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Kate Hoffmann, Anabeth Bold, Tawny Weber, Tiffany Reisz

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 71

IMPRESSUM

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
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© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY EXTRA HOT & SEXY
Band 71 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2016 by Peggy A. Hoffmann
Originaltitel: „The Mighty Quinns: Tristan“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Almuth Strote

© 2017 by HarperCollins Germany

Originalausgabe in der Reihe TIFFANY EXTRA HOT & SEXY,
Band 71 2017 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg

© 2014 by Tawny Weber
Originaltitel: „Christmas with a SEAL“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Johannes Heitmann

© 2016 by Tiffany Reisz
Originaltitel: „One Hot December“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Alina Lantelme

Abbildungen: Harleqiun Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 11/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733752859

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY

 

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Entlarvt, enthüllt – verführt

PROLOG

In dem blauen Haus in der Downey Street hatten sie nur fünf Monate lang gewohnt. Tristan war beim Einzug noch so aufgeregt gewesen. Endlich ein richtiges Haus, nachdem die fünfköpfige Familie den Sommer über im Auto oder im Zelt geschlafen hatte. Doch dann war ihr Vater gestorben, und als der Winter begann, war ihre Situation wieder genauso aussichtslos wie zuvor.

Sie hatten durch Bettelei, kleinere Ladendiebstähle und mit der Behindertenrente, die ihre Mutter erhielt, gerade genug, um über die Runden zu kommen. Die Quinns konnten die Miete nicht mehr bezahlen, doch man wollte sie mitten im Winter nicht auf die Straße werfen. Darauf hatte ihre Mutter immer gebaut – die Schuldgefühle anderer Leute.

Tristan stand am Fenster und kratzte mit dem Fingernagel über die gefrorene Scheibe. Heizung und Strom waren ihnen schon vor zwei Monaten abgestellt worden. Um sich aufzuwärmen, hatten sie einen winzigen, qualmenden Ofen, um Wasser zu holen und als Bad nutzten sie das WC in der Tankstelle um die Ecke.

„Wo ist sie?“, fragte Tristans kleiner Bruder Jamie. Ihre Mutter war mit Thom, dem dritten Bruder, zum Wochenmarkt gegangen, um dort etwas zu Essen aufzutreiben. Letzten Monat waren sie beim Stehlen einer Cornflakes-Packung erwischt worden, doch der Ladeninhaber hatte wegen der Feiertage auf eine Anzeige verzichtet und sie mit einer prall gefüllten Lebensmittelkiste nach Hause geschickt, von der sie über eine Woche hatten leben können.

Auf und ab. So lief das Leben der Quinns. Immer wenn es ihnen ein wenig besser zu gehen schien, passierte irgendetwas, das sie wieder aus der Bahn warf.

Tristan rieb sich die Arme, sein Atem bildete vor Kälte kleine Wolken vor seinem Gesicht. Seine Mutter und Thom waren schon viel zu lange weg. Etwas stimmte nicht, und Tristan fürchtete sich vor den Konsequenzen, die ihnen drohen mochten.

Seine Brüder und er lebten quasi mit einem Bein im Kinderheim. Das Jugendamt war der Drache, der bedrohlich über ihrer kleinen Welt schwebte und sich jederzeit einen von ihnen oder sie alle auf einmal schnappen konnte. Tristan hatte keine Möglichkeit, sich an die Polizei zu wenden, um seine Mutter zu finden, denn dann würde herauskommen, dass er und seine Brüder mitten im Winter größtenteils allein in einem unbeheizten Haus lebten. Dann würde das Jugendamt die Familie auseinanderreißen, vielleicht für immer. Also waren sie dazu gezwungen, abzuwarten und sich zu fragen, wo ihre Mutter steckte – manchmal ein, zwei Tage lang und manchmal ganze Wochen, wenn sie irgendwie an Fusel oder andere Drogen gekommen war.

Plötzlich hörte Tristan Schritte auf der Veranda, und ihm stockte der Atem. Wer konnte das sein? Manchmal brach jemand bei ihnen ein, um nach Wertgegenständen zu suchen, und auch der Vermieter tauchte dann und wann auf, um ihnen zu drohen.

„Hey!“, ertönte eine bekannte Stimme.

Jamie atmete erleichtert auf. „Thom“, sagte er.

Ein paar Sekunden später stürmte der dritte Quinn-Bruder herein, die Jacke offen und das Gesicht vor Kälte gerötet. Er schleppte eine zerknitterte Einkaufstüte mit sich, die er neben dem Ofen auf den Boden fallen ließ.

„Was ist passiert?“

„Ich habe ihr gesagt, dass sie die Flasche nicht mitnehmen soll. Sie war sowieso schon betrunken, ohne kann sie ja gar nicht mehr. Auf dem Weg nach draußen ist ihr die Flasche dann aus den Händen gerutscht und auf dem Boden vor ihren Füßen kaputtgegangen. Ich habe mir geschnappt, was ich greifen konnte, und bin losgerannt, aber sie haben sie erwischt. Wahrscheinlich sitzt sie jetzt im Knast.“

„Wir müssen sie retten“, sagte Jamie.

„Nein“, widersprach Tristan. „Nein. Dort ist sie sicher. Sie bekommt zu essen, hat ein Bett, und beheizt ist es da auch. Sie wird da keinen Alkohol bekommen. Wenn wir da jetzt auftauchen, werden die Fragen stellen. Du weißt, dass ich recht habe, Jamie, stimmt’s?“

Sein kleiner Bruder nickte.

„Wir kommen gut alleine zurecht“, erklärte Tristan. „Wir haben den Ofen und etwas zu essen. Unsere Schlafsäcke halten uns warm, das wird wie ein Camping-Ausflug. Und morgen gehen wir in die Schule, da ist es warm und etwas zu essen gibt es auch. Das schaffen wir schon. Wie immer.“

Tristan legte den Arm um Jamie und zog ihn an sich. Dann warf er einen Blick auf Thom. „Warum macht ihr euch nicht etwas zu essen? Ich versuche, noch etwas Holz für den Ofen zu finden. Auf dem Weg zur Schule habe ich ein Haus mit einem Riesenhaufen Feuerholz in der Garage gesehen. Wenn ich mir da etwas schnappen kann, werden wir es ein paar Tage ganz gemütlich haben.“

„Es ist echt kalt draußen“, warnte Thom ihn. „Zieh den roten Mantel an. Der hat eine heile Kapuze.“

Tristan ließ seine Brüder am Feuer sitzen, und während die beiden sich durch die Sachen wühlten, die Thom hatte stehlen können, wappnete er sich gegen die Kälte und machte sich auf den Weg nach draußen.

Während er durch das ärmliche Viertel ging, in dem sie wohnten, versuchte er, den Geruch von Kaminrauch in der Luft wahrzunehmen.

Im Dunkeln sah alles so anders aus. Vor allem, wenn es unter einer dünnen Schneeschicht lag. Schließlich fand er ein Haus, dessen Schornstein rauchte. Er warf einen Blick durch das Fenster ins dunkle Innere – es schien niemand zu Hause zu sein. Zu seiner Überraschung stand jedoch eine Seitentür zur Garage offen, wahrscheinlich, damit der Hauseigentümer so selbst möglichst schnell für Feuerholz-Nachschub sorgen konnte.

„Sehr gut“, flüsterte Tristan lächelnd. Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wie er das Holz nach Hause schaffen konnte. Drei oder vier Blöcke konnte er so tragen, doch das würde nicht einmal für eine Nacht reichen. Er musste eine Möglichkeit finden, mehr Holz auf einmal zu transportieren.

Das schummrige Licht der Straßenlaterne fiel in die Garage. Er sah eine Schubkarre und eine Plane. Das Fehlen der Schubkarre würde auffallen, und er war sich nicht sicher, ob er stark genug war, um sie durch den Schnee nach Hause zu schieben. Also nahm er sich die Plane. Er konnte das Holz darauf stapeln und sie einfach hinter sich herziehen.

Tristan beeilte sich. Ihm war klar, dass die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, größer wurde, je länger er brauchte. Er schaffte es, sechzehn Holzscheite aufzuladen, bevor er vorsichtig die Garagentür schloss und sich auf den Weg zurück machte.

Der Typ würde das Holz gar nicht vermissen, und Tristans Familie würde es ein, zwei Tage lang warm haben. Sein Diebstahl machte ihm kein schlechtes Gewissen. Schuldgefühle konnte er sich längst nicht mehr leisten. Doch immer, wenn er sich dazu gezwungen sah, das Gesetz zu brechen oder jemanden auszunutzen, um selbst zu überleben, gab er sich ein Versprechen.

Eines Tages, wenn er erwachsen sein würde und sich nicht mehr um seine Brüder kümmern musste, wollte er für Menschen da sein, denen es schlecht ging und die ums Überleben kämpften.

Er würde ihnen dabei helfen, etwas zu Essen und ein hübsches Zuhause zu finden, vielleicht auch einen Job, damit sie sich etwas zum Anziehen kaufen und manchmal auch ein Eis essen gehen konnten. Er wusste noch nicht genau, was für ein Beruf das sein sollte, aber wenn es so etwas gab, einen Job, in dem er sein Versprechen erfüllen konnte, würde er ihn finden.

1. KAPITEL

Tristan Quinn schaltete einen Gang herunter, als er in dem silbernen Cabrio die schmale Kurve der Landstraße entlangfuhr. Das Sonnenlicht fiel durch die Bäume, die links und rechts der Straße standen. Nur hin und wieder passierte er Holzschilder, die auf Hütten oder Ferienwohnungen hinwiesen, die sich tiefer im Wald befanden.

Er atmete tief durch, genoss den frischen Wind und die warme Sonne auf seinem Gesicht. Manchmal war er sich nicht mehr sicher, warum er eigentlich Anwalt geworden war – abgesehen natürlich von dem vielen Geld, das er verdiente. Er hätte genauso gut Bauarbeiter oder Straßenbauer werden können, dann müsste er jetzt wenigstens nicht in einem engen Büro ausharren und könnte jeden Tag das Wetter genießen, die warmen Sommertage, aber auch die bittere Kälte, die der Winter in Minneapolis mit sich brachte.

An diesem Morgen war er im Auftrag eines Klienten unterwegs. Als er die Gelegenheit bekommen hatte, hatte Tristan sich den Fall sofort gesichert. Allerdings hatten die Kollegen, die bisher noch nicht daran gearbeitet hatten, sowieso keine Lust auf einen Fall gehabt, bei dem man den ganzen Tag im Freien sein musste – für Tristan jedoch war genau das der Grund gewesen, ihn zu übernehmen.

Er war bereits früh morgens mit einem beträchtlichen Berg an Unterlagen in seinem Aktenkoffer in Richtung Nordwesten aufgebrochen. Heute wollte er sein Glück versuchen und endlich eine Einigung in dem vertrackten Grundbesitzfall herleiten, der sich schon seit drei Jahren hinzog. Die meisten Anwälte seiner Firma hatten sich bereits die Zähne daran ausgebissen, doch für ihn war dies der erste Versuch. Es war seine Chance, den Partnern zu zeigen, dass er es draufhatte.

Es ging um ein unglaublich schönes Fleckchen Erde, das eine Stunde von der Stadt entfernt an einem kleinen und völlig klaren See lag – einem der letzten noch verbliebenen unberührten Seen in dieser Gegend – und dementsprechend für jeden Immobilienmakler Gold wert war.

Das Land war seit den 1950ern im Besitz der Pigglestone-Familienstiftung, und seitdem wurde darauf eine Künstlerkolonie geführt. Doch nun wollte die jüngste Generation der Familie das Land verkaufen, und dafür musste sie ihre drei alten Tanten loswerden, die schon immer in der Kolonie gelebt hatten. Die Papiere waren längst aufgesetzt und den Damen übermittelt worden, die die gerichtlichen Anordnungen jedoch einfach ignorierten.

Zwar gefiel Tristan der Gedanke nicht, drei alte Frauen aus ihrem Zuhause zu vertreiben, doch immerhin hatten die Partner ihn mit einer außergewöhnlich hohen Entschädigungssumme ausgestattet – mit der die Frauen sich beinahe überall auf der Welt in ziemlich luxuriösen Verhältnissen niederlassen konnten. Auch wenn vor ihm schon andere an diesem Auftrag gescheitert waren, war sich Tristan sicher, dass er den Fall in ein oder zwei Tagen beenden konnte und als Gewinner zurückfahren würde. Immerhin verdrehte er der Damenwelt den Kopf, seit er denken konnte.

„In zweihundert Metern rechts abbiegen.“

Er warf einen Blick auf sein Navi und runzelte die Stirn. Er hatte schon seit einer Weile keine Straßenschilder mehr gesehen und vermutete langsam, dass er sich verfahren hatte. Kurz darauf meldete sich die Stimme jedoch schon wieder. „In einhundert Metern rechts abbiegen.“

Er verlangsamte seine Fahrt und hielt nach einem Schild Ausschau. Doch bis auf das satte Grün des Waldes war nichts zu erkennen. „In zwanzig Metern rechts abbiegen.“

Plötzlich erschien jedoch tatsächlich eine enge Seitenstraße zu seiner Rechten, und Tristan musste hart bremsen, um die Ausfahrt nicht zu verpassen. Kein Schild oder sonst irgendein Hinweis machte darauf aufmerksam, wohin die Straße führte. Doch da er die Adresse direkt von seinem Chef hatte, vertraute er auf ihre Richtigkeit.

Während er tiefer in den Wald fuhr, wurde die Straße immer enger, bis sie nur noch so breit war, dass er mit seinem Wagen gerade noch darauf Platz hatte. Langsam bog Tristan um eine Kurve, als er plötzlich jemanden vor sich auf der Straße stehen sah. Abrupt stieg er in die Bremsen.

Die Frau hatte ihre Arme hoch über den Kopf nach oben gestreckt, die Finger weit gespreizt. Sie stand ganz still, nur ihr Haar wehte im Wind. Sie trug eine weite Baumwolltunika, die bis kurz über ihre Knie reichte, sonst nichts. Tristan betrachtete sie wie gebannt und ließ seinen Blick über die sinnlichen Kurven ihres Hinterns wandern, die sich unter dem dünnen Stoff abzeichneten. Auch wenn er ihr Gesicht nicht sehen konnte, spürte er irgendwie, dass sie wunderschön war.

Sie beobachtete die Wipfel der Bäume über ihrem Kopf, doch plötzlich senkte sie die Arme. Tristan schaltete den Motor aus und wartete, um sie nicht aufzuschrecken. Sie legte den Kopf leicht zur Seite, als hätte sie tief im Wald etwas gehört. Schließlich ließ sie die Schultern sinken und schüttelte langsam den Kopf.

Als sie sich zu ihm umdrehte, konnte er sehen, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Sie war schön. Atemberaubend schön. Mit ihrem dunklen Haar, das ihr in Wellen um die feinen Züge ihres Gesichts auf die Schultern fiel, sah sie aus wie eine Waldnymphe.

„Das hier ist Privatgelände“, rief sie und stützte die Hände in die Taille. Ihre Tunika wurde vom Wind ein Stück hochgeweht und legte ihre schlanken Oberschenkel frei. Sein Blick glitt ihre Beine entlang zu ihren Füßen, die schlammbedeckt waren.

Tristan stieg aus und schloss die Autotür, bevor er ihr entgegenging. „Wonach haben Sie Ausschau gehalten?“

„Ich schaue nicht“, sagte sie. „Ich höre.“

„Und auf was hören Sie?“

„Auf eine Eule. Einen Bartkauz. Manchmal, wenn ich hier spazieren gehe, kann ich ihn hören. Nur woher sein Ruf kommt, kann ich nicht genau ausmachen. Vielleicht macht mir auch nur der Wind etwas vor. Oder es ist ein Geist.“

„Wie klingt denn sein Ruf?“, fragte Tristan.

„Ich kann Vogelrufe nicht besonders gut imitieren“, antwortete sie.

„Versuchen Sie es. Ich bin neugierig.“

„Eigentlich klingt es beinahe nach Sex.“

„Sex?“

„Ja. Es ist mehr so ein sanftes, stöhnendes Geräusch. Uh, uh, uh.“

„Und ich dachte immer, dass Eulen ‚Schuhu‘ rufen“, scherzte Tristan.

„Nur im Comic“, entgegnete sie. „Ich habe mal einen Rothalstaucher gesehen. Die sind hier ziemlich selten. Indigofinken mag ich am liebsten, die bekommt man aber fast nie zu Gesicht. Ihr Blau ist so wunderschön, aber eigentlich gar nicht indigofarben.“ Sie sah ihm in die Augen. „Eher wie Lapislazuli. Oder Himmelblau. Haben Sie sich verfahren?“, fragte sie. „Kann ich Ihnen helfen?“

Etwas verwirrt von ihrem schnellen Themenwechsel, musste Tristan kurz überlegen, warum er eigentlich hier war. „Ich bin auf der Suche nach einer alten Künstlerkolonie, die hier irgendwo sein soll. Ich habe von ihr gelesen und wollte sie mir gerne ansehen.“

„Eine Künstlerkolonie, hier? Davon habe ich noch nie gehört“, sagte sie. „Sind Sie sich sicher, dass Sie hier richtig sind? Am Ende dieser Straße gibt es nur ein paar Hütten.“

„Ich bin mir sicher“, sagte er. „Die Kolonie wurde in den Fünfzigerjahren gegründet. Von drei Schwestern.“ Ihre Blicke trafen sich. „Nichts davon klingt vertraut?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

Tristan wusste, dass sie log. Ihm war noch keine schöne Frau begegnet, die wirklich gut lügen konnte. Er konnte die Gedanken einer Frau – ob Schönheit oder graue Maus – in der Hälfte der Zeit lesen, die es ihn kostete, die Gedanken eines Mannes herauszufinden. Unter anderem wegen dieses Talents war er ein so guter Prozessanwalt.

Aber wenn sie ihn anlügen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr ebenso zu begegnen. „Hm. Wie schade. Ich hatte wirklich gehofft, ein oder zwei Wochen in dieser Kolonie verbringen zu können.“

„Sind Sie Künstler?“

Er nickte. „Schriftsteller. Ich habe noch nichts veröffentlicht, aber es gibt einen Verlag, der interessiert ist. Ich muss nur noch ein paar Stellen umschreiben, bin aber irgendwie völlig blockiert. Ich hatte gehofft, dass eine andere Umgebung helfen könnte.“ Er warf einen Blick zurück zu seinem Auto. „Aber ich sollte besser fahren. Wahrscheinlich bin ich irgendwo falsch abgebogen.“

Sie betrachtete ihn einen Moment lang eingehend. Doch, sie wusste garantiert mehr, als sie preiszugeben bereit war. Doch wie viel? „Ich denke, dass ich Ihnen vielleicht doch weiterhelfen kann“, murmelte sie.

„Haben Sie eine Karte?“

„Ich kann Sie zur Kolonie bringen“, sagte sie. „Ich wohne dort selbst.“

„Sind Sie auch Schriftstellerin?“

„Künstlerin“, sagte sie. „Malerin, Bildhauerin – je nachdem, welches Material und was für ein Thema sich mir eröffnet. Derzeit sind es Eulen.“

„Ich will Sie bei ihren Vogelbeobachtungen nicht stören“, sagte er.

Sie zuckte mit den Schultern. „Jeder Spaziergang in der Natur lässt einen weit mehr finden, als man gesucht hat.“ Sie lächelte. „Das ist von John Muir. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich fahre? Die Straße ist etwas schwierig.“

Tristan schüttelte den Kopf. „Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen – warum sollte ich Sie mein Auto fahren lassen?“

„Weil die Straße sehr kurvenreich und eng ist. Ich möchte nicht, dass Sie Ihren Wagen zu Schrott fahren.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Lily Harrison.“

Tristan stockte der Atem, doch er hoffte, dass sie ihm seine Überraschung nicht ansehen konnte. Vor dieser Frau war er bereits gewarnt worden. Aber nie hätte er damit gerechnet, dass sie noch so jung war – und so schön.

Lily Alicia Hopkins Harrison. Ihre Mutter war Erbin des Pigglestone-Vermögens und ihr Vater Erbe des Vermögens der Harrison-Familie. Doch statt in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, war Lily Künstlerin, Aktivistin und Beschützerin der drei Pigglestone-Schwestern geworden. Während ihre Familie Tristans Kanzlei angeheuert hatte, um die älteren Damen davon zu überzeugen, das Land aufzugeben.

Letzten Sommer hatte Lily sich mit den Tanten an die Veranda einer ihrer Hütten gekettet, als die Bulldozer angefahren kamen, um die Kolonie abzureißen. Sie war in den Nachrichten aufgetaucht und hatte sämtliche Social-Media-Kanäle genutzt, um die restliche Familie wie habgierige Geizhälse aussehen zu lassen, die drei alte Damen aus ihrem Zuhause schmeißen wollten.

„Waren Sie je in einen Verkehrsunfall verwickelt?“, fragte er. „Oder sind Sie schon einmal geblitzt worden?“

„Beides nicht“, sagte sie.

„Kann ich Ihren Führerschein sehen?“

„Habe ich nicht“, sagte sie. „Nie gemacht. Aber ich fahre sehr gut.“

„Wie machen Sie das?“

„Ich lasse machen“, sagte sie und zuckte die Schultern.

Stimmt. Ihr erstes Auto war wahrscheinlich eine Limousine gewesen.

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte er und reichte ihr die Hand. „Ich bin – Quinn. Quinn James.“ Der Name seines Bruders war ihm als Erstes eingefallen. Sie hätte ihn nur googeln müssen und hätte sofort gewusst, dass er für die Anwaltskanzlei arbeitete, die ihr das Leben schwer machte. Unter Pseudonym konnte er vielleicht lang genug anonym bleiben, um zu den drei Tanten durchzustoßen und ihnen sein Angebot zu machen. Danach wäre sein Name sowieso egal.

„Guter Name für einen Schriftsteller“, sagte sie. „Was für Bücher schreiben Sie?“

Weil er nicht noch mehr lügen wollte, entschied er sich dazu, das Thema zu wechseln. „Ich würde Ihre Arbeit unheimlich gern sehen. Sie sagten, dass Sie Eulen malen?“

„Nein“, erwiderte sie. „Eulen schwirren mir nur in letzter Zeit viel im Kopf herum. Sie besuchen mich in meinen Träumen. Das ist wahrscheinlich ein Zeichen, ich weiß nur noch nicht, wofür. Können Sie sich vorstellen, was es bedeuten könnte?“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, nein.“ Tristan ging zur Fahrertür und öffnete sie für sie.

So weit lief eigentlich alles perfekt. Allerdings hatte er nun das Problem, dass er zwar einerseits in die Kolonie eingeladen worden war, dass er dafür jedoch andererseits mit einem Roman aufkommen musste, oder wenigstens mit ein paar Seiten. Davon abgesehen stand ihm natürlich noch die größte Prüfung bevor – die Begegnung mit den Schwestern.

Er umkreiste den Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er war fest entschlossen, diese seltsame und doch wunderschöne junge Frau besser kennenzulernen. Denn irgendwo tief in seinem Innersten spürte er, dass Lily der Schlüssel zu allem sein konnte, was er sich wünschte – beruflich wie privat.

„Er ist Anwalt, jede Wette.“

Lily schritt im Wohnzimmer ihrer Großtante Violet auf und ab, die wie immer in ihrem Tänzerinnen-Outfit, bestehend aus einem schwarzen Gymnastikanzug mit Chiffon-Rock, in einem Sessel saß und an ihrem Tee nippte. Die grauen Locken hatte sie mit einem Tuch kunstvoll hochgebunden, ihre Augen waren dunkel geschminkt. „Setz dich, Lily. Ich glaube, dass deine Fantasie schon wieder mit dir durchgeht.“

„Ich habe recht, ganz sicher. Er behauptet, Schriftsteller zu sein – aber hast du schon mal einen Schriftsteller mit so einem Auto gesehen? Mit einem Mercedes-Cabriolet? In Minnesota? Weißt du eigentlich, was dieses Auto aussagt?“

„Mir war nicht bewusst, dass Autos jetzt schon sprechen können.“

Lily verdrehte die Augen. „Du weißt doch, was ich meine.“

„Bitte, Lily, drück dich genauer aus. Wenn du nicht damit aufhörst, so zwischen den Themen hin und her zu springen, klingst du bald wie Daisy. Zu versuchen, ihren Gedanken zu folgen, ist so, als würde man einem Kolibri durch den Wald nachjagen.“

„Ich wechsle das Thema überhaupt nicht. Dieses teure Cabrio sagt mir, dass er Anwalt ist. Es sagt jedem, den es interessiert, dass er wohlhabend genug ist, sich ein Sommer- und ein Winterauto leisten zu können. Und dann diese Schuhe. Und die Uhr.“

„Vielleicht ist er ein Anwalt, der Schriftsteller werden möchte“, schlug ihre Tante vor. „Musst du immer so misstrauisch sein? Nicht jeder da draußen hat es auf uns abgesehen.“

„Ich versuche nur, uns alle hier zu beschützen“, sagte Lily.

Die Tür zu Violets Hütte ging auf, und ihre beiden Schwestern kamen hereingeeilt. Rose, die jüngste der drei, trug die langen grauen Haare zu einem hohen, unordentlichen Dutt zusammengebunden. Sie war Komponistin und arbeitete unentwegt an neuen Stücken. Im Laufe des Tages steckte sie sich nach und nach immer mehr Bleistifte in den Dutt, sodass sie irgendwann wie eine Geisha aussah.

Die mittlere Schwester, Daisy, war eine Malerin wie Lily und lief normalerweise in einem farbverschmierten Malerkittel herum, ein knallpinkes Band in den Haaren.

„Was ist los?“, fragte sie. „Ich muss dringend zurück an die Arbeit. Habt ihr diesen Sonnenaufgang heute Morgen gesehen?“ Sie seufzte. „Paris, 1963.“

Violet bedeutete ihren Schwestern, auf dem Sofa Platz zu nehmen. „Lily meint, hier in der Kolonie einen Anwalt entdeckt zu haben.“

„Was? Spaziert der hier einfach so herum?“, fragte Rose.

„Nein“, sagte Lily. „Er gibt vor, Schriftsteller zu sein. Und dass er gern hier wohnen würde.“

„Wie nennt man eigentlich diese Wolken, die wie Pferdeschweife aussehen?“, fragte Daisy.

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Lily. „Aber ich nehme an, dass er versuchen will, an euch drei heranzukommen.“

„Das soll er nur versuchen. Du weißt doch, dass wir uns nicht überreden lassen“, sagte Violet. „Nichts, was er sagt, wird unsere Meinung ändern. Wir verlassen die Kolonie nicht, ganz einfach.“

„Was soll ich also mit ihm anstellen?“, fragte Lily.

„Vielleicht sollten wir ihn aufnehmen“, sagte Violet. „Er könnte uns eventuell irgendwann noch nützlich werden. Und wäre es nicht sowieso schlau, ihn im Blick zu behalten?“ Sie lächelte. „Wir könnten uns doch auf ein kleines Katz-und-Maus-Spiel mit diesem Anwalt einlassen. Und sobald er uns langweilt, schicken wir ihn wieder nach Hause. Wir hatten schon lange keinen solchen Spaß mehr. Kommt, wir fragen ihn, ob er bleiben möchte.“

„Ich habe Finch gebeten, ihm die Kolonie zu zeigen, während wir uns besprechen“, sagte Lily. „Er bringt Quinn zum Tee hierher, wenn sie durch sind. Aber wir sollten einen Plan vorbereitet haben, bevor er kommt.“

„Wie alt ist er?“, fragte Rose.

„Ungefähr mein Alter, denke ich“, antwortete Lily.

Die Tanten warfen sich lächelnd Blicke zu. „Und sieht er gut aus?“, fragte Violet.

„Nein, er sieht aus wie ein Anwalt“, sagte Lily. „Wie einer dieser verkorksten, gemeinen Typen, die Leute wie uns zum Frühstück verspeisen.“

„Oh, so schlimm wird er schon nicht sein. Selbst ein Anwalt muss doch irgendwelche Vorzüge haben, die ihn in deinen Augen wenigstens ein bisschen besser dastehen lassen.“

„Sie können einen aus dem Knast holen, wenn man beim Opernball eine Schlägerei angezettelt und dem Polizeipferd einen Schlag verpasst hat“, warf Daisy ein.

„Ich bin mir sicher, dass wir drei ihm mit der Zeit die Wahrheit schon entlocken werden“, sagte Violet.

Es klopfte an der Tür. Violet stand auf, strich sich eine Strähne ihres Haars hinters Ohr und befestigte sie unter ihrem Tuch. „Dann wollen wir uns Lilys Anwalt doch einmal genauer ansehen.“

Lily hielt die Luft an, als ihre Tante zur Tür ging. Einen Augenblick später betrat Mr. Quinn James mit geschmeidigen Schritten die Hütte. Alle Anwesenden verfolgten ihn mit aufmerksamen Blicken. Sofort konnte Lily erkennen, dass selbst ihre Tanten ihn attraktiv fanden. Was hatte dieser Mann nur an sich?

Waren es die beinahe schwarzen Haare, die so aussahen, als käme er geradewegs aus dem Bett? Oder seine Züge, die so ebenmäßig waren, dass die Suche nach einem Schönheitsfehler aussichtslos war? Oder seine Stimme, die tief und warm war und so sexy, dass ihr Herz bei jedem Wort, das er sagte, etwas schneller schlug?

Violet hielt ihm die Hand gebeugt entgegen, einen förmlichen Handkuss statt eines höflichen Händeschüttelns erwartend. Es überraschte Lily, dass er dieses subtile Zeichen erkannte und seinen Kopf neigte, um mit den Lippen einen leichten Kuss auf ihren Handrücken zu hauchen.

„Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Violet.“

Violet stellte ihm ihre Schwestern vor, denen Quinn ebenfalls die Hände küsste.

„Quinn James, zu ihren Diensten“, sagte er. Dann setzte er sich neben Lily, wobei sein Oberschenkel den ihren berührte. Ein Gefühl von Wärme schoss durch ihr nacktes Bein, und sie spürte, wie ihre gesamte Aufmerksamkeit sich dort konzentrierte, wo er sie berührte. Ihr Puls ging schneller.

„Woher kommen Sie, Mr. James?“, fragte Violet.

„Nennen Sie mich Quinn“, sagte er. „Aus Minneapolis-Saint Paul. Ich bin in St. Paul geboren und habe dort mein ganzes Leben verbracht.“

„Und wie lange schreiben Sie schon?“, fragte Rose.

„Seit fünf Jahren, und das mal mehr, mal weniger. Ich habe jetzt erst erkannt, dass das Schreiben etwas ist, das ich unbedingt machen will.“

„Lily hat uns erzählt, dass sie eine Weile bei uns bleiben möchten“, sagte Rose.

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir überhaupt einen freien Platz haben“, warf Lily ein. „Eventuell müssen Sie sich eine Hütte mit jemandem teilen. Normalerweise nehmen wir unveröffentlichte Autoren auch gar nicht auf. Es sei denn, wir bekommen als Gegenleistung das Werk als Erste zu lesen.“

„Nun, Liebes, ich bin mir sicher, dass wir eine schöne Unterkunft für unseren Gast finden können. Er hat doch immerhin etwas Wichtiges zu tun.“ Violet betrachtete ihn eingehend.

„In Finchs Hütte ist doch noch ein Schlafzimmer frei“, schlug Rose vor. „Finch freut sich bestimmt über die Gesellschaft.“ Rose lächelte Quinn zu. „Was meinen Sie, Mr. James? Wir würden uns freuen, wenn Sie hierblieben.“

„Es macht mir überhaupt nichts aus, meine Unterkunft zu teilen“, entgegnete er.

„Sehr schön“, sagte Violet. „Jetzt, wo alles geregelt ist, möchten Sie vielleicht einen Tee mit uns trinken, Mr. James?“

„Ich muss tatsächlich noch einmal in die Stadt zurück“, antwortete er. „Um meine Sachen zu holen.“

„Sie haben nichts dabei?“, fragte Violet.

„Ich war mir nicht sicher, ob Sie mich überhaupt willkommen heißen.“ Mit einer kleinen Verbeugung stand er auf. „Doch jetzt, wo alles geklärt ist, kann ich es kaum erwarten, loszulegen. Meine Damen – wir sehen uns morgen.“

„Sorgen Sie dafür, dass Sie spätestens morgen Abend um sieben Uhr wieder hier sind“, sagte Rose. „Billy Farnsworth-Chadwick wird ein paar Szenen aus dem Othello in unserem kleinen Theater vortragen, und er hat Violet darum gebeten, ihre Desdemona zu geben. Die Rolle hat sie nicht mehr gespielt, seit sie London verlassen hat.“

„Um nichts in der Welt will ich das verpassen“, entgegnete Quinn.

Lily ging nach draußen und hielt ihm die Tür auf. „Ich hätte Sie vielleicht vor meinen Tanten warnen sollen“, sagte sie, als sie gemeinsam die Stufen der Veranda hinabgingen.

„Nein“, erwiderte er. „Sie sind entzückend. Stand Miss Violet wirklich mal in London auf der Bühne?“

„Das weiß man bei den dreien nie so genau“, sagte Lily. „Manchmal sind ihre Geschichten wahr. Und manchmal sind es nur Wunschträume. Ich versuche normalerweise nicht, das auseinanderzuhalten. Solange sie glücklich sind, bin ich es auch.“

Als sie das Auto erreichten, nahm Quinn ihre Hand und berührte ihren Handrücken ganz sanft mit den Lippen. Ein Schauer lief ihren Rücken hinab – schon seine kleinste Berührung reichte aus, um ihr das Blut heiß durch die Adern schießen zu lassen.

Es war lange her, dass ein Mann das letzte Mal mit seinen Lippen ihren Körper berührt hatte. Doch er konnte nicht vor ihr verbergen, dass er sich ebenfalls zu ihr hingezogen fühlte. Vielleicht würde es ihr ja gelingen, diese Tatsache zu ihrem Vorteil zu nutzen?

Erst einmal wollte sie ihn jedenfalls genau im Blick behalten. Sie würde den wahren Grund für seinen Aufenthalt in ihrer Kolonie herausfinden, und sollte er tatsächlich für ihre Familie arbeiten, würde sie ihn sofort rausschmeißen.

„Dann bis morgen, nehme ich an“, sagte sie.

„Brauchen Sie irgendetwas aus der Stadt?“, fragte Quinn.

„Da fällt mir spontan nichts ein“, entgegnete Lily. „Bringen Sie mir doch einfach etwas Interessantes zu lesen mit. Ihren Roman zum Beispiel.“

Er lachte leise und setzte sich ans Steuer.

„Auf Wiedersehen, Lily“, sagte er.

„Auf Wiedersehen, Quinn.“ Lily trat einen Schritt zur Seite, und als er den Wagen startete und davonfuhr, sah sie ihm noch lange hinterher.

Sie musste einen klaren Kopf behalten, wenn sie seinen wahren Motiven auf die Spur kommen wollte. Er war unheimlich charmant, doch sie durfte sich von ihm nicht den Kopf verdrehen lassen. Denn wenn er nicht der war, der er zu sein vorgab, musste sie dafür sorgen, dass er die Maske fallen ließ.

Die Maske fallen lassen … Die Hüllen fallen lassen … Lily musste lächeln. Es kam nicht oft vor, dass ein junger gut aussehender Mann in ihre Kolonie spaziert kam – doch wenn sich dann und wann einmal ein solches Exemplar zu ihnen verirrte, wusste Lily die Situation für gewöhnlich ziemlich gut auszunutzen. Eine kleine Sommerromanze tat ihrer Kreativität immer gut. Ihre besten Werke waren entstanden, während sie eine solche, meist kurze, Affäre gehabt hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Quinn war nicht der, der er vorgab zu sein, rief sie sich in Erinnerung. Erst einmal war es also das Klügste, ihn auf gesunder Distanz zu halten.

Sie zitterte und rieb sich die Arme, denn plötzlich hatte sie eine Gänsehaut. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie unter ihrer weiten Baumwolltunika keine Unterwäsche trug.

Lily stöhnte leise auf und machte sich auf den Weg zu ihrer Hütte zurück. Sie war es gewohnt, sich einfach das überzuwerfen, was griffbereit war. Doch mit diesem gefährlich attraktiven Mann in ihrer Nähe musste sie sich in den nächsten Tagen vielleicht ein wenig genauer überlegen, was sie anzog.

„Liebe Kollegen, unsere Firma ist seit über drei Jahren mit diesem Fall befasst, und bisher können wir ziemlich wenig vorweisen. Die drei Schwestern leben noch immer froh und zufrieden auf dem Grundstück und haben nicht im Geringsten vor, das Feld zu räumen. Mein Plan ist, möglichst nah an sie heranzukommen und herauszufinden, was sie sich wirklich wünschen. Und das große Rätsel, das ich damit lösen werde, ist doch die Frage, welches Angebot die drei Schwestern nicht ausschlagen können.“

Tristan sah sich im Raum um, suchte nach Zeichen der Zustimmung für seine unkonventionelle Idee. Die Kanzlei Forster und Dunlap war in der Regel ganz und gar nicht unkonventionell. Eigentlich kam sich Tristan hier schon seit seinem ersten Tag wie der Freak unter lauter prüden, spießigen Anwälten vor. Doch immerhin hatte die Kanzlei einem Typen wie ihm, dessen Charmelevel zwar sehr hoch, dessen Notendurchschnitt dafür jedoch eher niedrig gewesen war, eine Chance gegeben und ihn eingestellt.

Das Jurastudium war so viel härter gewesen, als Tristan es sich je vorgestellt hatte. Allerdings hatte es das Leben bis dahin sowieso noch nie besonders gut mit ihm gemeint – oder mit seinen beiden Brüdern. Sie waren schon immer dazu gezwungen gewesen, allein zurechtzukommen. Seine Eltern hatten sich ohnehin nie besonders gut um ihre Kinder gekümmert, doch dann war sein Vater gestorben, seine Mutter war überhaupt nicht mehr zurechtgekommen, und schließlich hatte das Jugendamt seine Brüder und ihn zu einem Leben in Heimen und bei Pflegefamilien verdammt.

Thom, Jamie und er hatten das alles überlebt – nur wie, das war Tristan bis heute ein großes Rätsel. Vielleicht war es die Stärke gewesen, die sie einander gegeben hatten und aus der eine sture Entschlossenheit erwachsen war, es gemeinsam zu schaffen.

Die Schulzeit hatte er mithilfe eines Stipendiums und diverser Jobs überstanden, doch das Jurastudium war noch einmal ein ganz anderes Kaliber gewesen. Die Kosten und die Anforderungen hatten ihm beinahe das Genick gebrochen. So gerade eben war es ihm gelungen, einen Vollzeitjob und das Abendstudium parallel zu schaffen – was bedeutete, dass er sich pro Nacht nicht mehr als vier oder fünf Stunden Schlaf hatte erlauben können.

Doch Tristan hatte immer gewusst, wofür er das alles tat. Zuerst wollte er der ganzen Welt beweisen, dass der älteste Sohn von Denny Quinn mehr war als der Sohn eines Kriminellen. Und dann hatte er sich selbst beweisen müssen, dass er es schaffen konnte. Dass er immer etwas zu Essen im Kühlschrank und einen warmen Schlafplatz haben würde.

Er räusperte sich und wartete auf eine Reaktion der Partner, die vor ihm saßen. Sein Vorschlag war natürlich etwas gewagt. Doch sie hatten schon alles andere versucht, und bisher hatte nichts funktioniert. Es war an der Zeit für kreative Lösungen. Und er hatte die Einladung in die Kolonie bereits in der Tasche. Warum also sollten sie diesen glücklichen Zufall nicht zu ihrem Vorteil nutzen?

Bob Foster, einer der beiden Hauptinhaber der Kanzlei, ergriff endlich das Wort. „Aber wie wollen Sie diese Scharade denn durchziehen? Sie sind doch überhaupt kein Schriftsteller.“

„Das ist doch nur ein kleines Detail am Rande“, sagte Tristan. „Bestimmt wollen sie irgendwann etwas von mir lesen, aber diesen Zeitpunkt werde ich so lange herauszögern wie möglich. Ich werde meine volle Aufmerksamkeit den Pigglestone-Schwestern widmen und alles daransetzen, sie besser kennenzulernen. Wenn ich sie dazu bringe, mir zu vertrauen, nehmen sie vielleicht ein Angebot von uns an.“

Reggie Dunlap, die andere Hälfte von Forster und Dunlap, kicherte leise. „Ich muss schon sagen, das ist ein verdammt kreativer Zugang zu unserem Problemfall. Wenn sie eins haben, Quinn, dann ist das Charme, soviel steht fest. Was meinen Sie also, wie lange wird es dauern, bis wir eine Antwort vorliegen haben?“

„Das kommt darauf an“, antwortete Tristan.

„Worauf?“, fragte Forster.

„Darauf, wie lange ich vorgeben kann, Quinn James zu sein. Und darauf, wie lange die Schwestern brauchen werden, bis sie mir vertrauen.“

„Was ist mit Lily Harrison?“, fragte Forster. „Sie hat den größten Einfluss auf die Damen. Wie wollen Sie mit ihr verfahren?“

„Ich nehme an, dass sie am einfachsten zu knacken sein wird“, sagte Tristan. Er hatte doch direkt gespürt, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie es gewesen war, die die Schwestern dazu überredet hatte, ihn in der Kolonie bleiben zu lassen.

„Sie wird höchstwahrscheinlich trotzdem sehr skeptisch sein. Und dass Sie sich dieses Schriftsteller-Pseudonym ausgedacht haben, macht mich auch nicht unbedingt froh. Sie brauchen ein Manuskript.“

Tristans Assistentin, Melanie Parker, hob schüchtern die Hand. „Melanie?“

„Ich … ich würde gern etwas vorschlagen“, sagte sie. „Ich schreibe selbst ein wenig und arbeite seit ungefähr einem Jahr an einem Roman. Es ist ein Thriller mit ein paar romantischen Zügen. Ich habe ihn beinahe fertig. Tristan darf ihn gerne als seinen ausgeben.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen“, entgegnete Tristan.

„Wer weiß“, sagte sie. „Vielleicht lernen Sie ja einen berühmten Schriftsteller kennen, der mein Manuskript an einen Verlag vermitteln kann. Im schlechtesten Fall erhalte ich meinen Roman mit einer Kritik oder ein paar nützlichen Hinweisen zurück.“

Tristan brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass in der Kolonie eigentlich fast nur Rentner und ehemalige Künstler lebten. Er bezweifelte, dass dort irgendjemand lebte, der noch Verbindungen ins Verlagswesen hatte. Doch Melanie meinte es gut und wollte helfen. Wenn dieser Plan aufging, würde er sich selbst dahinterklemmen, für sie einen Verlag zu finden. Zugleich hoffte er allerdings beinahe, dass ihr Buch schlecht geschrieben war – denn das würde sicher weniger Lilys Aufmerksamkeit erregen.

„Ein guter Plan“, sagte Reggie. Er stand auf beendete damit das Meeting. „Sie haben einen Monat, Quinn. Wenn Sie das hinbekommen, haben Sie sich eine Position als Junior Partner gesichert.“

Tristan stand auf, während die Inhaber den Raum verließen. Als sie gegangen waren, atmete er tief durch. „Danke“, sagte er lächelnd zu Melanie, während er sich in seinen Sessel zurücksinken ließ. „Ihr Vorschlag hat den Deal besiegelt, glaube ich.“

„Vielleicht hätte ich gar nicht davon anfangen sollen“, sagte sie. „Jetzt wird sich jeder fragen, ob ich nicht eigentlich Schriftstellerin werden möchte, statt die beste Rechtanwaltsgehilfin, die Foster und Dunlap je gesehen haben. Am besten erzählen Sie allen, dass Sie mein Buch ganz furchtbar finden.“

Tristan sammelte seine Unterlagen zusammen und verstaute sie in seiner Aktentasche. „Ich bezweifle, dass es furchtbar sein wird“, sagte er. „Sie sind bestimmt eine sehr gute Autorin.“ Er hielt kurz inne, bevor er die Tasche schloss. „Fragen Sie sich nie, was ihre eigentliche Bestimmung in dieser Welt ist? Vielleicht sind Sie eigentlich dazu ausersehen, Autorin zu sein und nicht Rechtsanwaltsgehilfin.“

„Das würde mir schon gefallen“, sagte Melanie. „Versprechen Sie mir, dass Sie mir eine ehrliche Rückmeldung geben, sollten Sie das Buch lesen?“

Ihre Blicke trafen sich, und Tristan sah eine Verwundbarkeit in ihren Augen, die er bisher nur äußerst selten bei ihr erblickt hatte. In den drei Jahren, die er inzwischen mit Melanie zusammenarbeitete, waren sie zu einem sehr guten Team zusammengewachsen. Er spürte beinahe so etwas wie das Gefühl, sie beschützen zu müssen, so als wäre sie seine kleine Schwester. Sie trug ihre dunklen Haare immer in einem wirren Dutt, und ihre Hornbrille saß fast immer ein wenig schief auf ihrer Nase. Außerdem schien sie unförmige, weite Kostüme zu bevorzugen, die man im besten Fall als unvorteilhaft bezeichnen konnte.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er manchmal bemerkt, wie sie ihn mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht zu mustern schien, und er hatte sich gefragt, ob er irgendwelche höchst unangemessenen Gefühle in ihr weckte. Doch dann war mit einem Mal immer alles wieder wie früher, und ihm wurde klar, dass er mit der einzigen Frau weltweit zusammenarbeitete, die offensichtlich gegen seinen Charme immun war.

„Lassen Sie uns doch am besten sofort einen Blick in Ihr Manuskript werfen, was meinen Sie?“

„Im Ernst? Ich habe noch niemandem erzählt, dass ich schreibe. Sie werden der Erste sein, der das liest.“

2. KAPITEL

Lily saß auf den Stufen zu ihrer Hütte, die Arme um die Knie geschlungen, und konnte den Blick nicht von der Zufahrtsstraße zur Kolonie abwenden. Es war bereits drei Uhr nachmittags, und sie wartete nun schon seit dem Morgen auf Quinn.

„Reiß dich zusammen“, murmelte sie. Warum ging sie nicht ihren Beschäftigungen nach, so als wäre es ein ganz normaler Tag wie jeder andere? Sie war heute Morgen schon zum Badehaus gegangen und hatte geduscht, dann hatte sie auf dem Steg am See gesessen und sich ausgiebig die Haare gekämmt, bevor sie zur Speisehalle gegangen war, um zu frühstücken. Nach dem Mittagessen war sie sogar kurz in ihrem Studio gewesen, um sich dann endlich dazu durchzuringen, den Kampf aufzugeben und ihre Konzentration gleich ganz auf die Zufahrtsstraße zu lenken.

Was, wenn er sich umentschieden hatte und gar nicht mehr kommen wollte? Falls ihr Verdacht zutraf und er wirklich ein Anwalt war, der nur vorgab, Schriftsteller zu sein, hatte er auch jeden Grund dazu. Seine Lügen könnten so einfach auffliegen, vor allem dann, wenn er kein Manuskript vorzuweisen hatte.

„Hey Lily! Was für ein hübsches Kleid, willst du in die Stadt?“

Sie zwang sich zu einem Lächeln, als Bernie Wilson heranschlurfte. Bernie war der einzige noch schreibende Autor in der Kolonie, und mit vierundfünfzig Jahren war er auch der einzige Mann hier, der auch nur annähernd in ihrem Alter war. Irgendwie hatte diese Tatsache ihn zu dem Gedanken geführt, dass sie füreinander bestimmt sein mussten.

Bernie schrieb Science-Fiction-Romane und konnte davon ganz gut leben. Er hatte es jedenfalls definitiv nicht nötig, hier in der Kolonie zu wohnen, und dennoch verbrachte er seit acht Jahren jeden Sommer hier und war mit der Zeit ihr erfolgreichster Bewohner geworden.

„Stimmt es, dass jemand Neues einzieht?“, fragte er und schob seine Brille auf seinem Nasenrücken hoch.

Lily nickte. „Ja. Er kommt im Laufe des Nachmittags, denke ich.“

„Wo wird er wohnen?“

„In Finchs Hütte ist noch ein Zimmer frei. Dort bringen wir ihn unter, bis eine der Hütten auf der Halbinsel frei wird.“

„Ich habe heute einen Gelbbauch-Saftlecker gesehen“, sagte Bernie. „Gleich da drüben.“

„Ja, davon fliegen hier einige umher“, sagte Lily. Dann stand sie auf und wischte sich den Staub vom Kleid. „Bis später, Bernie.“

„Kommst du morgen früh zur Kritikerrunde?“

„Nein, ich habe nichts vorzulesen.“

„Klar. Kein Problem. Vielleicht ja nächste Woche.“ Er stand auf, hielt dann jedoch kurz inne. „Du schreibst sehr schöne Gedichte“, sagte er.

Lily lächelte. „Danke, Bernie. Ich sollte jetzt aber besser wieder zurück zu meinen Leinwänden. Außerdem spielt Violet später eine Othello-Szene mit Billy. Bestimmt brauchen die beiden meine Hilfe beim Bühnenaufbau. Mach’s gut.“

Sie eilte in Richtung der Studios davon, und in der Luft lag plötzlich zarte Harfenmusik. Evaleen Deschanter, eine Folk-Sängerin, saß auf der Veranda ihrer Hütte und sang zu ihrem Harfenspiel eine tragische Ballade von zwei unglücklich Verliebten.

„Hi, Lily“, sagte Evaleen und lächelte schüchtern, als sie näher kam. „Ich hörte, dass wir heute einen Neuzugang haben. Violet meinte, dass es sich um einen sehr gut aussehenden jungen Mann handelt, und ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen.“

Klatsch und Tratsch machten in der Kolonie schneller die Runde, als ein Feuer sich auf einem ausgedörrten Feld ausbreiten konnte. Normalerweise war Lily das egal, doch irgendwie schien sie diesmal ins Zentrum der Geschichte gerückt zu werden. Dieser Mann konnte ihr aller Feind sein, aber anscheinend war jeder ganz entzückt davon, ihn willkommen zu heißen.

Lily schüttelte den Kopf. „Er ist sehr charmant. Ich bin mir sicher, dass er hier bald eine Menge Verehrerinnen haben wird.“

Insgesamt verbrachten einundzwanzig Künstler den Sommer in der Kolonie, manche nur wenige Wochen, andere Monate. Vierzehn von ihnen waren weiblich, und Lily war die Einzige von ihnen, die ihren siebenundsechzigsten Geburtstag noch nicht gefeiert hatte. Die sieben Männer waren, mit Ausnahme von Bernie, auch alle über siebzig. Lily hatte die Tatsache akzeptiert, ihre Tage in einem regelrechten Seniorendomizil zu verbringen. Doch das schien sich nun radikal zu ändern.

Sie passierte drei weitere Künstler, die sie ebenfalls alle freundlich grüßten und ihr zulächelten, als würden sie ihr alles Gute wünschen. Als sie endlich die Sprossen zu dem Baumhaus hinaufkletterte, in dem ihr Studio untergebracht war, und die Falltür hinter sich zufallen ließ, musste sie sich sehr beherrschen, um nicht aus der Haut zu fahren.