Du gehörst bestraft
von Drea Summer
dreasummerautor@gmail.com
1. Auflage, 2019
© Alle Rechte vorbehalten.
Los Tenderetitos 1, L 134
35100 San Fernando
San Bartolomé de Tirajana
Las Palmas de Gran Canaria
Spanien
Lektorat/Korrektorat: Lektorat TextFlow by Sascha Rimpl
Covergestaltung © Dream Design Cover and Art
Bottrop, Freitag nachts (in 10 Stunden)
Bereits das Klicken des Türschlosses jagte Sören eine Gänsehaut über den Rücken und brachte seinen Puls auf Touren.
Wie lange musste er hier noch aushalten? Wie viele Prüfungen musste er noch bestehen? Waren es Prüfungen oder nur der Vorgeschmack auf den bitteren Tod, der ihn erwartete? Welche Qualen musste er noch ertragen, bevor Gott ihn endlich zu sich nahm? Nichts wünschte er sich mehr, als zu sterben!
Er quälte sich langsam aus seiner Liegeposition hoch und stützte sich mit der rechten Hand auf dem Beton ab. Trotz der Hitze, die hier herrschte, und der stickigen Luft, die man fast zwischen den Fingern spüren konnte, war der Boden eisig kalt. Die Schmerzen zogen sich durch seinen ganzen Körper. Das Knien auf dem Rohrstock gestern – oder war es doch heute erst gewesen? – hatte seinen Muskeln noch den Rest gegeben. Er hatte keine Ahnung, wie lange er bereits hier war. Tage oder Wochen? Gefangen in einem dunklen Loch, in dem es abartig nach Fäkalien stank. Immer wieder wurde er unter Drogen gesetzt. Er vermutete, dass diese in den Fraß gemischt wurden, den man ihm vorsetzte. Vermutlich war es Hundefutter. Es schmeckte einfach beschissen. Aber wenn man Hunger hatte, dann aß man bekanntlich alles.
Die Hände, die ihn an seinen Schultern packten und auf die Füße zogen, bohrten die Fingernägel tief in sein Fleisch hinein.
»Steh auf, du Drecksack«, sagte die Frauenstimme. »Heute habe ich mir etwas Besonderes für dich ausgedacht.« Ein lautes Lachen und eine Ohrfeige folgten.
Sören zitterte am ganzen Körper, als sie ihm, wie schon etliche Male zuvor, die Augenbinde um den Kopf zurrte. Er schmeckte Blut in seinem Mund. Durch den Schlag war wohl seine Lippe aufgeplatzt.
»Das ist gut. Du siehst nichts.« Wieder ein lautes Lachen. »Komm schon. Wir müssen los.« Sie zerrte an seinem Oberarm.
Er setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Unter den nackten Fußsohlen fühlte er nach wenigen Schritten den Waldboden. Es musste Nacht sein, denn die kühle Luft legte sich wie ein Schleier auf seine Haut. Ganz in der Nähe hörte er den Schrei eines Tieres.
»Bitte!«, flehte er sie mit brechender Stimme an. »Ich gebe dir alles, was ich habe. Aber bitte lass mich frei!«
Statt einer Antwort zog sie fester an seinem Arm. Er verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Die kleinen Äste bohrten sich in sein Fleisch wie Stiche mit einem stumpfen Messer. Ein Schrei entrang sich seiner Kehle, und der Schmerz fuhr ihm durch Mark und Bein.
»Schrei nur. Dich hört hier sowieso keiner. Und jetzt steh endlich auf. Wir müssen weiter.«
Mühsam raffte er sich wieder auf. Mit jedem weiteren Schritt wuchs die Angst, was jetzt auf ihn zukommen würde. Jede Zelle in seinem Körper riet zur Flucht, wie etliche Male zuvor. Doch wie konnte er diesem Albtraum entkommen?
Vor Tagen oder Wochen hatte er friedlich in seinem Bett geschlummert und war durch ein Geräusch geweckt worden, das ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf geholt hatte. Noch bevor er wirklich begreifen konnte, was um ihn herum geschah, spürte er den Einstich in seine Halsschlagader, der ihn in eine Art Dämmerzustand versetzte, aus dem er bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht wieder erwacht war.
Er war mit seiner Entführerin mitten in einem Wald, das war das Einzige, was er mit Bestimmtheit wusste. Plötzlich roch er Rauch. Die will mich doch nicht auf einem Scheiterhaufen verbrennen?, schoss es ihm durch das Hirn. Seine Glieder versteiften sich, als sie stehen blieb und seinen Arm losließ. Sein Herz raste, und sein Mund war staubtrocken wie die Wüste Gobi. Seine Zunge klebte am Gaumen. Er stand wie angewurzelt da, und plötzlich hörte er einen Singsang, der wie eine Art Beschwörungsformel auf ihn wirkte.
Indulge, fatum, nobis exorcizare cupiditatem, retundere cupiditatem, expellere cupiditatem. Per ego atram caliginem iuro, te extraham ex cupiditate. Divites reveniemus. Exorcizamus te, anima arcana, catenisque exsolvo. Per ego oro measque, fatum, tuasque sorores opertae noctis et fatidicae.
Mehrere Frauenstimmen erklangen um ihn herum. Immer und immer wieder wiederholten sie diesen Gesang.
Bin ich hier in einem Hexenzirkel gelandet?
»Was ist hier los? Was wol…«, sagte Sören noch, bevor er den eiskalten Windhauch auf seinem Rücken spürte und das Klebeband auf seinen Mund geklatscht wurde.
Was habe ich den Frauen getan, dass sie mich töten wollen?
Der Rauch strömte in seine Luftröhre, und er hustete. Vor seinem geistigen Auge taten sich Abgründe auf. Er sah das Feuer, das unter ihm brannte, und wie die Flammen nach seiner Haut züngelten. Doch all das sollte nicht so kommen, wie er es sich vorgestellt hatte. Es wurde noch viel schlimmer.
München, Freitag nachmittags
›Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?‹ Als Drea diesen Satz zu Ende gelesen hatte, klappte sie ihren Laptop mit voller Wucht zu. Frustriert vergrub sie ihr Gesicht in den Händen und seufzte. Eine braune Locke wurde in die Finger mit eingeklemmt.
»Wer will denn so einen Schwachsinn lesen?«, sagte sie zu sich selbst. »Ein Thrillermärchen. Pah! Das war ja eine tolle Idee, die du da hattest.« Sie atmete tief ein und überlegte. Schließlich waren die Leser bisher einiges von ihr gewohnt. Prinzipiell ging es in ihren Büchern immer um brisante Themen, die in der heutigen Zeit aktuell waren. Aber ein Märchen? Wie soll ich das bloß umsetzen? Ein Prinz, eine Prinzessin und eine böse Stiefmutter. Toll! Und dann bringt die Prinzessin ihre Stiefmutter und den Prinzen um, weil die beiden ein Verhältnis haben, und brennt schlussendlich mit dem armen Müllersjungen durch. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. Drea lachte laut auf. »So eine blöde Idee«, murmelte sie vor sich hin.
Plötzlich klopfte es an der Tür ihres Arbeitszimmers, und ihr Lieblingsmensch trat ein.
»Schatz? Mit wem redest du? Bist du fertig? Wir müssen los.« Michael kam näher zu ihr. Er blickte zuerst auf den geschlossenen Computer und dann zu ihr. »Haderst du mit deinen Ideen? Wollen deine Protagonisten nicht so, wie du es willst, oder was ist los?« Er schaute sie mit seinen braunen Augen an.
Drea zog eine Schnute. »Ach, das war eine doofe Idee mit diesem Märchen. Das ist doch kein Thriller. Das ist Kinderkacke.«
»Aber wer behauptet denn, dass es ein Märchen sein muss, das es bereits gibt? Warum schreibst du nicht ein neues Märchen? Lass dir was einfallen. Du bist doch sonst so kreativ.«
Noch während er mit ihr sprach, stand Drea von ihrem Stuhl auf und öffnete den Kleiderschrank. Sie zog das weiße T-Shirt mit dem Aufdruck ihres Österreichthrillers aus dem Kasten.
»Stimmt. Mir fällt schon was ein.« Ein Lächeln krönte ihre Aussage, allerdings fühlte sie, dass sie selbst nicht ganz davon überzeugt war.
Auch Michael schien das zu merken. Schließlich waren die beiden seit über zehn Jahren ein Paar, und er kannte sie besser als sie sich selbst. Doch außer einem Schulterzucken kam keinerlei Reaktion von ihm, denn er wusste, in ihrer momentanen Verfassung brachten weder Zuspruch noch Widerworte etwas. Somit verließ er den Raum und ließ Drea allein.
Minuten später trat sie aus dem Arbeitszimmer hinaus. Heute war ihr Tag. Eine Lesung in einer großen Buchhandlung stand an. Schon vor zwei Monaten hatte sie diese kleine Wohnung in Schwabing angemietet. Michael hatte ein wenig gemault, weil sie sich im ersten Stock eines Mietshauses befand und es keinen Lift gab. Doch das Haus lag in einem ruhigen Wohngebiet, und Ruhe war das, was Drea zum Schreiben brauchte. Und auch Michael ging des Öfteren auf den Balkon und genoss den Blick auf den Englischen Garten. Bereits seit Wochen fieberte sie diesem Tag entgegen. Doch das heutige Schreibergebnis hatte ihr die Laune gehörig vermiest.
»Schatz? Hast du dir auf dem Stadtplan angesehen, wie wir in die Buchhandlung kommen? Wir sollten schon wissen, welche U-Bahn wir nehmen müssen.« Michael rief ihr die Worte aus dem Nebenraum zu, der aus einer Kochnische mit einem kleinen Esstisch bestand.
Drea verdrehte ihre Augen. »Ja, hab ich. Ich hab mich darum gekümmert. So wie immer halt.«
Michael schaute um die Ecke und zwinkerte ihr zu. »Deine schlechte Laune lässt du aber bitte zu Hause, ja?«
Fast automatisch zogen sich Dreas Mundwinkel nach oben. Ohne dass sie es wollte. Er schaffte es immer wieder, sie aufzumuntern. Jedes Mal. Sie schaute auf die große Uhr, die an der Wohnzimmerwand hing. Noch zweieinhalb Stunden, dann ging es los. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Über hundert Leute wurden erwartet. Hundert Leute, die eine Stunde lang an ihren Lippen hängen würden und ihr gespannt zuhörten. Zumindest hoffte sie das. Natürlich war dies nicht ihre erste Lesung, doch ihre erste in Deutschland vor so einer Menschenmasse. Bisher hatte sie ihre Veranstaltungen auf Gran Canaria abgehalten. Ihrem Wahlzuhause. Auf einem weißen Plastikstuhl, irgendwo in einem Lokal unter Palmen. Wieder kam ihr die Liste der eingeladenen Gäste in den Sinn. Journalisten, Personen des öffentlichen Lebens Buchblogger, Fans – alle hatten zugesagt. Da darf einem der Arsch ruhig auf Grundeis gehen.
München, Freitag nachmittags
Alexander Hoflechner packte seine Habseligkeiten in eine Reisetasche, da hörte er die Stimme seiner Mutter aus dem Untergeschoss. »Alexander? Nimm auch deine langen Unterhosen mit. Es ist kalt in München. Dort geht immer der Wind.«
»Ja, Mama.« Alexander seufzte. Auf keinen Fall würde er die langen Unterhosen mitnehmen. Und sie würde es nicht merken, weil er seine Sachen selbst packte. Schließlich war er dreiundzwanzig Jahre alt und kein Baby mehr. Minuten später stand er mit seiner Tasche und seiner Spiegelreflexkamera um den Hals im Erdgeschoss. Gerade eben strich er seine blonden Haare nach hinten und band sie mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz. Seine Mutter drückte ihm wie immer einen Kuss auf die Wange. Er ließ es über sich ergehen. Er hasste es, wenn sie das machte. Doch einen Lichtblick gab es. Seitdem er den Job bei der Süddeutschen Zeitung bekommen hatte, hatte er sich einige Geldscheine zur Seite legen können und sparte auf die Kaution für eine eigene Wohnung. Seine erste Wohnung. Allein. In Freiheit.
Keine lästige Mutter mehr, die ihn mit ihrer Fürsorge quälte. Keine Tante mehr, die ständig zu Besuch kam, ihn in seine Wange kniff und wegen seiner Pausbäckchen aufzog. Keinen kleinen Bruder mehr, der sich in seinem Zimmer austobte, wenn er auf der Arbeit war.
»Tschüs, Mama. Wir sehen uns morgen, ja?«
»Ich habe dir ein paar Brote für unterwegs geschmiert. Nicht dass du mir vom Fleisch fällst.« Sie reichte ihm die hellblaue Brotdose mit dem Spiderman-Aufdruck. Genervt blickte er darauf, dachte an die zwanzig Kilo zu viel auf seinen Rippen, nahm den Proviant wortlos entgegen und verstaute ihn in seiner Reisetasche. Nur keine Widerworte, sonst komm ich hier nie weg.
»Danke, Mama«, sprach er noch, drehte sich um und schritt über die Schwelle, als er seine Mutter mit ernster Stimme hinter sich hörte.
»Alexander Gerhardt Hoflechner! Hast du nicht etwas vergessen?« Als er sich zu ihr umdrehte, tippte sie sich auf ihre Wange. Auf die Seite, wo dieses furchtbare Muttermal war, aus dem ein langes schwarzes Haar ragte. Ihm schauderte es bei diesem Anblick, also küsste er sie auf die andere Seite. Keine Frage, Alexander liebte seine Mutter. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Allerdings war sie ihm zeitweise einfach zu viel Mutter. Ein Muttertier, das seine Jungen behütete wie ihren eigenen Augapfel und zu einer wilden Bestie wurde, wenn das Junge nicht das bekam, was sich das Muttertier so vorstellte.
Schlimmer kann es einen wohl kaum treffen. Doch, kann es, schloss er den Gedanken für sich ab und lächelte stumm in sich hinein.
***
»Hey Basti«, sagte Alexander, als er in das Auto seines Arbeitskollegen stieg. Dieser hatte wie immer seine schwarzen Haare mit einem Kilo Gel nach hinten gekämmt, sodass sie wie eine Speckschwarte in der Sonne glänzten. Vermutlich dachte er, dies mache ihn jünger, als er tatsächlich war. Midlifecrisis oder so. »Danke, dass du mich mitnimmst. Mit der Bahn hätte ich wieder ewig gebraucht.«
»Klar doch. Wir haben den gleichen Weg. Und die paar Meter mehr mit dem Auto sind ja kein Umweg für mich.«
Alexander warf seine Habseligkeiten auf die Rückbank und lehnte sich entspannt zurück. Zumindest versuchte er es. Die innerliche Anspannung, die dieser Auftrag mit sich brachte, spürte er auch körperlich. Sein Nacken war steif und erzeugte ein leichtes Druckgefühl in seinem Kopf. Heute ging es um alles oder nichts. Das war seine Chance, endlich eine feste Anstellung bei der Zeitschrift zu bekommen und die Chance auf einen Posten als Journalist. Damit könnte er sich auch den Traum der eigenen Wohnung erfüllen. Bis zum heutigen Tag hatte es nur für das Mädchen für alles gereicht. Damit musste von nun an endgültig Schluss sein.
»Du siehst nervös aus«, sagte Basti nach einer Weile. »Aufgeregt?«
»Ja, schon ein wenig.«
Basti lachte auf. Durch seine tiefe Stimme klang sein Lachen eher wie das Hohoho des Weihnachtsmannes. »Den Schweißperlen auf deiner Stirn nach zu urteilen, eher mehr als weniger.«
»Ach, lass mich doch in Ruhe«, sagte Alexander und wischte seine Worte mit einer Handbewegung fort. »Du bist ein alter Hase. Du hast Erfahrung. Ich mache das zum ersten Mal.«
»Komm, mach dir doch nicht gleich ins Hemd. Klar, ich hab nicht nur mehr Berufserfahrung als du, sondern bin auch doppelt so alt wie du.« Wieder lachte er. »Einmal ist immer das erste Mal. Du wirst sehen. Du schaffst das mit links. Ich bin ständig in deiner Nähe. Du kannst mich jederzeit zurate ziehen.«
Alexander nickte. Derzeit war ihm nicht nach Konversation zumute. Viel zu sehr beschäftigten ihn die Fragen, die in seinem Kopf herumschwirrten. Hatte er auch wirklich alle Objektive eingepackt? Auch das große für die Nahaufnahme? Würde die Beleuchtung vor Ort ausreichen, oder musste er sich etwas einfallen lassen?
Je näher die beiden ihrem Ziel kamen, das sich in der Nähe des Marienplatzes in München befand, umso enger schnürte sich das unsichtbare Seil um seinen Hals. Seine Handflächen waren schweißnass, sodass er sie ständig an seiner Bluejeans abwischte.
Oh Mann. Wie soll ich diesen Abend bloß überstehen, ohne eine Panikattacke zu bekommen?
München, Freitag nachmittags
Franziska Becker verließ das Altenheim, in dem sie als Pflegerin arbeitete. Sie liebte die alten Menschen, und die meisten Bewohner sahen sie wie eine Enkeltochter an. Das kam vermutlich auch daher, dass Franziska mit ihren feuerroten Haaren jünger aussah als sechsunddreißig. Sorgfältig schloss sie die Tür hinter sich ab, und Momente später saß sie schon in der U-Bahn. Heute war ein guter Tag, denn sie bekam sogar einen Sitzplatz und musste die elf Stationen nicht stehen. Sie zückte ihr Handy und öffnete Facebook, das sie sofort an die Veranstaltung heute Abend erinnerte. Sie pustete die Luft aus ihrer Lunge. Ehrlich gesagt: Bock hatte sie keinen, dort hinzugehen. Doch sie hatte es versprochen. Und ein Versprechen hielt man. Auch wenn sie die Autorin Drea Summer nicht persönlich kannte, hatte sie doch via Facebook regen Kontakt zu ihr. Schließlich war Franziska eine Buchbloggerin mit über dreitausend Followern auf ihrem Blog. Und sie liebte Dreas Bücher. Besonders das eine, der Ösithriller, wie Drea es immer liebevoll nannte, war ihr ans Herz gewachsen.
»Warum muss das ausgerechnet heute sein? Ich bin so müde«, murmelte sie vor sich hin.
Die alte Frau, die neben ihr saß, schaute sie fragend an. »Junges Fräulein! Was haben Sie gesagt? Ich höre sehr schlecht. Sie müssen lauter sprechen.«
»Ich habe nur mit mir selbst geredet.« Franziska bemühte sich, klar und deutlich zu sprechen.
Die alte Dame nickte. »Manchmal ist man selbst der beste Berater, mein Kind.« Dann lächelte sie, und ihr Gebiss löste sich vom Gaumen. Obwohl die Frau ihren Mund sofort schloss und ihre Hand davorhielt, hatte sich diese Situation in Franziskas Hirn eingebrannt wie ein Branding.
Jetzt nur nicht lachen!, schoss der Gedanke wie ein Pfeil durch ihren Kopf. Franziska nickte und versuchte, die peinliche Situation zu überspielen. »Ja, das hat meine Oma auch immer gesagt.«
***
Eine Stunde später stand sie in der Buchhandlung und wartete auf Drea. Die Lesung hatte sie toll gefunden. Man hätte eine Stecknadel fallen gehört, so still war es in dem Raum gewesen. Seit einigen Minuten war Drea mitten in der Signierstunde und würde wohl noch eine Weile brauchen, wenn man die Länge der Menschenschlange als Maßstab nahm. Franziska schnappte sich von einem der Präsentationstische Mordseelügen von Marcus Ehrhardt und las den Klappentext. Allein das Cover verleitete sie schon zum gedanklichen Kauf. Sie blätterte wahllos eine Seite im Buch auf und las ein kurzes Stück, bis sie von einem Geschrei unterbrochen wurde.
Ein Mann, vielleicht Mitte fünfzig, schrie einen jungen Reporter an, der gerade Fotos schoss. Sofort zückte sie ihr Handy und filmte die prekäre Situation, die sich nur wenige Meter vor ihr abspielte.