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SHADOWRUN:

ALTER EGO

Mike Krzywik-Groß

Pegasus Press

35008G

Redaktion:

Tobias Hamelmann

Umschlagillustration:

Andreas Schroth

Umschlaggestaltung und Satz:

Ralf Berszuck

Lektorat und Korrektorat:

Florian Don-Schauen

Umsetzung eBook:

SiMa Design

Shadowrun ist eine eingetragene Marke von Topps, Inc.

in Deutschland und anderen Staaten.

© der deutschen Ausgabe 2018 bei Pegasus Spiele. © der deutschen Ausgabe 2021 bei Pegasus Spiele.

Pegasus Spiele GmbH, Am Straßbach 3, 61169 Friedberg (Deutschland)

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Druck via GrafikMediaProduktion.

ISBN 978-3-95789-225-6

Besuchen Sie uns im Internet: www.pegasus.de

Widmung

Für Brother T, Mister Moonlight, Molotov Soda

und all die anderen, mit denen ich durch

die Schatten gelaufen bin.

Ohne die gemeinsamen Jahre hätte

es dieses Buch nicht gegeben.

Danke.

Zwischen Semtex und Utopie

liegen sie sich in den Armen

verschlingen aus Durst

das letzte bisschen Licht

Es gibt sie gestern nicht mehr

und morgen noch nicht

die Liebenden

die Interimsliebenden

Einstürzende Neubauten

Prolog

Kennen Sie den Moment im Kino, in dem sich der Held auf sein Motorrad schwingt und in den Sonnenuntergang reitet? Die Lederjacke fest geschlossen, sein Haar weht im Wind, und die stahlblauen Augen richten sich auf die Zukunft. Zarte Streicher setzen ein, und Weichzeichner liegen über dem Bild wie der Teer auf meinen Lungen.

Die Straße führt kerzengerade über sanfte Hügel und verliert sich am Horizont. Wissen Sie, warum es so wichtig ist, dass die Straße gerade verläuft? Damit Sie verstehen, dass der Held genau weiß, was er tut. Es gibt kein Hadern, kein Grau im Schwarzweiß des Hollywood-Märchenbuchs, genauso wenig wie im Leben eines echten Männerhelden. Nur seine Maschine, seinen Wille und den Weg, der vor ihm liegt.

Alles hat seinen Platz, nichts muss in Frage gestellt werden. Satte Farben und der Geruch nach Freiheit sind seine treuen Begleiter. Big Score ertönt, und das Bild wird in einem vollendeten Happy End ausgeblendet. Das ist seit einhundertfünfzig Jahren der Stoff aus der Traumfabrik.

Meine Straße hat Schlaglöcher. Manchmal fehlt sogar ein größeres Stück Asphalt. Oft versperrt mir ein Riesenhaufen Müll den Weg. Ich kann nur erahnen, wohin die Straße führt, windet sie sich doch in zahlreichen Kurven und Abbiegungen, undwas soll ich sagen? – meist nehme ich die falsche Abzweigung.

Mein Motorrad ist ein klappriges Auto, das seit fünfzehn Jahren keinen Mechaniker mehr gesehen hat und mit einem lausigen Verbrennungsmotor betrieben wird. Der Soundtrack meines Lebens hat nichts mit orchestralem Bombast am Hut, sondern besteht aus dem Schaben und Quietschen meiner alten Knochen. Die wehenden Haare sind genauso eine Erinnerung aus grauer Vorzeit wie der Glaube an eine strahlende Zukunft. Die gibt es nur in der SOX oder anderen von radioaktiven Zwischenfällen betroffenen Orten. Wahrscheinlich haben Sie es bereits erahnt: Mein Film ist schwarz-weiß.

Ich bin kein strahlender Held, sondern lediglich der Typ, dem das Leben häufig übel mitgespielt hat. Kein Zahnpastalächeln verunstaltet mein Gesicht, und wenn ich Frustration in Säcken abfüllen könnte, wäre ich der Star auf dem nächsten Rynek, wie hier in Berlin die Märkte genannt werden. Was mich von den BTL-Junkies, Speed-Freaks, Survivalidioten und Wahnsinnigen dort draußen unterscheidet? Lediglich, dass ich härter im Nehmen bin.

Ich kann nichts besonders gut und habe auch nichts Großes geleistet. Aber meine Birne ist robuster und meine Psyche einen Tick widerstandsfähiger als bei den meisten anderen. Kein Grund für Konfetti und lautstarken Jubel.

Zu einem Boxer würde man sagen, er habe Nehmerqualitäten, mich nennt man eher empathieloses Arschloch. Das ist das ganze Geheimnis.

Ich habe mein Leben lang nichts anderes versucht als zu überleben, und ich kann behaupten, es gibt bessere Orte dafür als Berlin im Jahr 2076. Aber auch die Jahrzehnte davor waren kein Zuckerschlecken, egal was Ihnen die Neoanarchisten erzählen wollen. Klar, sie hatten ab39 die Sache ganz gut im Griff und konnten ein wenig Utopia spielen. Meinen Respekt haben sie.

Aber wen wundert es, dass die Megakons ein paar Jahre später ausholten, um dann mit einem kräftigen rechten Haken zurückzuschlagen und sich ein fetttriefendes, mit Zuckerguss überzogenes Stück vom Kuchen zu schnappen?

Ich bin kein Wirtschaftler, bei Weitem nicht. Ich kann noch nicht mal meinen Deckel in Berts Burger Laden begleichen. Aber auch ich habe verstanden, dass 6,8 Millionen Metamenschen, die noch keinerlei Bindung an Produkte haben, weil sie sie schlichtweg nicht kaufen konnten, das Eldorado für jeden Konzern sind. Berlin war ein riesiges Becken voller Konsumenten, und die Haie ließen sich nicht zweimal bitten.

Ja, auch ich habe bessere Tage gesehen, genauso wie der Sprawl an der Spree. In den Fünfzigern, als mein Mojo noch kochte und ich über den Kudamm levitierte, einem Crackhead mitnem Manablitz das Hirn grillte und gleichzeitig telepathisch eine Currywurst bestellte, konnte ich von guten Zeiten sprechen. Nur wenige hermetische Magier im Metroplex konnten es mit mir aufnehmen. Das dachte ich jedenfalls.

Es folgten der Fall und der Aufschlag, von dem ich mich nicht mehr erholte. Ich verlor weitaus mehr als nur meinen Stolz, meinen rechten Arm und einen guten Teil meines Mojos, aber das ist eine andere Geschichte.

Berlin wäre nicht Berlin, wenn der alten Dame nicht eine gewisse Renitenz innewohnen würde. Darum liebe ich diesen Moloch so sehr. Wir ähneln uns in unserer Widerspenstigkeit. Natürlich hat Berlin in der Vergangenheit nicht immer die richtigen Entscheidungen gefällt, genauso wenig wie ich. Die Stadt war das Zentrum des Bösen, wurde mehrfach erobert und war zwischendurch dermaßen hip in Europa, dass ich kotzen könnte. Aber etwas verbindet uns auch über diese Grenzen hinaus: Wir sind beide noch da.

Bevor ich hier weiter schwatze, lasst uns doch lieber zu einer besseren Geschichte kommen. Denn die ist weitaus spannender als meine erbärmliche Vita und die staubige Vergangenheit der Stadt.

Kerle wie ich erleben manchmal Tage, die für die Traumfabrik herhalten könnten. Oder sollte ich vielleicht besser von der Albtraumfabrik sprechen? Dinge, die den normalen Wahnsinn überstrahlen und dir klarmachen, was für eine kleine Leuchte du im großen Spiel der Konzerne bist. Aber ich möchte nicht vorgreifen, sondern da beginnen, wo die Dinge noch in Ordnung waren.

Wie sollte es anders sein, ich saß tief in der Patsche.

Kapitel 1

Die Projektile hämmerten im Stakkato gegen den umgeworfenen Tisch und schlugen tiefe Beulen in das Metall. Wie durch ein Wunder hielt die Tischplatte der kinetischen Energie stand und schützte Paul Dante vor den tödlichen Schüssen. Der Privatdetektiv ärgerte sich über sich selbst. Wie hatte er so dumm sein können, ohne Rückendeckung in die Stammkneipe des hiesigen Rudels der Grauen Wölfe zu marschieren? Schwerer wog nur, dass er dem Barkeeper der schmierigen Spelunke ein fröhliches New­roz gewünscht hatte. Das Publikum seiner kleinen Aufführung revanchierte sich in der Sprache, die es sprach: mit vollautomatischem Feuer.

Die Grauen Wölfe waren eine kriminelle Vereinigung von ultranationalistischen Türken und auf den Straßen Berlins eine echte Hausmachtzumindest wenn man ein unabhängiges, kleines Licht war, so wie Paul. Ihm standen keine Chummer mit vollautomatischen Waffen zur Seite, die von einer dumpfen Ideologie durchdrungen waren, wie es bei den Wölfen der Fall war. Er arbeitete meist alleine, denn so konnte er niemanden enttäuschen.

Blind hielt er seinen Colt America L36 über die Kante des Tisches und feuerte fünf Schüsse in den Raum. Ein schmerzhaftes Aufstöhnen ließ ihn breit grinsen. Einen hatte er zumindest angeschossen.

Eine Stimme rief aus der Deckung. »Moruk, lass den Scheiß! Schmeiß deine Kanone weg, dann lassen wir dich hier lebend raus. Ein, zwei Zähne wirst du einbüßen, aber nichts Wildes

Paul hätte zu gerne eingewilligt, wusste es aber besser. Die Grauen Wölfe waren zu stolz, als dass sie sich von einem alten Sack wie ihm auf die Füße treten ließen, ohne dass er im Anschluss bäuchlings durch die Havel trieb. »Ich sage es mal so: Verpiss dich, du ArschDiplomatie war noch nie seine Stärke gewesen.

Er rappelte sich auf und hockte sich sprungbereit hinter den Tisch. Erneut riss er die Pistole hoch und betätigte wiederholt den Abzug. Die Geschosse jagten quer durch den Schankraum und gruben sich in die Wand rund um die marode Eingangstür der Kneipe.

Bevor ihm jedoch die Munition ausging, rannte er los. Schüsse peitschten durch die Luft und trafen seinen gefütterten Mantel. Die Geschosse bohrten sich durch das gepanzerte Material, als sei es aus Butter, und verfehlten seinen Körper nur knapp. Paul legte seinen Schwung in einen finalen Sprung und hechtete über den Tresen, um dahinter in Deckung zu gehen.

Sein Körper schlug hart auf den Linoleumboden, während sein Kopf einen Putzeimer traf, dessen stinkender Inhalt sich über ihn ergoss.

»Verdammte Scheiße«, fluchte er. Es war wirklich nicht sein Tag.

Er wischte sich die Brühe aus dem Gesicht und begutachtete seinen Mantel. Drei große Löcher verunstalteten das Kleidungsstück. »Habt ihr die Munition gewechselt, verdammt? Der Mantel war teuer

»A.P.D.S., Baby«, rief eine Stimme mit breitem türkischen Akzent zurück und lachte lauthals. »Hilft gegen gepanzerte Mäntel, Tischplatten und«, eine ausgedehnte Salve schlug in den Tresen ein und zerfetzte das Furnier ebenso mühelos wie die dahinter gestapelten Flaschen, Plastholz und Glas regneten auf Paul nieder, »auch fürne Theke. Du bist am Arsch, Moruk

Ihm dämmerte mehr und mehr, dass der Graue Wolf recht hatte. Seine Chancen standen schlecht. Er vermutete vier Wölfe inklusive des Wirtes in dem verrauchten Schuppen. Das drohte eng zu werden.

Wenn sie nun anfingen, durch seine vermeintliche Deckung zu schießen, blieben ihm nicht mehr viele Optionen, ehe er den Löffel abgab.

»Okay, okay, ich sag euch was. Ich gebe euch allennen schön großen Ayran aus, und dann könnt ihr im nächsten Hamam eure haarigen Rücken aneinanderkuscheln. Sexy Gedanke, oder

Zur Antwort zerschlug eine weitere Salve den Tresen, und Paul musste sich flach auf den Boden pressen, um nicht erschossen zu werden. »Ihr homophoben Pisser! Echte Liebe gibt es doch nur in einem Graue-Wölfe-Männerbund, oder etwa nicht

Eine kurze, aber heftige Diskussion entflammte unter den Angreifern. Pauls Türkisch war nicht gut genug, um jedes Wort zu verstehen. Lediglich die Schimpfwörter und Verwünschungen waren in ihrer Deutlichkeit nicht zu überhören. Pauls Provokationen zeigten langsam Wirkung.

Er steckte den Colt in den Schulterholster und atmete tief ein. Er legte beide Hände über sein Herz und entließ den Sauerstoff aus seinen Lungen. Nach einem weiteren Atemzug hatte er sich auf seine innere Mitte fokussiert und verließ seinen Körper. Er wechselte in den Astralraum und projizierte sein Bewusstsein in das magische Abbild der schäbigen Kneipe.

Noch immer sah er den Tresen vor sich und den umgekippten Putzeimer zu seinen Füßen. Doch seine Umgebung wirkte entrückt, so wie er selbst seinem fleischlichen Körper entrückt war.

Die Details waren verschwommen, er konnte die Etiketts der Schnapsflaschen auf dem Regal nicht mehr entziffern. Dafür öffnete sich sein Geist dem Raum und die emotionale Prägung des Ortes strömte auf ihn ein. Eine Glocke aus Hoffnungslosigkeit mischte sich mit der rohen Energie brutaler Gewalt. Bigotterie und falscher Stolz klebten unangenehm an seinem Astralkörper.

Die Kneipe der Grauen Wölfe war kein Ort, an dem man länger im Astralraum verweilen wollte, und das hatte er auch nicht vor. Sein für die mundane Welt unsichtbarer Leib schwebte in die Höhe und über den Tresen hinweg. Deutlich sah er die vier Wölfe hinter ihren Deckungen vor Lebenskraft strotzen. Er sah die Anspannung und Angst in ihren Auren, genau wie den gierigen Wunsch nach brutaler, direkter Macht, wie man sie nur mit einer Kanone in der Hand haben konnte. Ein rasches Askennen verriet Paul, dass keiner von ihnen über nennenswerte Cyberware verfügte, die sie schneller und somit für ihn tödlicher machen würde. Ein aktiviertes Reflexboostersystem hätte ihn überraschen können, noch ehe er den Weg zurück in seinen Körper gefunden hatte.

Er merkte sich ihre genauen Positionen. Zwei hockten hinter Tischen, einer im Türrahmen des versifften Klos, und der Wirt hatte Unterschlupf hinter dem anderen Ende der Theke gefunden. Paul schwebte zurück zu seinem am Boden liegenden Körper. In dieser Situation sollte er ihn nicht zu lange alleine lassen, denn sobald einer der Wölfe etwas Dummes unternahm und auf seine Provokationen ansprang, war sein Körper ungeschützt. Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung. Zwei der türkischen Nationalisten rückten mit der Waffe im Anschlag vor. Sie traten den Tisch, der ihnen Deckung bot, beiseite und stürmten voran. Ihre Auren glühten vor Entschlossenheit und aufputschenden, chemischen Drogen. Was auch immer Paul tun würde, er musste es schnell machen, sonst hätte er nie wieder die Gelegenheit, irgendetwas zu tun.

Sein Astralleib senkte sich über die fleischliche Hülle und sie verschmolzen miteinander.

Der erste Graue Wolf, ein junger Mann mit dichtem Vollbart, schwarzer Lederhose und weißem Achselshirt, umrundete die Theke. In den Händen hielt er eine Altmayr Schrotpistoleeine verheerende Waffe auf kurze Distanzen. Von Pauls Körper würde nicht viel mehr übrigbleiben als ein Klumpen Hackfleisch, wenn er aus dieser Entfernung beschossen werden würde.

Paul sammelte das Mana der Umgebung, konzentrierte es zu einer rohen Eruption zerstörerischer Kräfte und schleuderte den Zauber auf den Jungen. Nichts geschah.

Er sah die Verwunderung in den Augen des Türken. »Hey, ich glaube, der Penner hält sich fürne Spruchschleuder

»Ist wohl übergeschnappt«, entgegnete sein Begleiter, der ihm Deckung gab. »Mach ihn alle

Paul schaute verdutzt auf seine ausgestreckte Hand. Anstatt einer todbringenden Entladung verließ ihn lediglich die Hoffnung, lebend aus dieser Sache rauszukommen.

Der junge Mann beugte sich mit breitem Grinsen über ihn. »Ist das nicht ein bisschen ungerecht, sonen verrückten Murruk zu erschießen

Doch bevor der Graue Wolf reagieren konnte, schoss Pauls zweiter Arm nach oben und umgriff den Hals des Türken. Die durch Cyberimplantate verstärkte Muskelkraft seiner Finger brach die Halswirbelsäule des Mannes wie einen morschen Ast. Er war tot, noch bevor er auf dem Kneipenboden aufschlug.

Paul nahm die Pistole des Verstorbenen, sprang auf und legte über den Tresen auf dessen Kumpanen an. Bevor dieser verstand, dass sein Freund tot war und er ihm in weniger als zwei Sekunden folgen würde, betätigte Paul den Abzug und feuerte ein 30 Millimeter großes Schrotgeschoss auf den Unglücklichen ab. Dank des weit eingestellten Chokes der Waffe traf nicht mal die Hälfte der Schrotladung das Ziel, trotzdem reichte die kinetische Energie aus, um ihn von den Füßen zu holen, während die halbe Kneipe fachmännisch zerlegt wurde. »Ach du Kacke«, kommentierte Paul und blickte die Altmayer ehrfürchtig an.

»Du hast Mehmet erschossenVollautomatisches Feuer prasselte auf ihn ein. Im letzten Moment sprang er kopfüber durch die offenstehende Küchentür und brachte sich gerade noch rechtzeitig in Deckung, als Dutzende Projektile den Tresen hinter ihm zerrissen. Die beiden verbleibenden Grauen Wölfe schossen die Streifen ihrer Ingram Smartguns leer, luden nach und feuerten weiter. Sie nahmen keinerlei Rücksicht mehr auf das Interieur ihrer Kneipe. Die panzerbrechende Munition drang fast mühelos durch die Wand der Küche und ließ Töpfe und Pfannen durch die Luft tanzen, während Paul flach auf dem Boden lag und seinen Kopf mit beiden Armen schützte.

»Ihr Wahnsinnigen! Hört auf mit dem Scheiß, diese Bruchbude stürzt noch über uns zusammen«, rief er, doch sie interessierten sich nicht für seine Warnung. Er rollte über den Boden und drehte sich. Durch die zerschossene Wand konnte er einen Blick auf den Ältesten der Angreifer erhaschen, der gerade seine Deckung verließ, um ihm nachzusetzen. Mehr brauchte Paul nicht. Er konzentrierte sich und sammelte das wenige ihm verbliebene Mana. Er spürte das Kribbeln in seinem Nacken. Das Gefühl von Macht war lange nicht mehr so überwältigend wie einst, aber es sollte ausreichen. Trotzig formte er in seinem Geist das Manageschoss, spürte die ihm innewohnende zerstörerische Kraft und jagte sie auf den Türken. Die Luft knisterte, als die arkanen Energien in einer Eruption seinen Körper verließen. Sie schossen kaum sichtbar durch den Raum und fuhren in den Körper des Ältesten, der kreischend zusammenbrach. Mit grimmiger Zufriedenheit lächelte Paul. Das hat gesessen!

»Omae, ich glaube, es reicht. Oder möchtest du noch Märtyrer für das große osmanische Reich werden?«, rief er in den Schank­raum.

Keine Antwort.

»Dachte ich mir doch. Ich schlage vor, du nimmst den Vorderausgang, ich verziehe mich hinten raus. Das Ganze können wir als echt miesen Tag abhaken. Okay? Ach so, und tut mir echt leid, die Sauerei mit deinen Chummern

»Wir machen dich fertig, Dante! Ich persönlich schneide dir die Finger einzeln ab. Achte immer schön auf deinen Rücken, wenn du durch Zehlendorf gehst

Das hatte er so schnell nicht wieder vor.

Kapitel 2

Die Scheinwerfer beschienen die holprige Schlaglochpiste, die sie euphemistisch Straße nannten. Die hiesigen Anarchisten hatten in den vergangenen Jahren sicherlich viele großartige Ideen gehabt und Lichtenberg in vielen Beziehungen bereichert. Straßenbau gehörte jedoch nicht dazu.

Niemand interessierte sich für aufgeplatzten Asphalt, bis zu vierzig Zentimeter tiefe Löcher oder die Rückeroberungsversuche von Mutter Natur, deren Bewuchs sich zunehmend durch das Pflaster fraß. Genervt ging Paul vom Gas und umkurvte die zusammengestellten Wracks ausgebrannter Autos, deren genaue Anzahl er nicht mehr ausmachen konnte, da die Plastikkarosserien miteinander verschweißt waren.

In dieser Gegend zeigte sich Lichtenberg von seiner hässlichen Seite. Die jahrhundertealten Plattenbauten waren verfallen, wenn auch noch bewohnt. Zahlreiche Wohngemeinschaften, politische Communitys und freie Kommunen hatten sich zwischen leer stehenden Fabrikgebäuden häuslich eingerichtet, lange bevor er zum ersten Mal hergekommen war. Ihm ging es wie den meisten Berlinern, die dieses Viertel nur als das kannten, was es heute war: ein großes soziales Experiment und das Utopia für freiheitsliebende Menschen aus der gesamten Allianz Deutscher Länder und darüber hinaus.

Er ging immer seinen eigenen Weg und hielt sich aus der großen Politik heraus. Die soziale Revolte war ihm genauso fremd wie der zügellose Kapitalismus der restlichen Welt. Sein Interesse galt ihm selbst und sonst niemandem. Natürlich hatte er damals, als die Konzerntruppen einmarschiert waren, seinen Block verteidigt, genauso wie alle anderen auch. Aber er hatte zu den Ersten gehört, die die Segel gestrichen hatten und in den Wirren des Bürgerkriegs abgetaucht und erst wieder unter ihren Steinen hervorgekommen waren, als sich der Staub gesenkt hatte. Paul war ein zu großer Pragmatiker, als dass er sich für eine Ideologie vor irgendeinen Karren spannen ließ. Vielleicht war er aber auch nur ein Drecksack.

Er lebte in Zeiten, die ein gesundes Maß an Egoismus belohnten. Es gab keine Absicherung im Berlin des Jahres 2076. Er kannte niemanden, der noch einen Bausparvertrag hatte oder eine Krankenversicherung, einen unbefristeten Arbeitsvertrag, der einen überteuerten Kredit bei der nächsten Bank ermöglichte. Er selbst hatte nicht mal einen Mietvertrag.

Jeden Tag brach sich etwas Neues Bahn und führte dazu, dass man nicht mehr wusste, wo das fließende Wasser herkam oder wie man den nächsten Better-than-Life-Chip finanzieren sollte. Improvisation und Flexibilität waren gefragt, wollte man in dem Großstadtdschungel bestehen.

Das Leben schenkte Paul gerne Zitronen. Stinkende, faulige Früchte, die nicht einmal dazu taugten, jemanden damit zu bewerfen.

Lange Jahre war er durch die Schatten gelaufen. Er hatte gutes Geld mit seinen erwachten Fähigkeiten verdient und war ein gern gesehenes Mitglied eines jeden Teams gewesen, denn Herr oder Frau Schmidt legten meist noch einen Batzen Euros drauf, wenn ein Magier mit an Bord war. Finanziell war diese Zeit freundlich zu ihm gewesen. Er hatte sich keine Sorgen um die nächste Mahlzeit machen müssen, hatte ausgehen können, wann immer er wollte, und die Zeiten zwischen den einzelnen Runs waren mit Müßiggang gefüllt gewesen. Diese Zeiten waren lange vorbei.

Es war ein schleichender Prozess. Anfangs hatte er es nicht bemerkt, später war er bemüht gewesen, es aktiv zu verdrängen. Er war gut darin, Dinge, die nicht sein sollten, konsequent zu ignorieren. Das war fast so etwas wie seine Lebensphilosophie geworden: sein persönliches Mantra des Selbstbetrugs.

Seine magischen Kräfte hatten nachgelassen. Auch wenn er es sich zunächst nicht eingestanden hatte, geschweige denn mit jemandem darüber gesprochen hatte, waren die Anzeichen immer deutlicher geworden. Anfangs waren es nur kleine Missgeschicke gewesen: Beschwörungen, die ungewöhnlich lange dauerten, und Spruchformeln, die trotz sauberer Ausführung fehlerhafte Wirkung gezeigt hatten.

Kurz nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag hatte er zur Regeneration seiner Erschöpfung schon doppelt so lange gebraucht wie in jungen Jahren. Selbst kleine magische Finger­übungen hatten Kopfschmerzen ausgelöst. Er hatte sich wie ein Profifußballer gefühlt, dessen Karriere ein jähes Ende finden würde, wenn er nicht entsprechend nachrüstete und seinen Körper modifizierte. Wie jemand, dem das Knie nach jedem Spiel mehr schmerzte und die Kondition bei jedem Sprint weniger wurde. Meist sahen Leistungssportler nicht ein, dass sie ihren Zenit überschritten hatten, und klammerten sich an ihren Sport, als hielte die Sechste Welt keine anderen Herausforderungen für sie bereit. Wenn dann das klärende Gespräch mit dem Manager des Teams folgte, wurde das letzte Geld in Modifikationen investiert, sodass einem Wechsel in die Chromliga nichts mehr im Wege stand.

Paul hatte keinen Manager, und für ihn gab es auch keine Chromliga. Trotzdem hatte er versucht, seine schwindenden Kräfte mit Cyberware zu kompensieren, was seinen Verfall nur noch beschleunigt hatte. Er war in eine Abwärtsspirale geraten, die ihn schneller in die Tiefe gezerrt hatte, als er es begreifen konnte.

Zwei verhunzte Runs später hatte er alleine dagestanden, inmitten eines Scherbenhaufens wütender Connections und enttäuschter Begleiter. Niemand hatte mehr mit dem alternden Magier zusammenarbeiten wollen, der seinen Job nicht erledigen konnte. Bei aller lebensnotwendigen Geheimnistuerei innerhalb der Berliner Runnerszene sprachen sich Misserfolge schneller herum, als ein Mitsubishi Nightsky in Marzahn ausbrannte. Die Szene sortierte aus. Hart und unnachgiebig.

Hin und wieder war noch ein freundliches, mitleidiges Wort mit ihm gewechselt worden, doch auch das hatte schnell nachgelassen. Misserfolg war ansteckend. Niemand hatte gewollt, dass Pauls schlechte Reputation an ihm kleben blieb wie ein Stück Hundescheiße an der Sohle seines Schuhs.

Er war isoliert gewesen und hatte zum ersten Mal in seinem Leben erwogen, den Sprawl zu verlassen. Doch was war ein Shadowrunner ohne Connections? Er hatte sich eingestehen müssen, dass auch im Rhein-Ruhr-Plex, in Frankfurt oder Hamburg niemand mit ihm arbeiten würde. Seine Karriere war im Arsch.

Sein Ziel am heutigen Abend war ein dreiundzwanzigstöckiger Bau an der Bahntrasse zwischen dem Ostkreuz und Lichtenberg. Das Gebäude hatte einst das erste in einer Reihe von großen Neuinvestitionen in Lichtenberg sein sollen. Inmitten der vierstöckigen Mietskasernen hatte es wie ein Leuchtfeuer der Moderne gewirkt. Doch diese Anstrengung hatte jäh geendet, das Gebäude war niemals fertiggestellt worden.

Mit dem gescheiterten Hochhaus waren auch alle weiteren Bauvorhaben des Viertels den Bach runter gegangen, und es hatte einen wirtschaftlichen Niedergang sondergleichen erlebt. Ruinen und Trümmerlandschaften, die einem urbanen Kampfgebiet gleichkamen, zeugten noch heute davon. Funktionierende Straßenlaternen gab es so gut wie keine, die meisten Anwohner bezogen ihren Strom aus mobilen Generatoren statt aus einem stabilen Netz, was das Viertel in eine für Metroplexbewohner ungewohnte Dunkelheit tauchte.

Er parkte seinen Opel Kommodore im untersten zugänglichen Stockwerk der Tiefgarage des Hochhauses, wo der Weg noch nicht mit Barrikaden aus Müll, Schrott und Autowracks blockiert war. Flackernde Leuchtstoffröhren beschienen den düsteren Ort voller Graffiti und Unrat. Es roch nach Urin, Staub und Zerfall.

Aggi wartete bereits auf ihn. Die junge Frau lehnte lässig an einem Betonpfeiler und hatte eine billige, schwarzrote Atemmaske gegen den Gestank und die Schadstoffe in der Luft übergezogen. Ihre blauen Haare wehrten sich erfolgreich gegen die Schwerkraft, woraus eine imposante Tolle resultierte, die jeglichem Versuch der Bändigung widerstand. Wie passend, schmunzelte Paul, als er aus dem Auto stieg und auf die Neoanarchistin zuging. Über ihrer dunklen Panzerjacke mit den knallroten Ellbogenschützern trug sie in einem stoßfesten Case ihr Cyberdeck mit sich. Für diejenigen, die Aggis Attitüde noch immer nicht verstanden hatten, endete der gelbe Zierstreifen an ihrer blauen, enganliegenden Hose knapp über den Schaftstiefeln in dem Schriftzug Rebell. Damit war für die Berlinerin alles Wichtige auf den Punkt gebracht.

In seinem knittrigen Trenchcoat und mit dem knittrigen Gesicht kam Paul sich immer etwas fehl am Platze vor, wenn er neben Aggi stand. Er kannte die Neoanarchistin bereits aus einer Zeit, als sie noch eine picklige Teenagerin aus der Nachbarschaft gewesen war und mit Schrottlinks gespielt hatte. Seitdem waren einige Jahre vergangen, und Aggi hatte sich zu einer respektablen Deckerin der Sprawlguerilla gemausert. Sie war mittlerweile Anfang Zwanzig und voll und ganz in der Bewegung aufgegangen. Darüber hinaus verdingte sie sich als Shadowrunnerin, achtete aber peinlich genau darauf, dass ihre Arbeit größtmöglichen Schaden bei den Konzernen anrichtete und nicht gegen ihre Überzeugungen verstieß. Immer wieder suchte sie die politische Debatte mit ihm, als benötigte sie ihre regelmäßige Portion Frustration. Aggi war für ihn das, was einer guten Freundin am nächsten kam.

»Du siehst scheiße aus«, begrüßte sie ihn mit ihrer typischen, offenen Art.

»Nur ein paar blaue Flecken«, wiegelte er ab und versuchte sich an einem entwaffnenden Lächeln, was ihm gründlich misslang.

»Genau, alles shinyZynismus tropfe aus jedem Wort, als sie auf die Einschusslöcher in seinem Mantel deutete. »Sieh dich doch mal an, alter MannSie schlug ihm mit den Handrücken gegen die Brust. »Dein Körper ist eine Ruine. Was dachtest du dir eigentlich dabei, dich alleine mit den türkischen Faschisten anzulegen? Kommst du noch klar

Er zuckte mit den Schultern, als sei er sich keiner Schuld bewusst. »Ich wurde eigentlich nur dafür bezahlt, sie auszukundschaften. Irgendwie ist die Situation dann überraschend eskaliert und es kam eins zum anderen

Er zückte eine Dose BOOM-Energydrink aus seiner Manteltasche und öffnete sie mit dem charakteristischen Knacken des Verschlusses, für den die Marke bekannt war. Ein tiefer Schluck sollte die Müdigkeit aus seinen Knochen vertreiben.

Aggi zog die Atemmaske herab und deutete anklagend mit dem Zeigefinger auf ihn. »Klar, du bist unschuldig wie damals, als du für die Horde gearbeitet und eines ihrer Chapter hängen lassen hast. Oder letztes Jahr, die Sache mit der Arbeiterbewegung rund um Boris Glinski, den du einen aufgeblasenen Sack nanntest, bevor er dich bezahlen konnte und dies daraufhin niemals tat. Hatte ich schon erwähnt, dass damit auch mein Honorar flöten ging

»Nicht oft genug

Sie schenkte ihm einen vernichtenden Blick und nahm ihm die Dose BOOM ab. »Die hast du nicht verdient«, sagte sie und leerte sie in zwei Zügen. Sein Protest ging in einem erdigen Rülpser unter.

»Ach Aggi, verdammt noch mal«, beschwerte sich Paul und versuchte den Geruch ihrer Magenausdünstungen mit seiner Cyberhand wegzuwedeln.

Die Neoanarchistin grinste ihn breit an. »Na, komm schon, erzähl, was ist passiert? Ich will hören, wie sie dir in den Arsch getreten haben

»Die Graue WölfeEr grinste diebisch. »Mir ist da wohl versehentlich einFreies Kurdistanrausgerutscht, als ich den Laden betrat. Den Rest kannst du dir selber zusammenreimen

»Du schlägst die Köpfe immer noch lieber ein, anstatt sie zu verstehen, was

»Kleine Charakterschwäche von mir. Es kam bei meinem Auftraggeber nicht sonderlich gut an. War wohl heute nicht mein Tag

Sie verdrehte die Augen. »Ich würde eher sagen, die 2070er sind nicht dein Jahrzehnt. Du bist voll abgefuckt

Er schnitt eine Grimasse. »Danke für die Blumen

»Na, mal ehrlich, du bringst es nicht mehr. Schau dich doch einmal an. Deine Bodytech ist bestenfalls veraltet und hat immer wieder Aussetzer; dafür hast du deine eh schon schwindende Magie geopfert und kannst heutzutage froh sein, wenn dein Feuerballne Kerze entzündet. Also komm schon, Paul. Du bist im Arsch

Eine große Tugend dieser Frau war ihre Direktheit. Paul kannte keinen anderen Menschen, der ihm derart unverblümt die Meinung sagte. Auch wenn zwischen ihnen fast zwanzig Jahre Alters­unterschied lagen, konnte er von ihr viel mehr lernen, als er jemals zugeben würde. Sie war dabei weniger sein Kompass, der ihm den richtigen Weg wies, als vielmehr sein Korrektiv, das ihm gehörig auf den Kopf schlug, wenn er die falsche Richtung einschlug.

Todernst entgegnete er: »So eine gequirlte Scheiße habe ich selten von dir gehört. Ich mache geradene kleine Durststrecke durch, aber solange Menschen wie du an mich glauben, liegt eine goldene Zukunft vor mir

Stille breitete sich für zwei Wimpernschläge zwischen ihnen aus, ehe sie laut loslachten. Die Spannung fiel von Paul ab und machte der Erleichterung Platz, die Schießerei mit den Wölfen überlebt zu haben. Es tat manchmal gut, nicht alleine zu sein.

»Warte, warte«, sagte sie zu ihm und hielt ihn an seinem offensichtlichen Cyberarm fest. »Ich habe was für dich. Schalte mal in VR umFür sie war es ganz normal, die Virtual Reality nahezu jederzeit wahrzunehmen, ebenso, wie in die augmentierte Realität der Matrix. Meist fiel es ihr schwer, zu verstehen, dass nicht jeder Mensch mit der gleichen Leichtigkeit die unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen nutzte, wie sie es tat.

»Du weißt doch, dass ich meine Augen nicht bearbeiten lasse

»Du FossilSie griff in ihre Tasche und warf ihm eine Brille zu. Diese war einer antiken Fliegerbrille nachempfunden und sicherlich genauso alt wie Paul.

»Du denkst an alles

Aggi wandte sich dem offenen Raum der Tiefgarage zu und zeichnete mit den Händen unsichtbare Figuren in die Luft. Paul musste schmunzeln und freute sich, dass auch die junge Frau einem Anachro­nismus nachhing. Schließlich konnte sie sich allein kraft ihres internen Kommlinks durch die Matrix bewegen, somit waren die Handbewegungen ein Relikt aus einer Zeit, als Aggi nicht viel mehr als ein defektes RadioShack und einen VR-Handschuh besessen hatte.

Er zog sich die Brille über, und sofort öffnete sich die Realität der Matrix vor ihm. Die verlassene Parkbucht hatte kein gesondertes Design, sondern benutzte lediglich die Standardprotokolle des Berliner Gitters. Aggi war der einzig sichtbare User. Sie öffnete ein Fenster, hinter dem lange Ströme von Datenblöcken, Subroutinen und Anweisungen entlangliefen.

»Das ist ja alles hübsch trist hier, aber ich sehe nichts Besonderes. Was wolltest du mir zeigen

»Alter, Geduld war auch noch nie deine StärkeSie änderte ein paar Einstellungen, sodass sich die Ansicht vergrößerte und Paul einen besseren Einblick gewährte.

Sie stellte sich daneben und deutete auf das Fenster. »Siehst du diese Datenautobahn

»Jetzt sprichst du fast schon so altbacken wie ich«, neckte er sie.

»Man sollte sich immer seiner Zielgruppe anpassen«, antwortete sie fröhlich.

»Touché

»Lass uns nicht trödeln, sonst wird GOD noch auf uns aufmerksam, und du hast sicherlich keine Lust, dich mit den G-Men auseinanderzusetzen

Bei der Grid Overwatch Division handelte es sich um eine Unterabteilung des Konzerngerichtshofs. Ihre Mitglieder zählten zu den besten Hackern und bildeten eine Art Matrixpolizei. Selbst Aggi mit ihren beachtlichen Fähigkeiten scheute die Konfrontation mit der Division.

»Okay, dann schieß mal los«, forderte er sie auf.

»Du siehst also diese Datenströme, oder? Sie symbolisieren die Milliarden Suchanfragen innerhalb verschiedener Subsysteme

»Langweilig«, beschwerte er sich in der schlechten Imitation eines genervten Schülers.

Sie schmiss ihm einen virtuellen Kleinwagen an den Kopf, den sie spontan aus dem Nichts erschaffen hatte. Paul warf sich reflex­artig auf den physisch realen Boden, was Aggi köstlich amüsierte.

Er stand fluchend auf, versuchte vergeblich, den Schmadder des dreckigen Bodens von den Hosenbeinen zu wischen, und verkniff sich eines weiteren Kommentars. Das hier war Aggis Spiel.

»Dies sind Suchanfragen aus einer Berliner Niederlassung von Zeta-ImpChem«, erklärte sie, indem sie sich wieder zu dem virtuellen Fenster drehte. »Du weißt schon, der Kon, der Schering gefressen hat

»Ja, ich kenne Zeta

»Ich habe es geschafft, ein kleines, extrem unbedeutendes Hintertürchen zu finden und ein winziges Programm zu hinterlassen

Er fuhr zu ihr herum. »Du hast dich in einen Megakon gehackt? Bist du verrücktDas war selbst für Aggi ein waghalsiger Stunt.

»Nicht wirklich. Ich habe vielmehr das Tochterunternehmen eines Tochterunternehmens genutzt. Und auch davon nur …«, sie zögerte, »… ach, es geht zu weit, dir das alles zu erklären. Ich habe quasi das Klofenster einen Spalt offengelassen. Kapiert? Nichts Wildes, keiner wird es bemerken. Es war eine Fingerübung, nichts weiter

Ihre Worte beruhigten ihn nicht. »Aber was hat das mit mir zu tun

»Ich habe eine kleine Routine eingebaut. Eine wirklich kleine Routine. Falls jemand Suchanfragen zu wie-mache-ich-mir-Feinde-in-fünf-Minuten stellt, wird er bei dir landen

Er schnitt eine Grimasse. »Ernsthaft? Dein Humor hat auch schon mal bessere Tage erlebt

»Quatschkram. Aber falls mal jemandnen Ermittler sucht, landet er zuerst bei dir

Jetzt hatte sie seine volle Aufmerksamkeit. »Wie bitte? Du hast ihre Suchalgorithmen modifiziert

»Hey, hey, das ist nichts Großes. Solch eine Anfrage gibt es da vielleicht alle paar Monate mal. Und du bist auch nicht ganz oben auf der Liste, das wäre zu auffällig. Aber dein Büro kommt in die top Fünf. Das ist alles

»Das ist großartig! Danke«, fügte er an, auch wenn ihm dieses Wort immer schwer über die Lippen ging.

Aggi hob überrascht die Augenbraue. »Geschenkt. Mach kein großes Ding daraus, sonst gehe ich kotzen. Gib mirn Bier aus. Irgendwie so etwasSie schloss abrupt das Matrixfenster.

Die junge Frau war ihm ein Rätsel. Über Monate hinweg hatte er keinen Kontakt zu ihr gehabt. Alle Nachrichten waren unbeantwortet geblieben, nicht mal durch Zufall war er ihr begegnet. Und dann, aus heiterem Himmel, war sie wieder aufgetaucht und tat nun so, als hätten sie sich gestern das letzte Mal gesehen. Obendrein rettete sie sein Leben und bastelte eine Matrixroutine, die ihm potente Kunden ermöglichen konnte, zu denen er sonst niemals Zugang gehabt hätte.

Manchmal war ihm Aggi sogar ein wenig unheimlich, da sich ihre Beweggründe völlig seinem Verständnis entzogen. Was trieb sie an? Warum verbrachte sie überhaupt Zeit mit ihm? Paul wusste nicht, was sie in ihm sah. Aber er mochte die junge Frau mit ihren blauen Haaren und dem stachligen Punk-Habitus, seit er ihr vor zehn Jahren das erste Mal begegnet war. »Das Bier sollst du haben. Ich würde nochnen Burger drauflegen

»Jetzt mach hier nicht auf dicke Hose. Ist sonst alles okay bei dir? Haben dich die Faschisten irgendwo erwischt

Er zögerte kurz und überlegte, wieviel er preisgeben wollte. »Höchstens in meinem Stolz«, antwortete er und zog sich die Brille vom Kopf. »Früher hätte ich die Situation souveräner klären könnenDie Erinnerung an den missglückten Zauber erfüllte ihn mit Scham. Was war er für ein Magier, wenn er nicht mal einen simplen Kampfzauber wirken konnte?

»Früher warst du auch noch kein alter Sack mit Inkontinenz, Demenz und all dem Scheiß

»Na na«, beschwerte er sich und nahm ihr geschickt die BOOM-Dose wieder ab, nur um festzustellen, dass sie wirklich leer war.

Aggi grinste ihn breit an. Plötzlich verfinsterte sich ihre Miene. »Moment mal, da ist noch etwas anderes. Was ist passiert, Paul

Er wiegelte ab. »Es war gar nichts

»Verarsch mich nicht. Ich kenne dich und sehe, wenn du Schiss hast. Und das hier ist die Art Schiss, die nicht von einer simplen Schießerei herrührt. Was war los

Er gab sich einen Ruck, was ihm leichter fiel, als er vermutet hatte. »Eine Sache lief schief«, begann er. »Als ich bei den Grauen Wölfen war, wollte ich einen von ihnen mit meinem Mojo grillen

»So weit, so spooky. Ich kann deinen Zauberkram nicht leiden. Ich denke manchmal, du schleichst durch den Astralraum und beobachtest mich, wie son alter Spanner

Er sah sie entsetzt an. »Ich würde nie …«

Sie wischte seine Bedenken lachend beiseite. »Warn Witz. Erzähl weiter

»Ich kann es kurz machen: Es funktionierte nichtEr blickte sie an und rechnete damit, dass er erneut ihren Hohn ernten würde, doch er täuschte sich.

»Was meinst du

»Mein Zauber. Ich war in diesem Moment nicht in der Lage zu zaubern

Sie musterte ihn prüfend. »Schräg. Passieren solche arkanen Dysfunktionen häufiger

»So krass? Bisher noch nicht. Ich habe es vorhin mit was Kleinerem probiert, das hat funktioniert. Egal. War sicherlichne einmalige Sache

In ihren Augen sah er, dass sie anderer Meinung war.