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Theodor Fontane

Der Stechlin

Theodor Fontane

Der Stechlin

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
2. Auflage, ISBN 978-3-954188-15-4

null-papier.de/392

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Inhaltsverzeichnis

Vor­wort des Ver­le­gers

Schloß Stech­lin

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Klos­ter Wutz

Sie­ben­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

Nach dem »Eier­häus­chen«

Elf­tes Ka­pi­tel

Zwölf­tes Ka­pi­tel

Drei­zehn­tes Ka­pi­tel

Vier­zehn­tes Ka­pi­tel

Fünf­zehn­tes Ka­pi­tel

Wahl in Rheins­berg-Wutz

Sech­zehn­tes Ka­pi­tel

Sieb­zehn­tes Ka­pi­tel

Acht­zehn­tes Ka­pi­tel

Neun­zehn­tes Ka­pi­tel

Zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

In Mis­si­on nach Eng­land

Ein­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Zwei­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Drei­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Vier­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Ver­lo­bung – Weih­nachts­rei­se nach Stech­lin

Fün­f­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Sechs­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Acht­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Neun­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Ein­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Hoch­zeit

Zwei­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Drei­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Vierund­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Fün­fund­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Son­nen­un­ter­gang

Sechs­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Achtund­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Neun­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Ver­wei­le doch. Tod. Be­gräb­nis. Neue Tage

Vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Ein­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Zwei­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Drei­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Vierund­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Fün­fund­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Sechs­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

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Vorwort des Verlegers

Zu Zei­ten des Au­tors wa­ren klei­ne, fran­zö­si­sche An­mer­kun­gen und Er­gän­zun­gen wie »coûte que coûte« oder »pour com­b­ler le bon­heur« noch weit ver­brei­tet. Heu­te gel­ten sie (laut Du­den) als ver­al­tet. Ich habe mir er­laubt, die Über­set­zun­gen der­sel­ben in Fuß­no­ten ein­zu­fü­gen. Eben­so ver­fah­ren bin ich bei den la­tei­ni­schen Pas­sa­gen.

Jür­gen Schul­ze, 11. Ok­to­ber 2016

Schloß Stechlin

Erstes Kapitel

Im Nor­den der Graf­schaft Rup­pin, hart an der meck­len­bur­gi­schen Gren­ze, zieht sich von dem Städt­chen Gran­see bis nach Rheins­berg hin (und noch dar­über hin­aus) eine meh­re­re Mei­len lan­ge Seen­ket­te durch eine men­schen­ar­me, nur hie und da mit ein paar Dör­fern, sonst aber aus­schließ­lich mit Förs­te­rei­en, Glas- und Teer­öfen be­setz­te Wal­dung. Ei­ner der Seen, die die­se Seen­ket­te bil­den, heißt »der Stech­lin«. Zwi­schen fla­chen, nur an ei­ner ein­zi­gen Stel­le steil und kaiar­tig an­stei­gen­den Ufern liegt er da, rund­um von al­ten Bu­chen ein­ge­faßt, de­ren Zwei­ge, von ih­rer eig­nen Schwe­re nach un­ten ge­zo­gen, den See mit ih­rer Spit­ze be­rüh­ren. Hie und da wächst ein we­ni­ges von Schilf und Bin­sen auf, aber kein Kahn zieht sei­ne Fur­chen, kein Vo­gel singt, und nur sel­ten, daß ein Ha­bicht drü­ber hin­fliegt und sei­nen Schat­ten auf die Spie­gel­flä­che wirft. Al­les still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben­die­ser Stel­le le­ben­dig. Das ist, wenn es weit drau­ßen in der Welt, sei’s auf Is­land, sei’s auf Java zu rol­len und zu grol­len be­ginnt oder gar der Aschen­re­gen der ha­wai­ischen Vul­ka­ne bis weit auf die Süd­see hin­aus­ge­trie­ben wird. Dann regt sich’s auch hier, und ein Was­ser­strahl springt auf und sinkt wie­der in die Tie­fe. Das wis­sen alle, die den Stech­lin um­woh­nen, und wenn sie da­von spre­chen, so set­zen sie wohl auch hin­zu: »Das mit dem Was­ser­strahl, das ist nur das Klei­ne, das bei­nah All­täg­li­che; wenn’s aber drau­ßen was Gro­ßes gibt, wie vor hun­dert Jah­ren in Lissa­bon, dann bro­del­t’s hier nicht bloß und spru­delt und stru­delt, dann steigt statt des Was­ser­strahls ein ro­ter Hahn auf und kräht laut in die Lan­de hin­ein.«

Das ist der Stech­lin, der See Stech­lin.

*

Aber nicht nur der See führt die­sen Na­men, auch der Wald, der ihn um­schließt. Und Stech­lin heißt eben­so das lang­ge­streck­te Dorf, das sich, den Win­dun­gen des Sees fol­gend, um sei­ne Süd­spit­ze her­um­zieht. Etwa hun­dert Häu­ser und Hüt­ten bil­den hier eine lan­ge, schma­le Gas­se, die sich nur da, wo eine von Klos­ter Wutz her her­an­füh­ren­de Kas­ta­ni­en­al­lee die Gas­se durch­schnei­det, platz­ar­tig er­wei­tert. An eben­die­ser Stel­le fin­det sich denn auch die gan­ze Herr­lich­keit von Dorf Stech­lin zu­sam­men; das Pfarr­haus, die Schu­le, das Schul­zen­amt, der Krug, die­ser letz­te­re zu­gleich ein Eck- und Kram­la­den mit ei­nem klei­nen Moh­ren und ei­ner Gir­lan­de von Schwe­fel­fä­den in sei­nem Schau­fens­ter. Die­ser Ecke schräg ge­gen­über, un­mit­tel­bar hin­ter dem Pfarr­hau­se, steigt der Kirch­hof lehnan, auf ihm, so ziem­lich in sei­ner Mit­te, die früh­mit­tel­al­ter­li­che Feld­stein­kir­che mit ei­nem aus dem vo­ri­gen Jahr­hun­dert stam­men­den Dach­rei­ter und ei­nem zur Sei­te des al­ten Rund­bo­gen­por­tals an­ge­brach­ten Holzarm, dran eine Glo­cke hängt. Ne­ben die­sem Kirch­hof samt Kir­che setzt sich dann die von Klos­ter Wutz her her­an­füh­ren­de Kas­ta­ni­en­al­lee noch eine klei­ne Stre­cke wei­ter fort, bis sie vor ei­ner über einen sump­fi­gen Gra­ben sich hin­zie­hen­den und von zwei rie­si­gen Find­lings­blö­cken flan­kier­ten Boh­len­brücke halt­macht. Die­se Brücke ist sehr pri­mi­tiv. Jen­seits der­sel­ben aber steigt das Her­ren­haus auf, ein gelb­ge­tünch­ter Bau mit ho­hem Dach und zwei Blitz­ab­lei­tern.

Auch die­ses Her­ren­haus heißt Stech­lin, Schloß Stech­lin.

*

Et­li­che hun­dert Jah­re zu­rück stand hier ein wirk­li­ches Schloß, ein Back­stein­bau mit di­cken Rundtür­men, aus wel­cher Zeit her auch noch der Gra­ben stammt, der die von ihm durch­schnit­te­ne, sich in den See hin­ein er­stre­cken­de Land­zun­ge zu ei­ner klei­nen In­sel mach­te. Das ging so bis in die Tage der Re­for­ma­ti­on. Wäh­rend der Schwe­den­zeit aber wur­de das alte Schloß nie­der­ge­legt, und man schi­en es sei­nem gänz­li­chen Ver­fall über­las­sen, auch nichts an sei­ne Stel­le set­zen zu wol­len, bis kurz nach dem Re­gie­rungs­an­tritt Fried­rich Wil­helms I. die gan­ze Trüm­mer­mas­se bei­sei­te ge­schafft und ein Neu­bau be­liebt wur­de. Die­ser Neu­bau war das Haus, das jetzt noch stand. Es hat­te den­sel­ben nüch­ter­nen Cha­rak­ter wie fast al­les, was un­ter dem Sol­da­ten­kö­nig ent­stand, und war nichts wei­ter als ein ein­fa­ches Corps de lo­gis, des­sen zwei vor­sprin­gen­de, bis dicht an den Gra­ben rei­chen­de Sei­ten­flü­gel ein Huf­ei­sen und in­ner­halb des­sel­ben einen kah­len Vor­hof bil­de­ten, auf dem, als ein­zi­ges Schmuck­stück, eine große blan­ke Glas­ku­gel sich prä­sen­tier­te. Sonst sah man nichts als eine vor dem Hau­se sich hin­zie­hen­de Ram­pe, von de­ren dem Hofe zu­ge­kehr­ten Vor­der­wand der Kalk schon wie­der ab­fiel. Gleich­zei­tig war aber doch ein Be­stre­ben un­ver­kenn­bar, ge­ra­de die­se Ram­pe zu was Be­son­de­rem zu ma­chen, und zwar mit Hil­fe meh­re­rer Kü­bel mit exo­ti­schen Blatt­pflan­zen, dar­un­ter zwei Aloes, von de­nen die eine noch gut im Stan­de, die and­re da­ge­gen krank war. Aber ge­ra­de die­se kran­ke war der Lieb­ling des Schloß­herrn, weil sie je­den Som­mer in ei­ner ihr frei­lich nicht zu­kom­men­den Blü­te stand. Und das hing so zu­sam­men. Aus dem, sump­fi­gen Schloß­gra­ben hat­te der Wind vor lan­ger Zeit ein frem­des Sa­men­korn in den Kü­bel der kran­ken Aloe ge­weht, und all­jähr­lich schos­sen in­fol­ge da­von aus der Mit­te der schon an­ge­gelb­ten Alo­eblät­ter die weiß und ro­ten Dol­den des Was­ser­liesch oder des Bu­to­mus um­bel­la­tus auf. Je­der Frem­de, der kam, wenn er nicht zu­fäl­lig ein Ken­ner war, nahm die­se Dol­den für rich­ti­ge Alo­eblü­ten, und der Schloß­herr hü­te­te sich wohl, die­sen Glau­ben, der eine Quel­le der Er­hei­te­rung für ihn war, zu zer­stö­ren.

Und wie denn al­les hier her­um den Na­men Stech­lin führ­te, so na­tür­lich auch der Schloß­herr selbst. Auch er war ein Stech­lin.

Dubs­lav von Stech­lin, Ma­jor a. D. und schon ein gut Stück über Sech­zig hin­aus, war der Ty­pus ei­nes Mär­ki­schen von Adel, aber von der mil­de­ren Ob­ser­vanz, ei­nes je­ner er­quick­li­chen Ori­gi­na­le, bei de­nen sich selbst die Schwä­chen in Vor­zü­ge ver­wan­deln. Er hat­te noch ganz das ei­gen­tüm­lich sym­pa­thisch be­rüh­ren­de Selbst­ge­fühl all de­rer, die »schon vor den Ho­hen­zol­lern da wa­ren«, aber er heg­te die­ses Selbst­ge­fühl nur ganz im stil­len, und wenn es den­noch zum Aus­druck kam, so klei­de­te sich’s in Hu­mor, auch wohl in Selbstiro­nie, weil er sei­nem gan­zen We­sen nach über­haupt hin­ter al­les ein Fra­ge­zei­chen mach­te. Sein schöns­ter Zug war eine tie­fe, so recht aus dem Her­zen kom­men­de Hu­ma­ni­tät, und Dün­kel und Über­heb­lich­keit (wäh­rend er sonst eine Nei­gung hat­te, fünf ge­ra­de sein zu las­sen) wa­ren so ziem­lich die ein­zi­gen Din­ge, die ihn em­pör­ten. Er hör­te gern eine freie Mei­nung, je dras­ti­scher und ex­tre­mer, de­sto bes­ser. Daß sich die­se Mei­nung mit der sei­ni­gen deck­te, lag ihm fern zu wün­schen. Bei­nah das Ge­gen­teil. Pa­ra­do­xen wa­ren sei­ne Pas­si­on. »Ich bin nicht klug ge­nug, sel­ber wel­che zu ma­chen, aber ich freue mich, wenn’s and­re tun; es ist doch im­mer was drin. Unan­fecht­ba­re Wahr­hei­ten gibt es über­haupt nicht, und wenn es wel­che gibt, so sind sie lang­wei­lig.« Er ließ sich gern was vor­plau­dern und plau­der­te sel­ber gern.

Des al­ten Schloß­herrn Le­bens­gang war mär­kisch-her­kömm­lich ge­we­sen. Von jung an lie­ber im Sat­tel als bei den Bü­chern, war er erst nach zwei­ma­li­ger Schei­te­rung sieg­reich durch das Fähn­richsex­amen ge­steu­ert und gleich da­nach bei den Bran­den­bur­gi­schen Küras­sie­ren ein­ge­tre­ten, bei de­nen selbst­ver­ständ­lich auch schon sein Va­ter ge­stan­den hat­te. Die­ser sein Ein­tritt ins Re­gi­ment fiel so ziem­lich mit dem Re­gie­rungs­an­tritt Fried­rich Wil­helms IV. zu­sam­men, und wenn er des­sen er­wähn­te, so hob er, sich selbst per­si­flie­rend, ger­ne her­vor, »daß al­les Gro­ße sei­ne Begleiter­schei­nun­gen habe«. Sei­ne Jah­re bei den Küras­sie­ren wa­ren im we­sent­li­chen Frie­dens­jah­re ge­we­sen; nur anno vierund­sech­zig war er mit in Schles­wig, aber auch hier, ohne »zur Ak­ti­on« zu kom­men. »Es kommt für einen Mär­ki­schen nur dar­auf an, über­haupt mit da­bei ge­we­sen zu sein; das and­re steht in Got­tes Hand.« Und er schmun­zel­te, wenn er der­glei­chen sag­te, sei­ne Hö­rer je­des­mal in Zwei­fel dar­über las­send, ob er’s ernst­haft oder scherz­haft ge­meint habe. We­nig mehr als ein Jahr vor Aus­bruch des vierund­sech­zi­ger Kriegs war ihm ein Sohn ge­bo­ren wor­den, und kaum wie­der in sei­ne Gar­ni­son Bran­den­burg ein­ge­rückt, nahm er den Ab­schied, um sich auf sein seit dem Tode des Va­ters halb ver­öde­tes Schloß Stech­lin zu­rück­zu­zie­hen. Hier war­te­ten sei­ner glück­li­che Tage, sei­ne glück­lichs­ten, aber sie wa­ren von kur­z­er Dau­er – schon das Jahr dar­auf starb ihm die Frau. Sich eine neue zu neh­men, wi­der­stand ihm, halb aus Ord­nungs­sinn und halb aus äs­the­ti­scher Rück­sicht. »Wir glau­ben doch alle mehr oder we­ni­ger an eine Au­fer­ste­hung« (das heißt, er per­sön­lich glaub­te ei­gent­lich nicht dar­an), »und wenn ich dann oben an­kom­me mit ei­ner rechts und ei­ner links, so ist das doch im­mer eine ge­nier­li­che Sa­che.« Die­se Wor­te – wie denn der El­tern Tun nur all­zu häu­fig der Miß­bil­li­gung der Kin­der be­geg­net – rich­te­ten sich in Wirk­lich­keit ge­gen sei­nen drei­mal ver­hei­ra­tet ge­we­se­nen Va­ter, an dem er über­haupt al­ler­lei Gro­ßes und Klei­nes aus­zu­set­zen hat­te, so bei­spiels­wei­se auch, daß man ihm, dem Soh­ne, den pom­mer­schen Na­men »Dubs­lav« bei­ge­legt hat­te. »Ge­wiß, mei­ne Mut­ter war eine Pom­mer­sche, noch dazu von der In­sel Use­dom, und ihr Bru­der, nun ja, der hieß Dubs­lav. Und so war denn ge­gen den Na­men schon um des On­kels wil­len nicht viel ein­zu­wen­den, und um so we­ni­ger, als er ein Erbon­kel war. (Daß er mich schließ­lich schänd­lich im Stich ge­las­sen, ist eine Sa­che für sich.) Aber trotz­dem bleib’ ich da­bei, sol­che Na­mens­man­sche­rei ver­wirrt bloß. Was ein Mär­ki­scher ist, der muß Joa­chim hei­ßen oder Wol­de­mar. Bleib im Lan­de und tau­fe dich red­lich. Wer aus Frie­sack is, darf nicht Raoul hei­ßen.«

Dubs­lav von Stech­lin blieb also Wit­wer. Das ging nun schon an die drei­ßig Jah­re. An­fangs war’s ihm schwer ge­wor­den, aber jetzt lag al­les hin­ter ihm, und er leb­te »com­me phi­lo­so­phe« nach dem Wort und Vor­bild des großen Kö­nigs, zu dem er je­der­zeit be­wun­dernd auf­blick­te. Das war sein Mann, mehr als ir­gend­wer, der sich seit­dem einen Na­men ge­macht hat­te. Das zeig­te sich je­des­mal, wenn ihm ge­sagt wur­de, daß er einen Bis­mar­ck­kopf habe. »Nun ja, ja, den hab’ ich; ich soll ihm so­gar ähn­lich se­hen. Aber die Leu­te sa­gen es im­mer so, als ob ich mich da­für be­dan­ken müß­te. Wenn ich nur wüß­te, bei wem; viel­leicht beim lie­ben Gott, oder am Ende gar bei Bis­marck selbst. Die Stech­li­ne sind aber auch nicht von schlech­ten El­tern. Au­ßer­dem, ich für mei­ne Per­son, ich habe bei den sechs­ten Küras­sie­ren ge­stan­den, und Bis­marck bloß bei den sie­ben­ten, und die klei­ne­re Zahl ist in Preu­ßen be­kannt­lich im­mer die grö­ße­re; – ich bin ihm also einen über. Und Fried­richs­ruh, wo al­les jetzt hin­pil­gert, soll auch bloß ’ne Kate sein. Da­rin sind wir uns also gleich. Und sol­chen See, wie den ›Stech­lin‹, nu, den hat er schon ganz ge­wiß nicht. So was kommt über­haupt bloß sel­ten vor.«

Ja, auf sei­nen See war Dubs­lav stolz, aber de­sto­we­ni­ger stolz war er auf sein Schloß, wes­halb es ihn auch ver­droß, wenn es über­haupt so ge­nannt wur­de. Von den ar­men Leu­ten ließ er sich’s ge­fal­len: »Für die ist es ein ›Schloß‹, aber sonst ist es ein al­ter Kas­ten und wei­ter nichts.« Und so sprach er denn lie­ber von sei­nem »Haus«, und wenn er einen Brief schrieb, so stand dar­über »Haus Stech­lin«. Er war sich auch be­wußt, daß es kein Schloß­le­ben war, das er führ­te. Vor­dem, als der alte Back­stein­bau noch stand, mit sei­nen di­cken Tür­men und sei­nem Lug­ins­land, von dem aus man, über die Kro­nen der Bäu­me weg, weit ins Land hin­aus­sah, ja, da­mals war hier ein Schloß­le­ben ge­we­sen, und die der­zei­ti­gen al­ten Stech­li­ne hat­ten teil­ge­nom­men an al­len Fest­lich­kei­ten, wie sie die Rup­pi­ner Gra­fen und die meck­len­bur­gi­schen Her­zö­ge ga­ben, und wa­ren mit den Boit­zen­bur­gern und den Bas­se­wit­zens ver­schwä­gert ge­we­sen. Aber heu­te wa­ren die Stech­li­ne Leu­te von schwa­chen Mit­teln, die sich nur eben noch hiel­ten und be­stän­dig be­müht wa­ren, durch eine »gute Par­tie« sich wie­der leid­lich in die Höhe zu brin­gen. Auch Dubs­lavs Va­ter war auf die Wei­se zu sei­nen drei Frau­en ge­kom­men, un­ter de­nen frei­lich nur die ers­te das in sie ge­setz­te Ver­trau­en ge­recht­fer­tigt hat­te. Für den jet­zi­gen Schloß­herrn, der von der zwei­ten Frau stamm­te, hat­te sich dar­aus lei­der kein un­mit­tel­ba­rer Vor­teil er­ge­ben, und Dubs­lav von Stech­lin wäre klei­ner und großer Sor­gen und Ver­le­gen­hei­ten nie los und le­dig ge­wor­den, wenn er nicht in dem be­nach­bar­ten Gran­see sei­nen al­ten Freund Ba­ruch Hirsch­feld ge­habt hät­te. Die­ser Alte, der den großen Tuch­la­den am Markt und au­ßer­dem die Mo­de­sa­chen und Da­men­hü­te hat­te, hin­sicht­lich de­ren es im­mer hieß, »Ger­son schi­cke ihm al­les zu­erst« – die­ser alte Ba­ruch, ohne das »Ge­schäft­li­che« dar­über zu ver­ges­sen, hing in der Tat mit ei­ner Art Zärt­lich­keit an dem Stech­li­ner Schloß­herrn, was, wenn es sich mal wie­der um eine neue Schuld­ver­schrei­bung han­del­te, re­gel­mä­ßig zu hei­keln Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Hirsch­feld Va­ter und Hirsch­feld Sohn führ­te.

»Gott, Isi­dor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist das Neue? Das Neue ver­sam­melt sich im­mer auf un­serm Markt, und mal stürmt es uns den La­den und nimmt uns die Hüte, Stück für Stück, und die Rei­her­fe­dern und die Strau­ßen­fe­dern. Ich bin fürs Alte und für den gu­ten al­ten Herrn von Stech­lin. Is doch der Va­ter von sei­nem Groß­va­ter ge­fal­len in der großen Schlacht bei Prag und hat ge­zahlt mit sei­nem Le­ben.«

»Ja, der hat ge­zahlt; we­nigs­tens hat er ge­zahlt mit sei­nem Le­ben. Aber der von heu­te…«

»Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und wenn er nicht hat, und ich sage: ›Herr von Stech­lin, ich wer­de schrei­ben sie­ben­ein­halb‹, dann feilscht er nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt, nu, da ha­ben wir das Ob­jekt: Mit­tel­bo­den und Wald und Jagd und viel Fisch­fang. Ich seh’ es im­mer so ganz klein in der Per­spek­ti­v’, und ich seh’ auch schon den Kirch­turm.«

»Aber, Va­ter­le­ben, was sol­len wir mit ’m Kirch­turm?«

In die­ser Rich­tung gin­gen öf­ters die Ge­sprä­che zwi­schen Va­ter und Sohn, und was der Alte vor­läu­fig noch in der »Per­spek­ti­ve« sah, das wäre viel­leicht schon Wirk­lich­keit ge­wor­den, wenn nicht des al­ten Dubs­lav um zehn Jah­re äl­te­re Schwes­ter mit ih­rem von der Mut­ter her er­erb­ten Ver­mö­gen ge­we­sen wäre: Schwes­ter Adel­heid, Do­mi­na zu Klos­ter Wutz. Die half und sag­te gut, wenn es schlecht stand oder gar zum Äu­ßers­ten zu kom­men schi­en. Aber sie half nicht aus Lie­be zu dem Bru­der – ge­gen den sie, ganz im Ge­gen­teil, viel ein­zu­wen­den hat­te -, son­dern le­dig­lich aus ei­nem all­ge­mei­nen Stech­lin­schen Fa­mi­li­en­ge­fühl. Preu­ßen war was und die Mark Bran­den­burg auch; aber das Wich­tigs­te wa­ren doch die Stech­lins, und der Ge­dan­ke, das alte Schloß in an­dern Be­sitz und nun gar in einen sol­chen über­ge­hen zu se­hen, war ihr un­er­träg­lich. Und über all dies hin­aus war ja noch ihr Pa­ten­kind da, ihr Nef­fe Wol­de­mar, für den sie all die Lie­be heg­te, die sie dem Bru­der ver­sag­te.

Ja, die Do­mi­na half, aber sol­cher Hil­fen un­er­ach­tet wuchs das Ge­fühl der Ent­frem­dung zwi­schen den Ge­schwis­tern, und so kam es denn, daß der alte Dubs­lav, der die Schwes­ter in Klos­ter Wutz we­der gern be­such­te noch auch ih­ren Be­such gern emp­fing, nichts von Um­gang be­saß als sei­nen Pas­tor Lo­ren­zen (den frü­he­ren Er­zie­her Wol­de­mars) und sei­nen Küs­ter und Dorf­schul­leh­rer Krip­pen­sta­pel, zu de­nen sich al­len­falls noch Ober­förs­ter Katz­ler ge­sell­te, Katz­ler, der Feld­jä­ger ge­we­sen war und ein gut Stück Welt ge­se­hen hat­te. Doch auch die­se drei ka­men nur, wenn sie ge­ru­fen wur­den, und so war ei­gent­lich nur ei­ner da, der in je­dem Au­gen­bli­cke Red’ und Ant­wort stand. Das war En­gel­ke, sein al­ter Die­ner, der seit bei­na­he fünf­zig Jah­ren al­les mit sei­nem Herrn durch­lebt hat­te, sei­ne glück­li­chen Leut­nants­ta­ge, sei­ne kur­ze Ehe und sei­ne lan­ge Ein­sam­keit. En­gel­ke, noch um ein Jahr äl­ter als sein Herr, war des­sen Ver­trau­ter ge­wor­den, aber ohne Ver­trau­lich­keit. Dubs­lav ver­stand es, die Schei­de­wand zu zie­hen. Üb­ri­gens wär’ es auch ohne die­se Kunst ge­gan­gen. Denn En­gel­ke war ei­ner von den gu­ten Men­schen, die nicht aus Be­rech­nung oder Klug­heit, son­dern von Na­tur hin­ge­bend und de­mü­tig sind und in ei­nem treu­en Die­nen ihr Ge­nü­ge fin­den. All­tags war er, so Win­ter wie Som­mer, in ein Lein­wand­ha­bit ge­klei­det, und nur wenn es zu Tisch ging, trug er eine rich­ti­ge Li­vree von sand­far­be­nem Tuch mit großen Knöp­fen dran. Es wa­ren Knöp­fe, die noch die Zei­ten des Rheins­ber­ger Prin­zen Hein­rich ge­se­hen hat­ten, wes­halb Dubs­lav, als er mal wie­der in Ver­le­gen­heit ge­ra­ten war, zu dem jüngst ver­stor­be­nen al­ten Herrn von Kort­schä­del ge­sagt hat­te: »Ja, Kort­schä­del, wenn ich so mei­nen En­gel­ke, wie er da geht und steht, ins mär­ki­sche Pro­vin­zial­mu­se­um ab­lie­fern könn­te, so krieg­t’ ich ein Jahr­ge­halt und wäre raus.«

*

Das war im Mai, daß der alte Stech­lin die­se Wor­te zu sei­nem Freun­de Kort­schä­del ge­spro­chen hat­te. Heu­te aber war drit­ter Ok­to­ber und ein wun­der­vol­ler Herbst­tag dazu. Dubs­lav, sonst emp­find­lich ge­gen Zug, hat­te die Tü­ren auf­ma­chen las­sen, und von dem großen Por­tal her zog ein er­quick­li­cher Luft­strom bis auf die mit weiß und schwar­zen Flie­sen ge­deck­te Ve­ran­da hin­aus. Eine große, et­was schad­haf­te Mar­ki­se war hier her­ab­ge­las­sen und gab Schutz ge­gen die Son­ne, de­ren Lich­ter durch die schad­haf­ten Stel­len hin­durch­schie­nen und auf den Flie­sen ein Schat­ten­spiel auf­führ­ten. Gar­ten­stüh­le stan­den um­her, vor ei­ner Bank aber, die sich an die Haus­wand lehn­te, wa­ren dop­pel­te Stroh­mat­ten ge­legt. Auf eben die­ser Bank, ein Bild des Be­ha­gens, saß der alte Stech­lin in Jop­pe und breit­krem­pi­gem Filz­hut und sah, wäh­rend er aus sei­nem Meer­schaum al­ler­lei Rin­ge blies, auf ein Run­dell, in des­sen Mit­te, von Blu­men ein­ge­faßt, eine klei­ne Fon­tä­ne plät­scher­te. Rechts da­ne­ben lief ein so­ge­nann­ter Poe­ten­steig, an des­sen Aus­gang ein ziem­lich ho­her, aus al­ler­lei Ge­bälk zu­sam­men­ge­zim­mer­ter Aus­sichtsturm auf­rag­te. Ganz oben eine Platt­form mit Fah­nen­stan­ge, dar­an die preu­ßi­sche Flag­ge weh­te, schwarz und weiß, al­les schon ziem­lich ver­schlis­sen.

En­gel­ke hat­te vor kur­z­en einen ro­ten Strei­fen an­nä­hen wol­len, war aber mit sei­nem Vor­schlag nicht durch­ge­drun­gen. »Laß. Ich bin nicht da­für. Das alte Schwarz und Weiß hält ge­ra­de noch; aber wenn du was Ro­tes dran nähst, dann reißt es ge­wiß.«

Die Pfei­fe war aus­ge­gan­gen, und Dubs­lav woll­te sich eben von sei­nem Platz er­he­ben und nach En­gel­ke ru­fen, als die­ser vom Gar­ten­saal her auf die Ve­ran­da her­austrat.

»Das ist recht, En­gel­ke, daß du kommst… Aber du hast da ja was wie ’n Te­le­gramm in der Hand. Ich kann Te­le­gramms nicht lei­den. Im­mer is ei­ner dod, oder es kommt wer, der bes­ser zu Hau­se ge­blie­ben wäre.«

En­gel­ke grien­te. »Der jun­ge Herr kommt.«

»Und das weißt du schon?«

»Ja, Bro­se hat es mir ge­sagt.«

»So, so. Dienst­ge­heim­nis. Na, gib her.«

Und un­ter die­sen Wor­ten brach er das Te­le­gramm auf und las: »Lie­ber Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Cz­a­ko be­glei­ten mich. Dein Wol­de­mar.«

En­gel­ke stand und war­te­te.

»Ja, was da tun, En­gel­ke?«, sag­te Dubs­lav und dreh­te das Te­le­gramm hin und her. »Und aus Crem­men und von heu­te früh«, fuhr er fort. »Da müs­sen sie also die Nacht über schon in Crem­men ge­we­sen sein. Auch kein Spaß.«

»Aber Crem­men is doch so­weit ganz gut.«

»Nu, ge­wiß, ge­wiß. Bloß sie ha­ben da so kur­ze Bet­ten… Und wenn man, wie Wol­de­mar, Ka­val­le­rist ist, kann man ja doch auch die acht Mei­len von Ber­lin bis Stech­lin in ei­ner Pace ma­chen. Wa­rum also Nacht­quar­tier? Und Rex und von Cz­a­ko be­glei­ten mich. Ich ken­ne Rex nicht und ken­ne von Cz­a­ko nicht. Wahr­schein­lich Re­gi­ments­ka­me­ra­den. Ha­ben wir denn was?«

»Ich denk’ doch, gnä­di­ger Herr. Und wo­vor ha­ben wir denn uns­re Mam­sell? Die wird schon was fin­den.«

»Nu gut. Also wir ha­ben was. Aber wen la­den wir dazu ein? So bloß ich, das geht nicht. Ich mag mich kei­nem Men­schen mehr vor­set­zen. Cz­a­ko, das gin­ge viel­leicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht ken­ne, zu so was Fei­nem wie Rex pass’ ich nicht mehr; ich bin zu alt­mo­disch ge­wor­den. Was meinst du, ob die Gun­der­manns wohl kön­nen?«

»Ach, die kön­nen schon. Er ge­wiß, und sie kluckt auch bloß im­mer so rum.«

»Also Gun­der­manns. Gut. Und dann viel­leicht Ober­förs­ters. Das äl­tes­te Kind hat frei­lich die Ma­sern, und die Frau, das heißt die Ge­mah­lin (und Ge­mah­lin is ei­gent­lich auch noch nicht das rech­te Wort), die er­war­tet wie­der. Man weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie nen­nen soll, Ober­förs­te­rin Katz­ler oder Durch­laucht. Aber man kann’s am Ende ver­su­chen. Und dann un­ser Pas­tor. Der hat doch we­nigs­tens die Bil­dung. Gun­der­mann al­lein ist zu we­nig und ei­gent­lich bloß ein Kluten­tre­ter. Und seit­dem er die Sie­ben­müh­len hat, ist er noch we­ni­ger ge­wor­den.«

En­gel­ke nick­te.

»Na, dann schick also Mar­tin. Aber er soll sich pro­per ma­chen. Oder viel­leicht ist Bro­se noch da; der kann ja auf sei­nem Re­tour­gang bei Gun­der­manns mit ran­ge­hen. Und soll ih­nen sa­gen sie­ben Uhr, aber nicht frü­her; sie sit­zen sonst so lan­ge rum, und man weiß nicht, wo­von man re­den soll. Das heißt mit ihm, sie re­d’t im­mer­zu… Und gib Bro­sen auch ’nen Kor­nus und funf­zig Pfen­nig.«

»Ich werd’ ihm drei­ßig ge­ben.«

»Nein, nein, funf­zig. Erst hat er ja doch was ge­bracht, und nu nimmt er wie­der was mit. Das ist ja so gut wie dop­pelt. Also funf­zig. Knaps ihm nichts ab.«

Zweites Kapitel

Ziem­lich um die­sel­be Zeit, wo der Te­le­gra­phen­bo­te bei Gun­der­manns vor­sprach, um die Be­stel­lung des al­ten Herrn von Stech­lin aus­zu­rich­ten, rit­ten Wol­de­mar, Rex und Cz­a­ko, die sich für sechs Uhr an­ge­mel­det hat­ten, in brei­ter Front von Crem­men ab; Fritz, Wol­de­mars Reit­knecht, folg­te den drei­en. Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von Dorf und Klos­ter die­ses Na­mens ge­kom­men wa­ren, bog Wol­de­mar vor­sich­tig nach links hin aus, weil er der Mög­lich­keit ent­ge­hen woll­te, sei­ner Tan­te Adel­heid, der Do­mi­na des Klos­ters, zu be­geg­nen. Er stand zwar gut mit die­ser und hat­te so­gar vor, ihr, wie her­kömm­lich, auf dem Rück­we­ge nach Ber­lin sei­nen Be­such zu ma­chen, aber in die­sem Au­gen­blick paß­te ihm sol­che Be­geg­nung, die sein pünkt­li­ches Ein­tref­fen in Stech­lin ge­hin­dert ha­ben wür­de, herz­lich schlecht. So be­schrieb er denn einen wei­ten Halb­kreis und hat­te das Klos­ter schon um eine Vier­tel­stun­de hin­ter sich, als er sich wie­der der Haupt­stra­ße zu­wand­te. Die­se, durch Moor- und Wie­sen­grün­de füh­rend, war ein vor­züg­li­cher Reit­weg, der an vie­len Stel­len noch eine Gras­nar­be trug, wes­halb es an­dert­halb Mei­len lang in ei­nem schar­fen Tra­be vor­wärts ging, bis an eine Ave­nue her­an, die grad­li­nig auf Schloß Stech­lin zu­führ­te. Hier lie­ßen alle drei die Zü­gel fal­len und rit­ten im Schritt wei­ter. Über ih­nen wölb­ten sich die schö­nen, al­ten Kas­ta­ni­en­bäu­me, was ih­rem An­ritt et­was An­hei­meln­des und zu­gleich et­was bei­nah Fei­er­li­ches gab.

»Das ist ja wie ein Kir­chen­schiff«, sag­te Rex, der am lin­ken Flü­gel ritt. »Fin­den Sie nicht auch, Cz­a­ko?«

»Wenn Sie wol­len, ja. Aber Par­don, Rex, ich fin­de die Wen­dung et­was tri­vi­al für einen Mi­nis­te­ri­al­as­ses­sor.«

»Nun gut, dann sa­gen Sie was Bes­se­res.«

»Ich wer­de mich hü­ten. Wer un­ter sol­chen Um­stän­den was Bes­se­res sa­gen will, sagt im­mer was Schlech­te­res.«

Un­ter die­sem sich noch eine Wei­le fort­set­zen­den Ge­sprä­che wa­ren sie bis an einen Punkt ge­kom­men, von dem aus man das am Ende der Ave­nue sich auf­bau­en­de Bild in al­ler Klar­heit über­bli­cken konn­te. Da­bei war das Bild nicht bloß klar, son­dern auch so frap­pie­rend, daß Rex und Cz­a­ko un­will­kür­lich an­hiel­ten.

»Alle Wet­ter, Stech­lin, das ist ja rei­zend«, wand­te sich Cz­a­ko zu dem am an­dern Flü­gel rei­ten­den Wol­de­mar. »Ich fin­d’ es ge­ra­de­zu mär­chen­haft, Fata Mor­ga­na – das heißt, ich habe noch kei­ne ge­sehn. Die gel­be Wand, die da noch das letz­te Ta­ges­licht auf­fängt, das ist wohl Ihr Zau­ber­schloß? Und das Stück­chen Grau da links, das ta­xier’ ich auf eine Kir­chen­e­cke. Bleibt nur noch der Sta­ket­zaun an der an­dern Sei­te; – da wohnt na­tür­lich der Schul­meis­ter. Ich ver­bür­ge mich, daß ich’s da­mit ge­trof­fen. Aber die zwei schwar­zen Rie­sen, die da grad in der Mit­te stehn und sich von der gel­ben Wand ab­he­ben (›ab­he­ben‹ ist üb­ri­gens auch tri­vi­al; ent­schul­di­gen Sie, Rex), die ste­hen ja da wie die Che­ru­bim. Al­ler­dings et­was zu schwarz. Was sind das für Leu­te?«

»Das sind Find­lin­ge.«

»Find­lin­ge?«

»Ja, Find­lin­ge«, wie­der­hol­te Wol­de­mar. »Aber wenn Ih­nen das Wort an­stö­ßig ist, so kön­nen Sie sie auch Mo­no­li­the nen­nen. Es ist merk­wür­dig, Cz­a­ko, wie hoch­gra­dig ver­wöhnt im Aus­druck Sie sind, wenn Sie nicht ge­ra­de sel­ber das Wort ha­ben… Aber nun, mei­ne Her­ren, müs­sen wir uns wie­der in Trab set­zen. Ich bin über­zeugt, mein Papa steht schon un­ge­dul­dig auf sei­ner Ram­pe, und wenn er uns so im Schritt an­kom­men sieht, denkt er, wir brin­gen eine Trau­er­nach­richt oder einen Ver­wun­de­ten.«

We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter, und alle drei trab­ten denn auch wirk­lich, von Fritz ge­folgt, über die Boh­len­brücke fort, erst in den Vor­hof hin­ein und dann an der blan­ken Glas­ku­gel vor­über. Der Alte stand be­reits auf der Ram­pe, En­gel­ke hin­ter ihm und hin­ter die­sem Mar­tin, der alte Kut­scher. Im Nu wa­ren alle drei Rei­ter aus dem Sat­tel, und Mar­tin und Fritz nah­men die Pfer­de. So trat man in den Flur. »Er­lau­be, lie­ber Papa, dir zwei lie­be Freun­de von mir vor­zu­stel­len. As­ses­sor von Rex, Haupt­mann von Cz­a­ko.«

Der alte Stech­lin schüt­tel­te je­dem die Hand und sprach ih­nen aus, wie glück­lich er über ih­ren Be­such sei. »Sei­en Sie mir herz­lich will­kom­men, mei­ne Her­ren. Sie ha­ben kei­ne Ah­nung, wel­che Freu­de Sie mir ma­chen, ei­nem ver­grätz­ten al­ten Ein­sied­ler. Man sieht nichts mehr, hört nichts mehr. Ich hof­fe auf einen gan­zen Sack voll Neu­ig­kei­ten.«

»Ach, Herr Ma­jor«, sag­te Cz­a­ko, »wir sind ja schon vier­und­zwan­zig Stun­den fort. Und, ganz ab­ge­se­hen da­von, wer kann heut­zu­ta­ge noch mit den Zei­tun­gen kon­kur­rie­ren! Ein Glück, daß man­che prin­zi­pi­ell einen Post­tag zu spät kom­men. Ich mei­ne mit den neues­ten Nach­rich­ten. Vi­el­leicht auch sonst noch.«

»Sehr wahr«, lach­te Dubs­lav. »Der Kon­ser­va­tis­mus soll üb­ri­gens, sei­nem We­sen nach, eine Brem­se sein; da­mit muß man vie­les ent­schul­di­gen. Aber da kom­men Ihre Man­tel­sä­cke, mei­ne Her­ren. En­gel­ke, füh­re die Her­ren auf ihr Zim­mer. Wir ha­ben jetzt sech­sein­vier­tel. Um sie­ben, wenn ich bit­ten darf.«

En­gel­ke hat­te mitt­ler­wei­le die bei­den von Dubs­lav et­was alt­mo­disch als »Man­tel­sä­cke« be­zeich­ne­ten Plai­drol­len in die Hand ge­nom­men und ging da­mit, den bei­den Her­ren vor­an, auf die dop­pel­ar­mi­ge Trep­pe zu, die ge­ra­de da, wo die bei­den Arme der­sel­ben sich kreuz­ten, einen ziem­lich ge­räu­mi­gen Po­dest mit Säul­chen­ga­le­rie bil­de­te. Zwi­schen den Säul­chen aber, und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Ro­ko­k­ouhr an­ge­bracht, mit ei­nem Zeit­gott dar­über, der eine Hip­pe führ­te. Cz­a­ko wies dar­auf hin und sag­te lei­se zu Rex: »Ein biß­chen grau­lich«, – ein Ge­fühl, drin er sich be­stärkt sah, als man bis auf den mit un­ge­heu­rer Raum­ver­schwen­dung an­ge­leg­ten Ober­flur ge­kom­men war. Über ei­ner nach hin­ten zu ge­le­ge­nen Saal­tür hing eine Holz­ta­fel mit der In­schrift: »Mu­se­um«, wäh­rend hü­ben und drü­ben, an den Flur­wän­den links und rechts, mäch­ti­ge Bir­ken­ma­ser- und Eben­holz­schrän­ke stan­den, wah­re Pracht­stücke, mit zwei großen Bil­dern da­zwi­schen, ei­nes eine Burg mit di­cken Back­stein­tür­men, das and­re ein über­le­bens­großer Rit­ter, au­gen­schein­lich aus der Frunds­ber­g­zeit, wo das bunt Lands­knecht­li­che schon die Rüs­tung zu dra­pie­ren be­gann.

»Is wohl ein Ahn?«, frag­te Cz­a­ko.

»Ja, Herr Haupt­mann. Und er ist auch un­ten in der Kir­che.«

»Auch so wie hier?«

»Nein, bloß Grab­stein und schon et­was ab­ge­tre­ten. Aber man sieht doch noch, daß es der­sel­be ist.«

Cz­a­ko nick­te. Da­bei wa­ren sie bis an ein Eck­zim­mer ge­kom­men, das mit der einen Sei­te nach dem Flur, mit der an­dern Sei­te nach ei­nem schma­len Gang hin lag. Hier war auch die Tür. En­gel­ke, vor­an­ge­hend, öff­ne­te und hing die bei­den Plai­drol­len an die Ha­ken ei­nes hier gleich an der Tür ste­hen­den Klei­der­stän­ders. Un­mit­tel­bar da­ne­ben war ein Klin­gel­zug mit ei­ner grü­nen, et­was aus­ge­fran­s­ten Pu­schel dar­an. En­gel­ke wies dar­auf hin und sag­te: »Wenn die Her­ren noch et­was wün­schen… Und um sie­ben… Zwei­mal wird an­ge­schla­gen.«

Und da­mit ging er, die bei­den ih­rer Be­quem­lich­keit über­las­send.

Es wa­ren zwei ne­ben­ein­an­der ge­le­ge­ne Zim­mer, in de­nen man Rex und Cz­a­ko un­ter­ge­bracht hat­te, das vor­de­re grö­ßer und mit et­was mehr Auf­wand ein­ge­rich­tet, mit Steh­spie­gel und Toi­let­te, der Spie­gel so­gar zum Kip­pen. Das Bett in die­sem vor­de­ren Zim­mer hat­te einen klei­nen Him­mel und da­ne­ben eine Eta­ge­re, auf de­ren obe­rem Brett­chen eine Meiß­ner Fi­gur stand, ihr oh­ne­hin kur­z­es Röck­chen lüp­fend, wäh­rend auf dem un­te­ren Brett ein Neu­es Te­sta­ment lag, mit Kelch und Kreuz und ei­nem Pal­men­zweig auf dem De­ckel.

Cz­a­ko nahm das Meiß­ner Püpp­chen und sag­te: »Wenn nicht un­ser Freund Wol­de­mar bei die­sem Ar­ran­ge­ment sei­ne Hand mit im Spie­le ge­habt hat, so ha­ben wir hier in be­zug auf Re­qui­si­ten ein Ah­nungs­ver­mö­gen, wie’s nicht grö­ßer ge­dacht wer­den kann. Das Püpp­chen pour moi, das Te­sta­ment pour vous.«

»Cz­a­ko, wenn Sie doch bloß das Ne­cken las­sen könn­ten!«

»Ach, sa­gen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lie­ben mich ja bloß um mei­ner Ne­cke­rei­en wil­len.«

Und nun tra­ten sie, von dem Vor­der­zim­mer her, in den et­was klei­ne­ren Wohn­raum, in dem Spie­gel und Toi­let­te fehl­ten. Da­für aber war ein Ro­ko­ko­so­fa da, mit hell­blau­em At­las und wei­ßen Blu­men dar­auf.

»Ja, Rex«, sag­te Cz­a­ko, »wie tei­len wir nun? Ich den­ke, Sie neh­men ne­ben­an den Him­mel, und ich neh­me das Ro­ko­ko­so­fa, noch dazu mit wei­ßen Blu­men, viel­leicht Li­li­en. Ich wet­te, das klei­ne Ding von Sofa hat eine Ge­schich­te.«

»Ro­ko­ko hat im­mer eine Ge­schich­te«, be­stä­tig­te Rex. »Aber hun­dert Jah­re zu­rück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht da­nach aus. Ein biß­chen Spuk trau’ ich die­sem al­ten Kas­ten al­ler­dings schon zu; aber kei­ne Ro­ko­ko­ge­schich­te. Ro­ko­ko ist doch im­mer un­sitt­lich. Wie ge­fällt Ih­nen üb­ri­gens der Alte?«

»Vor­züg­lich. Ich hät­te nicht ge­dacht, daß un­ser Freund Wol­de­mar sol­chen fa­mo­sen Al­ten ha­ben könn­te.«

»Das klingt ja bei­nah«, sag­te Rex, »Wie wenn Sie ge­gen un­sern Stech­lin et­was hät­ten.«

»Was durch­aus nicht der Fall ist. Un­ser Stech­lin ist der bes­te Kerl von der Welt, und wenn ich das ver­damm­te Wort nicht haß­te, würd’ ich ihn so­gar einen ›per­fek­ten Gent­le­man‹ nen­nen müs­sen. Aber…«

»Nun…«

»Aber er paßt doch nicht recht an sei­ne Stel­le.«

»An wel­che?«

»In sein Re­gi­ment.«

»Aber, Cz­a­ko, ich ver­ste­he Sie nicht. Er ist ja bril­lant an­ge­schrie­ben. Lieb­ling bei je­dem. Der Oberst hält große Stücke von ihm, und die Prin­zen ma­chen ihm bei­nah den Hof…«

»Ja, das ist es ja eben. Die Prin­zen, die Prin­zen.«

»Was denn, wie denn?«

»Ach, das ist eine lan­ge Ge­schich­te, viel zu lang, um sie hier vor Tisch noch aus­zu­kra­men. Denn es ist be­reits halb, und wir müs­sen uns ei­len. Üb­ri­gens trifft es vie­le, nicht bloß un­sern Stech­lin.«

»Im­mer dunk­ler, im­mer rät­sel­vol­ler«, sag­te Rex.

»Nun, viel­leicht daß ich Ih­nen das Rät­sel löse. Schließ­lich kann man ja Toi­let­te ma­chen und noch sei­nen Dis­kurs da­ne­ben ha­ben. ›Die Prin­zen ma­chen ihm den Hof‹, so ge­ruh­ten Sie zu be­mer­ken, und ich ant­wor­te­te: ›Ja, das ist es eben.‹ Und die­se Wor­te kann ich ih­nen nur wie­der­ho­len. Die Prin­zen – ja, da­mit hängt es zu­sam­men und noch mehr da­mit, daß die fei­nen Re­gi­men­ter im­mer fei­ner wer­den. Gu­cken Sie sich mal die al­ten Ran­glis­ten an, das heißt wirk­lich alte, vo­ri­ges Jahr­hun­dert und dann so bis anno sechs. Da fin­den Sie bei Re­gi­ment Gar­de du Corps oder bei Re­gi­ment Gens­dar­mes un­se­re gu­ten al­ten Na­men: Mar­witz, Wa­ke­nitz, Kracht, Lö­sche­brand, Bre­dow, Rochow, höchs­tens daß sich mal ein hö­her be­ti­tel­ter Schle­si­scher mit hin­ein­ver­irrt. Na­tür­lich gab es auch Prin­zen da­mals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prin­zen muß­ten noch froh sein, wenn sie nicht stör­ten. Da­mit ist es nun aber, seit wir Kai­ser und Reich sind, to­tal vor­bei. Na­tür­lich sprech’ ich nicht von der Pro­vinz, nicht von Li­tau­en und Ma­su­ren, son­dern von der Gar­de, von den Re­gi­men­tern un­ter den Au­gen Sei­ner Ma­je­stät. Und nun gar erst die­se Gar­de­dra­go­ner! Die wa­ren im­mer piek, aber seit sie, pour com­b­ler le bon­heur,1 auch noch ›Kö­ni­gin von Groß­bri­tan­ni­en und Ir­lan­d‹ sind, wird es im­mer mehr da­von, und je pie­ker sie wer­den, de­sto mehr Prin­zen kom­men hin­ein, von de­nen üb­ri­gens auch jetzt schon mehr da sind, als es so oben­hin aus­sieht, denn man­che sind ei­gent­lich wel­che und dür­fen es bloß nicht sa­gen. Und wenn man dann gar noch die al­ten mit­rech­net, die bloß à la sui­te stehn, aber doch im­mer noch mit da­bei sind, wenn ir­gend­was los ist, so ha­ben wir, wenn der Kreis ge­schlos­sen wird, zwar kein Par­kett von Kö­ni­gen, aber doch einen Zir­kus von Prin­zen. Und da hin­ein ist nun un­ser gu­ter Stech­lin ge­stellt. Na­tür­lich tut er, was er kann, und macht so ge­wis­se Lu­xus­se mit, Ge­fühls­lu­xus­se, Ge­sin­nungs­lu­xus­se und, wenn es sein muß, auch Frei­heits­lu­xus­se. So ’nen Schim­mer von So­zi­al­de­mo­kra­tie. Das ist aber auf die Dau­er schwie­rig. Rich­ti­ge Prin­zen kön­nen sich das leis­ten, die ver­be­beln nicht leicht. Aber Stech­lin! Stech­lin ist ein rei­zen­der Kerl, aber er ist doch bloß ein Mensch.«

»Und das sa­gen Sie, Cz­a­ko, ge­ra­de Sie, der Sie das Men­sch­li­che stets be­to­nen?«

»Ja, Rex, das tu’ ich. Heut’ wie im­mer. Aber ei­nes schickt sich nicht für alle. Der eine dar­f’s, der and­re nicht. Wenn un­ser Freund Stech­lin sich in die­se sei­ne alte Schloß­ka­te zu­rück­zieht, so darf er Mensch sein, so­viel er will, aber als Gar­de­dra­go­ner kommt er da­mit nicht aus. Vom al­ten Adam will ich nicht spre­chen, das hat im­mer noch so ’ne Ne­ben­be­deu­tung.«

*

Wäh­rend Rex und Cz­a­ko Toi­let­te mach­ten und ab­wech­selnd über den al­ten und den jun­gen Stech­lin ver­han­del­ten, schrit­ten die, die den Ge­gen­stand die­ser Un­ter­hal­tung bil­de­ten, Va­ter und Sohn, im Gar­ten auf und ab und hat­ten auch ih­rer­seits ihr Ge­spräch.

»Ich bin dir dank­bar, daß du mir dei­ne Freun­de mit­ge­bracht hast. Hof­fent­lich kom­men sie auf ihre Kos­ten. Mein Le­ben ver­läuft ein biß­chen zu ein­sam, und es wird oh­ne­hin gut sein, wenn ich mich wie­der an Men­schen ge­wöh­ne. Du wirst ge­le­sen ha­ben, daß un­ser gu­ter al­ter Kort­schä­del ge­stor­ben ist, und in etwa vier­zehn Ta­gen ha­ben wir hier ’ne Neu­wahl. Da muß ich dann ran und mich po­pu­lär ma­chen. Die Kon­ser­va­ti­ven wol­len mich ha­ben und kei­nen an­dern. Ei­gent­lich mag ich nicht, aber ich soll, und da paßt es mir denn, daß du mir Leu­te bringst, an de­nen ich mich für die Welt so­zu­sa­gen wie­der wie ein­üben kann. Sind sie denn aus­gie­big und plau­der­haft?«

»O sehr, Papa, viel­leicht zu sehr. We­nigs­tens der eine.«

»Das is ge­wiß der Cz­a­ko. Son­der­bar, die von Alex­an­der re­den alle gern. Aber ich bin sehr da­für; Schwei­gen klei­d’t nicht je­den. Und dann sol­len wir uns ja auch durch die Spra­che vom Tier un­ter­schei­den. Also wer am meis­ten re­d’t, ist der reins­te Mensch. Und die­sem Cz­a­ko, dem hab’ ich es gleich an­ge­sehn. Aber der Rex. Du sagst Mi­nis­te­ri­al­as­ses­sor; ist er denn von der from­men Fa­mi­lie?«

»Nein, Papa. Du machst die­sel­be Ver­wechs­lung, die bei­nah alle ma­chen. Die from­me Fa­mi­lie, das sind die Reckes, gräf­lich und sehr vor­nehm. Die Rex na­tür­lich auch, aber doch nicht so hoch hin­aus und auch nicht so fromm. Al­ler­dings nimmt mein Freund, der Mi­nis­te­ri­al­as­ses­sor, einen An­lauf dazu, die Reckes wo­mög­lich ein­zu­ho­len.«

»Dann hab’ ich also recht ge­se­hen. Er hat so die Fi­gur, die so was ver­mu­ten läßt, ein biß­chen we­nig Fleisch und so glatt ra­siert. Habt ihr denn beim Ra­sie­ren in Crem­men gleich einen ge­fun­den?«

»Er hat al­les im­mer bei sich; lau­ter eng­li­sche. Von So­lin­gen oder Suhl will er nichts wis­sen.«

»Und muß man ihn denn vor­sich­tig an­fas­sen, wenn das Ge­spräch auf kirch­li­che Din­ge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, ei­gent­lich kirch­lich, we­nigs­tens kirch­li­cher als mein gu­ter Pas­tor (es wird im­mer schlim­mer mit ihm), aber ich bin so im Aus­druck mit­un­ter un­ge­nier­ter, als man viel­leicht sein soll, und bei ›nie­der­ge­fah­ren zur Höl­le‹ kann mir’s pas­sie­ren, daß ich no­lens vo­lens ein biß­chen tol­les Zeug rede. Wie steht es denn da mit ihm? Muß ich mich in acht neh­men? Oder macht er bloß so mit?«

»Das will ich nicht ge­ra­de­zu be­haup­ten. Ich den­ke mir, er steht so wie die meis­ten stehn; das heißt, er weiß es nicht recht.«

»Ja, ja, den Zu­stand kenn’ ich.«

»Und weil er es nicht recht weiß, hat er so­zu­sa­gen die Aus­wahl und wählt das, was ge­ra­de gilt und nach oben hin emp­fiehlt. Ich kann das auch so schlimm nicht fin­den. Ei­ni­ge nen­nen ihn einen ›Stre­ber‹. Aber wenn er es ist, ist er je­den­falls kei­ner von den schlimms­ten. Er hat ei­gent­lich einen gu­ten Cha­rak­ter, und im cer­cle in­ti­me2 kann er rei­zend sein. Er ver­än­dert sich dann nicht in dem, was er sagt, oder doch nur ganz we­nig, aber ich möch­te sa­gen, er ver­än­dert sich in der Art, wie er zu­hört. Cz­a­ko meint, un­ser Freund Rex hal­te sich mit dem Ohr für das schad­los, was er mit dem Mun­de ver­säumt. Cz­a­ko wird über­haupt am bes­ten mit ihm fer­tig; er schraubt ihn be­stän­dig, und Rex, was ich rei­zend fin­de, läßt sich die­se Schrau­be­rei­en ge­fal­len. Da­ran siehst du schon, daß sich mit ihm le­ben läßt. Sei­ne Fröm­mig­keit ist kei­ne Lüge, bloß Er­zie­hung, An­ge­wohn­heit, und so schließ­lich sei­ne zwei­te Na­tur ge­wor­den.«

»Ich wer­de ihn bei Tisch ne­ben Lo­ren­zen set­zen; die mö­gen dann bei­de sehn, wie sie mit­ein­an­der fer­tig wer­den. Vi­el­leicht er­le­ben wir ’ne Be­keh­rung. Das heißt Rex den Pas­tor. Aber da höre ich eine Kut­sche die Dorf­stra­ße rauf­kom­men. Das sind na­tür­lich Gun­der­manns; die kom­men im­mer zu früh. Der arme Kerl hat mal was von der Höf­lich­keit der Kö­ni­ge ge­hört und macht jetzt einen zu weit­ge­hen­den Ge­brauch da­von. Au­to­di­dak­ten über­trei­ben im­mer. Ich bin sel­ber ei­ner und kann also mit­re­den. Nun, wir spre­chen mor­gen früh wei­ter; heu­te wird es nichts mehr. Du wirst dich auch noch ein biß­chen strie­geln müs­sen, und ich will mir ’nen schwar­zen Rock an­ziehn. Das bin ich der gu­ten Frau von Gun­der­mann doch schul­dig; sie putzt sich üb­ri­gens nach wie vor wie ’n Schlit­ten­pferd und hat im­mer noch den merk­wür­di­gen Fe­der­busch in ih­rem Zopf – das heißt, wenn’s ih­rer ist.«


  1. um das Glück voll­kom­men zu ma­chen  <<<

  2. (im) ver­trau­tem Kreis  <<<

Drittes Kapitel

En­gel­ke schlug un­ten im Flur zwei­mal an einen al­ten, als Tamtam fun­gie­ren­den Schild, der an ei­nem der zwei vor­sprin­gen­den und zu­gleich die gan­ze Trep­pe tra­gen­den Pfei­ler hing. Eben die­se zwei Pfei­ler bil­de­ten denn auch mit dem Po­dest und der in Front des­sel­ben an­ge­brach­ten Ro­ko­k­ouhr einen zum Gar­ten­sa­lon, die­sem Haupt­zim­mer des Erd­ge­schos­ses, füh­ren­den, ziem­lich pit­to­res­ken Por­ti­kus, von dem ein auf Be­such an­we­sen­der haupt­städ­ti­scher Archi­tekt mal ge­sagt hat­te: sämt­li­che Bau­sün­den von Schloß Stech­lin wür­den durch die­sen ver­dreh­ten, aber ma­le­ri­schen Ein­fall wie­der gut­ge­macht.

Die Uhr mit dem Hip­pen­mann schlug ge­ra­de sie­ben, als Rex und Cz­a­ko die Trep­pe her­un­ter­ka­men und, eine Bie­gung ma­chend, auf den von be­ru­fe­ner Sei­te so glimpf­lich be­ur­teil­ten son­der­ba­ren Vor­bau zu­steu­er­ten. Als die Freun­de die­sen pas­sier­ten, sa­hen sie – die Türflü­gel wa­ren schon ge­öff­net – in al­ler Be­quem­lich­keit in den Sa­lon hin­ein und nah­men hier wahr, daß et­li­che, ih­nen zu Ehren ge­la­de­ne Gäs­te be­reits er­schie­nen wa­ren. Dubs­lav, in dun­kelm Ober­rock und die Bänd­chen­ro­set­te so­wohl des preu­ßi­schen wie des wen­di­schen Kro­nen­or­dens im Knopf­loch, ging den Ein­tre­ten­den ent­ge­gen, be­grüß­te sie noch­mals mit der ihm eig­nen Herz­lich­keit, und bei­de Her­ren gleich da­nach in den Kreis der schon Ver­sam­mel­ten ein­füh­rend, sag­te er: »Bit­te die Herr­schaf­ten mit­ein­an­der be­kannt ma­chen zu dür­fen: Herr und Frau von Gun­der­mann auf Sie­ben­müh­len, Pas­tor Lo­ren­zen, Ober­förs­ter Katz­ler«, und dann, nach links sich wen­dend, »Mi­nis­te­ri­al­as­ses­sor Rex, Haupt­mann von Cz­a­ko vom Re­gi­ment Alex­an­der.« Man ver­neig­te sich ge­gen­sei­tig, wor­auf Dubs­lav zwi­schen Rex und Pas­tor Lo­ren­zen, Wol­de­mar aber, als Ad­la­tus sei­nes Va­ters, zwi­schen Cz­a­ko und Katz­ler eine Ver­bin­dung her­zu­stel­len such­te, was auch ohne wei­te­res ge­lang, weil es hü­ben und drü­ben we­der an ge­sell­schaft­li­cher Ge­wandt­heit noch an gu­tem Wil­len ge­brach. Nur konn­te Rex nicht um­hin, die Sie­ben­müh­le­ner et­was ein­dring­lich zu mus­tern, trotz­dem Herr von Gun­der­mann in Frack und wei­ßer Bin­de, Frau von Gun­der­mann aber in ge­blüm­tem At­las mit Ma­ra­bu­fä­cher er­schie­nen war, – er au­gen­schein­lich Par­ve­nu, sie Ber­li­ne­rin aus ei­nem nord­öst­li­chen Vor­stadt­ge­biet.

Rex sah das al­les. Er kam aber nicht in die Lage, sich lan­ge da­mit zu be­schäf­ti­gen, weil Dubs­lav eben jetzt den Arm der Frau von Gun­der­mann nahm und da­durch das Zei­chen zum Auf­bruch zu der im Ne­ben­zim­mer ge­deck­ten Ta­fel gab. Alle folg­ten paar­wei­se, wie sie sich vor­her zu­sam­men­ge­fun­den, ka­men aber durch die von sei­ten Dubs­lavs schon vor­her fest­ge­setz­te Ta­fel­ord­nung wie­der aus­ein­an­der. Die bei­den Stech­lins, Va­ter und Sohn, pla­cier­ten sich an den bei­den Schmal­sei­ten ein­an­der ge­gen­über, wäh­rend zur Rech­ten und Lin­ken von Dubs­lav Herr und Frau von Gun­der­mann, rechts und links von Wol­de­mar aber Rex und Lo­ren­zen sa­ßen. Die Mit­tel­plät­ze hat­ten Katz­ler und Cz­a­ko inne. Ne­ben ei­nem großen al­ten Ei­chen­bü­fett, ganz in Nähe der Tür, stan­den En­gel­ke und Mar­tin, En­gel­ke in sei­ner sand­far­be­nen Li­vree mit den großen Knöp­fen, Mar­tin, dem nur ob­lag, mit der Kü­che Ver­bin­dung zu hal­ten, ein­fach in schwar­zem Rock und Stulps­tie­feln.

Der alte Dubs­lav war in bes­ter Lau­ne, stieß gleich nach den ers­ten Löf­feln Sup­pe mit Frau von Gun­der­mann ver­trau­lich an, dank­te ihr für ihr Er­schei­nen und ent­schul­dig­te sich we­gen der spä­ten Ein­la­dung: »Aber erst um zwölf kam Wol­de­mars Te­le­gramm. Es ist das mit dem Te­le­gra­phie­ren sol­che Sa­che, man­ches wird bes­ser, aber man­ches wird auch schlech­ter, und die fei­ne­re Sit­te lei­det nun schon ganz ge­wiß. Schon die Form, die Ab­fas­sung. Kür­ze soll eine Tu­gend sein, aber sich kurz fas­sen, heißt meis­tens auch, sich grob fas­sen. Jede Spur von Ver­bind­lich­keit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist bei­spiels­wei­se gar nicht mehr an­zu­tref­fen. Ich hat­te mal einen Freund, der ganz ernst­haft ver­si­cher­te: ›Der häß­lichs­te Mops sei der schöns­te‹; so läßt sich jetzt bei­na­he sa­gen: ›Das gröbs­te Te­le­gramm ist das feins­te‹. We­nigs­tens das in sei­ner Art vollen­dets­te. Je­der, der wie­der eine neue Fünf­pfen­ni­ger­spar­nis her­aus­dok­tert, ist ein Ge­nie.«

Die­se Wor­te Dubs­lavs hat­ten sich an­fäng­lich an die Frau von Gun­der­mann, sehr bald aber mehr an Gun­der­mann selbst ge­rich­tet, wes­halb die­ser letz­te­re denn auch ant­wor­te­te: »Ja, Herr von Stech­lin, al­les Zei­chen der Zeit. Und ganz be­zeich­nend, daß ge­ra­de das Wort ›Herr‹, wie Sie schon her­vor­zu­he­ben die Güte hat­ten, so gut wie ab­ge­schafft ist. ›Herr‹ ist Un­sinn ge­wor­den, ›Herr‹ paßt den Her­ren nicht mehr, – ich mei­ne na­tür­lich die, die jetzt die Welt re­gie­ren wol­len. Aber es ist auch da­nach. Alle die­se Neue­run­gen, an de­nen sich lei­der auch der Staat be­tei­ligt, was sind sie? Be­güns­ti­gun­gen der Un­bot­mä­ßig­keit, also Was­ser auf die Müh­len der So­zi­al­de­mo­kra­tie. Wei­ter nichts. Und nie­mand da, der Lust und Kraft hät­te, dies Was­ser ab­zu­stel­len. Aber trotz­dem, Herr von Stech­lin – ich wür­de nicht wi­der­spre­chen, wenn mich das Tat­säch­li­che nicht dazu zwän­ge -, trotz­dem geht es nicht ohne Te­le­gra­phie, ge­ra­de hier in uns­rer Ein­sam­keit. Und da­bei das be­stän­di­ge Schwan­ken der Kur­se. Na­ment­lich auch in der Müh­len- und Brett­schnei­de­bran­che…«

»Ver­steht sich, lie­ber Gun­der­mann. Was ich da ge­sagt ha­be… Wenn ich das Ge­gen­teil ge­sagt hät­te, wäre es eben­so rich­tig. Der Teu­fel is nich so schwarz, wie er ge­malt wird, und die Te­le­gra­phie auch nicht, und wir auch nicht. Schließ­lich ist es doch was Gro­ßes, die­se Na­tur­wis­sen­schaf­ten, die­ser elek­tri­sche Strom, tipp, tipp, tipp, und wenn uns dar­an läge (aber uns liegt nichts dar­an), so könn­ten wir den Kai­ser von Chi­na wis­sen las­sen, daß wir hier ver­sam­melt sind und sei­ner ge­dacht ha­ben. Und da­bei die­se merk­wür­di­gen Ver­schie­bun­gen in Zeit und Stun­de. Bei­na­he ko­misch. Als anno sieb­zig die Pa­ri­ser Sep­tem­ber­re­vo­lu­ti­on aus­brach, wuß­te man’s in Ame­ri­ka drü­ben um ein paar Stun­den frü­her, als die Re­vo­lu­ti­on über­haupt da war. Ich sag­te: Sep­tem­ber­re­vo­lu­ti­on. Es kann aber auch ’ne and­re ge­we­sen sein; sie ha­ben da so vie­le, daß man sie leicht ver­wech­selt. Eine war im Juni, ’ne and­re war im Juli, – wer nich ein Bom­ben­ge­dächt­nis hat, muß da not­wen­dig rein­fal­len… En­gel­ke, prä­sen­tie­re der gnä­di­gen Frau den Fisch noch mal. Und viel­leicht nimmt auch Herr von Cz­a­ko…«

»Ge­wiß, Herr von Stech­lin«, sag­te Cz­a­ko. »Erst­lich aus rei­ner Gour­man­di­se, dann aber auch aus For­scher­trieb oder Fort­schritts­be­dürf­nis. Man will doch an dem, was ge­ra­de gilt oder über­haupt Mensch­heits­ent­wick­lung be­deu­tet, auch sei­ner­seits nach Mög­lich­keit teil­neh­men, und da steht denn Fisch­nah­rung jetzt oben­an. Fi­sche sol­len au­ßer­dem viel Phos­phor ent­hal­ten, und Phos­phor, so heißt es, macht ›hel­le‹.«

»Ge­wiß«, ki­cher­te Frau von Gun­der­mann, die sich bei dem Wort »hel­le« wie per­sön­lich ge­trof­fen fühl­te. »Phos­phor war ja auch schon, eh die Schwe­di­schen auf­ka­men.«

»Oh, lan­ge vor­her«, be­stä­tig­te Cz­a­ko. »Was mich aber«, fuhr er, sich an Dubs­lav wen­dend, fort, »an die­sen Kar­pfen noch ganz be­son­ders fes­selt – bei­läu­fig ein Pracht­ex­em­plar -, das ist das, daß er doch höchst­wahr­schein­lich aus Ihrem be­rühm­ten See stammt, über den ich durch Wol­de­mar, Ihren Herrn Sohn, be­reits un­ter­rich­tet bin. Die­ser merk­wür­di­ge See, die­ser Stech­lin! Und da frag’ ich mich denn un­will­kür­lich (denn Kar­pfen wer­den alt; da­her bei­spiels­wei­se die Moo­s­karp­fen), wel­che Re­vo­lu­tio­nen sind an die­sem her­vor­ra­gen­den Exem­plar sei­ner Gat­tung wohl schon vor­über­ge­gan­gen? Ich weiß nicht, ob ich ihn auf hun­dert­fünf­zig Jah­re ta­xie­ren darf, wenn aber, so wür­de er als Jüng­ling die Lissa­bo­ner Ak­ti­on und als Ur­greis den neu­er­li­chen Aus­bruch des Kra­ka­to­wa mit­ge­macht ha­ben. Und all das er­wo­gen, drängt sich mir die Fra­ge auf…«

Dubs­lav lä­chel­te zu­stim­mend.

»… Und all das er­wo­gen, drängt sich mir die Fra­ge auf, wenn’s nun in Ihrem Stech­lin­see zu bro­deln be­ginnt oder gar die große Trich­ter­bil­dung an­hebt, aus der dann und wann, wenn ich recht ge­hört habe, der krä­hen­de Hahn auf­steigt, wie ver­hält sich da der Stech­lin­karp­fen, die­ser doch of­fen­bar Nächst­be­tei­lig­te, bei dem An­po­chen der­ar­ti­ger Wel­ter­eig­nis­se? Be­nei­det er den Hahn, dem es ver­gönnt ist, in die Rup­pi­ner Lan­de hin­ein­zu­krä­hen, oder ist er um­ge­kehrt ein Feig­ling, der sich in sei­nem Moor­grund ver­kriecht, also ein Bour­geois, der am an­de­ren Mor­gen fragt: ›Schie­ßen sie noch?‹«

»Mein lie­ber Herr von Cz­a­ko, die Beant­worung Ih­rer Fra­ge hat selbst für einen An­woh­ner des Stech­lin sei­ne Schwie­rig­kei­ten. Ins In­ne­re der Na­tur dringt kein er­schaf­fe­ner Geist. Und zu dem In­ner­lichs­ten und Ver­schlos­sens­ten zählt der Kar­pfen; er ist näm­lich sehr dumm. Aber nach der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung wird er sich beim Ein­tre­ten der großen Erup­ti­on wohl ver­kro­chen ha­ben. Wir ver­krie­chen uns näm­lich alle. Hel­den­tum ist Aus­nah­me­zu­stand und meist Pro­dukt ei­ner Zwangs­la­ge. Sie brau­chen mir üb­ri­gens nicht zu­zu­stim­men, denn Sie sind noch im Dienst.«

»Bit­te, bit­te«, sag­te Cz­a­ko.

*

Sehr, sehr an­ders ging das Ge­spräch an der ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­te der Ta­fel. Rex, der, wenn er dienst­lich oder au­ßer­dienst­lich aufs Land kam, im­mer eine Nei­gung spür­te, so­zia­len Fra­gen nach­zu­hän­gen, und bei­spiels­wei­se je­des­mal mit Vor­lie­be dar­auf aus war, an das Zah­len­ver­hält­nis der in und au­ßer der Ehe ge­bo­re­nen Kin­der alle mög­li­chen, teils dem Ge­mein­wohl, teils der Sitt­lich­keit zu­gu­te kom­men­de Be­trach­tun­gen zu knüp­fen, hat­te sich auch heu­te wie­der in ei­nem mit Pas­tor Lo­ren­zen an­ge­knüpf­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­ich­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­