»Was? Noch so eine Zicke im Haus?!« Mit dieser wenig schmeichelhaften Begrüßung beglückte mich mein damals neunjähriger Bruder, als ich ihn an einem frostigen Oktobertag des Jahres 1938 erneut zum Bruder gemacht hatte.
Zu meinem Glück und guten Gedeihen hat aber die Natur vorgesorgt und Tricks und Möglichkeiten erfunden, derartige Vorurteile und Antipathien abzubauen, ja sogar ins Gegenteil zu verkehren, und zwar mit den stammesältesten Mitteln: dem Geruch.
Lange schon ist bekannt, dass außer den starken, oft als lästig empfundenen Düften wie Fußschweiß oder Mundgeruch noch geheime Botenstoffe existieren, die zwar von unserem Gehirn nicht bewusst registriert werden, aber eine entscheidende Rolle bei den zwischenmenschlichen Beziehungen spielen. Diese Sexualduftstoffe oder Pheromone sind im ganzen Tierreich verbreitet und locken das Kiefernspanner-Männchen genauso in die Falle wie so manchen ahnungslosen Zeitgenossen.
Nun, ich glaube nicht, dass diese subtilen Kräfte bei meinem Bruder am Werke gewesen sind, sondern eher der sinnlich betörende – durchaus wahrnehmbare – Geruch von verdauter Muttermilch, der ihn bei Abwesenheit seiner »neuen Zicke« in das Gitterbettchen klettern ließ, nur »um sie zu riechen«.
Wie auch immer, meine Düfte hatten ihn gewonnen, und das langsam sich entwickelnde Kindchenschema, das die Natur ebenfalls so vorsorglich für die Schutzlosen entwickelt hat, brachte ihn ganz auf meine Seite.
Wenn ich die kleinen Schwarz-Weiß-Fotos meiner ersten Jahre betrachte, sehe ich ein rundliches, kleines Mädchen mit langen blonden Locken, Grübchen in beiden Wangen und einem schüchternen Blick. Jetzt kann ich verstehen, dass Geschwister oder auch Tanten und Onkel versucht waren, dieses kleine knuddelige Etwas auf den Arm zu nehmen und liebevoll mit Küsschen zu bedenken.
Damals – wenigstens soweit ich zurückdenken kann – war mir die viele Küsserei ein Gräuel, besonders wenn noch feuchte Spuren im Gesicht zurückblieben. So sehr ich auch meine großen Geschwister liebte und verehrte, die »Küsserei« führte zu wiederholten Kämpfen, bei denen sich meine Abwehrreaktionen und Körperkräfte zu ungewöhnlicher Stärke entwickelten, sodass es Kusswilligen immer schwerer wurde, an ihr Ziel zu gelangen.
Meine Geschwister fanden jedoch trotzdem einen Weg (der ethischmoralisch vielleicht nicht ganz einwandfrei war), und ich muss gestehen, dass ich mit der Zeit käuflich wurde.
Gar zu gerne ging ich mit meiner großen Schwester spazieren oder spielte mit meinem Bruder Ball. Beide aber nutzten diese gewisse Abhängigkeit aus, um dafür eine Belohnung zu erhalten. Diese belief sich im Allgemeinen auf drei bis maximal zehn Küsschen auf die Wange, je nach Zeitaufwand.
Wie sehr wünschte ich mir einen Spielgefährten, eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder. Die – hieß es – brachte der Klapperstorch. Obwohl ich gelegentlich einen Storch vorbeifliegen sah und sofort den Zauberspruch »Klapperstorch, du guter, bring mir ’nen kleinen Bruder, Klapperstorch, du bester, bring mir ’ne kleine Schwester!« anbrachte, kam er nie wie auf den Zeichnungen der Bilderbücher mit einem Baby dahergeflogen, das in einer Windel von seinem Schnabel herunterhing. Auch der gute Rat meiner Tante, ein Stückchen Zucker auf die Fensterbank zu legen, um ihn anzulocken, erwies sich als Fehlgriff. Der Zucker – zu der Zeit eine ungeheure Kostbarkeit – war zwar weg, aber ein Baby nicht in Sicht.
Vielleicht, so überlegte ich, war das mit dem Brüderchen oder Schwesterchen nicht der richtige Weg. Besser wäre es vielleicht, wenn ich selbst das Baby bekäme.
Eine Anfrage bei meiner großen Schwester, wie ich den Klapperstorch dafür gewinnen könnte, entmutigte mich vollends. »Dafür bist du noch viel zu klein, der bringt nur großen, erwachsenen Frauen ein Baby!«
Alles wurde wesentlich einfacher, als »Willem« auftauchte. Willem war mein Cousin, ein halbes Jahr älter als ich und immer bereit, mit mir zu spielen, ohne dafür Küsse zu verlangen.
Er zog mit seiner Mutter und seinem Bruder bei uns ins Haus ein, weil die Wohnung der Familie den Bomben zum Opfer gefallen war. Inzwischen wütete nämlich der große Krieg, von dem wir in unserem Städtchen bis dahin nichts abbekommen hatten, bis auf die Engpässe bei Lebensmitteln, Kleidung, Schuhen und allem, was so zum Leben notwendig war.
Mit Willem verstand ich mich prächtig. Wir bauten uns eine Hütte, ein Baumhaus, spielten mit Murmeln und sammelten Eicheln für die Schweine.
Auf die Frage der Erwachsenen, was denn wohl später aus mir werden solle, wenn ich so total das Küssen ablehnte, konnte ich nur kontern: »Das ist doch klar, ich heirate Willem, mit dem mache ich dann einen ›Vortrag‹!«
Die weitreichende Planung, Willem einmal zu heiraten, wurde sehr bald infrage gestellt, denn Willem bewährte sich nicht in der Art, wie ich mir einen Ehemann vorgestellt hatte. Dieser sollte ein verlässlicher Freund sein, er sollte Wert darauf legen, dass es mir gut ging, genauso wie ich es für ihn tun würde. Das sah nach dem Erlebnis mit dem Weihnachtspäckchen ganz anders aus:
Im letzten Kriegswinter wurde dazu aufgerufen, Weihnachtspäckchen an die Soldaten zu schicken. Die Idee, den armen Soldaten eine Freude zu machen, begeisterte schnell alle. Meine Großmutter strickte warme Socken mit dem Garn, das sie von einem alten Pullover geribbelt hatte, meine Mutter zweigte ein Stückchen Schinkenspeck aus eigener Schlachtung ab, und Willem und ich waren behilflich beim Plätzchenbacken in der Küche.
Es war ein schönes Päckchen, das wir so zusammengestellt hatten, nur fanden Willem und ich, es müsste noch etwas weihnachtlicher aussehen – vielleicht mit ein paar Tannenzweigen?
Im Garten gab es genug Tannengrün. So setzten wir den Gedanken schnell in die Tat um und pflückten ein paar sehr schöne, duftende Zweige.
Schicksalhaft dabei war nur, dass wir ausgerechnet die Kronen der von meinem Vater so sorgfältig gepflegten Schwarzwaldtännchen (die er selbst aus dem Schwarzwald mitgebracht hatte) abbrachen.
Die Tat wurde bald entdeckt, und mein sonst so besonnener, ruhiger Vater war außer sich. Dieser »Frevel« konnte nur mit einer Tracht Prügel auf das Hinterteil gesühnt werden, und zwar mit einer Gerte – einem sogenannten Wasserschössling eines Apfelbaumes –, die elastisch war wie eine Peitsche.
Ich hatte bis dahin nie mit dieser Art der Bestrafung Bekanntschaft gemacht (im Gegensatz zu meinem Bruder, der bereits mithilfe von Zeitungspolstern in der Hose Schmerz mildernde Maßnahmen ersonnen hatte).
Ich war wütend, weil wir ja nicht aus Bosheit, sondern mit bester Absicht, nur aus Dummheit gehandelt hatten. Aber auch Dummheit musste eben bestraft werden.
Inzwischen, da ich selbst in meinem Garten Pflanzen herangezogen und mühsam gepflegt habe, kann ich den Zorn meines Vaters weitgehend verstehen, wenngleich ich meine, er hätte über unsere Motivation nachdenken können.
Wie dem auch sei, Willem und ich bezogen beide ein paar Hiebe mit der Gerte, und damit war die Sache ausgestanden. Ich glaube nicht, dass ich einen bleibenden seelischen Schaden davongetragen habe.
Ein anderer Schaden war umso gravierender, denn leider war die Angelegenheit doch noch nicht ganz ausgestanden. Jetzt kam Willems unritterliches Betragen ins Spiel. Er beklagte sich nämlich, dass er einen Gertenhieb mehr erhalten habe als ich, und das sei ungerecht!
Gerechtigkeit gehörte ganz wesentlich mit zu dem Strauß preußischer Tugenden wie: Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Höflichkeit, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Ordnung, Gehorsam, die den Erziehungsstil der damaligen Zeit prägten.
Den Vorwurf, ungerecht gehandelt zu haben, konnte deshalb mein Vater nicht auf sich beruhen lassen.
Ich musste also noch einmal antreten und bekam trotz der Bitten und Klagen meiner mitfühlenden Mutter noch einen Hieb nachgereicht.
Schlimmer als das anschließende Brennen des Striemens auf der Haut empfand ich das Brennen in meiner Brust, das mir die Enttäuschung über das kleinmütige Verhalten meines zukünftigen Ehemannes verursacht hatte. Ich beschloss, ihn aus meinen Heiratsplänen zu streichen.
In der heutigen Zeit, in der mich meine Enkel bereits über den GPunkt aufklären oder selten ein Liebesfilm ohne deutliche Darstellung des Liebesaktes gezeigt wird, kann man sich kaum vorstellen, wie schwierig es für ein fünfjähriges Mädchen in den Vierzigerjahren war, an gezielte Informationen zu kommen.
Schon die Benennung der Geschlechtsorgane geschah – wenn überhaupt – in verniedlichender Form. So war etwa das weibliche »das Pümmi«, das männliche »der Pieper«. Immerhin wusste man, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gab, wie die aber aussahen, war lange ein Geheimnis. Sehr schamhaft wurde die entscheidende Gegend immer bedeckt.
Auch wenn ich mit meinem Vater zusammen in der großen Badewanne baden durfte – was ein unsägliches Vergnügen war, denn das warme Wasser reichte dann bis zum Hals, während beim alleinigen wöchentlichen Bad am Samstag nicht einmal der Bauchnabel im Liegen bedeckt war – selbst dann waren die interessanten Teile immer unter einem Waschlappen verborgen.
Genauso bedeckt zeigten sich die Gespräche bei Tisch. Jedes Mal, wenn in irgendeiner Weise ein Thema berührt wurde, das die Erwachsenen mit vielsagendem Lächeln erwähnten, wie etwa eine Liebschaft oder Ähnliches, kam sofort von meiner Mutter das von mir gehasste Wort »Bornum« und man sprach nur noch über das Wetter oder die Lebensmittelknappheit.
Entscheidende Fortschritte in meinem Wissensdrang erzielte ich erst, als Elisabeth zu uns kam.
Elisabeth war ein Flüchtling aus Schlesien, etwa 25 Jahre alt, hatte lange schwarze Haare und auch sehr dunkle Augen und tat mir unendlich leid, nicht etwa weil sie als »Hausmädchen« bei uns praktisch von morgens bis abends arbeitete, sondern weil sie auch am Sonntag in aller Herrgottsfrühe aufstehen und zur Kirche gehen musste. Elisabeth war nämlich katholisch, und der Kirchgang um sechs Uhr morgens am Sonntag war Pflicht.
Elisabeth war, schon ehe sie zu uns kam, verheiratet mit einem Herrn Kusack, aber ihr Ehemann hatte sich aus dem Staube gemacht (erzählte mir meine große Schwester).
Scheiden lassen durfte sich Elisabeth nicht, weil das nach den Vorstellungen der katholischen Kirche eine Todsünde darstellte, die man im Fegefeuer zu sühnen hatte.
Bei Elisabeths Schilderungen des Fegefeuers, das mich sehr interessierte, kam ich zu der Überzeugung, dass ich mich niemals scheiden lassen wollte – wie gut, dass ich mich bei Willem noch nicht festgelegt hatte!
Nun, Elisabeth war jung, fröhlich und hübsch, und das gefiel auch Bodo.
Bodo war bei uns im Haus in einem Labor von meinem Vater als Zahntechniker angestellt. Ich mochte ihn, weil er immer zu Späßen aufgelegt war und mir manchmal sogar ein Bonbon schenkte – zu der Zeit der höchstmögliche Luxus.
Auch Bodo war jung, fröhlich und hübsch. Oft sah ich die beiden miteinander plaudern und lachen. Einmal entdeckte ich sie sogar im Garten hinter einer hohen Hecke, wie sie sich zärtliche Küsse gaben, die so ganz anders aussahen als die bei mir von meinen Geschwistern erkauften, und ich vermutete, dass es vielleicht doch noch Geheimnisse um die »Küsserei « gab, von denen ich nichts wusste.
Diese Vertraulichkeit der beiden sollte mich in der Erforschung der großen Geheimnisse einen riesigen Schritt vorwärtsbringen.
Etwa ein knappes Jahr, nachdem Elisabeth zu uns gekommen war, gab es eine enorme Aufregung. Nur mit Mühe waren bei Tisch die Andeutungen auf Elisabeths »Zustand« mit mehreren »Bornum« in Schach zu halten.
Es war meine große Schwester, die mich nach endlos quengelnder Fragerei in das Geheimnis einweihte: Elisabeth bekam ein Baby!
Oh, was war ich neidisch! Ich hatte mir doch so sehr ein Baby gewünscht und alles Handeln mit dem Klapperstorch – selbst das geopferte Zuckerstückchen – hatte nichts gebracht!!
Nun, bald sah ich, dass es wohl besser so gewesen war, denn meine Schwester erklärte mir auch noch etwas Ungeheuerliches: nämlich dass der Klapperstorch nicht so eine entscheidende Rolle spielt, dass ein Baby im Bauch der Mutter heranwächst und dass dafür auch ein Vater notwendig ist (in welcher Weise, ließ sie allerdings offen). In einem dicken Buch zeigte sie mir ein Bild einer Frau mit einem sehr großen Bauch, den konnte man aufklappen und darin ein zusammengekrümmtes Baby entdecken.
So sah es jetzt also in Elisabeths Bauch aus! Irgendwie war ich jetzt doch sehr froh, dass die Sache mit dem Baby bei mir nicht geklappt hatte.
So dankbar ich meiner Schwester auch für die anschaulichen Bilder war, so unbefriedigend war es, dass noch immer entscheidende Fragen offenblieben: Wie kam das Baby da heraus?
Und noch viel wichtiger: Wie kam es da hinein? Den Klapperstorch konnte ich wohl wirklich dabei vergessen.
Eine entsprechende Anfrage bei meiner Mutter führte nur zu der verlegenen Äußerung, dass mein Vater mir das erklären würde. Wahrscheinlich hat sie ihm gesagt. »Andreas, es wird, glaube ich, Zeit, du musst das Kind aufklären!«
Mein Vater löste das Problem auf die damals gängige Art, indem er mit mir in den Garten hinausging. Es war Frühling, und die Kirschbäume standen in voller Blüte.
Oft schon war ich mit ihm in Wald und Feld spazieren gegangen, und jedes Mal hatte er mir etwas Interessantes gezeigt oder mir die Namen von Bäumen und Blumen beigebracht. Diesmal machte er mit mir bei den Kirschbäumen halt und zeigte mir den Aufbau der Kirschblüte.
»Sieh mal, das ist der Stempel, das ist der weibliche Teil der Blüte. Ringsherum sind die Staubgefäße, das ist der männliche Teil, und diese vielen summenden Bienen, die holen sich ihre Nahrung aus der Blüte und übertragen damit den männlichen Staub auf den weiblichen Stempel. Daraus wächst dann die Frucht – die leckere Kirsche. Ja, siehst du, und bei den Menschen ist das genauso.« Damit verließ er mich.
Ich blieb etwas ratlos zurück. Natürlich, ich wusste ja inzwischen, männlich (Vater) und weiblich(Mutter) war nötig, dass ein Baby entsteht, aber was war der männliche Staub? Und wer oder was waren die Bienen?
Währenddessen wuchs Elisabeths Bauch zu einer runden Kugel heran. Hartnäckig weigerte sie sich zu sagen, wer der Vater des Babys war, beziehungsweise wer den männlichen Staub geliefert hatte – wie ich ja jetzt wusste.
Natürlich fiel der Verdacht sofort auf Bodo. Mein Vater unterzog ihn einem strengen Verhör, bei dem Bodo alles weit von sich wies. Zufällig hörte ich, wie er hoch und heilig schwor, seine Hände sollten ihm abfallen, wenn er etwas damit zu tun hätte.
Das war eine sehr gefährliche Äußerung, denn er war ein sehr geschickter Zahntechniker und ohne Hände hätte er niemals den kunstvollen Zahnersatz erschaffen können. Wollte er durch diese Lüge tatsächlich seinen Beruf riskieren? Denn dass er log, war mir eindeutig klar, schließlich hatte ich ja selbst die Küsserei der beiden beobachtet!
Aufmerksam achtete ich in den nächsten Wochen darauf, ob sich an Bodos Händen etwas veränderte, aber er war weiterhin geschickt wie bisher.
Als Elisabeths Baby geboren war, stand es aber auch offiziell fest, dass er der Vater war.
Mein Glaube an heilige Schwüre war hoffnungslos erschüttert, als auch in den folgenden Wochen keine Hände abfielen, noch nicht einmal im darauf folgenden Jahr, als Elisabeth das zweite Baby von ihm bekam.
Mit den Bienen war ich dabei nicht viel weiter gekommen. Auch meine Großmutter konnte mit ihrer bedeutungsvollen Äußerung »Das ist die Liebe …« nicht wesentlich zur Klärung beitragen.
Was verstanden die Erwachsenen nur Merkwürdiges darunter? Meine Tante Anne, die sich grundsätzlich nur hinsetzte, wenn sie ihren Rock bis über beide Knie hochgezogen hatte, sprach sogar einmal von »Liebestötern«, als dabei eine braune wollene Unterhose sichtbar wurde. Konnte eine Unterhose die Liebe töten?