INHALT
  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Teil I: Der König ohne Namen
  8. I: Der Nachtbringer
  9. II: Laia
  10. III: Elias
  11. IV: Der Blutgreif
  12. V: Laia
  13. VI: Elias
  14. VII: Der Blutgreif
  15. VIII: Laia
  16. IX: Elias
  17. X: Der Blutgreif
  18. Teil II: Inferno
  19. XI: Laia
  20. XII: Elias
  21. XIII: Der Blutgreif
  22. XIV: Laia
  23. XV: Elias
  24. XVI: Der Blutgreif
  25. XVII: Laia
  26. XVIII: Elias
  27. XIX: Der Blutgreif
  28. XX: Laia
  29. XXI: Elias
  30. XXII: Der Blutgreif
  31. XXIII: Laia
  32. XXIV: Elias
  33. XXV: Der Blutgreif
  34. XXVI: Laia
  35. XXVII: Elias
  36. XXVIII: Der Blutgreif
  37. XXIX: Laia
  38. XXX: Elias
  39. Teil III: Antium
  40. XXXI: Der Blutgreif
  41. XXXII: Laia
  42. XXXIII: Der Blutgreif
  43. XXXIV: Elias
  44. XXXV: Der Blutgreif
  45. XXXVI: Laia
  46. XXXVII: Elias
  47. XXXVIII: Der Blutgreif
  48. XXXIX: Laia
  49. XL: Elias
  50. XLI: Der Blutgreif
  51. XLII: Laia
  52. XLIII: Der Blutgreif
  53. XLIV: Laia
  54. XLV: Elias
  55. Teil IV: Belagerung
  56. XLVI: Der Blutgreif
  57. XLVII: Laia
  58. XLVIII: Der Blutgreif
  59. XLIC: Laia
  60. L: Elias
  61. LI: Der Blutgreif
  62. LII: Laia
  63. LIII: Elias
  64. LIV: Laia
  65. LV: Der Blutgreif
  66. LVI: Laia
  67. Teil V: Geliebt
  68. LVII: Der Blutgreif
  69. LVIII: Der Seelenfänger
  70. LIX: Der Nachtbringer
  71. Danksagung
  72. Landkarte 1
  73. Landkarte 2

ÜBER DIESES BUCH

»Wo Leben ist, ist Hoffnung«

Das Martialenimperium steht am Abgrund: Imperator Marcus überzieht das Land mit dem Blut der Unschuldigen, während Blutgreif Helena diese zu schützen versucht. Weit im Osten weiß Laia, dass sie den Nachtbringer aufhalten muss, und das ohne Elias. Denn Elias ist nun als Seelenfänger an die Zwischenstatt, das Geisterreich, gebunden. Dazu verdammt, einer uralten Macht bedingungslos zu dienen – auch wenn dies bedeutet, die Frau aufzugeben, die er liebt.

ÜBER DIE AUTORIN

Sabaa Tahir war Redakteurin bei der Washington Post. Berichte über den Nahen Osten beschäftigten sie und führten schließlich dazu, dass sie ihren ersten Roman schrieb. Sie wollte eine Geschichte erzählen, die die Gewalt in unserer Welt abbildet. Sie wollte aber auch Figuren erschaffen, die in dieser Welt Hoffnung finden. Die nach Freiheit suchen und sich für die Liebe entscheiden, egal gegen welche Widerstände. Aus diesem Impuls heraus entstand ihr erster Roman, Elias & Laia. Die Herrschaft der Masken.

SABAA TAHIR

ELIAS

&

LAIA

IN DEN FÄNGEN DER FINSTERNIS

BAND 3

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Barbara Imgrund

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Renée, die mein Herz kennt.
Für Alexandra, die meine Hoffnungen hegt.
Und für Ben, der den Traum teilt.

TEIL I

DER KÖNIG OHNE NAMEN

I: DER NACHTBRINGER

Ihr liebt zu sehr, mein König.

Diese Worte sagte meine Königin oft in all den Jahrhunderten, die wir zusammen verbrachten. Zuerst mit einem Lächeln, in späteren Jahren jedoch mit gerunzelter Stirn. Ihr Blick heftete sich auf unsere Kinder, die durch den Palast tobten, während ihre kleinen Körper, winzige Wirbelstürme von unvorstellbarer Schönheit, von Flamme zu Fleisch flackerten.

»Ich bin besorgt um Euch, Meherya.« Ihre Stimme bebte. »Ich fürchte mich vor dem, was Ihr tun werdet, wenn denen, die Ihr liebt, ein Leid geschieht.«

»Kein Leid soll euch geschehen. Ich schwöre es.«

Ich sprach mit der Leidenschaft und Tollheit der Jugend, obwohl ich natürlich nicht mehr jung war. Schon damals nicht. An jenem Tag zerzauste die Brise vom Fluss her ihr mitternachtsfarbenes Haar, und Sonnenlicht strömte wie reines Gold durch die Vorhänge vor den Fenstern. Es färbte unsere Kinder umbrabraun, während sie den Steinboden mit Brandflecken überzogen und ihr Lachen von den Wänden widerhallte.

Sie war die Gefangene ihrer Furcht. Ich ergriff ihre Hände. »Ich würde jeden vernichten, der es wagt, euch etwas anzutun«, sagte ich.

»Meherya, nein.« Ich habe in all den Jahren seither gegrübelt, ob sie damals schon füchtete, ich könnte einmal der werden, der ich dann wurde. »Schwört mir, dass Ihr das niemals tun werdet. Ihr seid unser Meherya. Euer Herz ist dazu gemacht, zu lieben. Zu geben. Nicht zu nehmen. Das ist der Grund, warum Ihr König der Dschinns seid. Schwört es mir.«

An jenem Tag leistete ich zwei Schwüre: immer zu beschützen. Immer zu lieben.

Binnen eines Jahres hatte ich beide gebrochen.

***

Der Stern hängt an der Höhlenwand, menschlichen Augen entrückt. Es ist ein vierseitiger Diamant mit einem schmalen Spalt am Scheitelpunkt. Dünne Striemen verlaufen wie ein Spinnennetz über ihn, eine Erinnerung an jenen Tag, als die Kundigen ihn zerschmetterten, nachdem sie mein Volk unterjocht hatten. Das Metall blitzt, ungeduldig, stark wie der starre Blick eines wilden Dschungeltiers, das seine Beute stellt. Welch immense Macht wohnt dieser Waffe inne – genug, um eine alte Stadt zu zerstören, ein altes Volk. Genug, um die Dschinns tausend Jahre lang zu knechten.

Genug, um sie zu befreien.

Als würde er den Armreif spüren, der mein Handgelenk umschließt, erzittert der Stern, strebt seinem verlorenen Bruchstück entgegen. Ein Ruck geht durch mich, als ich den Armreif nach oben halte, ihn darbringend, und er entwindet sich mir wie ein silberner Aal, um sich mit dem Stern zu vereinen. Der Spalt schrumpft.

Die vier Zacken des Sterns leuchten auf, sodass sie auch noch die entferntesten Ecken der Granithöhle erhellen und den Kreaturen um mich herum eine Welle wütenden Zischens entlocken. Dann erlischt das Licht, und übrig bleibt nur noch der fahle Mondschein. Ghuls rascheln zu meinen Füßen.

Meister. Meister.

Hinter ihnen erwartet der Herr der Geister meine Befehle, zusammen mit den Ifritkönigen und Ifritköniginnen – über Wind und See, Sand und Höhlen, Luft und Schnee.

Während sie mich beobachten, stumm und wachsam, studiere ich eingehend das Pergament in meinen Händen. Es ist so unscheinbar wie Sand. Die Worte darin sind es nicht.

Auf meinen Ruf hin nähert sich der Herr der Geister. Widerstrebend fügt er sich, eingeschüchtert von meiner Magie, stets bemüht, sich von mir zu befreien. Aber ich bedarf seiner noch. Die Geister sind verstreute Fetzen verlorener Seelen, von alter Hexerei zusammengeflickt und nicht wahrnehmbar, wenn sie es so wünschen. Selbst für die berüchtigten Masken des Imperiums nicht.

Als ich ihm das Pergament hinhalte, höre ich sie. Die Stimme meiner Königin ist ein Wispern, so freundlich wie eine Kerze in einer Frostnacht. Wenn du das tust, gibt es kein Zurück mehr. Dann ist alle Hoffnung für dich verloren, Meherya. Bedenke das.

Ich tue, worum sie mich bittet. Ich bedenke es.

Dann fällt mir ein, dass sie tot ist und fort, und das seit tausend Jahren schon. Ihre Gegenwart ist eine Sinnestäuschung. Ihre Stimme ist meine Schwäche. Ich reiche die Schriftrolle dem Herrn der Geister.

»Sorge dafür, dass Blutgreif Helena Aquilla das bekommt«, sage ich. »Und niemand anders.« Er verbeugt sich, und die Ifrits schweben heran. Die Ifrits der Luft schicke ich weg. Ich habe eine andere Aufgabe für sie. Der Rest kniet nieder.

»Vor langer Zeit habt ihr den Kundigen Wissen verschafft, das zur Vernichtung meines Volkes und der magischen Welt geführt hat.« Eine Erinnerung läuft wie ein Windstoß durch ihre Reihen. »Ich biete euch Erlösung. Begebt euch zu unseren neuen Verbündeten im Süden. Helft ihnen zu verstehen, was sie von den dunklen Orten herbeirufen können. Der Kornmond wird in sechs Monaten von heute an aufgehen. Sorgt dafür, dass euer Werk lange vorher getan ist. Und ihr«, die Ghuls drängen dicht heran, »fresst euch satt. Enttäuscht mich nicht.«

Als sie mich alle verlassen haben, betrachte ich den Stern und denke an das heimtückische Dschinnmädchen, das geholfen hat, ihn zu erschaffen. Für einen Menschen würde die Waffe vielleicht verheißungsvoll glänzen.

Ich spüre nur Hass.

Ein Gesicht taucht an der Oberfläche meines Bewusstseins auf. Laia von Serra. Ich erinnere mich an die Hitze ihrer Haut unter meinen Händen, daran, wie sich ihre Handgelenke in meinem Nacken kreuzten. An die Art, wie sie die Augen schloss, und an die goldene Höhlung an ihrem Hals. Sie fühlte sich wie die Schwelle meines alten Zuhauses an, wenn die Binsen frisch gewechselt waren. Sie fühlte sich sicher an.

Ihr habt sie geliebt, sagt meine Königin. Und dann habt Ihr ihr wehgetan.

Mein Verrat an dem Kundigenmädchen sollte nicht von Belang sein. Ich habe Hunderte vor ihr betrogen.

Und doch packt mich ein Unbehagen. Etwas Unerklärliches hat sich ereignet, nachdem Laia von Serra mir ihren Armreif geschenkt hatte – nachdem sie erkannt hatte, dass der Junge, den sie Kinan nannte, nichts als ein Hirngespinst war. Wie alle Menschen erspähte sie in meinen Augen die dunkelsten Momente ihres Lebens. Aber als ich in ihre Seele sah, schaute etwas – jemand – zurück: meine Königin, die mich über die Jahrhunderte hinweg anblickte.

Ich sah ihr Entsetzen. Ihre Traurigkeit darüber, was aus mir geworden war. Ich sah ihren Schmerz darüber, wie sehr unsere Kinder und unser Volk unter den Kundigen gelitten hatten.

Ich denke bei jedem Verrat an meine Königin. Er reicht tausend Jahre zurück, zu jedem Menschen, den ich gefunden, manipuliert und geliebt habe, bis er mir aus freien Stücken und mit Liebe im Herzen sein Bruchstück des Sterns geschenkt hat. Wieder und wieder und wieder.

Aber ich hatte meine Königin nie zuvor im Blick einer anderen gesehen. Hatte nie die scharfe Klinge ihrer Enttäuschung so brennend gefühlt.

Noch einmal. Nur noch einmal.

Meine Königin spricht. Tut das nicht. Bitte nicht.

Ich unterdrücke ihre Stimme. Ich unterdrücke die Erinnerung an sie. Ich denke, dass ich sie nie wieder hören werde.

II: LAIA

Alles an diesem Überfall fühlt sich falsch an. Darin und ich wissen es beide, auch wenn keiner von uns es laut aussprechen will.

Ohnehin redet mein Bruder nicht viel dieser Tage.

Die Geisterwagen, deren Spuren wir folgen, kommen endlich vor einem Martialendorf zum Stehen. Ich erhebe mich aus dem schneebeschwerten Buschwerk, in dem wir Deckung gesucht haben, und nicke Darin zu. Er nimmt meine Hand und drückt sie. Pass auf dich auf.

Ich rufe meine Unsichtbarkeit, eine Macht, die erst kürzlich in mir erwacht ist und an die ich mich noch gewöhnen muss. Mein Atem wölkt weiß aus meinem Mund, wie eine Schlange, die sich zu den unhörbaren Klängen eines Liedes emporreckt. Andernorts im Imperium hat der Frühling schon seine Blüten verstreut. Aber so dicht bei Antium, der Hauptstadt, peitscht uns der Winter immer noch mit seinen frostigen Fingern ins Gesicht.

Mitternacht geht vorüber, und die wenigen Laternen, die im Dorf brennen, flackern im auffrischenden Wind. Als ich die Einfriedung rund um die Gefangenenkarawane überwunden habe, dämpfe ich meine Stimme, um den Ruf einer Schneeeule nachzuahmen, die in diesem Teil des Imperiums weit verbreitet ist.

Während ich auf die Geisterwagen zuschleiche, kribbelt meine Haut. Ich fahre herum, weil mein Instinkt mich lärmend warnt. Der nahe Hügelkamm ist verlassen, und die wachhabenden martialen Hilfssoldaten geben keinen Mucks von sich. Es scheint alles in Ordnung zu sein.

Du bist nur ein bisschen schreckhaft, Laia. Wie immer. Von unserem Lager am Rande der Zwischenstatt aus, über dreißig Kilometer von hier, haben Darin und ich sechs Überfälle auf imperiale Gefangenenkarawanen geplant und durchgeführt. Mein Bruder hat kein noch so kleines Stückchen Serrastahl geschmiedet. Ich habe nicht auf die Briefe von Araj geantwortet, dem Kundigenführer, der mit uns aus dem Gefängnis von Kauf ausgebrochen ist. Aber zusammen mit Afya Ara-Nur und ihren Männern haben wir in den letzten zwei Monaten dazu beigetragen, mehr als vierhundert Kundige und Stammesleute zu befreien.

Aber das garantiert nicht den Erfolg bei dieser Karawane hier. Denn diese Karawane ist anders.

Jenseits der Einfriedung, bei den Bäumen, setzen sich vertraute, schwarz gekleidete Gestalten in Bewegung. Afya und ihre Männer, die meinem Signal folgen und sich zum Angriff bereitmachen. Ihre Anwesenheit macht mir Mut. Die Stammesfrau, die mir geholfen hat, Darin aus Kauf zu befreien, ist der einzige Grund, warum wir von diesen Geisterwagen wissen – und von den Gefangenen, die sie transportieren.

Die Dietriche sind wie Klingen aus Eis in meiner Hand. Sechs Wagen sind zu einem Halbkreis gruppiert, zwei Vorratskarren stehen geschützt zwischen ihnen. Die meisten Soldaten sind mit den Pferden und Feuern beschäftigt. In Böen gräbt mir das Schneegestöber seine Stacheln ins Gesicht, während ich das erste Fuhrwerk erreiche und mich am Schloss zu schaffen mache. Die Metallstifte darin sind meinen gefrorenen, ungelenken Händen ein Mysterium. Schneller, Laia.

Im Wagen kein Laut, als wäre er leer. Aber ich weiß es besser. Bald durchbricht das Wimmern eines Kindes die Stille. Es wird schnell zum Schweigen gebracht. Die Gefangenen haben gelernt, dass Lautlosigkeit der einzige Weg ist, Leiden zu vermeiden.

»Wo zur Hölle sind denn alle?«, bellt eine Stimme in meiner Nähe. Ich lasse beinahe den Dietrich fallen. Ein Legionär stiefelt vorbei, und Panik kriecht mir den Rücken hinab. Ich wage nicht zu atmen. Was, wenn er mich sieht? Was, wenn meine Unsichtbarkeit weicht? Das ist mir schon passiert, wenn ich angegriffen wurde oder mich in einer großen Menschenmenge befand.

»Weckt den Gastwirt.« Der Legionär wendet sich dem Aux zu, der auf ihn zuhastet. »Sagt ihm, er soll ein Fass herausrollen und ein paar Räume vorbereiten.«

»Die Schenke ist leer, Herr. Das Dorf sieht verlassen aus.«

Martiale verlassen ihre Dörfer nicht, nicht einmal mitten im tiefsten Winter. Es sei denn, eine Seuche hätte den Ort heimgesucht. Aber dann hätte Afya davon gehört.

Die Gründe, warum sie gegangen sind, haben dich nicht zu kümmern, Laia. Brich die Schlösser auf.

Der Aux und der Legionär stolzieren zur Schenke hinüber. Sobald sie außer Sichtweite sind, stecke ich den Dietrich wieder ins Schloss. Aber das Metall ächzt, weil es vom Raureif eingerostet ist.

Komm schon! Ohne Elias Veturius, der eine Hälfte der Schlösser übernehmen könnte, muss ich zweimal so schnell sein. Ich habe keine Zeit, an meinen Freund zu denken, und doch kann ich meine Besorgnis nicht unterdrücken. Seine Anwesenheit bei all den Überfällen hat uns davor bewahrt, geschnappt zu werden. Er hat doch beteuert, er würde kommen.

Himmel, was kann Elias zugestoßen sein? Er hat mich noch nie im Stich gelassen. Jedenfalls nicht, was die Überfälle betrifft. Hat Shaeva erfahren, dass er Darin und mich von der Hütte in den Freien Landen quer durch die Zwischenstatt zurückgeschmuggelt hat? Bestraft sie ihn jetzt dafür?

Ich weiß wenig über die Seelenfängerin – sie ist scheu, und ich nahm an, dass sie mich nicht mag. An manchen Tagen, wenn Elias aus der Zwischenstatt auftaucht, um mich und Darin zu besuchen, fühle ich, dass die Dschinnfrau uns beobachtet, doch ich nehme keinen Groll wahr. Nur Traurigkeit. Aber der Himmel weiß, dass ich verborgene Bösartigkeit nicht zu erkennen imstande bin.

Für jede andere Karawane – jeden anderen Gefangenen, den wir zu befreien versuchten – hätte ich Darin oder die Stammesleute oder mich selbst nicht in Gefahr gebracht.

Aber wir sind Mamie Rila und dem Rest der Saif-Gefangenen diesen Versuch, sie zu befreien, schuldig. Elias’ Stammesmutter hat sich, ihre Freiheit und ihren Stamm geopfert, damit ich Darin retten konnte. Ich kann sie nicht im Stich lassen.

Elias ist nicht hier. Du bist allein. Beweg dich!

Endlich springt das Schloss auf, und ich steuere den nächsten Wagen an. Unter den Bäumen, nur ein paar Schritte entfernt, muss Afya stehen und die Verzögerung verfluchen. Je länger ich brauche, desto wahrscheinlich wird es, dass die Martialen uns erwischen.

Als ich das letzte Schloss knacke, summe ich ein Signal. Wusch. Wusch. Wusch. Wurfpfeile sausen durch die Luft. Die Martialen innerhalb der Einfriedung fallen lautlos, ihres Bewusstseins beraubt durch das seltene südliche Gift, mit dem die Pfeile bestrichen sind. Ein halbes Dutzend Stammesleute nähert sich den Soldaten und schlitzt ihnen die Kehle auf.

Ich schaue weg, obwohl ich trotzdem das Reißen von Fleisch höre, das Rasseln letzter Atemzüge. Ich weiß, dass es getan werden muss. Ohne Serrastahl können sich Afyas Leute den Martialen nicht im offenen Kampf stellen, weil ihre Klingen brechen könnten. Aber an ihrer Art zu töten ist eine solche Effizienz, dass mir das Blut gefriert. Ich frage mich, ob ich mich je daran gewöhnen werde.

Eine kleine Gestalt taucht mit schimmernder Waffe aus dem Schatten auf. Die verschlungenen Tätowierungen, die verraten, dass sie eine Zaldara ist, das Oberhaupt ihres Stammes, werden von langen, dunklen Ärmeln verdeckt. Ich zische, damit Afya Ara-Nur weiß, wo ich bin.

»Hat lange genug gedauert.« Sie blickt sich um, und ihre schwarzroten Zöpfe schwingen hin und her. »Wo zur Hölle ist Elias? Kann er sich jetzt auch unsichtbar machen?«

Elias hat Afya endlich von der Zwischenstatt erzählt, von seinem Tod im Gefängnis von Kauf, von seiner Auferstehung und seiner Vereinbarung mit Shaeva. An jenem Tag verwünschte die Stammesfrau ihn rundweg als Narren. Vergiss ihn, Laia, sagte sie. Es ist verdammt dumm, sich in einen Geisterflüsterer zu verlieben, der schon mal tot war – egal, wie gut er aussieht.

»Elias ist nicht gekommen.«

Afya flucht auf Sadhesisch und geht auf die Fuhrwerke zu. Leise erklärt sie den Gefangenen, dass sie Afyas Männern folgen müssen und dass sie keinen Lärm machen dürfen.

Schreie und das hohe Sirren eines Bogens werden vom Dorf her hörbar, fünfzig Schritte von dort, wo ich stehe. Ich lasse Afya zurück und renne auf die Häuser zu. In einer düsteren Gasse vor der Dorfschenke tanzen Afyas Kämpfer leichtfüßig vor einem halben Dutzend imperialer Soldaten herum, darunter auch der befehlshabende Legionär. Die Stammesleute lassen Pfeile und Wurfpfeile als flinke Antwort auf die tödlichen Schwerter der Martialen fliegen. Ich stürze mich ins Getümmel und schlage einem Aux mit dem Knauf meines Dolchs an die Schläfe. Ich hätte mir die Mühe sparen können. Die Soldaten fallen rasch.

Zu rasch.

Es müssen weitere Männer in der Nähe sein – eine verborgene Einheit. Oder eine Maske, die unsichtbar auf der Lauer liegt.

»Laia.« Ich zucke beim Klang meines Namens zusammen. Darins goldfarbene Haut ist dunkel von Schlamm – so will er sich tarnen. Eine Kapuze bedeckt sein widerspenstiges honigfarbenes Haar, das endlich nachgewachsen ist. Man würde ihm niemals ansehen, dass er sechs Monate im Gefängnis von Kauf überlebt hat. Aber der Geist meines Bruders kämpft noch immer gegen die Dämonen. Es sind diese Dämonen, die ihn davon abgehalten haben, Serrastahl zu schmieden.

Er ist jetzt hier, sagte ich streng zu mir. Er kämpft. Hilft. Die Waffen werden kommen, wenn er so weit ist.

Ich tippe ihm auf die Schulter, und er dreht sich um. »Mamie ist nicht hier«, sagt er. Seine Stimme klingt dünn, weil er lange nicht gesprochen hat. »Ich habe ihren Pflegesohn gefunden – Shan. Er hat gesagt, dass die Soldaten sie aus dem Wagen geholt haben, als die Karawane das Nachtlager aufgeschlagen hat.«

»Sie muss im Dorf sein«, erwidere ich. »Schaff die Gefangenen weg. Ich werde sie schon finden.«

»Das Dorf dürfte eigentlich nicht verlassen sein«, hält Darin dagegen. »Ich habe kein gutes Gefühl. Du gehst. Ich werde mich nach Mamie umsehen.«

»Irgendeiner von euch beiden muss sie verdammt noch mal suchen gehen.« Afya taucht hinter uns auf. »Weil ich es nämlich nicht tun werde. Wir müssen die Gefangenen verstecken.«

»Wenn etwas schiefgeht«, sage ich, »kann ich mich unsichtbar machen und davonschlüpfen. Ich werde so bald wie möglich im Lager wieder zu euch stoßen.«

Mein Bruder zieht die Augenbrauen hoch, während er auf seine stille Art über meine Worte nachdenkt. Wenn er will, kann er so unerschütterlich wie die Berge sein – genau wie unsere Mutter.

»Ich gehe, wohin du gehst, Schwester. Elias würde mir zustimmen. Er weiß …«

»Wenn ihr so dicke Freunde seid«, zische ich, »dann sag Elias, dass er, wenn er sich das nächste Mal an einem Überfall beteiligen will, es auch tun muss.«

Darins Mund verzieht sich zu einem flüchtigen, schiefen Lächeln. »Laia, ich weiß, dass du zornig auf ihn bist, aber er …«

»Der Himmel bewahre mich vor den Männern in meinem Leben und allem, was sie zu wissen glauben. Jetzt verschwinde von hier. Afya braucht dich. Die Gefangenen brauchen dich. Geh.«

Bevor er protestieren kann, husche ich ins Dorf. Es sind nicht mehr als hundert Hütten mit strohgedeckten Dächern, die unter dem Schnee ächzen, und enge, finstere Gassen. Der Wind heult durch gepflegte Gärten, und ich falle beinahe über einen einsamen Besen in einer kleinen Straße. Die Menschen haben diesen Ort erst vor Kurzem verlassen, das spüre ich, und zwar Hals über Kopf.

Ich bewege mich vorsichtig weiter, auf der Hut vor allem, was im Schatten lauern mag. Die Geschichten, die man sich in Schenken und um die Stammesfeuer herum zuraunt, treiben mich um: von Geistern, die marinen Seeleuten die Kehle herausreißen. Von Kundigenfamilien, die an niedergebrannten Lagerplätzen in den Freien Landen gefunden wurden. Wichte – winzige, geflügelte Landplagen –, die Fuhrwerke zerstören und Vieh quälen.

All das, da bin ich mir sicher, ist das widerwärtige Werk jener Kreatur, die sich selbst Kinan nannte.

Der Nachtbringer.

Ich halte inne, um durch das vordere Fenster einer im Dunkeln liegenden Hütte zu spähen. In der pechschwarzen Nacht kann ich nichts sehen. Während ich zum Nachbarhaus schleiche, kreist mein schlechtes Gewissen im Meer meiner Gedanken. Sie spüren meine Schwäche. Du hast dem Nachtbringer den Armreif gegeben, zischt es. Du bist seinen Manipulationen erlegen. Nun ist er der Vernichtung der Kundigen einen Schritt näher. Wenn er die restlichen Bruchstücke des Sterns findet, wird er die Dschinns freilassen. Und was dann, Laia?

Aber es könnte noch Jahre dauern, bis der Nachtbringer die nächste Scherbe des Sterns findet, beschwichtige ich mich. Und es könnte noch mehr als eine Scherbe übrig sein. Vielleicht sind es Dutzende.

Ein flackernder Lichtschein vor mir. Ich reiße mich von den Gedanken an den Nachtbringer los und bewege mich auf eine Hütte am nördlichen Rand des Dorfes zu. Die Tür steht halb offen. Eine Lampe brennt drinnen. Der Türspalt ist breit genug, dass ich hineinschlüpfen kann. Wenn hier jemand einen Hinterhalt plant, wird er mich nicht sehen.

Sobald ich drinnen bin, brauchen meine Augen einen Moment, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Ich unterdrücke einen Schrei. Mamie Rila sitzt gefesselt auf einem Stuhl, nur noch ein ausgemergelter Schatten ihrer selbst. Die dunkle Haut hängt schlaff an ihrem Körper, und man hat ihr das dichte lockige Haar abrasiert.

Fast gehe ich zu ihr. Aber ein alter Instinkt schreit tief in mir auf und hält mich davon ab.

Ein Stiefel stampft hinter mir. Erschrocken fahre ich herum, und eine Diele knarzt unter meinen Füßen. Ich erhasche einen Blick auf einen verräterischen Blitz aus flüssigem Silber – Maske! –, gerade als sich eine Hand über meinem Mund schließt und mir die Arme auf den Rücken gedreht werden.

III: ELIAS

Gleichgültig, wie oft ich mich aus der Zwischenstatt davonschleiche, es wird nicht leichter. Als ich mich der Baumgrenze im Westen nähere, lässt mich ein weißer Blitz ganz in der Nähe zusammenfahren. Ein Geist. Ich verbeiße mir einen Fluch und halte still. Wenn er mich hier, so weit entfernt von meinem eigentlichen Bestimmungsort, herumschleichen sehen sollte, wird bald der ganze verdammte Dämmerwald wissen, was ich vorhabe. Geister, das hat sich gezeigt, lieben Klatsch und Tratsch.

Die Verzögerung zerrt an meinen Nerven. Ich habe mich bereits verspätet – Laia erwartet mich seit über einer Stunde, und das hier ist kein Überfall, den sie ausfallen lassen wird, nur weil ich nicht da bin.

Fast am Ziel. Ich arbeite mich durch eine frische Lage Schnee bis an die Grenze der Zwischenstatt vor, die vor mir glitzert. Für einen Laien ist sie unsichtbar. Aber für mich und Shaeva ist die strahlende Mauer so sichtbar, als wäre sie aus Stein. Obwohl ich sie leicht überwinden kann, hält sie die Geister drinnen und neugierige Menschen draußen. Shaeva hat Monate damit zugebracht, mir nahezubringen, wie wichtig diese Mauer ist.

Sie wird böse auf mich sein. Es ist nicht das erste Mal, dass ich verschwinde, wenn ich eigentlich die Aufgaben eines Seelenfängers trainieren sollte. Obwohl sie ein Dschinn ist, verfügt Shaeva über wenig Geschick im Umgang mit schwänzenden Schülern. Ich hingegen habe vierzehn Jahre damit verbracht, Wege auszutüfteln, den Zenturionen von Schwarzkliff zu entwischen. Sich auf Schwarzkliff erwischen zu lassen, hatte die Züchtigung durch meine Mutter, die Kommandantin, zur Folge. Shaeva funkelt mich normalerweise nur finster an.

»Vielleicht sollte ich auch die Züchtigung einführen.« Shaevas Stimme schneidet durch die Luft wie ein Schim, und ich erschrecke fast zu Tode. »Würdest du dann erscheinen, wenn du sollst, Elias, anstatt dich um deine Pflichten zu drücken, nur damit du ein bisschen den Helden spielen kannst?«

»Shavea! Ich wollte nur … äh, dampfst du etwa?« Dunst steigt in Wolken von der Dschinnfrau auf.

»Jemand«, sie wirft mir einen wütenden Blick zu, »hat vergessen, die Wäsche aufzuhängen. Ich hatte keine Hemden mehr.«

Und da sie eine Dschinn ist, wird ihre unnatürlich hohe Körpertemperatur ihre gewaschene Kleidung trocknen … nach einer oder zwei Stunden unangenehmer Klammheit, da bin ich mir sicher. Kein Wunder, dass sie so aussieht, als würde sie mir am liebsten eine Ohrfeige verpassen.

Shaeva zieht mich am Arm, und ihre Dschinnwärme vertreibt die Kälte, die mir in die Knochen gekrochen ist. Augenblicke später sind wir schon meilenweit von der Grenze entfernt. Mir schwirrt der Kopf von der Magie, derer sie sich bedient, um uns so rasch durch den Wald zu bringen.

Beim Anblick des rot glühenden Dschinnhains ächze ich. Ich hasse diesen Ort. Die Dschinns mögen in den Bäumen eingeschlossen sein, doch sie besitzen innerhalb dieses begrenzten Raums immer noch Macht, und sie benutzen sie jedes Mal, wenn ich ihn betrete, um in meinen Kopf zu gelangen.

Shaeva verdreht die Augen, als hätte sie es mit einem besonders nervtötenden kleinen Bruder zu tun. Die Seelenfängerin wedelt mit der Hand, und als ich mich von ihr losmache, stelle ich fest, dass ich nur wenige Schritte weit komme. Sie hat irgendeinen Bannzauber aufgerufen. Ihr scheint am Ende doch der Geduldsfaden gerissen zu sein, da sie sich nun darauf verlegt, meine Bewegungsfreiheit einzuschränken.

Ich versuche, ruhig zu bleiben – und scheitere. »Das ist ein gemeiner Zaubertrick!«

»Den du leicht aufheben könntest, wenn du lange genug bleiben würdest, damit ich dir beibringen kann, wie.« Sie nickt zum Dschinnhain hinüber, wo sich die Geister zwischen den Bäumen winden. »Der Geist eines Kindes muss beschwichtigt werden, Elias. Geh. Zeig mir, was du in den letzten Wochen gelernt hast.«

»Ich sollte nicht hier sein.« Ich stemme mich ebenso gewaltsam wie wirkungslos gegen den Bannzauber. »Laia und Darin und Mamie brauchen mich.«

Shaeva lehnt sich gegen einen hohlen Baumstamm und blickt hinauf zu den Sternen und zum Himmel, die sie bruchstückhaft durch die nackten Äste hindurch sehen kann. »Eine Stunde bis Mitternacht. Der Überfall wird gerade laufen. Laia wird in Gefahr sein. Darin und Afya auch. Geh in den Hain und hilf diesem Geist weiterzuziehen. Wenn du’s tust, hebe ich den Bannzauber auf, und du kannst fort. Sonst müssen deine Freunde weiter warten.«

»Du bist schlechter gelaunt als sonst«, sage ich. »Hast du das Frühstück verpasst?«

»Hör auf, Zeit zu schinden.«

Ich murmle eine Verwünschung und wappne mich mental gegen die Dschinns, indem ich mir eine Mauer um meinen Geist vorstelle, die sie mit ihrem bösen Geflüster nicht überwinden können. Bei jedem Schritt Richtung Hain spüre ich, wie sie mich beobachten. Belauschen.

Einen Augenblick später hallt Gelächter in meinem Kopf wider. Es überlagert sich – Stimme über Stimme, Spott über Spott. Die Dschinns.

Du kannst den Geistern nicht helfen, dummer Sterblicher. Und du kannst Laia von Serra nicht helfen. Sie soll einen langsamen Tod voller Schmerzen sterben.

Die Boshaftigkeiten der Dschinns bohren sich durch meine sorgsam errichtete Abwehr. Die Kreaturen ergründen selbst meine dunkelsten Gedanken und führen mir Bilder einer toten, geschundenen Laia vor, bis ich nicht mehr sagen kann, wo der Dschinnhain endet und ihre verdrehten Visionen beginnen.

Ich schließe die Augen. Nicht real. Ich öffne sie, nur um Laia erschlagen am Fuße des nächsten Baums zu entdecken. Darin liegt neben ihr. Auf seiner anderen Seite Mamie Rila. Shan, mein Pflegebruder. Ich fühle mich an das Schlachtfeld des Todes aus der ersten Prüfung vor so langer Zeit erinnert – und doch ist das hier schlimmer, denn ich glaubte, Gewalt und Leiden hinter mir gelassen zu haben.

Ich rufe mir Shaevas Lektionen ins Gedächtnis. Im Hain haben die Dschinns die Macht, deinen Geist zu kontrollieren. Deine Schwächen auszunutzen. Ich versuche, die Dschinns abzuschütteln, aber sie lassen nicht locker, und ihr Gewisper dringt schlangengleich in mich ein. Neben mir erstarrt Shaeva.

Heil, Verräterin. Sie verfallen in eine förmliche Sprache, wenn sie zur Seelenfängerin sprechen. Euer Untergang ist nah. Die Luft stinkt danach.

Shaeva beißt die Zähne zusammen, und sofort wünsche ich mir eine Waffe herbei, um sie alle zum Schweigen zu bringen. Sie hat schon genug im Kopf, auch ohne ihre Schmähungen.

Doch die Seelenfängerin hebt nur die Hand gegen den Dschinnbaum, der am nächsten steht. Ich kann nicht sehen, ob sie den Zauber der Zwischenstatt anwendet, doch es muss es so sein, denn die Dschinns verstummen.

»Du musst dich mehr anstrengen.« Sie wendet sich mir zu. »Die Dschinns wollen, dass du dich mit belanglosen Dingen aufhältst.«

»Das Schicksal von Laia und Darin und Mamie ist nicht belanglos.«

»Ihr Leben ist nichts gegen das nutzlose Verstreichen von Zeit«, erwidert Shaeva. »Ich werde nicht bis in alle Ewigkeit hier sein, Elias. Du musst lernen, die Geister schneller weiterzuleiten. Es sind zu viele.« Angesichts meiner störrischen Miene seufzt sie. »Sag mir – was tust du, wenn ein Geist sich weigert, die Zwischenstatt zu verlassen, bis alle, die er liebt, auch sterben?«

»Äh … na ja …«

Shaeva stöhnt, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht erinnert mich an den von Helena, immer dann, wenn ich nicht pünktlich zum Unterricht erschienen bin.

»Was ist, wenn Hunderte Geister gleichzeitig schreien, damit du sie hörst?«, fragt Shaeva. »Was machst du mit einem Geist, der schreckliche Dinge getan hat, als er noch lebte, aber keine Reue empfindet? Weißt du, warum es so wenige Geister von Stammesleuten gibt? Weißt du, was passiert, wenn du die Geister nicht rasch genug weiterleiten kannst?«

»Da du davon sprichst«, falle ich ein, denn meine Neugier ist geweckt, »was passiert, wenn …«

»Wenn du die Geister nicht weiterleiten kannst, bedeutet das dein Scheitern als Seelenfänger und das Ende der menschlichen Welt, wie du sie kennst. Du solltest bei allen Himmeln hoffen, dass du diesen Tag niemals erleben wirst.«

Sie lässt sich schwerfällig nieder und vergräbt das Gesicht in den Händen, und nach einem Augenblick setze ich mich neben sie. Angesichts ihrer Betrübtheit spüre ich ein unbehagliches Flattern in der Brust. Dies ist nicht wie damals, wenn die Zenturionen zornig auf mich waren. Ich scherte mich nicht darum, was sie von mir dachten. Aber ich will mich um Shaevas willen gut schlagen. Wir haben Monate zusammen verbracht, sie und ich – zumeist damit, den Pflichten des Seelenfängers nachzukommen, aber auch mit Diskussionen über die Militärgeschichte der Martialen, gutmütigen Zänkereien über Hausarbeiten und den Austausch von Erfahrungen zu Jagd und Kampf. Ich betrachte sie als eine klügere, viel ältere Schwester. Ich will sie nicht enttäuschen.

»Lass die Menschenwelt los, Elias. Solange du das nicht tust, hast du keine Macht über die Magie der Zwischenstatt.«

»Ich windwandle doch die ganze Zeit.« Shaeva hat mir beigebracht, wie man binnen eines Wimpernschlags durch den Wald eilt, auch wenn sie immer noch schneller ist als ich.

»Windwandeln ist ein Körperzauber und leicht zu beherrschen.« Shaeva seufzt. »Als du deinen Schwur geleistet hast, ist dir der Zauber der Zwischenstatt in Fleisch und Blut übergegangen. Mauth ist dir in Fleisch und Blut übergegangen.«

Mauth. Ich unterdrücke einen Schauer. Dieses Wort kommt mir noch immer schwer über die Lippen. Ich wusste nicht einmal, dass die Magie einen Namen hatte, als sie zum ersten Mal durch Shaeva zu mir sprach, vor Monaten, und von mir verlangte, den Schwur des Seelenfängers zu leisten.

»Mauth ist die Quelle jeglicher Zaubermacht auf der Welt, Elias. Der Zaubermacht der Dschinns, der Ifrits, der Ghuls. Sogar der Heilung, die deine Freundin Helena beherrscht. Er ist die Quelle deiner Macht als Seelenfänger.«

Er. Als wäre der Zauber ein Lebewesen.

»Er wird dir helfen, die Geister weiterzuleiten, wenn du ihn lässt. Mauths wahre Macht sitzt hier«, die Seelenfängerin tippt mir erst sanft aufs Herz, dann auf die Schläfe, »und hier. Aber solange du keine innigen Seelenbande zu dieser Magie knüpfst, kannst du kein wahrer Seelenfänger werden.«

»Das sagst du so leicht. Du bist eine Dschinn. Die Magie ist ein Teil von dir. Für mich ist das nicht so einfach. Im Gegenteil, sie reißt an mir, wenn ich mich zu weit von den Bäumen entferne, als wäre ich ein eigensinniger Jagdhund. Und wenn ich Laia berühre, zur Hölle …« Der Schmerz ist entsetzlich genug, dass mir der bloße Gedanke daran eine Grimasse entlockt.

Siehst du, Verräterin, wie dumm es war, diesem bisschen sterblichen Fleisch die Seelen der Toten anzuvertrauen?

Nach dieser Einmischung seitens ihrer Dschinnsippe schleudert Shaeva eine magische Schockwelle gegen ihren Hain, die so mächtig ist, dass sogar ich es spüre.

»Hunderte Geister warten darauf, weiterziehen zu können, und jeden Tag werden es mehr.« Eine Schweißperle rollt Shaevas Schläfe hinab, als würde sie eine Schlacht schlagen, die ich nicht sehen kann. »Ich bin sehr beunruhigt.« Sie spricht leise und blickt zwischen die Bäume hinter sich. »Ich fürchte, dass der Nachtbringer gegen uns arbeitet – im Verborgenen und mit bösen Absichten. Aber ich kann seine Pläne nicht ergründen, und das bereitet mir Sorge.«

»Natürlich arbeitet er gegen uns. Er will die gebannten Dschinn befreien.«

»Nein. Ich spüre eine dunkle Absicht«, entgegnet Shaeva. »Wenn mir etwas zustoßen sollte, bevor deine Ausbildung beendet ist …« Sie holt tief Luft und sammelt sich wieder.

»Ich kann das hier, Shaeva«, sage ich zu ihr. »Ich schwöre es dir. Aber ich habe Laia versprochen, dass ich ihr heute Nacht beistehe. Mamie könnte jetzt tot sein. Laia könnte jetzt tot sein. Ich weiß es nicht, weil ich nicht dort bin.«

Himmel, wie soll ich es ihr erklären? Sie hält sich schon so lange fern von den Menschen, dass sie es womöglich nicht versteht. Begreift sie, was Liebe ist? An den Tagen, an denen sie mich damit aufzieht, dass ich im Schlaf spreche, oder an denen sie seltsame, lustige Geschichten erzählt, weil sie weiß, dass ich mich nach Laia sehne, wirkt es so. Aber jetzt …

»Mamie Rila hat ihr Leben für meines geopfert, und wie durch ein Wunder ist sie immer noch am Leben«, erkläre ich. »Lass es nicht so weit kommen, dass ich sie hier begrüßen muss. Lass mich nicht Laia hier begrüßen müssen.«

»Sie beide zu lieben, wird dir nur wehtun«, widerspricht Shaeva. »Am Ende werden sie dahinschwinden. Du wirst weiterexistieren. Jedes Mal wenn du dich von einem Teil deines alten Lebens verabschiedest, wird ein Stück von dir sterben.«

»Du glaubst, dass ich das nicht weiß?« Jeder gestohlene Augenblick mit Laia ist ein Beweis für diese Tatsache, der mich zornig macht. Die paar Küsse, die wir ausgetauscht haben und die Mauths bedrückende Missbilligung abgekürzt hat. Die Kluft, die sich zwischen uns auftat, als uns dämmerte, was mein Schwur bedeutet. Jedes Mal wenn ich sie sehe, kommt sie mir weiter weg vor, so als würde ich durch ein Fernglas blicken.

»Dummer Junge.« Shaevas Stimme ist leise vor Mitgefühl. Der Blick ihrer schwarzen Augen wird unscharf, und ich fühle, wie der Bannzauber von mir abfällt. »Ich werde den Geist des Kindes aufsuchen und ihn weiterleiten. Geh. Und spiele nicht leichtsinnig mit deinem Leben. Erwachsene Dschinn sind fast nicht zu töten, außer von anderen Dschinn. Wenn du dich mit Mauth verbindest, wirst auch du unangreifbar werden, und die Zeit wird keinen Einfluss mehr auf dich haben. Bis dahin bleib wachsam. Wenn du noch einmal stirbst, kann ich dich nicht zurückbringen. Und«, sie stampft verlegen auf dem Boden auf, »ich habe mich doch schon an dich gewöhnt.«

»Ich werde nicht sterben.« Ich berühre ihre Schulter. »Und ich verspreche, den ganzen nächsten Monat das Geschirr zu spülen.«

Sie schnaubt ungläubig, aber da bin ich schon auf und davon, windwandle so schnell durch die Bäume, dass ich spüre, wie die Äste mir ins Gesicht schlagen. Eine halbe Stunde später schieße ich an Shaevas und meiner Hütte vorüber, über die Grenzen der Zwischenstatt hinaus und ins Imperium hinein. Sobald ich die Bäume hinter mir lasse, packt mich ein Sturmwind, und das Windwandeln wird langsamer, weil der Zauber abklingt, je weiter ich den Wald hinter mir lasse.

Ich spüre ein Zerren in meinem Innersten, das mich zurückreißt. Mauth verlangt meine Rückkehr. Das Zerren ist fast schmerzhaft, aber ich beiße die Zähne zusammen und bewege mich weiter. Schmerz ist eine Entscheidung. Unterwirf dich ihm und scheitere. Oder bezwinge ihn und triumphiere. Die Ausbildung bei Keris Veturia habe die ich bis in Mark und Bein verinnerlicht.

Als ich außerhalb des Dorfs ankomme, dort, wo ich mit Laia verabredet war, ist Mitternacht lange vorbei, und Mondschein bahnt sich widerstandslos seinen Weg durch die Schneewolken. Bitte mach, dass der Überfall reibungslos abgelaufen ist. Bitte mach, dass es Mamie gut geht.

Doch sobald ich das Dorf betrete, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Das Fuhrwerk ist leer, die Wagentüren kreischen im Sturm. Eine dünne Schneeschicht liegt bereits auf den Leichen der Soldaten, die das Fuhrwerk bewacht haben. Unter ihnen finde ich keine Maske. Keine Verluste unter den Stammesleuten. Das Dorf schweigt, während es in Aufruhr sein sollte.

Falle.

Ich weiß es sofort, mit derselben Gewissheit, mit der ich das Gesicht meiner eigenen Mutter kenne. Ist dies Keris’ Werk? Hat sie von Laias Überfällen erfahren?

Ich setze die Kapuze auf, hülle mich in einen Schal und gehe in die Hocke, um die Spuren im Schnee zu studieren. Sie sind undeutlich – verwischt. Aber ich entdecke einen vertrauten Fußabdruck: den von Laia.

Diese Spur wurde nicht aus Achtlosigkeit übersehen. Ich sollte herausfinden, dass Laia ins Dorf gegangen ist. Und dass sie nicht wieder herausgekommen ist. Was bedeutet, dass die Falle nicht ihr gestellt wurde.

Sondern mir.