bedanken wollte, gab es ihn nicht mehr. Sie wandte sich an Raven. Valerie fand heraus, dass du die ISBN-Nummern der Wysteria-Bücher für deine Verschlüsselungen benutzt hast. Das führte uns zu den verschlüsselten DNA-Analysen, und die wiederum haben dich hierher geführtIch ließ das Grollen des Alten aus meiner Kehle aufsteigen. »Genau wie die Bösewichter in den Büchern bist du in die Grube gefallen, die du selbst gegraben hast

»Nein, das ist unmöglich

»Rede dir das ruhig weiter ein, ChummerIch stand auf und zog ihn am Hemd auf die Füße. Tom Electric, ein weiterer von Ravens Mitarbeitern, führte ihn zur Tür. »Du selbst bist der Grund, warum du nie wieder das Tageslicht sehen wirst

Nachdem Knight Errant den Weber abgeführt hatte und in der Wurzel wieder die heruntergekommene Normalität eingekehrt war, schlüpfte Doc Raven lautlos aus einem der dunkleren Schatten der Bar und legte mir eine Hand auf die Schulter.

»Bist du okay

»Die Adrenalinüberdosis wird mich noch einen Monat lang zittern lassenIch hob mit der Linken mein Whiskylas, um ihm die Kräusel zu zeigen, die über die Oberfläche tanzten. »Bis dahin schaffe ichs wahrscheinlich auch, mich hier rauszuschleppen

»Ich hoffe, das schaffst du schneller. Deutlich schnellerRaven sah sich in der Bar um und erschauerte. »Valerie ist noch dabei, alle Dateien des Webers zu knacken, aber sie hat eine Liste der Opfer gefunden, deren er sich als Nächstes annehmen wollte. Knight Errant informiert die Eltern

»Was ist mit den bisherigen Opfern

Er nickte. »Wie es aussieht, waren es dreiundzwanzig hier und ein halbes Dutzend in Portland. Eine Weile war er auch in Chicago und Atlanta. Anscheinend hat er sein Handwerk in Milwaukee vervollkommnet und ist dann immer in Bewegung geblieben, bis er sich sicher fühltehier in Seattle

»Und hier hört es auf

»Genau. Sowohl seine Schreckensherrschaft als auch deine SelbstquälereiRote und blaue Lichtfäden zogen wie ein Nordlicht durch seine dunklen Augen. »Lynn ist draußen. Sie möchte dich gern sehen. Sich bei dir bedanken

Ich schüttelte den Kopf. »Warum? Sie hasst mich, und das zu Recht. Das letzte Mal, als sie mich gesehen hat, wäre sie meinetwegen fast gestorben

»Sie hasst dich nicht, Wolf

»Mach dir nichts vor, Doc. Du hast ihre Bücher gelesenIch fokussierte meinen Blick auf das bernsteinfarbene Glühen im Herzen des Whiskeys. »Brendan Rake, der schwermütige Ritter des Mondes. Sieht aus wie ein Wolf. Er ist ein Verfluchter. In diesen Geschichten geraten immer Unschuldige in Gefahrin Lebensgefahr

»Ich weiß, ich habe sie gelesen. Alle zehn Bücher. Und du hast recht, du bist Brendan

»Sag ich doch

Raven ging neben mir in die Hocke. »Und in allen zehn Büchern bist du der Held

»So liest es sich für mich nicht«, schnaubte ich. »In jedem Buch tut Brendan Buße für die Sünden der Vergangenheit

»Und in jedem Buch spricht sie ihn von seiner Schuld frei, Wolf«, entgegnete Raven achselzuckend. »Das ist das Gegenteil von Hass

Jetzt mischte sich auch der Alte ein. »Du bist ein Jäger, Langzahn. Kein großer Jäger, aber selbst du kannst eine so offensichtliche Fährte lesen

Ich hasse es, wenn ein Produkt meiner Einbildung mich besser kennt als ich selbst.

»Und wenn du dich irrst, Doc

Raven schnippte mit dem Finger gegen eine Kakerlake, die einmal quer durch den Raum flog. »Die Wurzel wird immer hier sein

Ich stellte das halb leere Glas ab. »Hoffen wir, dass ich nie mehr hierherkommen muss